Aus der Provinzialhauptstadt.
Der stille Freund.
Freundschaften haben ihre Schicksale. Nicht jeder Freund erweist sich im Wechselspiel des Lebens als guter Freund. Die sprichwörtliche Freundestreue ist oft genug ein leerer Wahn, und mancher, der in der Bedrängnis darauf gebaut, hat eine bittere Erfahrung buchen müssen. Anders ist es mit jenem Freund, von dem hier die Rede ist. Er ist unwandelbar in seiner Treue, niemals wird er dich enttäuschen, und zu keiner Stunde deines Lebens erscheint er dir ungelegen.
Denn er ist ein stiller Freund, der nur dann kommt, wenn du ihn rufst. Hast du ihn aber zu dir gebeten, dann kannst du sicher damit rechnen, daß er dir Gutes bringt und daß deine Unterhaltung mit ihm zu einer anregenden und besinnlichen Zwiesprache wird. Es ist etwas Köstliches um diese Zwiesprache in den dunklen Wochen, die wir jetzt durchleben, wo das Tageslicht schon am Nachmittage zu schwinden beginnt und das künstliche Licht zeitig aufflammen muß. Dann holst du den stillen Freund in den Bannkreis deiner Lampe, deren ruhiges Licht dem magischen Schein einer Zauberlaterne gleicht, und vernimmst mit Bedacht, was der Freund zu sagen hat.
Er weiß viel $u erzählen, das ist ganz gewiß. Es gibt kein Gebiet menschlichen Wissens und Könnens, von dem der stille Freund nicht Kunde zu geben vermöchte. Er berichtet dir von den Großen im Reiche des Geistes, breitet ihre Schätze vor dir aus, läßt die Werke ihres Schaffens vor dir lebendig werden und begeistert dich an dem Schwung ihrer kühnen Gedanken, an dem Feuer ihrer unvergänglichen Sprache. Die Größe kraftvoller Ideen ist ihm ebenso vertraut wie der Märchenbrunnen poetischer Gestaltung, der unermüdlich in den Tiefen der Volksseele rauscht.
Aber auch von fernen Ländern hörst du durch diesen Freund, von fremden Völkern und Reisen in neuerschlossene Gebiete. Er kann davon spannend und eindringlich berichten und ist auch bereit, dich sachlich zu belehren. Denn die Gebiete der Wissenschaften weiß er dir ausgezeichnet nahezubringen, falls dich danach gelüstet, wie er überhaupt imstande ist, dir jeden Stoff vorzutragen, der dein Interesse erregt Ob es die farbige Welt des Abenteuers, die Romantik der Märchen und Sagen, ob es die Ergebnisse exakter Forschungen ober die Problematik des Lebens an sich ist: immer kann dir der Freund Auskunft geben in der ihm eigenen Weise, die ebenso ruhig wie unaufdringlich ist.
Und darum verdient er dieses Lob, das ihm dargebracht sei. In dieser Woche gedenkt man seiner in allen Gauen Deutschlands, und man tut recht daran. Einmal im Jahre soll auch der stille Freund die allgemeine Beachtung finden, auf die er seiner Kulturmission zufolge Anspruch hat. Denn was wären wir ohne das Buch, eben jenen stillen Freund, der Zeugnis gibt vom Besten, was Menschengeist in allen Zeiten schuf. H. W. Sch.
Vornoiizen.
Tageskalender für Samstag.
NS.-Lehrerbund, Kreis Gießen, Abt. Mädchen- erziehung (techn. Fächer), 15 Uhr, in der Mädchenberufsschule Gießen: 1. Die volkswirtschaftliche Bedeutung des hauswirtschaftlichen Unterrichts (Frl. Köhler, Grünberg). 2. Der Handarbeitsunterricht im 7. Schuljahr (Frl. Kopp, Gießen). — Stadttheater (Theaterring der NS.-G. KdF.) 20 bi<5 22.30 Uhr, „Der Bettelstudent". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Moskau — Schanghai". — Lichtspielhaus: „Maria, die Magd". — Deutsche Glaubensbewegung, Ortsring Gießen, 20.15 Uhr, Vortrag von Wilh. Scholz (Stuttgart) im „Burghof" (früher Caf6 Ebel). — Deutsche Stenografenschaft, 20.30 Uhr, großes Oktoberfest auf der „Karlsruhe".
Tageskalender für Sonntag.
NSG. „Kraft durch Freude", Radwanderung (Sie- benmühlental — Braunfels), Treffpunkt 8 Uhr, Ecke Frankfurter Straße und Liebigstraße. — Stadttheater, 19 bis 21.30 Uhr, „Der Bettelstudent". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Moskau — Schanghai". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: 11 Uhr, Licht- bilderoortrag von Kapitän Schmehl: „Wolf mit dem Flugzeug Wölfchen"; „Maria, die Magd". — Musikalische Abendfeier in der Iohanneskirche; 18 Uhr: Orgelfeierstunde (Werke alter Meister). — Oberhessischer Kunstverein, Turmhaus am Brand, 11 bis 13 Uhr, große Kunstausstellung (Oelgemälde, Aquarelle, Tempera).
Verdunkelung in Gießen.
Oie restlichen Stadtteile kommen am Donnerstag, 5. November, dran.
Die Polizeidirektion Gießen teilt uns folgendes mit:
Die Verdunkelung der restlichen Stadtteile, die am 9. September 1936 und 16. Oktober 1936 nicht in die Verdunkelung einbegriffen waren, einschließlich der Stadtteile jenseits der Lahn, wird
am Donnerstag, 5. November, in dec Zeit von
20 bis 21 Uhr durchgeführt.
Es gelten dieselben Bedingungen, wie bei den seitherigen Verdunkelungen.
Bei der letzten Verdunkelung, die von der Bevölkerung mit Ausnahme von einzelnen Fällen sehr gut durchgeführt wurde, mußte leider die Feststellung gemacht werden, daß sich die Jugend trotz Verbots sehr zahlreich auf der Straße befand und allerlei Unfug trieb.
Es wird nochmals darauf hingewiesen, daß während der Verdunkelung der Aufenthalt auf
der Straße verboten ist. Verstöße gegen die Anordnung werden für die Zukunft strafrechtlich verfolgt.
Da in nächster Zeit mit einer großen Verdunkelungsübung für das gesamte Stadtgebiet einschl. der Nachbarorte zu rechnen ist, wird dringend empfohlen, sich schon jetzt das erforderliche Verdunkelungsmaterial zu beschaffen. Kraftfahrzeuge ohne Verdunkelungskappen werden bei solchen Hebungen angehalten und erst nach Schluß der Verdunkelung weitergelassen. An Anbetracht des Luftschutzgedankens dürfte es für jeden Kraftfahrer eine Selbstverständlichkeit fein, stets d i e Derdunkelungskappen im Fahrzeug mitzuführen, da ihm dadurch viel Zeitverlust erspart bleibt.
Stadttheater Gießen.
Aus dem Stadtcheaterbüro wird uns geschrieben: Heute abend findet die zweite Vorstellung für den Theaterring der NS.-Kulturaemeinde statt. Der erste große Operetten-Erfolg der neuen Spielzeit: „Der Bettelstudent", Operette von Earl Millöcker. Musikalische Leitung: Hans H. Hampel. Spielleitung: Paul Wrede. Anfang 20 Uhr, Ende 22.30 Uhr. Freier Kartenverkauf zu Tagespreisen.
Am Sonntag, 25. Oktober, der große Ersolg „Der Bettelstudent", Operette von Ccttl Millöcker. Paul Wrede führt die Spielleitung seiner szenischen und textlichen Neubearbeitung. Musikalische Leitung: Hans H. Hampel. Tänze und choreographische Leitung liegt in den Händen der neuverpslichteten Ballettmeisterin Irmgard Zenner. Ansang 19 Uhr, Ende 21.30 Uhr. Außer Miete. — Montag, 26. Oktober, 20 Uhr, findet eine Großkundgebung der „Woche des deutschen Buches" statt. Nach den Eröffnungsworten des Herrn Oberbürgermeisters lesen die Dichter Robert Hohlbaum und Josef Wein- Heber aus eigenen Werken. Die Ausgabe der Platzkarten erfolgt in der Musikalienhandlung Challier. — Dienstag, 27. Oktober, Anfang 20 Uhr, Ende 23 Uhr: „Fiaaros Hochzeit", Oper von W. A. Mozart. Musikalische Leitung: Paul Walter. Spielleitung: der Intendant. Dienstag-Mete. 6. Vorstellung. — Mittwoch, 28. Oktober, Anfang 19.30 Uhr, Ende 22 Uhr: „Der Bettelstudent", Operette von Carl Millöcker. Musikalische Leitung: Hans H. Hampel. Spielleitung: Paul Wrede. Mittwoch-Miete. 6. Vorstellung. — Freitag, 30. Oktober, Anfang 20 Uhr, Ende 23 Uhr, Erstaufführung „Don Karlos", dramatisches Gedicht von Schiller. Spielleitung: Dr. Fr. Hellmund a. G. Freitag- Miete. 7. Vorstellung. — Samstag, 31. Oktober, Ansang 20 Uhr, Ende 22.30 Uhr, geschlossene Vorstellung NSG. „Kraft durch Freude": „Der Bettelstudent", Operette von Carl Millöcker. Musikalische Leitung: H. Hampel. Spielleitung: P. Wrede.
Versammlung in der Ortsgruppe Giehen-Osl.
Am kommenden Dienstagabend veranstaltet die Ortsgruppe Gießen-Ost im CafL Leib eine Versammlung, in welcher der Gauredner und Kreisob- mann der DAF. Pg. E i s e n t r a u b aus Frankfurt sprechen wird. Alle Volksgenossen sind zum Besuch der Versammlung eingeladen. Man beachte die heuttge Anzeige.
Vortrag von Kapitän Schmehl lm Lichtspielhaus.
Im Rahmen einer Morgenfeier wird Kapitän a. D. Schmehl, bekanntlich ein geborener Gießener, der in dankbarer Anerkennung seiner großen Verdienste um die deutsche Sache im Ausland auch mit der Ehrenplakette der Stadt Gießen ausgezeichnet wurde, am morgigen Sonntag im Licht- spielhaus Bahnhofstraße einen Lichtbildervortrag über seine ISmonatige Kreuzerfahrt mit dem Hilfskreuzer „Wolf" mit dem Flugzeug „Wölfchen" halten Auf die Veranstaltung sei besonders hin- geroiefen.
Von der Universität.
Von der Pressestelle der Universität Gießen wird uns mitgeteilt:
Mit der Vertretung des durch das Ausscheiden von Professor Herzog freigewordenen Lehrstuhls für klassische Philologie an der Universität Gießen
wurde der Staatsbibliothekar und Dozent an der Universität Würzburg Dr. H. Hommel beauftragt.
Professor Dr. Cermak in Gießen ist beauftragt worden, auch im Wintersemester 1936/37 die Vorlesungen über allgemeine synoptische Meteorologie an der Universität Gießen zu übernehmen.
Mit der Vertretung des durch das Ausscheiden von Professor Zwick freigewordenen Lehrstuhls für Veterinärhygiene und Tierseuchenlehre wurde Regierungsrat Professor Dr. Karl Beller beauftragt.
Mit der Vertretung des Lehrauftrags für Forstzoologie und Schädlingsbekämpfung am Forstin- ftitut der Universität Gießen wurde Professor Merker in Gießen beauftragt.
Der nordische Lektor an der Universität Mar - bürg, Fil. lic. Ture Johannisson wird im Wintersemester 1936/37 auch an der Universität Gießen Lehrgänge für schwedische Sprache ab - halten.
Tagung der Arbeitskammer Hessen.
NSG. Unter der Leitung des Gauobmanns der DAF. Becker fand im Plenarsitzungssaal der Börse zu Frankfurt a. M. am Freitagnachmittag eine Tagung der Arbeitskammer Hessen statt. Zum Thema stand diesmal die Frage der für Werk und Gefolgschaft günstigen Lohnauszahlung.
Nach der Eröffnung durch Gauobmann Becker gab der Direktor eines westdeutschen Hüttenwerkes interessante Einblicke in die Versuche dieses Werkes, die wöchentliche Lohnauszahlung, dem Wunsch der Gefolgschaft entsprechend, auf monatliche Aus- Zahlung umzustellen.
Im Anschluß an diese Ausführungen sprach der Direktor der Stadtsparkasse Dortmund über die praktische Durchführung der neuen Lohntechnik.
An die beiden Referate schloß sich eine interessante Aussprache an. Immer wieder klang aus den Worten aller Redner die Sorge des nationalsozialistischen Deutschland, jedem schaffenden Menschen sein Recht zukommen zu lassen.
Wechsel in der Sauwerkscharführung
$2L-Sfanbarfenfüfjrer Holzappel Gauwerkscharführer Hessen-Tlassau.
NSG. Der Gauobmann der Deutschen Arbeitsfront Hessen-Nassau, Willi Becker, gibt bekannt:
„Auf Grund des neuen Abkommens zwischen dem Reichsorganisationsleiter Dr. Robert Le n und dem Stabschef der SA. Lutze ist der bisherige Führer der Standarte 81, Holzappel, zum Gauwerkscharführer Gau Hessen-Nas- s a u ernannt worden.
Der Gaureferent für „Schönheit der Arbeit", David Müller, der bisher kommissarisch das Amt des Gauwerkscharführers mitversah, hat die Geschäfte dem neuen Gauwerkscharführer Holzappel übergeben, und ich benutze die Gelegenheit, dem Gaureferenten für „Schönheit der Arbeit" David Müller für die verdienstvolle und aufopfernde Tätigkeit als kommissarischer Gauwerk- scharsührer zu danken. Parteigenosse David Mül - l e r wird weiterhin als Referent für das Amt „Schönheit der Arbeit" tätig fein, wo ihn neue und größere Aufgaben erwarten."
Oeffentliche Sitzung -es Kreisausschusses.
In einer öffentlichen Sitzung des Kreisausschusies unter dem Vorsitz von Oberregierungsrat Dr. Schönhals, am gestrigen Freitagnackmittag, wurde in zwei Verwaltungsklagen entschieden.
Das Kreisamt Gießen hatte am 30. Juli 1936 dem Otto B ö ch e r in Hungen den Führerschein entzogen, wogegen dieser Einspruch erhoben hatte. Der Tatbestand ergab, daß B. am 8. 1. 1936 gegen 21 Uhr in der Kaiserstraße in Hungen einen Verkehrsunfall verursachte, bei dem ein Menschenleben zu Schaden und ein weiteres zum Tode gekommen war, sodaß er hierfür rechtskräftig verurteilt wurde. Der Kläger setzte die Zufälligkeit dieses Verkehrsunfalles auseinander und hob hervor, daß er schon 10 Jahre einen Führerschein besaß und sich verkehrsrechtlich noch nie vergangen hatte. Als Geschäftsführer einer Genossenschaft brauche er einen Führerschein. Sein Verteidiger, Rechtsanwalt Zimmer, begründete die Notwendigkeit eines Führerscheines für den Kläger und erläuterte die schicksalhafte Verkettung von Umständen die in diesem Falle, da dem Verurteilten keine Zeugen zur Verfügung standen, zu seinen Ungunsten ausgefallen waren. Er führte die bisherige Unbescholtenheit dieses Fahrers, der 10 Jahre kein Vergehen begangen hatte, an und belegte durch einige Zeugnisse die Persönlichkeit des Mannes. Der Vertreter des Kreisamtes forderte die Abweisung der Klage mit dem Hinweis auf die hohe Zahl der Unglücksfälle und die Bestrebungen der Reichsregierung zum Schutze des Verkehrs. Nach längerer Beratung wurde die Klage des B. als unbegründet kostenpflichtig abgewiesen.
In einem weiteren Falle war dem Friedrich A l t h a u s in Gießen, Kläranlage, der Antrag auf Ausfertigung eines Führerscheines abgewiesen worden. In der Verhandlung kam zum Ausdruck, daß die Vorstrafen des Klägers, unter denen sich auch solche auf verkehrsrechtlichem Gebiet befinden, es nicht für geraten erscheinen lassen, diesem den Führerschein zu gewähren. Der Vorsitzende verwies den Kläger auf die führerscheinlosen Fahr- zeuge. Nach kurzer Beratung wurde auch diese Klage als unbegründet und kostenpflichtig abgewiesen.
Damit war nach dreistündiger Dauer die Sitzung geschlossen.
Schulgottesdienst am Veformationsfest
LPD. Gemäß Vereinbarung der zuständigen Stellen findet, wie EPD mitteilt, auch in Nassau- Hessen am 31. Oktober, am Tage der Reformation, ein allgemeiner Schulgottesdienst statt. Die Gebietsführung 13 der Hitler-Jugend hat auf Antrag der Kirchenbehörde angeordnet, daß die Angehörigen des Deutschen Jungvolks, die am 31. Oktober 1936 anläßlich des Reformationsfestes an einem Gottesdienst teilnehmen wollen, an diesem Tage für die Zeit von 8 bis 11 Uhr vom Staats- jugenbtag befreit sind.
** D i e Verlosung von Auslosungsrechten der Gießener Ablösungsanleihe betrifft eine Bekanntmachung des Oberbürgermeisters in unserem heutigen Blatte, auf die wir besonders Hinweisen.
** Eine öffentliche Mahnung zur Zahlung von Rückständen erläßt die Stadtkasse in unserem heutigen Blatte. Säumige Zahler mögen die Bekanntmachung beachten.
EPNH. Evangelische Pfarrpersonalien. Ernannt wurden: der Pfarramtskandidat Lic. Fritz Hahn zu Hopfmannsfeld, Dek.Lauterbach, zum Pfarrverwalter dieser Pfarrei ab 16. 9. 36; der Pfarrvikar Willi Feix zu Gießen zum Pfarr- verwalter der Pfarrei Wenings, Dek. Büdingen, vom 16.9.36; der Pfarrverw. E.Betten zu Langd, Dek. Hungen, zum Pfarrverwalter der Pfarrei Horrweiler bei Mainz ab 1.10.36; der Pfarrer Hermann Trautwein zu Holzhausen, Dek. Gladenbach, zum Pfarrer der Pfarrei Rodheim a. d. B., gleiches Dekanat, ab 1. 10. 36. — Der Pfarrer und Prof. Lic. Wilh. Neufer zu Herborn ist auf feinen Antrag mit Wirkung vom 25. Oktober 1936 ab aus dem Dienst der evangelischen Landeskirche Nassau- Hessen entlassen worden. Er ist zum Landessuperindenten der Lippischen Landeskirche.
MmlsesesveWe» JRoman von Zlse Schuster.
Copyright 1936 by Aufwärts«Verlag G. m. b. H., Berlin SW 68
32 Fortsetzung. Nachdruck verboten!
So lange Hanna Brandes vor der Hütte steht und die Nacht fast unbemerkt ihre Schatten über gleißendes, üppiges Tagesleuchten legt, ist auch ihr Herz still und voller Ruhe. Aber die unruhigen Schatten des offenen Feuers, das leise Summen im Wasserkessel, das Knarren der Dielen und Wände wecken ihren Jammer wieder auf, und ehe sie noch mit brennenden Augen auf ihrem Lager liegt, hat das Gesicht Herbings wieder Besitz von ihr ergriffen. Ihre Gedanken suchen ihn in den Ländern des Balkans, sie sieht ihn in den Hallen der großen internationalen Hotels, hört ihn mit Frauen sprechen und lachen, und es unterscheidet sich nur wenig von dem, was er auch ihr gesagt hat — vielleicht sind es nur die Namen, die anders klingen.. wie Gift ätzt es ihr Herz und ihren Stolz.
Die drei Tage der Einsamkeit sind ein Wechsel vom Frieden zur Qual, und als der letzte mit Schnee und verdecktem Himmel anbricht, ist sie froh, fort zu können, es ist wie eine Flucht, die Stimmen von Schnee und Wind sind wie Hohn hinter ihr her.
In Buchwald gibt es einen unfreiwilligen Aufenthalt. Sie läuft einer Absperrmannschaft in die Arme, und die lassen sie nicht weiter. Die Straße nach Greiding sei abgesperrt, sie müsse über Wöding. Auf ihre erstaunte Frage, weshalb denn das notig fei, sagten die drei Männer nur:
„Winter-Gebirgs-Prüfungsfahrt!"
Richtig. Aber über Wöding nach Greiding ist ein großer Umweg, und Hanna ist so müde.
„Wie lange sperren sie denn ab?"
„Lang kann dös nimmer dauern. So viel kommen gar net durch, wer is denn a so a Gelände gewohnt mit seinem Wagen. Hinter Buchwald wirds ja besser, da treffens auf die Reichsauto, straße, aber bis sie halt dort fin —" orakelt der
Mann. Da kommt wieder ein Trupp — zwei — naa, drei sans —"
Der erste Wagen knallt an ihnen vorbei, der zweite jagt hinter ihm her — bleibt plötzlich stehen. Aus. Er hockt mitten auf der schmalen Straße, rückt weder vor noch zurück. Fluchen, Gestikulieren, aber das nützt auch nichts. Da kreischen Bremsen äuf — der dritte Wagen kommt ein, hupt zweimal kurz. Der Mann vom zweiten schreit etwas zurück, was niemand versteht, der dritte Wagen steht nun auch.
Hanna sieht einen Mann in Uniform aufsprin- gen, sieht auch deutlich sein Gesicht. Dann tut er etwas ganz Unmotiviertes. Er springt in den Wagen zurück, schreit „Weiter! Links vorbei am Haus lang!" Und das Unmögliche glückt, sie quetschen sich zwischen Haus und Wagen vorbei und verschwinden in der Kurve.
Schwarzrot war er, der Wagen.
Schwarzrot —?, überlegt Hanna, aber sie weiß selbst nicht recht, warum ihr die Farbe ausgefallen !st . . .
„Mensch, Leonhardt!", sagt Herdegen und wischt sich den Schweiß von der Stirn „Das ist nochmal gut gegangen!"
„Was denn? Das bißchen Vorbeidrängeln," wundert sich Leonhardt über den Kameraden, „ich finde, daß unser fabelhafter Start eine viel bessere Leistung war, die ganze Nacht hat der Wagen frei herumgesprungen, und wie brav ist er angesprungen —"
,Hhr sollt euch nicht immer unterhalten!", schimpft ©Untermann strahlend von hinten. „Jetzt kommt doch die Autostraße, Jungens, wir müssen noch ein paar Punkte herausholen — wir werdens ihnen allen schon zeigen, was wir in Berlin für tüchtige Kerle haben —"
Glücklich quetscht er seine Leibesfülle wieder in die Ecke; das war die gescheiteste Idee seines Lebens, daß er mitgefahren ist, außerdem fei er eine so schöne Belastung, hat der Teufelsjunge auch noch gesagt — seine gute Emmy hat ja nicht schlecht gezetert, und allesamt mit Wagen in tiefsten Schneewehen vergraben gesehen — er wird sich nicht lumpen lassen, wenn die Jungens einen anständigen Platz belegen, er wird was springen lassen — aber Himmelwetter, da legen sie ja wieder Tempo vor, daß man sich festklammern muß —? trotz der schnei
denden Kälte steigt es ihm heiß ins Gesicht — sie jagen auf der verharschten Straße, die schnurgerade ins Land hineinführt, als sei die Hölle selber hinter ihnen her — das Horn holt auf, der weiße Wagen, schon lange dem Manne am Steuer ein Dorn im Auge, scheint näher zu kommen — weicht zur Seite, wird glatt überholt — ©Untermann knetet seine Hände vor Aufregung und starrt wie hypnotisiert auf Leonhardt, der regungslos hinter dem Steuer hockt. Es denkt jetzt keiner mehr an Unterhaltung — Herdegen hat die Straße im Auge, sieht einmal verstohlen zu dem Kameraden hin. Das Gesicht ist Wille, Konzentration — das Kinn hat sich vorgeschoben — er fährt auch heute wieder ohne Brille, die Augen sind zusammengekniffen —
Herdegen erwischt sich dabei, daß er nervös auf den Klang der Maschine hört — nur durchhalten — die Straße hat noch zehn Kilometer für sie in Bereitschaft, und die müssen geschafft werden — trotz der erhöhten Inanspruchnahme des Motors auf diesen unglaublichen Strecken vorher dem armen Ountermann werden sich hinten die Haare langsam sträuben — aber das Herz des Wagens arbeitet exakt, kein Klopfen, kein fremdes Geräusch. —
„Brav, brav, —" sagt Herdegen vor sich hin und redet mit dem Wagen wie mit einem Menschen, der tapfer und zuverlässig seine Pflicht tut. Leonhardt hat es gehört, er sieht den Freund zwar nicht an, aber er lächelt stolz. „Du — das ist einer der schönsten Tage meines Lebens, Ludwig —"
Dann erkennen sie das Ziel. An den Masten flattern die deutschen Farben, bunte Wimpel heben sich von dem eintönigen Weiß der Landschaft ab, Menschen winken — sie rasen auf sie zu. —
Dann ist es geschafft. Der Wagen steht — im Nu sind sie umringt, Hände werden geschüttelt, von denen man nicht weiß, wem sie gehören — ©Untermann ist als erster aus dem Wagen herausgeklettert — er reißt sich die Ledermütze vom Kopf und hat weiter nichts zu tun, als zu strahlen. Er haut erst Leonhardt und dann Herdegen auf die Schulter — aber die haben ganz andere Sorgen. Erst kommt die Zigarette — sie ist ©old wert. Sie werden geknipst, von hinten und von vorn und merken es kaum. Die Presse will allerhand wissen und hat gezückte Bleistifte und Notizbücher — was sie schreiben, begreifen Herdegen und Leonhardt vor
läufig überhaupt noch nicht — „Beim Wagen bleiben, Herr ©Untermann!" Dann streben sie nach dem Hotel, in dessen bäuerlicher Behaglichkeit die wichtige Kommission sitzt und rechnet. Sie nicken den Beiden zu und schütteln ihnen beglückwünschend die Hände.
„Bis jetzt zweitbeste Leistung, meine Herren. Vor Ihnen liegt ein Mercedes - Sport neuesten Typs."
Herdegen und im Wolde sehen sich an, und dann geben sie sich auch die Hand, das gehört einfach dazu, alles gibt sich dauernd die Hand — Sie halten Ausschau nach ©Untermann, und dabei entdecken sie etwas Rührendes. Der Freund und Gönner hat eine Decke aus dem Wagen genommen und legt sie, wie einem braven Tier, sorgsam über den Kühler — es ist fast beschämend für sie.
„Bis jetzt zweitbester Platz, Herr ©Untermann!", ruft Leonhardt. „Kommen Sie herein, wir passen schon durch das Fenster auf."
Dann sitzen sie befriedigt um den großen runden Tisch und erwarten die letzten Wagen. Leute vom Bau lassen ihnen wenig Ruhe. Man staunt über die Leistung des neuartigen Typs, den noch kein Mensch gesehen hat. Leonhardt sagt gar nichts, er lächelt nur. ©Untermann ergeht sich in Andeutungen und tippt nur immer auf seine Stirn.
„Käppchen, meine Herren! Käppchen!"
Ein Mann ist unter ihnen, dessen Interesse sich nicht in ungeschickten und lauten Fragen äußert. Er beobachtet den Fahrer im Wolde sehr scharf. Dann nimmt er auch Herdegen aufs Korn. Die Beiden gefallen ihm. Verschwiegen, bescheiden. Der dicke Berliner ist nicht ernst zu nehmen, er freut sich, er weiß auch viel, aber er versteht nichts davon.
„Nun, Herr im Wolde, ich vermute, Ihr erster guter Sieg," leitet er das Gespräch ein. Dann stellt er sich vor. Dr. MitteUtädt aus Nürnberg. Der Name fährt Herdegen wie ein Schock durchs Gehirn, er stößt den Kameraden mit dem Fuß an, aber der kapiert nicht, weil ihm der Name Mittel- städt nichts lagt.
„Vielleicht haben Sie recht, Herr Doktor," sagt er ruhig. „Wenigstens mein erster sichtbarer Sieg, so weit ich es feststellen kann."
(Fortsetzung folgt)


