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Donnerstag, 24. September 1936

186. Jahrgang

Nr. 224 Erstes Blatt

Gießener Anzeiger

Der F ü h r e r und Oberste Befehlshaber der Wehrmacht im Manövergelände auf einem Gefechtsstand in der Nähe von Hartmannshain; neben ihm der Oberbefehlshaber des Heeres Generaloberst Freiherr von Fritsch. (Presse-Jllustration-Hoffmann-M.)

Der Entscheidungsschlacht entgegen

Am dritten Tage der großen Herbstübung der Wehrmacht.

heimatlichen Lieder, die du, die wir alle gesungen haben. Was hier marschiert, das ist der Jahr­gang 1914 und es könnte, wenn es das seltsam webende Schicksal will, schon dein Junge sein. Und dieser Junge wird sicher, wie sein Vater war: tapfer und treu. Diese Jungens hier tragen das Vätererbe in sich. Das ist ein gutes Erbe und eine heilige Verpflichtung. Und wir wissen nun ganz icher, daß diese jungen Infanteristen gute Soldaten ind und immer sein werden.

DerLeitende" der Uebung, General der Artil­lerie Ritter von Leeb hat noch vor wenigen Tage gesagt:Die Infanterie -ist der Kern des Heeres. Ist der Kern gut, ist das ganze Heer gut." Wir sehen und begreifen: Der Kern ist gut, das ganze Heer ist gut. Ja, Deutschlands gesamte junge Wehrmacht ist so gut, wie sie nur sein kann. Alles, ohne Unterschied. Der Jahrgang 1914 und die Reserveoffiziere, die wieder ihre Hebungen machen wie einst, und in dieser Großen Herbst­übung ihre Entschlußkraft und ihre Derantwor- tungsfreudigkeit beweisen. Dazu alle die aktiven Offiziere und Unteroffiziere, die aufgebaut haben, was wir jetzt vor uns sehen. Sie haben dem Heere den neuen Geist gegeben, der im Grunde der gute Geist des alten Heeres ist.

Die Lage am dritten Tage.

LPD. An der ganzen Front, die sich Dienstag auf dem großen nord-südlichen Verkehrsweg zwischen dem Vogelsberg und den Ausläufern der Rhön ab­gesetzt hatte, herrschte am dritten Tage dieses Krieges im Frieden" eine ungewöhnlich lebhafte Tätigkeit, wenngleich der Kampf noch nicht in den entscheidenden Abschnitt getreten ist. Aus den zahl­reichen kleineren Gefechten aber und noch mehr aus den Vorbereitungen, die auf beiden Seiten am Mittwoch getroffen wurden, läßt sich erkennen, daß eine Entscheidung nahe bevor st eh t. Ob sie gerade in diesem Abschnitt und wann sie überhaupt fallen wird, ist bei der völlig freien Durchführung dieser großen Uebung nicht vorher- zusagen.

ter ist en. Es kann eigentlich gar nicht oft genug gesungen werden. Das sind die Männer im Manö­ver, die Tag und Nacht auf den Beinen sind, de­nen der Herbstwind am Tage um die Ohren pfeift, die nächtens beim Landregen, in die Zeltbahn ge­hüllt, am Waldrand die Stellung halten, über Lehm­ücker vorkriechen oder auf stundenlangen Märschen die großen Umgruppierungen vornehmen müssen, von denen das Schlachtenschicksal abhängt.

Auf dem Marsch ins Kampfgebiet stoßen wir auf hannoversche Regimenter, die stisch und froh ihre Straße daherziehen. Hübsche Hessenmädchen winken den niedersächsischen Jungens zu, die sich hier schon halb wie zu Hause fühlen.Kameraden, wo kommt ihr her?"Aus Hildesheim". Und da werden mit einem Schlage die Erinnerungen wieder wach, die mit der Ausbildungszeit des Landsturmmannes in der Hildesheimer Bahnhofskaserne im Herbst 1914 verknüpft sind. Und plötzlich taucht in den Reihen der marschierenden Soldatenjugend ein lang ver­gessenes, plötzlich wieder vertrautes Gesicht auf. Ist das nicht der Heinrich Oltrogge aus Nienberg an der Weser, der linke Nebenmann und Kamerad in der Korporalschaft von einst? Das ist der blonde Haarschopf und der gleiche treue Blick. Heinrich Oltrogge, dich haben sie schon 1915 bei Tahure be­graben. Aber ich weiß noch, als du mir im Sep­tember 1914 von der Geburt deines ersten Jun­gen erzähltest, und wie wir abends nach dem Dienst auf sein Wohl tranken. Der, der da eben vorüber- zog, hatte das gleiche gute und ehrliche Gesicht, er trug das Gewehr wie du und sang die gleichen

mal ein undankbares, immer aber ein wichtiges Amt versehen. Es gab nicht wenig Offiziere bei diesem Manöver, die 15 Stunden und mehr im Sattel gesessen haben und die zwei Pferde am Tage verbrauchten. Die Schiedsrichter müssen immer und überall dabei sein, wo marschiert und wo gekämpft wird. Vor dem Kriege war vor allem bei der Mannschaft manchmal die Meinung verbreitet, daß das Schiedsrichteramt einDruckpunkt" fei, eine Gelegenheit,eine ruhige Kugel zu schieben", wie es im Soldatendeutsch heißt. Das ist jetzt be­stimmt und in jedem Falle falsch. Darüber hinaus stellt das Amt eines Schiedsrichters gesteigerte An­sprüche an militärischem Können Es ist deshalb selbstverständlich, daß bei der Truppe eine besondere Ausbildung für das Schiedsrichteramt erfolgt. Der Schiedsrichter soll nicht beim Eingreifen einfach befehlen und anordnen, sondern er soll dem Mann erklären, warum er außer Gefecht gesetzt wird, damit er sich beim nächsten Male kriegsmäßiger verhält. Die Schiedsrichter müssen nicht nur die Gefechtswirkung in allen Einzelheiten abschätzen, sondern sie müssen auch die Gefechtslage richtig wer­ten können. Ihre Meldungen und Berichte gehen alsdann dem Oberschiedsrichter zu, der die letzte schiedsrichterliche Entscheidung fällt und sie dem Leitenden" vorlegt.

DerInsanImff.

Und noch einmal gilt es, das Lied vom braven Mann zu fingen, das Lied vom braven I n f a n -

Banner.

73 on unserem K Br.-Sonderberichterstatter.

Schlüchtern, 23. Sept. 1936.

In dem kleinen Schlüchtern hat während der Großen Herbstübung 1936" der Schlachtengott seinen Sitz gehabt. Das ist in diesem Fall der Leitend e", der Oberbefehlshaber des Gruppen­kommandos II, General der Artillerie Ritter von Leeb. Hier bei der Uebungsleitung liefen alle Nachrichten der beiden kämpfenden Parteien ein und von hier gingen die Befehle aus, wenn ein Eingreifen notwendig erschien. Kein Wunder also, wenn in diesem idyllischen Nest Soldaten aller Formationen zusammentrafen. Hier in der geistigen Zentrale des Manövers wurde auch erkennbar, daß es trotz Maschinen und Motoren Männer sind, die die Schlachten und Kriege entscheiden. Die Mo­toren und Maschinen haben dem Soldatentum ein anderes Gesicht gegeben, dies aber ist geblieben und wird immer bleiben: der zielbewußte Führer- e n t s ch l u ß und die Tapferkeit des Kämp­fers. Auf die Männer im Manöver kommt es vor allem und letztlich an. Wer sie jetzt gesehen hat, der weiß, was diese Männer leisten und von welchem Geist sie beseelt sind.

Der Kraftradschütze knöpft seinen Gummi­mantel zu und braust mit feiner Meldung ab in die Nacht. Er ist von Beruf Schlosser aus Langen­salza, er hat auch auf seinem Kalender nur noch 35 Tage abzustreichen gehabt, bis zum Tage der Entlassung. Dann sind plötzlich aus den 35 Tagen wieder 400 Tage geworden. Keine kleine Ueber- raschung war das im ersten Augenblick. Aber er wäre kein Soldat gewesen, wenn er nicht eingesehen hätte, was von ihm verlangt werden mußte. Bei dem Panzerschützen, der hier auf einen Be­fehl wartet, war das nicht anders. Gewiß war im ersten Jahr viel gelernt und geübt worden, aber auch im kommenden zweiten Jahr bleibt noch viel zum Lernen und zum lieben übrig. Hat sich schon bei der Infanterie ein Dienstjahr als zu kurz für die Ausbildung erwiesen, so ist das hier in er­höhtem Maße der Fall.

Was vom Manne verlangt weren muß, daß sehen wir auch an den Fliegern, die im blauen Ge­lände einen Hilfsflugplatz f ü r eine Jagd­staffel eingerichtet haben und die nun hier am Werke sind, ' um ihre Flugzeuge unter den Obst- bäumen zu tarnen, die Motoren nachprüfen und sie mit neuem Brennstoff zu versehen. Ist schon das Pensum der Bodenformationen wahrlich nicht ge­ring bemessen, so kommen Flieger und Beobachter aus dem Lernen und Heben fast nie heraus. Da ist erst einmal die Kunst des Fliegens selbst, dazu kommt die Navigation mit der Peilung und allem, was dazu gehört. Das aber muß erkannt werden, daß eine Ausbildung zum erfahrenen Flieger mit allen Schikanen Jahre beansprucht. Zum Aufbau der Luftwaffe gehört nicht nur die Konstruktion und der Bau kriegsbrauchbarer Maschinen, sondern die Luftwaffe braucht noch nötiger Manner, die ihre Maschinen in jeder Lage meistern.

Moimsiettes Manöver.

Die Herbstübung 1936 zeigte die neuen deutschen Waffen im Kampf, sie zeigte auch die Fort - schritte der Motorisierung, so daß man in gewissem Sinne auch von einem motorisierten Manöver sprechen kann. Tausende von Heereskrast- wagen waren unterwegs dazu kamen die vielen Meldefahrer und Kraftradschützen. Den vordnngen- den Panzerkampfwagen folgen die m o - tori fierten S ch ü tz e n k o m p a g n i e n aus dem Fuße. Die motorisierten Abteilungen der Ar - tillerie-Regimenter sorgen für schnellsten Stellungswechsel, die motorisierten F l a k a v t e t = lungen besorgen die Fliegerabwehr, die motori­sierten und äußerst beweglichen Paks bewahren sich in der Sicherung der Vorhuten, der Seiten­sicherung und der Sicherung der rückwärtigen Linien. Die größtenteils motorisierten Aufklarungs- abteilungen der Divisionen bringen wertvolle Mel­dungen und die motorisierten Nachrichtenabteilun­gen geben sie auf schnellstem Wege weiter. 2)a gibt es Arbeit genug, übergenug, und mancher Krasl- rad-Meldefahrer hat an einem Tag gut uno gern seine 400 Kilometer zurückgelegt, ob auf glatter Straße, auf lehmigen Feldwegen oder querfeldein über Stock und Stein, das war alles gleich. Sagbar der Sanitätsdienst ist motorisiert, um mög­lichst schnell und möglichst nahe der kämpfenden Truppe zu fein. So entstanden auch neue ^lufgabe im Hinblick auf die BetriebsstoffversorMng und wertvolle Erfahrungen wurden im ^'/^ück auf o Größe des Verbrauchs und die Art der Organisa­tion gemacht. Wenn also in diesem Mammenöang ein motorisiertes Manöver wörtlich abrollt sodarf aber doch nicht der graue Mann ä" Fuß, der Im fanterift, vergessen werden; seine Leistung ist die größte, ohne ihn geht es nicht und w nie gehen Er erst gibt der F^rung d e Möglich­keit, den Gegner in der Flanke flu fa^en , Jn zu umklammern, er kämpft und vollendet den Sieg.

Der Schiedsrichter.

Man spricht bei einem großen Manöver viel von Blau und Rot als von den kämpfenden Parteien, aber ein Manöver ist nicht durchführbar ohne die Männer, die einen weißen Str elf e n um Stahlhelm oder Mütze tragen, die manch-

Außerordentliche Marschleistungen.

Der Angriff, den das V. (rote) Armee­korps Dienstag in nordöstlicher Richtung vorge» tragen hatte, brachte ihm vornehmlich auf dem lin­ken Flügel bei der 15. Division durch den über­raschenden und durch Nebel begünstigten Einsatz von Panzerkampfwagen einen Gelände­gewinn von mehreren Kilometer ein. Es gelang diesen Einheiten, bis in die feindlichen Artillerie­stellungen vorzustoßen, und die nachsetzenden meist süddeutschen Truppen wußten diese Stellung zu behaupten, während der Gesamtangriff in der all­gemeinen Linie Crainfeld im Südwesten des Vogelsberges und Schlüchtern etwa in der Mitte der großen Verkehrsstraße HanauFulda zum Stehen kam. Das IX. (blaue) Arme e- k o r p s hatte bei dieser Lage seine rückwärtigen Kräfte zum Teil in Gewaltmärschen herangezogen. Dabei legte ein westfälisches Infanterieregiment i n 24 Stunden 75 Kilometer zurück, eine außerordentliche Leistung, wenn man die mehrfach geschilderten Geländeschwierigkeiten und den Um= stand bedenkt, daß die roten Kampfgeschwader, die durch ihre Aufklärung von der Verstärkung wußten, alles daransetzten, durch dauernde Tiefflieger­angriffe den Vormarsch zu beeinträchtigen.

Lebhaste Wegettattgkett.

In der Nacht zum Mittwoch stellte sich das IX. (blaue) Armeekorps, das durch die Heran­führung seiner rückwärtigen Kräfte die bisherige zahlenmäßige Heberlegenheit des Gegners ausge­glichen hatte, zum Angriff bereit. Rot hatte die blauen Marschkolonnen nördlich von Fulda wiederholt durch Kampfgeschwader angegriffen, die durch die schlechte Wetterlage in Höhe von 20 bis 100 Meter flogen. In der Abwehr hatte die aeg» nerische Flakartillerie mit ihren leichteren Maschi- nenroaffen wiederholt Erfolg, während die schweren Flakgeschütze wegen der geringen Höhe der anflie­genden Kampfflugzeuge nicht zur Wirkung kamen. Die angriffenen Marschkolonnen verhielten sich bei den Fliegerangriffen außerordentlich geschickt, und in der Tat haben sie sich auch in ihrem schnellen Vordringen nicht aufhalten lassen. In Hebereinstim­mung mit der Gesamtlage an der Front en^'nloß sich der Kommandierende General des V. (roten) Armeekorps zur Verteidigung. Die Diens­tag erreichten Stellungen wurden mit schwachen Kräften gehalten, während im rückwärtigen Ge- lände des Gefechtsstreifens zugleich neue Stellungen vorbereitet wurden.

Heftige Kämpfe.

Der Morgen des dritten Kampftages sah die Fronten im dichten Nebel, der sich aber in den Vor- Mittagsstunden rasch verlor. Im Schutze dieser lln- sichtigkeit stieß das IX. Armeekorps in mehreren Ge­fechtsgruppen abschnittsweise in südlicher und süd­westlicher Richtung vor. So kam es überall zu hef­tigen Kämpfen unter starkem Einsatz der schweren Infanteriewaffen und der beiderseitigen Artillerie, die mehr und mehr die Kampfhandlungen beein­flußten. Das klare Sonnenwetter kam ebenfalls den Unternehmungen beider Parteien in der Luft sehr zu statten, und mit starken Einheiten griffen die beiderseitigen Kampfgeschwader die ^imoäfen m Hinterland an. Ebenso wurden mehrfach erbitterte Kämpfe zwischen Aufklärungs- und Jagdstaffeln be­obachtet.

Eröffnung der Reichsauiobahnieilffreüe Ikanlsuri-Vad-Aauheim.

NSG. Der Gau Hessen-Nassau wird am kommenden Sonntag einen neuen abschließenden Erfolg melden können: Die Teilstrecke der Reichsautobahn Frankfurt a.W.Bad-Rauheim wird nachmittags 16 Uhr an der histo­rischen Stelle des er st en Spaten st iches (Frankfurt a. 2TL, linkes Rlainufer, Schwanheimer Straße, östlich der Reichsautobahn) durch Gauleiter und Reichssiatthalter Sprenger feierlich eröffnet Ehrenaufstellungen der Formationen der Partei, ein Wusikzug und Fahnenabordnungen werden den äußeren Rahmen bilden.

Den Weiheakt wird die Eröfsnungsansprache des Gaupropa­gandaleiters Wüller-Scheld einleiten. Darauf spricht der Leiter der Obersten Bauleitung Frankfurt a. 2H. Gauleiter und Reichsstatthalter Sprenger wird dann, im Anschluß an seine Ausführungen, die Reichsautobahnstrecke freigeben. Die Belegschaft der Reichsautobahnarbeiter und die geladenen Gäste (Wagenkarte) werden als erste gemeinsam die Strecke abfahren. Auf der hin- und Rückfahrt hat die Bevölkerung der kreise Frankfurt a. W., Wain-Taunus, Obertaunus und Wetterau (Friedberg-Gießen) rechts und links der neuen Autobahnstrecke und auf den zahlreichen Brücken Gelegenheit, dieser ersten vorbeisahrt beizuwohnen.

Aus verkehrstechnischen Gründen kann der öffentliche verkehr erst am 2 8. September 1 9 3 6, vormittags 6 Ahr, auf dieser neuen Teilstrecke der Reichsautobahn zugelassen werden.

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