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tärischen Führer steht. Generalstab und Kwantung-Armee regieren die Politik. Und mit ihr die Finanzen. Kein Land kann Jahre hindurch über 40 o. H. seiner Staatsausgaben (1935/36: 46,6 v. H.) der äußeren Eroberung opfern, ohne in Le­benshaltung, Kultur und Sozialpolitik zurückzublei­ben. Neue Ausgaben aber drängen heran mit der Besetzung der neuen Provinzen, mit der Vertei­digung der ungeheuer geweiteten Grenzen, mit den Plänen um Nordsachalin und Wladewostok, mit der Flottenkonferenz in London, in der Japan Waffen­gleichheit zur See verlangen wird, die auf ein Wett­rüsten mit Amerika hinweist.

Die riesige Expansion auf dem Festland soll i n der Zukunft ihre Früchte tragen; ein mächtiges Wirtschaftsgebiet soll sich auftun und der japani­schen Industrie mit Rohstoffen und Absatz dienen. Aber der Chinese wehrt sich auf seine Art. Auf Eroberung erwidert er mit Unterwanderung. Die wenigen japanischen Siedler in der Man­dschurei gingen unter oder kämpfen um ihr Leben. Die japanische Industrie wurde enttäuscht, der riesige Absatz blieb bisher aus, Handel und Wandel stehen im Zeichen des nationalen Widerstandes, des pas­siven Boykotts und der unverminderten Armut der Besiegten. So weiten sich mit den machtpolitischen Bereichen auch die Schwierigkeiten; und die Zu­kunft erst kann lehren, ob es auch heute noch im Vermögen eines Volkskörpers liegt, von so sch^naler Basis aus, wie die japanischen Inseln es sind, einen so riesenhaften Bissen festen Landes zu verdauen und zu behaupten.

Amerika und die Oelsperre.

Washington verfolgt einen eigenen Kurs.

Washington, 23. Jan. (DNB.) Zu den Gen­fer Beschlüssen erklärte Außenminister Hüll, die amerikanische Regierung verfolge in Beziehung auf Italiens Krieg gegen Abessinien nach wie vor eine eigene unabhängige Politik und be­absichtige nicht, sich nach anderen Mächten zu rich­ten oder auf Anfragen nach Mithilfe an der Drosselung der Öltransporte nach Italien einzu­gehen. Amerikas normale Oelausfuhr nach Italien fei sehr gering und betrage höchstens 10 v. H. der italienischen Oeleinfuhr. Für die Zukunft könne die Regierung sich nicht festlegen. Hüll hofft, daß der Kongreß der Regierung die Vollmacht erteilen werde, d i e Ausfuhr von kriegswichtigen Rohstoffen auf die durch­schnittliche Normalhöhe in Friedens Zei­ten zu beschränken.

ScdwereKämpse an derAordfront

Die Abessinier melden Erfolge bei Makalle.

Rom, 23. Jan. (DNB.) Der neue italienische Heeresbericht besagt:An der Erythräafront sind seit gestern harte Kämpfe im Gange, bei denen besonders eine Division Schwarzhemden in Anspruch genommen wird.

Nach abessinischen Frontmeldungen greifen nördlich von Makalle die abessinischen Truppen die Italiener Tag und Nacht an, nachdem sie vorher einen italienischen Angriff zurückgeschla- gen hatten. Einzelne abessinische Abteilungen sollen verschiedene italienische Stützpunkte und Artillerie­stellungen im Sturm genommen und Tanks im offenen Kampf angegriffen haben. In die Schlacht griffen auch italienische Flugzeuge ein. Ein großer breimotoriger Caproni-Bomber wurde von dem abessinischen Kommandant-m Daane Wo- dadje abgeschossen. Nach abessinischen Zäh­lungen sollen die Italiener einige Tausend Tote zu beklagen haben. Auch große Beute behaupten die Abessinier gemacht zu haben, darunter einige Feld­batterien mit der dazu gehörigen Munition. Wie weit die Stadt Makalle jetzt noch im Kampfgebiet liegt, läßt sich hier nicht feftfteHen. Seit zwei Tagen sind über das Hochland von Andabit bis zur Nord­front ungeheuere Regenfälle niedergegan­gen, die von starken Hagelschlägen begleitet waren und die Straßen für Tage unbenutzbar machen.

Danzigs Aniwort auf den Jahresbericht des Völkerbundskommissars.

Genf, 23. Jan. (DNB.) Der Danziger Senatspräsident hat zu dem Jahresbericht des Völkerbundskommissars in einer Erklärung Stel­lung genommen. Die wesentlichen Stellen der Er­klärung lauten folgendermaßen:Sie, Herr Ober- kommisfar, vertreten den Standpunkt, daß die Re­gierung der Freien Stadt Donzig in ständig wach­sendem Maße eine verfassungswidrige Politik betrieben habe. Dieser ungeheuerliche Vorwurf hätte nach meiner Auffassung e i n e s Be­rn e i s e s bedurft, an dem es in Ihrem Bericht fehlt. Ich meine, daß eine Politik, die sich i n Uebereinstimmung mit der u na b - hängigen Rechtssprechung des höchsten verfassungsmäßigen Gerichtshofes befindet, nicht gegen die vom Völkerbund garantierte Ver- faffung verstoßen kann. Die vom Rat des Völker­bundes in ihrer Verfassungsmäßigkeit angezwei- felten Gesetze haben das Ergebnis der Volkstags­wahl in keiner Weise beeinflußt Das wird von dem Obergericht der Freien Stadt Danzig ausdrücklich feftgeftellt. Aus den Umständen, daß die beanstandete Verordnung zur Zeit der Dolkstags- wahl in Geltung war, kann daher kein Verfahren gegen die Gültigkeit der Wahl hergeleitet werden.

Artikel 79 der Danziger Verfassung gewährleistet die freie Meinungsäußerung durch Wort und Schrift nicht schlechthin, sondern nur inner­halb der gesetzlichen Schranken. Das gilt auch für die Presse. Solche gesetzlichen Schran­ken sind durch das verfassungsmäßig zustande ge­kommene Ermächtigungsgesetz gezogen. Das politische Einschreiten gegen die Presseorgane war daher notwendig und zulässig, da die skrupellose Hetzarbeit der gemaßregelten Zeitungen die öffentliche Sicherheit und Ordnung gefährdete.

Heber die Rechtmäßigkeit der Auflösung des Allgemeinen A r b e i t e r v e r b a n d e s

der Freien Stadt schwebt ein Verfahren vor der Verwaltungskammer des Danziger Landgerichtes. Der Allgemeine Arbeiterverband ist feinem Wesen nach keine Gewerkschaft, sondern ein Verein mit politischem Kampfziel, dessen Zweck in der Bekämpfung des von der Regierung angeftrebten Aufbaues der Volksgemeinschaft durch Propa­gierung des Klassenkampfes besteht. Die­sen Zweck verfolgt er mit ungesetzlichen Mitteln. Vereine können nach Verfassung und Vereinsgesetz aufgelöst werden, wenn ihr Zweck den Strafgesetzen zuwiderläuft.

Wirkliche ernste politische Ausschreitungen haben sich in Danzig in den ganzen 2Vr Jahren national­sozialistischer Staatsführung nicht ereignet. Soweit es zu Ausschreitungen gekommen ist, ist die Poli­zei, die ohne Ansehen der Person und Partei ge­gen jeden Rechtsverletzer vorgeht, ihrer ohne wei­teres Herr geworden. Die Danziger Opposi­tions-Parteien, die sich ständig mit Petitio­nen über angebliche Derfassungswidrigkeiten unmit­telbar an den Kommissar und an den Völkerbund wenden, scheinen übersehen zu haben, daß ihnen ein Weg nach Artikel 19 Abs. 2 der Verfassung offen steht. Diese Bestimmung verpflichtet den V o l k s t a g , einen Untersuchungsaus­schuß einzusetzen, wenn auch nur ein Fünftel seiner Mitglieder es beantragt und die Gesetzlich­keit oder Lauterkeit einer Regierung oder Verwal­tungsmaßnahmen angezweifelt wird. Von dieser Möglichkeit haben die Oppositionsparteien bisher keinen Gebrauch gemacht. Es scheint uns aber Grundsatz des Völkerbundsrates zu fein, sich erst bann mit den inneren Angelegenheiten Danzigs zu beschäftigen, wenn bereits alle rechtlichen' und lega­len Mittel einer anderweitigen Regelung erschöpft sind.

Der Konflikt Moskau-Uruguay vor dem Völkerbundsrat.

Uruguay stellt vor dem Völkerbund fest, daß sich die Sowjetpropaganda gegen die Grundlagen der Kultur richtet.

Genf, 23. Jan. (DNB.) Die sowjetrussische Be­schwerde gegen Uruguay wegen des Abbruches der diplomatischen Beziehungen wurde am Donnerstag vom Völkerbundsrat behandelt. Als Vertreter Uru­guays nahm Guani am Ratstisch Platz.

Litwinow

bemühte sich um den Nachweis, daß der Abbruch der diplomatischen Beziehungen einenBruch" im Sinne des Artikels 12 und eine offensichtliche Ver­letzung des Völkerbundspaktes dar­stelle. Die in der uruguayischen Note erwähnten Anschuldigungen gegen die Sowjetregierung und ihre Vertretung in Montevideo seien völlig unbe­gründet. Weder die Sowjetregierung noch die Sow­jetvertretung in Montevideo noch irgend welche andere Beauftragte der Sowjetregierung kätten kommunistische Kreise in Uruguay oder in einem benachbarten Staat aufgewiegelt oder unterstützt; denndie Sowjetregierung hält unabänderlich an ihrer Politik der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten fest" (!!) Die uruguayische Regierung habe bei ihrem Vor­gehen zweifellosauf die Vorurteile spekuliert, die in reaktionären Kreisen vieler Länder gegen die Sowjetunion gehegt würden", wobei er sich in ebenso törichten wie haltlosen Verdächtigungen ge­gen Deutschland und Italien erging

Oer Vertreter Uruguays

betonte, daß das Vorgehen seines Landes eine Handlung der Solidarität mit feinen Freunden und Stammesverwandten in Südamerika gewesen sei und überdies ein Akt der Jt o t = wehr, über die allein das pflichtgemäße Ermessen der Regierung von Uruguay zu entscheiden habe. Uruguay habe seit 1926 theoretisch und seit 1933 tatsächlich in diplomatischen Beziehungen zur Sow­jetunion gestanden, und es habe durch die Aus­weisung des Sowjetvertreters einen Zustand wie­derhergestellt, der vor 1933 bestanden habe, und zwar ohne Beanstandung Moskaus oder daß darüber ein Konflikt ausgebrochen wäre. Die Aus­übung des Gefandtfchaftsrechtes bedeute keinerlei Verpflichtung für einen Staat. Die Verweigerung der weiteren Ausübung fei im vorliegenden Falle zur Sicherung der inneren und äußeren Ordnung des Landes unbedingt notwendig ge­wesen, da die kommunistische Propaganda in Süd­amerika ihr Gehirn in der Sowjetgesandtschaft in Montevideo gehabt und sich in dem benachbarten und befreundeten Brasilien in tragischer Weise ausgewirkt habe. Artikel 12 der Völkerbundssatzung sei nicht anwendbar, denn die Satzung beschäftigte sich nicht mit Bürgerkriegen und Biiraerkriegsgefah- ren. Uruguay wolle Arbeit, Ordnung und Frieden. Die Sowjetpropaganda in der Welt und insbesondere in Südamerika richte sich gegen

die Grundlagen der Familie, der so- zialen Ordnung, der Religion und die Kultur überhaupt.

Im übrigen wies der Vertreter Uruguays darauf hin, daß das Vorgehen seines Landes keineswegs vereinzelt dastehe. Gleich nach dem Kriege habe die Sowjetvertretung aus der Schwei za u s ge­wiesen werden müssen. England, Mexlko, die Vereinigten Staaten und andere hatten die gleichen Erfahrungen gemacht und der letzte Kongreß der Komintern spreche eine so eindeutige Sprache, daß es keines weitere Beweises für die organisierte Wühlarbeit Moskaus bedürfe. Die Unterscheidung zwischen der Sowfet- regierung und der Kommunistischen 3nternahonaie fei nicht aufrechtzuerhalten, denn S t a l i n sei Der tatsächliche Herr der Sowjetunion.

Litwinow

erklärte u. a., der Vertreter Uruguays habe keine Beweise für feine Behauptungen erbracht. Seme Ausführungen über die Identität zwischen der Sowjetunion und der Komintern, könnten täglichin irgendeiner deutschen Zeitung oder einem anderen reaktionären Blatt" nachgelesen werden. Sie hätten mit dem vorliegenden tgm nichts zu tun. Es komme nur darauf an, ob die Ko­mintern sich der Sowjetgefandfchaft in Montevideo zur Unterstützung revolutionärer Absichten bedient hätte. Solange dies nicht bewiesen sei, müsse die Sowjetregierung die Vorwürfe als Verleumdungen betrachten.

Der Ratspräsident schlug vor, den rumänischen Außenminister T i t u l e s c u zum Berichter- ftatter zu ernennen. Titulescu soll von dem dä­nischen Außenminister Munch und dem spanischen Vertreter M a ö a r i a g a unterstützt werden. Titu­lescu erklärte sich zur Uebernahme der Bericht­erstattung bereit, wenn auch, wie er sagte, unter starken Bedenken, die durch diese Ratsaussprache noch verstärkt worden seien. Er wolle sich aber der ihm auferledigten Pflicht nicht entziehen, zumal er, wie er unter allgemeiner Heiterkeit feststellte, feit a ch t Jahren den Artikel 11 Absatz 2 mit wech­selndem Erfolge anwende. (Dieser Artikel gibt jedem Bundesmitglied das Recht, die Aufmerksamkeit der Versammlung oder des Rates auf jeden Umstand zu lenken, der von Einfluß auf die internationalen Beziehungen fein könne und daher den Frieden oder das gute Einvernehmen zwischen den Natio­nen zu stören drohe).

Belagerungszustand über Damaskus.

Jerusalem, 23. Jan. (DNB.) Am Sonnen­tag wurden in Damaskus wiederum drei Studenten getötet und neben einer größeren Anzahl von Demonstranten auch40 Polizisten verletzt. Die Studenten zwangen die Laden- inhaber im christlichen und im jüdischen Viertel die Geschäfte zu schließen. Säumige Geschäftsleute wur­den mit Steinen bombardiert. In H - m s soll es beim Kampf vor dem Regierungsgebäude 2 0 Ver­wundete und drei Tote gegeben haben. In Damaskus und Aleppo ist der Belage­rungszustand verhängt worden. Der fran­zösische Oberkommissar d e M a r t e l gab der Presse die neue Aufteilung Syriens in acht Bezirke bekannt. Der syrische Finanzminister und der Kultusminister find zurückgetreten.

Die äaypttscbe Kabinettskrise.

Kairo, 23. Jan. (DNB.) Die ägyptische Re­gierungskrise soll nach Auffassung des Wafd der Partei der Nationalisten in der Weise gelöst werden, daß das neue Kabinett ausschließlich aus M itgliedern des Wafd gebildet wird. Er hätte jedoch nichts dagegen einz^gvenden, wenn zu den Verhandlungen mit England auch Füh­rer der Einheitsfront hinzugezogen wür­den. Es erscheint möglich, daß der Wafd auch be­reit fein würde, für die Dauer der Verhandlungen mit England einige Führer der Einheitsfront als Minister ohne Geschäftsbereich in das Kabinett auf­zunehmen. Vorläufig besteht Nahas Pascha jeden­falls darauf, daß die Ressortminister nur Wafd-Mitglieder fein können

Wilhelm Furtwängler.

Don Or Erwin Kroll.

Generalmusikdirektor Staatsrat Wilhelm Furtwängler begeht am 25. Januar seinen 50. Geburtstag. Es ist in der Tages­zeitung sonst nicht üblich, aus solchem Anlaß einen Geburtstagsartikel erscheinen zu lassen; wir wollen auch hiermit keinen Präzedenz­fall schaffen, glauben aber doch, daß die repräsentative Sonderstellung Furtwänglers im Musikleben unserer Zeit eine Ausnahme von der Regel gestattet und rechtfertigt.

Ludwig F i n k h, der Dichter und Ahnenforscher, ist einmal den Ursprüngen des Geschlechts der Furtwängler nachgegangen. Furtwangen, das liebliche Schwarzwaldstädtchen, die Wiege der Uhr­macherei, gilt ihm als ihre Heimat, und erzählt, wie einer jener Uhrmacherkünstler aus der bald weit über die Stadt verbreiteten Furtwönglerfchen Sippe 1868 in Furtwangen die Uhrenfabrik mit der FirmaLorenz Furtwängler & Söhne" grün­dete. Der Bruder dieses Lorenz wurde Altphilologe und Gymnasialdirektor in Freiburg i. B. und ver­erbte seine Liebe zum Altertum auf seinen Sohn, der ein berühmter Archäologe und der Ausgräber von Olympia wurde. Sem Sohn ist Wilhelm Furtwängler, der berühmte deutsche Dirigent. Er hat", so sagt Finkh,ein herbes alemannisches Schwarzwälder-Gesicht und die Reiselust; und manchmal könnten sich die Urahnen wundern, was aus ihren Uhren und Musikwerken, der Astronomie und dem Glockenspiel in diesem Meister des Taktes geworden ist".

Zum handwerklichen Musikverstand, den er von den Vätern ererbt, kommt bei Furtwängler bas künstlerische Empfinden. Es deutet zurück auf die Familie der Mutter, die aus dem Haufe eines in Baden ansässigen höheren Schulmannes stammt. So sind denn in dem 1886 geborenen Sohne An­lagen des Verstandes und der Phantasie vereinig!, die seinen Erziehern die Möglichkeit gaben, früh- zeitig die Grundlagen einer umfassenden geistigen Bildung zu legen. Daß er zum Musiker bestimmt war, war ihm und den Eltern von Anfang an klar und so räumten diese dem Kinde alles aus dem Wege, was zur Erreichung eines großen Zieles hinderlich hätte sein können. In München wurden ^Beer-Walbcunn, Rheinberger und S ch i l l g 5 seine Lehrer. Schon 1902 tritt der Jüngling in Berlin mit zwei Kamermusikwerken an die Öffentlichkeit. 1905 dirigierte er in Mün­chen seine erste Symphonie. Aber seinem ehrgeizi- gen Tatendrang scheint das eigene Schaffen nicht zu genügen, er strebt auf Podium des Dirigenten. Schon der Knabe hatte seine Umgebung durch sein

ungewöhnliches musikalisches Gedächtnis verblüfft. Es gab kaum ein Werk von Beethoven, das er nicht auswendig auf dem Klavier spielen konnte. Der Jüngling erwirbt sich bei Mottl und später bei Walter und Pfitzner die ersten Dirigier­kenntnisse und kommt über Breslau, Zürich, Mün­chen und Straßburg bald nach Lübeck, wo er von 1911 bis 1915 vornehmlich als Konzertdirigent wirkt. Rasch, aber durchaus nicht mühelos steigt er empor. Noch 1911 sagt Rudolf Louis, damals

(Scherl-Bilderdienst-M.)

einer der kundigsten deutschen Kritiker, nach einer Ausführung einer französischen Operette, die Furt­wängler in Straßburg leitete:Aus diesem jun­gen Manne wird im Leben kein guter Dirigent" Aber Furtwängler überwindet mit glühendem Eifer alle Hemmungen, die ihm das Handwerk als sol­ches, das Dirigiertechnische bereitet. Er ist von Hause aus nichttänzerisch" veranlagt. Seine un­gestüme Ausdrucksgestik, ganz vom Willen einge­geben, bekommt erst nach und nach jenes Eindeu­tige, unfehlbar Wirksame, das, aus tiefstem Ver­ständnis des Kunstwerkes geschöpft, Spieler wie Hörer in gleicher Weise bannt. Im Mannheimer Operntheater tritt er die Nachfolgerschaft B o - danzkys an und beendet (1920) zugleich seine Lernjahre.

Dem jungen Meister, auf den die Welt längst aufmerksam geworden ist, eröffnet sich nunmehr ein Feld der Betätigung, dessen riesenhafte Aus­maße jeden anderen nachschaffenden Künstler zur Zersplitterung der Kräfte geführt hätten. Er über­nimmt von Richard Strauß die Symphonie-

Konzerte der Berliner Staatskapelle (1920 bis 1922), daneben von Mengelberg die Frank­furter Museumskonzerte. Nach Wien ruft ihn das Tonkünftlerprchefter und (1922) auch die Gesell­schaft der Musikfreunde. Als N i k i s ch im Januar 1922 stirbt, übernimmt Furtwängler als sein berufener Nachfolger sein Erbe: die' Konzerte des Leipziger Gewandhauses (bis 1928) und der Ber­liner Philharmonie. Daneben entfaltet er eine aus­gedehnte Tätigkeit als Gastdirigent in deutschen Großstädten (insbesondere in Hamburg) und im Auslande. Die Berliner Staats'oper und die Bayreuther F e st s p i e l e wissen den Glanz und die Zugkraft seines Namens zu schätzen Seine regelmäßig wiederkehrenden Auslandsreisen mit den Berliner Philharmonikern denen er bis heute treu geblieben ist, haben das Ansehen deutscher Musik und Musikübung gewaltig vermehrt.

Furtwänglers Sonderstellung unter den deutschen Dirigenten ist um so bemerkenswerter, als sie in einem Lande errungen wurde, das alle ande­ren nach Zahl seiner Orchester und Orchesterleiter weit hinter sich läßt. In Deutschland vornehmlich hat sich der Dirigent zu seiner heutigen Wesensart entwickelt. Zuerst Taktschläger, dann führender Orchefterfpieler (sei es erster Geiger oder Cembalist), wird er zum nur dirigierenden Kapellmeister, für den schließlich auch die Personalunion mit dem Kom­ponisten nicht mehr notwendig ist. Spohr und Weber, die Meister der musikalischen Früh­romantik, sind zugleich die ersten Kapellmeister im heutigen Sinne des Wortes. Liszt und Wag­ner steigern die Ausdruckskraft des Dirigenten. Bülow wird der Schöpfer eines neuen deutschen Orchestervortrags, der große Lehrmeister eines neuen Nachschaffens. Der warmblütige, genial im­provisierende N i k i f ch gibt der modernen Dingen« tengeftalt die letzten entscheidenden Züge. Als Furtwängler die Führung des Philyarmoni- ichen Orchesters übernimmt, ist dieses schon eines der besten Orchester der Welt. Ein ßlangförper von unerhörten Ausdrucksmöglichkeiten, auf dem zu spielen alle großen Dirigenten der Zeit Gelegenheit nehmen, nachdem er durch Bülow die rhythmische, durch N i k i s ch die klanglische Vollendung erhal­ten hat. Furtwängler folgt ihnen als eine aus­gesprochene Führernatur, die wesentliche Vorzüge der beiden in sich vereinigt sind dabei ganz per­sönlich ausprägt.

Furtwänglers Sonderrang unter den heu­tigen Dirigenten gründet sich einmal auf die Uni­versalität seiner musikalischen Ausdeutekunst, dann aber auch auf die ganz einmalige geistige Durch­leuchtung, die jedes Werk unter feinen Händen er­fährt. Ob er im Dienste Bachs, Beethovens, Brahms', Bruckners ober Mozarts, Schumanns, Tschaikowskis, Straußens steht, überall reißt er mit

durch ein höchst persönlich durchglühtes Musizieren, dessen Zwang wir uns gern unterwerfen, weil wir spüren, daß so zugleich das Kunstwerk sein Letztes, Tiefstes ausspricht. Geist, Phantasie, beschwören­der Wille, stürmende Leidenschaft eines nachschaf­fenden Genies, dessen Ehrgeiz und Selbstherrlichkeit ebenso groß sind wie sein Fleiß und seine Bega­bung, unterjochen Spieler wie Hörer. Furt­wängler ist vom temperamentvoll-bewußten Nachgestalten längst zurreinen Schau" der Werke vorgedrungen. Der Breite seiner musikali­schen Empfindung entspricht die Tiefe. Er sieht das Ganze, ohne daß ihm irgendein Teil entgeht. Die Art dieses Nachgestaltens, angedeutet durch eine un­endlich lebendige Gestik des ganzen, ragenden Körpers, ist ausgesprochen männlich. Um es über- spitzt zu sagen: er dramatisiert sinfonische Musik, und er finfoniert dramatische. Aber bei tiefstem Wissen um jede Wirkung, um die Geheimnisse der Klangverbindung und Klangverschmelzung verliert er doch nie die Achtung vor dem Werke. Er Erspürt wie kein anderer das Werden und Wachsen Der Melodie, er hat das unfehlbare Bewußtsein der musikalischen Zusammenhänge.

Wesen dieses universalen Künstlers gründet, daß er jeder Richtungsmeierei in der ?hPr9Kmbl bng obhold ist Sogenannte Stil- (fr'S-®etenPtni5Programme sind nicht feine Sache, nrnm b ' eF gelegentlich erzählt bat, Pro- e 8mi. "fruchtbarem Kontrast", bei denen je» oes Werk, in einer wohlbedachten Reihenfolge bar- geböten, für sich zum vollen Leben erwachen kann. Ilie Werke der Gegenwart haben dabei vor der Vergangenheit und Oie der Vergangenheit vor der Gegenwart zu bestehen. Es gibt nach F u r t w ä n a- e r inL,?runbe ,Pur eine Forderung für die Pro- grarnmbÜbung, nämlich die, der lebendigengroßen" Musik, sie sei alt oder neu, den Platz zu verschaf­fen, der ihr zukommt. 1

W/r dem Nachschaffen so fanatisch, so verant­wortungsbewußt obliegt wie Furtwängler roirb auch dem eigenen musikalischen Schaffen gegenüber höchste Maßstäbe anlegen, denen aerechf 3u werden nach des Dirigenten Meinung zum leb­ten Male vielleicht nur noch einem Brahms (dem der Komponist Furtwängler nahezustehen fchemt) gegeben war. Schaffender oder Nachschaf- ^nder das gilt uns bei diesem außerordentlichen Zünftler gleich Auf der Höhe seines Wirkens dar? Furtwängler heute die Glückwünsche und den Dank der ganzen musikalischen Welt entgegenneh men, und wir sind stolz darauf, daß biese?7n7r nationale Dirigent von so ausgesprochenem dent- chen Wüchse und deutscher Art isü Man kann 'dn nicht besser schildern, als mit den Worten Rilke sIch weiß nicht: bin ich ein Falke ein Sturm ober em großer Gesang?" ü ' ein