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Nr. 3vü Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Mittwoch, 23. Dezember 1956

Ans her Provinzialhauptstadt.

Nun ist es beinahe so weit!

Nun ist es beinahe so weit. Und wenn ganz gewiß alle ihre Pflicht taten, nein, weit darüber hinaus für das liebe Weihnachtsfest arbeiteten, vorbe­reiteten, umherliefen, Geheimnisse hüteten, ein­kauften, handarbeiteten, Pakete machten, lo leisteten am meisten doch zweifellos die Hausfrauen.

Nicht nur, daß sie oben Erwähntes neben allen Alltagsanforderungen erledigten nebenher brach­ten sie es noch fertig, den ganzen Haushalt sozu­sagen auf Hochglanz zu polieren. Und darin liegt ein wunderschöner, tiefer Sinn: Der Glanz des Festes soll sich widerspiegeln in jedem Stück des Hausrats, soll unbesorgt in alle Ecken und Winkel dringen können, so daß nicht nur die Menschen und ihre Herzen, sondern auch ihre Wohnungen bereit sind für alle Herrlichkeit der Weihnacht.

Man braucht durchaus nicht in die Häuser hinein­zugehen, um sich vom Augenschein überzeugen zu lassen. Die Fenster spielten in letzter Zeit gern die Rolle des Verräters. Starrten sie nicht kahl auf die Straßen herab, oft reihenweise, so daß man an eine wahre Umzugsepidemie hätte glauben kön­nen? Aber bald verhüllten sie sich wieder, und nun kann man überall eine wahre Pracht an blüten­weißem Tüll, an Spitzen, Stickereien und Fransen bewundern, und in den Erkern kräuseln sich frisch die zierlichen Volants und Fältelungen der Schei­bengardinen. Nur die Fensterscheiben! Hatte es Überhaupt Zweck, sie von außen zu putzen? Machte der Regen sie nicht sofort wieder blind? Doch im letzten Augenblick zeigte der Himmel ein Einsehen, und so wurde der gestrige Tag zu einem Fenster­putztag erster Ordnung.

Ueberhaupt der Himmel! Doch von ihm noch einmal zum Schluß. Vorher wollen wir einen kurzen Blick in die Backstuben werfen, in denen der Meister leider noch nicht sagen kann:Nun ist es beinahe so weit". Im Gegenteil, hier wird unter stärkstem Hochdruck gearbeitet, bis zum Allerletzten. Denn selbst der Bäcker ist nur ein Mensch und kann weder seine Hände verzehnfachen noch seinen Backofen zu Zimmergröße ausweiten. Aber er steht seinen Mann, Feldherr über das Heer der Frauen mit ihren Teigbergen und Kuchenblechen, und der köstlich duftende Hochbetrieb hält an von Morgen- bis Abenddunkel, denn fertig werden muß alles. Was er aber schließlich doch nicht schaffen sollte, wird an anderer Stelle ausgeführt. Wenigstens in Westfalen. Denn wenn dort ein Morgenrot den Himmel in glühendem Rot erstrahlen läßt, sagen die Kinder selig und geheimnisvoll:Christkindchen bäckt". Und dann ist es beinahe so weit. t. v. M.

Dornotizen.

Tageskalender für Mittwoch.

Stadttheater: 15 bis 17.15 UhrPrinzessin Aller­liebst". Gloria-Palast, Seltersweg:Burg- idealer Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Anne­marie." Weihnachtsausstellung der oberhejfifchen Künstler ab 17 Uhr im Turmhaus am Brand.

Ltadttheaker Gießen.

Heute nachmittag findet die Aufführung des Weih­nachtsmärchensPrinzessin Allerliebst" oderDer wundersame Regenschirm" von Friedrich Forster statt. Die Spielleitung führt Karl 23 o I cf. Die mu­sikalische Leitung liegt in den Händen des Kapell­meisters Ernst Bräuer. Einstudierung der Tänze und choreographische Leitung Irmgard Zenner. Die Vorstellung findet außer Miete statt und be­ginnt um 15 Uhr, Ende 17.15 Uhr.

Die Polizeistunde an Weihnachten und Silvester.

Dte Polizeidirektion Gießen teilt mit: Der Herr Reichsstatthalter in Hessen hat die Polizeistunde am zweiten Weihnachtsfeiertag auf 2 und für Sil­vester auf 6 Uhr festgesetzt.

Weihnachtsfeierstunde in der Stadtkirche am Heiligabend.

Auf mehrfachen Wunsch aus den Gemeinden besonders mit Rücksicht auf die vielen, welche in Geschäften tätig sind und zu früher Abendstunde

Tagesbefehl des Gauiverlscharführers.

Werkscharmänner!

Wir stehen am Ende eines ereignisreichen und für die Werkscharen bedeutungsvollen Jahres.

Ich bin der Ueberzeugung, daß sich jeder ein­zelne Werkscharmann im vergangenen Jahre die größte Mühe gegeben hat, und ich freue mich im­mer wieder, wenn ich den Eifer und die Dienstauf­fassung sehe, wie sie gerade in der letzten Zeit ge­zeigt wurde. Nach den Tagen der Eschenburg und dem großen Erlebnis des Reichsparteitages 1936 hat der Reichswerkscharführer, Parteigenosse Dr. Ley, mit dem Stabschef der SA., Viktor Lutze, und dem Korpsführer des NSKK. Hühnlein, ein Abkommen getroffen, das den Werkschardienst im künftigen Jahre grundlegend beeinflussen wird.

Wir sind nun eine straffe Formation geworden. Unsere Aufgaben sind innerhalb des Betriebes von

einer solchen Wichtigkeit und Notwendigkeit, daß ich jeden einzelnen Werkscharmann für das kom­mende Jahr auffordern muß, sein Allerbestes zu geben, damit wir den uns gestellten riesengroßen Aufgaben gewachsen sind.

Gerade ihr Werkscharmänner, die ihr alle dem werktätigen Volk angehört, müßt von einem Idea­lismus beseelt fein, damit dem Führer gezeigt wer­den kann, daß wir sein Vertrauen restlos verdienen.

In diesem Sinne hoffe ich, daß jeder einzelne seine Ehre darin einsetzen wird, ein vorbildlicher Werkscharmann zu werden.

Ich wünsche allen Werkscharmännern ein glück­haftes neues Jahr.

Holzapfel,

Gauwerkscharführer und SA.-Standartenführer.

Von der Schule zur Offizierslaufbahn.

DNB. Im Zusammenhang mit dem die Ver­kürzung der Schulzeit betreffenden Maßnahmen, werden die derzeitigen Unterprimaner bereits im Jahre 1937, die derzeitigen Obersekundaner bereits im Jahre 1938 von den Schulen entlassen. Nach­stehend werden daher die Fristen bekanntgegeben, in denen die Bewerbungsgesuche um Uebernahme in die Offizierslaufbahn, einschließlich Sanitäts- und Veterinäroffizierslaufbahn des Heeres, der Kriegs­marine und der Luftwaffe von den Unterprimanern und Obersekundanern, die eine dieser Laufbahnen einschlagen wollen, eingereicht werden müssen.

1. Für derzeitige Unterprimaner erfolgt die Einstellung als Fahnenjunker beim Heere um) bei der Luftwaffe ober als Offizieranwärter bei der Kriegsmarine ober als Fahnenjunker im Sanitäts­ober Veterinärkorps am 1. Oktober 1937. Die Vor­lage ber Bewerbungsgesuche hat baldigst späte­stens jedoch bis 15. Januar 1937 zu erfolgen.

2. für derzeitige Oberfefunöaner erfolgt die Einstellung für eine der unter 1. aufgeführten Laufbahnen am 1. Oktober 1938. Die Bewerbungs­gesuche sind einzureichen: Beim Heere in der Zeit vom 15. Januar bis 31. März 1937; bei der Kriegs­marine in der Zeit vom 15. Januar bis 31. Mai 1937; bei der Luftwaffe in der Zeit vom 15. Ja­nuar bis 30. April 1937.

Bewerbungsgesuche, die nicht innerhalb der vor­geschriebenen Fristen eingereicht sind, können nicht berücksichtigt werden. Die näheren Bestimmungen, die bei der Bewerbung beachtet werden müssen, sind aus Merkblättern zu ersehen, die

a) für die Offizierslaufbahn im Heere bei den Wehrbezirkskommandos;

b) für die Offizierslaufbahn in der Kriegsmarine bei der Inspektion des Bildungswesens det Kriegs­marine, Kiel;

c) für die Offizierslaufbahn in der Luftwaffe bei

den Wehrbezirkskommandos und auch bei der An­nahmestelle für Offiziersanwärter der Fliegertruppe, Berlin NW 40, Kronprinzenufer 12, Erdgeschoß, so­wie bei allen Truppenteilen der Luftwaffe;

d) für die Sanitätsoffizierslaufbahn bei den Wehr-, bezirkskommandos und bei der Militärärztlichen Akademie, Berlin NW 40, Scharnhorftstraße 35;

e) für die Veterinäroffizierslaufbahn bei den Wehrbezirkskommandos und auch 6ei den Korps- veterinären, zu erhalten sind.

Ausdrücklich wird darauf hingewiesen, daß für Vorlage der Bewerbungsgesuche nicht die in den Merkblättern angegebenen Fristen, sondern nur die vorstehend aufgefütjrten Gültigkeit Huben.

Falls es einem Bewerber nicht möglich ist, die dem Gesuch beizufügenden Personalpapiere, Ur­kunden usw. so rechtzeitig zu beschaffen, daß er sein Gesuch innerhalb der vorgeschriebenen Frist einreichen kann, so ist das Gesuch trotzdem frist­gerecht vorzulegen mit dem Bemerken, daß die fehlenden Unterlagen sobald als möglich nachgereicht werden.

Vor der Einstellung hat jeder Bewerber seine Arbeitsdienstpflicht abzuleisten. Eine Meldung hier­für seitens des Bewerbers ist nicht erforderlich. Die Anmeldung zum Arbeitsdienst wird durch die Wehr­bezirkskommandos veranlaßt.

Bewerbungen

für die Sanitätsoffizierslaufbahn.

DNB. Zum 1. Aprl und 1. Oktober 1937 werden Me­dizinalpraktikanten und approbierte Aerzte für die Sanitätsoffizierslaufbahn des Heeres angenommen. Bewerbungen sind an den nächsten Korpsarzt zu richten. Merkblätter sind bei den Wehrbezirkskom­mandos zu haben.

den Gottesdienst nicht besuchen können wird am Heiligabend (24. Dezember), 20.30 Uhr, in der Stadt­kirche eine Weihnachtsfeierstunde gehalten.

Die Regelung des Zettbezugs ab Januar 4937.

In der Zeit vom 22. bis 24. Dezember werden durch Polizeibeamte den Hausbesitzern oder Haus­verwaltern Antragsvordrucke zur Ausstellung von Haushaltsnachweisen zugehen, die sie an die ein­zelnen Haushaltungen weiterzugeben haben.

In der Zeit vom 28. bis 30. Dezember werden diese Anträge nach Ausfüllung wieder abgeholt werden. Untermieter, die nicht im Haushalt ihres Vermieters volle Kost erhalten, haben die gleichen Vordrucke wie Haushaltungsvorstände auszufüllen.

Sollten einzelne Haushalte keine Vordrucke er­halten haben, so wollen sie diese bei dem zuständigen Polizeirevier abholen.

Im Interesse eines jeden Haushalts liegt es, die Vordrucke vollständig und richtig zu den angegebenen Terminen auszufüllen, damit die Fettversorgung Anfang Januar 1937 durchgeführt werden kann.

Auf die Bekanntmachung des Oberbürgermeisters

in unserem heutigen Blatte sei besonders hinge- wiesen.

Wenn man im Gasthaus ißt...

Lpd. In der Nachkriegszeit hatte sich nach Heber» Windung der ersten Ernährungsschwierigkeiten in un­seren Gaststätten der Ehrgeiz durchgesetzt, dem Dienst am Kunden" durch eine besonders reichhaltig ausgestattete Speisekarte Ausdruck zu geben. Und da begreiflicherweise keine Gaststätte hinter der anderen zurückstehen wollte, kamen schließlich teilweise Speise­karten zustande, die man ohne weiteres alsMon­strum" bezeichnen konnte. Sie waren kein Dienst am Kunden mehr, sondern waren geradezu dessen Qual geworden.. Wer von uns hätte es nicht schon selbst erlebt, daß er eine solche Riesenspeisekarte trotz allen Hungers und Appetits ziemlich ratlos in der Hand hielt. Der alte SpruchWer die Wahl hat, hat die Qual", traf hier wirklich zu.

Jeder der feine Mahlzeiten häufig in Gaststätten einnimmt, wird das bestätigen. Darum wird er es auch andererseits nicht als eineVernachlässigung des Gastes" empfinden, wenn nunmehr unsere Gast­stätten zu. einer Vereinfachung ihrer Speisekarten übergehen. Sie werden künftig durch ihre mengen­

mäßige Beschränkung der Auswahl dem Gast zwar weniger, aber doch treffliche Gerichte anbieten. Vor allem aber werden sie durch eine verkürzte Speise­karte den volkswirtschaftlichen Notwendigkeiten un­serer Ernährungslage gerecht. Die Gaststätten wer­den viel stärker den Gast auf die Gerichte Hinweisen können, die im Augenblick besonders gut und billig herzustellen sind, weil ihre Zutaten reichlich auf dem Markt angeboten werden. Neben der Verbrauchs­lenkung können di- Gaststätten durch eine kleinere Speisenauswahl aber auch wirkungsvolle Mitarbeit imKampf dem Verderb" leisten, denn die ver­kürzte Speisekarte schützt sie vor mancherlei Ver­lusten.

Die Gäste in unseren Gaststätten werden also für diese Küchenumstellung Verständnis haben. Es wird deshalb keiner weniger zu essen brauchen, nur die Wahl wird ihm erleichtert. Zudem wirv er das Be­wußtsein haben, durch eine Selbstbeschränkung zu seinem kleinen Teil dazu beizutragen, unsere Er­nährungsgrundlage zu verbreitern.

Unser neuer Roman.

Nachdem wir in der gestrigen Ausgabe des Gie­ßener Anzeigers den Abdruck des RomansWege im Nebel" von Käthe M e tz n e r beendet haben, beginnen wir in der heutigen Nummer unseres Blattes mit der Veröffentlichung eines neuen gro­ßen Romanwerkes, von dessen durchschlagendem Erfolg in allen Kreisen unserer Leserschaft in Stadt und Land wir überzeugt sind. Handelt es sich doch diesmal um das jüngste Werk einer hochbegabten, deutschen Autorin, deren früher in den Familien­blättern erschienener RomanDie Dame mit dem Otterpelz" zahlreichen Lesern noch in angenehmster Erinnerung sein dürfte. Der neue Roman heißt

Oaü fremde Gesicht"

von Garen

und ist ein Werk, das die zarte Leidenschaft einer Liebesgeschichte mit der Dramatik und außerordent­lichen Spannung des echten Abenteuer- und Krimi­nalromans in sich vereinigt. Wer seinerzeitDie Dame mit dem Otterpelz" gelesen hat, weiß, daß Caren glänzend zu erzählen und lebenswahr zu schildern versteht. So ist auch ihr jüngstes Werk, mit dessen Veröffentlichung wir heute beginnen, ein richtiger Zeitungsroman, der den Leser sofort ge­fangen nimmt und ihn von Fortsetzung zu Fort­setzung bis zum Schluß in Atem hält.

Wir sind gewiß, mit der Erwerbung unseres neuen Romans einen besonders glücklichen Griff getan zu haben und allen unseren Leserinnen und Lesern eine ungewöhnlich fesselnde, jeden Tag mit Freude und Spannung erwartete Lektüre zu bieten.

Meldung zum Arbeitsdienst für die weibliche Jugend.

NSG. Zum 1. April 1937 können in erhöhtem Maße Einstellungen in den Arbeitsdienst für die weibliche Jugend angenommen werden. Damit die Einstellung erfolgen kann, müssen die Meldungen bis spätestens 1. Februar 1937 vollständig bei der Bezirksleitung XI/Hessen, Wiesbaden, Rheinstr. 74, vorliegen. Antragsformulare und Werbeblätter sind bei den Ortspolizeibehörden und der Bezirks­leitung XI, Wiesbaden, Rheinstraße 74, erhältlich.

Mehr Achtung vor dem Brot!

DNB. Immer wieder werden in den Müllkästen weggeworfene Nahrungsmittel und vor allem leider in erheblichem Umfang Brotreste gefunden. Das darf nicht fein. Das tägliche Brot ist Volksgut und darf nicht verkommen. Brot wird durch die harte Arbeit des Bauern dem Boden abgerungen. Brot muß als ein Geschenk der Erde geachtet werden. Wer Brot wegwirft, schädigt sein Volk. Wer das

SW gegen spröde Haut

Das fremde Gesicht.

Vornan von Garen.

(Nachdruck verboten!)

Die Operation war vorüber. Doktor Alland half der Schwester, die Patienttn vom Operattonstisch auf die Bahre heben.

Vorsicht beim Transport", mahnte er, während der Karren geräuschlos nach dem Aufzug rollte. Keine Erschütterung! Die Frau hat viel Blut ver­loren."

Er streifte die Gummihandschuhe ab und schälte sich aus seiner Vermummung.Uff das war ein Stück Arbeit! Ich schwitze wie ein Rennaaul!"

Mit entblößtem Oberkörper ging er zum Wasch­becken und begann sich abzuseifen, daß die Schaum­flocken umherspritzten. Er plantschte munter wie ein Schuljunge, ließ abwechselnd kaltes und heißes Wasser über Brust und Arme laufen, bis seine sonnengebräunte Haut vor Frische dampfte.

Wie lange haben wir gearbeitet?" fragte er über die Schulter hin seinen Assistenten, der im Hintergrund noch mit den Instrumenten hantierte.

Fünsundsechzia Minuten, Herr Doktor."

Großartig!" Alland nickte befriedigt.Ging ja fixer, als ich gedacht hatte. Noch nicht halb acht, wie? Dann könnte ich ja doch noch mit in die Oper. Hatte meiner Frau schon abgesagt. Wir haben heute im Abonnement den .Rosenkavalier*."

Er schleuderte das zusammengeballte Handtuch auf einen Stuhl und streifte das Hemd über.

Ich kann ja wohl auf ein paar Stunden Weg­gehen, nicht? Sie wissen ja Bescheid, Doktor. Wenn die Patienttn Schmerzen bekommt, geben Siene Spritze aber bloß eine, nicht mehr! So gegen elf schau ich noch mal vorbei. Sollte was Be­sonderes los sein inzwischen, können Sie ja ins Theater telephonieren. Guten Abend!"

An der Tür blieb er noch einmal stehen.

Sonst alles in Ordnung, wie? Der Leistenbruch auf achtundzwanzig verheilt gut? Keine Tempera­tur? Schön. Morgen kann der Verband ab..."

Alland ließ die weißlackierte Tür des Operattons- saales hinter sich ins Schloß fallen und rannte mtt

pennälerhasten Sprüngen die Treppe hinunter. Draußen war es schon dunkel. Den ganzen Nach­mittag hatte es geregnet, die Bäume tropften noch, und ein blasser, verweinter Mond stand am Himmel. Alland zog tiefatmend die feuchte Nachtluft in sich ein. Er liebte diesen starken und bitteren Herbst­geruch nach Astern und Spätveilchen und modern­dem Laub. Unwillkürlich verlangsamte er seinen Schritt, um diesen Genuß noch etwas zu verlängern. Seine chirurgische Praxis lieh ihm nicht viel Zeit zu Spaziergängen. Dieser kurze Parkweg von der Klinik bis zu seiner Privatvilla war oft tagelang seine einzige Erholung, und so oft er ihn zurück­legte, empfand er immer aufs neue dieselbe tiefe und kindliche Freude an diesem schönen Besitz, den er sich vor fünf Jahren aus einem Nichts geschaffen hatte, und der alles umschloß, was ihm das Leben teuer machte: seinen Wirkungskreis als Arzt und sein häusliches Glück ...

Leise öffnete er die kleine Gitterpforte, die den Sanatoriumsgarten von der Villa trennte. Ge­wohnheitsmäßig streifte fein Blick die Fensterfront ab. Merkwürdig alles schon dunkel heute! Sollte Evelyn schon fort fein? Sie war nie übertrieben pünktlich, und die Vorstellung begann doch erst um acht...

Es war so still im Haus. Nur ganz kurz schlug der Hund an und verstummte sofort auf seinen Zuruf.

Dr. Alland drehte im ersten Stock alle Lichter an und ging geradeswegs zum Schlafzimmer, wo er feine Frau noch beim Ankleiden vermutete. Aber auch da war sie nicht. Auf dem Bett, in Eile hin­geworfen, lag ihr grünseidener Kimono. Die Türen des Kleiderschranks standen weit offen, und von nebenan aus dem Bad drang der Duft ihres Parfüms, dieser ganz zarte Ambraduft, in den er so verliebt war. Heute noch nach beinahe sechs­jähriger Ehe. Verliebt wie am allerersten Tag...!

Frank Alland spielte versonnen mit der großen schaumrosa Puderquaste, die auf der Glasplatte des Toilettentisches eine feine Staubspur hinter­ließ. Ein zärtliches Lächeln lockerte seine Mund­winkel. Dann klingelte er nach der Zofe. Er klingelte dreimal hintereinander. Niemand kam. Plötzlich fiel ihm ein, daß das Mädchen am Mitt­woch seinen freien Nachmittag hatte. Schön

muhte man sich eben die einzelnen Bestandteile feines Abendanzugs allein zusammensuchen. Es war nicht das erstemal in seinem Leben, daß er sich selber half. In weniger als einer Viertelstunde war er umgekleidet und verließ das Haus. In der Ein­fahrt traf er mit der Kinderschwester zusammen, die von einem Ausgang zurückkehrte.

Waren Sie länger fort, Schwester?" fragte er stehenbleibend. Das Mädchen bekam einen roten Kopf.

Nein, nur bis zum Briefkasten. Die Kleine schläft bereits", stotterte sie verlegen. Der Arzt unterdrückte ein Lächeln. Flüchtig entsann er sich, daß er ihr kürzlich mit einem jungen Menschen begegnet war.

Ich wollte bloß wissen, ob Sie meine Frau noch gesprochen haben, ehe sie ging. Hat sie nichts für mich hinterlassen?"

Die Schwester verneinte lebhaft. Die Frau Doktor müsse es sehr eilig gehabt haben, weil sie nicht einmal, wie vewöhnlich, vorher noch einen Augen­blick bei der Kleinen gewesen sei. Das Kind habe gar nicht einschlafen wollen, weil es feinen Gute­nachtkuß nicht bekommen habe, und ...

Wann ist meine Frau denn weggegangen?" durchschnitt Alland etwas nervös ihren Redefaden. Die Schwester überlegte.

Es muß so gegen halb sieben gewesen sein. Ich war gerade unten in der Küche, um für Karin das Abendbrot zu richten, als ich die Frau Doktor am Fenster vorbeigehen sah. Ich wunderte mich noch, daß sie schon so früh wegging bei dem schlechten Wetter."

Sie wird noch vor dem Theater in der Stadt etwas besorgt haben, denk' ich ..."

Alland ließ das Mädchen mit zerstreutem Gruß an sich vorüber. Als er die Garage aufschloß, um seinen Wagen zu holen, sah er den kleinen sand­farbenen Fiat seiner Frau unbenutzt in der Ecke stehen. Diese Entdeckung beunruhigte ihn ein wenig. Was bedeutete das? Es war ganz unverständlich, daß Evelyn bei dem Regen und in Abendtoilette, wie sie war, die Trambahn genommen haben sollte, sie, die gegen schlechtes Wetter so empfindlich war. Vielleicht war an dem Wagen etwas nicht in Ord­nung, und sie hatte nicht gewagt, den seinen zu nehmen, der immer für die Praxis bereit bleiben mußte. Es würde sich auf klären..-

Alland ließ den Motor anspringen. In schnell­stem Tempo jagte er stadteinwärts. Die Vorstellung hat bereits begonnen, als er das Theaterfoyer be­tritt. Die alte Logenschließerin, die ihn kannte, blickt flüchtig von ihrem Strickzeug auf und legt den Finger auf den Mund. Behutsam öffnet er die rote Tapetentür und bleibt im Hintergrund der Loge stehen, bis sein Auge sich an das Halbdunkel gewöhnt hat. Ganz vorn an der Logenbrüstung bewegt sich im schwachen Reflex des Rampenlichtes undeutlich der Umriß einer weiblichen Gestalt.

Evelyn denkt er mit einem vagen Gefühl von Erleichterung. Die bezaubernde Heiterkeit des ersten Liebesduetts zwischen Oktavio und der Marschallin nimmt ihn einen Augenblick gefangen. Aber plötz­lich durchzuckt ihn jähes Erschrecken. Nein die Frau dort ist gar nicht Evelyn! Die beiden Plätze neben ihr sind leer.

Alland fühlt sein Herz in harten Stoßen gehen. Eine dumpfe Angst würgt ihm auf einmal die Kehle ab. Unsinn wehrt er sich gegen die selt­same Beklemmung. Evelyn ist doch kein Kind mehr, das sich verlaufen kann. Was sollte ihr zugestoßen sein...?

Vergebens sucht er sich damit zu beruhigen, daß sie sich etwa bei einer Freundin verspätet hat oder durch irgendeine Verkehrsstörung unterwegs auf- gehalten worden ist. Umsonst erwägt er hundert Möglichkeiten, die ihr Ausbleiben rechtferttgen könnten. Das würgende Angstgefühl in seinem Innern will und will ihn nicht verlassen... Nur um seine Nachbarin nicht zu stören, bleibt er auf seinem Platz sitzen, bis der Akt zu Ende ist, un­fähig, den Vorgängen auf der Bühne zu folgen. Die Musik verrauscht an seinem Ohr, ohne in sein Bewußtsein zu bringen. Kaum ist der Vorhang ge­fallen, springt er auf und läuft zum Telephon.

Alland dünkt es eine Ewigkeit, bis sich daheim jemand meldet. Ob feine Frau etwa schon zu Hause sei, fragt er die inzwischen heimgekehrte Zofe. Auch kein Anruf? Nein, gar nickt ...

Der Arzt hängte mit nervöser Hast den Hörer an. Ohne Hoffnung machte er noch einen Versuch bei zwei seiner Kollegen, mit deren Frauen Eve­lyn oberflächlich befreundet war. Dann gab er er auf.

(Fortsetzung folgt t)