Nr. 143 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Montag, 22. Juni 1936
Querschnitt durch die zeitgenössische Msik.
ISLahre AllgemeinerOeutscherMusikverein.-Rückblick zum Weimarer Musikfest.
Lon unserem Berichterstatter Dr. Erwin «roll
Zum sechsten Male tagte Deutschlands wichtigster Bund zur Pflege zeitgenössischer Musik, der Allgemeine Deutsche Musikverein, in der Musenstadt Weimar und feierte hier nicht nur sein 75jähriges Bestehen, sondern auch den 50. Todestag seines geistigen Vaters Franz Liszt. Das Tonkünstlerfest des ADMV. oder, wie man es jetzt wieder nennt, die „Tonkünstlerversammlung" will nichts sein als eine musikalische Warenschau. Nach sorgfältiger Auslese wird die Jahresernte des Neuen den Kauflustigen (Dirigenten, sonstigen ausübenden Künstlern, Verlegern usw.) unterbreitet: Diesmal mehr als 30 Werke lebender Komponisten, denen noch ältere Schöpfungen beigesellt sind.
Um mit diesen zu beginnen: einen schöneren Auftakt der Tontünstlerversammlung als des Lisztjüngers Peter Cornelius komische Oper „Der Barbier von Bagdad" kann man sich nicht denken. Unter Leitung von Paul Sixt erlebte dieses mit lyrischen Schönheiten und sinnigem Humor bis zum Rande gefüllte Werk im Deutschen Nationaltheater eine Aufführung, an der Liszt, dem der Skandal bei der Uraufführung 1858 Anlaß wurde, die musikalische Leitung der Weimarer Bühne niederzulegen, seine Freude gehabt hätte. Man hatte dabei auf die in ihrer instrumentalen Schlichtheit doppelt köstliche Urfassung des „Barbiers" zurückgegriffen, hatte Bühnenbilder und Spiel dem Geiste der Musik unaufdringlich angepaßt, hatte sich für die Rolle des Nurredin Kammersänger Julius P a tz a k aus München geholt und konnte die übrigen Rollen mit tüchtigen heimischen Kräften besetzen, von denen der Vertreter der Titelrolle, Taver Mang, im feinkomischen Spiel, aber auch in der reichen Abschattierung eines treffenden Gesangsvortrages Hervorragendes leistete.
Es spricht für Liszt, daß er, der unentwegte Kämpfer für eine „Zukunftsmusik", sich für ein Werk einsetzte, dessen Wesensart ihm innerlich vielleicht gar nicht so nahe war. Denn das Jtttime war seine Sache nicht. Nur wenn der Kirchenkom- p o n i st Liszt vor seinen Gott trat, hatte sein schwärmerisches Nazarenertum einen versonnenen mystischen Anstrich. Dessen wurde man sich wieder bewußt, als Prof. Dr. F. Oberborbeck eine schöne Auswahl geistlicher Tonschöpfungen des Meisters mit allen ihren zarten Klangreizen in Erinnerung brachte. Man spürte den Abstand der Zeiten, wenn nach dieser Liszt-Feier in der nämlichen Stadtkirche Weimars moderne Orgel- und C h o r m u s i k erklang. Ist Liszt zuletzt auf die Gregorianik zurückgegangen, so knüpften unsere zeitgenössischen Tonsetzer ans musikalische Barock an. Passacaglien, Fugen, Variationen sind ihre Lieblingsformen, und wenn etwa Wolfgang Fortner eine „Deutsche Liedmesse" schreibt — sie kam unter Leitung des Eisenacher Kirchenrates Mauers- b e r g e r klangschön zu Gehör — so handelt es sich hier um kultische, gottesdienstliche Musil, die — ganz im Sinne der protestantischen Meister des 17. Jahrhunderts, wenn auch in der „Linien"°Füh- rung und Akkordgebung durchaus modern — aus dem Choral entwickelt ist.
Die Musiksprache der Gegenwart geht dem „Schönklang" nach Möglichkeit aus dem Wege. Sie meidet die Akkorde und Akkordbeziehungen der Romantik. Statt der Terz bevorzugt sie die härtere Quart. In den sich durch die „Linien"-Führung ergebenden Zusammenklängen herrscht größte Freiheit. Um so strenger sind aber die durch die genannten beliebten Barockformen bedingten Bindungen des „Ablaufs". Freiheit dort, Strenge hier haben, das zeigt sich in Weimar deutlich, schon eine typische Manier der heutigen deutschen Tonsprache geschaffen. Sie herrscht nicht nur im Orchester- und Chorschaffen konzertmäßigen Gepräges, sondern auch in der sogenannten „Gebrauchsmusik", die dem ckeuen
Gemeinschaftswillen dient und in Weimar bei einer würdig durchgeführten Feierstunde der Hitlerjugend und in der Gestalt öffentlich dargebotener „Festmusik"-Prob en für politische und kulturelle Veranstaltungen in Erscheinung trat. Erst wenn sich der Gesinnung die schöpferische Leistung paart, wird es hier einen ganz harmonischen Zusammenklang geben, Andererseits gibt es unter den Jungen immer wieder schöpferische Persönlichkeiten, die von der Manier des neuen Stils zu neuer Wesenhaftigkeit Vordringen. In Weimar begegnete man bei den ersten Konzerten nicht vielen, aber doch einigen solcher verheißungsvoller Neutöner. Unter ihnen muß vor allem des Süddeutschen Karl Höller gedacht werden, dessen symphonische Fantasie für Orchester über ein Thema von Frescobaldi (opus 20) ein Werk von starken, eigenen Farben, von Stimmung und kernigem Gehalt ist.
Der Allgemeine Deutsche Musikverein wird weiter die Hand über solchen jungen schöpferischen Mu- iikern halten. Denn Peter Raabe, der neue Vor- itzende des Vereins, der ja auch zugleich Präsident »er Reichsmusikkammer ist, bekannte sich in einer Eröffnungsansprache zum Recht der schöpferischen Persönlichkeit auf künstlerische Eigenentfaltung (bei selbstverständlicher Einordnung in die errungene große Volksgemeinschaft) und sagte jenen Dunkelmännern Kampf an, die sich als kunstpolittsche Gralshüter aufspielen, um ein ihnen unbequemes Werk, wie das des ADMV., zu verunglimpfen oder gar vernichten zu können.
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In der Heerschau der jungen deutschen Komponisten gebührt dem Schwaben Hermann Reuttcr besondere Beachtung, weil er mit seiner (kürzlich in Frankfurt a. M. uraufgeführten) Oper „Doktor Johannes Faust" erneut auf den Plan trat. Reutter hält sich hier textlich an das alte Puppenspiel, das er ideemäßig aber wieder in ein Drama von Schuld und Sühne umbiegt. Der Komponist bietet dabei eine rezitatorisch verknüpfte Nummernoper mit Liedern, Arien und Ensemblesätzen, deren fraglos einfallreiche, nur noch mit geringen Resten „atonaler" Freizügigkeit behaftete Musik sich dort am glaubhaftesten entfaltet, wo es um die Puppenkomödie geht. Im übrigen trägt sie aber nicht immer das passende instrumentale Gewand und büßt durch absichtsvolle Anwendung verschiedener Stilsprachen (zur Verdeutlichung der verschiedenen Schauplätze und Vorgänge) an unmittelbarer Wirkung ein. Das sehr beifällig aufgenommene und liebevoll inszenierte Werk erschien unter der musikalischen Leitung von Dr. E. N o b b e.
Was das Dutzend Konzerte und sonstiger musikalischer Veranstaltungen im Rahmen der Tonkünstlerversammlung angeht, so hob sich aus den freundlichen Belanglosigkeiten der beiden Kammermusikoeranstaltungen K. v. W o l f u r t s Streichquartett durch gediegene Arbeit und männliche Haltung hervor. Bei den Choraufführungen gilt es, nochmals auf Heinz Schuberts „Verkündigung" als das Werk eines der Mode abholden, innerlich ergriffenen Musikers hinzuweisen. Herrschte bei den dargebotenen nationalen Festmusiken das Kampflied der Bewegung, so brachte ein schöner Nachmittag am Römischen Haus im Weimarer Park alte deutsche Volkslieder in der Bearbeitung zeitgenössischer Tonsetzer. Von hier bis zu den Gemein- schastsmusiken Ludwig Webers, die man in Jena unter der Leitung von Professor R. V o l k m a n n hörte, ist noch ein weiter Schritt. Handelt es sich hier um das archaisch-moderne Ueberspinnen einer festen volkstümlichen Gesangsmelodie, so überraschte Felix Raabe bei einem abschließenden Konzert auf der Wartburg in Eisenach durch eine etwa in Händelscher Manier gehaltene Handwerker- Kantate nach Worten Hans Sachsens, die des Kom
ponisten Begabung für kurzweilige Charakterisierung im Wechsel von Soli und Chor erwies. Bei einer Rückschau auf die geistlichen Konzerte muß neben Wolfgana F o r t n e r s und seiner „Deutschen Liedmesse^ noch zweier junger Talente gedacht werden: Fritz Büchtgers und seiner schlicht eindrucksvollen ^.-cappella-Chöre sowie Max Martin Steins und seiner polytonal-gebündelten Motette.
Unter den von Generalmusikdirektor Dr. E. Robbe, Professor Dr. F. Oberborbeck und Musikdirektor Walter A r m b r u st (Eisenach) dar- gebotenen Orchesterwerken ist nach Karl Höllers wertvoller sinfonischer Fantasie über ein Thema von Frescabaldi noch auf Talentproben wie Karl Schäfers spielfrohes Klavierkonzert, das herbere Konzert für Orchester von E. v. B o r ck und die vielverheißende Sinfonie des Trappschülers I. Przechowski hinzuweisen. Gereifter als diese
Werke und weit persönlicher in der Haltung erscheint Hugo Distlers an die Stilmanieren de» Barock und Frührokoko selbständig anknüpfende Musik für Streichorchester und Cembalo, während die beiden beim „Unterhaltungskonzert" auf der Wartburg vertretenen Orchesterkomponisten, Hans Gebhard und Hans P e t s ch, Talent für groteske Genremalerei verraten.
Problematisch bleibt der Versuch Harald Genz - m e r 5, ein Konzert f u r Trautonium und Orchester zu schreiben. Es klang wie ein — nicht sehr vorteilhaft ausgedehntes — Saxophon, wogegen man bei dem unfertigen Partiturophon Jörg Magers mehr den Eindruck einer (in der tiefen Stimme verwischten) Kinoorgel hatte. Gegen die Zukunftsmöglichkeiten solcher elektroakustischen Instrumente soll mit dieser Feststellung natürlich nichts gesagt sein. Nur dürften sie schwerlich eine „Weltwende der Musik" herbeiführen.
Kriegspferd—Kriegskamerad.
Schöne Ehrung für Veteranen des Weltkriegs.
Sieben Kriegspferde wurden als Kriegskameraden geehrt. (Aufnahme: Neuner, Gießener Anzeiger.)
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Wenn Kriegspferde erzählenkönnten, dann wüßten sie wohl kaum weniger zu sagen denn mancher Frontsoldat. Die Pferde waren ja ebenso überall dabei. Sie erlebten alle Strapazen mit, litten, bluteten, starben — viele starben! Sie hatten alle ihr Teil dazu beigetragen, Schlachten zu gewinnen, waren meist dicht hinter den Fronten und im gefährdeten Land. Kamen Granten, konnten sie nicht oder nicht so schnell in Deckung gehen, wie der raschere menschliche Kamerad. So starb manchesPferd einen ehren- vollen Tod! Wie viele Tiere taten gehorsam ihre Pflicht unter dem Reiter, vor den Geschützen, vor den Munitions- und Bagagewagen?! So wie
jeder Frontsoldat, so hatte jedes Pferd sein Schicksal. Für alle Mühe hatte kein Pferd anderen Dank, als die mögliche gute Behandlung.
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Die Ueberlebenden kehrken zurück, traten in friedlicheren Dienst, viele aber überwanden das Leid und die Strapazen nicht und starben trotz Pflege und gutem Futter mehr oder weniger bald. Diejenigen Kriegspferde, die noch unter uns sind, dienen heute noch ihrem Herrn, oder essen Gnadenbrot. Als Kriegskameraden wurden sie nicht vergessen, und gestern widerfuhr den in unserer Stadt noch lebenden Pferden gar eine besondere Ehrung: sie wurden im Rahmen einer kleinen, von allem Ernst getragenen Feier ausgezeichnet, mit einem Kranz von frischem Tannengrün geschmückt und außerdem mit einem Porzellanschildchen bedacht, auf dem das Eiserne Kreuz abgebildet ist und das die Aufschrift trägt: „Kriegskamera d". Wer je ein Pferd mit diesem Schildchen sieht, wird sich dessen erinnern, daß dieses Tier mit den Helden unseres Volkes gegen die Front der Feinde stand ...
Die Feier, von der hier die Rede ist, fand gestern mittag in der Reithalle des Universitäts-Reitinsti- tuts am Brandplatz statt, die für diesen Zweck von Reitlehrer S ch ö m b s aus eigener Initiative prächtig ausgeschmückt worden war. lieber 150 Tierfreunde hatten sich zur Feier eingefunden. Behörden, Stadtverwaltung, Tierzuchtamt, Universität, Soldatenkameradschaften usw. hatten Vertreter entsandt: die Reiter-SA. stellte sich praktisch in den Dienst der edlen Sache.
Jedermann war angenehm überrascht, als die Pferde in die Halle geführt wurden. Nicht das, was man „Klepper" nennt — wenn dieser Ausdruck hier je angebracht wäre — war hier zu sehen. Nein? Sondern Pferde, die sich in einem ausgezeichneten Futterzustand befinden, glattes Fell haben und ihren Herren noch zu dienen vermögen. Sieben Pferde wurden in die Halle geführt! Alle über 20 Jahre alt! Veteranen des Weltkrieges!
Zwar: die Militärpässe der Tiere sind unvollständig. Es konnte sich ja auch niemand die Mühe machen, ihren Lebensweg zu verfolgen. Fest steht nur, daß sie alle den Weltkrieg mitmachten. Immerhin seien ihre Personalien, soweit sie zu erfahren waren, festgehalten:
Das älteste Pferd ist Herrn Schömbs Wallach Fritz. Er ist 32 Jahre alt. Er diente beim Feldartillerie-Regiment 25 als Adjutantenpferd: 1925 ging er in den Besitz feines jetzigen Herrn über und tut noch heute als Reitpferd Dienst.
Herr Georg Sauer kaufte den Wallach Hektor im Jahre 1919 beim Abwicklungskommando in Rödgen.
Der Wallach Hans ging im Jahre 1918 bet der Demobilmachung in Gießen in den Besitz von Herrn L y n ck e r über und fand damit eine schöne Heimat auf dem Schiffenberg.
28 Jahre alt ist die Stute Hella, die heute noch im Dienst bei Herrn Ernst Niemann steht. Sie wurde 1919 in Frarstsurt gekauft. Dann sind noch die beiden Stuten Hilde und Anna zu nennen, die noch heute als Kutschpferde bei Herrn
Marburger Festspiele.
Shakespeare: „Der Sturm".
Die Marburger Festspiele, in zehn Jahren zu einem festen und geläufigen Begriff geworden, eröffneten ihre Jubiläumsspielzeit im Schloßpark mit dem „Sturm" und ließen damit die Reihe ihrer Shakespeare-Aufführungen in die absonderliche Welt eines Spätwerkes münden, wo die beschwingte Heiterkeit mancher seiner Vorläufer ins Mystische und eine gleichnishafte Unwirklichkeit sich verliert, und ihre illusionistische Sphäre stellenweise geradezu opernhafte Züge annimmt.
Die Gestalten und Begebenheiten einer dramatischen Fabel, die unter anderen Vorzeichen zu einer Staatsaktion im Stile der Zeit oder zu einer mehr oder minder historischen Chronik hätte führen können, werden in diesem spätesten Shakespeare-Stück, über dessen Datierung wie auch dessen Sinn und tiefere Bedeutung viel und widerspruchsvoll geschrieben worden ist, ganz ins Unwirkliche, Märchen- Haft-Uebersinnliche und Symbolische gesteigert. Eine einsame Insel im weiten Meere, nicht näher bezeichnet, bildet den Schauplatz einer barocken Robin- sonaüe, wo sich die eigentliche Kernfabel, das Drama, das in der Vorgeschichte nur erzählt wird, samt seinen sehr irdischen und realen Wirrnissen und Konflikten auf eine zauberhafte und ttaumhafte Weise schlichtet und löst. *
Prospero, rechtmäßiger Herzog von Mailand, hat sich seines Thrones und Reiches begeben, um sich der Magie und den schönen Künsten zuzuwenden, wird vom eigenen, den irdischen Dingen beflissener ergebenen Bruder verraten und mit Hilfe des Königs von Neapel samt seinem unmündigen Kinde auf dem Meere ausgesetzt: auf dem einsamen Eiland ist Prospero gelandet und hat sich da em neues, mit Naturwesen und Elementargelstern bevölkertes Reich geschaffen, das er mit Za Übermacht beherrscht. Nach Jahren werden Prosperos frühere Widersacher in einem Sturm schiffbrüchig an Den gleichen, unwirtlichen Strand verschlagen, wo der rechtmäßige Herzog einsam herrscht.
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Zwar sind die Gescheiterten nun völlig in Prosperos Macht gegeben, aber Der mißbraucht sie nicht zu einer späten und unedlen Rache, sondern bedient sich ihrer mit Hilfe der ihm ergebenen Geisterwelt zur Läuterung und Lösung Der Verzauberung und Verwirrung des Gefühls, welcher
die Schiffbrüchigen zunächst anheimfielen. So endet alles ganz lustspielhast oder vielmehr wie im Märchen auf eine natürlich-übernatürliche Weise, und die anfangs verwirrenden und nicht ohne weiteres begreiflichen Vorgänge auf Der Insel finden in ihrem Verlaufe Raum sowohl für eine mit Dem zarten Zauber Shakespearescher Phantasie umgebene Liebesgeschichte als auch für Den saftigen und überquellenden Humor seiner Narren- und Rüpelszenen, Die hier rauschhaft und märchenhaft verwandelt und so dem Stil des ganzen Stückes organisch einge- fügt sind. So entstand freilich nicht em Drama tm eigentlichen Sinne; Das, was wir Den „Gang Der Handlung" zu nennen gewohnt sind, bleibt immer, bis zuletzt, unwirklich, fragwürdig, transparent und gleichsam verschleiert, auf eine andere, höhere oder fernere Ebene Der Erscheinungsformen gehoben und an den Höhepunkten aufgelöst und sozusagen verflüchtigt in Bewegung und Klang, in Musik und Tanz, in Oper und Ballett. —
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Der Spielleiter Dr. Fritz Budde hat sich im Programmheft zur Romantik bekannt, zu einem auf bühnenmäßige Versachlichung bewußt verzichtenden Stil, Der Die Zauber- und Märchenwelt mit Phantasie und zarter Menschlichkeit, mit Musik und Tanz und schwingender Bewegung einzufangen und darzustellen sich bemüht. Damit erhielt die Ausführung ihren Charakter und ihr eigentümliches Gesicht,' ihre szenische Form, die ganz auf Lockerung, Bewegung und Stimmung eingestellt war.
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Dieses Bewegungselement war den Ballett-Einlagen der Tanzgruppe Günter Heß anvertraut. (Ariel: Günter Heß und Friedel Heizmann.) Ihre Figuren trugen zur Auflockerung des an sich schon stark durchbrochenen Szenenbildes im angedeuteten Sinne wesentlich bei, wirkten übrigens in den mittleren und ausgehenden Partien einheitlicher und tänzerisch geschlossener als 3“Jöegmn. Der darstellerisch lebendigste und persönlichste Eindruck der Aufführung ging merkwürdigerweise von einer Nebenfigur aus: Ludwig Linkmann (früher am Gießener Stadttheater) spielte den Stephano mit der prallen Fülle und dem sättigen, übrigens jederzeit liebenswürdigen und gutmütigen Humor einer echten Shakespeare-Gestalt. Eine noble, charaktervoll umriffene, auch sprachlich erfreulich ausgearbeitete Erscheinung war der Prospero von Karl Z i ft i g. Ein zartes, empfindsames Liebespaar — Ferdinand und Miranda —: Hans von Uslar und Hansi Nässte. Seppl Liffch als Caliban: ein wüstes Ungeheuer mit tierischen
Gebärden, aber auch nicht ohne einen gewissen Märchenhumor. Don den übrigen seien noch die Herren Firmbach, Brefin/Täufel, Forsch und S ch r ö e r genannt.
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Die Erstaufführung fand in Anwesenheit zahlreicher Ehrengäste bei starkem Besuch einen vollen Erfolg. Das Wetter war so günstig, wie man sich's nur wünschen konnte. Der Feuerschein der Schloßbeleuchtung um Mitternacht und der feierliche Anblick der hell angestrahlten Elisabethkirche waren die letzten Eindrücke aus dem Heimweg in der gastlichen Festspielstadt. hm.
Ein Chinese über unsere Kleidung.
Wenn wir uns über manche Eigenarten in den Sitten und Bräuchen sowie in der Kleidung anderer Völker belustigen, so sollen wir uns ja nicht einbilden, daß wir von den anderen nun als Vorbild von Würde und Ernsthaftigkeit hingenommen werden. Beispielsweise erscheint Den Chinesen an Der abendländischen Kultur manches so seltsam, um nicht zu sagen widersinnig, daß sie aus dem Kopfschütteln überhaupt nicht herauskommen können. Ein .chinesischer Besucher Londons, Herr Han Schi Li, hat seine Eindrücke in folgenden Worten geäußert: „Seit ich im Spätsommer ankam, hat sich die Kleidung dieser sehr ehrenwerten Bevölkerung nicht verändert und doch ist es jetst Winter, so etwas muß als höchst sonderbar erscheinen, denn sogar die Tiere wechseln ihre Kleidung mit der Jahreszeit. Warum tragen die Männer überhaupt schon im Sommer solche harten und dicken Stoffe, die jeder bessere Chinese verschmähen würde? Warum haben sie nicht genug Seide für den Sommer nicht genug Pelze für den Winter, um je nach der Witterung schön und angemessen gekleidet zu gehen? Selbst die Schienbeine, die der Wärme doch so sehr bedürfen, werden in den unfreundlichen Wintermonaten nicht geschützt. Die Mäntel sind aus so viel verschiedenen Teilen zusammengesetzt, daß sie mich an die Tracht unserer Bettler erinnern. Warum haben die Herren denn nicht genügend große und breite Stoffstücke, um sich ihren Anzug aus einem Stück schneiden zu lassen? Und bann diese schreckliche Enge! Wie kann sich ein Mensch in einem solchen engen Sack bequem auf dem Rücken kratzen? Rümpfet nicht die Nase, o Fremde, wenn ich die Freuden des Sichkratzens hervorhebe. Es gibt keine unschuldigere urtb angenehmere Beschäftigung. Und nun die Hüte der Herren! Da fragen sie schwarze Töpfe oder Kästen in der glei
chen Farbe, die so furchtbar hart sind, daß nur ein ausgemachter Dickschädel sie erdulden kann. Ich verstehe erst jetzt, wie stark und kräftig die Köpfe der weißen Männer fein müssen, nachdem ich ihre Hüte gesehen habe. Aber in diesem Lande ist alles möglich. Warum sind die weichen Hüte so vieler Leute grau? Haben sie denn alle Trauer? Und dann das schlimmste! Wie kann ein Mensch des Abends, wenn er sich dem Vergnügen hingeben will, ein steifes Brett über seine Brust ziehen? Dazu tragen sie eine Jacke, die hinten zwei Schwänze hat, so daß man glauben könnte, ein Tiger habe ihm vorn alles abgefressen, lieber die Kleidung Der Frauen wage ich kaum zu schreiben. Zuerst wollte ich meinen Augen nicht trauen und dachte an ein Mißverständnis, etwa, daß die Damen vergessen hätten, sich richtig anzuziehen. Vielleicht waren sie in besonderer Eile! Aber ich sah in den elegantesten Restaurants Frauen, von denen ich mein Auge in Scham abwenden mußte. Ich schwöre bei meinen verehrungswürdigen Ahnen: sie hatten fast überhaupt nichts an.
Meisterwerk der Goldschmiedekunst.
Ein reizvolles Werk der Kleinkunst des 18. Jahrhunderts, eine Tischuhr von Melchior D i n g \ i n ■ ger, dem Hofgoldschmied Augusts des Starken, veröffentlicht Johann Georg, Herzog von Sachsen, im Juniheft der bei F. Bruckmann in München erscheinenden Monatsschrift „Pantheon". Das Werk, das aus dem Besitz feiner Familie stammt, stellt einen kleinen Neger dar, der in Goldemail ausgeführt ist. Das goldgewirkte Gewand läßt Arme und Beine frei und hat vor der Brust einen Schmuck von grünem Glasfluß, der wie ein Smaragd wirkt. Die erhobenen Arme und der Kopf tragen eine goldene stilisierte Ananas, von deren Email nur noch Spuren erhalten sind: sie ist eigentlich zu groß für den Neger, hat aber dadurch einen besonderen Reiz. Wenn man die Ananas öffnet, zeigt sich eine waagrecht liegende kleine Uhr, deren Ziffern auf weißem Email angebracht sind. Auf einer kleinen goldenen Rundscheibe in der Mitte stellen sehr feine farbige Emailblumen dar. Die ganze Arbeit, besonders auch der Kopf, die Beine und die Arme sind mit großer Zierlichkeit ausgeführt. Es ist anzunehmen, daß das kostbare kleine Werk als Geschenk Augusts des Starken ober des Kurprinzen für die damalige Kurprinzessin, die spätere Kurfürstin Marie Josepha, die älteste Tochter Kaiser Josephs I., ausgeführt ist.


