Ausgabe 
24.11.1936
 
Einzelbild herunterladen

s

M. 275 Drittes Blatt

IN

and gcflcrfl.

Aus der Provinzialhauptstadt.

Neue und alte Adventsbräuche.

Dolksbräuche müssen nicht unbedingt tausend Jahre alt fein, um schön zu sein. Im Gegenteil, ein Volk, das nicht mehr die Kraft hätte, aus seiner -eigenen Tiefe heraus unmittelbar neues Brauch­tum zu schaffen, wäre greisenhaft. In unserem Volke ist diese ewig junge, schöpferische Gestaltungs­kraft noch nie erloschen. Nirgends hat sie sich tiefer bewährt als an den Bräuchen, die unser vertrau­testes und leuchtendstes Fest umgeben: Weihnachten Es ist uns heute kaum vorstellbar aber vor 150 Jahren hat noch kein Weihnachtsbaum in deut­schen Landen gebrannt. Und unsere heutige Ad­ventsbrauche haben unsere Eltern als Kinder viel­fach noch nicht gekannt.

Wie war es aber in unserer eigenen Kindheit? Ein Tannenzweig und ein Licht für jedes Kind an feinem Platz zum Vesperbrot das war viele Jahre hindurch der feierliche Auftakt der Vor­weihnachtszeit, der heiß ersehnte und jubelnd be­grüßte1. Advent". Mit diesem Tage begann an- erkannterweise die Weihnachtsfreude, wenn sie auch vielleicht in den Herzen schon wochenlang vorher gebrannt hatte, aber es begann die selige Zeit der Weihnachtslieder, der liebevoll gehüteten Geheim­nisse und sorgfältig vorbereiteten Ueberraschungen, Einkäufe der Erwachsenen und Weihnachtsarbeiten der Kinder. Heute tut es ein Zweig nicht mehr, wir stecken unseren Kindern ein Adoentsbäumchen an oder einen Adventskranz. Am ersten Adventssonn­tag brennt ein Licht daran und an jedem folgen­den Sonntag kommt ein neues hinzu. Es gibt auch die Adoentskrippen und -Häuschen, an denen jeden Tag ein neues Transparentfenster aufgemacht wird, ein wenig spielerisch vielleicht, aber es ist ja ein Brauch für Kinder, und es drückt dasselbe aus wie die wachsende Lichterzahl am Adventsbäumchen: das immer Heller und Heller werdende Leuchten, das von der Krippe aus zu uns herstrahlt. Der Glanz des Lichtfestes ist so hell, daß es unmöglich auf einmal da fein kann. Es muß schon wochenlang voraus feinen Schein in den dunklen Wintertag werfen.

Und dennoch gibt es auch alte Adventsbräuche. Die Feier des Advents geht ja in der Christenheit bis ins 6. Jahrhundert zurück. In manchen Zeiten und Ländern fing sie gleich nach dem Martinsfest an und umfaßte 6 Wochen, entsprechend der 40tägi= gen Fastenzeit, die das Osterfest einleitet. Auch die Adventszeit war, wenigstens teilweise Fastenzeit, doch schon früh durchbrachen freudige Bräuche den Ernst dieser Tage, Spiele und Umzüge, von denen manche sich bis auf uns erhalten haben. In fast allen frühmittelalterlichen Adoentsfpielen kehren einige typische Gestalten wieder, die heute ganz ver­schollen sind. Es sind die Gestalten, die sich auf die Verehrung desheiligen Briefes" beziehen. Nach einer alten Legende hat ein mesopotamischer König Abgar, der an Christus glaubte, obwohl er ihn nie gesehen hatte, ihn durch eine Botschaft gebeten, zu ihm zu kommen und ihn zu heilen, und Christus ließ ihm durch den Apostel Thomas einen Brief schreiben, in dem er ihm die Sendung eines Jün­gers und die Heilung verhieß. Und 11 Jähre nach Christi Tod soll der Jünger Thaddäus zu Abgar gekommen fein und die Verheißung erfüllt haben. Bis etwa zum Jahre 1000 treten in den Advents­spielen und Umzügen die Abgesandten des Königs Abgar mit der Schriftrolle auf, sowie die Jünger Thomas und Thaddäus, und vermischen sich in oft sehr seltsamer Weise mit den Ereignissen der Ver­kündung und Geburt. Die Krippenspiele, die aus­schließlich das Geschehen von Bethlehem zum Thema haben, stammen dagegen meist erst aus dem spä­teren Mittelalter, oder aus dem Barock.

UM UM

Mse.

K*

bcn Iti"

I W

Mert- dld>

x9>®ir6 1

MM übrige» K.13 203, ty» K?169 R

fcshs I12 9-95 R

Er'?0; dlch. EM Niflti WO bis 2,50 Wsiger fcenb 2,40 per Wendenz ruhig,

den.

dem Urteil eh ht den Betrag

W Der 41jäh. dis Marcu; i a n t r i n g für inen Tag später chtet, wurde M. gehen5 Dom nqnisstrase k Geldstrafe en des Gerichts nt mar, daß er noarb. Auf die te bie Zweite Monate Ge« Hb [träfe.

«Wit.

dd. Auf einem wurden durch iewrchi von l e n. Die Tiere chtet und roab ^fchafft.

[ffef.

13. Roo. 3n der on Straßenpaf- in Rüsselsheim t benachrichtigte ras, standen die leben dieser be­grüßen Holz« imen. Die Se­

in benachbartes iriff, war sehr inte die Feuer- Feuer MW rsache seststellen acht SV" dm er M-rtf-If' 'N Bernehmun- granb vor« chrscheinlich.'N

- irdeHastbe»

-w.

54,39

S'F

0,695 42,15 0,149 3,053 54,43 47,1« 12-20 5,38

11.595 134, 13.11 0,712 5,666 61.Z 49-05 11- 62.85 57,29 22.02 8,789

2,492

irl o«®*

Iovember

-2,82

P

In manchen Gegenden läßt sich auch die Sitte des Adtvent-Ansingens weit zurückverfolgen. Junge Burschen, als Hirten oder Engel verkleidet, zogen von Haus zu Haus, Adventslieder singend, Geld und Speisen sammelnd. Zuweilen sind es auch Ma­ria und Josef, die so durch die Straßen ziehen. In einem schlesischen AdventsspielChristkindls Ein-

Gießener Stadttheater.

Bariet^-GastsPielDrei Zacchinis".

Die Theaterleitung hatte das italienische Clown- Trio Z a c ch i n i zu einem Gastspiel verpflichtet. Sie kamen mit einem ausgewachsenen Variete- Programm, das sich über drei Stunden erstreckte, den Abend also reichlich ausfüllte und ein volles Haus machte. Das. Trio selbst erscheint im Pro­gramm als Schlußnummer und Hauptattraktion; vorher sah und hörte man, die Hauskapelle nicht gerechnet, ein^ bunte Folge von acht Varietenum­mern, die sich auch vor verwöhntem Großstadt- publikum überall anschauen lassen können und mit Ehren bestehen werden. Den Anfang machte Aldemira Z a c ch i n i, Kunstradfahrakt, eine hübsche und lustige Sache; man muß sich wundern, auf wieviel verschiedene Arten sich zwei Menschen aus Rädern fortzubewegen vermögen. Die Kinder Z a c- chini, Diana und Quintino, 8 und 11 Jahre alt, beide musikalisch erstaunlich vielseitig begabt, brach­ten eine sehr auber und technisch korrekt ausgeführte Kombination von Tanz und Musik auf verschiede­nen Instrumenten. Willy Rogaly zeigte einen wahrhaft halsbrecherischen Kopfbalance-Akt am Trapez. Erika Achtmeyer erntete mit virtuos bargebotenen Gesanasvorträgen reichen Beifall. Eine ausgezeichnete Leistung boten die vier Mel­tons, fliegende Akrobaten, die ihre exakte Arbeit am Trapez durch eine Reihe komischer Einlagen mit Witz und Geschick belebten. Ille L a e i s brachte drei Tänze, Zigeunertanz, Tempeltanz und Bauern­kirchweih, alle drei mit stark pantomimischem Ein­schlag, technischer Akuratesse und natürlichem Tem­perament. Die Metropolis beschlossen den ersten Teil mit eineramerikanischen Wirbelwmd- sensation": drei Herren machten sich ein Vergnügen daraus, eine junge Dame auf die gewagteste Art durch die Luft fliegen zu lassen. Harry G o l d a n y wirkte als Ansager und unterhielt das Publikum alsUmbaukomiker" und mit allerlei Zauberkunst­stücken.

Den zweiten Teil bestritten die drei Z a c ch i n i s als Musik- und Charakter-Clowns allein. Das ist eine große, richtig ausgebaute Nummer, die sich aus den verschiedensten Tricks zusammensetzt. Man findet in ihrem Repertoire so ehrwürdige und un­verwüstliche Späße wir die Sache mit dem davon­laufenden und mit vieler Mühe wieder eingefange- nen Hütchen, oder wie die berühmte Serenade, die nicht übei die ersten Tafte hinauskommt. Man sieht auch die Jagd nach dem Floh, die noch immer ihre Wirkung tut. Das gestörte Konzert und das zer-

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oderhessen)

Handel und Handwerk im Dienste des MW.

Schaufenster werben im Gau Hessen-Nassau für das WHW.

NSG. In einer dieser Tage durch die Presse ver­öffentlichten Mitteilung hat der Gaubeauftragte für das Winterhilfswerk 1936/37, Gauamtsleiter Haug, auf die vom Hauptamt für Handwerk und Handel der NSDAP, und feiner Dienststellen im Einvernehmen mit der Reichsführung des WHW. in Vorbereitung befindliche Weihnachtswerbung für das WHW. 1936/37 hingewiesen.

In dem in allen Fachzeitschriften des Hand­werks und Handels seitens des Hauptamtes für Handwerk und Handel der NSDAP, bereits ergan­genen Aufruf wird in erster Linie an den per­sönlichen Einsatz jedes Einzelhänd­lers und einschlägigen Handwerkers appelliert, sich in Erkenntnis der ideellen Zweckver­

folgung unter Auswertung aller innerhalb seines Geschäftsbereiches gebotenen Handlungsmöglichkei­ten in den Dienst dieser Werbe-Aktion des Sozial­werkes zu stellen.

Durch die Einschaltung der Reichsfachschaft deut­scher Werbefachleute hat die Gaudienststelle des Hauptamtes für Handwerk und Handel der NSDAP, die geeignete Beratung und Unterstützung der Geschäfts- und Ladeninhaber hinsichtlich der Schaufenstergestaltung durch deren Ortswarte in Frankfurt a. M., Darmstadt, Mainz, Gießen, Wetzlar, Wiesbaden, Worms und Hanau sicherge­stellt, wie im übrigen alle Kreis- und Ortsamts­leiter des Hauptamtes für Handwerk und Handel mit entsprechenden Weisungen versehen sind.

Büromaschinen im Werte von S000RM. für 210 RM verkauft.

Oie Schaufenstereinbrecher in der Bahnhofstraße in Gießen vor Gericht.

In der Nacht zum Donnerstag, 23. Januar 1936, verübten raffinierte Verbrecher einen verwegenen Einbruch in die Verkaufsvertretung der Rhein- metall-Werke in der Bahnhofstraße in Gießen. Die Täter fuhren gegen 3 Uhr nachts mit einem Kraft­wagen vor, ließen den Motor auf hoher Touren­zahl laufen und schlugen während dieses starken Geräusches mit großer Gewalt mittels schwerer Steine die Schaufensterscheibe ein, so daß ein Loch entstand, durch welches bequem ein Mann in den Ladenraum gelangen konnte. Die Einbrecher stahlen drei wertvolle Rechenmaschinen, u. a. eine hoch­wertige automatische Rechenmaschine, ferner eine Anzahl Schreibmaschinen, die im Schaufenster stan­den. Der verwegene Einbruch wurde kurze Zeit nach dem Passieren einer Polizeistreife begangen. Mit ihrer Beute suchten die Täter schnell das' Weite. Lange Zeit konnten sie nicht gefaßt werden, bis es schließlich doch gelang, die Diebesgesellschaft und ihre Hehler dingfest zu machen. Nunmehr standen sie in Köln vor Gericht, lieber die Gerichtsver­handlung wird uns aus Köln folgendes berichtet:

LPD. Vor der 7. Großen Strafkammer in Köln hatte sich eine zwölfköpfige Diebes- und Hehler- bande zu verantworten, die Ende 1935 und An­fang 1936 das ganze Rheinland unsicher gemacht, zahlreiche Autos geraubt und Schaufenstereinbrüche verübt hatte. Zuerst tauchten die Haupttäter in Wissen auf, wohin sie mit einem geliehenen Auto gefahren waren. Aus einem Radiogeschäft erbeu­teten sie hier einige Apparate. Die nächsten Diebes­fahrten wurden ausnahmslos in gestohlenen Kraft­wagen unternommen. Nicht weniger als 10 Kraft­wagen wurden auf diese Weise von den Burschen gestohlen und zu den nächtlichen Diebesfahrten be­nutzt. In der Hauptsache hatte die Bande es auf Radiogeschäfte abgesehen. Aber auch Texttl- und

andere Geschäfte wurden nicht unbeachtet gelassen. In den meisten Fällen gingen die Fahrten von Köln aus und führten u a. nach Troisdorf, Alten­kirchen, Gießen, Bonn, Beuel, Unkel, Linz, Opladen, Aachen und Mainz. Die Beute hatte insgesamt einen Wert von zirka 40 000 Mark, nicht eingerechnet die gestohlenen Kraftwagen. Trotzdem die Polizeistationen von dem Treiben dieser gefähr­lichen Bande unterrichtet waren, vermochten die Burschen immer wieder durchzukommen. Einmal durchbrachen sie in tollkühner Fahrt eine Polizei­postenkette bei Beuel, trotzdem zahlreiche Pistolen­schüsse auf sie abgegeben wurden. Erst gegen Ende Februar 1936 gelang es einem Kriminalbeamten, das Netz um die Diebe, sowie die Hehler zusam- menzuziehen.

In der Verhandlung waren die Angeklagten in der Hauptsache geständig. Es ergab sich u. a., in weich' unglaublicher Weise die Diebesbeute ver­schleudert wurde, und welchen Nutzen die Hehler aus solch dunklen Geschäften zu ziehen pflegen. So wurden u. a. die in Gießen erbeuteten Rechen-, Schreib- und sonstigen Büro­maschinen im Werte von 5 0 0 0 Mark für ganze 210 Mark verkauft. Das Ge­richt verurteilte die Angeklagten zu schweren Stra­fen. Der Anführer der Bande, der Angeklagte G a r d i n g, erhielt sieben Jahre Zuchthaus, die Angeklagten Abel und K e r r e s je sechs Jahre Zuchthaus. Gegen den Haupthehler, den Angeklag­ten H e i d k a m p , verhängte das Gericht fünf Jahre Zuchthaus und gegen zwei weitere Hehler drei bzw. ein Jahr Zuchthaus. Die übrigen Ange­klagten kamen mit Gefängnisstrafen von acht bis zwölf Monaten davon. Bei einem Angeklagten wurde das Amnesttegefetz angewandt.

kehr" geht das Christkind selber mit einem Engel von Haus zu Haus, aber nicht Gaben heischend, sondern die Kinder beschenkend, während der Engel die bösen Kinder mit der Rute strafen will. Das Christkind aber fällt ihm in den Arm:

Nein, nein, mein lieber Engel mein, Man muß nicht gleich so zornig sein, Die Kinder sind wie Zweiglein grün, Man kann sie biegen her und hin..."

Die neue Volkskunde hat einen großen Schatz alter Advents- und Krippenspiele neu belebt. Eine typische Adventsgestalt aber bedarf keiner gelehrten Auferstehung, weil sie im Bewußtsein des Volkes und der Kinder heute so unmittelbar lebendig ist wie je: der heilige Nikolaus, im Norden zum Knecht

Ruprecht geworden, der am Abend des 5. Dezem­ber die Straßen der Großstadt ebenso durchwandert, wie die des kleinsten Dorfes, und ohne den es kein rechter Advent wäre. C. K.

Bornotizen.

Tageskalender für Dienstag.

Nationalsozialistische Kriegsopferversorgung, Ka­meradschaft Gießen, 20 Uhr Mitgliederversammlung, LichtbildervortragReise durch Afrika" von Pro­fessor Dr. Hummel im Cafe Leib. Stadt­theater: 20 bis 22.45 UhrEin idealer Gatte." Gloria-Palast, Seltersweg:Du bist mein Glück." Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Donner, Blitz und Sonnenschein." Kneipp-Bewegung, Orts-

brochene Instrument, die Ansprachen ans Orchester und an das Publikum, die stets stürmischer Heiter­keit sicher sind. Das Hübscheste und Originellste leisten sie da, wo sie mit unbeschwerter Laune sich selber und die Künste des Varietes parodieren, z. B. in dem Jllusions- oder Zauber-Aktmit und ohne Schwindel". Zwischendrin musikalische und parterre­akrobatische Einlagen, alles ganz leicht und gewisser­maßen nebenbei; aber das Lustigste kommt zuletzt, das ist der Mann, der mit sich selber ringt, und es ist ein Ringkampf, bei dem man den zweiten Mann nicht vermißt, weil man ihn zu sehen glaubt, ein Sport nach den Regeln der klassischen Kunst, daß den Leuten das Wasser in den Augen steht.

Es war ein vergnügter und vielseitig unterhalt­samer Abend; wer ihn versäumt hat, kann sich die Wiederholung ansehen. Es gab verdientermaßen großen Beifall. Und das Haus war, wir sagten es schon, so gut besucht, wie man es an jedem Theaterabend sehen möchte. hth.

An meinen Sohn zum ersten Geburtstag.

Bon Otto Doderer.

Lieber kleiner Junge, du tappst noch in der Helle des Ursprungs und mühst dich, die Gewohn­heiten der Menschen anzunehmen. Du lastest noch nach den Mitteln des Ausdrucks und des Verständ­nisses, aber hinter deinen aufgerissenen Augen und in deinem unzerstampften Hirnchen wühlt und fun­kelt schon das Bewußtsein, deine Beinchen gehen noch unsicher und bedürfen des Halles, dein'Mund stammelt noch die ersten abgelauschten, ohne Sinn verbundenen Vokale, aber du äußerst schon Lachen, Verwunderung, Zorn, Begierde, Eifer, Stolz. Du bist schon eine Persönlichkeit, vor der der Hochmut der Erwachsenen in die Knie sinken müßte, du tapferes Menschenkind, das alles mit sich allein abzumachen, sich jede Frage selber zu beantworten hat, und das doch schon in dem einen Jahr seines Erdenlebens ein Maß von Begriffen sich zu eigen gemacht hat, das, an dem Wachstum der Bildung späterer Jahre gemessen, überwälttgend ist.

Heute an deinem ersten Geburtstagsfest will ich etwas aufschreiben für dich, das bleiben soll in dei­nem Leben immerdar. Noch gehen die Worte an dir vorüber, aber wenn du selbst ein Mann ge­worden bist, sollst du sie aufrufen dürfen wider mich. Auch sind Worte nur Formeln, hinter deren Falten die Gedanken einherkommen. Im Geist aber

sind wir eins mit allem Lebendigen und von allem Anbeginn. Er ist das, was uns rührend verwandt mit dir anmutet im Blick jedwedes Kreatürlichen. Und dieser Geist soll dich anreden aus meinen Wor­ten, damit meine Gedanken sich einkerben in dein Dasein.

Ich habe dich aus den ewigen Himmeln in die Wirren der Jrdischkeit gelockt. Du, köstliches Myste­rium der Zweieinigkeit, rissest dich los vom Herzen deiner Mutter mit einem Schrei, einem Schrei der Empörung, als die Grelle des Erdenlichtes dich anfiel. Ich habe den Sinn dieses Schreies wohl verstanden. Der Schrei war gegen mich.

Wahrlich, du wirst es nicht leicht haben, das Gefühl für Größe, Reinheit und Edelmut in dir aufzuziehen, unabhängig zu fein, stolz, treu, milde, das Schwülstige zu scheuen, um das Einfache zu lieben, das allein wahr und erhaben ist. Vater und Mutter, sich vielfach Widerstrebendes, find in dir vermischt. Diele Vorfahren münden in dir, und du bis mit Herkunft beloben. Aber du sollst größer werden als wir.

In unserer Generation war die Feindschaft auf- gestanden gegen die Väter. Wir aber, mein Sohn, wollen miteinander, nicht gegeneinander sein, wir wollen miteinander Befreundete fein. Deine Er­fahrung wird dich einmal von deinen Ettern entfer­nen, denn die Erfahrung deiner Zeit wird eine andere sein als jener Zeit, die ihnen widerfuhr; dann wollen wir Ettern aber, wir Melieren, wir Veralteten, uns bemühen, dereinst jung zu sein mit dir. Ob mich mein Vater auch so unbändig liebte, wie ich dich liebe? Ich hätte dann vieles abzubitten.

Ich habe Ehrfurcht vor dir, liebes Bübchen, wahrhaftig Ehrfurcht, denn die Tapferkeit, mit der du deine Natur behauptest, ist ehrenwerter als die Erbärmlichkeit, mit der wir uns tagtäglich verleug­nen. Und die Ehrfurcht soll dir erhalten bleiben, damit dir die Tapferkeit erhalten bleibt. Ein Schick­sal wächst mit dir auf wir haben darüber keine Macht. Eine Zukunft reift in dir heran es ist ein Stück der Zukunft Deutschlands und der kommenden Menschheit. Sie ist in die einzelnen ver­teilt wie die Sterne am Himmel. Wir wollen den Stern deiner Zukunft rein und leuchtend erhalten. Er soll in unsere Sorge gebettet sein. Du sollst dich nicht an Kleinem zerspellen, damit du für das Große gestählt bist. Wir dienen um dich.

Dies habe ich an deinem ersten Geburtstag dir zu sagen gehabt, mein Kind. Ich gebe noch einen Kuß dazu über alle Längen- und Breitengrade der Erde und der Zeit, der dich seien soll gegen alle Teufel menschlicher Gemeinheit

Dienstag, 24. November 1936

Johann Strauß dirigiert in Gießen.

Zur 3. Jahresfeier der NSG.Kraft durch Freude" konzertiert am Mittwoch, 25. November, 20.30 Uhr, im Rahmen eines heiteren Wiener Abends, in der Volkshalle der ehemalige k. u. k. Hofballmusikdirektor Johann Strauß mit seinem Orchester. Unser Bild zeigt den Dirigenten. (Aufnahme: KdF.)

gruppe Gießen, 20 Uhr Vortrag überKörper­kultur und Leistungssteigerung durch Kneipp" im Saale desBayerischen Hofes . Biblische Woche der Luthergemeinde, 20 Uhr Vortrag von Pfarrer Lenz überDer Ruf zur vollkommenen Liebe" in der Kapelle des Alten Friedhofs.

Sfabttfjeafer Gießen.

Heute abend zum letztenmal der große ErfolgEin idealer Gatte", Schauspiel von Oskar Wilde. Spiel­leitung: Wolfgang Kühne. Die Vorstellung findet als 10. Vorstellung der Dienstag-Miete statt. Anfang 20 Uhr. Ende 22.45 Uhr.

Infolge plötzlicher Erkrankung von Ilse L a s f u s findet die Vorstellung vonDer Zarewitsch" am Mittwoch, 25. November, nicht statt. Dafür geht die mit großem Erfolg aufgeführte MärchenoperHän­sel und Gretel" von E. Humperdinck in Szene. An­fang 19.30 Uhr, Ende 21.30 Uhr.

Wiederholung des Groh-Variete-Gastspiels 3 Zacchinis".

Aus dem Stadtheaterbüro wird uns geschrieben: Viele Theaterbesucher mußten unverrichteter Dinge wieder umkehren, weil keine einzige Eintrittskarte mehr zu haben war. Um nach Möglichkeit allen An­fragen gerecht zu werden und denen, die am Montag wieder fortgehen mußten, die Möglichkeit des Besuches zu bieten, hat die Theaterleitung im Einvernehmen mit der Gastspieldirektion diedrei Zacchinis" und das große artistische Beiprogramm zu einem Wiederholungsgastspiel für Donnerstag,

putzen Sie ein Klavier mit Sand?

Das würde seinem Glanz wohl schlecht bekommen. Genau so ist es mit Ihren Zähnen. Das Feinste ist gerade gut genug, Versuchen Sie mal den feinen Putzkörper der Nivea-Zahnpasta. Der erhält die Zähne blitzblank und schont den Zahnschmerz.

Lichtspielhaus:

Donner, Blitz und Sonnenschein.-'

Dieses Stück heißt eigentlich sehr viel deutlicher und auf den Kem der Sache eingehendDer Hun­derter im Westentaschl" und ist ein oberbayeri­scher Dreiakter, halb Volksstück, halb Schwank, von Neal und Ferner; wir sahen es diesen Som­mer sozusagen an Ort und Stelle, am Tegernsee, von Terofal und seinen Leuten gespielt. Das hatte unter anderem den Vorzug, daß die Figuren, die in krachledernen Hosen und mit Gamshüatln über die Bühne gehen, auch so sprachen, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, und wie es hier dazu­gehört. Im Film, bearbeitet von Max Neal und Erich Engels (der auch Regie führt) wirken zwar ebenfalls tüchtige Schauspieler mit, die indessen großenteils aus Berlin stammen; das ist nicht zu überhören, und das stört ein bißchen. Zum Gluck ist aber Valentin die Hauptperson, Karl Va­lentin aus München als Schneidermeister Hucke­bein, dem diese unwahrscheinlich schöne und eigent­lich raffiniert eingefädelte Geschichte mit dem Hun­dertmarkschein passiert. Leider ist er falsch, der Schein, aber er wandert auf eine so bezaubernde Art von einer Hand und einer Tasche in die andere, daß dem Huckebein, er weiß nicht wie, am Ende Heil widerfährt in seinen Nöten ganz abgesehen von dem wundertätigen Wasser in seinem Brunnen, wovon hier nicht weiter die Rede sein soll, denn wir können nicht das ganze Stück erzählen. Valen­tin aber, um auf ihn zurückzukommen, ist ein Viech, ein bayerisches Urviech, und zwar ein sehens- und hörenswertes. Er sagt nicht einmal viel, aber was er sagt, ist einigermaßen unmißverständlich und un­widerstehlich auch ohne den von den Bearbeitern erfundenen Abstecher in die Stadt und an die Bar, wo er gar nicht hinpaßt. (Das Stück in feiner ur­sprünglichen Bühnenform ist eben doch konzentrier­ter und darum wirksamer.) Sehr hübsch macht natürlich auch Lisi Karlstadt, Valentins getreue Partnerin, das Huckebeinfche Eheweib. Dann muß man Aribert Wäscher erwähnen in einer ver­blüffend komischen Charge, die man von ihm nicht erwartet hätte. Ferner Reinhold Vernt, Hans L e i b e 11, Volker von Co11ande, Ilse Petri, Hans Florath, Käthe Haack und Gerhard Bienert: alle sehr ordentlich bei der <5ad)e, aber alle von Natur aus mundartlich gehemmt, und das ift gerade hier schade. (NFK.-Film der Terra.)

*

Im Beiprogramm gibt es einen Lehrfilm vom Braunkohlenbergbau und luftige Bilder vom Köl­ner Karneval. hth.