Nr. 142 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Samstag, 20. Juni 1036
Aus der Provinzialhauptstadt.
Sommersinfonie!
Nun hat der Sommer doch noch in das Land gefunden. Um die Mittagszeit flammt die Sonne wie ein goldenes Feuer über der Stadt. Der Verkehrslärm klingt verhaltener, und in den Anlagen brütet die Stille. Im Schatten der Bäume hält ein Eiswagen. Seine farbige Aufschrift leuchtet wie ein grelles Plakat.
Die Stadt hat ein eigenes Gesicht in diesen Sommertagen. Hell und luftig sind die Kleider der Frauen. Beschwingt ist ihr Gang und in ihren Augen liegt ein verträumtes Sinnen. Die nüchternen Straßenzeilen schmücken sich mit bunten Klecksen: Blumen blühen am Fensterbord. In den Vor- ?ärten sprießt dunkles Grün, und auf den abgezir- elten Wegen blitzen die Kiesel wie lauter Silber.
Die große Sommersinfonie schwingt in hellen Akkorden. **
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Dor der Stadt sind tausend farbige Lichter angezündet. Die Landschaft prangt im Kleide der Lust und der Wind, der über die Halme streicht, hat etwas von der Schwere und Süßigkeit des Weins.
Weite Bezirke der Schönheit haben sich aufgetan und mir wandeln in freien Stunden darin wie in paradiesischen Gärten. Vogelgezwitscher erfüllt die Luft, bunte Fliegen fiedeln und schwirren und zarte Falter haschen einander im frohen Liebesspiel. Die Liebe ist auf die Erde gekommen wie ein gnadenreiches Geschenk. Um jedes Blatt, um jeden Grashalm spannt sie ihre goldenen Brücken.
*
Ganz im stillen reifen die Felder. Die Kraft der Sonne vollbringt geheime Wunderwerke, welche ihr Feuer sacht entzündet und der Reife entgegenführt. Hoch stehen die Halme, und zwischen ihnen brennt Klatschmohn wie eine Freude. An den Apfelbäumen runden sich die Früchte. Am Feldrain verwehen die Samen des Löwenzahns und im Schatten der Hecken beugen sich auf saftig schweren Stengeln die weißen Dolden der Schafgarbe. Sommer hält das Land gefangen.
*
Das Lied der Jahreszeit klingt weit durchs Land. Es hallt im sonntäglichen Glockenton und jubelt im Murmeln des Wiesenbaches. H. W. Sch.
Bornotizen.
Tageskalender für Samstag.
Gloria-Palast, Seltersweg: „Flitterwochen". — Lichtspielhaus, Bahnhofstr.: „Ich liebe alle Frauen". — Oberhessischer Kunstverein: Ausstellung „Frauenbildnis mit Schmuck" 16 bis 19 Uhr im Foyer des Stadttheaters.
Tageskalender für Sonntag.
Gloria-Palast, Seltersweg: „Flitterwochen". — Lichtspielhaus, Bahnhofstr.: „Ich liebe alle Frauen". — Oberhessischer Kunstverein: 11 bis 13 Uhr und 16 bis 19 Uhr, Ausstellung „Frauenbildnis mit Schmuck" im Foyer des Stadttheaters. — Obstund Gartenbauverein Gießen: 9 Uhr an der Persiluhr zum Garten-Rundgang. — 14.30 Uhr, Missionsfest der Luthergemeinde auf dem Schiffenberg. — 16 bis 19 Uhr, Militärkonzert auf der Bergschenke vom Musikkorps des MG.-Bataillons.
Missionsfest der Luthergemeinde.
Die Luthergemeinde weist nochmals auf ihr diesjähriges Missionsfest hin und lädt dazu ein. Pfarrer K. G. Steck, Dozent am Predigerseminar der bekennenden Kirche in Frankfurt a. M. spricht über den missionarischen Auftrag der Kirche. Schon vormittags um 10.45 Uhr erzählt er in der Kapelle des Alten Friedhofs im Missionsgottesdienst der Kinderkirche von der Arbeit in Neu-Guinea, wozu alle Kinder der Gemeinde herzlich eingeladen sind. Auf dem Schiffenberg wird der Kirchenchor im Wechsel mit der Gemeinde fingen und gemeinsam mit ihr das alte Liedgut der evangelischen Kirche erarbeiten und zum Erklingen bringen. Neben Instrumentalmusik und anderen Darbietungen werden Gießener Theologie-Studenten ein eigenartiges Apostelspiel von Max Mell aufführen. (Siehe heutige Anzeige.)
LandschastsbundÄolkstum undHeimat.
Morgen, Sonntag, 21. Juni, um 11.30 Uhr, Auszeichnung der in Gießen noch vorhandenen
Kriegspferde durch das Fachamt „Tierschutz" m der Universitäts-Reitbahn am Brandplatz. Alle Tierfreunde sind willkommen.
Oberbürgermeister Witter zum Leiter des Landesfremdenverkehrsverbandes
Mein Main ernannt.
Die presse stelle der Stadtverwaltung teilt mit:
3n diesen Tagen wurde die Leitung des Landesfremdenverkehrsverbandes Rhein-Main neu beseht, und zwar wurde diese Stelle dem Oberbürgermeister unserer Stadt Ritter mit folgendem Schreiben übertragen:
3m Rainen des Reiches!
Auf Grund des § 5 des Gesetzes über den Reichsfremdenverkehrsverband (RGB. I S. 271) ernenne ich entsprechend dem Vorschlag des Herrn Reichsstatthalters von Hessen Herrn Oberbürgermeister Ritter zum Leiter des Landesfremdenverkehrsverbandes Rhein-Main, worüber diese vorläufige Urkunde erstellt wird.
Berlin, den 13. 3uni 1936.
(Gez.) Lsser.
Polizeibericht.
Die Kriminalpolizei Gießen teilt mit:
Am 7. Juni näherte sich ein Unbekannter zwei Schülerinnen gegen 19 Uhr auf der Straße Groß- Karben—Kloppenheim und gegen 20 Uhr einer Frau auf der Straße Klein-Karben—Rente! in äußerst unsittlicher Weise. Bei der Flucht im ersteren Falle soll sich der Täter einen schwarzen Bart angemacht haben. Beschreibung des Mannes: etwa 25 bis 35 Jahre alt, schlank, ovales Gesicht, schwarzes Haar, bartlos, trug Brille und sprach schriftdeutsch. Kleidung: Braune Halbschuhe, Sportstrümpfe mit Streifen, schwarzes Polohemd, dunkelgrünen Umhang. Der Täter führte ein fast neues Damenfahrrad mit sich, an bessern Lenker ein Rucksack und auf dem Gepäckträger anscheinend ein brauner Umhang befestigt war.
Um Mitfahndung und Mitteilung an nächste Polizeibehörde wird ersucht.
"Radfahrwege muffen benutzt werden!
Der Reichs-und PreußifcheVerkehrs- minimer weist in einem Erlaß im Reichsverkehrsblatt B Nr. 22 darauf hin, daß vorhandene Radfahrwege von den Radfahrern benutzt werden müssen. Das gilt auch da, wo nur e i n Radfahrweg vorhanden ist; er dient dem Radfahr- verkehr in beiden Richtungen.
Nicht erhöhte Seitenstreifen (Bankette) neben der Fahrbahn außerhalb geschlossener Ortsteile stehen dem Radfahrverkehr offen, soweit der Fußgängerverkehr nicht behindert wird.
Ist nur ein Seitenstreifen (Bankett), also nur in einer Fahrtrichtung vorhanden, so darf er auch f ü r b i e Gegenrichtung benutzt werben, wenn ber Zustand ber Fahrbahn selbst ihre Benutzung in bieser Richtung erheblich erschwert.
Aufruf der Obergousührerin Else Riese zum Zugendfest.
Mäbel, Jungmäbel, es geht um bie Ehren- urfunbe bes Führers. Am Samstag unb Sonntag steigen im ganzen Reich bie Ausscheibungskämpfe ber beutschen Jugenb. Ihr alle habt fleißig bazu geübt, unb jebes Mäbel unb Jungmäbel wirb sich bemühen, in ihrer Schaft bie Beste zu sein. Wie im vergangenen Jahr bekommen bie besten Mäbel unb Jungmäbel bie silberne Nabel, unb jebes Mäbel unb Jungmäbel wirb sich anstrengen, bie meisten Punkte zu haben. Mäbel, Jungmäbel, ber Führer tjat für bie beste Mäbel- unb Jungmäbel- schaft in unserem Obergau eine Ehrenurkunbe gestiftet. Welche Mäbel- unb welche Jungmäbelschaft wirb sie erwerben?
Heil Hitler! Else Riese, Obergauführerin.
Warum Sozialarbeit in der 63?
Am vergangenen Sonntag hatte ber Bann 116 sämtliche Mitarbeiter ber Sozialstelle zu einer Arbeitstagung im hiesigen Stubentenheim befohlen, um den vielen neuhinzugekommenen Jungens unb
Mäbels Sinn, Zweck unb Bebeutung ber grunbjätz- lichen Fragen in ber Sozialarbeit vertraut zu machen. Der Leiter ber Sozialstelle eröffnete bie Tagung unb führte u. a. aus, baß bie restlose Lösung ber sozialen Frage nur möglich sei burch Zusammenfassung unb kamerabschaftliche Zusammenarbeit bes ganzen Volkes. Sache ber Hitler-Jugenb sei es, entstandene Schöben an ber Jugenb, bie leiber viel zu früh bie Not ber Zeit zu spüren bekam, zu beseitigen bzw. gemeinsam zu tragen. Gleichzeitig f)abe jeber burch Steigerung ber Leistung feiner Arbeit mitzuhelfen am Wieberaufstieg unseres Volkes. Die Hitlerjugenb habe sich jeberzeit um biese Belange zu kümmern und schon frühzeitig bas erhebenbe Gefühl, einem Kameraben zu helfen, ben jungen Menschen einzuhämmern.
Daß eine restlose Lösung nur in Zusammenarbeit aller Stellen möglich ist, ging klar aus ben Ausführungen bes Berufsberaters bes Arbeitsamtes Gießen hervor, ber ebenfalls ber S.-Stelle angehört. Er schilberte bie Schwierigkeiten ber Unterbringung ber schulentlassenen Jugend in „geeignete Lehrstellen". Mangelnde Leitung der Jugend habe dazu geführt, daß nur noch Berufe erstrebt werden mit möglichst „sauberer" Arbeit, z. B. wollte plötz-
Jm Gießener Anzeiger vom 22. Mai 1936 ist auf bie unserem Mitbürger Louis Frech wiberfahrene Ehrung aufmerksam gemacht worben, bie barin besteht, baß ihn bie Stabt wegen seiner Ver - bien st e um bie Erforschung ihrer Geschichte von bem Kunstmaler Hans Hagenauer in Lebensgröße (Brustbilb) hat porträtieren lassen. Das Bild soll in bem bemnächst entstehenben städtischen Museum auf ber Liebigshöhe zusammen mit anberen seinen Platz finben.
Wenn jemanbem eine berartige Auszeichnung zuteil wirb, muß schon ein triftiger Grunb bazu vorliegen. Es sei mir baher, als einem langjährigen Freunb Frechs unb genauen Kenner seines Werbeganges gestattet, an bieser Stelle einen Abriß aus bem Leben unb Wirken eines ber treuesten Söhne seiner Vaterstadt zu geben.
Louis Frech wurde als Sohn des Kaufmanns Hch. Frech und dessen Ehefrau, einer geb. Pugge, am 24. Oktober 1858 in dem schönen großelterlichen Fachwerkhause am Kreuzplatz-Neuenweg zu Gießen geboren. Er gehört einem alten Geschlecht an, das, als in Gießen ansässig, bis zum Jahre 1559 nachweisbar ist. Seine früheste Jugend verlebte er auf dem „Kreuz" (Kreuzplatz), bas ber Tummelplatz zahlreicher Jungen war, bereu Angehörige ihre Wohnung in ben umliegenden Häusern hatten. Im „Sonntagsgruß" hat Frech in eingehenben Schilberungen nicht nur bas Tun unb Treiben ber „Kreuzer Buben" geschilbert, sondern auch wertvolle Einblicke in bie Lebensweise unb Gepflogenheiten ber Gießener Bürger unb in bie mehr als primitiven hygienischen Verhältnisse ber Stadt gegeben, von denen sich die heutige Generation kaum einen Begriff machen kann.
Waren doch zur Zeit seiner Geburt kaum 50 Jahre seit der Schleifung der Festungswälle vergangen, und außerhalb der an ihrer Stelle entstandenen Anlagen (den Schoren) kaum ein Dutzend Häuser errichtet worden, so daß sich Handel und Wandel in den alten, engen und schmutzigen Gassen und Straßen und in ben altmodischen unb eingepferchten Häusern mit ihren beschränkten Räumen, wie ehebem, abwickelte.
Diese Schilberungen sinb für bie Geschichte ber Stabt um so wertvoller, als sie bie einzigen dieser Art aus Gießens Vergangenheit bilden. Aus ihnen spricht nicht nur eine gute Beobachtungsgabe, sondern auch die große Liebe bes Verfassers zu seiner Vaterstabt, unb es mutet ben Leser geradezu feierlich an, wenn er z. B. bie Wiebergabe ber kinb- lichen Einbrücke um bie Weihnachtszeit liest. Alter Brauch in ber Familie, längstvergessene Spiele ber Jugenb auf ber Straße unb bie einfache hausbackene Lebensweise ber Gießener mit allem, was brum unb bran hing, sinb genau so, wie sie ber Junge erlebt hat, in treuherziger Weise geschilbert. weitere solche Aussätze von Frech sind: „Alt-Gießen", Erinnerungen aus meiner Jugendzeit: „Vom Bahnhof bis zum Selterstor"; „Das alte Stabt- tbeater"; „Das Haus Sonnenstraße Nr. 32"; „Das Fürftenbrünnchen", ein Streifzug durch die Gießener Trinkwafferverhältniffe in alter Zeit"; „Die Gie-
lich jeder Kaufmann ufw. werden! Jeder Beruf fei es wert, ergriffen zu werden, denn nur so bestehe die Möglichkeit, sämtliche schulentlassenen Jll» gendlichen unterzubringen.
Der aus Wiesbaden erschienene stellvertretende Sozialabteilungsleiter verstand es besonders gut, bie Jungens unb Mäbels zu interessieren, so baß seine Ausführungen über grundsätzliche Richtlinien ihrer Arbeit mit großer Aufmerksamkeit verfolgt wurden. Er betonte besonders, daß es unbedingte Pflicht ber Sozialwarte fei, bie anoertrauten Jungen unb Mäbel in jeber Hinsicht zu betreuen. Schwierigkeiten zu beseitigen, bei ber Beschaffung von geeigneten Lehrstellen zu helfen, Erholungsplätze unb Urlaub zu beschaffen, alles in engster Fühlungnahme unb Zusammenarbeit mit bem Elternhaus ist bie große Aufgabe ber Sozialarbeit in ber HI. Nach bem gemeinsamen Mittagessen gab ber anroefenbe Rechtsstellenleiter bes Bannes u. a. einen Ueberblick über bie Eommenbe rechtliche Entwicklung ber Jugenbarbeit, ihre Bebeutungen unb Forderungen.
Nach einer regen Aussprache über alle aufgetauchten Fragen endete bie Tagung mit bem Gruß an ben Führer unb bem Fahnenlieb ber HI.
ßener Bürgergarbe 1848"; „Der Heuchelheimer Brand 1866"; „Der Nahrungsberg und feine Geheimnisse".
Der feine Humor, ber Frech eigen, spricht be- fonbers aus folgenben Aussätzen: „Die Leiter"; „Seine Durchlaucht ber Graf von Lichtenfelbe"; „Am Lügentisch Ins Lotze"; „Ein bunfles Erlebnis am Anfang ber 80er Jahre"; „Die Danbe in Frankfurt"; „Erinnerungen an Fritz Kühn"; „Die Spatzejagb", „Die Kracheburg" ufw
Seine Vorbilbung für bie Realschule erhielt Frech in ber Privatschule von Karl Fran-z, benn staatliche Vorschulen kannte man bamols noch nicht. Was alles in ihr passierte vom Abc bis zum Latein, hat Frech ausführlich im „Sonntagsgruß" in liebenswürdiger und humorvoller Weife geschildert.
Obwohl man Frech nicht gerade einen braven Buben nennen konnte, waren ihm doch alle Lehrer gewogen, namentlich aber Professor Buchner, der in dem Jungen eine besondere Liebe zu den von ihm gelehrten Fächern Botanik, Zoologie, Mineralogie, Geologie und Chemie entdeckte; ber auch einen Scherz ertragen konnte. Schon bamals zeigten sich bei bem zu allen Lumpenstreichen stets bereiten Jungen bie Anfänge unb Anlagen zum Verse- machen. Die Poeterei hat Frech fortgesetzt bis auf ben heutigen Tag.
Nach beftanbenem Schulexamen war fein Wunsch, Chemie zu ftubieren. Das Schicksal machte ihm aber einen Strich burch bie Rechnung, er würbe krank. Das Einjährigen-Jahr machte er barum erst im 23. Lebensjahre ab unb würbe bann Kaufmann.
48 Jahre lang betätigte sich Frech in einer Gießener Firma als erster Prokurist, Kassierer unb Korresponbent, auch in fremben Sprachen; leiber hat ihn ber Zusammenbruch ber Gesellschaft um bie reblich oerbienten Früchte seiner Arbeit gebracht unb ihm nicht ben versprochenen ungetrübten unb sorgenfreien Lebensabend bereitet.
Frech sind im Laufe der Jahre viele Ehrungen zuteil geworden. Er ist Ehrenmitglied einer Reihe von Vereinigungen, Inhaber von Ehrenzeichen der Deutschen Turnerschaft, der Gießener Rudergesellschaft unb anberen mehr. In einer Versammlung von etwa 1000 Fünfzigern würbe Frech vor brei Jahren zum Ehrenvorsitzenben sämtlicher 50er Vereinigungen einstimmig ernannt.
Eine Sammlung ber von Louis Frech verfaßten stimmungsvollen Lieber, zu benen er auch stets bie passenbe Melodie zu finben wußte, ist in Buchform vor Jahren erschienen. Daß sich Frech auch auf bem Gebiet ber Malerei mit großem Erfolg betätigt hat, ist bekannt.
Mögen bem nunmehr 78jährigen, immer jugendlich frischen und in allen Kreisen der Bürgerschaft beliebten unb hochgeachteten Mitbürger noch viele Jahre glücklichen Lebens unb Wirkens befchieben fein. O. B.
Louis Frech und die Geschichte der Stadt Gießen
Verfluchtes Gold!
Vornan von I. Schneider-Foerstl.
Urheberrecht: Verlag Oskar Meister, Werdau i. Sa.
4. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Rolf lachte, holte fein Fahrrad aus dem Schuppen und pumpte die Reifen auf. Vor dem Haufe stehend, sahen die Frauen ihm nach, wandten bann die Gesichter einanber zu unb lasen sich gegenseitig die Sorae aus ben Augen. „Es wirb ihm nichts zustoßen , tröstete Frau Steffen unb nahm bie kühlen Mäbchenfinger zwischen bie ihren. „Er ist sehr ruhig unb bebacht, mein großer Bub. Ich zeige Ihnen nun noch bie anberen Räume, Fräulein Terry, obwohl es eigentlich nicht viel zu sehen gibt bei mir."
Seite an Seite gingen sie ins Haus zurück. Heber ihnen glänzten hell unb frieblich bie ersten Sterne.
*
Der weitläufige Gebäubekomplex ber Dyfoltwerke war grell erleuchtet. In ber großen Halle waren bie Kleiberstänber von Hüten unb Mänteln überfüllt. Immer roieber kam noch einer ber Aktionäre, ließ sich vom Diener bie Garberobe abnehmen, unb schritt bann, je nach Art unb Temperament rasch ober bebächtig, bie läuferbelegte Treppe zum ersten Stock hinauf.
„Hören Sie nur", roanbte sich Kommerzienrat An- solt an ben hageren Herrn, ber neben ihm bie Stufen nahm. Von oben kam Gewirr von Stimmen, aus bem nur ab zu ein verstänbliches Wort herausklang. „Glauben Sie überhaupt noch, baß die Werke zu halten sinb? — Jöa haben wir uns eine schöne Suppe eingebrockt."
Die Antwort beftanb in einem Achselzucken, bas von einem Räuspern begleitet war. Hinter ihnen kam ein bicker, asthmatischer Mann heraufgekeucht trocknete mit seinem Taschentuch bie Stirne unb ließ es bann wie eine Fahne über sein Gesuyt wehen. „Abenb, meine Herren! — Saubere Geschichten, was? — Ein nettes Sümmchen, bas Da im Feuer steht. — Schöne Wirtschaft bas! Unb davon erfährt man nichts! Kein Sterbenswort er
fährt man bavon. Alles Machenschaften ber Herren Löwenfelb unb Terry. — Aufsichtsratssitzung, benfe ich mir, jetzt mitten im Vierteljahr! Da tut sich was!"
Es kann Ihnen boch nicht ganz unbekannt geblieben fein," fiel ihm ber schlanke Herr ins Wort unb suchte bem asthmatischen Atem auszuweichen.
„Unbekannt! Ha! — Unbekannt sagen Sie! Skan- balös ist bas! Kauft biefer Terry einfach barauf los! Häuser, Grunbstücke, Baugelände, Geschäftsanteile von Firmen, von denen es bie Spatzen fchon pfeifen, baß sie am Abfaulen sinb. — Wo hat er benn feine Augen gehabt unb feine Ohren? — Wo denn, frag ich Sie? — Unb warum hat ihm benn niemanb auf bie Finger gesehen? Gar keiner, ber ihm Einhalt geboten unb ihm bas Hanbwerk gelegt hat."
„Wir haben boch alle bavon gewußt", sagte Kommerzienrat Ansolt. Man kann boch jetzt bem Terry nicht einfach vorwerfen, wir hätten keine Ahnung bavon gehabt. Das ist boch gerabezu lächerlich!"
„So? Lächerlich ist bas! Lächerlich! Das Lachen wirb Ihnen schon noch vergehen! Unb uns auch!" Das große Taschentuch trat roieber* * in Tätigkeit. „Sie werben Augen machen, wenn bie Passiven herauskommen! — Morgen können mir Stiefel putzen gehen, meine Herren, unb meine Sohne werben ben Leuten in ben Hinterhöfen etwas Vorsingen."
„Na, so schlimm wirb es nicht sein", meinte Dr. Singer, ber als letzter ben breiten Vorplatz bes ersten Stockes betrat. „Wenn wir alle so außer Ranb unb Banb wären, wie Sie, müßte sich jeber von uns glatt weg eine Kugel burch ben Kopf jagen."
„Müßten mir auch! Jawohl! Müßten wir. Sie haben eben keine Familie, Doktor, für bie Sie sorgen müssen." Der Asthmatiker fiel erschöpft m einen ber Leberstühle, bie bereitgefteüt waren unb winkte um ein Glas Wasser zu bestellen.
„Sie sollten etwas für Ihre Gesunbheit tun," meinte Dr. Singer, ber ein kleines Mitleib, mit bem Keuchenben verspürte. „Sie können sich s boch leisten." , ,, o ,
„Jawohl! Als Aktionär einer solchen Firma! Ich bin froh, wenn ich morgen noch eine Knackwurst zu
essen habe. Unb Sie benfen wahrscheinlich an Ma- rienbab."
„$abe ich gebacht, ja!" Dr. Singer roanbte ihm schroff ben Rücken unb trat burch bie Flügeltür, bie ein Bebienter offenhilt. Stimmengewirr schallte ihm entgegen. Eine Welle von rauch- unb hitzegeschwängerter Luit strömte auf ihn zu. „Macht boch bie Fenster auf!" rief er einem Bebienten zu, ber Limonabe unb Selters hereinbrachte.
„Die Herren wünschen es nicht", war bie höfliche Erwiberung.
„Na, bann nur immer erstickt in bem Trubel!" Dr. Singer knifft ben Munb zusammen unb ging nach einem ber hochlehnigen Stühle, von benen nur noch wenige frei waren. Ohne baß jemand Notiz von ihm nahm, setzte er sich.
Das Bild hier glich bem einer Börse. Man hatte sich schon bis zum Siebepunkt erhitzt. Hänbe flogen krachenb auf ben Tisch. Lachen klang auf. Scharfe Worte, bie eine Explosion in Aussicht stellten, schwirrten über bie lange Tafel hin. Das war ber richtige Boben für ben bicken Asthmatiker braufeen. Er brauchte nur noch hereinzukommen, bann würben bie eineinhalb Millionen Passiven zum Ruin.
Dr. Singer sah nach Kommerzienrat Terry hinüber. Armer Kerl! Der war nun ber Sünbenbock für alle Fehlschläge, bie ben Konzern getroffen hatten. Ein bißchen mit Schulb war er ja schon. Man mußte bei allen Transaktionen auch etwas Gefühl für bie Zeit in ben Fingerspitzen haben. Unb bie Zeit begann einen großen Wanbel zu schaffen, ftanb im Begriffe, alles, was unsauber war, wegzuschroemmen, alles auf Lug unb Trug gestellte zu stürzen, war barauf bebacht, roieber ge- funbe Verhältnisse zu schaffen unb Treu unb Glauben, bie längst in bie Brüche gegangen waren, roieber aufzurichten Wer einigermaßen Sinn unb Blick bafür hatte, mußte bas vorausgesehen haben unb sich freuen, baß bas nun enblich eintraf, wonach bas Sehnen bes Volkes ging. Freilich nicht ohne Opfer. Unb bie waren jeweils verschieben groß. Für bie Dyfoltwerke insbefonbere.
Aber ber bicke Amselmann nahm bie Sache jeben- falls tragischer als tragisch. Man brauchte ihm nur einen Hammer in bie Hanb zu geben, zerschlug er bas ganze Gebäube. Es war schrecklich, solche Männer als Mitaktionäre zu haben. Eben roanben sich Amselmanns zweieinhalb Zentner durch die Tür.
Man sollte ihn eigentlich gar nicht hereinlassen, erwog Singer. Er erhitzte sich womöglich bis zur Weißglut. Ein kleiner Schlaganfall, unb Terry hatte auch bas noch auf bem Gewissen.
Dessen Gestalt hob sich eben aus bem Stuhl. Ein Diener hatte ihm etwas zugeflüstert. „Ich bitte bie Herren um einen Augenblick Gebulb." Damit ging er nach ber Telephonzelle im Nebenraum. „Wie, mein Herr?" fragte er in ben Apparat. „Ach so, meine Tochter ist in Klein-Ellbach unb bleibt zur Nacht bei Ihrer Frau Mutter. Das ist sehr liebens- roürbig, mein Herr! Ich banke Ihnen vielmals. Grüßen Sie, bitte, meine Tochter unb sagen Sie ihr, sie möchte nicht zu lange wegbleiben. — Noch einmal herzlichen Dank!"
„Schluß", sagte bas Fräulein in ber Zentrale.
Als Terry roieber in ben Saal zurückkam, schwankte er für einen Augenblick. Dann hatte er sich roieber in ber Gewalt. Wenigstens um Maria brauchte er sich jetzt nicht mehr zu sorgen, fonbern konnte seine ganze Aufmerksamkeit auf bas anbere richten, bas ebenso gut Hoffnung wie Ruin bedeuten konnte. — Schon eher Ruin, bachte er, vom
Lärm ber Stimmen umbranbet.
Amselmanns grelles Organ, bas fo schlecht zu seinem massigen Körper paßte, beherrschte jetzt bie Lage. Die eineinhalb Millionen Passiven mögen zehnmal so schwer, als sie noch vor einer Stunbe gewogen hatten, unb es war bas schon genug gewesen. „Wozu auch nach Hayens unb Kräling hineinfressen, wenn wir so schon zu würgen hatten?" schrie er über die Tafel hin. „Jede Katze hat gewußt, wie es um sie steht! Jede Scheuerfrau hätte Auskunft über sie geben können. Nur wir haben ben Braten nicht gerochen, ober nicht riechen wollen, obwohl er weiß Gott schon kilometerweit gestunken hat. Jetzt haben roir’s! Jetzt sitzt uns ber Knochen in ber Kehle unb geht nicht 'rauf mehr und nicht'runter. Und wir werben bran ersticken? Jawohl! Das werben mir. Ober wissen Sie vielleicht, wie man ihn am Enbe noch herausbringen kann, Herr Generalbirektor."
Terrys Gesicht war grau, unb bie kaum verharschte Schramme leuchtete. „Sie müssen die Um- stänbe berücksichtigen, Herr Amselmanns
„Ha, bie Umstände! — Alles bie Umstände! Dann müßte es allen anberen auch so gehen."
l Fortsetzung folgt!)


