Nr. 249 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheßen)
Zreitag, 23. Oktober 1936
Zrolversorgung-KaktosfelemteundSchweinemast
gen den den
1934 mit
1932 „
1930 „
Die in jedem Jahre feil Bestehen des WHW.» so führt auch in diesem Jahre das Jungvolk eine Brotfammlung durch. Weise den Pimpf am
44,25 Millionen Tonnen
44,22
44,21 „
Es ist demnach voraussichtlich mit einer Ge- samtkartoffelernte (Früh- und Spätkartoffeln), ohne Saarland, von 45,72 Millionen Tonnen zu rechnen. Das bedeutet einen Mehrertrag gegenüber 1935 von 4,70 Millionen Tonnen und gegenüber dem Mittel der Lrntejahre 1930/35 von rund 3,0 Millionen Tonnen.
Berücksichtigt man die vom Statistischen Reichsamt oorgenommenen Berichtigungen der Ernteflächen und Ernteerträge auf der Grundlage der Bodenbenutzungserhebung 1935, so kommt man zu der Feststellung, daß in Deutschland eine Kartoffelernte in der amtlich geschätzten Höhe des diesjähri- - Ernteertrages noch niemals ereicht wor- ist. Die nächstbesten Kartoffelernten waren in Jahren:
zu verzeichnen.
Die große diesjährige Kartoffelernte trägt wesentlich zur Entlastung der Getreideversorgungslage bei.
Ministerialdirektor im Reichs- und Preußischen M^stermm für Ernährung und Landwirtschaft.
ZdR. Die vom Statistischen Reichsamt durch- gesuhrte e r sl e Getreidevorschätzung für 1936 hat wesentlich höhere Ernteerträge gemeldet, als die Anfang September durchgeführte dritte Vorschätzung Wohl aus diesem Grunde besteht über die Getreideversorgung im laufenden Getreidewirtschaftsiabr (1.8.1936 bis 31.7.1937) vielfach Unsicherheit L 29. September hat der Reichsminister für Ernäh- rung und Landwirtschaft und Reichsbauernführer R. Äalther Darr6 zur Ernährungslage in der Öffentlichkeit eindeutig Stellung genommen. Es liegen nunmehr aber Ernteschätzungsergebnisse aus weiteren, äußerst wichtigen Gebieten der landwirtschaftlichen Erzeugung vor, die es ermöglichen ergänzende Mitteilungen über die Lage zu machen.
der dritten Getreide-Vorschätzung des Statistischen Reichsamts Anfang September haben wir Um-rr ^famtgetreibeernte in Höhe von rund 22,58 Mill. Tonnen zu rechnen (1935 = 22 Mill.
24. Oktober nicht ab, wenn er bei dir anklopftt
Tonnen, 1934 -- 21,6 Mill. Tonnen und im Durchschnitt der Jahre 1930/35 rund 22,5 Mill Tonnen)
"^jährige Getreideernte liegt demnach rund 600 000 Tonnen u b e r der Ernte des Vorjahres und etwa 1 Mill. Tonnen über der des Jahres 1934. Von der Gesamternte entfallen auf Brotgetreide (Roggen und Weizen) allein 12,4 Mill. Tonnen. Demgegenüber beträgt der Bedarf für die menschliche Ernährung, für Saatgut und industrielle Zwecke rund 10,15 Mill. Tonnen.
Die diesjährige Ernte reicht danach nicht nur für die Brotversorgung, sondern auch für die Befriedigung der anderen lebenswichtigen Bedürfnisse v ö l t i g a u s. Für die Verfütterung ftehen allerdings nur verhältnismäßig geringe IRengen an Koggen und Weizen zur Verfügung. Dies verpflichtet die Landwirtschaft, die Verfütterung von Brotgetreide auf ein Mindestmaß zu beschränken und tatsächlich nur für Mahl- Zwecke ungeeignetes Getreide zu verfüttern.
Die Versorgungslage bei Getreide, sowohl für Nahrungs-, als auch für Futterzwecke, darf aber nicht allein für sich gesehen werden; sie mutz vielmehr im Zusammenhang damit betrachtet werden, welchen Futtermittelbedarf die Tierhaltungen in ihrer Gesamtheit haben und wie dieser Futtermittelbedarf ohne übermäßige Inanspruchnahme von Getreide gedeckt werden kann. Dabei kommt es insbesondere darauf an, welcher Mastfutterbedarf für Schweine besteht und inwieweit dieser durch Kartoffeln und sonstige Erzeugnisse, die nicht unmittelbar der menschlichen Ernährung dienen, befriedigt werden kann.
Die Kartoffelernte verspricht nach der Oktobervorschätzung des Statistischen Reichsamts folgende Erträge:
Endgült. Ernteermittlg.
Vorschätzung
Deutsches Reich Anfang Oktober Durchschnitt ohne Saarland 1936 1935 1930/35
Gesamternte in Mill. Tonnen
Frühkartoffeln Spätkartoffeln
1,62 1,31 ----
44,10 39,71
Kartoffeln zusammen: 45,72 41,02 42,73*
denn der Getretdeverbrauch für Futterzwecke, insbesondere für Schweinemastzwecke, kann in dem Maße gesenkt werden und sinkt nach allgemeiner Erfahrung tatsächlich auch in dem Maße, in dem bei einer reichen Kartoffelernte die Kartoffel an die Stelle des Getreides treten kann. Das Verhältnis, in dem der Futterwert der Kartoffel zu dem des Getreides steht, ist bekanntlich rund 4:1. Es stehen also, gemessen an den Verhältnissen des Vorjahres, an Kartoffeln für Futterzwecke, in Futtergetreide umgerechnet, rund 1,2 Millionen Tonnen mehr zur Verfügung. Das ist um deswillen besonders nützlich, ja notwendig, weil der Schweinebestand des Vorjahres in wünschenswertem Umfange wieder aufgebaut worden ist; die letzte Schweinezwischenzählung (September) hat nämlich einen Gesamtbestand an Schweinen in Höhe von 25,9 Millionen Stück ergeben.
Bei der Beurteilung der Futtermittellage ist weiterhin zu bedenken, daß mit einer voraussichtlichen Zuckerrübenernte von etwa 11,45Millionen Tonnen zu rechnen ist; das sind rd. 900 000 Tonnen = 8,3 v. H. mehr alsim Vorjahre (10,57 Millionen Tonnen) und im sechsjährigen Mittel (10,56 Millionen Tonnen). Es darf angenom- men^werden, daß in diesem Jahr etwa 200 000 Tonnen vollwertige Zuckerrübenschnitzel als Schweinefutter mehr zur Verfügung stehen als im Jahre 1935. Diese vollwertigen Zuckerschnitzel werden vor alspm in den Schweinemastgebieten, deren Schweinemast bisher in der Hauptsache auf Getreidemast aufgebaut war, zu einer wesentlichen Entlastung beitragen. Auch der voraussichtliche, wesentlich höhere Anfall an Futterzucker und sonstigen Futterschnitzeln bedeutet gegenüber dem Vorjahr eine Besserung der Lage. Hinzukommt, daß in diesem Jahr die Heuernte mit 40,6 Millionen Tonnen um 7,5 Millionen Tonnen größer als im Vorjahr i st und infolgedessen im Pferde- und Rindviehstall erhebliche Mengen von Futtermitteln frei werden, die für die Schweinemast Verwendung finden können. Zusammenfassend kann gesagt werden:
1. Die diesjährige Getreideernte ist voraussichtlich um etwa 600 000 Tonnen größer, als die des Vorjahres und liegt über dem Wittel der Jahre 1930/35.
2. Die Kartoffelernte wird voraussichtlich einen Ertrag bringen, der gegenüber 1935 um 4,70 Millionen Tonnen und gegenüber dem Mittel der Erntejahre 1930/35 um 3 Millionen Tonnen größer ist.
3. An vollwertigen Futlerschniheln werden voraussichtlich in diesem Jahre etwa 200 000
* Vom Statistischen Reichsamt berichtete Zahlen auf der Grundlage der Bodenbenutzungserhebung 1935.
Tonnen mehr zur Verfügung stehen, als im Jahre 1935.
4. Der zu erwartende wesentlich höhere An
fall an Futterzucker und sonstigen Futter- schniheln kann restlos für die Schweinemast ausgenuht werden.
5. Die Rekordheuernte macht erhebliche Futtermittelmengen im Pferde- und Rindviehstall für die Schweinemast frei.
Die Landwirtschaft kann demnach in diesem Jahre weitgehend auf die Verfütterung von Brotgetreide verzichten und ihrer Getreideablieferungspflicht voll und ganz Genüge leisten. Die bisherige Entwicklung der Ablieferung von Brotgetreide zeigt, daß
sich die Landwirtschaft ihrer Verantwortung gegenüber dem Volke bewußt ist. Bis zum 1. Oktober 1936 sind trotz ungünstigen Erntewetters nach den bisher vorliegenden Ablieferungsbescheinigungen erheblich größere Getreide- menaen abgeliefert worden, als zur gleichen Zeit des Vorjahres. Es kommt nunmehr darauf an, daß die Landwirtschaft in ihrem P f l i ch t b e w u ß t s e i n nicht nachläßt und nach wie vor alles daransetzt, um das Ablieferungssoll an Brotgetreide rest- los zu erfüllen.
Der neue Faselstatt in Lang-Göns.
Die Gemeinde Lang-Göns hat (wir berichteten bereits darüber) für ihre Zuchttiere einen neuen Faselstall geschaffen, der mit Recht als vorbildlich angesprochen werden darf. Unser Bild zeigt den Stall, der fast den Eindruck eines stattlichen Bauernhofes macht. Mit dem Faselstall ist gleichzeitig eine neue Gemeindewaage gebaut worden.
(Aufnahme: Neuner, Gießener Anzeiger.)
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Aus der Provinzialhauptstadt.
Geheimrat Martin SO Jahre Professor.
Von der Pressestelle der Universität Gießen wird uns mitgeteilt:
Auf eine 50jährige Lebensarbeit als Professor zurückschauen zu dürfen, ist gewiß nur wenigen vergönnt, und es ist eine besondere Freude, wenn im hohen Alter das Lebenswerk in geistiger Frische noch fortgeführt werden kann. Das ist dem weit über Deutschlands Grenzen bekannten und hochgeschätzten Lehrer und Forscher D r. p h i 1. D r. Dr. med. vet. h. c. Paul Martin, Geheimen Me- dizinalrat, ord. Professor emerit. für Tieranatomie an der Universität Gießen beschieden.
Am 23. Oktober 1886 wurde dem für die Fächer Anatomie, Histologie und Physiologie an die damalige Tierarzneischule in Zürich neu berufenen Hauptlehrer Paul Martin, Assistenten der Zentraltierarzneischule in München, erst 25jährigem Dozenten der Titel Professor verliehen. In Zürich wirkte Professor Martin 15 Jahre, von seinen Studierenden, Kollegen und Behörden gleich hochverehrt und anerkannt. Die Gesellschaft Schweizerischer Tierärzte gab dieser Hochschätzung 1921 durch Martins Ernennung zum Ehrenmitglied und die Veterinärmedizinische Fakultät der Universität Zürich 1926 anläßlich seines 40jährigen Professoren-Jubiläums durch Verleihung der Würde eines Ehrendoktors der Veterinärmedizin Ausdruck. Am 19. Oktober 1901 wurde Martin als ordentlicher Professor für Tieranatomie (Anatomie, Histologie, Embryologie) und als Direktor des Veterinär-Anatomischen Institutes an die Universität Gießen berufen. Bald danach promovierte ihn deren vereinigte medizinische Fakultät zum Dr. med. vet. honoris causa. In den Jahren 1903/04 wurde nach Professor Martins Angaben das Veterinär-Anatomische Institut als vorbildliche Unterrichts- und Forschungsstätte erbaut. Er gehörte der Universität Gießen als begeisternder, bei seinen Studierenden sehr beliebter Dozent, als tiefschürfender Forscher und als fürsorglicher Vorsitzender des tierärztlichen Vorprüfungsausschusses, wie als Förderer der Entwicklung der Veterinärmedizin in seinen Eigenschaften als Vorsitzender des früheren veterinär-medizinischen Kollegiums (1904, 1907, 1910 und 1913) und als Dekan der Veterinär-Medizinischen Fakultät (1916, 1918, 1922 und 1925) bis zu seiner Emeritierung
am 30. September 1928 an und er nimmt weiterhin regen inneren Anteil an den Geschicken unserer Alma mater.
Außer zahlreichen anderen wissenschaftlichen Abhandlungen Geheimrat Martins sind grundlegend die über Vereinheitlichung deutschsprachlicher Namensgebung in der Haustieranatomie, seine Forschungen über Gehirn- und Neroenentwicklung und besonders seine vergleichenden Untersuchungen über die Entwicklung des Verdauungsapparates der Haustiere. Sein Lebenswerk aber" ist sein vierbändiges „Lehrbuch der Anatomie der Haustiere", das nun in dritter Auflage zu bearbeiten die Befriedigung seines Lebensabends ist. Die Bedeutung und besondere Note dieses Werkes liegt darin, daß Martins funktionelle und biologische Darstellungsweise des umfangreichen Gebietes der Veterinäranatomie, veranschaulicht durch zahlreiche Abbildungen seiner Künstlerhand, den modernen Forderungen der Tiermedizin und ihres Studiums weit vorauseilte.
Seiner schlichten Wesensart eines echten deutschen Gelehrtentums, das nur in unermüdlicher schöpferischer Arbeit seine Befriedigung findet, entspricht es, daß er, auch in Rücksicht auf seine gesundheitliche Behinderung, seinen seltenen Gedenktag ganz in der Stille begehen will. Daß dem Jubilar noch viele Jahre dieses reichen Schaffens in geistiger Frische und in der wissenschaftlichen lieber« schau feiner fünf Jahrzehnte langen beruflichen Erfahrung beschieden sein mögen, das wünschen ihm in Dankbarkeit alle seine Schüler, Kollegen und Freunde und mit ihnen alle, die seine Herzen ge-
*^Dßefargtum einen Kranken? \ Vielleicht erlaubt der Arzt ein
Gläschen Schaumwein? Das hat scbon vielen geholfen, den \ Willen zur Genesung zu ftärfyn?
\ SCHAUMWEIN
W bringt Jroftsinn!
^Besinne dich, o König des Liedes!" mahnte der Kadi und bedeutete mit einer Handbewegung dem Schneider, daß er schweigen «alle, -Schriebest du nicht auf Iussus Pascha, unseren erhabenen Graß-
Morgenländische Anekdote.
Bon Karl Lerbs,
„Allahs herrlichstes Geschenk an das Volk der Gläubigen, die das Antlitz gen Mekka wenden, ist Jussuf Pascha, der Großwesir!" Also trompetete das neue Lobgedicht Achmed Alis, des Dichters. „Deu Gesang der Sterne auf ihren ewigen Feuerbahnen tönt preisend seinen unsterblichen Namen, der Glanz der Sonne verhüllt sich schamvoll wo seine Güte leuchtet, lieblicher denn der linde Lenzmorgen ist das Lächeln seiner Lippen ehrfurchtsvoll preist ihn die Rede der Edelsten, und stammelt ihm der erquickte Mund des letzten Armen. Bitte ihn, um was du willst, und es ist dir gewährt!^ , r . . .
Wohlan, das Lied nahm feinen Weg IN die Kaffeehäufer und die Bazare, und Achmed Al, ließ es unter das Volk verteilen und las es Jemen Freunden auf dem Markte vor, und am dritten Tage schon plärrten es die tauben Bettler, wenn sie die Rosse des Großwesirs traben horten, und die blenden, wenn sie nur von ferne einen Diener aus dem Palaste Juffuf Paschas sahen. Und Achmed Ali wartete auf seinen Lohn und dankte Allah fruh und spät für die schöne und nützliche Begabung, die er ihm verliehen hatte. Und am wertenTaae, eine Stunde bevor der Muezzin zum Mltta^gebet rief, sandte der Kadi einen Hascher zum Dichter und ließ ihn vor Gericht fordern.
„Sei mir gegrüßt, o reiner Quell des lieblichsten Liedes!" sagte ber Kadi und vergrub die Finger der Rechten in seinem weißen Barte, so daß man das Lächeln nicht sah, das h .rab-
boq. „Allah reife die edlen Fruchte deiner Kunst an der Sonne seiner Gnade. Aber Felk, der, Schnelder, hat Klage wider dich erhoben, daß du ihm tausend ^Die Kürbitte des Propheten schütze Feik und sein H-u^" üerjetzte d7r Dichter, „Aber ich schulde
gedicht, und hieß es nicht darin: »Bitte ihn, um was du willst, und es ist dir gewährt st —?"
„Der Ewige halte die Hand über dein Haupt!" versetzte der Dichter. „Das tat ich. Aber was hat es mit Feik, dem Schneider, zu schaffen?"
„Nun, sein Weib ist krank, und seine einzige Kuh hat die Seuche geschlagen, und seine Schuldner bezahlen nicht. Da ist er zum Großwesir — Allah schenke ihm Wohlergehen! — gegangen und hat sich ihm zu Füßen geworfen und also geredet: „Achmed Ali, der große Dichter, hat geschrieben, daß du jede Bitte gewährest, Großmächtiger. Wahrheit ist das Wort des Dichters. Also bitte ich dich, daß du mir tausend Dinare gebest." Der Großwesir aber hat gelacht und ihn hinauswerfen lassen und ihm nachgerufen, wenn er noch einmal käme, würde er ihm tausend Stockprügel auf die Fußsohlen geben lassen — denn es sei unmöglich, daß Achmed Ali, der große Dichter, einen so greulichen Unsinn geschrieben haben sollte Wahrheit, o Achmed Ali, ist das Wort der Dichter, und Wahrheit muß es bleiben vor dem Volke. Und darum erkenne ich für Recht, daß du Feik, dem Schneider, die tausend Dinare gebest, auf der Stelle und ohne Abzug in bar. Vielleicht war es ein Mißverständnis zwischen dem Großwesir und dir; da wird es dir ein Leichtes sein, zu entwirren, was unserem nüchternen Verstände ein unlösbares Rätsel scheint."
Und Achmed Ali schlug sich natürlich an die Brust und raufte sein Haar und klagte und redete Vieles und Rührendes, für das in dieser Geschichte kein Raum ist. Der Kadi aber zuckte die Achseln und wußte keinen anderen Spruch. Und der Dichter lief heim und nahm all sein Geld und lieh von seinen Freunden und gab Feik, dem Schneider, tausend Dinare, die mit salzigen Tränen benetzt waren. Und er rannte zum Palaste und warf sich dem Großwesir zu Füßen und redete alles noch einmal.
„Umnachtet Scheitan mit Wahnsinn dein erhabenes Gehirn, das Allah mit feinem Lichte erleuchte immerdar?" fragte der Großwesir und vergrub die Finger der Rechten in seinem schwarzen Barte, so daß man das Lächeln nicht sah, das seine Mundwinkel herabbog. „Oder ist das alles wahr, und hast du in der Tat geschrieben, was Feik, der
westr —Wah"erhalte chn^ —, j-n-s herrliche Lob- Schneider, behauptet?""
„Allah schenke dir tausend Jahre paradiesischer Wonnen auf Erden!" heulte der Dichter. „Ich habe es geschrieben."
Und Jussuf Pascha bedeckte die Augen mit der Hand und schwieg eine lange Weile. Dann sah er den Dichter mitleidig an und sprach: „Ich habe in mein Inneres geblickt und mich geprüft; und ich habe gefunden, daß ich ein elender Sünder bin und keine der edlen Eigenschaften besitze, die du an mir rühmtest. Allah strafe mich nach Verdienst. Dich aber bewundere ich um deines Glaubens willen, und ich rate dir, daß du unters Volk gehst und die wahre Gesinnung der Menschen erforschest; denn sie sind böse in ihrem Trachten und verdienen nicht des Himmels Gnade. Ziehe hinweg, o Dichter, und merke, daß es ein kostspieliger Irrtum ist, andere edel zu heißen, ehe denn du sie geprüft hast."
Und der Dichter verhüllte sein Haupt und ging; und als er vor dem Paläste Feik, den Schneider, sah, der dreien seiner hilfsbedürftigen Freunde voll heiterer Hoffnung den Weg zum Großwesir wies, entwich er in eine Seitengasse und entfloh in einer Staubwolke. Da man seither nichts von ihm vernahm, so können wir nur hoffen, daß Allah ihm hinfort mit besserem Erfolge gnädig war.
Ein nachgelassener Roman von Grazia Deledda.
Die unlängst verstorbene italienische Dichterin und Nobelpreisträgerin Grazia Deledda hat in den letzten Monaten vor ihrem Tode an einer großen Erzählung gearbeitet, deren Manuskript jetzt aufgefunden worden ist. Es handelt sich um einen ersten Entwurf, aber in der sehr klaren Schrift finden sich nur sehr wenig Verbesserungen. Der Roman erhält eine besondere Wichtigkeit dadurch, daß die Dichterin in einer sehr durchsichtigen Verhüllung die Geschichte ihrer eigenen Kindheit und Jugend erzählt. Sie erwähnt darin ihre dichterische Berufung schon in frühester Jugend und spricht von ihren ersten Erfolgen, die Die junge Erzählerin bereits hatte, als sie noch fern von der literarischen Welt in einer kleinen Provinzstadt lebte. Die langen Winter auf dem Lande, die am Herdfeuer verbracht wurden, während die Hirten phantastische Geschichten erzählten, die Spiele, die,
Studien, die ersten Abenteuer und die ersten Liebesschmerzen der Brüder und Schwestern und auch die eigenen, die ersten Versuche, zu Papier zu bringen, was ihr unter die Augen kam und durch die Seele zog, das alles wird in sehr lebendiger und abwechslungsreicher Darstellung von der Dichterin geschildert. Das Manuskript hat bisher noch keinen Titel. Die Heldin heißt in dem Roman Cosima, oft aber vergißt die Dichterin dies und schreibt „unser Haus" und „unsere Familie". Das Werk wird in der Nuova Antologia unter dem Titel „Cosima, quasi Grazia“ veröffentlicht, während das Buch nur den Titel „Cosima“ haben wird.
„OieZukunsthängtvomLandleben ab//
„Man muß sich wie gewöhnlich nach Deutschland wenden, um neue Gedanken in ihrer Auswirkung zu sehen." Dieser Satz wurde in einem Vortrag gesprochen, den das englische Unterhausmitglied Arnold Wilson über „Erziehung für das Landleben" auf der Jahresversammlung der „British Association“ in Blackpool bei einer allgemeinen Erörterung des Themas in der landwirtschaftlichen Sektion hielt. Er führte aus, daß die große „Schmarotzer-Bevölkerung" von London den Poben weder bebaue noch verteidigen könne. Die Zukunft hänge mehr denn je von den jungen Männern und Frauen ab, die in vielfachen Beschäftigungen Nahrungsmittel erzeugen in einer Umgebung, mit der sie in Harmonie leben. Er betonte, daß überall in Deutschland Arbeiter in der Landwirtschaft eine angemessene Ausbildung erhielten. In England sei der Einfluß von Lehrern, die in der Stadt groß geworden und auf hohen Schulen ausgebildet wären, oft verheerend für die Schüler. Die Lehrer seien zu selten in Berührung mit der Arbeit auf dem Lande und wüßten auch nicht genug, um sich über die Aussichten klar zu sein, die der Ackerbau intelligenten Leuten mit offenen Augen, die sich so oieien Aufgaben anpassen konnten, biete. Wilson erklärte, daß er sich glücklich schätze, seine erste Erziehung in einer Volksschule in einer kleinen Stadt erhalten zu haben, in der er im Alter von acht bis zehn Jahren mehr vom Leben gelernt habe als in Den hohen Schulen, auf die er bann kam.


