Nr. 69 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheßen)
Samstag, 2l.März (936
Die Stadt Gießen schafft Arbeit und Brot.
Segensreiche Auswirkung des Aufbauwerks des Führers.
Dem Befehl des Führers gemäß, alle Möglichkeiten zur Beschaffung von Arbeit und Brot in vollem Umfange nutzbar zu machen, hat auch die Gießener Stadtverwaltung von Beginn der Arbeitsschlacht an ihr besonderes Augenmerk darauf gerichtet, daß immer neue Arbeitsgelegenheiten erschlossen wurden. Die Durchführung dieses Planes hat bisher schon reiche Früchte gebracht. Auf der einen Seite ist es gelungen, vielen arbeitswilligen Männern wieder Brotstellen zu geben, auf der anderen Seite hat die Stadt als solche ganz erhebliche neue positive Werte erlangt. Wie die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen des Reiches in ihrem weiten Rahmen und die gleichen Bestrebungen unserer Stadtverwaltung sich unter anderem auch auf den Haushalt des Wohlfahrtsamtes in günstiger Weise ausgewirkt haben, ist daraus ersichtlich, daß der Zuschuß der Stadtkasse zu den Wohlfahrtslasten von 1290000 Mark im Jahre 1932 über 1 250 000 im Jahre 1933 bis auf 900 000 Mark für das Rechnungsjahr 1936 gesenkt werden konnte. Wenn man in dieser Hinsicht die Zeit seit der Machtübernahme durch den Führer betrachtet, so sieht man, daß der städtische Zuschuß zu den Wohlfahrtslasten von 1933 bis zum gegenwärtigen Haushaltsjahre, dank der Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, um rund 3 5 0 0 0 0 Mark ermäßigt werden konnte. Das ist vom finanziellen Standpunkt aus gesehen ein sehr stattliches Ergebnis, noch bedeutsamer aber ist es, wenn man sich die in dieser Ersparnis enthaltene seelische Wiederaufrichtung der zum Teil in jahrelanger Arbeitslosennot lebenden, deutschen Menschen
A l t st a d t. Die Durchführung dieses Planes wird endlich auch an dieser Stelle der Stadt zeitgemäße, gesunde Wohnungsverhältnisse schaffen und damit den dort wohnenden Volksgenossen einen sehr wertvollen Dienst erweisen. Dabei wird gleichzeitig die ebenfalls schon seit Jahren dringend notwendige Verbreiterung der Straße am Lindenplatz gegenüber der Stadtkirche geschaffen, die den Erfordernissen des modernen Verkehrswesens gerecht werden wird und die jetzige erhebliche Gefahrenquelle für die Straßenpassanten beseitigt. Von großer Bedeutung wird die Errichtung einer Viehauktionshalle aus dem Vieh markt platze sein, nicht nur wegen des damit in Angriff genommenen Ausbaues unseres Gießener Viehhofes, sondern auch im Hinblick auf die Zusammenfassung der Viehauktionen in Oberhessen in unserer Stadt. Durch diesen Plan eröffnen sich Perspektiven von weitreichender wirtschaftlicher Wirkung, die der Aufwärtsentwicklung unserer Stadt sehr förderlich sein werden. Bedeutsam ist auch die vorgesehene Errichtung einer neuen Liebigs höhe, die der Gießener Bevölkerung eine zeitgemäße schöne Ausflugstätte unmittelbar an der Stadtgrenze mit Rundblick in die herrliche Landschaft bieten soll. Durch diesen Neubau und die damit verbundene Umgestal- tungdesTrieb in der Nähe der Volkshalle wird ein Werk geschaffen werden, das sich für den Aus-
| flüglerverkehr und für die Veranstaltung von großen Aufmärschen als sehr nützlich erweisen wird. Eine wertvolle Bereicherung unserer öffentlichen Einrichtungen wird auch die vorgesehene Universität s- Sporthalle bedeuten, für die unzweifelhaft ein dringendes Bedürfnis vorhanden ist. Starke wirtschaftliche Auswirkungen werden ferner die von 200 000 Mark im Vorjahre auf 415 000 Mark im neuen Haushaltsjahr gesteigerten Aufwendungen für Straßenbau und die auf 202000 Mark veranschlagten Kanalisationsarbeiten, gegenüber 68 000 Mark in Vorjahre, sowohl für den Arbeitseinsatz als auch für die Belebung der in Betracht kommenden Produktionsbetriebe haben. Das neue Haushaltsjahr der Stadt wird also nach den Plänen der Stadtverwaltung wiederum vielen Volksgenossen Verdien ft möglichkei- ten bringen und zugleich in wirtschaftlicher und ideeller Hinsicht eine ansehnliche Steigerung der städtischen Werte zur Folge haben.
Aus dieser kurzen Umschau ergibt sich die klare Erkenntnis, daß das Aufbauwerk des Führers, wie überall im Reiche, auch in unserer Stadt in vielfältiger Weife Segen geb- bracht hat und weiter bringen wird. An diesem Werke tatkräftig mitzuhelfen, ist Pflicht aller deutschen Menschen. Die beste Mithilfe besteht in dem erneuten geschlossenen Bekenntnis zum Führer am 29. März, in dem Ja auf dem Stimmzettel, dem starken Ausdruck des vollen Vertrauens, aus dem der Führer aufs neue Kraft schöpfen kann zur Fortführung seines Werkes zum Wohle des ganzen deutschen Volkes!
Aus der Provinzialhauptstadt.
vor Augen hält.
Blicken wir allein auf die Jahre 193 4 und 19 3 5 zurück, so sehen wir in allen Teilen der Stadt ein großes Maß von Straßenbauarbeiten, bei denen es sich nicht nur um den Ausbau vorhandener Straßen, sondern auch um zahlreiche Neuanlagen handelt, insbesondere im Ostviertel und im Schwarzlach-Gebiet; aber auch im Südviertel ist an Straßenbauarbeiten mancherlei geleistet worden. Beim Hochbau stehen die neu geschaffenen großen Gebäude des Reiches an der Spitze, zu denen auch die Stadt als solche wertvolle Beihilfe geleistet hat. Dazu kommt ein sehr umfangreicher Wohnungsbau. Die Finanzierung ist — im Gegensatz zu früheren Jahren — nicht allein zu Lasten der Stadt gegangen, sondern es wurden dafür zum großen Teile andere Geldquellen verfügbar gemacht. Jedoch hat die Stadt als solche durch ihre Führung und ihre finanzpolitischen Maßnahmen erheblichen Anteil an dem Zustandekommen dieser Bauten, durch die zum Teil neue Stadtviertel mit mehreren Straßenzügen erstanden sind oder Baulücken auf dem bereits in der Bebauung stehenden Gelände ausgefüllt wurden. Der großen Nachfrage nach Wohnraum konnte durch diese umfangreiche Bautätigkeit ein ansehnlicher neuer Wohnungsoorrat gegenübergestellt werden, ein Ergebnis, das seit langen Jahren immer erfolglos erstrebt worden war. Neben dieser Verbesserung auf dem Wohnungsmarkt steht als außerordentlich wichtiger Faktor die Tatsache, daß auch bei diesen Arbeiten viele Hunderte von Volksgenossen Verdien st möglichkei- t e n fanden, das heimische Handwerk auch auf diesem Wege neue Betätigungsmöglichkeiten erhielt, die örtliche Baustostproduktion und darüber hinaus zahlreiche andere Industriezweige wertvolle Absatzgebiete gewannen. Wir sehen also bei diesem Rückblick in ganz großen Zügen eine sehr erfreuliche Auswirkung der vom Führer befohlenen Arbeitsschlacht auch im Bereiche unserer Stadt Gießen und der allernächsten Umgebung.
Der Ausblick auf das neue städtifche Haushaltsjahr 1936 unter dem Gesichtswinkel der Arbeitsbeschaffung ist ebenso erfreulich, wie die Betrachtung der beiden verflossenen Jahre. Oberbürgermeister Ritter hat in der Sitzung der Gießener Ratsherren am vorigen Samstag ein Arbeitsbeschaffungsprogramm der Stadt für 1936 verkündet, das vollste Anerkennung verdient. Von weit- tragender Bedeutung ist dabei die schon seit vielen Jahren fällige bauliche Sanierung der
Der erste Spatenstich.
Wenn die Sonne wärmer scheint, die ersten Blumen erwachen, dann kann auch der Kleingärtner nicht ruhen. Schon vor einigen Wochen haben die Arbeiten begonnen. Da war noch manches aufzuräumen. Die Bäume mußten ausgeputzt und gespritzt werden, die Beerensträucher waren zu reinigen. Das’ dürre Laub wurde zusammengekehrt und auf den Komposthaufen gebracht, die Wege wurden nachgesehen, und auch an der Gartenlaube war einiges auszubessern.
Dann aber kam die große Zauberin, die Sonne, und trocknete den Boden ab. Die Knospen der Bäume wurden zusehends dicker, die Schneeglöckchen lockten und schienen zu rufen: Herbei an die Arbeit! Ich nahm den Spaten zur Hand und suchte das passende Beet aus. Mein Nachbar schaute über den Zaun und meinte, ob es nicht etwas zu früh wäre? Denn es kämen doch sicher noch kalte Tage. Aber ich handelte nach dem Wort: Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen, und der Spaten fuhr in den Boden. Die Erde war schön locker und fiel in glänzenden, braunen Brocken auseinander.
Das war der erste Spatenstich. Unwillkürlich hielt ich inne und beschaute die Erde. Das war ein feierlicher Augenblick, dieses Umwerfen des Bodens, der nun aus feinem Winterschlaf aufgerüttelt wird. Mit Dank für die schöne Ernte gingen wir einst in nebeldunklen Herbsttagen aus unserem Garten. Wir überließen die Beete der Ruhe. Der Sturm rüttelte Bäume und Sträucher, Regen stürzte herab, Schnee und Eis kamen. Der Garten aber ruhte und schöpfte neue Kraft.
Nun ist es soweit. Wir können wieder neuen Samen ausftreuen. Wie war das doch damals in meiner Jugendzeit, als mein Vater den ersten Acker pflügte und dann zum schneeweißen Samentuch, in dem die goldne Saat war, griff? Wie langsam und andächtig knöpfte er sich dieses Tuch um den Körper. Dann stand er einige Augenblicke still und überschaute den frisch gepflügten Acker. Mit ruhigen, abgemessenen Schritten trat er auf die vom Morgennebel dampfende Erde und sprach: Walt's Gott! Die ersten Körner glänzten im Sonnenlicht und fielen dann nieder auf die wartende Erde. Langsam weiterschreitend wurde eine Handvoll nach der andern ausgestreut. Maschinen gab es ja damals noch keine.
Dieses unvergeßliche Bild aus meiner Kindheit
stieg heuer vor mir auf, als ich in meinem kleinen Garten stand und den ersten Spatenstich tat. Auch in meinem Herzen sprang der Wunsch auf: Möge uns die Erde recht viel Gutes und Schönes bescheren! Schon fühlen wir ja überall das Wirken und Schaffen der Natur. Die Wiesen werden grün, und der Bauer wird bald mit feinem Pfluge hinaus auf feinen Acker fahren. —
Das Beet war bald umgegraben, der Samen wurde ausgeftreut, und mit Stolz und Hoffnung überschaute ich das kleine Stückchen Erde. Mögen auch noch kalte Nächte kommen, der Samen wird keimen, und zu gegebener Zeit werden wir ernten.
Mein Beispiel fand bald Nachahmer. In allen Gärten sah ich den Spaten blinken. Keiner wollte Zurückbleiben. Die ersten Erbsen wurden gelegt, Karotten- und Zwiebelsamen ausgesät.
Ein solcher Frühlingstag in den Siedlergärten ist immer schön. Uebergll sieht man frohe Gesichter, ermunternde Zurufe und Lachen durchschwirren die Luft. Ringsum schmettern die Buchfinken und Amseln um die Wette, die kleinen Meisen zirpen und hüpfen von Ast zu Ast.
Das sind hoffnungsfrohe und zukunftsfreudige Tage. Man kann gar nicht aufhören mit der Arbeit. Das Gefühl des Verbundenseins mit unserer Mutter Erde, mit „Unserem" Stückchen Land, macht so glücklich und froh. Auch wir wollen mithelfen, daß die große Erzeugungsschlacht gewonnen wird. Je kleiner das Stückchen Land ist, das uns zugemessen wurde, desto eifriger wollen wir arbeiten und schaffen, daß auch wir dereinst gute Ernten einheimsen können.
Bornotizen.
Tageskalender für Samstag.
NSG. „Kraft durch Freude": Ab 15.30 Uhr allgemeine Körperschule und Waldlauf auf dem Uni- verfitätssportplatz am Kugelberg. — NSLB., Fach- schckft 2: 15 Uhr Versammlung in der Pestalozzi- schule; NSLB., Kreis Gießen: 16 Uhr Pflichtoersammlung in der neuen Pestalozzischule. — Stadttheater (Ring Deutsche Bühne): 20 bis 22.45 Uhr „Der Kanzler von Tirol". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Viktoria". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Du kannst nicht treu sein." — Oberhessischer Kunstverein (Turmhaus am Brandplatz): 16 bis 17 Uhr Ausstellung von Gemälden von Richard Geßner (Düsseldorf).
Tageskalender für Sonntag.
Musikzug der SA.-Standarte 116: 11 Uhr Platzkonzert an der Ecke Plockstraße/Johannesstraße. —
Stadttheater: 11.15 bis 13.15 Uhr „Menaka"; 19 bis 21.30 „Krach im Hinterhaus". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Viktoria". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Du kannst nicht treu fein." — Reichsfach' gruppe Imker, Ortsfachgruppe Gießen: 14 Uhr Versammlung im Hotel Hopfeld. — Stadtkirche: 18 Uhr kirchenmusikalische Passionsvesper. — Oberhessischer Kunstverein (Turmhaus am Brandplatz): 11 bis 13 Uhr Ausstellung von Gemälden von Richard Geßner (Düsseldorf).
Stadttheater Gießen.
Heute von 20 bis 22.45 Uhr als Vorstellung der Deutschen Bühne „Der Kanzler von Tirol", Schauspiel von Josef Wenter. Spielleitung: K. Lüpke. Freier Kartenverkauf zu Tagespreisen an der Abendkasse.
Der Spielplan des Gießener Stadttheaters vom 22. bis 29. März.
Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Sonntag, 22. März, von 11.15 bis 13.15 Uhr einmaliges Gastspiel Menaka, des indischen Balletts mit indischem Orchester. Menaka hatte, bevor sie mit ihrer Tanzgruppe und einem indischen Orchester nach Europa kam, bereits vor einigen Jahren eine Rundreise durch Europa gemacht, wobei sie in Deutschland, Frankreich, England, Skandinavien und vielen anderen Ländern begeisterte Aufnahme sand. Die Musik spielt in Menakas Tänzen eine führende Rolle. Ein indisches Orchester spielt diese Musik. Das Gastspiel konnte nur auf den Sonntag* vormittag gelegt werden. Die Vorstellung ist außer Abonnement. Von 19 bis 21.45 Uhr außer Abonnement der Luftspielerfolg „Krach im Hinterhaus" von M. Böttcher. Spielleitung: Heinrich H u b. — Dienstag, 24. März, von 20 bis 22.30 Uhr als 23. Vorstellung im Dienstag-Abonnement „Lapp im Schnakenloch", ein Spiel von Ed. Reinacher. Spielleitung: Wolfgang Kühne. Hierauf „Der zerbrochene Krug", Lustspiel von Heinrich v. Kleist. Spielleitung: der Intendant. — Mittwoch, 25. März, von 19.30 bis 22.30 Uhr die Schlager- Operette „Die blaue Mazur" von Fr. Lehär. Musikalische Leitung: Ernst Bräuer; Spielleitung: Paul W r e d e ; Tänze: Thery Schultheis. Die Vorstellung gilt zugleich als 23. Vorstellung im Mittwoch-Abonnement. — Freitag, 27. März, zum erstenmal „Die unvollkommene Ehe", musikalisches Lustspiel von Albrecht Nehring. Musikalische Leitung: Paul Walter; Spielleitung: Paul W r e d e. 24. Freitag-Abonnement. Dauer von 20 bis 23 Uhr. — Samstag, 28. März, von 20 bis 22.30 Uhr als Vorstellung der Deutschen Bühne das Gesellschaftsstück „Die Insel", Schauspiel von Harald Bratt. Spielleitung: Anton Neuhaus. Freier Karten- verkauf zu Tagespreisen an der Abendkasse. — Sonntag, 29. März, von 19 bis 22 Uhr „Die blaue Mazur", Operette von Fr. Lehär. Musikalische Leitung: Ernst Bräuer; Spielleitung: Paul Wrede; Tänze: Thery Schultheis. Die Vorstellung ist außer Abonnement.
Das Platzkonzert des S.A -Musikzuges
Es fei noch einmal auf das Platzkonzert des Musikzuges der Standarte 116 am morgigen Sonntag, 11 Uhr, Ecke Plockstraße-Johannesstraße hingewiesen. Die Vortragsfolge ist aus unserem gestrigen Blatte ersichtlich.
Die Mitglieder der DA?, genießen Rechtsschutz.
Alle Mitglieder der Deutschen Arbeitsfront genießen vom Tage ihres Eintritts in die DAF. die Vergünstigung, daß ihnen die Rechtsberatungsstellen der DAF. für Beratungen und Bearbeitungen in Fragen des Arbeitsrechts und der Sozialversicherung kostenlos zur Verfügung stehen. Dieses Recht zieht aber auch eine gewisse Pflicht nach sich, nämlich, daß sich die Mitglieder der DAF. in allen Rechtsstreitigkeiten vor den Arbeitsgerichten oder Arbeitsämtern von den Rechtsberatungsstellen der Deutschen Arbeitsfront vertreten lassen. Tägliche Beispiele zeigen, daß viele Volksgenossen um ihr begründetes Recht kommen, weil sie selbst
Oer neue Foto-Film mit Qarantiesehein 1
OLYMPAN
ßchleussneii
Oie Tippgräfin.
Xoman von Klothilde v (Stegmann
Urheberrechtsschutz: Aufwärts-Verlag, Berlin, SW 68.
18. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Noch eine zweite, entsetzliche Nacht mußte Mariella erleben, ehe sie die wirklich tadellos gelungene Kopie des Geronimo-Halsbandes an Stelle des entwendeten wußte. In einem hatte sich Erhard zuverlässig erwiesen: pünktlich auf die Minute händigte er ihr die glänzend ausgefallene Imitation der echten Kette ein, die mit wahrhaft zauberhafter Schnelligkeit von einem „Fachmanns", den der Graf kannte, hergeftellt worden war. Auch das zweite Pulver gab er ihr. das Annina abermals fest einschläfern sollte.
Nach der Verabschiedung von Mariella begab sich Erhard in den Spielklub. Am gestrigen Tage war es ihm zu spät geworden, und er war auch zu erregt, um auszugehen. Stundenlang war er nach dem Abschied von Mariella mit dem Gedanken umgegangen, nach England zu fliehen, sich dort mit ihr trauen zu lassen und ein neues Leben zu beginnen. Nur so konnte er die Dankesschuld an das Mädchen abtragen, das ihn so liebte, daß es Ehre und Namen beiseite warf, um ihm zu dienen.
Doch wie ein Gespenst tauchte bann ein verhärmtes, bleiches Frauenantlitz vor ihm auf, hinter vergitterten Fenstern, das Tag und Nacht nach ihm rief und kaum noch etwas Menschliches an sich hatte. Nein, er konnte nicht mit Mariella fliehen. Auch dieser Ausweg war ihm genommen.
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Vergeblich erwartete Bankier Kammacher Erhard von Hagen Er hatte ihm bestimmt zu einem festgesetzten Termin versprochen, die Bürgschaft für seinen verstorbenen Freund Verdingen zu begleichen. Doch er kam nicht und ließ sich auch nicht sprechen.
Mariella hatte keine Ahnung von diesen Dingen. Sie glaubte ihr Verlobter hätte schon längst alles in Ordnung gebracht und die Schuld redlich ab» gezahlt. Allmählich beruhigten sich auch ihre Gewissensbisse, um so mehr, als Annina von Gellern in den nächsten Tagen gänzlich unbefangen erschien.
ja, sogar die Halsbänder der Geronimo einmal einer Bekannten, die darum bat, gezeigt hatte.
Mariella war glücklich, daß alles geglückt zu sein schien, und daß sie Lore und Renate hatte. Denn auch mit Renate verband sie eine täglich wachsende Freundschaft. Sie verlebte ein paar wunderschöne Nachmittagsstunden in „Villa Liliput", umschmeichelt von Jago, der nicht von ihrer Seite wich, verwöhnt von Lore und Renate, denen sie doppelt leid tat, seitdem erstere Mariellas Tante und Erhard persönlich kennengelernt hatte.
Heute saß man zu einer behaglichen Kaffeestunde unter dem bunten, großen Gartensonnenschirm in Renates kleinem Gärtchen. Das lustig gemusterte Bauerngeschirr, ein Geschenk Lores, stand auf einer leuchtend gelben Decke. Der starke Kaffee duftete einladend. Und die „Geyerbürgerin", die tüchtige kleine Hausfrau, hatte einen prächtigen Napfkuchen gebacken. Behaglich plauderten die drei jungen Mädchen. Das Gespräch zwischen den drei so ungleichen Altersgenossinnen, von denen die Photographin mit ihren vierundzwanzig Jahren die Aelteste war, drehte sich um allerlei Berufsfragen und Eheprobleme
Renate Trotha, wie die beiden anderen Mädchen verwaist, hatte mit kräftigen Händen ihr Schicksal selbst geformt. Nach ein paar schweren Jahren war aus ihr eine der bekanntesten Pressephotographinnen Berlins geworden, und als sie noch das Glück hatte, mit dreitausend Mark, die auf ihren Anteil entfielen, in der Lotterie herauszukommen, war sie eine „gemachte Frau", wie sie scherzend sagte.
„Sag mal. Renate" — das ungewohnte Du, um das Renate sie gebeten, fiel Mariella noch etwas schwer —, ..könnte ich wohl irgendwelche Aussichten in deinem Beruf haben?"
„Du? Warum denn nicht, wenn du photographieren kannst?"
..Natürlich kann sie das! Alle Pensionärinnen von Maidlis Glück' bevorzugten Mariellas Photos. Weißt du noch, wie du die Tour auf den Pilatus nicht mitmachen konntest, weil du kein Geld hattest und dir von uns nichts schenken lassen wolltest?"
Lore schüttelte sich vor Lachen; es schien eine sehr lustige Pensionserinnerung zu sein.
„Gewiß!" Mariellas Züge erheiterten sich gleichfalls. „Ihr ließt euch damals alle für Geld von mir aufnehmen, sogar Frau Aeschi schloß sich nicht aus! Und mein Gruppenbild auf dem Pilatus erschien dann im «Luzerner Tagblatt'!"
„Famos, da war ich ja schon einmal Pressephotographin!"
Renate Trotha griff stets zu, wenn sie einem strebsamen Menschenkinde sein Fortkommen erleichtern konnte:
„Ich mache dir einen Vorschlag, Prinzeßchen! Warte noch mit der Heirat! Komm zu mir und werde meine Assistentin! Hast du mir dann die letzten Finessen unserer Kunst abgeguckt und stehst fest und sicher auf deinen zwei Beinen im Leben, kommst du zur Eheschließung immer noch zurecht. Ich suche sowieso schon lange eine zuverlässige Hilfe. Willst du?"
„Und ob ich will!" wiederholte Mariella leise und sehnsüchtig. „Ach, Renate, der Gedanke, etwas zu lernen und wirklich auf eigenen Füßen zu stehen, ist unsagbar schön! Und vor allen Dingen bei d i r zu lernen, ein Glück — nicht auszudenken! Aber woher soll ich die Pension zahlen, die ich doch aufbringen müßte, wenn ich hierher übersiedle?" fragte sie sorgenvoll.
„Närrchen! Die arbeitest du ab!" Renate hielt ihr die ausgestreckte Rechte hin. „Abgemacht, Mariella?"
Noch zögerte diese. „Laßt mich erst mit meinem Verlobten sprechen. Die Tante hat ja jetzt gottlob nicht mehr über mich zu bestimmen. Ich bin ja mündig. Ich kann mir mein Leben von jetzt an gestalten, wie ich es will."
Mariella sagte es hoffnungsvoller. Sie ahnte nicht, was das Leben noch alles mit ihr vorhatte. Denn inzwischen spann sich das Netz des Schicksals eng und immer enger um die kleine Principessa.
Das Armband der Geronimo war noch am gleichen Tage, an dem der Juwelier es von ihr gekauft, in andere Hände übergegangen. Ein reicher ausländischer Sammler von Juwelenraritäten, dessen Sachverständige überall umherreisten, um Käufe zu tätigen, hatte es durch einen seiner Vertrauensleute erwerben lassen. So war es bereits über die Grenze, als das Schreckliche über Mariella di Bonaglia hereinbrach.
Als sie, vergnügter und angeregter wie seit geraumer Zeit, von dem Besuch in „Villa Liliput" heimkehrte, wartete die Tante bereits auf sie. Höhnisch fragte sie Mariella brüsk:
„Weißt du das Neueste? Dein Verlobter hat gellem nacht im Mub das nette Sümmchen von zehntausend Mark verspielt. Bekannte haben es
mir mitgeteilt — in unseren Kreisen spricht man von nichts anderem. Und du? Heraus mit der Sprache — auf welche Weise hast du ihm zu dieser Summe verhalfen, die fast genau derjenigen ent« spricht, die ich dir verweigerte? Die ganze Sache gefällt mir nicht, mein Kind! Bitte, äußere dich dazu!"
Mariella konnte später niemals begreifen, wie es ihr in diesem Augenblick möglich war, die Komödie weiter zu spielen. Es war wohl nur die Kraft ihrer verzweifelten Liebe zu Erhard von Hagen. Ihn mußte sie retten. Um jeden Preis! So faßte sie sich mit wunderbarer Schnelligkeit. Ihr Gehirn arbeitete präzise, wie ein Uhrwerk. Da die Tante ihr zunächst nichts nachweisen konnte, vermochte sie nur zu lügen — eine Eigenschaft, die sie haßte wie die Sünde. Doch was blieb ihr anderes zu tun übrig?
..Ich weiß roebA etwas von Erhards Spielver» lüften, noch davon, daß ihm eine solche Summe überhaupt zur Verfügung stand. Und sollte ein Mann keine andere Geldquelle besitzen als seine Braut, Tante Annina?"
Wie -ronisch Mariella fein konnte, wenn sie wollte. Einen Augenblick gab sich sogar Frau von Gellern geschlagen. Aber bald hatte sie ihre Heber» legenheit wieder gewonnen:
„Du wagst es noch, mir derartig ungehörige Ant» Worten zu geben? Du, die Braut eines Spielers, von -dem man noch nicht einmal weiß, woher er die Summe nimmt, die er verlumpt? Dies ist ein anständiges Haus, in das ich dich ausgenommen habe. Ich will keine Gemeinschaft mit Erhard von Hagen und seiner Braut. Noch heute verläßt du mein Heim. Sieh zu, wie er für dich sorgen wird, der leichtsinnige Mensch! Sofort pack' deine'Sachen!"
Annina von Gellerns Zorn war gespielt. Im Grunde genommen war sie glücklich, nun eine gute Gelegenheit zu haben, Mariella vor die Tür' zu setzen. Mariella richtete sich stolz auf. Zorn stand in ihren dunkel gewordenen Augen:
„Du brauchst es mir nicht zweimal zu sagen, Tante Annina! Du kommst meinen Wünschen entgegen!"
Aber bann war es mit ihrer Kraft zu Ende. Feurige Funken tanzten ihr vor den Augen, und das ganze Zimmer, in dem sich diese entscheidende Unterredung abspielte, schien sich um sie zu drehen.
(Fortsetzung folgt!)


