Aus der Provlnziatyauptstadt.
Letztes Farbensprel.
Es ist ein eigen Ding um die Zeit. Sie ist da und sie ist doch nicht da. Denn kaum hat der Sekundenzeiger der Uhr einen Strich auf dem Ziffernblatt erreicht, ist er schon ückend beim nächsten und ebenso rasch beim übernächsten. Und gleiten wir ntcyt auch in erstaunlicher Eile durch die Jahreszeiten? Nicht gerade sekundenschnell, aber immerhin in bemerkenswert raschem Tempo. War nicht vor kurzem noch der Hochsommer im Lande, die Zeit des sommerlichen Segens, wo der Kuckuck ries und die Drossel schlug?
Jetzt fegt der Wind über kahle Stoppeln, am Waldrand hocken die Nebelfrauen, und wo die Spinne noch ihre Netze zieht, blitzt morgens ein funkelndes Gespinst neben dem anderen. Der Sommer ist von dannen gezogen, der Kuckuck ist verstummt, und in den Wiesen zeigt sich in violettem Kleid die Herbstzeitlose. Eine andere Jahreszeit kündigt sich an, jene dunklere, die mit stürmischen Nächten kommt, die die Kühle bringt und die das Land erschauern läßt unter regenfeuchten Wetterschlägen.
Noch sind freilich die verwehenden Spuren des Sommers sichtbar. Und seine Werke entzünden sich zum letzten prächtigen Farbenspiel. Ein Garten steht an meinem täglichen Wege, ein Garten, wie man ihn häufig findet, mit Blumenbeeten und Rasenflecken. Aber in diesen Tagen geht ein wahres Leuchten von ihm aus: das wogt und rauscht und jubiliert in bunten Farben, das strahlt und zündet wie die auf- und absteigenden Garben eines nächtlichen Feuerwerks. Es ist, als hätten sich alle Farben zu einem glanzvollen festlichen Spiele vereinigt.
Dahlien zeigen in jenem Garten eine Pracht, wie sie märchenhafter nicht erdacht werden kann. Dom brennenden Rot bis zum köstlichen Weiß und zur zärtlichen Elfenbeinfarbe leuchten alle Farb- .töne, wie sie nur die Palette eines Malers heroor- zaubern kann. Daneben zeigen die bescheideneren Astern ihre bunten, zierlichen Rosetten, und an der Kulisse des Gartenzaunes schimmert das Gelb einer Staudenpflanze wie gediegenes Gold. Im Vordergründe aber wachsen auf hochgezüchteten Stämmen die letzten Rosen, ihre Schönheit vergeht wie der letzte Traum einer großen Liebe.
So schickt der Sommer seine Abschiedsgrüße aus diesem Garten, wie aus den vielen Gärten ringsherum. Es ist ein farbenfrohes Abschiednehmen, ein Jubelsang der Farben gleichsam. Doch inmitten dieser brausenden Hymnen hallt dumpf der dunkle Akkord, der an die Vergänglichkeit gemahnt.
H. W. Sch.
Dornotizen.
Tageskalender für Dienstag.
Stadttheater: 20 bis 22.30 Uhr „Der Sprung aus dem Alltag". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Das Hermännchen". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Mädchenjahre einer Königin".
Stadttheater Gießen.
Heute abend findet die Erstaufführung des rheinischen Volksstücks „Der Sprung aus dem Alltag" statt. Ein Lustspiel 'von Heinrich Zerkauten. Spielleitung: Fritz Walther. Mitwirkende: Damen: Gerhardt, Krause, Schubert-Jüngling, Stirl; Herren: Frickhoeffer, Geiger, Hub, Kühne, Nieren, Rosenthal, Schorn, Volck, Walter. Anfang 20 Uhr. Ende 22.30 Uhr. 1. Vorstellung in der Dienstag-Miete.
Die deutsche Arbeitsfront
A.9^Gemeinf(haft „ßraft durch frcuöc"
Urlaubsfahrten.
Zur Urlaubsfahrt vom 1. bis 6. Oktober nach München, vom 10. bis 18. Oktober nach Thüringen, vom 21. bis 27. Oktober nach Berlin können täglich noch Anmeldungen auf der Kreisdienststelle, Schanzenstraße 18, abgegeben werden.
Omnibusfahrt.
Am Soontag, 27. September, findet eine Omnibusfahrt nach der Edertalsperre statt. Die Fahrt geht ab in Gießen um 8 Uhr und führt über Marburg—Frankenberg nach dem Edersee (Schloß Waldeck) und zurück über Bad Wildungen. Die Fahrt kostet 4,70 RM. Das Mittagessen (1, —RM. einschl. Bedienung) kann von hier aus vorbestellt werden. Anmeldungen müssen bis Donnerstag, 24. Septem-
Was das Lustwaffenkonzert bietet!
Das Amt für Dolkswohlfahrt, Kreisamtsleitung Wetterau, schreibt uns:
Das Programm für die Konzerte der Luftwaffe im Cafä Leib am Mittwoch und Donnerstag liegt jetzt vor. Es ist für diese vier vorgesehenen Konzerte das gleiche. .
Im ersten Teil werden Werke von Lortzing, Grieg, Richard Strauß und Johann Strauß geboten, darunter der Sinfonische Tanz Nr. 4 von Grieg und Liebesszene aus „Feuersnot" von Richard Strauß.
Der zweite Teil des Konzerts bringt echte deutsche Marschmusik. Besonders die Märsche der Luftwaffe werden in Gießen zum ersten Male zu Gehör kommen. ~ v .
Genannt sind außer vier Märschen Friedrichs des Großen, außer Präsentiermärschen der Fliegertruppe, der Flakartillerie und der Luftnachrichten
truppe, die Fliegerparade von G. Roth, Fanfarenmärsche: „Ministerfanfare" und „Fliegerfanfare" vom Luftwaffenmusikinspizient Pros. H u s a d e l, der dem Konzert beiwohnen wird.
Den Abschluß des Konzerts, das unter der Leitung von Obermusikmeister K n a u t h stattfindet, bildet der „Große Zapfenstreich".
Karten zu den Veranstaltungen sind bei den NSV.-Dienststellen und an der Tageskasse zu erhalten.
Der Preis beträgt für die Nachmittagsveranstaltung 25 Pf., für die Abendveranstaltungen 50 Pf. und 1 Mk.
Da die Musiker der Luftwaffe kostenlos spielen, steht zu erwarten, daß auch in Gießen eine nennenswerte Summe an die NSV. für ihre Arbeit abgeführt werden kann.
Zwei Menschen vom Blitz erschlagen.
Schwere Gewitter über Gießen. — Starke Regengüsse.
Am gestrigen Montagnachmittag, etwa von 15.30 Uhr ab, entluden sich über Gießen und Umgegend mehrere Gewitter, die sich bis gegen 18 Uhr hinzogen. Die Gewitter, die mit kurzen Pausen einander folgten, brachten starke Regengüsse mit sich, die ihren Höhepunkt etwa gegen 16.15 Uhr erreichten. Die Wetterdienststelle meldet eine Niederschlagsmenge von 20,2 Millimeter.
Die elektrischen Entladungen waren zum Teil außerordentlich stark. Zahlreiche Schläge waren zu verzeichnen, glücklicherweise blieben sie aber, bis auf einen katastrophalen Fall, ohne schlimme Wirkung. In diesem Sonderfalle folgte drei Schläge kurz hintereinander, von denen der zweite Schlag der schwerste war. Offenbar auf diese heftige Blitzwirkung ist leider der Tod zweier Menschen zurückzuführen, die in nächster Nähe von Gießen dem Unwetter zum Opfer fielen. Es handelt- sich dabei um den 46 Jahre alten Schlosser Heinrich Deibel und um den 16 Jahre alten kaufmännischen Lehrling Walter Volzel, beide aus Wieseck. Deibel befand sich von Wieseck her unterwegs nach seinem Acker, um seiner dort weilenden Frau anaefichts der Gefahr des Gewitters zur Seite zu stehen. Volzel und der Zigarrenfabrikant Bi er au von Wieseck, die beide beim Zwetschen- pflücken beschäftigt gewesen waren, befanden sich mit ihren Fahrrädern auf der Heimkehr nach Wieseck, um sich so rasch als möglich vor dem Unwetter in Sicherheit zu bringen. Als die drei, Sier au und Volzel in Richtung Wieseck und Deibel auf dem Wege zu seinem Acker, sich in dem freien Feld zwischen der Wellersburg und dem Bahndamm der Main—Weser-Bahn auf gleicher Höhe des Feldwegs befanden, schlug der Blitz in die Gruppe der drei Menschen ein. Deibel und Völ - zel wurden dabei aus der Stelle getötet, während hieran zu seinem Glück mit einigen Brandwunden und einer • Betäubung davonkam, jedoch bald wieder zu Bewußtsein gebracht und bann mit dem väterlichen Fuhrwerk nach Hause gefahren werden konnte. Der furchtbare Blitzschlag war von so großer Gewalt, daß die ge
troffenen drei Männer einige Meter weit voneinander geschleudert wurden. Die Kunde von dem tragischen Vorfall wurde schnell der Gendarmerie übermittelt, die sich mit Beamten der Kriminalpolizei Gießen sofort an die Unglücksstelle begab. Nach den behördlichen Feststellungen wurden die beiden bedauernswerten Opfer des Unwetters zur Bestattung freigegeben. Deibel hinterläßt eine Frau und zwei Kinder.
Ein weiterer Unglücksfall, der mittelbar ebenfalls auf das schwere Unwetter zurückzuführen ist, ereignete sich in der Walltorstraße. Dort war die in der Walltorstraße 7 wohnende Frau V ö l p e l während des Gewitters bemüht, ihr außer dem Hause weilendes Kind zu suchen. Dabei lief die Frau auf der Straße unglücklicherweise direktvoreinAuto. Sie wurde von dem Kraftwagen angefahren und trug Kopfverletzungen davon, die ihre Ueberführung nach der Chirurgischen Klinik erforderlich machten. Erfreulicherweise scheint die Verletzung der Frau verhältnismäßig glimpflich zu sein, denn ihr Befinden kann, wie wir heute früh auf Anfrage bei der Chirurgischen Klinik hören, als verhältnismäßig gut bezeichnet werden.
Blitzschlag in Klein-Linden.
OO Klein-Linden, 22. Sept. Beim gestrigen schweren Gewitter schlug der Blitz in das kleine Türmchen des alten Schulhause s in der Wetzlarer Straße. Holzteile, Dachziegel und die Schieferbekleidung des Türmchens wurden heruntergerissen und zum Teil bis über zwanzig Meter weit fortgeschleudert. Da das Gebälk des Türmchens vom Regenwasser stark angefeuchtet war, begannen die Balken nur zu glimmen und wurde durch hilfbereite Hände aus der Nachbarschaft in kurzer Zeit mit einigen Eimern Wasser zum Auslöschen gebracht. Der Sachschaden ist nicht sehr bedeutend. „Des Schoulhaus es stih gebliwe, mr hu moan (morgen) doch Schoul", so äußerte enttäuscht ein kleiner Achtjähriger, als er sah, daß das Feuer nur wenig Schaden angerichtet hatte.
ber, auf der Kreisdienststelle Gießen, Schanzenstraße 18, abgegeben werden.
Wanderung.
Am Sonntag, 27. September, findet eine Wanderung von Gießen über Annerod—Schiffenberg— Klein-Linden—Gießen statt. Abmarsch 8 Uhr Lud- wigsplatz. Rucksackverpflegung.
„kraft-durch'Freude"-Vorstellung im Stadttheaker.
Im Laufe der Spielzeit 1936/37 führen wir eine größere Anzahl geschlossener Vorstellungen durch. Als erste Vorstellung bringen wir am Samstag, 26. Septeniber, 20 Uhr, „Donna Dian a", ein entzückendes Lustspiel von Moreto, das allen Arbeitskameraden und -kameradinnen Freude und künstlerischen Genuß bringen wird.
Die Eintrittspreise sind 50, 70 und 90 Pf. Karten sind durch alle Betriebswarte zu haben. Vorverkauf für Einzelmitglieder und Personen auf der Kreisdienststelle, Schanzenstraße 18. Die Betriebswarte reichen die Vorbestellungen bis spätestens Donnerstag, 24. September, 12 Uhr, ein. Die Kar
ten können ab sofort gegen Barzahlung in Empfang genommen werden.
Bon „Hochzeiten" und „Zwiebelfischen"
Unsere Leser seien noch einmal auf die Rundfunkreportage aus Gießen aufmerksam gemacht, die am heutigen Dienstag von 16.45 bis 17 Uhr im Frankfurter Sender zu Gehör gebracht wird. Es handelt sich um eine Sendung unter dem Titel „Von ,Hochzeiten< und ,Zwiebelfischen^", die wegen ihres heimatlichen Charakters für die Bevölkerung von Gießen und Oberhessen besonderes Interesse hat.
Bier Sonderzüge aus Hessen-Nassau fahren zum Bückeberg.
Die Landesbauernschaft Hesfen-Nassau teilt mit: Am 3. Oktober werden tzie Hessen-Nassauer, die an der Erntedankfeier auf dem Bückeberg teilnehmen, in vier Sonderzügen nach Hameln fahren. Die Beförderungstarife find so günstig, daß es den meisten Volksgenossen möglich gemacht ist, dem Festakt bei
zuwohnen. Die Sonderzuge werden von Eber- bad), Weinheim, Wiesbaden und Worms aus gefahren und bieten allen Bewohnern der Umgegend beste Gelegenhekk, auf einer ber zahlreichen Haltestellen zuzusteigen. Da der Le- samtfahrpreis je nach Entfernung zwischen 6r— und 11 RM. liegt, wird der Andrang zu den Sonderzügen wieder sehr stark werden. Wer also an der Emedankfeier des deutschen' Volkes am Bückeberg teilnehmen will, melde sich sofort beim Ortsbauernführer seiner Heimatgemeinde.
Gießener Wochenmorktpreise.
* © i e 6 e n , 22. Sept. Aus dem heutigen Wochenmarkt kosteten: D. f. Molkereibutter, % kg 1,57 Mark, f. Molkereibutter 1,52, Landbutter 1,42, Markenbutter 1,55 bis 1,60 Mark, Matte 20 bis 25 Pf., Käse, das Stück 4 bis 10, Eier, deutsche, Klasse S 14, Wirsing, Vi kg 8, Weißkraut 5 bis 8, Rotkraut 8 bis 10, gelbe Rüben 5 bis 8, rote Rüben 8 bis 10, Spinat 10 bis 15, Römischkohl 5 bis 8, Bohnen, grün 15 bis 20, gelb 15 bis 20, Unterkohlrabi 8 bis 10, Erbsen 25 bis 35, Tomaten 10 bis 15, Zwiebeln 8 bis 10, Meerrettich 30 bis 35, Kürbis 5 bis 6, Pilze 15 bis 20, Kartoffeln, 5 kg 40 Pf.. 50 kg 3,50 bis 3,70 Mark, Frühäpfel, % kg 10 bis 15 Pf., Falläpfel 3 bis 6X Birnen 10 bis 15, Zwetschen 6 bis 8, Brombeeren 30 bis 35, Preiselbeeren 38 bis 40, Blumenkohl, das Stück 10 bis 50, Salat 8 bis 10, Salatgurken 5 bis 20, Einmachgurken 1 bis 3, Endivien 5 bis 12, Oberkohlrabi 4 bis 10, Lauch 5 bis 8, Sellerie 20 bis 25, Rettich 5 bis 10, Radieschen, das Bündel 10 Pf.
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** Silberne Hochzeit. Am Mittwoch, fetm 23. September, begehen die Eheleute August Westrupp und Frau Christine, geb. Keller, Gießen, Schützenstraße 8, das Fest der silbernen Hochzeit.
" Die Provinz Oberhessen verstei- gert 1 10 0 0 Zentner Ob ft. Im Laufe der beiden Wochen läßt die Straßenbauverwaltung der Provinz Oberhessen die diesjährige Obsternte von den Bäumen der oberhessischen Landstraßen, die in der Verwaltung der Provinzial-Straßenabteilung stehen, versteigern. Nach der amtlichen Ausschreibung handelt es sich um einen geschätzten Ernteertrag von rund 11 000 Zentner. Bei sämtlichen Versteigerungen sind Juden von der Versteigerung ausgeschlossen.
** Wohnungsbauten am Nahrungs - berg. Die an der neueröffneten Straße südlich der Friedhofsmauer am Nahrungsberg in Angriff genommenen Neubauten sind im Rohbau nahezu vollendet, teilweise wird das Dachwerk gerichtet, teilweise wird am ersten Stock gearbeitet. Inzwischen ist auf der Südseite der verlängerten Bergstraße, dem ehemaligen Klebergäßchen, mit der Erbauung eines weiteren Einfamilienhauses begonnen worden. Weitere Bauinteressenten für den Nahrungsberg sind vorhanden.
Betrügerische Zigeuner.
LPD. Frankfurt a. M., 21. Sept. Vor kurzem berichtete die Landeskriminalpolizeistelle in Frankfurt a. M. über betrügerische Zigeuner, die angeblich mit echten englischen Stoffen im Lande umherreisen und deutsche Volksgenossen betrügen. Auf Grund der Presseberichte sind inzwischen noch weitere Anzeigen und Mitteilungen aus dem Publikum eingegangen. So sind in letzter Zeit in Düsseldorf und Umgebung weitere Zigeuner mit Kraftwagen aufgetreten, die englische Stoffe angeboten und verkauft haben. In Wirklichkeit handelt es sich um ganz minderwertige Stoffe, die von jüdischen Geschäften bezogen und mit hohem Gewinn an den Mann gebracht werden. Die Zigeuner sind mit drei Personenkraftwagen von Düsseldorf in Richtung nach dem Siegerland weitergefahren und üben dort ihr schmutziges Gewerbe weiter aus. In der Magdeburger Gegend sind Zigeunerfrauen mit angeblich handgeklöppelten Tischdecken, angeblich aus dem Erzgebirge, aufgetreten und haben diese zu hohen Preisen verkauft. In Wirklichkeit handelt es sich um Maschinenarbeit, deren Preis weit unter dem Verkaufspreis liegt.
Die Kriminalpolizei in Frankfurt a. M. hat den bestimmten Eindruck, daß die bisher eingegangenen Anzeigen nur einen Bruchteil der tatsächlichen Betrügereien darstellen. Weitere Geschädigte werden aufgefordert, ihre Wahrnehmungen unverzüglich der nächsten Polizeidienststelle zu machen, die diese Mitteilungen sofort an die Landeskriminalpolizeistelle Frankfurt a. M. weiterleiten wird. Vor dem Auftreten dieser betrügerischen Zigeuner wird nochmals gewarnt. Bei der Bekämpfung der Zigeunerplage ist die Polizei auf die Unterstützung des Publikums angewiesen.
BiiitileiBietW jRoman von Ilse Schuster.
Copyright 1936 by Aufwärts - Verlag G. m. b. H., Berlin SW 68
4 Fortsetzung. Nachdruck verboten!
3. Kapitel.
Zn der unmittelbaren Nachbarschaft des Hauses Würzburger Straße 20 liegt man neugierig in den Fenstern. Die Portierfrau Habermann hat die Arme in die ausladenden Hüften gestemmt und schüttelt den Kopf.
„Hamse sowas schon jesehn, Frau Lüddike? In den Pleiteladen zieht eener mit Auto und pikfeinen Klamotten in. Der Mann jehort ja direkt uff den Jehirnskasten untersucht!"
„Oder er weeß nicht von dem Laden, Frau Habermann," sagt Frau Lüddike, ihres Zeichens Putzfrau vom ersten Stock. „Täten Se ja een jutes Werk, wenn Se's ihm schonend beibringen!"
Dann verschwindet sie mit ihren Bettvorlegern im Hof. Frau Habermann hat aber Zeit, sie geht sogar aus ihrem Hoheitsgebiet ein paar Schritte heraus auf die Straße und spitzt die Ohren. Unsympathisch sind ihr die beiden jungen Männer nicht, die da vor dem feinen Wagen stehen.
„Na, Mutter? Auch mithelfen? Könnten noch ein paar Hände gebrauchen!" lacht der lange Blonde. „Nimm mal den Stuhl, Fritz."
Mensch, wie konnteste bloß mit dem ganzen ollcn Kram von Friesland bis nach Berlin gondeln! Kateridee!" Aber bereitwillig packt sich Fritz den Stuhl auf die Boxerschultern, zerrt noch einen schweren Koffer aus dem Wagen und geht in den Laden. Viel mehr ist da nicht mehr verstaut. Leonhardt greift sich den Rest, schließt ab und verschwindet nun seinerseits auch im Laden. Drinnen sieht er sich noch einmal um. Sein Kamerad wirkt mit viel Getöse nebenan in der kleinen Kammer, die dazu gehört, und wuchtet die wenigen Möbel auf den Platz, den er für sie ausgesucht hat.
„Die Uhr und den Schrank friegfte hier nicht rin, Leonhardt, die mußte uff den Boden tun, ober, wenn der Luftschutz meckert, in den Keller," ruft er.
Und als er keine Antwort bekommt, steckt er den Kopf durch die Tür. „Pfundig, was? Dann kommt er ganz zum Vorschein. Zu zweien besehen sie sich nun die langen, hohen Regale, die voll Bücher stehen. Auf kleinen weißen Täfelchen ist säuberlich geschrieben: „Unterhaltungsromane — Abenteuerromane — Technische Romane — Frauenromane." „Daß ich noch einmal Besitzer einer Leihbücherei werden würde, das hätte ich mir in meinen verworrensten Träumen nicht träumen lassen, Fritz!
Leonhardt irm Wolde hat sich ein Buch wahllos herausgegriffen und blättert darin. „Hör dir das mal an, Fritze! „Er nahm eine mollige Ueppigfeit in den Arm und sah ihr lange in die blauen Augen". Was sagst du dazu?"
„Ich lese so was nicht gern, ich mache das lieber gleich selber. Wenn du lauter solche Limonade hier hast, kannste dir deine Stammkunden zuletzt nur noch unter den ganz kleinen Mädchen suchen!"
Fritz Ladegast setzt sich vorsichtig in den großen Stahlsessel mit den breiten, blanken Gurten, wippt ein bißchen, saßt Vertrauen und lehnt sich nun behaglich zurück. Dann fingert er nach der letzten Zigarette. Eigentlich hat er Hunger, aber in diesem Laden sind nur noch die Brotkrumen des vorigen Besitzers zu finden. Leonhardt im Wolke ist seinerseits in das kleine Zimmer gegangen und steht sich auch da um. Das soll also nun die neue Heimat werden. Ein bißchen anders, als vorher. Da wehte der Wind von der See, die Sonne schien auf eine saubere Dorfstraße, die Schwalben flogen einem direkt am Kopf vorbei. Und hier — der junge Mensch zieht die Schultern hoch, stopft die Fauste m die Taschen und schließt auf Sekunden bie Augen. Weg — aus — vorbei. Nur nicht an Gefühlsduseleien leiden, wieder mal hart anpacken, wenn man selber in die Zwickmühle kommt — und Berlin kennt er ja eigentlich aus der besten Zeit seiner jungen Jahre. Aus der Kampfzeit. Wedding — Kommune — verdammt nochmal, das waren Zeiten!
Leonhardt im Wolde geht wieder zu Fritz Ladegast hinein, der besieht sich tiefsinnig feine Langschäfter und fragt, ohne seinen braunen Wuschet- kopf zu heben:
„Wenn ich bloß mal dahinter kommen konnte, warum du wieder nach Berlin gekommen bist. Natürlich haben wir uns alle mächtig gefreut, klar,
Mensch! Ist es denn da oben auch wieder schief gegangen?"
„Ja, auch wieder schief, Fritze. Ich sollte nämlich das Mädchen mit dem Schifferkahn heiraten, da bin ich eben —"
getürmt. Klar, Mensch, Mädchen mit 'nem Schifferkahn kannst du auch hier uff der Spree haben! Und wie bist du zu der Bücherkiste gekommen?"
„Verklöhn ich dir ein andermal, Fritz. Mir ist das selber noch rätselhaft. Ich muß mich jetzt mal um den Wagen kümmern. Sie du mal zu, ob du irgendwo was zu futtern auftreiben kannst, es ist noch nicht sieben Uhr. Haste noch Geld?"
„Vier Mark zwanzig. Langt dicke!"
Die beiden knipsen sparsam das .Licht aus und treten auf die Straße. Leonhardt steuert auf feinen schwarzroten Sportwagen los. Fritz Ladegast erwischt grab noch einen Zipfel von Frau Habermanns Rock.
„Liebe Dame, wo gibts denn hier einen nähr- haften Laden, wir schieben Kohldampf und sind in dieser Jejend unbekannt."
„Hab ich mir schon jedacht. Sagense mal, wer hat denn den Laden, Sie oder der Andere?"
„Mein Kamerad."
„Js ooch fremd natürlich."
„Klar, wir sind nicht viel aus dem Wedding her- ausgefpmmen. Aber man fanns ja auch mit 'nem andern Stadtteil versuchen."
„Det hätten Se bleiben lassen sollen, junger Mann, wenigstens mit dem Pleiteladen," sagte Frau Habermann, befriedigt, ihre Weisheit so schnell an den Mann zu bringen. Sie macht auch Eindruck damit, denn Fritz Ladegast macht ein langes Gesicht.
„Pleiteladen? Nu hören Sie aber uff!"
„3n einem Jahr drei Inhaber und jeder pleite. Ern Wunder, daß überhaupt noch Bücher ohne Kuckuck da sind!"
.. "Aff Sie haben wir ja grabe noch gewartet. Sie Unke! Behaltense gefälligst Ihre Weisheiten vor memem Kameraben im Sack! Ich will nischt sehört haben! N Abend."
„Grobian!" Frau Habermann knallt die Tür hinter sich zu, und Leonhardt im Wolde hat den ersten Feind, noch ehe er ein Auge voll Schlaf bekommen hat.
Fritz Ladegast biegt um die nächste Straßenecke. Kommt gerade dazu, als Liefe! Gottschalk ihre Tür abschließen will. Fritz hebt die Hand und lacht.
„Ne hungerige Seele, Fräulein! Ich will sogar bezahlen! 's ist ja auch kein Schupo weit und breit!"
Liefet Gottschalk schaut sich den späten Kunden belustigt an. Soll er nur reinkommen, der Tag war schlecht gewesen, jede Mark fällt ins Gewicht. Sie baut sich hinter ihrem blitzblanken Ladentisch auf und folgt Fritz Lad eg ast vergnügt mit den Augen. Er studiert jeden Wurstzipfel, besieht sich die Käsesorten und bleibt an dem saftigen gekochten Schinken mit große "Augen haften.
„Halbes Pfund davon. Viertel Schweizer Käse. Halbes Butter. Ein Landbrot und — na, geben Sie noch vier Eier, von den großen."
Das Aepfelchen schneidet auf und wiegt ab und hört ernsthaft auf das, was Fritz Ladegast noch zu melden hat. „Hübsches Lädchen bei Ihnen? Werde ich meinem Kameraden sagen. Bringen Sie auch Milch und Brötchen ins Haus? Großartig! Gleich um die Ecke, Würzburger Straße, Leihbücherei. Halben Liter Milch und vier Brötchen. WoÄen- ^echnung."
„Leihbücherei? Neuer Inhaber?" fragt da auch Liefet Gottschalk. „Da wünsche ich viel Glück!" Sie nikt freundlich und packt die Sachen zusammen.
Da fällt dem Fritz die Habermann wieder ein, und weil das saubere Mädchen auch was von einem neuen Inhaber sagt, wird ihm doch auf einmal angst.
„Sagen Sie mal, Fräulein, hats was mit dem Laden? Geht jeder pleite, was?"
Liefet Gottschalk wirft einen raschen Blick auf den jungen Mann. Seine plötzliche Unruhe ist ihr nicht entgangen.
„Warum sollte die Bücherei nicht gehen, wenn sie geschickt geführt wird? Der letzte Inhaber war ein sehr unfreundlicher Mann. Er schien es außerdem nicht so recht nötig zu haben. Mir hat er jedenfalls nicht gefallen und anderen auch nicht."
„Lesen Sie denn da, Fräulein?"
„Schon lange. Hier ist Ihr Paket. Drei Mar? sechzehn, bitte."
(Fortsetzung folgt.)


