m. 275 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Dienstag, 24. November (936
Oer rechte Mann an die rechte Stelle.
Musterung und Waffengattungen.
Von Oberfeldarzt Or. Apel
Nach Neueinführung der allgemeinen Wehrpflicht wird alljährlich wieder die deutsche Jugend zur M u st e r u n g aufgerufen. Wohl in jeder deutschen Familie ist durch Vater, Onkel oder Großvater der Sinn für die Bedeutung dieses Rufes erhalten geblieben. Aber es hat sich doch manches geändert und für die meisten jungen Deutschen ist es eine etwas unsichere Frage, die in ihr Leben tritt: Was wird nun im nächsten Jahr mit mir werden, wo und wie werde ich meinem Vaterlande im Soldatenrock dienen können? Mit dieser Frage vertraut zu machen, soll der Zweck der folgenden Ausführungen sein.
Schon früher wußte man, wie wichtig die richtige Einteilung der tauglichen Wehrpflichtigen nach den besonderen Anforderungen her verschiedenen Truppengattungen war. Die Erfahrungen des großen Krieges haben diese Erkenntnis noch deutlicher gemacht. Durch Musterung und Aushebung soll nun die richtige Auswahl und Verteilung erfolgen. Durch den 'Musterungsstab wird festgeftellt, wer von den Wehrpflichtigen körperlich und geistig geeignet zum Soldaten ist und welche nGrad der Eignung er besitzt; denn es ist ohne weiteres klar, daß mancher, der vielleicht den Anforderungen der vollen Dienstpflicht nicht gewachsen ist, doch wenigstens zu kürzeren Hebungen herangezogen werden kann. Daneben wird auch die Wehrwürdigkeit und Ras- fenzugehörigkeit polizeilich nachgeprüft. Nach der Entscheidung erhalten die tauglich'Befundenen ihren Wehrpaß und unterstehen damit den Wehrgesetzen. Je nach der körperlichen Beschaffenheit und dem Beruf des Dienstpflichtigen wird auch bei der Musterung geprüft, für welche Wehrmachtteile und Waffengattungen er besonders geeignet erscheint. Die eigentliche Zuteilung erfolgt dann später bei der Aushebung, zu der die Dienstpflichtigen noch einmal beordert werden.
Welche ärztliche Anforderungen sind nun für die Zuteilung zu den einzelnen Truppenteilen maßgebend? Grundsatz ist dabei, daß jeder, der als tauglich 1 oder tauglich 2 befunden ist, mit wenigen Ausnahmen auch fürjeden Truppenteil geeignet ist. Wenn es die Ersatzlage gestattet, d. h. wenn genügend Auswahl ist, werden natürlich besondere körperliche und geistige Eigenschaften bei der Zuteilung berücksichtigt. Es wird auch jeder Wehrpflichtige gefragt, ob er b e - sondere Wünsche hat, die wenn möglich, bei der Zuteilung zur Truppe besonders bei Freiwilligen Berücksichtigung finden.
An erster Stelle steht in der Ueberficht der Sonderbestimmungen immer noch die Infanterie als Hauptwaffe, denn neben den Schützenkompanien sind bei ihr alle Waffenarten vertreten. Der Infanterist muß tzräftig unb ausdauernd fein, um den Anstrengungen der Märsche und des Gefechtes gewachsen zu bleiben. Wenn auch vieles durch Hebung zu erlernen ist, so muß sich doch jeder dar- über klar sein, daß z. Leute mit bleibenden Fußschaden nur eine Behinderung für die Fuß- trupne bedeuten. Aus der Menge der Rekruten wird die Infanterie immer in der Lage fein, sich die Geeignetsten für ihre Untergliederungen wie Ma- schi-nengewehrkompanien, Nachrichtenzug, Minenwerferkompanien. Panzer-Abwehr-Kompanien, Jn- fanterie-Reiterzug, auszusuchen. Ich erwähne diese Möglichkeiten hier, um zu zeigen, daß die Infanterie die oielfeitigfte aller Waffengattungen ist.
Für die Kavallerie wird nicht mehr wie vor dem Kriege unterschieden zwischen schweren und leichten Reitern. Es ist für die gleichmäßige Durchbildung von Pferd und Reiter wichtig, daß nicht zuviel Gewicht „in den Sattel" gebracht wird. Schwere und besonders große Männer sind deshalb wenig geeignet. Dasselbe gilt für z u kleine
Leute; denn sie werden Schwierigkeiten beim Satteln, Aufsitzen und Freimachen der Waffe haben. Deshalb sind hier schlanke, mittelgroße Menschen, möglichst mit kurzem Oberkörper und langen Beinen, bevorzugt geeignet.
Die Anforderungen bei der Artillerie sind naturgemäß sehr verschieden je nachdem es sich um leichte, schwere, berittene oder motorisierte Regimenter handelt. Der reitende Artillerist muß die Eigenschaften des Kavalleristen haben. Der schwere Artillerist braucht die Eigenschaften des Schwerathleten beim Sport, er muß kräftig und schwer, nicht unter 1,70 Meter groß sein. Besondere geistige Eignung für Artillerie besitzen neben manchen technischen Berufen Mathematiker. Für ihre Sonderzweige wie Beobachtungsabteilung wird sich die Artillerie Leute mit besonders gutem Seh- und Hörvermögen Vorbehalten.
Für den Soldaten der Kraftfahrtruppe und Kraftfahrkampftruppe ist ebenfalls gutes Seh- und Hörvermögen erwünscht. Daß trotzdem in gewissem Umfange auch Brillenträger gute Kraftfahrer fein können, sehen wir ja täglich' im Straßenverkehr. Wichtig ist für diese Truppen, daß keine Behinderung in der Nasenatmung besteht. Auch Neigung zu Augenbindehautkatarrhen und Hautkrankheiten machen ungeeignet für Kraftfahrtruppen. Für Panzereinheiten und Panzerspäheinheiten muß neben den Anforderungen der Kraftfahrtruppen verlangt werden, daß die Rekruten auch ohne Brille volles Sehvermögen haben, und daß sie nicht größer sind als 1.75 Meter.
Einzelne Truppengattungen wie G e b i r g s - truppen und Sanitätstruppen erfordern besondere Anlagen und Eignung. Wer zu einer Gebirgstruppe will, muß natürlich gebirgsgewohnt sein; für den Sanitätsdienst muß immer eine besondere Neigung vorhanden sein. Die Pioniere brauchen für ihren schweren Dienst einen kräftigen Körperbau. Zu manchen Dienstoerrichtungen wie Pontonrudern und Balkentragen ist es auch notwendig, daß keine zu starken Größenunterschiede bestehen; als Mindestgröße wird daher 1,65 Meter verlangt. Bei der Nachrichtentruppe ist gutes Seh- und Hörvermögen besonders wichtig. Das schloßt aber nicht aus daß d"s gute Sehvermögen durch eine Brille erreicht werden kann. Auch Farbensicherheit ist für den Angehörigen der Nachrichtentruppe unbedingt erforderlich.
Aus diesen Ausführungen kann sich jeder junge Deutsche sein Bild machen, in welche Truppe er am besten „hineinpaßt". Es soll damit aber nicht gesagt werden, daß er sich nun ängstlich prüfen soll, ob bei ihm auch alles stimmt, und keiner soll sich für minderwertig halten, weil er etwa diese oder jene körperlichen Vorzüge nicht aufweifen kann. Geistige Frische und Regsamkeit sind für Kameradschaft und Charakterfestigkeit sowie erhöhte und gestählte Leistungsfähigkeit durch körperliche Ertüchtigung in den Jugendjahren sind Vorzüge, die in gewissen Grenzen einen Ausgleich für etwa vorhandene körperliche Fehler schaffen. Es soll auch nicht der Eindruck entstehen, daß allein die körperliche Untersuchung maßgebend ist; auch andere Gesichtspunkte, vorwiegend beruflicher Art, sind von entscheidender Bedeutung. Die Dienstpflichtigen der seemännischen und fliegerischen Bevölkerung — Begriffe, die in*ber Musterungsverordnung genau festgelegt sind — werden zur Ableistung der aktiven Dienstpflicht in der Kriegsmarine und in der Luftwaffe herangezogen. Auch beim Heer spielen Berufseignung und besondere erlernte Fähigkeiten, wie Führerschein, Reiterschein usw., eine wichtige Rolle. Wer sich bei der SA. oder im Sport besonders bei Gepäckmärschen ausgezeichnet hat, wird sich sicher für Infanterie be
sonders eignen. Eine Fachausbildung im Funk- aeroerbe oder eine besondere Ausbildung im Morseschreiben sind immer Eigenschaften, die der Kompaniechef bei der Nachrichtentruppe besonders begrüßen wird. Gute kräftige Handwerker werden fast immer gute Pioniere ebenso wie Ingenieure bestimmter Fachrichtungen.
Der wunderbare Aufbau der Jugendorganisationen im Reiche Adolf Hitlers mit Jungvolk, Hitler-Jugend, Arbeitsdienst ist eine Vorbereitung für den Dienst in der Wehrmacht, der gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Und doch ist das alles nur das Stützgerüst, der Rahmen, in dem jeder einzelne mitarbeiten muß. Nicht nur zur Erzielung besonderer Sportleistungen, auch für die Vorbereitung zum Wehrdienst am deutschen Volke gilt es, an sich selbst zu wirken und zu arbeiten, damit für große Aufgaben ein gesun - d er Geist in gesundem Körper zur Verfügung steht. Dazu gehört, daß schon in frühester Jugend angefangen wird, alles zu vermeiden, was Körper und Geist Schaden bringt. Uebermäßige Trainingsanstrengungen sind für den jungen Körper in der Entwicklung immer schädlich. Anstrengende Arbeit in der Schule, im
Beruf, im Jugenddienst verlangt auch ausreichende Ruhe und Freizeit, sonst können ernste Schäden am eigenen Körper und damit an der Masse der Volkskraft auftreten. Bleibende Schäden können auch entstehen durch zu frühzeitigen Genuß von Giften, wie Kaffee, Nikotin, Alkohol oder durch unnatürliche Erregungen. Um diese gerade für den wachsenden Körper so gefährlichen Schäden zu vermeiden, muß jeder sich bemühen, ein gutes Beispiel zu geben. Hier kann schon jeder seine Führereigenschaften zeigen. Wer sich nicht zu beherrschen versteht, ist unfähig zum Führer und wird niemals ein guter Soldat werden; denn er zeigt, daß er keinen Sinn für Gemeinschaftsziele hat.
So kann jeder junge Deutsche an dem gewaltigen Gemeinschaftswerk der allgemeinen Wehrpflicht mitarbeiten und an seinem Teile mitwirken, daß der rechte Mann an die rechte Stelle kommt. Bei der Musterung darf jeder frei seine Wünsche äußern, und er wird beraten werden von fronterfahrenen Offizieren und truppendiensterfahrenen Sanitätsoffizieren. Das Ziel aber ist klar: Jeder soll Kämpfer für deutsche Art und Schützer deutschen Bodens werden.
Drei Stunden im Kühlraum.
Unheimliches Erlebnis auf dem Schnelldampfer „Pacific Shipper".
Die kanadischen Zeitungen berichten von diesem eigenartigen Vorfall, der dem Schiffskoch John Campbell beinahe das Leben gekostet hätte.
Was ist da schließlich weiter bei: Jeder Schiffskoch betritt mehrere Male am Tage den Kühlraum. Etwas ganz anderes ist es, wenn man dann plötzlich entdeckt, daß die Tür so unglücklich zuschlägt, daß man sie von innen nicht mehr öffnen kann und nun in der eisigen Luft gefangen fitzt! Wenigstens machte diese furchtbare Entdeckung John Campbell, Chefkoch auf dem kanadischen Passagierdampfer „Pacific Shipper“, als dieser ,im Oktober dieses Jahres sich auf der Fahrt von London nach Vancouver befand.
Alles ging im Anfang gut, wie es ja immer bei solchen Dingen zu gehen pflegt. Aber mitten im Atlantik tobte auf einmal ein solch schwerer Herbst- sturm, daß die beiden Schrauben Mühe hatten, den 12 000 Tonnen schweren Schiffskörper vorwärtszubringen. Man mußte damit rechnen, daß die Reife diesmal bestimmt zwei Tage länger dauern würde. Campbell wollte daher nach dem Abendessen sehen, ob die Fleischvorräte auch langen würden. Mit dem Schlüssel in der Hand ging er nach achtern; am Kühlraum schloß er erst die Außentür auf, legte eine Konservenbüchse gegen ihre untere Kante, um sie offen zu halten, und trat dann durch die Jnnen- tür ein, die er mit einem Stück Holz abstützte. Zehn Grad unter Null betrug hier die Temperatur. Grund genug, ein bißchen zu zittern, vor allem weil der Mann nur mit einem Sporttrikot und einer weißen Leinenhose bekleidet war. Aber es würde ja nicht lange dauern...
Während nun der Koch seine Vorräte zählte, rollte und schlingerte das Schiff, so daß Campbell sich oftmals festhalten mußte, um nicht fein Gleichgewicht zu verlieren. Dann war die Arbeit endlich geschafft. Er steckte Notizbuch und Bleistift wieder ein, wandte sich mit einem zufriedenen Lächeln dem Aufgang zu — in diesem Augenblick wurde das Schiff von einer gewaltigen Welle hochgehoben. Campbell flog dabei mit ausgestreckten Armen in die äußerste Ecke des Kühlraumes, sein Kopf schlug gegen eine eiserne Kante, so daß er für kurze Zeit die Besinnung verlor.
Als er wieder zu sich kam, machte er die entsetzliche Entdeckung: Eine umgestürzte Kiste hatte das Holz der Jnnentür weggeschoben und zugeschlagen! Eine Sekunde stand Campbell wie versteinert. Er wußte, daß der Mechanismus die Tür nur von außen öffnen ließ, und wenn man auch den
Schlüssel in der Tasche trug. Hier nützten sie einem nichts. Bei dieser Erkenntnis drückte der Koch verzweifelt die Schulter gegen die Tür. Sinnlos, niemals würde er sie öffnen können. Und doch rannte er immer wieder dagegen, schrie, klopfte mit den Fäusten. Die Wut des Meeres draußen war größer, lauter, viel lauter. Sie ließ keinen Menschen die Rufe des Koches hören.
Jetzt sah er es selber ein, daß es keinen Zweck hatte. Er überlegte — keiner wußte von diesem außergewöhnlichen Besuch des Kühlraumes, niemand hatte ihn geschickt, weil er der Chefkoch war und nur sich selbst zur Rechenschaft verpflichtet. Seine leere Pritsche konnte in der Aufregung um das furchtbare Wetter unbemerkt bleiben, das heißt, bis es Zeit wäre, das Frühstück zu bereiten — und bis dahin waren noch acht Stunden Zeit!
Mein Gott, nun fühlte er schon die Kälte von den Füßen emporsteigen. Er schüttelte sich, schlug die Arme ineinander, machte ein paar schnelle Schritte. Und immer wieder ging es ihm durch den Kopf: Acht Stunden bis zum Frühstück! Acht Stunden! Würde er nur in einer einzigen ermatten, wäre es aus mit ihm.
Erfroren! Dieser schreckliche Gedanke bemächtigte sich seiner, der nun nichts unversucht lassen wollte, diesem Schicksal zu entgehen. Es gab nur einen engen Durchgang zwischen den am Spieß hängenden, gefrorenen Tierkörpern und den hochaufgestapelten Lebensmittelkisten. Die Kisten waren fest eingekeilt und verschnürt gegen jede Erschütterung des Schiffskörpers, abgesehen von der einen, die ihm das Schicksal in den Weg gelegt hatte. Er schleppte sie an ihren alten Platz zurück. Dabei wurde ihm wärmer. Er nahm jetzt alle Fleischhälften von den Stangen herunter und hängte sie wieder auf. Da schwitzte er fast. Aber als sie wieder alle oben hingen, schienen sie ihm zuzurufen: „Oe-
Wird Cfnkel Cfskar
Staunen:
Warum ihn nicht zum Geburtstag mit einer Flasche Schaumwein überraschen? Die wünscht er sich im stillm längst?
SCHAUMWEIN fciriQt froKsinn!
Gießener Konzertverein.
Trqelkouzert von Günther Ramin.
Wenn Günther Ramin an die Spitze feines diesjährigen Orgelkonzertes in der Stadtkirche Jan Pieter S w e e l i n g f s (1561 bis 1621) Variationen über das altniederländische Lied „Mein junges Leben hat ein End" setzt, so betont er damit zu Recht die Stellung dieses Haupt- und Ausgangspunktes der rein instrumentalen Orgelkunst. Seine grundlegenden Studien bei Zarlino in Venedig führen ihn zu der Jmitationskunst Gabrielis. Von dort nach Amsterdam zurückgekehrt, nimmt er als Amtsnachfolger seines Vaters die Anregungen in sich auf, die ihm die englische Virginalmusik mit ihrer Variationstechnik bieten. Ihm gelingt es, kontrapunktisches Können und die Variationskunst miteinander zu binden und damit nicht nur eine technische, sondern auch eine bedeutsame seelische Vertiefung zu gewinnen. So wurde er wegen seiner hervorragenden Lehrfahigkeit als der deutsche „Organistenmacher" gepriesen. Er galt als „ein Mirakel der Musicorum und Organisten, zu welchem täglich, wenn er gespielt, ein großer Zulauf geschehen, um ihn zu hören und ken,en- zulernen" Für sein Können wird die obengenannte Variationsfolge als typisches Beispiel angesehen
Die weitere Entwicklung des Orgelspiels steht tm engen Zusammenhang mit der Gntroirflung des Orgelbaues, der die Orgel in engster Beziehung zum kultischen Raum weiterentwickelt, der Räumlichkeit entsprechend das Eigenleben der Einzelstimmen betont, und' so nimmt in dem Musikgeschehen des Barock die Orgel die herrschende Stelle ein. Dietrich Buxtehude (1637 bis 1707), der große Lübecker Orgelmeister, läßt noch die geistigen Ginroirfu.ngen Sweelingks nicht verkennen. Seine Fantasie über „Wie schön leuchtet der Morgenstern" gibt zunächst die strenge Einführung des Chorals in der Unter- stimme; bann aber werden die Gebilde immer freier variiert, umkleidet von glänzendem Passagenwerk; im letzten Teil löst sich das Thema in lebhaft fugierte Gebilde auf, mit einem machtvollen Schluß, Den Die letzte Choralzeile in der Oberstimme führt, laßt er sie ausklingen. , . , . f . ..
Welch hohes Ansehen Buxtehude bei seinen musikalischen Zeitgenossen hatte, dafür spricht am deutlichsten die Tatsache, daß der junge Johann Sebastian Bach zu Fuß von Arnstadt in Thüringen nach Lübeck wandert, um sich in die Kunst Buxtehudes einzuleben, und dies mit solchem Eifer, daß er den ihm zugebilligten Urlaub um das Dreifache überschreitet. Die beiden Orgelchoräle „Alle Menschen müssen sterben" und „In dulci jubilo“ entstammen Joh. Geb. Bachs Orgelbüchlein „Worinne einem an
fallenden Organisten Anleitung gegeben wird, auff allerhand Arth einen Choral durchzuführen". Bach wendet sich hier an einen kleinen, aber äußerst strebsamen Kreis und führt mit der textgemüßen Durchgestaltung des Choralspiels in besondere Tiefen. So fängt er die Grundstimmung des Textes in dem ersten Choral ebenso wie „In dulci jubilo4, wo er die Melodie in die Oberstimme verlegt und das Pedal als Oktavkanon diese imitieren läßt.
Die Toccata und Fuge in C-dur folgt in der Anlage dem italienischen Konzert durch die Einschaltung eines langsamen Mittelsatzes, der von einer quasi konzertierenden Solistimme beherrscht wird. Der Schluß dieses Teiles erscheint durch die Ballung chromatisch gemischter Harmonien von besonderem Reiz. Das thematische Material für die Durchführung des Kopfsatzes führt Bach mit einem ausgedehnten Pedalfolo ein.
Je mehr die musikalische Entwicklung in der Zeit nach Bach, zumal aber im 19. Jahrhundert, von der allgemein geistigen Kündung durch die Musik sich zur Aeußerung über das persönliche Ich des Komponisten verschiebt, desto mehr mußte sich auch der Charakter der Orgelmusik ändern, noch dazu wo der Orgelbau, um den subjektiven Regungen vollen Ausdruck geben zu können, die Darstellungsmöglichkeiten der Orgel zu orchestralem farbigem Klangmeer erweiterte. Das war eine große Gefahr für die moderne Drganiftengeneration, die an Stelle der Polyphonie die Klangfarbe fetzte, ein Verfahren, das die Impressionen der französischen Orgelmusiker aufs deutlichste erweisen. Da setzt Max Reger ein; er nützt alle Errungenschaften des modernen Orgelbaues aus — aber „nur eine aus Bach hervorgewachsene Kompositionstechnik kann uns den wahren Fortschritt bringen". Immer wieder beweist er seine Verbundenheit mit den kontrapunkttschen Formen des Barockzeitalters. Auch die „Introduktion und Passacaglia in d-moll" aus der Weidener Zeit folgt diesem Ziele. Sie ist ein Beitrag für eine Sammlung zeitgenössischer Orgelkompositionen, darum meidet Reger die hohen Schwierigkeiten seiner anderen Werke: „So wie die Passacaglia ist, muß sie jeder nur einigermaßen geübte Organist vom Blatt spielen können". Das „Gloria und Benediktus" aus op. 59 zeigen Reger als kultischen Musiker, der hier die polyphonen und harmonischen Mittel zum Künder religiöser Stimmungen werden läßt.
Günther Ramins Orgelspiel ist für das Gießener Musikleben zu einem besonderen Ereignis geworden. Auch diesmal betätigte sich die ihm entgegengebrachte Wertschätzung vollauf. Seine, großzügige Auffassung als Musiker, eine bis zum letzten organischen Fundament vordringende Zer-1
glieberungsgabe, ein mit dem Plastischen der Thematik sich bindender Klangsinn werden bei ihm von lebensvollem Impuls getraaen. Als versierter Musiker und hervorragender Kenner Der Orgelliteratur steht ihm ein nie versagendes stilistisches Einfühlungsvermögen zur Seite, so daß er jedem Zeitalter die ihm zukommende Klanggestalt und Artikulationsform zu geben vermag. Das erkannte man nicht zum mindesten bei Sweelingks Variationen. Mit kristallener Klarheit hob sich die melodische Linie des Themas heraus, mit feinem Empfinden wurden die Einzelzüge herausmodelliert. Die weck)felreiche Abfolge der einzelnen Klangbilder wurde durch mannigfache Modifizierung der Einzel- regifter belebt. Buxtehudes Phantasie über „Wie schön leuchtet der Morgenstern" ließ er in der thematischen und dynamischen Gegensätzlichkeit sich voll auswirken. Der zweite, vornehmlich imitierende Teil erschien äußerst subtil in der Durcharbeitung des Tonfiligrans, durch Echowirkungen wußte er den thematischen Verlauf reizvoll zu beleben; nur die Schlußphrase hätte bei weitem mehr Klangfülle aufweisen können.
Bachs beide Orgelchoräle wurden dem Text entsprechend interpretiert, in gedämpfter Stimmung „Alle Menschen müssen sterben"; der „In dulci jubilo"-Kanon in froher Bewegtheit. Den stärksten Eindruck gab aber Bachs Toccata und Fuge in C-dur mit seinem sehr sorgfältig gegliederten Passagenwerk der Einleitung und äußerst durchgearbeiteten Pedalsolo; der straffe Zua in der Durchführung des ersten Satzes gab diesem markante Züge. Im Adagio stellte er dem unerbittlich schreitenden Rhythmus im Pedal die Solostimme in freier Entfaltung gegenüber mit sorgsältigst angeglichener Phrasierung, Damit für viele Den Höhepunkt des Konzertabends gebend; ungemein wirkungsvoll und klanggesättigt waren die Schlußtakte des Adagios. Die Fuge mit ihrem ausgedehnten Thema strahlte im Lichte des Eigenwertes Der Nebenstimmen auf, immer mieDer neue klangliche und thematische Schönheiten aufdeckend.
Max Regers „Jntrvduktton" steigerte Ramin durch die Ausnützung der Klangmittel zu überwäl- ttgender Tonflut. Wie er in Der „Passacaglia" Das zunächst mit Dunklen Stimmen im Pedal vorgetragene Theman allmählich sich im Lichte Der figurierten Nebenstimmen aufhellen ließ, wie Das bewegtere Tempo sich mit einer wohlüberDachten Registrierung zu höchstem Klanggewoge auftürmte, Das ist nur einem so genialen Künstler wie Ramin gegeben. Die beiden Stücke aus op. 59 „Gloria und Be nediktus" waren in der Abschattierung Der klanglichen Mittel und der Abwandlung Des Tempos Momente kultischer Weihe.
Den Ausklang Des Orgelkonzertes gab eine freie Improvisation Des Konzertgebers über das Advents- lied „Macht hoch die Tür". Er ließ allmählich das Thema sich herauskristallisieren, es Dabei leuchtend umspielend. Nach mannigfachen thematisch Durchgegliederten Aufwallungen, dem Herauswachsen neuer melodischer Gebilde, ließ er sein Spiel gipfeln in einem machtvollen Baß-Cantusfirmus. Angesichts dieser gewählten Ausdrucksweise konnte Die Wendung Des Schlusses nicht Dem Eindruck Des Dorangegangenen entsprechen. Jedenfalls aber ließen diese Einblicke in Ramins Schaffenserleben auch die letzten Grundlagen für fein eminentes Darstellungs- Vermögen als ausübender Musiker erkennen.
Die Introduktion und Passacaglia wie auch das „Gloria" hat Prof. Ramin schon einmal im Laufe der letzten Jahre hier gespielt. Bei Dem Reichtum an Regerschen Orgelwerken wäre es doch im Interesse aller zu begrüßen, Wiederholungen soweit zu vermeiden, bis wir hier das gesamte Werk gehört haben. Dr. Hg
Oer Star, das Fahrrad und das Schweinchen.
Daß der Film die reine Wunderwelt ist, dürfte den Darstellern im allgemeinen bekannt fein. Die englische Schauspielerin Merle Oberon aber erfuhr diese Tatsache kürzlich noch von einer ihr bisher neuen Seite. In ihrem nächsten Film „Der geliebte Feind" wird man sie zu Rad die Gegend durcheilen sehen in einem Tempo, um das jeder Rennfahrer sie beneiden könnte. Dabei mußte sie, als der Regisseur sie aufforderte, das Rad zu besteigen, gestehen, daß sie nicht radeln könnte. Darauf trat Der „Deus ex machina“ in Erscheinung. Das Rad wurde durch eine besondere Vorrichtung festgestellt, die Schauspielerin brauchte nur zu treten, während die Landschaft in rasendem Tempo an ihr vorbeisauste. Nun aber bekam die Künstlerin Lust auf diesen Sport und beschloß, ihn auszuprobieren. Im Anfang ging es ganz gut, trotz eines gewissen Zickzackkurses gelang es ihr, eine ganze Weile vorwärts zu rollen. Dann aber tauchte plötzlich ein kleines, rosiges Schweinchen auf. Es schien mit einer feit* (amen, magnetischen Anziehungskraft geladen. Die Radlerin steuerte direkt darauf zu, und auf einmal bildeten Star, Rad und Schweinchen ein unentwirrbares Knäuel. Glücklicherweise hatte Merle Oberon außer ein paar Schrammen keine Vev» letzungen öaoongetragen, aber sie schwört, nie wieder werde sie ein Fahrrad besteigen, es fei denn, es würden vorher alle Schweinchen ausgerottet.


