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Nr. I\ Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen)

Dienstag, 24.MärzM6

Aus der Provinzialhaupistadi.

Oie Schnepfe zieht.

Wenn die Waldschnepfe im Morgen- oder Abend­dämmern über den jungen Wald streicht, um dort einzufallen, wopüitzend" ein Weibchen vom Boden lockt oder wo weicher Boden zum Wurmen ein­lädt, spricht man vomSchnepfenstrich". Zieht sie aber gleich anderen Zugvögeln im Frühjahr oder Herbst über weite Länder dahin, reden wir vom Schnepfenzug". Dieser ist also ein Glied in hem gewaltigen, geheimnisreichen Geschehen, das all­jährlich große Teile unserer Vogelwelt erfaßt und sie wandern läßt über Länder und Meere, Felder und Wälder, bei Tag und Nacht, einzeln oder in großen Flügen, je nach der Art, um die es sich handelt. Unbemerkt sind die einen fortgezogen, ebenso unauffällig für die Mehrzahl der Menschen stellen sie sich wieder ein; andere wieder, wie Freund Adebar, den Storch, heißt das ganze Dorf willkommen, und dieKeile" der Wildgänse oder Kraniche sind allbekannte Erscheinungen.

Zu den Vögeln, deren Kommen im Frühjahr be­sonders viel beobachtet wird, gehört seit langen Zeiten die Waldschnepfe. Tausende von Jäger­augen mögen es sein, die an einem schönen, warmen Märzabend Ausschau halten nach demVogel mit dem langen Gesicht".Eine" möchte doch jeder Jäger tfn Frühjahr gern geschossen haben. So kommt es, daß verhältnismäßig viele Schnepfen in Menschenhand kommen, und die Waldschnepfe sich deswegen für die Erforschung des Vogelzuges durch Beringung besonders eignet. Die größte Schwierig­keit besteht allein in der Beringung selbst; denn junge Waldschnepfen findet man nicht so massen­haft, wie etwa junge Stare, Rauchschwalben oder wie Jungstörche in Ostpreußen. Zudem brüten die Schnepfen in der Hauptsache nördlich und östlich der Ostsee, nur zum kleineren Teile in Deutschland. Als Professor Thienemann, der Begründer und Leiter der weltbekannten Vogelwarte Rossitten auf der Kurischen Nehrung, seine Beringung auch auf Waldschnepfen auszudehnen beschloß, mußte er seine Helfer in jenen Ländern suchen. Am 3. Juli 1911 erhielt die erste Jungschnepfe durch einen Jägermeister des Zaren in der Nähe von Peters­burg ihr Ringlein. Eine einzige Schnepfe von so vielen Zehntausenden! Es war kaum zu erwarten, daß sie gerade wieder in Menschenhand kommen sollte. Aber man muß Glück haben. Am 12. Dezem­ber 1911 kam der Ring aus Südfrankreich in Rossitten wieder an! Das. fachte den Eifer des Jägermeisters an, der mit seinem vorsichtigen Hunde wirklich noch einige Jungschnepfen fand und zeich­nete. Und auch jetzt blieb ihm der Erfolg treu. Aus Istrien an der Adria, von Ostende und aus dem südlichen England kamen die Rückmeldungen, und eine Ringschnepfe wurde auf dem Frühjahrs­zug in der Rheinpfalz erlegt. Ja, die Waldschnepfe kann für sich in Anspruch nehmen, mit fast 40 v. H. Rückmeldungen dieerfolgreichste" Ringvogelart zu sein.

Trägt man Beringungsort und Fundstelle in eine Karte ein, so erhält man ein Bild des Zuges. Dabei ergibt sich, daß die Verhältnisse bei den einzelnen Vogelarten ganz verschieden liegen. Beim Storch z. B. können wir deutlich zwei Zugstraßen unterscheiden, auf denen unsere deutschen Störche nach Afrika wandern: unter Umgehung der Alpen über die Pyrenäen- oder über die Balkanhalbinsel. Anders unsere Schnepfe. Wenn sie im Herbst, wenn die Temperaturen in ihrer Brutheimat mehr und mehr sinken, die Reise antritt, ist diese alsbreiter Frontzug" nach Südwesten gerichtet, d. h. jeder Vogel bricht einzeln für sich auf. Sobald die Meeres­küste erreicht wird, ändert sich das Bild. Vor allem die Jungschnepfen scheinen der Küste zu folgen, so daß aus demFrontzug" einStraßenzug" wird. Bekannt sind die großen Schnepfenmengen, die dann gelegentlich auf Helgoland, den Friesischen Inseln oder Rügen auftreten, oder der Schnepfenzug über die Kurische Nehrung. Die Ueberwinterungsgebiete sind dann Südengland, Irland, Südwestfrankreich und die Mittelmeerländer einschließlich Nordafrikas, wo im Winter in den Gärten, Weinbergen usw. I

überall Schnepfen angetroffen und in Mengen er­legt werden. Anders dagegen scheint sich der Früh­jahrszug in die Brutheimat zu vollziehen. Der Bruttrieb treibt die Tiere auf kürzestem Wege der Heimat zu. So scheint im Frühjahr derStraßen­zug" in Wegfall zu kommen, und gradlinig in breiter Front ziehen die Schnepfen durch Mittel­europa dem Norden entgegen.

Der deutsche Jäger, der im März demSchnep­fenstrich" obliegt, wird dann Zeuge dieses Zuges. Wie oft kehrt er abends befriedigt nach Haufe zu­rück. Eine ganze Anzahl hat er gesehen, einige ge­hört. Morgen abend wird er wieder draußen sein, dann muß es ja klappen. Und am nächsten Tage? Nichts. Ganz spät, als es schon dunkelte, strich rasch und tief eine einzige Schnepfe stumm dahin: ein Weibchen, das hier brüten wird. Und die anderen? Weitergezogen, dorthin, wohin es sie treibt mit einer geheimnisvollen, magnetischen Kraft: nach Norden und Osten.

So setzt alljährlich der Zug der Schnepfe in un­seren Breiten im März ein, wobei aber ganz be­trächtliche Verschiebungen in der Zeit eintreten kön­nen. Nach vergleichenden Beobachtungen über Schnepfenzug und Wetterlage wird der Zug offen­bar erst als Massenzug ausgelöst, wenn im Nord­westen Europas größere Niederdruckgebiete auftre­

ten. Diese Wetterlage tritt an sich im Frühjahr im­mer ein, aber sie verschiebt sich oft um Wochen, und mit ihr der Schnepfenzug. So kommt es einmal, daß die Tage des besten Schnepfenzuges und da­mit auch -striches verschieden sind, und daß man ferner nach der Wetterkarte nicht nur eine Wetter­voraussage, sondern auch eine Schnepfenzugvoraus- saae zu geben vermag.

Viele Beobachtungen aus deutschen und außer­deutschen Ländern liegen darüber schon vor, aber jeder Jäger ist noch in der Lage, dem Vogelzug­forscher weitere Unterlagen zu liefern, wenn er sich gewissenhaft Aufzeichnungen über die Abende macht, die er in Erwartung des ersehnten Vogels draußen verbringt, und vor allem, wenn er etwa einen Ringvogel erbeuten sollte, dafür sorgt, daß der Ring nicht imRaritätenkästchen" der Familie verschwindet, sondern der Wissenschaft durch Rück­gabe an die AusgabestelleRossitten" oderHelgo­land" dienstbar gemacht wird. Auch ausländische Ringe werden durch die deutschen Vogelwarten weitergeleitet. H ö l z e l.

Dornotizen.

Tageskalender für Dienstag.

NSG.Kraft durch Freude": 20.30 bis 21.45 Uhr fröhliche Gymnastik und Spiele (nur für Frauen) im Lyzeum; 20 bis 21 Uhr und 21 bis 22 Uhr (nur für Frauen) Schwimmen im Volks­

bad; 21 bis 22 Uhr Reiten, Reitschule Schömbs. Reichsluftschutzbund, Ortsgruppe Gießen, Luft­schutz-Revier II: 20.30 Uhr Appell im Realgym­nasium. Stadttheater: 20 bis 22.30 UhrLapp im Schnakenloch",Der zerbrochene Krug". Gloria-Palast, Seltersweg:Die klugen Frauen". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Kater Lampe". Oberhessischer Kunstverein (Turmhaus am Brand­platz): 16 bis 17 Uhr Ausstellung von Gemäld-n von Richard Geßner (Düsseldorf). Aliceschule, Hauswirtschaftliche Fachschule: 14 bis 18 Uhr Aus­stellung.

Sladttheaker Gießen.

Heute von 20 bis 22.30 Uhr das VolksstückLapp im Schnakenloch", ein Spiel von Ed. Reinacher. Spielleitung: Wolfgang Kühne. Hierauf Kleists ewig junges LustspielDer zerbrochene Krug". Spiel­leitung: der Intendant. 23. Dienstag-Abonne­ment.

Oie deutsche Frau kämpst für die deutsche Familie.

Frei und aufrecht, ihrer Aufgabe voll bewußt, steht die Frau im nationalsozialistischen Staat. Der Führer selbst sprach es am 13. Juli 1934 aus, was alle empfinden:

Millionen von Frauen lieben den neuen Staat, opfern und beten für ihn. Sie empfinden in ihrem natürlichen Instinkt seine Mission der Erhaltung unseres Volkes, dem sie selbst in ihren Kindern das lebende Unterpfand gegeben haben."

Schwer war der Weg des deutschen Volkes und mit ihm der Weg der Frau durch die Kriegszeit mit ihrer unendlichen Not und die Nachkriegszeit mit all ihrer seelischen Zerrissenheit. Mit um so größerer Freude und Bereitschaft folgte die Frau dem Rufe des Führers, als er sie zurückrief zu ihrer Pflicht.

Die NS.-Frauenschaft gemeinsam mit den Frauen- verbänden trägt die neuen und doch so alten, ur­ewigen Aufgaben der Frau durch das deutsche Frauenwerk hinaus bis in das kleinste und ent­legenste Dorf. Greifen wir nur ein Arbeitsfeld heraus, den Reichsmütterdienst, der der deutschen Frau zum Muttertag vor nun fast zwei Jahren geschenkt wurde. Durch Kurse, die nichts sind als eine fröhliche Arbeitsgemeinschaft, erhält jede Frau das Rüstzeug für ihre Aufgabe in der eigenen Familie, die eine Aufgabe ist im Staat. Zahlen geben einen guten Begriff von der Abteilung Reichsmütterdienst.

Im Laufe des Jahres 1935 fanden im Gau Hessen-Nassau insgesamt 333 Mütterschulungslehr­gänge statt. Davon waren 108 Säuglingspflege­kurse, 76 Gesundheits- und häusliche Krankenpflege-

Wühlkundgebung in Gießen

am Mittwoch, 25. März, in der Volkshalle. Beginn 20 lkhr pünktlich.

Es spricht einer der ältesten Reichsredner der NSDAP.

Elsner von Gronow, Gwinemünde

Die Gliederungen und angeschlossenen verbände der NSDAP. nehmen geschlossen an dieser Kundgebung teil.

Vereine usw. werden schon jetzt gebeten, diesen Abend von jeder anderen Veranstaltung sreizuhalten.

llnkostenbeitrag: 20 Pf. Vorverkauf durch die Kreisleitung (Lonystraße 18), die Giehener Ortsgruppen, Geschäftsstelle der Deutschen Arbeitsfront. Die Gliederungen und angeschlossenen Verbände werden gebeten, die Karten bei der Kreisleitung abzuholen.

Kreisleitung Wetterau der NSDAP.

kurse, 50 Erziehungskurse, 54 Kochkurse, 45 Näh­kurse. In den Kursen wurden 8200 Frauen und Mädchen ersaßt.

Zur Aufklärung über die Arbeit des Reichs­mütterdienstes fanden Werbeoeranstaltungen in allen Kreisen statt. Zehn Ausstellungen legten be­redtes Zeugnis ab von der Arbeit des Reichsmütter­dienstes. Im Laufe des Jahres wurden zwei fest­stehende Mütterschulen in Frankfurt a. M. und Mainz gegründet, deren Kurse ständig besucht wer­den von Frauen und Mädchen aller Schichten.

Wir Frauen werden am 29. März dem Führer für diese Taten zu danken wissen.

? X Die deutsche Arbeitsfront

N.9.-6emeinschaftstraft durch freuöc"

Kraft durch Freude"Lache mit uns!".

Am Dienstag, 31. März, findet in der Gießener Volkshalle eine große Veranstaltung der NS.-Ge- meinfchaftKraft durch Freude" statt, die unter dem TitelLache mit uns!" eine Fülle der artistischen, humoristischen, tänzerischen und musikalischen Dar­bietungen bringen wird. Auf die heutige Anzeige sei besonders aufmerksam gemacht.

SportamtKraft durch Freude".

heule folgende Kurse:

Fröhliche Gymnastik und Spiele» Frauen. Von 20.30 bis 21.45 Uhr, Lyzeum, Dammstraße 26.

Schwimmen. Don 20 bis 21 Uhr (Frauen und Männer), Volksbad. Von 21 bis 22 Uhr (nur für Frauen), Dolksbad.

Reiten. Von 21 bis 22 Uhr Universitäts-Reit­institut, Brandplatz. Alle versäumten Stunden müssen bis 31. März nachgeholt sein!

Oberst Köttschaus letzter Weg.

Unter einer überaus starken Anteilnahme der Kameraden aus den Kreisen der Offiziere der ehe­maligen Regimenter sowie der Kameraden aus den Reihen des Kyffhäuserbundes wurde gestern nach­mittag in der Kapelle des Friedhofes zu Fried­berg die Trauerfeier für Oberst a. D. Köttschau abgehalten. Die Feier nahm einen eindrucksvollen Verlauf. Auf dem Sarg, der den Toten barg, lagen der Säbel, der Helm und auf einem Kisten die reiche Ordensschnalle des alten Soldaten.

Zu beiden Seiten des Sarges hatten die vielen Fahnenträger des Kyffhäuserbundes sowie die Fahnenträger verschiedener Kriegervereine und der NSKOV. Aufftellung genommen. Viele Ortsgrup­pen des Kyffhäuserbundes hatten Fahnenabord­nungen entsandt, um dem verstorbenen Bezirks- und Kreisverbandsführer letzte Ehren zu erweisen.

Orgelspiel leitete die Trauerfeier ein. Pfarrer Schäfer von Bad-Nauheim sprach das Gebet und hielt dann die Traueransprache, in der er das tüchtige Leben des verstorbenen Soldaten schilderte, der im Frieden mit aller Gewissenhaftigkeit seine Pflichten und im Weltkrieg das Gesetz des Front­soldaten erfüllte, der an zahlreichen Schlachten und Gefechten teilnahm und dreimal verwundet wurde. Der Geistliche schilderte ferner, wie er auch nach seiner aktiven Dienstzeit alle Kraft dafür einfetzte, nationale Gesinnung zu fordern und alte Soldaten- lugenden in schwerster Zeit aufrechtzuerhalten. Er sei jederzeit bereit gewesen, Leib und Seele für das Vaterland zu geben, zu opfern.

Nachdem der Geistliche seine Predigt beschlossen hatte, traten die Kameraden des Verstorbenen an den Sarg und widmeten dem Toten herzliche Nach­rufe. In tief überzeugenden Worten wurden von vielen, die ihn kannten, die mit ihm an der Front des Weltkrieges standen, fein kameradschaftlicher Geist, seine überragende soldatische Haltung, sein nimmermüdes Schaffen, sein Frohsinn, fein Fleiß und feine Einsatzbereitschaft hervorgehoben. Auch von unserer Stadt nahmen viele Kameraden teil und erwiesen ihm mit ernsten Worten und mit Kranzniederlegungen die letzte Ehre. Während der Sarg unter den Klängen eines Chorals in die Tiefe

Zum 29. März.

Em Wort von Friedrich Katztzler.

Wer so wie der Führer die unsagbare Schwere der Verantwortung, die ihm sein Amt auferlegt, sichtbarlich von uns allen einzig und allein durch die Kraft seines innersten Glaubens trägt und zu Entschluß und Tat macht, der hat bei Gott das heilige Recht, von uns zu erwarten, daß wir ihm die Glaubenskraft, die er täglich für uns aufbringt, nach unserem besten Können zurückerstatten durch unwandelbare Treue und Hingabe.

Oie klugen Frauen."

Gloria-Palast.

Dieser Film, bei uns offiziell als künstlerisch wertvoll anerkannt, in Frankreich mit dem großen Filmpreis ausgezeichnet, darf als ein höchst erfreu­liches Zeugnis kulturellen Verständigungswillens be­zeichnet werden: er ist ein Werk deutsch-französischer Gemeinschaftsarbeit und erlebte in Berlin seine Uraufführung im Beisein des Reichsministers Dr. Goebbels und des Botschafters Francois- Poncet. Der französische Titel lautetKermesse heroique", heroische Kirmes, und trifft auch seiner­seits den Charakter dieses Lustspiels im Gewände des 17. Jahrhunderts. Ort der Handlung ist das kleine flämische Städtchen Boom, unweit von Ant­werpen, anno 1616. Die Einwohnerschaft trifft eben lärmend-fröhliche und geschäftige Zurüstungen, die Kirmes zu feiern, da platzt eine alarmierende Nach­richt in die Festesvorfreude: die Spanier kommen; sie rücken an mit Mann und Roß und Wagen, und die kleine Stadt muß sich auf die Einquartierung fremden Kriegsvolkes gefaßt machen. Auf diese von martialischen spanischen Quartiermachern über­brachte Botschaft fällt den Männern mit dem Bür­germeister an der Spitze in Erinnerung an das frühere Schreckensregiment und die spanische Kriegsfurie in den Niederlanden mit Verlaub zu sagen, das Herz in die Hosen, und es ist mehr als ungewiß, ob die Kirmes in Boom nicht ein schmäh­liches ober gar blutiges Ende gefunden hätte. Auf die Männer ist kein Verlaß, soviel ist sicher, die wissen sich keinen Rat, und die kleine Stadt scheint verloren. Aber die klugen Frauen von Boom, die haben die Situation begriffen; sie handeln, geführt von der schlauen und energischen Bürgermeisterin, mltzWtz UM LU und weiblicher Gewandcheitr die­

weil der Bürgermeister sich tot stellt, empfängt eine Abordnung der Frauen, die Bürgermeisterin Cor­nelia an der Spitze, den Herzog von Olivarez samt Gefolge und viel spanischem Kriegsvolk am Tor der Stadt und überreicht mit artigen Worten den Schlüssel; zwar gelingt es ihnen nicht, die Spanier ein Haus weiter" zu schicken, aber die erlogene Trauerbotschaft vom Tode des Stadtoberhauptes bewirkt immerhin, daß die Fremden mit gedämpf­tem Trommelklang einziehen, während der galante Olivarez es sich nicht nehmen läßt, zu Füßen des pomphaft aufgebahrten lebenden Leichnams einen riesigen Kranz niederzulegen. Und dann wird es lustig, die Frauen von Boom sind nicht nur klug, sondern auch sonst bei der Hand und gar nicht spröde; sie wissen die spanischen Gäste freundlich zu empfangen und zu bewirten, und alsbald ist die Kirmes im besten Gange, während die Männer des Rates freilich derweil nicht viel zu bestellen haben. Die Spanier erweisen sich überdies als recht um­gängliche Leute, mit denen sich leben läßt; die Nacht geht vorüber mit Tanz und Spiel und Tafelfreu­den, und am andern Morgen verlassen die Frem­den, vom Jubel der Bevölkerung begleitet, die Stadt. Die klugen Frauen haben auf der ganzen Linie gesiegt. Die Bürgermeisterin verkündet vom Balkon des Stadthauses herab den Dank des Her­zogs, welcher denen zu Boom ein Jahr Steuerfrei­heit gewährt für die freundliche Aufnahme. Dabei erweist sie sich wahrhaft als gescheite Frau, indem sie zu rechter Zeit den wiedererstandenen Gemahl vorzuschieben versteht, der mit seinemOpfertode" das Gemeinwesen gerettet zu haben glaubt; und nach in der Nacht hat Cornelia, ganz unter der Hand, ihre älteste Tochter mit Hilfe des Spaniers unter die Haube gebracht, einen unbequemen Hei­ratsplan ihres Gatten zunichte und ein junges Lie­bespaar glücklich gemacht. Die Spielführung des Regisseurs Jacques Fey der muß ausgesprochen malerisch genannt werden: seine Inszenierung schien beschwingt und angeregt durch die Besinnung auf große Meister wie Velasquez, Hals, Rubens und Brueghel, an deren Bilder und Motive man im Laufe des Spiels mehr als einmal erinnert wird. Feyder hat auch die überwiegend epische Fabel sehr geschickt in Bewegung umzusetzen und große Volksmengen lebendig zu dirigieren und zu grup­pieren verstanden; rein filmisch verwertbare Epi­soden wie die Vision des spanischen Schreckensregi­mentes wurden wirksam in die Szenenfolge einbe­zogen. Die Leistung des Kameramannes Harry Stradling bedarf besonders lobender Erwäh­nung: er schuf Bilder, die den Zuschauer recht un- mlttdbax kl das volkreiche» bewegte Leben und

Treiben einer kleinen flämischen Stadt des 17. Jahr­hunderts versetzen. Francoise Rosay, Feyders Gemahlin, spielt die Bürgermeisterin mit franzö­sischem Sprachklana und französischem Tempera­ment, energisch, gescheit und mit erstaunlichem diplomatischen Geschick. Paul Hartmann ist der vornehme und elegante Olivarez, untadelig in der Haltung des Edelmannes, der Velasquez zu einem berühmten Gemälde Modell stand. Sehenswert ist ferner der feiste Bürgermeister von Will Dohm; sehr hübsch das junge Liebespaar, Charlott Dau - d e r t und Albert Lieven, auch Carfta L ö ck als Fischhändlerin, Wilhelm H o l z b o e r als spanischer Kaplan, Trude Marlen und Paul W e st e r - meyer seien nicht vergessen.

*

Im Beiprogramm sieht man einen hochaktuellen Bildbericht von der nationalsozialistischen Aufbau­arbeit, die Fox-Tonwoche, einen Kulturfilm, sowie je einen Vorspann zu denMädchenjahren einer Königin" und dem Paramount-FilmPolizei­auto 99.r

Oer Erfinder des Fahrstuhles.

Der Fahrstuhl ist keine Erfindung der Neuzeit, wenn er auch erst in den letzten Jahrzehnten weitere Verbreitung gefunden hat. Schon die Römer kannten Einrichtungen, die unseren Fahrstühlen gleichen. Später gerieten sie aber wieder in Vergessenheit, bis sich der Franzose Villayer im 17. Jahrhundert mit dem Prinzip einer vertikalen Beförderung von Menschen und Lasten befaßte und sogenannteflie­gende Stühle" erfand. Villayer ist übrigens auch die Einführung der Briefkästen zu danken. Zu der Erfindung des Fahrstuhles hieß es:Wenn man sich darauf setzt, steigt er durch Gegengewicht ober burch bas Gewicht bes Körpers zwischen zwei Mauern hinaus unb hinunter bis zu bem Stockwerk, zu bem man gelangen will." Derfliegenbe Stuhl" hatte zunächst einen großen Erfolg. Das bauerte aber nicht lange. Eines Tages blieb eine königliche Prin- Zessin, da ber Aufzug <in irgenbeiner Stelle schadhaft geworden war, mit ihrem fliegenden Stuhl in der Luft hängen und konnte erst nach drei Stunden aus ihrer unangenehmen Lage befreit werden, nachdem man eine Mauer eingeschlagen hatte. Don da ab war es mit dem Ruhm der neuen Erfindung aus. Etwas später tauchte der Fahrstuhl allerdings auch in Frankreich wieder auf unb zwar in ben ersten Jahren ber Regierung Ludwigs XVI. Damals wun- berte man sich über bieseunerhört kühnen Aufzüge", dis tatet noch zu jelten feien,

Zahnziehen mit der Steinaxt.

Auf einer Sitzung ber Australischen Gesellschaft für ben Fortschritt ber Wissenschaft in Sibney be­richtete ber Anthropologe W. Thorpe von einem etwas brastischen Verfahren bes Zahnziehens, bas noch heute bei einem Eingeborenenstamm in Mittel­australien üblich sein soll. Der zahnwehkranke Mann wirb zunächst mit beiben Füßen fest in die Erbe ein­gegraben unb bann von ben Mitgliebern bes Stam­mes gehalten, währenb ein erfahrener Mebizinmann Den Patienten von seiner Pein mit einigen Stein­axtschlägen befreit. Während dieses Vorgangs fingen die Männer des Stammes laut vor sich her, denn sie glauben, daß die Operation dann glücklich vonstatten gehe. Das Blut wird mit nassem Ton gestillt, unb ber glücklich herausgeförberte Zahn muß von ber Schwiegermutter bes Patienten verschluckt werden. Nach altem Glauben soll der Mann dann für einige Zeit gegen Zahnschmerzen geschützt sein.

Zeitschristen.

DieBerliner Monatshefte", Zeit- schrift zur Vorgeschichte unb Geschichte des Welt- krieges, herausgegeben van Dr. h. c. Alfred von Wegerer (Märzheft 1936, Quaderverlag, Berlin W 15) bringen eine Arbeit, die in Fortsetzung der Aufsatzreihe überDie Mobilmachung ber euro­päischen Mächte im Sommer 1914" aus ber Feder des Obersten a. D. Kißling die Mobilmachung Oesterreich-Ungarns behandelt. Die durch Skizzen erläuterte Arbeit berührt alle Phasen ber Mobil­machung unb des Aufmarsches in Oesterreich- Ungarn im Juli 1914. Der achte Band der russi- schen Aktenpublikation enthält einen Erlaß Sir Edward Greys an den britischen Gesandten in Serbien vom 24. Juni 1915. Grey erinnert die serbische Regierung an ihre Politik offener Feind- schäft gegen Oesterreich-Ungarn während der letz­ten Dorkriegsjahre. Serbien habe sich damals be­müht, die slawische Bevölkerung Oesterreichs auf­sässig zu machen unb Oesterreich-Ungarn in jeder denkbaren Weise zu beunruhigen. Wörtlich erklärt Grey:Serbien bat diesen Entschluß buchstäblich ausgeführt, unb aus ber so geschaffenen Span­nung ist ber gegenwärtige Krieg entstanden." Noch bedeutsamer ist Greys Urteil über die Verantwort­lichkeit für den europäischen Krieg. In bem Ver­sprechen, das der Kaiser von Rußland dem Prinz­regenten von Serbien am 27. Juli 1914 gegeben bat, daß Rußland keinesfalls dem Schicksal Ser­biens gegenüber desinteressiert bleiben wird, sieht Grey deg erstenUrsprung des Kriegest