Ur. 118 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
8reltag,22.Mal 1956
Reichsminister Dr. Goebbels eröffnet die Reichsautobahnstrecke Köln-Düsseldorf
Köln, 21. Mai. (DNB.) Die erste 24 Kilometer lange Teilstrecke der Reichsautobahn Köln—Industriegebiet wurde am Himmelfahrtstage durch Reichsminister Dr. Goebbels feierlich eröffnet. Das große Interesse, das unsere Nachbarländer Holland und Belgien dem vorbildlichen Werk des Führers entgegenbringen, beweist die Anwesenheit des niederländischen Verkehrsministers, des Präsidenten des Königlich Niederländischen Automobilclubs und des Präsidenten des Touringclubs von Belgien, die mit einer großen Schar hervorragender und einflußreicher Persönlichkeiten ihrer Länder gekommen waren. Allein 150 niederländische Wagen und rund 50 belgische Wagen waren der Einladung des DDAC. gefolgt.
Kurz nach 10 Uhr verkündeten die Lautsprecher, daß Reichsminister Dr. Goebbels in wenigen Minuten eintreffen werde. Auf die festgesetzte Minute näherten sich in schneller Fahrt die Wagen des Ministers und seiner Begleitung, begrüßt von den jubelnden Heilrufen der harrenden Menge. Gauleiter Staatsrat Groh6 trat als erster ans Mikrophon, um den Reichsminister und seine Begleitung, den holländischen Verkehrsminister und die übrige Gäste zu begrüßen. Reichsbahnoberrat Nadler sprach dann im Namen der obersten Bauleitung Köln dem Führer und allen Mitarbeitern, besonders aber den beteiligten Arbeitsmännern, deren unermüdliche Hingabe die Fertigstellung des Werkes ermöglichte, den Dank aus, der einer so gigantischen Leistung gebührt. Generalinspekteur für das deutsche Straßenwesen Dr. Todt gab einen Ueberblick über die bereits fertigen und die vor der Vollendung stehenden Teile des Reichsautobahnnetzes, die rund 1000 Kilometer umfassen, und brachte den Dank aller an den Straßen des Führers schaffenden Volksgenossen zum Ausdruck. Dann meldete er Reichsminister Dr. Goebbels "die Fertigstellung der Strecke Köln—Düsseldorf und bat ihn, die neue Strecke einzuweihen.
Aeichsminister Dr. Goebbels
ging in seiner Ansprache davon aus, daß dieses gewaltige Werk der Reichsautobahnen dem Kopf des Führers entsprungen sei. Damals, als er diese Idee zum ersten Mal vor die Öffentlichkeit brachte, sei er allentbalb-'n Zweifeln und Mißverständnissen begegnet. Die Durchführung sei auch nur möglich gewesen, indem ein Mann damit betraut worden sei, der in diesem Werk sein Lebenswerk sehe. Die Reichsautobahnen stellten eine wunderbare Synthese von Schönheit und Technik dar, sie seien Ausdruck jener „stählernen Romantik", die unser ganzes Zeitalter durchziehe. Viele hätten noch gelächelt, als der Führer in Frankfurt a. M. einst den ersten Spatenstich tat „Heute", so rief der Minister aus, „muß jener Haufen Erde dort mit einem Gitter umgeben werden, weil die Arbeiter sie als ein Heiligtum mit nach Hause nehmen wollten." Diese Arbeiter an den Autobahnen mußten gewiß auf vieles verzichten, was das Leben angenehm mache. Aber sie hätten dafür die Gewißheit, an einem Werk mitzuarbeiten, daß die Jahrtausende überdauern werde. Freilich habe dieses Werk nur von einem Mann durchgeführt werden können. Mit witzigem Humor stellte der Minister dar, wie die Dinge abgelaufen wären, wenn man dieses Projekt etwa einem Parlament voraelegt hätte.
Die Schaffung eines Volkswagens, den sich auch der deutsche Arbeiter leisten könne, werde die Autostraßen bald zu Straßen des Volkes machen. Völker könnten sich durch ihre Taten verewigen. Sie können sich auch in Stein verewigen, der in Jahrtausenden ।
noch von ihnen zeuge. Die Aegypter hätten mit Schweiß und Mühen die Pyramiden gebaut, die heute noch für sie zeugen, „wir bauen auch für die Jahrtausende. Aber wir bauen nicht Gräber für die Toten, sondern Straßen für die Lebenden."
Dr. Goebbels dankte den deutschen Arbeitern, die ihre Sorgen und Mühen an dieses Werk gewendet haben. Es sei ein Werk, daß sie ihrem Volke zum Geschenk machten und durch das sie ihrem Volke die Ewigkeit verschafften. Darum sei es nur gerecht, daß sie nun als erste die Straße befahren dürften. Der Minister weihte hierauf die Straße und schloß mit einem Gruß und Dank an den Führer.
Dann begab sich Dr. Goebbels mit seiner Begleitung zum Wagen und durchfuhr als erster das Absperrband, womit die Autobahn eröffnet und dem allgemeinen Verkehr übergeben war und nun schloß sich die schier endlose Kolonne der Wagen an, die dem Reichsminister auf der ersten Fahrt über die neue Bahn folgten.
Bei Hilden, dem vorläufigen Endpunkt der Reichsautobahn, wurde die Wagenkolonne von Ehrenstürmen des Arbeitsdienstes und Formationen sämtlicher Parteigliederungen erwartet. Reichsminister Dr. Goebbels schritt die Front der Angetretenen ab. Alsdann fuhr der ganze Wagenzug an ihm vorbei, vorab die Lastwagen der Werkmänner, die heute an ihrem Ehrentag auch einen Ehrenplatz gleich hinter dem Minister erhalten hatten. Ihnen folgten die ausländischen Gäste, dann kamen die deutschen Ehrengäste, das NSKK. und der DDAC. Den Schluß bildeten die 36 Wagen des Reichsautozuges „Deutschland".
Als die Wagenparade vorbei war, fuhr Reichsminister Dr. Goebbels mit seiner Begleitung und den 2000 Arbeitern nach Düsseldorf, um sie in den Räumen des Zoo mit einem gemeinsamen Mittagessen zu bewirten. Nach der Mahlzeit, die der Minister inmitten der Arbeiter einnahm, fuhr er nach Köln zurück, um an der Eröffnung des Hauses der Rheinischen Heimat teilzunehmen.
Die Weihe des Hauses her rheinischen Heimat.
Köln, 22. Mai. (DNB.) Reichsminister Dr. Goebbels weihte am Abend im Roten Saal des Kölner Messegebäudes das Haus der rheinischen Heimat. Nach dem Vortrag der Ouvertüre „Weihe des Hauses" von Beethoven würdigte Oberbürgermeister Dr. Riesen die Bedeutung des Hauses der rheinischen Heimat. Dieses Haus solle der Bereicherung des Wissens, des Gedenkens der Vergangenheit, der Erhebung und Erziehung des Geistes in Gegenwart und Zukunft dienen. Es solle künden von rheinischem Lebenswillen und rheinischer Lebensbejahung. Der Leiter des Museums Direktor Dr. Ewald gab dann ein Bild von der zehnjährigen Aufbauarbeit und den vielfältigen Schwierigkeiten, die sich der Verwirklichung entgegenstellten. Dann nahm Reichsminister Dr. Goebbels das Wort. Es ist gut für uns, sagte der Minister u. a., wenn neben der großen Heimat, die wir alle gemeinsam besitzen, wir auch eine engere Hei - m a t haben, in der wir verwurzelt sind und aus der
(Scherl-Bilderdienst-M.)
wir unsere letzten und schön st en Kräfte schöpfen. Wenn wir innerhalb der Familie sind, fängt der Heimatsinn an, beim Heimatsinn beginnt die Vaterlandsliebe und mit der Vaterlandsliebe das ganz große Bekenntnis zur Nation.
Wenn man annehmen wollte, daß aus der Tatsache, daß wir dem deutschen Volke nach einer Zeit der Krise wieder ein einheitliches Nationalgefühl gegeben haben, weiterhin die Befürchtung geschöpft werden könnte, daß wir Nationalsozialisten Deutschland zentralisieren wollten, so wäre das verhängnisvoll. Deutschland ist gerade deshalb schön, weil es sich aus der Vie l- falt der Stämme, der Stände, der Berufe, der Menschen und auch der Kulturzentren zusammensetzt. Es liegt deshalb nicht im Sinne des Na- tiopalsozialismus, in einer Stadt, in Berlin, zu zentralisieren, was man zentralisieren kann. Ganz im Gegenteil müssen wir und wollen wir uns damit
begnügen, nur das zu zentralisieren, was man zentralisieren muß.
Je mehr wir uns gezwungen sahen, die einheitliche politische Stoßkraft des deutschen Volkes endlich nach 2000jähriger Zerrissenheit herzustellen, je mehr wir uns gezwungen sahen, zu einer politischen Vereinheitlichung zu streben, um so mehr sind wir auf der anderen Seite bemüht, ein Aequivalent zu schaffen in der Betonung der kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Eigentümlichkeiten der deutschen Stämme, der deutschen Gaue, der deutschen Provinzen und der deutschen Städte. Deshalb halten wir es auch für so begrüßenswert, daß Sie in einer ganz großen Planung all das, was wir im Rheinland, einem der schönsten und ältesten deutschen Kulturländer, an Schätzen besitzen, zusammenfassen, um es d e r Gegenwart als Beispiel und d e r N a ch k o m e n s ch a f t als Ansporn zu zeigen. In diesem Sinne hat Ihr Haus der rheinischen Heimat auch einen p o - litischen Wert, nämlich den, daß wir in einer Zeit, in der wir die deutschen Kräfte so auf ein ein» heitliches politisches Ziel konzentrieren müssen, andererseits auch bestrebt waren, die kulturellen Eigentümlichkeiten jedes Stammes, jeder Provinz und jeder Stadt zu wahren, zu erkennen, sie zu pflegen und der Nachkommenschaft zu überliefern.
DieHeimatfront des Luftschutzes.
Kriege werden m der Zukunft nicht mehr wie bisher an den Fronten der kämpfenden Heere allein entschieden. Die Entwicklung der Luftwaffe hat das Bild des Krieges völlig geändert: der Luftkrieg macht die ganze Heimat zur Front! Deshalb muß jeder deutsche Mann, muß jede deutsche Frau, muß das ganze deutsche Volk gegen die Gefahren des Luftkrieges gerüstet sein. Alle, die nicht selbst an der Front am Feinde stehen, müssen sich eingliedern in die Heimatfront zum Schutze unserer Arbeits- stätten, zum Schutze des häuslichen Herdes, zum Schutze unseres ganzen deutschen Lebensraumes.
Der berufene Träger dieses „Selbstschutzes" des deutschen Volkes ist der R e i ch s l u f t s ch u tz - bund. Er übernimmt in selbstlosester Weise die Ausbildung der Zivilbevölkerung auf allen Gebieten des Luftschutzes. Wer sich dieser Ausbildung entzieht oder durch Abseitsstehen dem Reichsluftschutzbund seine Aufgabe unmöglich macht, versündigt sich am deutschen Volk und an der Zukunft unserer Kinder. Dem Reichsluftschutzbund anzugehören ist darum nationale Pflicht jedes Deutschen! Darum: Hinein in den R e i ch s l u f t s ch u tz b u n d ! Nur aus der Tat kann die wahre Volksgemeinschaft erwachsen.
Gez. Halm, General der Flieger, Befehlshaber im Luftkreis IV.
Oie Walhalla —
ein deutscher Ehrentempel.
In einem Aufsatz, in dem sich Ministerpräsident Siebert zunächst mit der Vorgeschichte der Walhalla als Ehrentempel für ausgezeichnete Männer befaßt, die zur Aufnahme von Büsten hervorragender Deutscher dienen soll, äußert er, daß die Aufnahme um die Nation besonders verdienter Deutscher heute nur noch dem Führer der Nation zustehe. — Ministerpräsident Siebert hat den Führer und Reichskanzler gebeten, daß er die Walhalla in seine Obhut nehmen und bestimmen möge, welche Düsten in Zukunft dort ausgestellt werden müssen. Der Führer hat diesem Antrag stattgegeben und zugleich einer Bitte der Inter- nationalen Bruckner-Gesellschaft entsprochen, daß zur Ehrung Anton Bruckners an dessen 40. Todestag in diesem Jahr die Büste dieses großen deutschen Symphonikers in der Walhalla zur Ausstellung kommt.
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Giessen Schulstn6
Die „Mär der Weltgeschichte".
3u Leopold von Rankes 50. Todestage am 23. Mai
Ranke, der 1795 in dem kursächsischen Städtchen Wiehe a. d. Unstrut geboren wurde, entstammt einer Familie von Geistlichen und Gelehrten. In den Jahren von 1795 bis 1800 sind die bedeutendsten Historiker des angehenden Jahrhunderts ge-» boren, Mignet, Thiers und M a c a u l a y , und Ranke hat das durch die aufwühlenden Ge- fchehniffe der Zeit zu erklären versucht, die die jungen Männer zur Geschichte gelenkt habe. Die Französische Revolution wollte Staat und Gesellschaft umgestalten; dagegen erhob sich die Kraft des Ueberlieferten, die Eigenart der Nationen, und aus diesem Kampf entfprang der Wunsch, den Charakter der Nationen aus ihrem Werden zu verstehen. Für ihn gilt diese Erklärung nicht unbedingt, denn der Geschichtsschreiber Ranke ist — wie es Dove kennzeichnet — aus dem Geschichtsleser Ranke entstanden. Kaum mehr als eine Kindheitserinnerung wird es für ihn gewesen sein, daß nach der Schlacht bei Auerstädt die geschlagene preußische Armee durch die kleine Stadt flutete; und als der Siebzehnjährige hinter den Kloftermauern von Pforta den dröhnenden Hall der Kanonen von den Schlachtfeldern um Leipzig hört, da entdeckt er überrascht im „Agricola“ das Tacitus die Analogie der Beweggründe zum Frecheitskampf der Ger- manenoölker gegen das römische Imperium und gelangt so zur Ahnung des weltgeschichtlichen Ereignisses und zur Idee der Nation.
Noch 1823 nimmt er sich vor, „niemals die Zeit mit Bücherschreiben zu verderben". Im selben Jahr dehnt er seine Studien auf die Schriftsteller der nachklasfischen Zeiten, der Völkerwanderung und des Mittelalters aus. Abweichungen in den Angaben florentinifcher Historiker führen ihn zur kritischen Prüfung der zeitgenössischen Autoren an Hand der gedruckten Urkunden. Stapel von Büchern schickt die Kgl. Bibliothek in Berlin dem Dr. Ranke in fein Äymnafium nach Frankfurt an der Oder. 1824 erscheinen feine „Geschichten d er romanischen und germanischen Völke r". Das Buch trägt ihm den Beifall Niebuhrs, Räumers und Schleiermachers ein, und im folgenden Jahr wird er an die Berliner Universität berufen.
„Das wahre Leben" eröffnete sich dem kleinen, menschenscheuen Professor mit dem übergroßen Kops, als er bei den Arbeiten zur Vollendung seines Erstlingswerkes auf die Sammlung italienischer
'Aktenstücke hingewiesen wurde, die die Bibliothek besitzt. Vier Wanderjahre, deren Ergebnisse richtunggebend gewesen sind, sammelnd und Akten kopierend in Florenz, Venedig und Rom, erfüllen seine Sehnsucht nach den italienischen Archiven, die die italienischen Archivalien in ihm erweckt haben. „Es setzt sich mir allmählich eine Geschichte der neueren Zeit fast ohne mein Zutun zusammen; sie bis zur Evidenz zu bringen und zu schreiben, wird das Geschäft meines Lebens fein."
Als köstlichste Frucht dieser Studien erscheint bei seiner Rückkehr nach Deutschland das Werk „D i e römischen P ä p st e, ihre Kirche und ihr Staat im 16. und 17. Jahrhundert", das seine Weltberühmtheit begründet. Aus der Beschäftigung mit den alten Reichstagsakten erwächst feine „Deutsche Geschichte im Zeitalter d e r Reforma- t i o n". Nach der Thronbesteigung Friedrich Wilhelms IV. wird er zum Historiographen des Preußischen Staates ernannt und veröffentlicht 1847/48 seine „Neun Bücher preußischer Geschichte", deren Thema die Entwicklung Preußens zur Großmacht ist. In zwei umfangreichen Werken wendet sich Ranke der französischen und englischen Geschichte zu. Mit Ehrungen aller Art überschüttet, beginnt er 1881 das Riesenwerk seiner „W e l t g e s ch i ch t e". Noch ein Lustrum erbittet der mehr als Neunzigjährige, als er auf feinem Sterbelager die Kapitel zur Geschichte des 11. Jahrhunderts diktiert, um diese Krönung seines Lebenswerkes vollenden zu können. Wenige Tage danach ist er gestorben.
„Die Mär der Weltgeschichte aufzufinden" ist Rankes Streben gewesen. Die durch die Antike beeinflußte Begeisterung für das Menfchenfchickfal läßt ihm äußere Begebenheiten und Geschehnisse als Kern und Inhalt der Weltgeschichte erscheinen. Der Wille mächtiger Einzelwesen wird für die Gesamtheit entscheidend; Fürsten und Führer stehen im Vordergrund, während das Volk die Tiefe der Bühne füllt Bewußt hat Ranke die Einbeziehung von Verfassung und Wirtschaft, den Einfluß völkischer Ueberlieferung in den Kreis der Historie abgelehnt. „Es hatten in feiner Seele die Pandekten neben Homer, die Nationalökonomie neben dem Idealismus keinen rechten Platz gefunden."
Was Ranke auszeichnet, ist feine methodisch- kritische Quellenforschung, zu der er durch Niebuhrs „Römische Geschichte" gelangte, und die absolute Beherrschung des Materials. Eine Geschichte Luthers versuchte er in der Sprache des Rejormators zu gestalten. Sein erstes Werk steht stilistisch noch unter dem Einfluß der klassischen Schriftsteller. Mit den sprachlich vollendeten Es
sais der „F ü r st e n und Völker" und den „Römischen Päpsten" erreicht seine Gestaltung den Höhepunkt. Noch einmal bewies er sein großes plastisches Können in der „Geschichte Wallenstein s". In der klaren Darlegung der komplizierten Struktur diplomatischer Entwicklungen („Ursprung des Siebenjährigen Krieges") und in der psychologischen Beobachtung und Zeichnung, die er an den venezianischen Gesandtschaftsberichten geschult hat, offenbart sich am reinsten Kraft und Tiefe der Rankeschen Gefchichtsdarstellung.
Walter Schwerdtfeger.
Goldfische.
Bon So Hanns Rösler.
Wer den Goldfisch nicht ehrt, ist den Karpfen blau nicht wert. Und ein dummer Goldfisch im Glas ist besser als ein lebender Aal unter der Bettdecke. Darum haben auch so viele Familien einen Goldfisch in der Wohnung. Dort schwimmt er in einem runden Glas herum, den ganzen Tag immer herum, nichts als herum, einmal so herum und einmal so herum. Aber wenn dann die Tante Tilde zum Glas tritt und ruft „Putt! Putt!", dann läßt er sich nicht zweimal rufen und kommt schnell ge- fchwommen, die leckeren Ameiseneier in Empfang zu nehmen. Aber so leicht macht es ihm die Tante Tilde wiederum nicht. Tante Tilde nimmt ein Ameisenei zwischen die spitzen Finger, hält es zwei Zentimeter über die Wasseroberfläche und fragt: „Wie sagt ein braver Goldfisch? Wie macht es ein braver Goldfisch?" Darauf macht der Goldfisch Wauwau und dann bekommt er sein Eilein. Ist das nicht nett?
Tante Tilde findet es sogar entzückend. Sie ist ganz verliebt in ihren kleinen Goldfisch, der Goldfisch ist ihr ganzes Umundauf, ihr ganzes Habchenhabchen, wenn sie den Goldfisch nicht hätte, dann brauchte sie auch gar nicht mehr zu leben, so ein goldiger Kerl ist er, so treu und so anhänglich und gar nicht tückisch, immer vergnügt, nie schlechter Laune, nicht übelnehmisch oder übelnehmerisch, wie Tante Tilde sagt, kurz, Tante Tilde hängt an dem kleinen Tierchen mit ihrem ganzen großen Herzen.
Eines Tages war der Goldfisch krank. Er hatte zwar kein Fieber, auch hustete er nicht gerade, aber er war schrecklich blaß und es schien ihm gar nicht so recht hübsch. Tante Tilde saß betrübt norm Glas und sah den Goldfisch an und der Goldfisch schwamm betrübt im Glas und sah die Tante Tilde an. Davon wurde es aber dem Goldfisch auch nicht besser. Er
legte sich einmal auf die linke Seite, bann auf die rechte Seite, bann auf den Rücken, er wackelte nur ein wenig mit dem Schwanz, ganz traurig, es war fein frohes Plätschern mehr. Da gab sich Tante Tilde kurzentschlossen einen Ruck, setzte den Hut auf, nahm den Goldfisch mitsamt seinem Glas unter den Arm und ging zu Bruno Bauer.
♦
Bruno Bauer wohnte aar nicht weit. Bruno Bauer wohnte gleich um die Ecke und genoß den Ruf, jeden kranken Goldfisch innerhalb zwei Tagen heilen zu können. Es waren schon viele Goldfische zu ihm gekommen, goldrote, goldbraune, auch gefleckte und silberweiße, Weibchen und Männchen, nackte Goldfische und solche mit Schleiern, Teleskopfische und Teleskopschleierschwanzgoldfische. Und alle hatte Bruno Bauer gesund zurückgegeben, mochten sie noch so krank, mochten sie noch so matt ihre Kreise gezogen haben. Auch Tante Tilde bekam ihren Goldfisch nach zwei Tagen gesund zurück. Sie war glücklich, sie war selig, als sie den Goldfisch wieder springlebendig im Glas herumschwimmen sah und er ihrem vertrauten Gesicht entgegen» schwamm.
„Da bist du ja wieder, mein Goldiger", klopfte sie gegen das Glas, „hat dir der Onkel Doktor dein Wehwehchen geheilt? Hast du Sehnsucht nach deiner guten Mutti gehabt?"
Bruno Bauer legte seine Honorarnote neben das Glas.
„Fünf Mark", stand darauf.
Tante Tilde zahlte anstandslos. *
„Sag mal, Bruno Bauer, verstehst du eigentlich etwas von Goldfischen?", fragte man ihn eines Tages.
„Nicht das Geringste."
„Wie machst du es dann?"
Bruno Bauer lächelte:
„Ich gebe den alten Goldfisch weg und kaufe für fünfzig Pfennige einen neuen."
lleberraschende Entgegnung.
Bei einer Truppenbefichtigung mißfiel dem alten Wränget ein Bataillon und statt einer längeren Kritik warf er dem betreffenden Major nur die Bemerkung hin: „Na, Herr Major, übers1 Jahr werden wir uns wohl nicht Wiedersehen." Der Ma» jor blickte den Alten treuherzig an: „Aber Exzellenz sind doch noch so rüstig!" lieber so viel Mutterwitz und Schlagfertigkeit mußte Wrangel lachen und ließ den Offizier mit einer väterlichen Ermahnung daoonkommen.


