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sank, während die Fahnen zum letzten Gruß ge­senkt waren, krachten Böllerschüsse. Die Kameraden hatten die Hand zum letzten Gruß erhoben.

Neugestaltung derLehrlingsausbildung im Schneiderinnen-Handwerk.

Jrn Schneiderinnen-Handwerk hatte sich die Un­sitte eingeschlicken, die Einstellung eines Lehrlinges davon abhängig zu machen, daß derselbe vor Be­ginn seiner Lehrzeit einen Nähkurius besucht. Dieser Nähkursus wurde durch den späteren Lehrherrn selbst durchgeführt und erstreckte sich in der Regel über 6 Monate. Der Besuch eines solchen Kursus sollte die Fähigkeit für die Ausübung des Schnei- derinnen-Handwerks unter Beweis stellen. Ein An­recht auf Einstellung als Lehrling wurde durch den Besuch jedoch nicht erworben, auch wurde die in dem Nähkursus verbrachte Zeit auf die zukünftige Lehrzeit nicht angerechnet. Anläßlich einer Sitzung,

Karten für die Oarrs-Kundgebung! Eintrittskarten für die Kundgebung mit Reichsminister Pg. Darrs in Friedberg am Mittwoch, 25. März, sind bei der Kreis­leitung Wetterau, Gießen, Lonystrahe 18, zu haben.

die bei dem Treuhänder der Arbeit unter Hinzu­ziehung der Obermeisterin der Schneiderinnen-Jn- nung und der Deutschen Arbeitsfront stattfand, wurde die Lehrlingsausbildung der Schneiderin­nen einer eingehenden Prüfung unterzogen, zumal sich aus dem Kursusbetrieb erhebliche Mängel und Benachteiligung der Lehrlinge ergeben haben. Der Treuhänder der Arbeit stellte fest, daß es nicht zu- lässig sei, Mädchen, die sich dem Schneiderinnen- Handwerk widmen wollen und eine Lehrzeit in diesem Beruf durchzumachen gedenken, zu veran­lassen, erst einen Nähkursus zu durchlaufen, der von dem Lehrling zu bezahlen ist, ohne daß ihm die Gewähr gegeben wird, auch später als Lehr­ling eingestellt zu werden. Der Treuhänder der Ar­beit traf deshalb mit der Obermeisterin der Schnei- derinnen-Jnnuna eine Vereinbarung, wonach in Zukunft die 6 Monate des Lehrkursus auf die Lehr­zeit in Anrechnung zu bringen sind. Selbstverständ­lich bleibt es den Interessenten, die keine offizielle Lehrzeit durchlaufen können und wollen, überlassen, bei einer geeigneten Schneiderin einen Nähkursus für den Hausbedarf gegen die entsprechende Gebühr wie seither mitzumachen.

Sonntagskarten zur Bauern­kundgebung in Friedberg.

Zu der am morgigen Mittwoch, 25. März, in Friedberg stattfindenden Bauernkundgebung mit dem Reichsminister Darr6 als Redner werden von Gießen aus Sonntagsrückfahrkarten ausgegeben. Die Karten gelten von 0 bis 23 Uhr.

Sine Zeugin zu dem Tränengasunfug gesucht.

Die Kriminalpolizeistelle Gießen teilt in ihrem heutigen Bericht mit:

Wie bekannt, wurde Fastnachtdienstag in drei hiesigen Lokalen Tränengas verbreitet, so daß die Gäste in ihrer Gesundheit beschädigt wurden und fluchtartig die Gaststätten verlassen mußten.

Ein gleicher Unfug wurde anläßlich des Kur- Hausmaskenballes am 22. Februar in Bad- Nauheim verübt. Es wurde festgestellt, daß eine Dame beim Entfernen des Täters aus dem Kur­haussaal sich dem Geschäftsführer gegenüber äu­ßerte:Das ist ja ein Assistenzarzt oder Arzt aus Gießen". Die betreffende Dame wird gebeten, der Kriminalpolizeistelle Gießen oder dem Polizeiamt Bad-Nauheim bezüglich der Person des Täters Miteilung zu machen. Die Angaben werden wunschgemäß vertraulich behandelt.

Fahrraddiebstähle.

Am Donnerstag, 19. März, wurde zwischen 15.30 und 18.25 Uhr aus dem Hofe der WirtschaftRhein­gold", hier, Ludwigstraße 6, ein noch fast neues Herrenfahrrad, MarkeOpel-Blitz", mit der Fabrik­nummer 29 807 entwendet. Beschreibung des Rades: brauner Doppelrahmen mit schmalen roten Strei­fen, Felgen braun mit zwei roten schmalen Strei-

Wahlkundgebungen im Kreise Westerau der NSDAP.

Dienstag, 24. März

Beginn: 20.30 Uhr.

Grünberg: Redner Ritter.

Langd: Redner Rebeling.

R o d h e i m: Redner Heß.

Hattenrod: Redner Michel.

Saasen: Redner Vieth.

Linden st ruth: Redner Freund, Assenheim. Stangenrod: Redner Schimmel. Ober-Rosbach: Redner Schmelz.

Beienheim: Redner Wagner. Wickstadt: Redner Münz, Frankfurt.

Mittwoch, 25. März.

Beginn: 20.30 Uhr. Steinbach: Redner Michcl.

V i l l i n g e n: Redner Rebeling. Burkhardsfelden: Redner Heß. Weltershain: Redner Schimmel.

Ruddingshaufen: Redner Wagner.

Rödgen b. Gießen: Redner Mack, Niederkleen (krs. Wehlar).

Gießen: Redner Llsner von Gronow, Swine- münde.

Donnerstag, 26. März.

Beginn: 20.30 Uhr. Heuchelheim: Redner Dr. Hildebrandt. Lollar: Redner Ritter.

Steinheim: Redner Rebeling.

Harbach: Redner Heß.

Odenhausen: Redner Vieth.

Lumda: Redner Freund.

Velterhain: Redner Schimmel.

Relnhardshain: Redner Michel. Rodheim v. d. höhe: Redner Schmelz. Assenheim: Redner Wagner.

Lang-Göns: Redner Münz, Frankfurt.

Llnsere Stimme dem Führer!

SA.-Sturmbann 1/116 auf dem Propagandamarsch durch das Lumdatal.

Die Stürme 1/116, zwei Trupps des SAR. 15 - R. 116, SA.-Reitersturm, 4/147 und SZ. 1/116 traten am vergangenen Sonntag früh am Ortsein­gang A l l e n d o r fT reis zum Propa- g a n d a m a r s ch an. Ihr Marsch führte durck Treis, Allendorf, Climbach, Allertshausen, Londorf, Kesselbach, Rüddingshausen, Weitershain, Oden­hausen nach Geilshausen.

Der Einmarsch in die genannten Orte erfolgte mit wehenden Sturmfahnen. An der Spitze ritt der Reitersturm, ihm folgte ein Sechserzug. Spiel- mannszug und Stürme bildeten den Schluß. In jedem Orte fand eine Kundgebung statt, an der auch die örtlichen Einheiten der HI. und des Jungvolkes teilnahmen. Sturmhauptführer F a u I - st i ch, Obertruppführer Heß (Gießen) und Ober­scharführer Strack sprachen hierbei abwechselnd zu der Bevölkerung, die überall sehr zahlreich erschie­nen war. Nach einem von der aufmarschierten SA. gesungenen Liede wiesen die Redner in ihren An­sprachen auf die Bedeutung der Wahl am 29. März hin, die

für Deutschland eine Entscheidung von weil­tragendster Bedeutung

sei. Sie führten den Zuhörern klar und deutlich vor Augen, wie es in der Nachkriegszeit in Deutsch­land ausgesehen hat. Eine Zeit, in der das deutsche Volk von anderen Völkern geknechtet und ehrlos ge­macht am Boden lag und ein Spielball fremder Mächte war. Noch zur rechten Zeit schenkte die Vorsehung Deutschland den Führer, der aus dem Volke geboren und ewig imDolke verwurzelt ist, der das Volk noch in zwölfter Stunde dem Zugriff des Bolschewismus entriß. Diesen Zustand der systematischen Dolksvernichtung sehen wir heute überall in den Landern rings um Deutschland.

Daß das deutsche Volk heute wieder geeint und stark in der Welt steht, dankt es allein seinem Führer Adolf Hitler. Eine große Dankesschuld hat das deutsche Volk dem Führer gegenüber abzutragen. Am 29. Rlärz soll ein kleiner Bruchteil dieser Dankesschuld abgetragen wer­den. Dies können wir am besten tun, wenn wir alle an diesem Tage unsere Stimme dem Führer Deutschlands geben und ihm beweisen, daß wir ein geeintes Volk mit einem Willen und einem Ziele sind! Die­ses Ziel heißt: Freiheit, Gleichberech­tigung und Friede!

Wer dafür eintritt, der gebe am 2 9. Marz dem Führer seine Stimme. Keiner darf bei diesem großen weltgeschichtlichen Ereignis fehlen, um der Welt zu zeigen, daß das gesamte Volk wie ein Mann hinter seinem Führer steht! Jeder lasse alle Kleinlichkeiten beiseite und denke an

das große Ziel: Deutschland!

Mit brausendem Heil auf Führer und Volk und mit dem Horst-Wessel-Lied schlossen die Kundgebungen.

Die NS. - Frauenschaft in Londorf hatte für die braunen Kämpfer in mustergültiger Art ein Essen bereitgestellt, dem tüchtig zugesprochen wurde.

Nach der kurzen Mittagspause ging es neu ge­stärkt auf den Marsch. Erst in später Abendstunde kehrten die Einheiten in ihre Standorte zurück mit dem stolzen Bewußtsein, wieder in treuer Pflicht­erfüllung ihre Einsatzbereitschaft für Volk und Vaterland bewiesen zu haben.

fen, graue Ballonbereifung, deutscher Lenker, Ko­metfreilauf, brauner Sattel, am Rade befand sich ein Dynamo, MarkeHelius", und eine schwarze Boschlampe, sowie ein Gepäckträger am Hinterrade.

Am 25. Februar entwendete ein unbekannter Fahrraddieb in hiesiger Stadt ein Damenfahrrad und ließ am Tatort ein Herrenfahrrad, Marke Opel", mit der Fabriknummer 1 908 781 zurück.

Personen, die sachdienliche Angaben machen kön­nen, werden gebeten, sich bei der Kriminalpolizei­stelle Gießen, Zimmer 5, zu melden.

Sitzung des Kreisausfchuffes.

Am kommenden Dienstag, 31. März, findet im Sitzungssaale des Kreisamtes zu Gießen eine öffentliche Sitzung des Kreisausschusses Gießen statt. Die Sitzung beginnt um 10 Uhr mit folgender Tagesordnung:

Klage des Martin Reck zu Gießen, Neustadt 5, gegen die Verfügung des Kreisamts Gießen vom

21. Januar 1936, wegen Versagung des Führer­scheins für die Klasse III.

Klage der Gemeinde Wieseck gegen die Gemeinde Ober-Bessingen in der Sache betr. Hilfsbedürftigkeit des Hans Schwedes in Ober-Bessingen. (Urteilsver­kündung.)

Antrag der Gemeinde Trohe auf Ablösung des Rechts der Besteuerung von außerhalb der Gemar­kung Trohe liegenden Grundstücken.

Luftschutz-Schulung von Feuerwehrführern.

Am Sonntagvormittag fand im Beisein von Ver­tretern der beteiligten Kreisämter Gießen und Schotten sowie von Vertretern der Polizei, des Roten Kreuzes und der Freiwilligen Feuerwehren die Eröffnung des III. Sonderlehrgangs für Feuer- wehrführer durch die Luftschutzschule Gießen statt.

Der Lehrgang, der wieder im Studentenhaus Leihgesterner Weg durchgeführt wird, soll die 55

Teilnehmer Feuerwehrkommandanten aus den Orten der Kreise Gießen und Schotten über ihre Aufgaben bei einem Luftangriff eines etwaigen Zu- funftsfrieges unterrichten und sie befähigen, den vielfachen Anforderungen, die gerade auf dem Lande an die Feuerwehren herantreten werden, zu ent­sprechen. Vorträge und praktische Hebungen werden das Gesamtgebiet des Luftschutzes aufrollen.

Gießener Dochenmarktpreife.

* Giehen, 24. März. Auf dem heutigen Wochen­markt kosteten: Molkereibutter, das Pfund 1,55 Mk.. Landbutter 1,42, Markenbutter 1,55 bis 1,60 Mk., Matte 20 bis 25 Pf., Käse, das Stück 4 bis 10, deutsche Handelsklassen-Eier Kl. S 11, Kl. A 10Vz, Kl. B 10, Kl. C 9V2, Kl. D 9, ungezeichnete 8, Wirsing (grün), das Pfund 20 bis 30, Weißkraut 15 bis 18, Rotkraut 18 bis 20, Gelbe Rüben 10 bis 15, Rote Rüben 10 bis 12, Spinat 18 bis 20, Unterkohlrabi 8, Grünkohl 15 bis 20, Rosenkohl 20 bis 35, Feldsalat 70 Pf. bis 1 Mk., Tomaten 35 bis 40 Pf., Zwiebeln 10 bis 18, Meerrettich 30 bis 70, Schwarzwurzeln 25 bis 40, Kartoffeln, das Pfund 4 bis 4Vz, 10 Pfund 43 Pf., der Zent- ner 3,60 bis 3,80 Mk., Aepfel, das Pfund 20 bis 50 Pf., Nüsse 45 bis 50, Zwetschenhonig 40 bis 45, Suppenhühner 85 bis 90, Blumenkohl, das Stück 25 bis 50, Salat 20 bis 30, Endivien 10 bis 25, Lauch 5 bis 10, Sellerie 10 bis 40, Rettich 5 bis 20, Radieschen, das Bund 15 Pf.

** E i n Achtzigjähriger. Am morgigen Mittwoch, 25. März, kann der Rentner und frühere Kaufmann Heinrich Hahn in körperlicher und gei­stiger Rüstigkeit feinen 80. Geburtstag begehen. Herr Hahn ist schon seit langen Jahren Bezieher des Gießener Anzeigers.

Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen in Großen-Buseck.

wg. Großen-Buseck, 23. März. Durch dis im Rahmen des Arbeitsbeschaffungsprogramms und durch Maßnahmen der Feldbereinigung geleisteten Arbeiten hat unsere Gemarkung eine bedeutende Formveränderung erhalten. So 'wurde zu Beginn der Feldbereinigung die Regulierung der Wieseck, unterhalb des Dorfes angenommen, während die Ausführung dieser Arbeit oberhalb des Dorfes und die Regulierung der Krebsbach durch den Freiwil­ligen Arbeitsdienst übernommen wurde. Das stark versumpfte Gelände in dem Maulborn wurde durch den Arbeitsdienst trockengelegt und zu Ackerland hergerichtet. Die Straße Großen-BuseckRödgen wurde am Ausgang unseres Dorfes geradegelegt, die Brücke über die Wieseck erneuert, und die sehr enge* Kurve bei der WirtschaftZum Schützenhaus" um das Doppelte erweitert. Das Bett des Wels­bachs, der auch an der Straße entlangführt, wurde neu geschnitten und an dem Ufer, der Straße ent­lang, eine Reihe junger Zwetschenbäume gepflanzt. Unter anderem wurden in verschiedenen Teilen der Gemarkung zahlreiche Ent- und Bewässerungs­gräben angelegt. Außerdem wurden noch seit Fe­bruar 1934 vom Arbeitsamt Gießen für Großen- Buseck rund 22 000 Tagewerke für Notstandsmaß­nahmen genehmigt. Hierzu wurde ein Staatszu­schuß von etwa 56 000 Mark gegeben. Das be­deutet, daß in der genannten Zeit Arbeiten im Werte von über 200 000 Mark geleistet worden find. Die Arbeiten erstreckten sich in der Hauptsache auf Wegebauten, Meliorationen, Straßenbau, Kanal, und Wasserleitungsanlagen sowie Aufforstung von minderwertigem Ackerland auf dem Galgenberg südlich der Oberstruth. Als Ersatz für das ver­lorengegangene Ackergelände wurde im Laufe der letzten Winter der vordere Eichwald sowie der un­tere Schwalbenwald abgetrieben und zu frucht­barem Ackerland gerodet'. Im Dorfe selbst, hinter der Kleinmühle, wurde Oedland für landwirtschaft­liche Zwecke nutzbar gemacht. Rechts der Wieseck hinter den Weiden wurden auch aus Oedland meh­rere Gärten neu angelegt, und sogar von der Wieleck, die hier ein sehr breites Flußbett hatte, wurde mit Hilfe einer Mauer ein größeres Stück Land abgenommen, zu Gärten angelegt und den anliegenden Besitzern zugeteilt. Außerdem soll noch in aller Kürze mit der Errichtung eines Schwimmbades und nachdem Vereinbarungen mit der Gemeindeverwaltung und dem Turnverein getroffen worden find, auch mit dem Bau einer Turnhalle begonnen werden. Mit all diesem Schaffen hat unsere Gemeindeverwaltung in natio­nalsozialistischem Geiste bewiesen, daß ihr die Hebung der nationalen Arbeit sehr am Herzen liegt.

20 Fortsetzung.

Nachdruck verboten!

Oie Tippgräfin.

Vornan von Klothilde v Stegmann.

Urheberrechtsschutz: Aufwärts-Derlag, Berlin, SW 68.

Wie ein Fieberkranker war Erhard heimgetau- melt, um in einen bleiernen Schlaf der Erschöpfung zu fallen. Am liebsten wäre er nie wieder erwacht.

Aber dafür sorgte schon seine Wirtin, Frau Wodny. Sie machte ihm wieder einmal eine böse Szene. Denn sie wartete immer ungeduldiger, Gräfin Hagen zu werden. Sogar die Verlobungs- rinae hatte sie schon heimlich besorgt. Als er in­dessen noch immer keine Miene machte, sich öffent­lich mit ihr zu verloben und der kleinenTipp- arafin", wie sie Mariella höhnisch nannte, abzu­sagen, zog die resolute Frau andere Saiten auf. Er­hard hatte sich ja auch allzu sehr in ihre Hände gegeben. Abgesehen von den Mietschulden, die er bei ihr hatte, hatte er sich auch nicht gescheut, sie mit kleineren und größeren Summen in Anspruch Zu nehmen, wenn er gar zu knapp bei Kasse war. Auch hatte Frau Wodny ion oft zu vortrefflichen Menüs, die sie in ihrer Küche zuzubereiten ver- stand, eingeladen.

Erhard von Hagen hatte derartige Aufforderun­gen immer nur zu gern angenommen. Er war ein Freund von Tafelfreuden, die er sich jetzt, bei seinem schlechten Vermögensstand, nicht mehr leisten konnte. So hatte er sich seiner Wirtin, einer ehe­maligen Herrschaftsköchin, in jeder Weise oerpflich- tet. Und Frau Wodny war ganz der Mensch, auf diese Verpflichtungen zu pocyen. Sie wollte nun endlich Gräfin von Hagen werden: sie wollte sich nicht länger blamiert fühlen. Hatte sie es doch schon im ganzen Hause und in der Nachbarschaft: beim Bäcker, Schlächter und im Gemüseladen, laut und vernehmlich verkündet:

Ich werde Gräfin Hagen, und die blasse Hoch­mutsprinzessin, die Ausländerin, wird abgemeldet!"

Nun hatte sie die Geduld verloren. Kurz ent­schlossen stellte sie Erhard von Hagen vor die Wahl: entweder sie nicht mehr längerzum Narren zu halten", wie sie es geschmackvoll nannte, oder aber

sofort alle seine Schulden zu bezahlen und aus­zuziehen. Sie wußte, nur zu gut, daß der Graf nicht bezahlen konnte und ohne sie dem Elend preisgegeben war. Denn die Erfolge als Schrift­steller, auf die er schon seit Jahren gehofft und von denen er immer erzählt hatte, schienen im Mond zu liegen.

Frau Wodnys Energie war mitbestimmend für Erhard gewesen, sein Glück noch einmal im Spiel zu versuchen. Er dachte in seiner Verzweiflung:

Wenn ich nur einen Bruchteil der Dreizehn­tausend auf den Spieltisch werfe, dann ich vielleicht über Nacht das Kapital verdoppeln. Dann vermag ich nicht nur die Bürgschaft zu bezahlen, sondern auch alle meine Schulden bei dieser Wodny. Drei­zehn ist von jeher meine Glückszahl gewesen.

So hatte er gedacht! Aber das Glück hatte ihn belehrt, daß es sich nicht befehlen ließ. Das Ende war: Er befaß keinen Pfennig des Geldes mehr, durch dessen Herbeischaffung die kleine Principessa sich zur Verbrecherin gestempelt fühlte.

Um der weiteren Auseinandersetzung mit Frau Wodnn zu entgehen, verließ er in einem unbeobach­teten Augenblick die Wohnung. Ein trüber, regen- schwerer Vormittag war angebrochen. Er ging ziel- log weiter, bis er sich endlich müde und verzweifelt auf einer Bank am Rande des Tiergartens nieder­ließ. Er achtete nicht darauf, daß sie kühl und regendurchfeuchtet war. Er wußte nichts mehr außer dem einen, daß alles vorbei war.

Was sollte er nun beginnen? An wen sich wen­den, um dieser fürchterlichen Wodny zu entgehen? Em ungeheurer Ekel überfiel ihn plötzlich. Da auf einmal tauchte das lieberizende, sonnige Antlitz der Huhnerprinzessln", der kleinen Lore Ankermann, vor ihm aus. Wie, wenn er sie aufsuchen, sie dit- ten wurde, ihm die Stellung auf der Geyerburq zu geben. Zwar hatte er dies Anerbieten Martella gegenüber höhnisch abgelehnt. Aber nun sah die W-It noch viel trostloser für ihn aus. Da nahm man alles in Kauf, nur um nicht wieder zu Frau Wodny zurück zu müssen. Au, der Geyerburq konnte -r melleicht -in- Weil- leben, ohne d°tz Kammacher |sincn Aufenthalt kannten. Kam <jett, ram Rat.

Am besten -r suchte Lor- gleich auf und besprach di- Sach- mit ihr. Aber wo wohnt- st- in Berlin?

Und was sollte aus Mariella werden? Konnte er ihr je wieder vor die Augen treten? Würde ihre Liebe zu ihm so groß sein, daß sie ihm auch diese neue Tat verzieh? Konnte sie ihm überhaupt noch verzeihen? Er stöhnte auf. Plötzlich muhte er wieder, ob er wollte oder nicht, an ein verhärmtes Frauen­antlitz denken, hinter Gittern eines Irrenhauses. Rein, nein, er wollte dieses Bild aus seinem Herzen verbannen. Einmal würde vielleicht ein Wunder ge­schehen; die verhärmte Frau dort würde nicht mehr sein.

Er würde Geld -haben, ins Ausland gehen, eine reiche Namensheirat schließen, wie man ihm geraten. Es gab genug reiche Erbinnen draußen in der weiten Welt, die sich um seinen Titel reißen würden. Außerdem, wenn er die Liebe eines so schönen, jungen Geschöpfes, wie Mariella, errungen hatte würden nicht auch andere Frauenherzen ihm zu­fliegen? Für Mariella war es das Allerbeste, wenn sie sich von ihm lösen mußte. Und er war ja noch jo lebensdurstig! Fort, fort aus diesem Lande! Ganz neu anfangen! Alle Sorgen hinter sich zurücklassen, das war das einzige.

Er mußte Mariella opfern. Er konnte ihr nichts nützen, und auch sie konnte ihm nicht mehr weiter­helfen. In irgendeiner Weise mußte er sich das Geld verschaffen, um außer Landes zu kommen. Sein Paß war in Ordnung. Mariella war verschwiegen wie Hn Grob, das wußte er. Was immer auch aeschab, sie würde das Geheimnis seiner indirekten Beteili­gung am Diebstahl des Geromino-Halsbandes wah­ren und es nie preisgeben.

Bei dem Gedanken, auch nur für eine einzige Stunde ins Gefängnis gehen zu müssen, rieselte es ihm eiskalt über den Rücken. War er denn ver­rückt gewesen, daß er Mariella in ihrem hysterischen Vorhaben unterstützt hatte? Vielleicht gab der Him- mel, daß alles gut abging! Vielleicht sah er auch 0^5" schwarz in die Zukunft, mitgenommen und übermüdet von den Vorfällen der letzten Dermale- beiten Nacht.

batte in den letzten Tagen immer so ein Ge- W, baß irgendein Unheil drohte. Scherer war auch gan* verstummt. Er hatte ihm wegen dieses Ge- dankens der Namensheirat geschrieben, aber keine untroort daraus bekommen. Hatte Scherer vielleicht nur gesckerzt? über steckte etwas anderes hinter ei­nem Schweigen? 1

Erhard erhob sich und reckte feine mächtigen Glie­der. Zeitungsjungen liefen an ihm vorüber, die Arme vollgepackt mit den noch druckfeuchten Blättern, die sie soeben erst in den Zeitungsfilialen in Empfang genommen hatten.

Sensationelle Verhaftung einer italienischen Prin­zessin. Riesendiebstahl eines kostbaren Famuien- schmuckes!" riefen die Zeitungsträger aus.

Erhard wurde bleich. Er riß einem der Jungen ein Blatt aus der Hand.

Erstaunt sah der Junge den bleich gewordenen Mann an. Kaum war Erhard wieder allein, so ent­faltete er mit bebenden Händen die Zeitung. Aus den schwarzen Lettern grinste ihm das furchtbare Schicksal entgegen, das Mariella ereilt und das auch ihn mit verderben mußte.

Wenn sie auch schwieg, um ihn zu schonen, was be­wies das? Der Staatsanwalt und der Untersuchungs­richter würden es schon verstehen, herauszubekvm- men, für wen Mariella gestohlen und betrogen hatte. Dann wurde auch er vor Gericht gezerrt: der Heh­ler ist so gut wie der Stehler Dies mahnende Wort klang in seiner Seele wieder. Er stöhnte auf. ©ab es keinen Ausweg? Nein, nein, nur den ein­zigen, vor dem er sich bisher gefürchtet hatte. Und das war kein Ausweg. Das war ein Weg ins un­bekannte Land, aus dem man niemals wiederkehrte.

Der Regen riefelte. Feuchte Kühle durchdrang feine Kleider. Er schauerte zusammen. Er konnte hier nicht bleiben. Wer weiß, wie bald man die Polizei auf feine Spur hetzen würde! Dann würde man ihn abführen ins Gefängnis, wo auch Mariella hin- gebracht worden war ...

Nein, nein!" sagte er so laut zu sich selbst, daß ein vorübergehender Passant ihn erstaunt ansah. Mit taumelnden Schritten ging er vorwärts. Das Leben der Stadt ging an ihm vorüber. Er sah nichts mehr. Er war ganz erstarrt in Entsetzen und Angst. Endlich war er daheim angelangt Er steckte den Schlüssel ins Schloß, so leise er konnte. Nur jetzt nicht Frau Wodny begegnen! Aber sie hatte ihn kommen hören.

Wie sehen Sie denn aus, Herr Iras?" fragte sie, mit einem Blick auf sein blasses Gesicht.

Er sah sie verständnislos an.

(Fortsetzung folgt ty