Nr. 247 Dritter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)
Mittwoch. 2l. Oktober 1936
Aus der Provinzialhauptstadt.
Der „Dickwurzkopp".
Eine der letzten Erntearbeiten vor Anbruch der kalten Jahreszeit ist das Einholen der Runkelrüben oder, wie es auf dem Lande heißt, der Dickwurz. Wagen auf Wagen mit diesen gelben und roten, dicken und dünnen, runden und länglichen Feld- früchten rollt vom Acker hinein ins Dorf. Buben und Madels legen beim Auf- und Abladen tüchtig mit Hand an. Drei, vier und mehr Helfer sitzen auf dem vor dem Kellerfenster angefahrenen Wagen und „schlbbeln mit wahrer Lust eine Dickwurz nach der anderen über den „Lauf" (Laufbrett) in den dunklen Keller hinunter. Von nichts anderem reden sie als von ihrem „Dickwurzkopp".
Längst schon liegt eine der Runkelrüben für ihn auf der Seite, eine schöne, rote. Und ist dann die Arbeit getan, so sieht man die Kinderschar auf irgend einem Hof in geheimnisvoller Tätigkeit. Der auserwählten Dickwurz wird an ihrem oberen Ende das „Deckelchen", eine fingerdicke Scheibe, mit einem Messer abgeschnitten. Dann geht es ans Aushöhlen. Hei, wie die Brocken und Stückchen fliegen! Richt schnell genug können die Hühner zupicken, oder aber die Geiß oder die Kuh kriegt das zarte, saftige Fruchtfleisch.
Ist die Höhlung groß genug, so kommt die Hauptsache: Eine „Fratze" wird eingeschnitten, ein Gesicht. Mit mehr oder weniger Phantasie, mit gutem oder weniger gutem Geschick entstehen zwei Schlitzaugen, eine meist dreieckige Rase und ein breiter Münd, dem zuweilen kunstgerecht modellierte Zähne ein fürchterlich grinsendes Aussehen verleihen. Zuletzt findet ein von letzter Weihnacht her eigens für diesen Zweck sorgfältig bewahrtes Wachskerzenstümp- chen seine befestigte Stellung im hohlen Kopf. Run noch das Deckelchen, gehalten von Dornen oder Nägeln, drauf, und das Ganze kommt auf einen Besenstiel oder eine Stange zu thronen.
Langsam, nur langsam verstreichen den Kindern die letzten Tagesstunden. Doch endlich ist es soweit: Die Dämmerung hat sich übers Dorf gesenkt. Die Straßen sind ruhig geworden. Jetzt! Schnell — ehe die ersten Lichter in den Stuben aufflammen — das Kerzlein im hohlen Rübenschädel entzündet und hinaus, der Fensterfront der Häuser entlang. Wie in der Luft schwebend, hin und her, rauf und runter, tanzen die leuchtenden „Dickwurzköpp". Ganz gespen- sterhaft sieht das aus. Dort huschen sie am Fenster vorbei, einem andern schauen sie hinein, verschwinden, tauchen wieder auf, Hüpfen zum Fenster um die Hausecke. Schauerlich grinsen sie in dunkle Stuben. Welch ein Schreck für die Kleinen dort! Auch die Großen packt einen Augnblick das Gruseln, aber dann lachen sie in Erinnerung an eigene Jugendzeit mit diesem Ulk.
Mitunter steht auch so ein leuchtender „Dickwurz- kopp" den ganzen Abend über dem Hoftor oder vor dem Fenster und stiert durch herbstliche Nebelschleier, die an i7-m vorüberziehen, in seiner unheimlichen Maske auf die Gasse, bis schließlich sein Licht erlöscht. P.
Vornotizen.
Tageskalender für Mittwoch.
NS.-Lehrerbund, Kreis Gießen, Fachschaft „Körperliche Erziehung", Arbeitsgemeinschaft für Mädchenturnen, 16 Uhr, in der Neuen Pestalozzischule. — Winterkampfspiele 1936, Besprechung der Bezirksspielwarte vor dem Kurzlehrgang, 14.30 Uhr, in der Neuen Pestalozzischule. — Stadttheater, 19,30 bis 22.15 Uhr „Ein idealer Gatte". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Moskau—Schanghai" — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Standschütze Bruggler".
Stadttheater Gießen.
Heute abend findet die erste Wiederholung des Gesellschaftsstückes „Ein idealer Gatte", Schauspiel von Oscar Wilde, statt. Spielleitung: Wolfgang Kühne. Anfang 19.30 Uhr, Ende 22 15 Uhr. Die Vorstellung findet als 5. Vorstellung der Mittwoch-Miete statt.
Hitler-Zuqend.
Dann 116.
Morgen, Donnerstag abend, 20.15 Uhr, findet im Bannheim, Wartweg 19, eine wichtige Bann-Stabssitzung statt, zu der alle Stellenleiter und Mitarbeiter im Bann zu erscheinen haben. Es wird in Uniform angetreten.
Unsere Pimpfe sammeln Brot!
Ende dieser Woche ist es wieder so weit, daß unsere Jüngsten, die Pimpfe des Deutschen Jungvolks in der HI., ihre ganze jugendliche Begeisterung und ihren größten Tatendrang in den Dienst des Winterhilfswerks stellen. Sie sammeln, wie in den Vorjahren, Brot! —
Brot für die Volksgenossen, für die selbst dieses erste Nahrungsmittel bei der Beschränktheit ihrer Mittel und oft bei der Zahl der hungrigen Mäuler am Familientisch noch knapp und teuer ist.
Die kleinen schwarzen Kerle, unsere Pimpfe, die selbst wissen, wie gut das tut, sich mal an Stullen so richtig rund satt zu essen, wollen da helfen und unsere Volksgemeinschaft wieder einmal auf die Probe stellen.
Wer wird da versagen?! Wer wird da dem Pimpf die Tür nicht öffnen und ihm verweigern, worum er für die Brüder und Schwestern bittet? — Keiner!
Darum, deutsche Hausfrau, deutsche Mutter, dich geht es diesmal besonders an, gib am kommenden Freilagnachmittag, gib am Samstag früh den sammelnden Pfimpfen Brot!
Die Durchführung dieser Sammlung im Gebiet des Kreises Wetterau ist grundsätzlich dieselbe, wie
im Vorjahre. Aber während in den ländlichen Gemeinden wieder das Brot selbst gesammelt wird und jeder Volksgenosse für jeden gespendeten Laib Brot eine Plakette von dem sammelnden Pimpf erhält, ist in diesem Jahr
in den Städten Gießen, Friedberg, Bad-Rau- heim und Buhbach erstmalig ein Gutschein- system eingeführt.
Die Bäckereien, die Verkaufsstellen und die Verbrauchergenossenschaften dieser Städte haben Brot- spenden-Quittungen vorrätig, die zum Tagespreis für das 2-kA-Roggenbrot von den Bäckern an die Bevölkerung dieser Städte abgegeben werden. Diese Gutscheine sammeln in Gießen, Friedberg, Bad- Nauheim und Butzbach am Freitag und Samstag die Pimpfe gegen Rückgabe einer Türplakette für jeden Gutschein ein. Die Gutscheine selbst werden von den NS.-Dienststellen des WHW. zusammengezogen und die Brote von den Stadtbäckern geschlossen abgeholt — das ist bei den Tausenden von Broten einfacher und hygienischer.
Darum versorge sich jeder auf dem Land mit Brot und -in den Städten Gießen, Friedberg, Bad-Rauheim und Buhbach mit einer Brot- spenden-Quittung.
Wettbewerb für die Unfallverhütung.
NSG. Im Rahmen der Unfallverhütungsaktion der Reichsbetriebsgemeinschaft „Eisen und Metall" wird ein Betriebs- und Reichswettbewerb durchgeführt, der den Zweck hat, das Interesse der Gefolgschaftsmitglieder der beteiligten Betriebe zu wecken und zu erhöhen Dieses Preisausschreiben wird in dem Aufruf an die Gefolgschaft mit Angabe der ausgesetzten Preise und der gewünschten Vorschläge verkündet Als Preise sind KdF -Fahrten, Geschenke in Gestalt von Büchern, Werkzeugen und Geldpreise vorgesehen.
Die praktischen Vorschläge für die Abstellung auf allen Gebieten der Unfallverhütung werden schriftlich niedergelegt, und dem Vertrauensrat mit Angabe des Stichwortes „Wettbewerb für Unfallverhütung" eingereicht. Es kommt darauf an, praktische und gute Vorschläge für alle Lebenslagen, in denen der Unfallteufel fein Spiel treiben kann, zu machen
Die von der Gefolgschaft eingereichten Vorschläge werden unter Leitung des Betriebsführers von einem für diesen Zweck eingesetzten Prüfungsausschuß geprüft, die besten Vorschläge ermittelt und die Preisträger am Tage des Schlußappells für die Großaktion der Reichsbetriebsgemeinschaft „Eisen und Metall" bekanntgegeben Besonders gute Vorschläge die über den Rahmen des Betriebes hinaus von grundsätzlicher Bedeutung sind, werden durch den Betriebsführer der zuständigen Gaubetriebsgemeinschaft „Eisen und Metall" mit dem Stichwort „Reichswettbewerb für Unfallverhütung" weitergegeben
Zur Teilnahme an dem Wettbewerb ist jedes Gefolgschaftsmitglied berechtigt. Ausgeschlossen sind die Mitglieder des Betriebsprüfungsausschusses, die hauptamtlichen DAF.-Obmänner und die Mitglie
der der Gau- und Reichsprüfungsausschüsse für den Reichswettbewerb. Letzter Termin für die Einreichung der Vorschläge in den Betrieben ist der 15. Dezember 1936
toeine’ZirDeitsrraTt t|t uni er Reichtum. (Aufnahme: Presseamt DAF.)
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Amt für Äolkswohlsahrt
Ortsgruppe Gießen-Nord.
Lebensmiltelopferring.
Am Donnerstag, 22., und Freitag, 23. d. M., wird die Pfundsammlung durchgeführt.
Die Mitglieder werden gebeten, die Pfundpäckchen bereitzuhalten und die Mitgliedskarte zur Eintragung vorzulegen.
Die Päckchen find inhaltlich durch eine klare Aufschrift kenntlich zu machen. Es wird darauf hingewiesen, daß die Pfundsammlung im Winterhalbjahr bei allen Volksgenossen, also nicht nur bei den Mitgliedern des Lebensmittelopferringes, durchgeführt wird!
Deutsche Arbeitsfront.
RS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude". Abteilung Deutsches Volksbildungswerk.
Am Freitag, 23. Oktober, 20.30 Uhr, findet d i e Eröffnung des V o l k s b i l d u n g s w e r k e s 1 9 3 6 / 37 in der Aula des Gymnasiums statt. Es sprechen Kreisleiter Pg. Dr. Hildebrandt und Gauhauptstellenleiter Pg. Handwerk (Frankfurt am Main). Eintritt frei. Alle Parteigenossen und Volksgenossen sind hierzu eingeladen.
Prof. Bechtel spricht am Donnerstag, 22. Okt., 20.15 Uhr, im kunstwissenschaftlichen Institut (Lud- wigstraße 34) über: „5R au m fragen im Lahn- t a l" mit Lichtbildern. Eintritt frei.
Montag, 26. Oktober, 20 Uhr, im Stadtthater, Kundgebung aus Anlaß der „W oche des Deut
schen Buckes", veranstaltet vom Goethebund. Karten 30 Pfennig im Vorverkauf nur im Musik» Haus Challier.
Radwanderung.
Arn Sonntag, 25. Oktober, wird eine Radwanderung über Butzbach — durch das Siebenmühlental — nach Braunfels und zurück nach Gießen durchgeführt. Die Abfahrt erfolgt vünktlich um 8 Uhr Frankfurter Straße — Ecke Liebigftraße. Rucksackverpflegung. Führung: Wanderwa'rt Richter.
Das Betreten der Militärschietzstände ist verboten.
Der Standortälteste der Garnison Gießen teilt uns folgendes mit:
Es wird darauf hingewiefen, daß das Betreten der Militärfchießstände und das Sammeln von Ge- fchoßblei strengstens verboten ist. Uebertretungen werden unnachsichtlich zur Anzeige gebracht.
Dank an die Spender.
In der Geschäftsstelle des „Gießener Anzeigers" hatten wir eine Sammelliste für Opferspenden zur Unterstützung Hilfsbedürftiger deutscher Flüchtlinge aus Spanien aufgelegt. Die bisher gezeichneten Beträge haben wir dieser Tage dem Hilfsausschuß für die Spanien-Deutschen in der Leitung der Auslands-Organisation der NSDAP, in Berlin zugesandt. Daraufhin ist uns von dieser Zentralstelle ein Schreiben zugegangen, in dem allen Spendern herzlicher Dank für ihre opferwillige Teilnahme an dem Schicksal der aus Spanien geflüchteten deutschen Volksgenossen ausgesprochen wird.
Großkundgebung zur„Woche desDeutschenBuches1936" in Gießen.
Vom Goechebund wird uns geschrieben: Zum vierten Male begeht das deutsche Volk die „Woche des Deutschen Buches". Am kommenden Sonntagvormittag wird Reichsminister Dr. Goebbels in einer Großkundgebung der Reichsschrifttumskammer in der Weimarhalle zu Weimar die deutsche Buchwoche 1936 eröffnen. In zahlreichen deutschen Städten werden deutsche Dichter aus ihren Werken lesen und zu unserem Volke sprechen. In 70 deutschen Städten werden große Buchausstellungen den Volksgenossen lebendige Anschauung über den Stand des deutschen Buches vermitteln. Elf Millionen Aus- wahlverzeichniffe werden zur Verteilung kommen, um den deutschen Volksgenossen den Weg zum guten deutschen Buch zu weisen.
Diese Tage mit Büchern sind Tage mit der Seele des Volkes, sind Tage innerer Besinnung und frohen Bekenntnisses zu den geistigen Gütern unseres Volkes.
Auch in unserer Stadt wird am kommenden Montag, um 20 Uhr, im Stadttheater eine Großkundgebung stattfinden, zu der der Oberbürgermeister der Stadt Gießen, der Goethe-Bund und Kaufmännische Verein, sowie der örtliche Arbeitsausschuß zur Buchwoche alle Volksgenossen unserer Stadt einladen.
Nach Eröffnungsworten des Herrn Oberbürgermeisters werden die beiden hervorragenden aus- landsdeutfchen Dichter Robert Hohlbaum und Josef Weinheber aus eigenen Werken lesen. Die Wahl gerade dieser beiden Dichter hat eine besondere sinnfällige Bedeutung: Zur „Woche des deutschen Buches" gehen namhafte deutsche Dichter hinaus zu unseren deutschen Volksgenossen im Ausland. Wir rufen dafür unsere auslandsdeutschen Dichter zu uns ins Reich. Vielfach lebt Oesterreich
<S/z (cfuveWt Tag !
Sie wollen aber ftisch und be- weglich bleiben? Da wäre ein Glas Schaumwein ge- rade richtig. Das macht nicht müde, sondern munter! —
SCHAUMWEIN
vcingt frctisinn!
WImihW
vornan von Zlse Schuster.
Copyright 1936 by Aufwärts - Verlag G. rn. b. H., Berlin SW 68
29. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
14. Kapitel.
Das Aepfelchen ist ganz aufgeregt über den vielen Besuch am Vormittag, bi e ist, wahrend Frau Melanie Brandes bei ihr sitzt, mit einem Ohr immer draußen im Laden, muß auch immer wieder hinaus, weil die kleine Erna natürlich memfl Ahnunq Hai und fragen muß. Die Sängerin hat sie mit ihrer Aufregung schwer angesteckt, und am liebsten heulte sie mit, was sie aber der Kunden wegen nicht kann, Frau Melanie ist wirklich der Meinung, daß Hanna ihrem Vater die Ehe Nicht verzeihen kann. Nichts habe ihr ferner gelegen, als»sie aus ihrem Vaterhaus zu Vertreibern sie wäre glücklich, mit Hanna, die sie sehr schaße, freundschaftlich verbunden zu sein, ehe das Aepfelchen dazu kommt, das zu sagen, was sie weiß, stehen Hannas Vater und Laverenz m-Laden Mit einer schüchternen Handbewegung bittet sie ihre seltenen Besucher in ihr kleines altmodisches ^Jch^habe keine Ruhe, Herbert," sagt Melanie Brandes und geht auf ihren Mann zu. Er halt
^„V^lleich/^ wissen Sie etwas me^r als wir, Fräulein Gottschalk. Hanna joar doch öfters bei Ihnen, um Ihnen zu helfen/
„Oesters bei mir? Sie war von früh bis abends hier, Herr Doktor. Mir war es selber mch reckt, aber ich kam gegen ihren Willen ia nicht auf," sagte Liesel kleinlaut.
„Was hat sie denn in der Hauptsache gemacht? , will Paul Laverenz wissen.
„Was ich auch tue. Früh Milch und Brötchen ausgetragen und tagsüber im Laden verkauft, sagt jetzt Liefet Gottschalk, und nun liegt fast Auflehnung in ihrer hellen Stimme. Sie begegnet auch den erstaunten Blicken der drei Menschen sehr tapfer. „Sie hat mir versichert, arbeiten zu wollen; Herr Laverenz habe ihr in seinem Verlag
keinen geeigneten Posten verschaffen können, da alles besetzt sei, und er niemand ums Brot bringen wollte.
Ich glaube ja auch nicht, daß es Hanna auf Geldoerdienen ankam, sie wollte nur arbeiten, um die Zeit totzuschlagen, die sie herumsitzen mußte, das kann ich verstehen, das kann jeder verstehen, der arbeitet. Es war sehr anständig von ihr, daß sie mir half, ich hatte im Anfang viel Not mit meinen Händen."
Liesel Gottschalk will weiter nichts, als sich vor die Freundin stellen, sie hat das Gefühl, daß man Hanna einen Vorwurf aus ihrer Hilfsbereitschaft machen will. Sie spricht lauter als sonst, aber trotzdem schwimmen ihre blauen Augen in Tränen. Melanie geht zu ihr hin und legt den Arm um sie.
„Das war auch sehr, sehr nett von Hanna, Liesel. Das finden wir alle. Keiner macht ihr oder Ihnen einen Vorwurf daraus. Wir haben doch nur Angst, was aus ihr geworden ist. Hat sie Ihnen denn gar nichts gesagt?"
„Nein, Frau Doktor. Nur den Brief hat sie mir geschrieben und hundert Mark geschickt. Hier ist das Geld auch, ich will es ja gar nicht. Ich habe mir früher keine Hilfe leisten können, warum sott es denn jetzt nicht auch ohne gehen, meine Hände sind ja auch wieder in Ordnung. Entschuldigen Sie bitte einen Augenblick, es ist jemand im Laden."
Sie läuft hinaus, die Drei sehen sich an, schweigen aber. Laverenz geht in dem kleinen Zimmer auf und ab und besieht sich dabei die Bilder an den Wänden. Dabei fällt ihm eine gerahmte Photographie auf. Ein größerer Bauernhof, Bäume ringsherum, Kleinvieh. Dann wendet er sich wieder ab. Herbert Brandes lieft noch immer an den paar Zeilen, die ihm Liesel gegeben hat. Er gäbe viel darum, wenn er seine Tochter jetzt hier hätte, um ihr ein gutes, stärkendes Wort zu sagen — sie hat nicht nur in letzter Zeit ein neues, fremdes Gesicht für ihn gehabt, sie ist überhaupt neu für ihn. Früh Milch für fremde Leute austragen, nur um zu helfen und zu arbeiten — das ist schon allerlei — es gehört eine Umstellung dazu, die er ihr nie zugetraut hätte —
Aber der Mann, John Herbing — er muß mehr wissen, vielleicht ist auch darin Liesel Gottschalk klüger als sie alle. ..
„War denn meine Tochter irgendwie verändert, als Sie sie zuletzt sahen?"
„Sie sah sehr schlecht aus und sagte nur, daß sie nicht habe schlafen können.
Es muß etwas mit diesem Herrn Herbing passiert sein, denn gestern kam Herr im Wolde noch hereingesaust, nur um zu sagen, daß er ihn getroffen habe, mit dem ist sie also nicht fort. Davor hatte ich die meiste Angst.
Wieder treffen sich die Blicke der Andern.
„Wer ist denn Herr im Wolde?" fragt Brandes.
„Der junge Mann aus der Leihbücherei, Hanna kennt ihn sehr gut."
„Kann man den jungen Mann mal sprechen? Vielleicht —"
„Er weiß gerade so wenig wie ich, Herr Doktor, aber daß er sich auch sorgt, habe ich gemerkt. Sie haben Hanna alle gern gehabt." Nun weint das Aepfelchen doch. „Fragen Sie doch Herrn Herbing, der wird es am besten wissen? Ich habe Hanna immer gesagt, sie soll die Finger davon lassen, das muß doch schief gehen!"
Brandes steht auf und greift nach seinem Hut, er hat hier zwar mancherlei erfahren, aber doch nicht das, was er wissen will: wo sich seine Tochter aufhält.
„Ich danke Ihnen vielmals, Fräulein Gottschalk, hier haben Sie die hundert Mark wieder, die Ihnen Hanna geschenkt hat, sie wäre sicher sehr gekränkt, wenn Sie sie nicht so verwenden, wie sie es sich gedacht hat. Nein, bitte. Wenn Sie etwas hören, rufen Sie uns sofort an, ich gebe Ihnen auch Nachricht, wenn Hanna mir schreiben sollte.
Wenn Sie einmal einen Rat brauchen, kommen Sie zu mir, besuchen Sie uns überhaupt öfter, Fräulein Gottschalk."
Dann will Brandes gehen, aber da fragt Paul Laverenz noch etwas, was ihn auch interessiert. Er zeigt auf das kleine Bild an der Wand.
„Darf man wissen, was das ist, Fräulein Liesel?"
„Das? Das ist unser Hof," sagt das Aepfelchen nicht ohne Stolz. Sie nimmt das Bild von der Wand und hält es Laverenz hin. „Ich bin dort groß geworden, Herr Laverenz. Ich kriege ja auch meine' Würste und Speckseiten noch von dort, sonst konnte ich das ja mit dem Laden gar nicht schaffen."
„Ach, so ist das?" Der Verleger ist auf einmal sehr interessiert. „Wer hat denn den Hof, Ihr Herr Vater wohl sicher?"
„Nein, mein Bruder; Vater ist tot."
„Sind Sie denn gern in die Stadt gegangen? Sie sehen mir gar nicht so aus," schaltet Brandes dazwischen, nur, um etwas zu sagen.
„Was sollte ich denn machen, Herr Doktor," saufzt das Aepfelchen. „Meine Schwägerin wird allein fertig damit, ich hätte sicher nur herumgestanden, und ehe ich mich übrig fühle oder gar mit ihnen ins Streiten komme — was doch passieren kann, sie macht so vieles anders, als ich es gewohnt war — bin ich lieber gegangen. Manchmal bange ich mich schon sehr nach den Wiesen und dem Viehzeug, die Wurst und der Schinken aus der Eigenräucherei sind doch ein recht schwacher Ersatz." Jetzt lacht das Liesel schon wieder ein wenig, sie ist glücklich, daß sie jemand nach daheim fragt, das war auch bei Hanna so fein gewesen, sie hat sich die Briese angehort, die Bruder und Schwägerin schrieben, und Verständnis für alles gezeigt, was mit dem Hof daheim zusammenhing. Da stehen nun der bekannte Anwalt und Verleger in ihrem bescheidenen Zimmerchen, beide haben sie eine kostbare Wohnung und sind wer — aber sie ist auch nicht irgendwer, sie ist die Tochter des Hofbesitzers Gottschalk, der zwanzig Stück Rindvieh, drei Gespanne und eine in der Gegend bekannte Schweinezucht hatte. Freilich sieht man das seiner Tochter, die nur einen kleinen Milchladen in der Augsburger Straße betreibt, nicht an. Sie muß es denn schon sagen, wenn es jemand wissen soll. Und diese Drei sollen es wissen.
Paul Laverenz macht große Augen, er ist ganz Aufmerksamkeit, sein Freund Herbert, der seine Schwäche kennt, lächelt, trotz des schweren Herzens, das er hat. Er winkt seiner Frau zu.
„Ich besuche Sie einmal wieder, Fräulein Gottschalk," sagt da Laverenz schnell und schließt sich den Freunden an. Man gibt sich die Hände, und Liesel muß noch einmal versprechen, bald in die Binger Straße zu kommen. Als sie draußen sind, sagt Brandes überzeugt:
„Ich danke meinem Schöpfer, daß Hanna wenigstens diese kleine, tapfere Liesel hier gefunden hat. Komm jetzt mit heim, Paul, ich habe keine Ruhe, wir müssen einen Weg finden, wenn es sein muß, über Herbing. Und jetzt will ich nochmal in die Leihbücherei und mir den Herrn im Wolde ansehen. Ich muß wissen, mit wem Hanna umget gangen ist."
(Fortsetzung folgt.)


