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M. 275 Drittes Blatt
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Aus der Provinzialhauptstadt.
Neue und alte Adventsbräuche.
Dolksbräuche müssen nicht unbedingt tausend Jahre alt fein, um schön zu sein. Im Gegenteil, ein Volk, das nicht mehr die Kraft hätte, aus seiner -eigenen Tiefe heraus unmittelbar neues Brauchtum zu schaffen, wäre greisenhaft. In unserem Volke ist diese ewig junge, schöpferische Gestaltungskraft noch nie erloschen. Nirgends hat sie sich tiefer bewährt als an den Bräuchen, die unser vertrautestes und leuchtendstes Fest umgeben: Weihnachten Es ist uns heute kaum vorstellbar — aber vor 150 Jahren hat noch kein Weihnachtsbaum in deutschen Landen gebrannt. Und unsere heutige Adventsbrauche haben unsere Eltern als Kinder vielfach noch nicht gekannt.
Wie war es aber in unserer eigenen Kindheit? Ein Tannenzweig und ein Licht für jedes Kind an feinem Platz zum Vesperbrot — das war viele Jahre hindurch der feierliche Auftakt der Vorweihnachtszeit, der heiß ersehnte und jubelnd begrüßte „1. Advent". Mit diesem Tage begann an- erkannterweise die Weihnachtsfreude, wenn sie auch vielleicht in den Herzen schon wochenlang vorher gebrannt hatte, aber es begann die selige Zeit der Weihnachtslieder, der liebevoll gehüteten Geheimnisse und sorgfältig vorbereiteten Ueberraschungen, Einkäufe der Erwachsenen und Weihnachtsarbeiten der Kinder. Heute tut es ein Zweig nicht mehr, wir stecken unseren Kindern ein Adoentsbäumchen an oder einen Adventskranz. Am ersten Adventssonntag brennt ein Licht daran und an jedem folgenden Sonntag kommt ein neues hinzu. Es gibt auch die Adoentskrippen und -Häuschen, an denen jeden Tag ein neues Transparentfenster aufgemacht wird, ein wenig spielerisch vielleicht, aber es ist ja ein Brauch für Kinder, und es drückt dasselbe aus wie die wachsende Lichterzahl am Adventsbäumchen: das immer Heller und Heller werdende Leuchten, das von der Krippe aus zu uns herstrahlt. Der Glanz des Lichtfestes ist so hell, daß es unmöglich auf einmal da fein kann. Es muß schon wochenlang voraus feinen Schein in den dunklen Wintertag werfen.
Und dennoch gibt es auch alte Adventsbräuche. Die Feier des Advents geht ja in der Christenheit bis ins 6. Jahrhundert zurück. In manchen Zeiten und Ländern fing sie gleich nach dem Martinsfest an und umfaßte 6 Wochen, entsprechend der 40tägi= gen Fastenzeit, die das Osterfest einleitet. Auch die Adventszeit war, wenigstens teilweise Fastenzeit, doch schon früh durchbrachen freudige Bräuche den Ernst dieser Tage, Spiele und Umzüge, von denen manche sich bis auf uns erhalten haben. In fast allen frühmittelalterlichen Adoentsfpielen kehren einige typische Gestalten wieder, die heute ganz verschollen sind. Es sind die Gestalten, die sich auf die Verehrung des „heiligen Briefes" beziehen. Nach einer alten Legende hat ein mesopotamischer König Abgar, der an Christus glaubte, obwohl er ihn nie gesehen hatte, ihn durch eine Botschaft gebeten, zu ihm zu kommen und ihn zu heilen, und Christus ließ ihm durch den Apostel Thomas einen Brief schreiben, in dem er ihm die Sendung eines Jüngers und die Heilung verhieß. Und 11 Jähre nach Christi Tod soll der Jünger Thaddäus zu Abgar gekommen fein und die Verheißung erfüllt haben. Bis etwa zum Jahre 1000 treten in den Adventsspielen und Umzügen die Abgesandten des Königs Abgar mit der Schriftrolle auf, sowie die Jünger Thomas und Thaddäus, und vermischen sich in oft sehr seltsamer Weise mit den Ereignissen der Verkündung und Geburt. Die Krippenspiele, die ausschließlich das Geschehen von Bethlehem zum Thema haben, stammen dagegen meist erst aus dem späteren Mittelalter, oder aus dem Barock.
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In manchen Gegenden läßt sich auch die Sitte des Adtvent-Ansingens weit zurückverfolgen. Junge Burschen, als Hirten oder Engel verkleidet, zogen von Haus zu Haus, Adventslieder singend, Geld und Speisen sammelnd. Zuweilen sind es auch Maria und Josef, die so durch die Straßen ziehen. In einem schlesischen Adventsspiel „Christkindls Ein-
Gießener Stadttheater.
Bariet^-GastsPiel „Drei Zacchinis".
Die Theaterleitung hatte das italienische Clown- Trio Z a c ch i n i zu einem Gastspiel verpflichtet. Sie kamen mit einem ausgewachsenen Variete- Programm, das sich über drei Stunden erstreckte, den Abend also reichlich ausfüllte und ein volles Haus machte. Das. Trio selbst erscheint im Programm als Schlußnummer und Hauptattraktion; vorher sah und hörte man, die Hauskapelle nicht gerechnet, ein^ bunte Folge von acht Varietenummern, die sich — auch vor verwöhntem Großstadt- publikum — überall anschauen lassen können und mit Ehren bestehen werden. Den Anfang machte Aldemira Z a c ch i n i, Kunstradfahrakt, eine hübsche und lustige Sache; man muß sich wundern, auf wieviel verschiedene Arten sich zwei Menschen aus Rädern fortzubewegen vermögen. Die Kinder Z a c- chini, Diana und Quintino, 8 und 11 Jahre alt, beide musikalisch erstaunlich vielseitig begabt, brachten eine sehr auber und technisch korrekt ausgeführte Kombination von Tanz und Musik auf verschiedenen Instrumenten. Willy Rogaly zeigte einen wahrhaft halsbrecherischen Kopfbalance-Akt am Trapez. Erika Achtmeyer erntete mit virtuos bargebotenen Gesanasvorträgen reichen Beifall. Eine ausgezeichnete Leistung boten die vier Meltons, fliegende Akrobaten, die ihre exakte Arbeit am Trapez durch eine Reihe komischer Einlagen mit Witz und Geschick belebten. Ille L a e i s brachte drei Tänze, Zigeunertanz, Tempeltanz und Bauernkirchweih, alle drei mit stark pantomimischem Einschlag, technischer Akuratesse und natürlichem Temperament. Die Metropolis beschlossen den ersten Teil mit einer „amerikanischen Wirbelwmd- sensation": drei Herren machten sich ein Vergnügen daraus, eine junge Dame auf die gewagteste Art durch die Luft fliegen zu lassen. Harry G o l d a n y wirkte als Ansager und unterhielt das Publikum als „Umbaukomiker" und mit allerlei Zauberkunststücken.
Den zweiten Teil bestritten die drei Z a c ch i n i s als Musik- und Charakter-Clowns allein. Das ist eine große, richtig ausgebaute Nummer, die sich aus den verschiedensten Tricks zusammensetzt. Man findet in ihrem Repertoire so ehrwürdige und unverwüstliche Späße wir die Sache mit dem davonlaufenden und mit vieler Mühe wieder eingefange- nen Hütchen, oder wie die berühmte Serenade, die nicht übei die ersten Tafte hinauskommt. Man sieht auch die Jagd nach dem Floh, die noch immer ihre Wirkung tut. Das gestörte Konzert und das zer-
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oderhessen)
Handel und Handwerk im Dienste des MW.
Schaufenster werben im Gau Hessen-Nassau für das WHW.
NSG. In einer dieser Tage durch die Presse veröffentlichten Mitteilung hat der Gaubeauftragte für das Winterhilfswerk 1936/37, Gauamtsleiter Haug, auf die vom Hauptamt für Handwerk und Handel der NSDAP, und feiner Dienststellen im Einvernehmen mit der Reichsführung des WHW. in Vorbereitung befindliche Weihnachtswerbung für das WHW. 1936/37 hingewiesen.
In dem in allen Fachzeitschriften des Handwerks und Handels seitens des Hauptamtes für Handwerk und Handel der NSDAP, bereits ergangenen Aufruf wird in erster Linie an den persönlichen Einsatz jedes Einzelhändlers und einschlägigen Handwerkers appelliert, sich in Erkenntnis der ideellen Zweckver
folgung unter Auswertung aller innerhalb seines Geschäftsbereiches gebotenen Handlungsmöglichkeiten in den Dienst dieser Werbe-Aktion des Sozialwerkes zu stellen.
Durch die Einschaltung der Reichsfachschaft deutscher Werbefachleute hat die Gaudienststelle des Hauptamtes für Handwerk und Handel der NSDAP, die geeignete Beratung und Unterstützung der Geschäfts- und Ladeninhaber hinsichtlich der Schaufenstergestaltung durch deren Ortswarte in Frankfurt a. M., Darmstadt, Mainz, Gießen, Wetzlar, Wiesbaden, Worms und Hanau sichergestellt, wie im übrigen alle Kreis- und Ortsamtsleiter des Hauptamtes für Handwerk und Handel mit entsprechenden Weisungen versehen sind.
Büromaschinen im Werte von S000RM. für 210 RM verkauft.
Oie Schaufenstereinbrecher in der Bahnhofstraße in Gießen vor Gericht.
In der Nacht zum Donnerstag, 23. Januar 1936, verübten raffinierte Verbrecher einen verwegenen Einbruch in die Verkaufsvertretung der Rhein- metall-Werke in der Bahnhofstraße in Gießen. Die Täter fuhren gegen 3 Uhr nachts mit einem Kraftwagen vor, ließen den Motor auf hoher Tourenzahl laufen und schlugen während dieses starken Geräusches mit großer Gewalt mittels schwerer Steine die Schaufensterscheibe ein, so daß ein Loch entstand, durch welches bequem ein Mann in den Ladenraum gelangen konnte. Die Einbrecher stahlen drei wertvolle Rechenmaschinen, u. a. eine hochwertige automatische Rechenmaschine, ferner eine Anzahl Schreibmaschinen, die im Schaufenster standen. Der verwegene Einbruch wurde kurze Zeit nach dem Passieren einer Polizeistreife begangen. Mit ihrer Beute suchten die Täter schnell das' Weite. Lange Zeit konnten sie nicht gefaßt werden, bis es schließlich doch gelang, die Diebesgesellschaft und ihre Hehler dingfest zu machen. Nunmehr standen sie in Köln vor Gericht, lieber die Gerichtsverhandlung wird uns aus Köln folgendes berichtet:
LPD. Vor der 7. Großen Strafkammer in Köln hatte sich eine zwölfköpfige Diebes- und Hehler- bande zu verantworten, die Ende 1935 und Anfang 1936 das ganze Rheinland unsicher gemacht, zahlreiche Autos geraubt und Schaufenstereinbrüche verübt hatte. Zuerst tauchten die Haupttäter in Wissen auf, wohin sie mit einem geliehenen Auto gefahren waren. Aus einem Radiogeschäft erbeuteten sie hier einige Apparate. Die nächsten Diebesfahrten wurden ausnahmslos in gestohlenen Kraftwagen unternommen. Nicht weniger als 10 Kraftwagen wurden auf diese Weise von den Burschen gestohlen und zu den nächtlichen Diebesfahrten benutzt. In der Hauptsache hatte die Bande es auf Radiogeschäfte abgesehen. Aber auch Texttl- und
andere Geschäfte wurden nicht unbeachtet gelassen. In den meisten Fällen gingen die Fahrten von Köln aus und führten u a. nach Troisdorf, Altenkirchen, Gießen, Bonn, Beuel, Unkel, Linz, Opladen, Aachen und Mainz. Die Beute hatte insgesamt einen Wert von zirka 40 000 Mark, nicht eingerechnet die gestohlenen Kraftwagen. Trotzdem die Polizeistationen von dem Treiben dieser gefährlichen Bande unterrichtet waren, vermochten die Burschen immer wieder durchzukommen. Einmal durchbrachen sie in tollkühner Fahrt eine Polizeipostenkette bei Beuel, trotzdem zahlreiche Pistolenschüsse auf sie abgegeben wurden. Erst gegen Ende Februar 1936 gelang es einem Kriminalbeamten, das Netz um die Diebe, sowie die Hehler zusam- menzuziehen.
In der Verhandlung waren die Angeklagten in der Hauptsache geständig. Es ergab sich u. a., in weich' unglaublicher Weise die Diebesbeute verschleudert wurde, und welchen Nutzen die Hehler aus solch dunklen Geschäften zu ziehen pflegen. So wurden u. a. die in Gießen erbeuteten Rechen-, Schreib- und sonstigen Büromaschinen im Werte von 5 0 0 0 Mark für ganze 210 Mark verkauft. Das Gericht verurteilte die Angeklagten zu schweren Strafen. Der Anführer der Bande, der Angeklagte G a r d i n g, erhielt sieben Jahre Zuchthaus, die Angeklagten Abel und K e r r e s je sechs Jahre Zuchthaus. Gegen den Haupthehler, den Angeklagten H e i d k a m p , verhängte das Gericht fünf Jahre Zuchthaus und gegen zwei weitere Hehler drei bzw. ein Jahr Zuchthaus. Die übrigen Angeklagten kamen mit Gefängnisstrafen von acht bis zwölf Monaten davon. Bei einem Angeklagten wurde das Amnesttegefetz angewandt.
kehr" geht das Christkind selber mit einem Engel von Haus zu Haus, aber nicht Gaben heischend, sondern die Kinder beschenkend, während der Engel die bösen Kinder mit der Rute strafen will. Das Christkind aber fällt ihm in den Arm:
„Nein, nein, mein lieber Engel mein, Man muß nicht gleich so zornig sein, Die Kinder sind wie Zweiglein grün, Man kann sie biegen her und hin..."
Die neue Volkskunde hat einen großen Schatz alter Advents- und Krippenspiele neu belebt. Eine typische Adventsgestalt aber bedarf keiner gelehrten Auferstehung, weil sie im Bewußtsein des Volkes und der Kinder heute so unmittelbar lebendig ist wie je: der heilige Nikolaus, im Norden zum Knecht
Ruprecht geworden, der am Abend des 5. Dezember die Straßen der Großstadt ebenso durchwandert, wie die des kleinsten Dorfes, und ohne den es kein rechter Advent wäre. C. K.
Bornotizen.
Tageskalender für Dienstag.
Nationalsozialistische Kriegsopferversorgung, Kameradschaft Gießen, 20 Uhr Mitgliederversammlung, Lichtbildervortrag „Reise durch Afrika" von Professor Dr. Hummel im Cafe Leib. — Stadttheater: 20 bis 22.45 Uhr „Ein idealer Gatte." — Gloria-Palast, Seltersweg: „Du bist mein Glück." — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Donner, Blitz und Sonnenschein." — Kneipp-Bewegung, Orts-
brochene Instrument, die Ansprachen ans Orchester und an das Publikum, die stets stürmischer Heiterkeit sicher sind. Das Hübscheste und Originellste leisten sie da, wo sie mit unbeschwerter Laune sich selber und die Künste des Varietes parodieren, z. B. in dem Jllusions- oder Zauber-Akt „mit und ohne Schwindel". Zwischendrin musikalische und parterreakrobatische Einlagen, alles ganz leicht und gewissermaßen nebenbei; aber das Lustigste kommt zuletzt, das ist der Mann, der mit sich selber ringt, und es ist ein Ringkampf, bei dem man den zweiten Mann nicht vermißt, weil man ihn zu sehen glaubt, ein Sport nach den Regeln der klassischen Kunst, daß den Leuten das Wasser in den Augen steht. —
Es war ein vergnügter und vielseitig unterhaltsamer Abend; wer ihn versäumt hat, kann sich die Wiederholung ansehen. Es gab verdientermaßen großen Beifall. Und das Haus war, wir sagten es schon, so gut besucht, wie man es an jedem Theaterabend sehen möchte. hth.
An meinen Sohn zum ersten Geburtstag.
Bon Otto Doderer.
Lieber kleiner Junge, du tappst noch in der Helle des Ursprungs und mühst dich, die Gewohnheiten der Menschen anzunehmen. Du lastest noch nach den Mitteln des Ausdrucks und des Verständnisses, aber hinter deinen aufgerissenen Augen und in deinem unzerstampften Hirnchen wühlt und funkelt schon das Bewußtsein, deine Beinchen gehen noch unsicher und bedürfen des Halles, dein'Mund stammelt noch die ersten abgelauschten, ohne Sinn verbundenen Vokale, aber du äußerst schon Lachen, Verwunderung, Zorn, Begierde, Eifer, Stolz. Du bist schon eine Persönlichkeit, vor der der Hochmut der Erwachsenen in die Knie sinken müßte, du tapferes Menschenkind, das alles mit sich allein abzumachen, sich jede Frage selber zu beantworten hat, und das doch schon in dem einen Jahr seines Erdenlebens ein Maß von Begriffen sich zu eigen gemacht hat, das, an dem Wachstum der Bildung späterer Jahre gemessen, überwälttgend ist.
Heute an deinem ersten Geburtstagsfest will ich etwas aufschreiben für dich, das bleiben soll in deinem Leben immerdar. Noch gehen die Worte an dir vorüber, aber wenn du selbst ein Mann geworden bist, sollst du sie aufrufen dürfen wider mich. Auch sind Worte nur Formeln, hinter deren Falten die Gedanken einherkommen. Im Geist aber
sind wir eins mit allem Lebendigen und von allem Anbeginn. Er ist das, was uns rührend verwandt mit dir anmutet im Blick jedwedes Kreatürlichen. Und dieser Geist soll dich anreden aus meinen Worten, damit meine Gedanken sich einkerben in dein Dasein.
Ich habe dich aus den ewigen Himmeln in die Wirren der Jrdischkeit gelockt. Du, köstliches Mysterium der Zweieinigkeit, rissest dich los vom Herzen deiner Mutter mit einem Schrei, einem Schrei der Empörung, als die Grelle des Erdenlichtes dich anfiel. Ich habe den Sinn dieses Schreies wohl verstanden. Der Schrei war gegen mich.
Wahrlich, du wirst es nicht leicht haben, das Gefühl für Größe, Reinheit und Edelmut in dir aufzuziehen, unabhängig zu fein, stolz, treu, milde, das Schwülstige zu scheuen, um das Einfache zu lieben, das allein wahr und erhaben ist. Vater und Mutter, sich vielfach Widerstrebendes, find in dir vermischt. Diele Vorfahren münden in dir, und du bis mit Herkunft beloben. Aber du sollst größer werden als wir.
In unserer Generation war die Feindschaft auf- gestanden gegen die Väter. Wir aber, mein Sohn, wollen miteinander, nicht gegeneinander sein, wir wollen miteinander Befreundete fein. Deine Erfahrung wird dich einmal von deinen Ettern entfernen, denn die Erfahrung deiner Zeit wird eine andere sein als jener Zeit, die ihnen widerfuhr; dann wollen wir Ettern aber, wir Melieren, wir Veralteten, uns bemühen, dereinst jung zu sein mit dir. Ob mich mein Vater auch so unbändig liebte, wie ich dich liebe? Ich hätte dann vieles abzubitten.
Ich habe Ehrfurcht vor dir, liebes Bübchen, wahrhaftig Ehrfurcht, denn die Tapferkeit, mit der du deine Natur behauptest, ist ehrenwerter als die Erbärmlichkeit, mit der wir uns tagtäglich verleugnen. Und die Ehrfurcht soll dir erhalten bleiben, damit dir die Tapferkeit erhalten bleibt. Ein Schicksal wächst mit dir auf — wir haben darüber keine Macht. Eine Zukunft reift in dir heran — es ist ein Stück der Zukunft Deutschlands und der kommenden Menschheit. Sie ist in die einzelnen verteilt wie die Sterne am Himmel. Wir wollen den Stern deiner Zukunft rein und leuchtend erhalten. Er soll in unsere Sorge gebettet sein. Du sollst dich nicht an Kleinem zerspellen, damit du für das Große gestählt bist. Wir dienen um dich.
Dies habe ich an deinem ersten Geburtstag dir zu sagen gehabt, mein Kind. Ich gebe noch einen Kuß dazu über alle Längen- und Breitengrade der Erde und der Zeit, der dich seien soll gegen alle Teufel menschlicher Gemeinheit
Dienstag, 24. November 1936
Johann Strauß dirigiert in Gießen.
Zur 3. Jahresfeier der NSG. „Kraft durch Freude" konzertiert am Mittwoch, 25. November, 20.30 Uhr, im Rahmen eines heiteren Wiener Abends, in der Volkshalle der ehemalige k. u. k. Hofballmusikdirektor Johann Strauß mit seinem Orchester. Unser Bild zeigt den Dirigenten. — (Aufnahme: KdF.)
gruppe Gießen, 20 Uhr Vortrag über „Körperkultur und Leistungssteigerung durch Kneipp" im Saale des „Bayerischen Hofes . — Biblische Woche der Luthergemeinde, 20 Uhr Vortrag von Pfarrer Lenz über „Der Ruf zur vollkommenen Liebe" in der Kapelle des Alten Friedhofs.
Sfabttfjeafer Gießen.
Heute abend zum letztenmal der große Erfolg „Ein idealer Gatte", Schauspiel von Oskar Wilde. Spielleitung: Wolfgang Kühne. Die Vorstellung findet als 10. Vorstellung der Dienstag-Miete statt. Anfang 20 Uhr. Ende 22.45 Uhr.
Infolge plötzlicher Erkrankung von Ilse L a s f u s findet die Vorstellung von „Der Zarewitsch" am Mittwoch, 25. November, nicht statt. Dafür geht die mit großem Erfolg aufgeführte Märchenoper „Hänsel und Gretel" von E. Humperdinck in Szene. Anfang 19.30 Uhr, Ende 21.30 Uhr.
Wiederholung des Groh-Variete-Gastspiels „3 Zacchinis".
Aus dem Stadtheaterbüro wird uns geschrieben: Viele Theaterbesucher mußten unverrichteter Dinge wieder umkehren, weil keine einzige Eintrittskarte mehr zu haben war. Um nach Möglichkeit allen Anfragen gerecht zu werden und denen, die am Montag wieder fortgehen mußten, die Möglichkeit des Besuches zu bieten, hat die Theaterleitung im Einvernehmen mit der Gastspieldirektion die „drei Zacchinis" und das große artistische Beiprogramm zu einem Wiederholungsgastspiel für Donnerstag,
putzen Sie ein Klavier mit Sand?
Das würde seinem Glanz wohl schlecht bekommen. Genau so ist es mit Ihren Zähnen. Das Feinste ist gerade gut genug, Versuchen Sie mal den feinen Putzkörper der Nivea-Zahnpasta. Der erhält die Zähne blitzblank und schont den Zahnschmerz.
Lichtspielhaus:
„Donner, Blitz und Sonnenschein.-'
Dieses Stück heißt eigentlich sehr viel deutlicher und auf den Kem der Sache eingehend „Der Hunderter im Westentaschl" und ist ein oberbayerischer Dreiakter, halb Volksstück, halb Schwank, von Neal und Ferner; wir sahen es diesen Sommer sozusagen an Ort und Stelle, am Tegernsee, von Terofal und seinen Leuten gespielt. Das hatte unter anderem den Vorzug, daß die Figuren, die in krachledernen Hosen und mit Gamshüatln über die Bühne gehen, auch so sprachen, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, und wie es hier dazugehört. Im Film, bearbeitet von Max Neal und Erich Engels (der auch Regie führt) wirken zwar ebenfalls tüchtige Schauspieler mit, die indessen großenteils aus Berlin stammen; das ist nicht zu überhören, und das stört ein bißchen. Zum Gluck ist aber Valentin die Hauptperson, Karl Valentin aus München als Schneidermeister Huckebein, dem diese unwahrscheinlich schöne und eigentlich raffiniert eingefädelte Geschichte mit dem Hundertmarkschein passiert. Leider ist er falsch, der Schein, aber er wandert auf eine so bezaubernde Art von einer Hand und einer Tasche in die andere, daß dem Huckebein, er weiß nicht wie, am Ende Heil widerfährt in seinen Nöten — ganz abgesehen von dem wundertätigen Wasser in seinem Brunnen, wovon hier nicht weiter die Rede sein soll, denn wir können nicht das ganze Stück erzählen. Valentin aber, um auf ihn zurückzukommen, ist ein Viech, ein bayerisches Urviech, und zwar ein sehens- und hörenswertes. Er sagt nicht einmal viel, aber was er sagt, ist einigermaßen unmißverständlich und unwiderstehlich — auch ohne den von den Bearbeitern erfundenen Abstecher in die Stadt und an die Bar, wo er gar nicht hinpaßt. (Das Stück in feiner ursprünglichen Bühnenform ist eben doch konzentrierter und darum wirksamer.) Sehr hübsch macht natürlich auch Lisi Karlstadt, Valentins getreue Partnerin, das Huckebeinfche Eheweib. Dann muß man Aribert Wäscher erwähnen in einer verblüffend komischen Charge, die man von ihm nicht erwartet hätte. Ferner Reinhold Vernt, Hans L e i b e 11, Volker von Co11ande, Ilse Petri, Hans Florath, Käthe Haack und Gerhard Bienert: alle sehr ordentlich bei der <5ad)e, aber alle von Natur aus mundartlich gehemmt, und das ift gerade hier schade. — (NFK.-Film der Terra.)
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Im Beiprogramm gibt es einen Lehrfilm vom Braunkohlenbergbau und luftige Bilder vom Kölner Karneval. hth.


