3n der Reservesiellung.
Die Mmiöoergäste, die am Vormittag einen Vortrag von Generalmajor Guderian über die Kraftfahrkampftruppen hörten, besuchten zunächst etwa in der Mitte des Frontabschnittes eine Reserve- stellung der Roten Partei. Das hier liegende Bataillon hatte am Vortage einen schweren Angriff durchführen müssen und war dabei gut vorwärts gekommen, mußte aber in der Nacht die gewonnenen Stellungen vor der feindlichen lieber- macht wieder räumen. In vorzüglicher Deckung lagen die V o r p o st e n auf einer kleinen Anhöhe, die einen guten Einblick in das Vorgelände bot. Ein Beobachtungsposten der Batterie, die etwa 4 Kilometer zurückliegt, hält ständige Verbindung aufrecht. Leichte und schwere Maschinengewehre, Infanteriegeschütze und Panzerabwehrkanonen waren in gut gewählten Stellungen verteilt. Aus der Ferne rollt heftiger Geschützdonner herüber, in den sich das pausenlose Tack-tack der Maschinengewehre mischt. Im Vorgelände war nichts vom Feind zu entdecken, als plötzlich die Rückverlegung der Stellung befohlen wurde, die sich nicht nur mit bemerkenswerter Schnelligkeit, sondern zugleich auch in völliger Ruhe vollzog.
Gerade als uns die hier liegenden Schützen erzählen, daß am Vortage der Führer von diesem Höhenzug ihr Vorgehen beobachtet habe, schallen begeisterte Heilrufe aus der von Freiensteinau kommenden Straße herüber. Der Führer kommt! Alle Strapazen sind vergessen. Begeistert jubeln die Truppen mit der Bevölkerung, die auch hier geduldig Stunden ausgeharrt hat, um den Führer zu sehen, ihrem Obersten Befehlshaber, der Tag für Tag unter seinen Soldaten weilt, zu.
Flug über den Fronten.
In den Spätnachmittagsstunden wurde einem Teil der Manövergäste und den „Kriegsberichterstattern" durch die Manöverleitunq das besondere Erlebnis eines Fluges über den Fronten beschert. Der Flugplatz der Manöverleitung, der in einem Talkessel unweit Gelnhausen lag, zeigte bei dem schönen Herbstwetter einen ungewöhnlich lebhaften Betrieb. Aufklärungs- und Kampfflugzeuge starten oder landen. Für die Manövergäste sind zwei große dreimotorige Junkers - Flugzeuge mit Kent Kennzeichen der Manöverleitung — einem gelben Anstrich auf dem Leitwerk — bereitgestellt. Mit 230 Stundenkilometer brausten die Maschinen das Kinzigtal aufwärts. Das Schachbrett der rotbraunen und sattgrünen Felder, die schnurgeraden Straßen, die von Bächen durchzogenen grünen Wiesen und die waldbestandenen Höhen bieten im matten Sonnenlicht ein herrliches Bild. Der Flug führt zunächst die Straße Frank- f u r t—F u l d a—B e r I i n entlang. Im Westen liegen die Spessarthöhen, im Osten der Büdinger Wald. Eine weiße Leuchtkugel, die hinter den Höhen aussteigt, zeigt die vorder st e Linie der Front an. Bald ist Fulda mit seinem herrlichen Dom erreicht. Dann dreht das Flugzeug nach Westen, um den rückwärtigen Raum der blauen Armee in der Richtung auf Lauterbach zu überfliegen und dann nach Südwesten auf den Vogelsberg einzuschwenken und die vorderste Linie zu überqueren. Mit Ausnahme der im Hinterland aufrückenden Kolonnen und einiger
Das große Geheimnis des Erfolges.
Lernen, arbeiten und sparen! — Reichsbankpräsident Or. Schacht ehrt Robert Bosch, den Gründer der Bosch-Werke.
Stuttgart, 23. Sept. (DNB.) Anläßlich des 50jährigen Bestehens der Boschwerke und des 75. Geburtstages ihres Gründers Robert Bosch fand in der festlich geschmückten Stadthalle eine Feier statt. Tausende von Werksangehörigen, eine große Zahl von Ehrengästen aus Staat, Partei und Wehrmacht, sowie Gäste aus dem Auslande, unter ihnen eine Abordnung der französischen Frontkämpfer, nahmen an der Feier teil. Nach einem musikalischen Vorspiel sprach Betriebsführer Hans Walz dem Jubilar die Glückwünsche der Gefolgschaft aus. Er teilte mit, daß Aufsichtsrat und Vorstand beschlossen haben, zum Gedächtnis des heutigen Tages neben einer Iubiläumsspende für die gesamte Gefolgschaft den Betrag von 1 Million RM. für die Pensions- und Hinterbliebenenfürsorge des Werkes zu stiften. Außerdem soll in Stuttgart ein „R o b e r t - B o s ch - Kra n k e n h a u s" errichtet werden, in dem nach den Lehrsätzen der Homöopathie und biologischen Erkenntnisse geheilt und geforscht werden soll.
Reichsbankpräsident Dr. Schacht
führte dann u. a. aus: Selten habe ich das Amt des Reichswirtschaftsministers so angenehm empfunden wie in diesem Augenblick, wo es mir die Pflicht und die Ehre bietet, Ihnen und Ihrem Werk die Glückwünsche der Reichsregierung und meine eigenen Glückwünsche zu überbringen. Sie haben niemals des bloßen persönlichen Gewinns wegen gearbeitet. Sie haben gearbeitet aus Freude am Werk, aus Freude am Schaffen, aus Freude am Aufbauen. Sie haben aus sich heraus die Kraft des Schöpferischen entwickelt und in das Werk umzusetzen versucht und verstanden, weil Sie als Mensch in sich die innere Pflicht und Verantwortung vor Gott empfanden, Ihre Gaben nicht brach liegen zu lassen, sondern den ewigen Funken, den Sie in sich trugen, zur leuchtenden Flamme werden zu lassen. Sie sind niemals ein Sklave des Kapitals, ein Sklave der Maschine gewesen. Sie sind Herr der Materie geblieben, Sie haben den Stoff gemeistert und haben sich nicht von ihm erdrücken lassen. Sie haben diesen Stoff mit Geist erfüllt und ihn verwandt, um Ihren Gedanken und Erfindungen Form zu geben und sie damit dienstbar zu machen für die Wohlfahrt der Menschen. Und Sie haben dieses Kapital aus Ihrer eigenen Arbeit von kleinsten Anfängen selber aufgebaut: Sie haben den Begriff des Kredits niemals mißbraucht, die Wirksamkeit des Kredits niemals überschätzt und
sind deshalb den Gefahren des Kredits niemals erlegen. Sie, unser Jubilar, haben durch ein langes Leben bewiesen, daß man K a - pital durch Arbeit aufbauen muß und daß man ein Weltunternehmen, wie das Ihre, nicht durch Kredit und Subventionen erstellt, sondern nur durch Einsetzung eines langen Lebens voll Fleiß und Beharrlichkeit.
Und damit hängt jene Eigenschaft zusammen, die in allererster Linie den Unternehmer und den Wirtschaftsführer ausmacht, das ist das Gefühl der eigenen Verantwortung. Es ist dies dasjenige, was den Unternehmer und den Wirtschaftsführer zu feiner übergeordneten Stellung in der Wirtschaft in erster Linie befähigt und berechtigt. Für den Erfolg und den Mißerfolg seiner Arbeit e i n st e h e n, das ist es, was den Mann ausmacht. Davon kann und darf kein Aufsichtsrat, kein Parlament, keine Behörde den Mann bewahren.
Die Einsetzung Ihrer eigenen Persönlichkeit für Ihr Werk und in Ihrem Werk hat Sie von Anfang an erkennen lassen, daß ein solcher Grundsatz nicht nur für Sie selbst, sondern auch für jeden Ihrer Mitarbeiter gelten muß bis zum geringsten Laufburschen hinunter. Das ist das große Geheimnis gewesen, welches in Ihrer gesamten Gefolgschaft das Gefühl lebendig gehalten hat, daß jeder an seinem Platze für das Gelingen des Werkes mitverantwortlich ist, daß jeder an feinem Platze wertvoll und deshalb geschätzt ist. Sie haben den Geist der Kameradschaft von oben her vorgelebt und deshalb kam Ihnen aus Ihrer Umgebung heraus ein gleichgearteter Wille entgegen. Es ist nun einmal unvermeidlich, daß in jeder Kameradschaft Ueberorbnung und Nachordnung herrschen muß. Kameradschaftliche Verbundenheit aber ist der Geist, der dies lieber» und Nacheinander ertragen und schätzen läßt. Sie haben es verstanden, diesen Geist zu schaffen und aufrecht zu erhalten.
Es wächst nicht nur in Ihrem Hause, sondern überall in Deutschland eine Jugend heran, der einst die Zukunft dieses Volkes und Landes anvertraut sein wird. Sie werden nicht schelten, verehrter Jubilar, wenn ich dieser Jugend heute zurufe: Richtet den Blick auf diesen Mann; e r hat gelernt, was er nur an Kenntnissen erlangen konnte, er hat gearbeitet, was ihm nur an Kräften gegeben war, er hat gespart, was er nur über seinen eigenen haushalt hinaus sparen konnte, er hat damit für
sein Volk geschaffen vielfach mehr, als was Millionen anderen möglich war, er hinterläßt euch, der Jugend, mehr, als was er materiell schuf, er hinterläßt und offenbart euch das große Geheimnis des Erfolges. Dieser Erfolg, so schloß Dr. Schacht, ist nicht erzielt durch Wunder, nicht etwa bloß durch äußere Glücksumstände, dieser Erfolg ist die Erfüllung eines langen und hart schaffenden Lebens, das zu allen Zeiten das Glück in sich trug und trägt, die von Gott verliehenen Gaben redlich benutzt zu haben."
In der Reihe der weiteren Glückwunschansprachen kamen die Verdienste von Robert Bosch als tüchtigem Wirtschaftler, sozialgesinnten warmherzigen Unternehmer und gutem Deutschen sowie die Weltbedeutung der Robert-Bosch-Werke rühmend zum Ausdruck. Die Glückwünsche des Reichskriegsministers und der Wehrmacht überbrachte General- major Ritter von Molo. Die Wünsche des Reichsstatthalters und der württernbergischen Landesregierung übermittelte Ministerialdirektor Dr. Staiger. Der Stuttgarter Oberbürgermeister teilte mit, daß die Stadtverwaltung beschlossen habe, die von Robert Bosch, dem Ehrenbürger der Stadt, eingerichtete Robert - Bosch - Stiftung für bedürftige Studierende um einen ansehnlichen Betrag zu erhöhen und zu erweitern. Die Wünsche der Technischen Hochschule an den Ehrendoktor, Ehrensenator und Ehrenbürger brachte Rektor Professor Dr. Stortz zum Ausdruck. Weitere Ansprachen hielten u. cl Präsident Hagemaier für die deutsche Automobilindustrie, Dr. Keßler für die Reichsgruppe Industrie sowie Dr. Hugo Eckener für den Luftschiffbau Zeppelin und die Maybach-Motorenwerke. Der Betriebszellenobmann der Boschwerke brachte die Anhänglichkeit und den Dank der 20 000 Gefolgschaftsmitglieder für ihren „Vater Bosch" zum Ausdruck.
Nach einem dreifachen Sieg-Heil auf den Führer und dem Gesang der Nationalhymnen sprach, stürmisch begrüßt, der Jubilar Robert Bosch. Er wies die Anerkennungen für seine Person zurück und übertrug sie auf die Gefolgschaft. Dann gedachte er der großen Zahl der verstorbenen Werksangehörigen. Mit dem Gelöbnis, in ihrem Geiste für Volk und Vaterland und die ganze Menschheit weiterzuarbeiten, schloß Robert Bosch. Die Uraufführung einer Festkantate beendete den eindrucksvollen Festakt.
Abessiniens Delegierte in Gens zngelaffen.
Völkerbundsformalismus siegt über politische Wirklichkeit.
weit zurückliegender Artilleriestellungen ist von den Frontabschnitten selbst auch nicht das Min- deste zu bemerken. Die Tarnung gegen Fliegersicht ist überall hervorragend durchgeführt. Auch ein Flug über dem roten Frontabschnitt braute, so herrlich er an sich war, keinerlei Einblick in die Stellung, geschweige denn daß etwas vom Verlauf der Kämpfe zu beobachten war.
Keine „Volksfront" in England.
Aber weiter Unterstützung der spanischen
Marxisten.
London, 24. Sept. (DNB. Funkspruch.) Der Führer der englischen oppositionellen Arbeiterpartei, A 111 e e, nahm in einer Rede gegen den Vorschlag Stellung, in England eine „Volksfront" nach französischem Vorbilde zu bilden. Politische Systeme seien nicht zur Ausfuhr geeignet und es gebe nichts gefährlicheres in der Politik, als die Beispiele anderer nach- zuahmen. „Der „demokratische S o z i a I i s • m u s" sei die einzig wirksame Antwort auf den „Faschismus". Aber trotz dieser Weigerung hält die englische Arbeiterpartei in außenpolitischen Fragen nach wie vor sehr enge Beziehungen mit der französischen Volksfront aufrecht. So hat der Generalrat des Gewerkschaftskongresses beschlossen, eine neue Abordnung nach Frankreich zu senden, um Anhaltspunkte für das außenpolitische Programm der bevorstehenden Jahreskonferenz der Arbeiterpartei zu finden. Eine Labour-Abordnung ist von einem Besuche bei der marxistischen Regierung in Madrid zurückgekehrt. Die Abordnung erklärte, daß sie alles in Bewegung setzen wolle, um das Verbot der Waffenausfuhr nach Madrid aufzuheben. (!) Ueberall hätte sie beobachtet, daß die roten Milizen schlecht ausge» rüs>! seien. Es sei daher dringend erforderlich, die Madrider Streitkräfte mit Flugzeugen, schweren Geschützen, Explosivstoffen, Maschinengewehren und Munition zu beliefern.
Kunst und Wissenschaft.
Deutsche Gelehrte
auf dem Brüsseler Krebsforschungskongreh.
Auf dem 2. Internationalen Kongreß für Krebsforschung und Krebsbe- kämpfung, der zurzeit in Brüssel tagt, haben verschiedene deutsche Gelehrte Hauptreferate gehalten. Großes Interesse fanden namentlich die Referate von Prof. Borst-München, der über den Reichsausschuß für Krebsbekämpfung und Krebsforschung und seine Arbeit berichtete und außerdem ein Referat über die Bedeutung der Wuchsstoffe hielt. Prof. E. Dormann s-München berichtete über die Ergebnisse der umfangreichen Sektionsstatistik, die vom Reichsausschuß für die Erforschung und Bekämpfung der Krebskrankheit veranstaltet mürben und die für die volksbiologische Krebsbekämpfung von großer Bedeutung sind. Dem Staat werden ourch diese Ergebnisse neue Wege gewiesen, an deren Gangbarkeit die Wissenschaft noch vor einigen Jahren nicht geglaubt hat. Auch dieser Vortrag wurde mit großem Beifall aufgenommen. Große Beachtung fand ferner das Referat von Prof. H. A u l e r vom Unioerfitätsinftitut für Krebsforschung an der Charitö Berlin. Prof. Auler sprach über die Grundlage der Chemotherapie und die Möglichkeit ihres weiteren Ausbaues.
Genf, 23.Sept. (DNB.) Die Völkerbundsversammlung hat mit 3 gegen 4 Stimmen bei 6 Stimmenthaltungen den Bericht des Vollmachtenprüfungsausschusses angenommen und damit d i e abessinischen Delegierten für d i e gegenwärtige Tagung zugelafsen. Der griechische Delegierte Po litis wies darauf hin, daß bei allen Ausschußmitgliedern Zweifel an der Ordnungsmäßigkeit der Vollmachten entstanden seien. Deshalb habe der Ausschuß daran gedacht, die Einholung eines Gutachtens beim Haager Internationalen Ständigen Gerichtshof darüber vorzuschlagen, ob die Inhaber dieser Vollmachten als Vertreter eines Völkerbundsmitgliedes im Sinne des Paktes gelten können. Da nach der Geschäftsordnung jeder Vertreter, dessen Zulassung Widerspruch findet, vorläufig an den Sitzungen mit denselben Rechten wie die anderen Vertreter teilnehmen, und die Entschließung des Haager Gerichtshofes voraussichtlich erst in einigen Wochen oorliegen könnte, habe die Auffassung überwogen, daß die Anrufung des Haag keine praktische Bedeutung haben würde. Als beste Lösung sei deshalb der Vorschlag angesehn worden, die Vollmachten trotz des Zweifels über ihre Ordnungsmäßigkeit als hinreichend zu betrachten, um der Delegation die Teilnahme an der gegenwärtigen Tagung zu gestatten.
Der Aufruf der einzelnen Abordnungen ergab die Annahme des Berichtes. Mit Nein stimmten Oesterreich, Ungarn, Albanien und Ecuador. Stimmenthaltung erklärten Bulgarien, Panama, Portugal, Siam, die Schweiz und Venezuela. Afghanistan, Bolivien und Chile haben an der Abstimmung nicht teilgenommen.
Die große Sensation der Herbsttagung des Völkerbundes war das Erscheinen einer abessinischen Delegation, um deren Anerkennung ein heftiger Streit entbrannte. Entgegen den Wünschen Englands und Frankreichs, Die im Hinblick auf die bevorstehende Fünfmächtekonferenz und die Bemühungen, Italien wieder zur Zusammenarbeit in Europa zurückzuführen, keinerlei BrüskierungRoms wünschten, wurde auf Betreiben kleinerer Mächte, hinter die sich der sowjetrussische Außenkommissar Litwinow-Finkelstein versteckt hat, die Frage der Anerkennung der abessinischen Delegation zum Gegenstand der Beratungen gemacht. Die letzte Hoffnung der Engländer und Franzosen, daß vielleicht der Ausschuß für die Prüfung der Vollmachten die Anerkennung der abessinischen Delegation verschieben könnte, ist gescheitert.
Auf Betreiben Litwinows hat der Ausschuß das Einholen eines Gutachtens des Ständigen Internationalen Gerichtshofes im Haag für unzweckmäßig erklärt, und die Völkerbundsversammlung hat darauf mit Stimmenmehrheit die abessinische Delegation zur gegenwärtigen Tagung zugelassen. Moskaus Politik hat ihr Ziel erreicht, Italien ist durch diesen erstaunlichen Beschluß in einer Weise brüskiert worden, daß für seine Rückkehr nach Genf keine Aussicht mehr besteht und auch, wie man in Paris und London betrübt feststellen muß, die Verhandlungen um das Zustandekommen der Fünf- mächte-Konferenz auf das äußerste belastet sind. Das ist es gerade, was Moskau mit seiner Politik, die auf die Wünsche des französischen Bundesgenossen nicht die geringste Rücksicht nahm, hatte erreichen wollen. Es ist nur erstaunlich und für die Genfer Atmosphäre kennzeichnend, daß eine Reihe kleinerer Mächte sich zu Handlangern der bolschewistischen Jntrigue hergegeben hat und einen Be
schluß fassen konnte, der die ganze Wirklichkeitsferne dieses seltsamen Gremiums in Genf beleuchtet. Abessinien befindet sich seit Monaten fest in italienischer Hand und es bedeutet ein polizeiwidriges Maß von Weltfremdheit, wenn noch irgendjemand meinen könnte, daß Italien jemals darauf verzichten würde. Man sollte doch auch in Genf endlich damit aufhören, von Dingen zu träumen, die es im Bereich der rauhen Wirklichkeit nun einmal nicht gibt. Der römische „Messagero" hat Recht, wenn er über diese Komödie schreibt: „Schatten aus einer untergegangenen Welt werden zur Versammlung zugelassen." L.
Eine neue Situation.
Warschau, 24. Sept. (DNB. Funkspruch.) Zu dem Genfer Beschluß schreibt „Polska Zbrojna", England und Frankreich hätten angesichts des
Widerspruchs vieler kleiner Staaten ihre Absicht aufgeben müssen, Italien um den Preis des Verzichts auf die Grundsätze des Völkerbundspaktes nach Genf zurückzubringen. Auf die Haltung Englands habe dabei zweifellos die Einstellung der Dominions eingewirkt. Es fei nunmehr eine völlig neue Situation entstanden, die Fünfmächte - Konferenz habe einen endgültigen Schlag erhalten. Die Zusammenarbeit mit Italien werde immer schwieriger, es fei nicht ausgeschlossen, daß Italien den Völkerbund verlassen werde. Der Genfer Beschluß, schreibt das Blatt, hätte in französischen Kreisen wahrhaft konsternierend gewirkt und die Franzosen verheimlichten nicht ihre Empörung gegen Litwinow, der vermutlich die Fünfmächte-Konferenz habe torpedieren wollen. Gleichzeitig beklagten die Franzosen, daß die Engländer nicht mehr Energie in der ganzen Angelegenheit gezeigt hätten.
„Die Genfer Komödie wird zur Jarre."
Italienische Stimmen zu den Vorgängen in Genf.
Mailand, 24. Sept. (DNB. Funkspruch.) Der Beschluß des Völkerbundes, die Vertreter des Negus zu den Verhandlungen zuzulassen, wird von der italienischen Presse in ihren Ueberschriften als ein neues Zeichen für die „Gewissenlosigkeit" der Genfer Einrichtung hin- gestellt, durch welche die Unordnung in Europa nur noch verstärkt werde. Der „Popolo d'Italia" überschreibt die Meldung mit den Worten: „Der Völkerbund bewillkommnet die Vertreter des Sklaventums in seiner Mitte".
„Messagero" stellt in seiner Ueberschrist dem Beschluß der Völkerbundsversammlung die feierliche Unterwerfung des früheren abessinischen Gesandten in Paris, Wolde Mariam, gegenüber und unterstreicht die moralische Bedeutung, die dieser Geste eines der repräsentativsten Vertreter des abessinischen Staates zukomme, den man künstlich wieder ins Leben zurückrufen wolle,
um ihn als Kriegsmaschine gegen den faschistischen Staat zu benutzen. — Diese Bedeutung werde auch in jenen Kreisen zum Nachdenken führen, in denen der schmachvolle, wenn auch verspätete Vorstoß gegen die ruhmreich durchgeführte Errichtung des ita- lienischen und faschistischen Imperiums ausgeheckt worden sei. Das gleiche Blatt überschreibt feinen kaum 30 Zeilen langen Genfer Bericht über die gestrige Völkerbundssitzung: „Die Genfer Komödie wird zu einerFarce. Schatten aus einer untergegangenen Welt werden zur Versammlung zugelafsen." Im übrigen wird hauptsächlich der a n t if a s ch i st i s ch e Charakter des Genfer Manövers unterstrichen, bei dem die Hand Litwinows zu spüren sei. Der Austritt Italiens aus dem Völkerbund müßte die ernstesten Hindernisse für die Bemühung um eine Neuordnung und Lösung der europäischen Probleme aufrichten.
„Litwinow hat den Völkerbund torpediert."
Oer Genfer Beschluß im
Paris, 24. Sept. (DNB. Funkspruch.) Zu dem Beschluß der Völkerbundsoersammlung schreibt das „Journal": „Litwinow hat den Völkerbund torpediert", die Sowjets seien es gewesen, die die Anerkennung der abessinischen Abordnung veranlaßt hätten. Diese Beleidigung gegenüber der Regierung Roms dränge Italien aus dem Völkerbund und schalte es von jeder europäischen Zusammenarbeit aus. Der Sendling Stalins habe also erreicht, die bevorstehende Zusammenkunft der Westmächte zum Scheitern zu bringen. „Der Sturmangriff der Sowjets gegen die Nationen des Westens hat vor der Genfer Versammlung vollen Erfolg gehabt", schreibt u. a. der nach Genf entsandte Außenpolitiker des Blattes. Litwinow hat einige Kunstgriffe, die zur Beilegung des abessinischen Falles erwogen wurden, torpediert und zwar ganz einfach aus dem Grunde, weil Sowjetrußland nicht die Schaffung eines Blocks der vier Westmächte dulden könne: welch ein Triumph in dem Spiel der Sowjetrussen, gleichzeitig Italien aus der in-
Echo der pariser preffe.
ternationalen Aktion auszuschließen, London in flagranti bei feinem Konflikt mit Rom zu packen, sich als Schützer des Völkerbundes, der Gesetzlichkeit und als Anführer der Kleinen hinzustellen."
Auch „Excelsior" stellt fest, daß nach dem bedauerlichen Beschluß des Völkerbundes nun keine Aussichten mehr für die Fünfmächte- Konferenz und für eine Reform des Völkerbundes bestehen. Frankreich bliebe nun nichts anderes mehr übrig, als nad) dem Nichtzustandekommen der Westmächtekonferenz sich auf den in dem Briefwechsel vom 1. April 1936 zwischen England, Belgien und Frankreich vorgesehenen gegenseitigen Beistand zu berufen. Der „Matin" schreibt, es sei hauptsächlich auf die Intrigen Litwinows zurückzuführen, wenn es zu diesem Beschluß des Völkerbundes gekommen sei. Litwinow sei der Sieger des Tages. Nach der Abkehr der großen Mächte, die bereits anfingen, ihr Spiel zu durchschauen, bemühten sich die Sowjets, unter den kleinen Mächten eine folgsame Anhängerschaft zu bekommen. Seit fünf Tagen


