König Eduard
besucht die Aotstandsgebiete von Süd-Wales
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tetDigen, wohl aber dieses Hochland, das praktisch nur durch die Lücke oon Soekaboemi, dem G e» burtsortoon L i l Dagooer, zu erreichen ist.
Zehn Minuten nach Tjimahi erreicht der Zug Javas jüngste Großstadt: B a n d o e n g. Als ich im Auto den Dagoweg hinauffahre, knöpfe ich unwillkürlich meinen Tropenanzug fester. Mich fröstelt. Äm Badezimmer finde ich später einen Warrn- wasserosen oor und' es ist ein für den Europäer zu Hause kaum zu beschreibendes Gefühl, als ich dann noch in einen Wollanzug schlüpfen kann, warmen Tee trinke und mit einem Male das lähmende Gefühl der Hitze aus der Ebene verliere. Spät abends beim Schlafengehen steht mir noch eine Ueberraschung bevor: Ich vermisse jetzt erst die Moskitonetze, hinter denen man da unten immer
einzelnen von uns und machte jeden durch ihr Singen aus weiß wölkendem Munde froh und lebenswillig. Währenddessen aber hatte sich der alte Norberg still beiseitegeschlichen und war unter dem Wacholderstrauch eingeschlafen. Wenige Stunden später tat er in den Armen seines Sohnes den letzten Atemzug. Es war ein unsäglich erschütterndes Bild. Elin hörte auf zu singen, aber der Klang ihrer Stimme blieb uns in den Ohren, unsere Lebensgeister waren entfacht, wir wanderten noch einige Stunden und begriffen kaum das große Wunder, daß wir bann von einem Lotsendampfer aufgefunden wurden."
Kord schwieg. Er nahm den letzten kalten Schluck aus seiner Tasse und sog an der erloschenen Zigarre. Nach einer langen Pause fragte ich etwas verworren und unbedacht: „Und ihr hast du bas Kind genommen?" Korb sah mich groß an: „Elin Pihlava hat sich auf ber Bästervik-Schäre durch ihr Singen ben Tob geholt. Drei Jahre später starb sie an ber Schwinbsucht im Söberby-Kranken- haus in Stockholm. Ich erfuhr davon burch ben jungen Norberg, mit dem ich in Verbindung blieb, unb habe mich bann um die Aboption ihres Sohnes bemüht."
Er sprach sachlich, leise, fast mieber ein wenig abroefenb. Jürgen saß in sich versunken da, sichtlich erchüttert unb mit sich uneins. Mir war über Korbs Erzählung unser Streit ganz aus bem Sinn gekommen. Wir schwiegen lange in bie auffommenbe Dämmerung unb brachen nach ein paar belanglosen Worten auf. Korb verabschiebete sich sogleich. Jürgen begleitete mich ein Stück. Das einzige, was er sagte, bevor wir uns trennten, mar: „So eine — ja!"
Mas jüngste Großstadt.
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.) XII.
Banboeng, im Oktober 1936.
Besinnliche Weltreise
Von unserem E.M.-Korrespondenien.
mieber einen oerzmeifelten Kampf gegen bie sich raffiniert einschleichenden Blutsauger fuhrt.
Banboeng hat bank biefer Umftänbe bei mir sofort mieber feinen alten Krebit. Wie sehr bie Stabt es auch bei anberen Europäern hat, sehe ich am nächsten Morgen als ich burch bie Villenviertel Lembangs, Dagos unb ber Riouxstraat gehe. Weißhaarige Männer unb Matronen kommen mir entgegen. Sie alle mußten weit über 70 sein. Die straffe Haltung ber alten Herren verrät beutlich bie pensionierten Militärs. Es ist barunter auch so mancher Deutscher, ber hier feinen ßebensabenb verbringt. Sie alle haben bie Legende vom tödlichen Tropenklima zerstört.
Dor einigen Jahrzehnten war die Stadt noch ein Kampong, ein Malayendorf, dessen dicke Nebel der größte Feind aller Kinder war. Holländische Tatkraft hat aber aus den Wäldern unb Sawahs, Reisfelbern, eine moberne Großstabt von 250 000 Einwohnern, barunter mehr als 20 000 Europäer, geschaffen. Es hätte nicht viel gefehlt und Bandoeng wäre überhaupt Residenz des niederländischen Besitzes am Rande der Südsee ge- worden. Die Pläne für bie Ueberfieblung aller Ministerien aus Batavia waren bereits fertig. Die Krise ließ alles mieber einschlafen. Geblieben sind nur bie Departements van Orlog unb van Verkehr en Waterstraat. riesige Gebäude mit unzähliaen An- gestellten aller Rassen
Diese verhinberte Resibenzwerbung hat aber Banboengs Lebenswillen nicht unterbunben. Wenn man über ben Grooten Postweg, ben Bragaweg unb ben Aloen-Aloen geht, ist man immer mieber über ben Betrieb erstaunt. In langen Reihen stauen sich bie Autos Demmos, eigentümlich von hinten zu besteigende Kleintaxis, unb Sabos, zmeiräbnge Pferdedroschken, vor ben Verkehrsampeln unb ihren braunen Polizisten. Ich habe mehr Sorgfalt beim Ueberqueren ber Straßen beachtet als in Berlin unb mußte auch länger warten als bort. Große ßäben umrahmen bie Straßen unb in bem größten Textilgeschäft ber Stabt, bem natürlich chinesischen To ko be Zoon, sah ich bie herrlichsten Seibenstoffe in einer Auswahl, bie man in Deutschland nirgends findet. Die Preise würden unsere Hausfrau vor Neid erblassen lassen. Neben den Textilgeschäften findet man häufig gleich bie chinesischen Juweliere. Die Ebelsteine der Welt scheinen sie zusammen-
L o n b o n, 20. Nov. (DNB.) Der zweitägige Besuch König Eduards in dem Notstandsgebiet von Sübwales hat überall Bewunberung für bie sozialen Bemühungen bes Monarchen hervorgerufen. Der König unterhielt sich eingehenb mit vielen Arbeitslosen über ihre Lage unb ließ sich genaue Auskünfte von ihnen geben. In einem Schreiben an bie Lorbleutnants oon Glamorgan unb Monmouthshire forberte er bie Bevölkerung auf, ben Mut nicht zu verlieren unb versichert zu fein, baß ihre Schwierigkeiten nicht in Vergessenheit geraten würben. Dor seiner Rückreise nach Lonbon hatte
Jahren, als bie Plantagen bis zu 200 v. H. Dioi- benbe ausmarfen.
Wenn am Morgen Frühlingswinb weht, ber Mittag Sommer unb ber Abenb linbe Herbstluft bringt, ist man allzu leicht geneigt, zu vergessen, baß man sich in ben Tropen befinbet. Allzu rasch gewöhnt man sich an bie Königspalme, ben Sursack, bie Kokoskalme, bie melonenartige Papaja, bie Apfelsine, ben violetten Bougainville, ben Bambus, ben feuerroten Kemdang Sepatu unb an bas, was bie Tropen noch an Vegetation erbacht Haden. Was es aber sonst noch gibt, Tiere unb Krankheiten, bas kommt immer plötzlich.
Ich war gerabe am Geburtstage ber Königin in Banboeng. Es würben aus biefem Anlaß in ber Zeitung auch bie Orbensoerleihungen veröffentlicht. Unter ben wenigen ganz befonbers ausgezeichneten Männern befanb sich auch Professor Otten vom Pasteurinstttut Banboeng. Es war ihm gelungen, ein Serum gegen Pest zu finben, eine für bie Stabt unschätzbare Tatsache. Vor einem Jahrzehnt ist nämlich hier in bas kühle Klima, wohin sie immer zieht, aus bem Osten d i e Pestra11e eingeroanbert. Ungezählte Tausende sind ihr zum Opfer gefallen. Noch für das Jahr 1935 gibt man eine Ziffer oon 8000 an, während Pessimisten von 40 000 reden. Mühselige Kleinarbeit war notwendig, um bas Schlimmste zu oer- Hinbern, stellenweise gegen ben Wiberstand ber Sunbanesen, bie ihre Lebensgewohnheiten umstellen mußten. Biliks, Doppelwänbe aus Bambus- geflecht, würben verboten. Volle Rohre bürfen nicht
berg mit feinen durchnäßten Kleibern. Außer Elin, tn ber eine unzerstörbare Hoffnung zu leben schien 77 gmg mir burch ben Kopf, baß vielleicht nur bie Sehnsucht zu ihrem Kinbe ihr biese Kraft gab — waren wir alle tief erschöpft unb niedergeschla- gen. Gleichwohl gewann nach wenigen Minuten, ohne unser Zutun, eine ungeahnte Zähigkeit bes Lebenswillens Macht über uns. Wir wanderten bis tief in bie Nacht hinein, schlugen mit ben Armen um unseren Körper unb umarmten uns gegen* jeihg. Gegen Morgen jeboch würben einzelne von jäher Mattigkeit befallen, sie setzten sich, sprangen aber erschauernb mieber auf, als sie fühlten, baß ihre Kleiber steif mürben unb festfroren.
2n diesem entscheibenben Augenblick geschah es, Pihlaoa anfing zu fingen. Ich argwöhnte Idjon einen unheilvollen Trug meiner Sinne, als "h e? fyörte unb sah. Eine in biefer Lage unaus« oenkliche Verzückung ging von bem Mäbchen aus.
e !°nft unauffällig blaß, mager, ja unschön mime, erschien uns allen verklärt wie eine Heilige. Mit völlig entspanntem Gesicht fang sie Dolkslieber, Gassenhauer, Marschlieber, Kinberweisen, alles, mas ipr einfiel, unb ich glaube heute, baß ihr viel mehr einfiel, als sie je im Leben hatte fingen können, toie wuchs über sich selbst hinaus. Ihr Gesang klang trotz ber lustigen Weisen schauerlich in dieser cqigen (iinöbe unb vor bem unheimlichen Branden bes Meeres, unb boch zugleich süß wie das Lieb eines Vogels im Märzechchnee. Unb als Vater Nor- berg mit sckmerzlichem Lächeln erklärte, er sei am Ende mit seiner Kraft, er wolle nichts mehr als schlafen, ba nahm sie ihn am Arm unb manberte nngenb mit ihm unb hielt ihn aufrecht. Dann, als ber Kapitän etwas erholt schien, nahm sie jeden
getragen zu haben, wovon bem Fremben bie Arbeiten aus Jabe, Bergkristall, Lavislazuli, Rosenquarz, Elfenbein am meisten auffallen.
Auch am Abenb herrscht in ben Straßen unverminderter Verkehr. Dann ist bie Zeit bes Sunbanesen gekommen. Vor ben beiben großen Hotels promenieren farbenprächtig aekleibete Frauen unb stolze junge Männer in weiß. Sie alle find viel heller als bie mitunter tiefbraunen Javaner. Ein graziöses Volk, wenn es lachenb mit einem „Duka", ja, ober „Nie", nein, auf ben Bürgersteigen vorbei- zieht. Es trägt feine Leichtlebigkeit im Gesicht. Eine übereifrige Behörbe hat einmal festgestellt, baß in einem Bezirk Preangers 3500 Eheschließungen mehr als 5000 Scheibungen gegenüberstehen. Aber bas besaß nur akabemisches Interesse, denn ber Koran gestattet es unb minbeftens in biefer Beziehung ist ber Sundanese strenggläubig.
Ja, wovon lebt benn biefes Banboeng? Dahinter bin ich auf meinen Ausflügen in bie Umgebung sehr schnell gekommen, als ich mit bem Auto bis auf bie Spitze ber Vulkane Papanbajan unb Tankoebanprahoe fuhr. Ueberall, soweit bas Auge reicht, stehen hier Tee unb Chinabäume. Preanger liefert 95 v. H. ber Chinarinbe auf ber Welt. Die Stecklinge wurden einstmals von einem deutschen Botaniker von ben Hochebenen Sübamerikas geholt. Man hat ihm, Jung- huhn, auf ßembang bafür ein Denkmal errichtet. Außerbem ist Preanger auch eines ber größten Teezentren ber Erbe. Davon lebt Banboeng, wenn auch lange nicht mehr so gut wie oor zehn
ber König noch einmal eine eingehende Aussprache mit den Ministern unb Sachverständigen. Der königliche Besuch hat ohne Zweifel bie Wirkung ausaelöft, daß die Regierung energische Maßnahmen zur Abhilfe ber Notlage in Sübwales unb anberen britischen Elendsgebieten treffen wird. So beschäftigt man sich mit Plänen für die Errichtung neuer Jnbustrien und für eine staatliche Unter st ützung ber Kohlenausfuhren aus Südwales. — (Scherl Dttderdienst-M.)
Mit rafenber Gefchwinbigkeit burcheilt ber Schnell- Zug erst bie Vororte und bann bie Ebene von Batavia nach Norbosten. Es ist einer der „Dlugge Vier", ber bie Hauptstabt mit feinem natürlichen Hinterlanb, ber Hochebene von Preanger, oerbinbet. Bei Poewakarta beginnt er mehr unb mehr zu fteiaen. Auf riesenhohen Brücken, unter unenblichen Schleifen burchbricht ber Zug, langsam auf fajt 800 Meter fteigenb, ein wilb- zerrissenes Berglanb, bas Urbilb vulkanischer Zer- ftörungsrout. Trotzbem braucht man für bie gesamte Strecke von 180 Kilometer weniger als brei Stunden, bie Hälfte bes Weges bavon in ber Ebene. Eine erstaunliche ßeiftung, wenn man bebenft, baß es sich um unternormale Spurweiten hanbelt unb ber Verkehr meiste von Malayen geregelt wirb.
Als ich am frühen Abenb meinem Ziel näher komme, liegt bie Hochebene im Mondlicht. Einige Offiziere in meinem Abteil machen sich bereit zum Slusfteigen Wir nähern uns Tjimahi, bem Döbentz Javas. Das zeigt auch ber Bahnhof, ben wir wenige Minuten später erreichen. Uniformen, wohin man auch sieht, unb als ich im Monblicht bie bis zu 3000 Meter hohen Berge ringsum sehe, verstehe ich biefes Döberitz auch: Die weiten Küsten Javas lassen sich mit geringen Mitteln nicht teibigen, wohl aber biefes Hochlanb, bas pro
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Gießener Gtabttheater.
Engelbert Humperdinck: „Hänsel und Gretel".
Siegmunb von Hausegger hat uns ein Gespräch überliefert, in bem Richard Wagner Alexander Ritter, dem Schöpfer der Märchenoper „Der faule Hans", bie Ziele bes zukünftigen Opernschaffens vorzeichnete: „Daß bie jungen Komponisten heutzutage weder würben in den Stil der alten Oper zurückkehren dürfen, ohne sich lächerlich zu machen, noch etwa nach den gewaltigen Stoffen des germanischen Heldenmythos greifen könnten, ohne in Nachahmung seiner Werke zu verfallen. Es ruhe aber noch ein reicher ungesehener Schatz im kleineren Jdeenkreise der Sage, des Märchens und der ßegenöe, der Gelegenheit böte, auf enge» rem Gebiete auch nach ihm Neues zu schaffen." Diese Anregung Wagners hatte sowohl bei Alercm- ber Ritter als auch bei seinem eigenen Sohne Siegfried Beachtung gefunden, in idealstem Sinne verwirklichte aber diesen Gedanken Engelbert Humperdinck. Ja, fein Märchenspiel „Hänsel unb Gretel" hat alle bie anberen Märchenopern mit seinem Ruhm überschattet und in ber Fülle feiner Erfinbungskraft unb ber anmutig vertiefenden Musik ein kaum zu wieberholenbes Beispiel gegeben.
Humperbinck hatte die letzte ßebenszeit bes Bayreuther Meisters in engster Fühlung mit ihm verlebt: er war ihm bei ber Abschrift der Original« partitur des „Parsival" behilflich gewesen unb hatte bei ber Uraufführung biefes Bühnenweihfestspieles wertvolle Dienste geleistet: u a. hatte er die Der- wanblungsmusik, bie in ihrer originalen Form für ben Ablauf ber Wanbeldekoratton nicht ausreichte, um einige Takte ergänzt. Er war so zum treuen Hüter bes Bayreuther Erbes geworben
Das burch feine innere Größe überwiegende Wagnersche ßebenswerk lastete wie ein lähmendes Hemmnis auf dem Schaffen der Epigonen-Genera- tion. Dazu kam, daß in der Zeit nach Wagners Tode die ßiteratur dem Naturalismus sich zugewandt hatte; auf der Opernbühne hatten Anfang ber neunziger Jahre Mascagni unb ß e o n = cavallo Das Felb mit ihrem Verismus erobert. In biese geistige Sphäre trat plötzlich „Hänsel unb Gretel" unb siegte.
Ursprünglich war biefes Werk nicht für bie Bühne gebucht gewesen: Humperbincks Schwester Abelheid JßcHe bie Gattin bes Schriftstellers Hermann Wette, hatte bie Verse für eine häusliche Auf
führung entworfen, unb ber finberfinnige Engelbert Humperbinck hatte biefen ein musikalisches Gewanb gegeben. Das Märchenspiel wuchs sich immer mehr aus, unb bei einem Besuch im Hause Humperbinck ZU Frankfurt wirkte Hugo Wolf auf Humperbinck ein, an Stelle ber ursprünglich geplanten einzelnen Musikstücke boch bas ganze Werk burchzukompo- nieren.
Gelegentlich ber Gothaer Festspiele legte Humperdinck bie fertige Partitur maßgebenden Persönlichkeiten vor: sie wurde für wenig geeignet befunden. Als er dann weiterhin aufgeforbert wurde, für bie Münchener Tonkünstlerversammlung einen Beitrag zu liefern, ba sandte er die Engelpantomime aus „Hänsel und Gretel" ein mit dem Erfolg, daß München sich die Uraufführung der Märchenoper sicherte. Auch Richard Strauß lernte das Werk kennen: er setzte es durch, in Weimar am 23. Dezember 1893 die Uraufführung zu bringen, ba in München burch Darstellererkrankung eine Verzögerung eingetreten war. Mit Begeisterung schreibt er dem Komponisten: „Wahrlich, es ist ein Meisterwerk erster Güte: bas ist mieber seit langer Zeit etwas, was mir imponiert hat. Welch herzerfrischender Humor, welch köstlich naive Melobik, welche Kunst unb Feinheit in ber Behanblung bes Orchesters, welch blühende Erfindung, welch prachtvolle Polyphonie und alles originell, neu und so echt deutsch. Mein lieber Freund, du bist ein großer Meister, der den lieben Deutschen ein Werk beschert, bas sie kaum verbienen, aber trotzbem hoffentlich recht halb in seiner ganzen Bedeutung zu würdigen wissen werden."
Mit einem Schlage eroberte nun das Märchen- spiel bie ganze Welt, allein in elf Sprachen ist es übersetzt worben Solch beispielloser Siegeslauf wäre dieser Oper niemals beschieden gewesen, wenn sie nur unter dem Zeichen ber Wagner-Nachfolge geftanben hätte. Was jene Werke bes Verismus unb Naturalismus in ben Vorbergrunb bes Interesses gestellt hatte, war einmal die Nähe zum Volksleben unb bie Wendung zum Alltäglichen So geht auch Humperbincks Oper über ben Kreis bes Märchengebundenen hinaus. Die Schilberung ber Not bes elterlichen Hauses im ersten Akte entbehrt ben Realismus nicht unb hebt somit ben Kontrast zur Märchensphäre. Dann aber gelingt es Humperdinck, sich von dem Opernpathos zu lösen unb in ber Schlichtheit ber Tonsprache sich äußerst bem Volkslieb zu nähern. Ja, er trifft in seiner Melobik so genau ben Ton bes Volksliebes, baß es Stimmen gab, bie ben Erfolg ber Oper nur ben verarbeiteten Volksliebern zuschreiben wollten. In
Wirklichkeit hat er nur zwei originale Volksweisen aufgenommen: „Ein Männlein steht im Walde" unb „Suse, liebe Suse". All bie vielen, uns so ursprünglich anmutenben Melodien sind Humperdincks eigene Gabe, und gerabe diese Beurteiler sprechen unbewußt angesichts dieser Tatsache damit Humperdincks Erfinduna das größte ßob aus. Allerdings, wie er das melodische Gut mit liebevoller, ja bewunderungswürdiger Kleinarbeit thematisch verarbeitet und ineinanderfügt und in der Farbigkeit des instrumentalen Gewandes zu immer neuem Eigenwert erhebt, bas ist ein Reiz, bem sich keiner entziehen kann. In unerschöpflichen Kombinationen verbindet er bie Themen, unb in bem Knusperwalzer baut er beispielsweise vier verschiedene Gruppen zum gleichzeitigen Erklingen übereinander.
Diese so überreich über das Werk ausgegossene künstlerische Arbeit erscheint bem Hörer dennoch so einaängig, weil er sie im Rahmen ber ihm von frühesten Kinbertagen her geläufigen Märchen- hanblung erlebt, unb alles Interesse kann sich ganz auf bas Ausnehmen ber vielfältigen Stimmungen konzentrieren. Der Walb mit seinem Raunen, im Spiegel bes Erfassens burch bie gläubige Kinber- feele, bie Weihe der Nacht, bas Sandmännchen, der Abendsegen, der Befreiungsjubel lassen selbst dem durch bas ßeben hartgewordenen Erwachsenen ein Stück der eigenen Kindheit wieder wachwerden. So erschließt Humperdinck in Einmaligkeit bas Fühlen bes Kinbergemütes unb bie ewig junge Welt des deutschen Märchens
Die gestrige Aufführung ließ alle bestimmenden Faktoren: Darsteller unb Orchester, Bühnenbilb unb Beleuchtung unter bewußter Spielleitung Paul W r e b e s zu einheitlichem Wollen zusammenstreben unb so bie Märchenwelt in ihrer naiven Kindlichkeit unmittelbar werden, frei von jedem Zug aufdringlicher Theaterhaftigkeit, getragen oon dem Ernst der Verantwortlichkeit bem Werk gegenüber. Eine er* quirfenbe Natürlichkeit verlieh bem Ganzen lebendigen Impuls, ausschwingenb in bem unwibersteh- lichen Reiz ber Einzelstimmungen.
Der Anteil bes Orchesters ist gerabe in biefer Oper bestimmenb. Angesichts ber verhältnismäßig starken Instrumentierung hätte von vornherein viel mehr auf bynamische Abstufungen, namentlich in ben schwächeren Graben, hingearbeitet werben müssen nicht zuletzt mit Rücksicht auf bie Tragkraft ber Ge-' fangsftimmen. Kapellmeister Hampel war für ben vorgesehenen ßeifer, ber durch Krankheit verhindert wurde, eingesprungen. Er traf mit sicherer Hand
das Wesentliche der musikalischen Entwicklung, arbeitete bas Plastische im Thematischen ebenso heraus, wie er jebem Einzelinstrument in seinem inbivibuellen Wesen volle Entfaltung gewährte. Er schöpfte so bie symphonischen, lyrischen Episoben in gleicher Weise aus, wie er ber fpannenben Dramatik ihr Gewicht gab unb charakteristische Szenen musikalisch abprägte.
Ein Geschwisterpaar voll inniger Besorgtheit für- einanber im vollen Auskosten bes Kindheitsfrohseins wie im Erschauern schlichter Gläubigkeit, einanber helfenb in ihrer Angst: bas waren Hildegard Jach ° now als Hänsel unb Friebel Fornallaz als Gretel. Beibe konnten frohlocken, jubeln, ganz bem kinblichen Unbekümmertsein sich ergeben in anspre- chenber Natürlichkeit, ohne gewollten Zwang; blut» volle Kinder voll Herzlichkeit. Köstlich in der gewinnenden Frische ihres Singens, musikalisch fein aufeinander abgestimmt, ja, im edlen Wettstreit einer ben anbern fast überbietenb an Schönheit bes Klanges unb Ausgeglichenheit ber musikalischen Durchbringung.
Bestrickenb, ja bämonisch unheimlich, tn jeber Gebärbe bas Schleichende, Berechnende, Heirn- tückische durchblicken lassend, so stellte Paulus Kue n bie Hexe bar, ber, abweichenb von bem üblichen Brauch, als Männerstimme biese Rolle gab. Daburch würben manche Züge noch bringlicher, unb unterstützt burch bie burchschlaqenbe ' Kraft stimmlichen Timbres, bas sich in machtvollen Ak- Zenten ausstrahlte, bannte er mit brarnatischer Wucht.
Die Eltern waren in feiner Gegensätzlichkeit zueinander geprägt. Gustav Bley als Vater mar außerordentlich lebhaft im Spiel, von ganz besonders bestimmter Note, ebenso wie er bas Gesang- liche überaus typisch mit voller Beherrschung der Ausdrucksmittel darstellte. Maria Perry als ge- strenge Mutter entsprach den schauspielerischen Be- Dingungen ebenso, wie sie bie musikalischen Anfor- berungen voll erfüllte.
Don befonberer Wirkung burch bie ßidjtführung (R- Konen) waren bie Erscheinungen des Sand- Männchens und Taumännchens. Anne E1 g g und 2Inne Iü 1 fs fangen dazu mit Geschick hinter Der Szene Die Engelpantomime war sorgsam abge» stimmt, voll gefangennehmendem Schauer in wohlerwogener Anordnung baute sich das Bild auf
Solchen Eindrücken konnten sich die Hörer nicht entziehen. Spontan ausbrechender Beifall, verschiedentlich auf offener Szene, zeugte für wohlverdiente Anerkennung und Dankesverpflichtung.
Dr. Hg.


