Ausgabe 
24.11.1936
 
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m. 275 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Dienstag, 24. November (936

Oer rechte Mann an die rechte Stelle.

Musterung und Waffengattungen.

Von Oberfeldarzt Or. Apel

Nach Neueinführung der allgemeinen Wehrpflicht wird alljährlich wieder die deutsche Jugend zur M u st e r u n g aufgerufen. Wohl in jeder deutschen Familie ist durch Vater, Onkel oder Großvater der Sinn für die Bedeutung dieses Rufes erhalten ge­blieben. Aber es hat sich doch manches geändert und für die meisten jungen Deutschen ist es eine etwas unsichere Frage, die in ihr Leben tritt: Was wird nun im nächsten Jahr mit mir werden, wo und wie werde ich meinem Vaterlande im Sol­datenrock dienen können? Mit dieser Frage vertraut zu machen, soll der Zweck der folgenden Ausfüh­rungen sein.

Schon früher wußte man, wie wichtig die rich­tige Einteilung der tauglichen Wehr­pflichtigen nach den besonderen Anforderungen her verschiedenen Truppengattungen war. Die Er­fahrungen des großen Krieges haben diese Erkennt­nis noch deutlicher gemacht. Durch Musterung und Aushebung soll nun die richtige Auswahl und Ver­teilung erfolgen. Durch den 'Musterungsstab wird festgeftellt, wer von den Wehrpflichtigen körper­lich und geistig geeignet zum Soldaten ist und welche nGrad der Eignung er besitzt; denn es ist ohne weiteres klar, daß mancher, der vielleicht den Anforderungen der vollen Dienstpflicht nicht gewachsen ist, doch wenigstens zu kürzeren Hebungen herangezogen werden kann. Daneben wird auch die Wehrwürdigkeit und Ras- fenzugehörigkeit polizeilich nachgeprüft. Nach der Entscheidung erhalten die tauglich'Befun­denen ihren Wehrpaß und unterstehen damit den Wehrgesetzen. Je nach der körperlichen Beschaffen­heit und dem Beruf des Dienstpflichtigen wird auch bei der Musterung geprüft, für welche Wehr­machtteile und Waffengattungen er be­sonders geeignet erscheint. Die eigentliche Zuteilung erfolgt dann später bei der Aushebung, zu der die Dienstpflichtigen noch einmal beordert werden.

Welche ärztliche Anforderungen sind nun für die Zuteilung zu den einzelnen Truppenteilen maß­gebend? Grundsatz ist dabei, daß jeder, der als tauglich 1 oder tauglich 2 befunden ist, mit wenigen Ausnahmen auch fürjeden Trup­penteil geeignet ist. Wenn es die Ersatzlage gestattet, d. h. wenn genügend Auswahl ist, wer­den natürlich besondere körperliche und geistige Eigenschaften bei der Zuteilung berücksichtigt. Es wird auch jeder Wehrpflichtige gefragt, ob er b e - sondere Wünsche hat, die wenn möglich, bei der Zuteilung zur Truppe besonders bei Freiwil­ligen Berücksichtigung finden.

An erster Stelle steht in der Ueberficht der Son­derbestimmungen immer noch die Infanterie als Hauptwaffe, denn neben den Schützenkompa­nien sind bei ihr alle Waffenarten vertreten. Der Infanterist muß tzräftig unb ausdauernd fein, um den Anstrengungen der Märsche und des Gefechtes gewachsen zu bleiben. Wenn auch vieles durch Hebung zu erlernen ist, so muß sich doch jeder dar- über klar sein, daß z. Leute mit bleibenden Fußschaden nur eine Behinderung für die Fuß- trupne bedeuten. Aus der Menge der Rekruten wird die Infanterie immer in der Lage fein, sich die Geeignetsten für ihre Untergliederungen wie Ma- schi-nengewehrkompanien, Nachrichtenzug, Minen­werferkompanien. Panzer-Abwehr-Kompanien, Jn- fanterie-Reiterzug, auszusuchen. Ich erwähne diese Möglichkeiten hier, um zu zeigen, daß die Infante­rie die oielfeitigfte aller Waffengattungen ist.

Für die Kavallerie wird nicht mehr wie vor dem Kriege unterschieden zwischen schweren und leichten Reitern. Es ist für die gleichmäßige Durch­bildung von Pferd und Reiter wichtig, daß nicht zuviel Gewichtin den Sattel" gebracht wird. Schwere und besonders große Männer sind des­halb wenig geeignet. Dasselbe gilt für z u kleine

Leute; denn sie werden Schwierigkeiten beim Satteln, Aufsitzen und Freimachen der Waffe haben. Deshalb sind hier schlanke, mittel­große Menschen, möglichst mit kurzem Ober­körper und langen Beinen, bevorzugt geeignet.

Die Anforderungen bei der Artillerie sind naturgemäß sehr verschieden je nachdem es sich um leichte, schwere, berittene oder motorisierte Regi­menter handelt. Der reitende Artillerist muß die Eigenschaften des Kavalleristen haben. Der schwere Artillerist braucht die Eigenschaften des Schwer­athleten beim Sport, er muß kräftig und schwer, nicht unter 1,70 Meter groß sein. Besondere geistige Eignung für Artillerie besitzen neben manchen technischen Berufen Mathematiker. Für ihre Sonderzweige wie Beobachtungsabteilung wird sich die Artillerie Leute mit besonders gutem Seh- und Hörvermögen Vorbe­halten.

Für den Soldaten der Kraftfahrtruppe und Kraftfahrkampftruppe ist ebenfalls gutes Seh- und Hörvermögen erwünscht. Daß trotz­dem in gewissem Umfange auch Brillenträger gute Kraftfahrer fein können, sehen wir ja täglich' im Straßenverkehr. Wichtig ist für diese Truppen, daß keine Behinderung in der Nasen­atmung besteht. Auch Neigung zu Augenbinde­hautkatarrhen und Hautkrankheiten machen unge­eignet für Kraftfahrtruppen. Für Panzerein­heiten und Panzerspäheinheiten muß neben den Anforderungen der Kraftfahrtruppen verlangt werden, daß die Rekruten auch ohne Brille volles Sehvermögen haben, und daß sie nicht größer sind als 1.75 Meter.

Einzelne Truppengattungen wie G e b i r g s - truppen und Sanitätstruppen erfordern besondere Anlagen und Eignung. Wer zu einer Gebirgstruppe will, muß natürlich gebirgsgewohnt sein; für den Sanitätsdienst muß immer eine be­sondere Neigung vorhanden sein. Die Pioniere brauchen für ihren schweren Dienst einen kräftigen Körperbau. Zu manchen Dienstoerrichtungen wie Pontonrudern und Balkentragen ist es auch not­wendig, daß keine zu starken Größenunterschiede bestehen; als Mindestgröße wird daher 1,65 Meter verlangt. Bei der Nachrichtentruppe ist gutes Seh- und Hörvermögen besonders wichtig. Das schloßt aber nicht aus daß d"s gute Sehvermögen durch eine Brille erreicht werden kann. Auch Far­bensicherheit ist für den Angehörigen der Nachrich­tentruppe unbedingt erforderlich.

Aus diesen Ausführungen kann sich jeder junge Deutsche sein Bild machen, in welche Truppe er am bestenhineinpaßt". Es soll damit aber nicht gesagt werden, daß er sich nun ängstlich prüfen soll, ob bei ihm auch alles stimmt, und keiner soll sich für minderwertig halten, weil er etwa diese oder jene körperlichen Vorzüge nicht aufweifen kann. Geistige Frische und Regsamkeit sind für Kameradschaft und Charakterfestigkeit so­wie erhöhte und gestählte Leistungsfähigkeit durch körperliche Ertüchtigung in den Jugendjahren sind Vorzüge, die in gewissen Grenzen einen Ausgleich für etwa vorhandene körperliche Fehler schaffen. Es soll auch nicht der Eindruck entstehen, daß allein die körperliche Untersuchung maßgebend ist; auch andere Gesichtspunkte, vorwiegend beruflicher Art, sind von entscheidender Bedeutung. Die Dienstpflichtigen der seemännischen und fliegerischen Bevölkerung Begriffe, die in*ber Musterungs­verordnung genau festgelegt sind werden zur Ableistung der aktiven Dienstpflicht in der Kriegs­marine und in der Luftwaffe herangezogen. Auch beim Heer spielen Berufseignung und besondere erlernte Fähigkeiten, wie Führerschein, Reiterschein usw., eine wichtige Rolle. Wer sich bei der SA. oder im Sport besonders bei Gepäckmärschen aus­gezeichnet hat, wird sich sicher für Infanterie be­

sonders eignen. Eine Fachausbildung im Funk- aeroerbe oder eine besondere Ausbildung im Morse­schreiben sind immer Eigenschaften, die der Kom­paniechef bei der Nachrichtentruppe besonders be­grüßen wird. Gute kräftige Handwerker werden fast immer gute Pioniere ebenso wie Ingenieure bestimmter Fachrichtungen.

Der wunderbare Aufbau der Jugend­organisationen im Reiche Adolf Hitlers mit Jungvolk, Hitler-Jugend, Arbeitsdienst ist eine Vor­bereitung für den Dienst in der Wehrmacht, der gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Und doch ist das alles nur das Stützgerüst, der Rahmen, in dem jeder einzelne mitarbeiten muß. Nicht nur zur Erzielung besonderer Sportleistungen, auch für die Vorbereitung zum Wehrdienst am deut­schen Volke gilt es, an sich selbst zu wirken und zu arbeiten, damit für große Aufgaben ein gesun - d er Geist in gesundem Körper zur Ver­fügung steht. Dazu gehört, daß schon in frühester Jugend angefangen wird, alles zu vermeiden, was Körper und Geist Schaden bringt. Ueber­mäßige Trainingsanstrengungen sind für den jungen Körper in der Entwicklung immer schädlich. Anstrengende Arbeit in der Schule, im

Beruf, im Jugenddienst verlangt auch ausrei­chende Ruhe und Freizeit, sonst können ernste Schäden am eigenen Körper und damit an der Masse der Volkskraft auftreten. Bleibende Schäden können auch entstehen durch zu früh­zeitigen Genuß von Giften, wie Kaffee, Nikotin, Alkohol oder durch unnatürliche Er­regungen. Um diese gerade für den wachsenden Körper so gefährlichen Schäden zu vermeiden, muß jeder sich bemühen, ein gutes Beispiel zu geben. Hier kann schon jeder seine Führereigenschaften zeigen. Wer sich nicht zu beherrschen versteht, ist unfähig zum Führer und wird niemals ein guter Soldat werden; denn er zeigt, daß er keinen Sinn für Gemeinschaftsziele hat.

So kann jeder junge Deutsche an dem gewaltigen Gemeinschaftswerk der allgemeinen Wehrpflicht mitarbeiten und an seinem Teile mitwirken, daß der rechte Mann an die rechte Stelle kommt. Bei der Musterung darf jeder frei seine Wünsche äußern, und er wird beraten werden von fronterfahrenen Offizieren und truppendiensterfah­renen Sanitätsoffizieren. Das Ziel aber ist klar: Jeder soll Kämpfer für deutsche Art und Schützer deutschen Bodens werden.

Drei Stunden im Kühlraum.

Unheimliches Erlebnis auf dem SchnelldampferPacific Shipper".

Die kanadischen Zeitungen berichten von diesem eigenartigen Vorfall, der dem Schiffs­koch John Campbell beinahe das Leben ge­kostet hätte.

Was ist da schließlich weiter bei: Jeder Schiffs­koch betritt mehrere Male am Tage den Kühlraum. Etwas ganz anderes ist es, wenn man dann plötz­lich entdeckt, daß die Tür so unglücklich zuschlägt, daß man sie von innen nicht mehr öffnen kann und nun in der eisigen Luft gefangen fitzt! Wenigstens machte diese furchtbare Entdeckung John Camp­bell, Chefkoch auf dem kanadischen Passagier­dampferPacific Shipper, als dieser ,im Oktober dieses Jahres sich auf der Fahrt von London nach Vancouver befand.

Alles ging im Anfang gut, wie es ja immer bei solchen Dingen zu gehen pflegt. Aber mitten im Atlantik tobte auf einmal ein solch schwerer Herbst- sturm, daß die beiden Schrauben Mühe hatten, den 12 000 Tonnen schweren Schiffskörper vorwärtszu­bringen. Man mußte damit rechnen, daß die Reife diesmal bestimmt zwei Tage länger dauern würde. Campbell wollte daher nach dem Abendessen sehen, ob die Fleischvorräte auch langen würden. Mit dem Schlüssel in der Hand ging er nach achtern; am Kühlraum schloß er erst die Außentür auf, legte eine Konservenbüchse gegen ihre untere Kante, um sie offen zu halten, und trat dann durch die Jnnen- tür ein, die er mit einem Stück Holz abstützte. Zehn Grad unter Null betrug hier die Temperatur. Grund genug, ein bißchen zu zittern, vor allem weil der Mann nur mit einem Sporttrikot und einer weißen Leinenhose bekleidet war. Aber es würde ja nicht lange dauern...

Während nun der Koch seine Vorräte zählte, rollte und schlingerte das Schiff, so daß Campbell sich oftmals festhalten mußte, um nicht fein Gleich­gewicht zu verlieren. Dann war die Arbeit endlich geschafft. Er steckte Notizbuch und Bleistift wieder ein, wandte sich mit einem zufriedenen Lächeln dem Aufgang zu in diesem Augenblick wurde das Schiff von einer gewaltigen Welle hochgehoben. Campbell flog dabei mit ausgestreckten Armen in die äußerste Ecke des Kühlraumes, sein Kopf schlug gegen eine eiserne Kante, so daß er für kurze Zeit die Besinnung verlor.

Als er wieder zu sich kam, machte er die entsetz­liche Entdeckung: Eine umgestürzte Kiste hatte das Holz der Jnnentür weggeschoben und zugeschlagen! Eine Sekunde stand Campbell wie versteinert. Er wußte, daß der Mechanismus die Tür nur von außen öffnen ließ, und wenn man auch den

Schlüssel in der Tasche trug. Hier nützten sie einem nichts. Bei dieser Erkenntnis drückte der Koch ver­zweifelt die Schulter gegen die Tür. Sinnlos, nie­mals würde er sie öffnen können. Und doch rannte er immer wieder dagegen, schrie, klopfte mit den Fäusten. Die Wut des Meeres draußen war größer, lauter, viel lauter. Sie ließ keinen Menschen die Rufe des Koches hören.

Jetzt sah er es selber ein, daß es keinen Zweck hatte. Er überlegte keiner wußte von diesem außergewöhnlichen Besuch des Kühlraumes, nie­mand hatte ihn geschickt, weil er der Chefkoch war und nur sich selbst zur Rechenschaft verpflichtet. Seine leere Pritsche konnte in der Aufregung um das furchtbare Wetter unbemerkt bleiben, das heißt, bis es Zeit wäre, das Frühstück zu bereiten und bis dahin waren noch acht Stunden Zeit!

Mein Gott, nun fühlte er schon die Kälte von den Füßen emporsteigen. Er schüttelte sich, schlug die Arme ineinander, machte ein paar schnelle Schritte. Und immer wieder ging es ihm durch den Kopf: Acht Stunden bis zum Frühstück! Acht Stunden! Würde er nur in einer einzigen ermatten, wäre es aus mit ihm.

Erfroren! Dieser schreckliche Gedanke bemächtigte sich seiner, der nun nichts unversucht lassen wollte, diesem Schicksal zu entgehen. Es gab nur einen engen Durchgang zwischen den am Spieß hängen­den, gefrorenen Tierkörpern und den hochaufge­stapelten Lebensmittelkisten. Die Kisten waren fest eingekeilt und verschnürt gegen jede Erschütterung des Schiffskörpers, abgesehen von der einen, die ihm das Schicksal in den Weg gelegt hatte. Er schleppte sie an ihren alten Platz zurück. Dabei wurde ihm wärmer. Er nahm jetzt alle Fleisch­hälften von den Stangen herunter und hängte sie wieder auf. Da schwitzte er fast. Aber als sie wieder alle oben hingen, schienen sie ihm zuzurufen:Oe-

Wird Cfnkel Cfskar

Staunen:

Warum ihn nicht zum Geburts­tag mit einer Flasche Schaum­wein überraschen? Die wünscht er sich im stillm längst?

SCHAUMWEIN fciriQt froKsinn!

Gießener Konzertverein.

Trqelkouzert von Günther Ramin.

Wenn Günther Ramin an die Spitze feines diesjährigen Orgelkonzertes in der Stadtkirche Jan Pieter S w e e l i n g f s (1561 bis 1621) Variationen über das altniederländische LiedMein junges Leben hat ein End" setzt, so betont er damit zu Recht die Stellung dieses Haupt- und Ausgangspunktes der rein instrumentalen Orgelkunst. Seine grundlegenden Studien bei Zarlino in Venedig führen ihn zu der Jmitationskunst Gabrielis. Von dort nach Amster­dam zurückgekehrt, nimmt er als Amtsnachfolger seines Vaters die Anregungen in sich auf, die ihm die englische Virginalmusik mit ihrer Variations­technik bieten. Ihm gelingt es, kontrapunktisches Kön­nen und die Variationskunst miteinander zu binden und damit nicht nur eine technische, sondern auch eine bedeutsame seelische Vertiefung zu gewinnen. So wurde er wegen seiner hervorragenden Lehrfahigkeit als der deutscheOrganistenmacher" gepriesen. Er galt alsein Mirakel der Musicorum und Organisten, zu welchem täglich, wenn er gespielt, ein großer Zulauf geschehen, um ihn zu hören und ken,en- zulernen" Für sein Können wird die obengenannte Variationsfolge als typisches Beispiel angesehen

Die weitere Entwicklung des Orgelspiels steht tm engen Zusammenhang mit der Gntroirflung des Or­gelbaues, der die Orgel in engster Beziehung zum kultischen Raum weiterentwickelt, der Räumlichkeit entsprechend das Eigenleben der Einzelstimmen betont, und' so nimmt in dem Musikgeschehen des Barock die Orgel die herrschende Stelle ein. Dietrich Buxtehude (1637 bis 1707), der große Lübecker Orgelmeister, läßt noch die geistigen Ginroirfu.ngen Sweelingks nicht verkennen. Seine Fantasie über Wie schön leuchtet der Morgenstern" gibt zunächst die strenge Einführung des Chorals in der Unter- stimme; bann aber werden die Gebilde immer freier variiert, umkleidet von glänzendem Passagenwerk; im letzten Teil löst sich das Thema in lebhaft fugierte Gebilde auf, mit einem machtvollen Schluß, Den Die letzte Choralzeile in der Oberstimme führt, laßt er sie ausklingen. , . , . f . ..

Welch hohes Ansehen Buxtehude bei seinen musi­kalischen Zeitgenossen hatte, dafür spricht am deut­lichsten die Tatsache, daß der junge Johann Sebastian Bach zu Fuß von Arnstadt in Thüringen nach Lübeck wandert, um sich in die Kunst Buxtehudes einzuleben, und dies mit solchem Eifer, daß er den ihm zugebilligten Urlaub um das Dreifache über­schreitet. Die beiden OrgelchoräleAlle Menschen müssen sterben" undIn dulci jubilo entstammen Joh. Geb. Bachs OrgelbüchleinWorinne einem an­

fallenden Organisten Anleitung gegeben wird, auff allerhand Arth einen Choral durchzuführen". Bach wendet sich hier an einen kleinen, aber äußerst streb­samen Kreis und führt mit der textgemüßen Durch­gestaltung des Choralspiels in besondere Tiefen. So fängt er die Grundstimmung des Textes in dem ersten Choral ebenso wieIn dulci jubilo4, wo er die Melodie in die Oberstimme verlegt und das Pedal als Oktavkanon diese imitieren läßt.

Die Toccata und Fuge in C-dur folgt in der An­lage dem italienischen Konzert durch die Einschaltung eines langsamen Mittelsatzes, der von einer quasi konzertierenden Solistimme beherrscht wird. Der Schluß dieses Teiles erscheint durch die Ballung chromatisch gemischter Harmonien von besonderem Reiz. Das thematische Material für die Durchführung des Kopfsatzes führt Bach mit einem ausgedehnten Pedalfolo ein.

Je mehr die musikalische Entwicklung in der Zeit nach Bach, zumal aber im 19. Jahrhundert, von der allgemein geistigen Kündung durch die Musik sich zur Aeußerung über das persönliche Ich des Komponisten verschiebt, desto mehr mußte sich auch der Charakter der Orgelmusik ändern, noch dazu wo der Orgelbau, um den subjektiven Regungen vollen Ausdruck geben zu können, die Darstellungs­möglichkeiten der Orgel zu orchestralem farbigem Klangmeer erweiterte. Das war eine große Ge­fahr für die moderne Drganiftengeneration, die an Stelle der Polyphonie die Klangfarbe fetzte, ein Verfahren, das die Impressionen der französischen Orgelmusiker aufs deutlichste erweisen. Da setzt Max Reger ein; er nützt alle Errungenschaften des modernen Orgelbaues aus abernur eine aus Bach hervorgewachsene Kompositionstechnik kann uns den wahren Fortschritt bringen". Immer wieder beweist er seine Verbundenheit mit den kontrapunkttschen Formen des Barockzeitalters. Auch dieIntroduktion und Passacaglia in d-moll" aus der Weidener Zeit folgt diesem Ziele. Sie ist ein Beitrag für eine Sammlung zeitgenössischer Orgel­kompositionen, darum meidet Reger die hohen Schwierigkeiten seiner anderen Werke:So wie die Passacaglia ist, muß sie jeder nur einigermaßen geübte Organist vom Blatt spielen können". Das Gloria und Benediktus" aus op. 59 zeigen Reger als kultischen Musiker, der hier die polyphonen und harmonischen Mittel zum Künder religiöser Stim­mungen werden läßt.

Günther Ramins Orgelspiel ist für das Gie­ßener Musikleben zu einem besonderen Ereignis geworden. Auch diesmal betätigte sich die ihm entgegengebrachte Wertschätzung vollauf. Seine, großzügige Auffassung als Musiker, eine bis zum letzten organischen Fundament vordringende Zer-1

glieberungsgabe, ein mit dem Plastischen der Thematik sich bindender Klangsinn werden bei ihm von lebensvollem Impuls getraaen. Als versierter Musiker und hervorragender Kenner Der Orgel­literatur steht ihm ein nie versagendes stilistisches Einfühlungsvermögen zur Seite, so daß er jedem Zeitalter die ihm zukommende Klanggestalt und Artikulationsform zu geben vermag. Das erkannte man nicht zum mindesten bei Sweelingks Variatio­nen. Mit kristallener Klarheit hob sich die melo­dische Linie des Themas heraus, mit feinem Emp­finden wurden die Einzelzüge herausmodelliert. Die weck)felreiche Abfolge der einzelnen Klangbilder wurde durch mannigfache Modifizierung der Einzel- regifter belebt. Buxtehudes Phantasie überWie schön leuchtet der Morgenstern" ließ er in der thematischen und dynamischen Gegensätzlichkeit sich voll auswirken. Der zweite, vornehmlich imitie­rende Teil erschien äußerst subtil in der Durch­arbeitung des Tonfiligrans, durch Echowirkungen wußte er den thematischen Verlauf reizvoll zu be­leben; nur die Schlußphrase hätte bei weitem mehr Klangfülle aufweisen können.

Bachs beide Orgelchoräle wurden dem Text ent­sprechend interpretiert, in gedämpfter Stimmung Alle Menschen müssen sterben"; derIn dulci jubilo"-Kanon in froher Bewegtheit. Den stärksten Eindruck gab aber Bachs Toccata und Fuge in C-dur mit seinem sehr sorgfältig gegliederten Passagenwerk der Einleitung und äußerst durch­gearbeiteten Pedalsolo; der straffe Zua in der Durchführung des ersten Satzes gab diesem mar­kante Züge. Im Adagio stellte er dem unerbittlich schreitenden Rhythmus im Pedal die Solostimme in freier Entfaltung gegenüber mit sorgsältigst an­geglichener Phrasierung, Damit für viele Den Höhe­punkt des Konzertabends gebend; ungemein wir­kungsvoll und klanggesättigt waren die Schlußtakte des Adagios. Die Fuge mit ihrem ausgedehnten Thema strahlte im Lichte des Eigenwertes Der Nebenstimmen auf, immer mieDer neue klangliche und thematische Schönheiten aufdeckend.

Max RegersJntrvduktton" steigerte Ramin durch die Ausnützung der Klangmittel zu überwäl- ttgender Tonflut. Wie er in DerPassacaglia" Das zunächst mit Dunklen Stimmen im Pedal vorgetra­gene Theman allmählich sich im Lichte Der figurier­ten Nebenstimmen aufhellen ließ, wie Das bewegtere Tempo sich mit einer wohlüberDachten Registrierung zu höchstem Klanggewoge auftürmte, Das ist nur einem so genialen Künstler wie Ramin gegeben. Die beiden Stücke aus op. 59Gloria und Be nediktus" waren in der Abschattierung Der klang­lichen Mittel und der Abwandlung Des Tempos Momente kultischer Weihe.

Den Ausklang Des Orgelkonzertes gab eine freie Improvisation Des Konzertgebers über das Advents- liedMacht hoch die Tür". Er ließ allmählich das Thema sich herauskristallisieren, es Dabei leuchtend umspielend. Nach mannigfachen thematisch Durch­gegliederten Aufwallungen, dem Herauswachsen neuer melodischer Gebilde, ließ er sein Spiel gip­feln in einem machtvollen Baß-Cantusfirmus. An­gesichts dieser gewählten Ausdrucksweise konnte Die Wendung Des Schlusses nicht Dem Eindruck Des Dorangegangenen entsprechen. Jedenfalls aber ließen diese Einblicke in Ramins Schaffenserleben auch die letzten Grundlagen für fein eminentes Darstellungs- Vermögen als ausübender Musiker erkennen.

Die Introduktion und Passacaglia wie auch das Gloria" hat Prof. Ramin schon einmal im Laufe der letzten Jahre hier gespielt. Bei Dem Reichtum an Regerschen Orgelwerken wäre es doch im Inter­esse aller zu begrüßen, Wiederholungen soweit zu vermeiden, bis wir hier das gesamte Werk gehört haben. Dr. Hg

Oer Star, das Fahrrad und das Schweinchen.

Daß der Film die reine Wunderwelt ist, dürfte den Darstellern im allgemeinen bekannt fein. Die englische Schauspielerin Merle Oberon aber erfuhr diese Tatsache kürzlich noch von einer ihr bisher neuen Seite. In ihrem nächsten FilmDer geliebte Feind" wird man sie zu Rad die Gegend durch­eilen sehen in einem Tempo, um das jeder Renn­fahrer sie beneiden könnte. Dabei mußte sie, als der Regisseur sie aufforderte, das Rad zu besteigen, gestehen, daß sie nicht radeln könnte. Darauf trat DerDeus ex machina in Erscheinung. Das Rad wurde durch eine besondere Vorrichtung festgestellt, die Schauspielerin brauchte nur zu treten, während die Landschaft in rasendem Tempo an ihr vorbei­sauste. Nun aber bekam die Künstlerin Lust auf diesen Sport und beschloß, ihn auszuprobieren. Im Anfang ging es ganz gut, trotz eines gewissen Zick­zackkurses gelang es ihr, eine ganze Weile vorwärts zu rollen. Dann aber tauchte plötzlich ein kleines, rosiges Schweinchen auf. Es schien mit einer feit* (amen, magnetischen Anziehungskraft geladen. Die Radlerin steuerte direkt darauf zu, und auf einmal bildeten Star, Rad und Schweinchen ein unent­wirrbares Knäuel. Glücklicherweise hatte Merle Oberon außer ein paar Schrammen keine Vev» letzungen öaoongetragen, aber sie schwört, nie wieder werde sie ein Fahrrad besteigen, es fei denn, es würden vorher alle Schweinchen ausgerottet.