Nr. 273 Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oderheffen)
Samstag. 2l. November 1936
Aum Totensonntag an Vie Lebendigen.
Von Victor Meyer-Eckhardt
Das Totenfest ist gekommen: jenes erschütternde Fest, das wir schweigend begehen, weil die Seelen, welchen es gilt, nicht mehr antworten können auf oll unser Lieben und Preisen. Es denkt der Einzelne, die Familie, das Volk zu besonderen Gräbern hinüber: einige, die uns erreichbar sind, besuchen wir auch — für Unzählige tritt nur ein Denkmal ein, unter dem die Gebeine der Helden nicht ruhen.
Soviel echte Treue und Liebe nun auch die Gedanken beschwingt, die wir zu jenen Begrabenen hinübersenden, so seltsam bereit wir uns fühlen, fast all unseren Toten nur Gutes nachzusagen, so manche von uns, falls sie unverfälschter Erinnerung wirklich eine Stunde sich lassen, irgend ein Etwas in des Gedächtnisses Bilderschrift angstvoll ouslöschen möchten. weil sie wohl wissen, daß ihr eigenes nie mehr zu sühnendes Unrecht auf jenen Schatten liegt — trat; alle diesem tun wir doch nur selten so gründliche Einkehr, daß wir zugleich erfaßten, wie für die Entbehrten und Bedauerten nun wirklich alles vorüber, für uns Lebendige aber ihr Totsein ein Nichts ist, wenn es uns nicht bewegt, an denen die noch unter der Sonne wandeln und irren, gerechter und liebevoller uns zu erzeigen als an den auf ewig Entwichenen.
„lieber die Toten nichts als Gutes", mahnt ein alter lateinischer Spruch: er bedeutet durchaus nicht, daß wir verschwenderisch wären an Edelmut, wenn wir streng nach ihm handeln. Reden wir über einen Toten nur Gutes, so legen wir zumeist nur Gewicht in die Waagschale, die allzu lange ganz ledig verblieb — denn als jener noch neben uns ging, haben wir über ihn, zu ihm viel Uebles nicht nur geredet, sondern auch an ihm getan. Wir stellen also nur eine Ordnung wieder her, die wir selber leichtmütig verstörten — oder vielmehr, wir machen den bloßen Versuch dazu: was frommt dem Toten unsere Bemühung, die schon darum so billig ist, weil wir nun die Ecken und Stacheln, die alles, was lebt, uns zu merken gibt, gar nicht mehr fühlen? Doch ist uns ein besserer Weg als die fruchtlose Reue gegeben, der Ordnung, als deren höchstes Gleichbild wir das Walten Gottes erahnen, den einzig ergiebigen Zins zu leisten.
Der kann — das ist unwiderlegbar — immer nur Lebenden dargereicht werden — und wirklich: wenn wir nicht durch angeborene Enge und Eitelkeit schon außerhalb jeden Menschentums stehen, so werden wir anders das uns zugemessene und mögliche Glück nimmermehr finden, als indem wir uns Taq um Tag härter gewöhnen, nach der Erkenntnis, daß Nachsicht den Weggenossen um uns nicht minder gebühre als dem eigenen verhätschelten Herzen, auch tapfer zu handeln. Fast immer ist es ein Irrtum. aber einer der geläufigsten, das, was uns durch Anlage von den Uebrigen trennt, für einen Vorzug zu halten — sonderbar sein ist aber noch lange nicht wertvoll sein, und mit großer Gebärde den Andersstrebenden allzeit „in seine Schranken verweisen", ist vielleicht eine Haltung, über die Teufel und Engel (könnten wir sie doch gewahren!) lochen und lächeln. Doch auch die uns durch Erziehung oder Zwang oder Faulheit lediglich zugefallenen Dinge, die uns freilich zu der Vielzahl in bequeme Beziehung versetzen, sind noch lange keine Tugend — ja wir müssen schon fast verzweifeln, wenn mir an uns etwas entdecken wollen, das wirklich Verdienst ist und Stich halten würde, zöge es dereinst vorüber vor unseren schon brechenden Augen.
Diese brechenden Augen sind nicht verschleiert wie manche glauben, nein, sie sehen sehr peinlich scharf. Biele von denen, die etwa in großer Wassersnot waren oder draußen im Kriege mehr als einmal gestorben sind, wissen davon zu erzählen. Ich meine: am liebsten erblicken solche Augen all jene, die sie einst schauten, einfach in ihrer leidenschaftlosen, nichts von uns fordernden Gestalt: das wäre die beste Bürgschaft, auf Erden ein Rechter gewesen zu sein.
Als Napoleon auf St. Helena im beginnenden Todeskampf lag, rief er ganz plötzlich mit starker Stimme und zum Staunen seiner Getreuen nach seinem Testament, krallte die vielfachen Siegel wieder auf und jagte die Worte darunter: „Ich habe den Herzog von Enghien verhaften und vor Gericht stellen lassen, weil dieser Prozeß notwendig war ..." Unendlich lang war das her — aber die sterbenden Augen sahen die Wahrheit: die »achgetragene Selbstbeschwichtigung enthüllt seine Qual um verübtes Unrecht allein.
Doch dies ist nur em Gleichnis—vor so tragischem Schuldigwerden sind die meisten von uns dadurch bewahrt, daß sie machtloser sind. Aber ob das scheinbar geringere Unrecht, das einer von uns an Frieden und Freiheit, an Ehre und Wohlsein des Anderen wagt (sei dies in der Ehe, im Verhältnis zu den Eltern und Freunden, sei es im Gebrauch gesetzter Befugnis) — ob es den brechenden Augen
wirklich geringer sich darstellt als jenem Kaiser sein Mord? Ich glaube das nicht — denn das Höchste, was jeder für sich an Gutem oder Ueblem zu vollbringen vermag, ist auch der einzige Maßstab, mit dem sich selber zu messen ihm ansteht; ja vielleicht ist irgend ein zehrendes Quälen, das wir durch Jahre über einen der sich nicht wehren konnte oder mochte, verhängten, ärger vor dem echten Gewissen, als ein Verbrechen, das in einer Verhängnisstunde begann und zu Ende ging.
Doch was suchen wir nach schlechteren Worten, wo dies längst mit besseren gesagt ist? Die weise süße Stimme des Lieblingsjüngers Johannes ertöne uns zu diesem Totenfest:
„Wer da sagt, er sei im Licht, und hasset seinen Bruder, der ist noch in Finsternis. Er ist in Finsternis und wandelt in Finsternis — und weiß nicht, wo er hingehet."
Oer Führer beim Gigli-Konzert in Berlin
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Am Bußtag gab der berühmte italienische Tenor Benjamino G i g l i in Berlin ein Konzert, dem auch der Führer beiwohnte. — (Scherl-Bilderdienst-M.)
Gesang in den Schären.
Erzählung von Ehristian Ienssen.
Kord, unser schweigsamer Nordlandfahrer, schaute versonnen durchs Fenster des Kaffeehauses, in dem wir drei Freunde uns von Zeit zu Zeit trafen. Zwei glückliche junge Ehemänner — Kord und ich — und ein verbissener Junggeselle —- Jürgen —, das gab nicht immer einen harmonischen' Dreiklang. Jürgen hatte eine geradezu herausfordernd geringe Meinung von den Frauen. Zweifellos lag ihr eine bittere Erfahrung zu Grunde; aber es machte ihm auch Spaß, sie um so unverblümter zu äußern, je mehr er uns damit in Harnisch brachte. Als mir nun heute unglücklicherweise ein leichter Eheseufzer entfuhr, hakte er sogleich boshaft ein: „Ja, ja, fo sind die Frauen überhaupt: feige, untertänig, auf ungestörte Freude versessen, und wenn einmal alles nicht ganz glatt abgeht, lassen sie gleich die Flügel hängen."
Da erwachte denn doch jäh mein eheliches Gewissen. Hatte ich nicht eine Frau, die gegen den Willen ihrer Eltern mir tapfer ins Ungewisse gefolgt war und die niemals, auch wenn einmal
Matthäi am letzten war, den Mut sinken ließ? Vor allem aber dachte ich an Kords Frau, die ihm und sich selbst mit wunderbarer Seelenkraft über das schwere Schicksal hinweghalf, daß ihr nach einer an den Rand des Lebens führenden Erkrankung Kinder versagt blieben, und die nun einen tüchtigen kleinen Adoptivsohn großzog. So war ich mit Jürgen heftig aneinandergeraten. Es war ja ein Leichtes, ihn mit den großen Heldinnen, Forscherinnen und Helferinnen der Weltgeschichte ins Unrecht zu setzen. Doch bleibt einem gerade dann, wenn man eine unangreifbare Ueberlegenheit ausgenutzt hat, leicht ein bitterer Nachgeschmack auf Der Zunge. So kam unsere Auseinandersetzung in ein ungemütliches Stocken.
Kord hatte sich bisher mit keinem Wort an ihr beteiligt. Während wir nun gleich ihm durchs Fenster hinausblickten, hob er sachte seine Kaffeetasse und fragte uns nach einem Schluck unvermittelt: „Habe ich euch schon einmal von der Mutter meines Jungen erzählt?" Wir schüttelten den Kopf, ich er
wartungsvoll, Jürgen mit der gewohnten Zweifel« sucht in den Mienen. Wir wußten nichts weiter, als daß Kord den Adoptivsohn vor zwei Jahren aus Schweden geholt hatte. Das nahm uns damals nicht wunder; denn Kord war, feit ich ihn kannte, ein begeisterter Freund des Nordens gewesen. Ruhig zündete er sich eine Zigarre an, betrachtete sie einige Augenblicke und begann dann, wieder aufs Fenster starrend, zu erzählen:
„Im Februar 1929 — ihr erinnert euch vielleicht des strengen Winters — schiffte ich mich in Finnland als einziger Fahrgast auf einem kleinen schwedischen Holzsrachtdampfer ein, um über Schweden die Rückreise anzutreten. Mit dem Sohn des Kapitäns Norberg, der mit zu der nun siebenköpfigen Mannschaft des Vaters gehörte, hatte ich mich in Helfingfors angefreundet, und der Alte hatte mir gegen ein geringes Entgelt die Mitfahrt aeftattet, nicht ohne mich pflichtgemäß auf die Gefahren der um diese Jahreszeit besonders tückischen Witterung aufmerksam zu machen. Ich vertraute indes meinem guten Stern und freute mich auf eine rechte Seefahrt in kleiner wetterfester Gesellschaft, zu der übrigens auch eine Frau gehörte, ein Mädchen in den ersten zwanziger Jahren. Es war die Köchin und Schiffsaufwärterin Elin Pihlava, und Norberg, der ihr anscheinend zugetan war, hatte mir erzählt, daß sie ein Kind in Stockholm habe, für das sie mit unerschütterlichem Frohsinn den schwierigen Dienst verrichte.
Wir waren kaum einen Tag auf hoher See, als ein gewaltiges Unwetter losbrach, einer jener furchtbaren nordischen Winterstürme, die den seltenen Schiffsgast so schreckensvoll betäuben, daß er nicht einmal in der Erinnerung eine annähernde Vorstellung davon bewahrt. Alle Teile des Schiffes bedeckten sich im Nu mit Eis, es tobte und krachte mörderlich rings um uns, und es kam mir vor, als werde das Schiff unaufhörlich in tiefe Strudel gerissen. Vater und Sohn Norberg wechselten sich am Steuer ab und hielten den höllisch entfesselten Elementen mit einer schier übermenschlichen Ausdauer stand. Bis dann auch ihr Werk vergeblich wurde: das Steuer brach, wir wurden von einem anscheinend erbarmungslosen Schicksal in die Schären von Västervik abgetrieben, und wir mußten jeden Augenblick darauf gefaßt sein, daß das Schiff an einer Klippe zerschellte. Nur eine Rettung war überhaupt noch denkbar: sich auf einer der Schären zu bergen. Vater Norberg besann sich nicht lange; mit seltsam beklemmender Entschiedenheit erklärte er dem Sohn, der ihm zuvorkommen wollte, er, der Kapitän, sei der bessere Schwimmer, band die Leine um und stürzte sich in die eiskalte See. Es gelang ihm, mit unvorstellbarer Anstrengung, auf dem nächsten Riff Fuß zu fassen und die Leine zu befestigen. So erreichen wir an der Leine nacheinander die Insel, zuerst Elin Pihlava, dann ich, dann die anderen, zuletzt der junge Norberg. Er hatte sich die Taschen seines Lederzeugs mit Proviant vollgestopft.
Gerettet? fragten wir uns. Das Schicksal schien unser zu spotten. Die Insel maß etwa 300 Meter im längsten Durchmesser und war völlig mit verharschtem Schnee bedeckt. Nichts anders ragte hervor, als ein einsamer grauer Steinblock und in einiger Entfernung davon ein einzelner Wacholderstrauch. Wenn wir nicht erfrieren wollten, mußten wir uns rastlos bewegen, und so bildeten Stein und Busch die natürlichen Ziele einer Wanderung, die mit dem Hin- und Herlausen wilder Tiere inj Käfig vergleichbar war und deren Ende wir nicht fähig waren auszudenken. Der Sturm chatte sich etwas gelegt, aber die Kälte drang durch Mark und Bein. Besonders elend stand es um Vater Nor-
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Dies ist, nach „Vergißmeinnicht" und „Ave Maria", L'er dritte Gigli - Film in Deutschland, diesmal von der Bavaria gedreht, die den berühmten Italiener, rote der unschöne Fachausdruck lautet, „ganz groß" herausstellte. Wieder hat man Gelegenheit, seine erstaunliche Stimme auf sich wirken zu lassen — deutsch und italienisch, man hört ganze Partien aus „Aida", aus „Manon Lescaut" (vom Münchener Staatstheater übertragen), man hört — vielleicht der unmittelbarste Gesangseindruck — das berühmte „Santa Lucia", das G i g l i natürlich besonders liegen mußte, und das Lied „Tu sei la vita mia", das Dem Film den deutschen Namen gegeben hat. Aber es ist, bei aller Bewunderung, doch zu überlegen, ob man hier nicht des Guten etwas zu viel getan hat: ein Film, auch ein Gesangsfilm ist eben keine Oper und kein Konzert; es gehört, außer einer Kette von Arien und Liedern, noch etwas mehr dazu. Das Drehbuch stammt von Walter Wassermann und C. H. D i l l e r, und man muß staunen, wie vollkommen sie es auf den berühmten Star zugeschnitten haben; es gibt da schlechterdings keine Situation, in der er nicht ganz improvisiert zu fingen vermöchte. Es ist wie in der Oper, und in der Tat spielen ja auch große Parken des Films auf und hinter der Bühne, aber dieser illusionistische Stil steht in einigem Widerspruch zu der stellenweise ganz realistischen Handlung. Der große Tenor hat als junger Anfänger seinem Lehrer die von der Naturstimme des Italieners bezauberte Frau genommen; jener hat „aus Rache" ihr einziges Kind mit sich nach Amerika genommen. Die von der Mutter verzweifelt gesuchte Tochter taucht schließlich als kleines Ballettmadel an der gleichen Bühne wieder auf, wo der berühmte Meister für einen verhinderten Tenor in „Manon Lescaut" eingesprungen ist und alsbald auf der Bühne Triumphe feiert. Sein früherer Lehrer, der in Amerika sehr heruntergekommen ist, hat nach seiner Rückkehr eine kleine Inspizientenstelle an der nämlichen Oper angenommen, um dort, unerkannt, seiner Tochter nahe zu sein, die er damals hat adoptieren lassen. Mit einer Erkennungs- fzene, einem großen Verzicht und der Wiedervereinigung von Mutter und Tochter schließt der Film. Die Spielleitung von Earl Heinz M a r t i n hat keine Mühe und keine Kosten gescheut, um den Austritten Giglis den nötigen Rahmen zu schaffen; er stellt sogar einen deutschen Tenor, um ihn alsbald von Gigli überstrahlen zu lassen, und stellt
ihm auch ein Double für die Liebesszene vor fünfzehn Jahren. (Dieser Ersatzmann scheint übrigens nicht allen Ansprüchen genügt zu haben, denn er muß die ganze Szene „ohne Gesicht" spielen, mit dem Rücken gegen das Publikum.) Als Partnerin hat Gigli diesmal eine Landsmännin, Isa M i - randa, eine interessante Erscheinung, die in manchen Augenblicken ein wenig an die Garbo erinnert; sie hat als Bianca, die Mutter, und Mary, die Tochter, sogar eine Doppelrolle, aber eigentlich nur ganz im Anfang eine Szene, die wirklich zu spielen war und darstellerische Fähigkeiten erforderte. Auch sonst ist der Film, schauspielerisch gesehen, nicht besonders ergiebig. Josef Sieber gibt den Gesangslehrer und betrogenen Ehemann als einen finsteren Außenseiter, Gustav Waldau, scharmant und heiter wie immer, den Impresario. Sonst sind in kleineren Aufgaben noch Eric H e l g a r, Annie Markart, Joe Stoeckel, Meyerinck und Valentins Münchener Partnerin Lisi Karlstadt zu nennen. Dom Staatstheater München: Hildegard Ranczak, Maria Cornelius und Ludwig Weber. — Musik und musikalische Leitung: Dr. Giuseppe B e c c e.
Im Beiprogramm sieht man schöne Aufnahmen von einer Fahrt durchs Mittelmeer. Die Wochenschau bringt u. a. einen großen Bildbericht von den Feiern am 9. November in München hth.
Malta einst und seht
Em Heilebrief von Or. Hritr Zessel
Malta ist zweifellos eine der interessantesten Inseln des Mittelmeeres. Seine strategische Lage ist in allen Jahrhunderten von der größten Bedeutung gewesen. Nicht umsonst haben die Völker des Morgen- und Abendlandes dieses Eiland so heftig um- kämpft.
Die ersten Bewohner waren vermutlich die Phönizier. Allem Anschein nach haben dann die Griechen bei ihrer Kolonisation des Mittelmeeres von dieser Insel Besitz ergriffen. Sie wurden um 550 von den Karthagern abgelöst, als diese im Begriff waren, ihre Mittelmeerherrschaft aufzurichten In der großen Auseinandersetzung zwischen Rom und Karthago eroberten die Römer diese für sie wichtige Insel und behaupteten sie bis zum Jahre 870 nach Christus. Dann folgte die Sturmwelle der Araber, van der Südeuropa betroffen wurde. Diese waren 200 Jahre die Herren des Landes, bis sie 1090 von dem Normannenherzog Roger besiegt wurden.
Als der Ritterorden der Johanniter auf Rhodos
den vordringenden Türken nicht länger standhalten konnte, räumte Kaiser Karl V. dem Orden die Maltagruppe ein Am 26. Oktober 1530 landete hier der Großmeister mit seinen Rittern und 4000 Ausgewiesenen. Malta wurde im 16. Jahrhundert zum Bollwerk gegen den türkischen Halbmond. Jeder Großmeister begründete seinen Ruhm darauf, daß er die Befestigungen mehr und mehr ausbaute. 268 Jahre vermochten die Johanniter sich auf dieser Insel zu halten. Das Schicksal wollte es, daß der erste deutsche Großmeister, Ferdinand von Hompesch, zugleich der letzte des Ordens war.
Im Verlaufe der letzten Jahrzehnte ihres selbständigen Dasems waren diese einst so stolzen und traditionsbewußten Ritter stark degeneriert. Ebenso wie der Deutsche Ritterorden vor mehreren Jahrhunderten ergaben auch die Johanniter sich dem Trunk und dem Spiel, nachdem sie den eigentlichen Inhalt ihrer Lebensaufgabe verloren hatten. Ferdinand von Hompesch hatte ein schweres Erbe angetreten, da viele seiner Ritter mit dem Keim der französischen Revolution infiziert waren. Als Bonaparte auf seinem Wege nach Aegypten mit einer Flotte von 41 Schissen vor Malta erschien, gelangte die Insel durch Verrat in seine Hände, allerdings ohne daß der Großmeister seine Unterschrift zur Uebergabe gegeben hatte. Da Bonaparte in Geldverlegenheit war, wurden viele Edelsteine mitgenommen. Gold und Silber zu Barren eingeschmolzen und auf sein Flaggschiff „Orient" gebracht. Der Franzose sollte sich dieses Raubes aber nicht lange erfreuen. Das Flaggschiff wurde samt den großen Schätzen in der Schlacht bei Abukir, wo die französische Flotte von Nelson vernichtend geschlagen wurde, versenkt. Noch heute ruht dieses Gold auf dem Meeresboden.
Der nächste Besitzer dieser Insel war England. Die Franzosen wurden ausgehungert und mußten sich im September des Jahres 1800 ergeben. Für die Engländer ist Malta ein wichtiger Stützpunkt auf ihrem Wege nach Indien. Im Jahre 1801 bestimmte das Londoner Parlament, daß Malta fortan nicht mehr zu Afrika, sondern zu Europa gehören sollte
Im 19 Jahrhundert hatte Malta seine große strategische Bedeutung. Es war nicht nur ein wichtiger Stützpunkt auf dem Wege durch das Mittelmeer, sondern auch eine willkommene Station, um Kohlen einzunehmen. Darum hat England auch die Befestigungen des Hafens erneuert. Aber heute? Die ^ugroaffe ift in diesem nnhrhunh<*rt immer mehr in den Vordergrund gerückt. Einst als uneinnehmbar geltende Punkte haben ihren Wert verloren. In diesem Jahre veranstaltete die englische
Admiralität ein großes Luftmanöver, sicherlich in Anlehnung an das gespannte Verhältnis zwischen Großbritannien und Italien infolge des Abessinien- Krieges. Es konnte kein einziges Kriegsschiff im Hafen bleiben, wenn es nicht Gefahr laufen wollte, von Bombenflugzeugen versenkt zu werden. Die englische Admiralität kam zu der Erkenntnis, daß man die Meeresstraße zwischen Sizilien und Nordafrika im Kriegsfälle nicht mehr offen halten könnte, da der Flugweg von beiden Küsten aus außerordentlich kurz sei. Die prächtigen Naturhäfen von La Valetta sind für heutige Begriffe ausgesprochene Mausefallen.
Nähert man sich der Insel mit dem Schiss, so erkennt man fünf Inseln, von denen Malta die größte ist. Es sind Karsthochflächen, die einsam aus dem Meere hervorragen. Man hat von fern den Eindruck, als ob diese Inseln ohne jede Vegetation seien, da Bäume wegen der häufigen Stürme nicht frei wachsen können. Die Insel kann ihre Einwohner (200 000, dazu 1100 Mann englisches Militär) auch nicht allein ernähren. Obgleich hier Korn, Kartoffeln, Baumwolle und Gemüse wachsen, ist doch eine große Einfuhr nötig. Felder und Gärten, die dem Boden in saurer Arbeit abgerungen sind, müssen der Sturmgefahr wegen mit höhen Mauern umgeben werden. Hinzu kommt, daß ein großer Teil der Insel in Händen der Kirche ist und die Bevölkerung somit keine Möglichkeit hat, sich aus- zudehnen. Viele haben schon zum Wanderstab greifen müssen, weil für sie fein Brot vorhanden war. Aber diese Ausgewanderten hängen mit großer Liebe an der oben Scholle ihres Geburtslandes und senden Geld aus der Fremde, um den Zurückgebliebenen das Los zu erleichtern
Die Bevölkerung ist streng katholisch und nimmt es mit ihrem Glauben sehr ernst. Prunkvolle Kirchen zeugen von ihrer Ehrfurcht Die Kleidung der Einwohner hat sich ganz den europäischen Verhältnissen angepaßt Von der alten Volkstracht finden wir nur noch die Faldetta vor. Sie bildet den Schmuck vieler Frauen. Es ist ein großer schwarzer Ueberwurf mit einer gesteiften Kapuze, die gegen den starken Wind schützen soll — Die frühere Sprache der Eingeborenen m-'irhf nnfl^mm ib von der der Kulturnationen. Sie hat keine Schrift- svrache entwickelt Im Jahre 1790 hat ein Landesfremder den ersten Versuch unternommen, eine Grammatik der maltesischen Sprache >u verfassen. Erst zur Zeit der englischen Herrsch-iss tmirhori B"ich"r ’n m^t-sircher Sprache gebri1 "l ^eut?' d ch scheint die Sprache langsam auszusterben. Jeder Eingeborene ist nämlich gezwungen, vom 9. Lebensjahre an in der Schule Englisch zu lernen.


