Transvaal erholen konnten, da wurden im Jahre 1886 am Witwatersrand märchenhaft reiche Goldvorkommen entdeckt.
Die Goldminen am „Rand" hielten den europäischen Einwanderer gerade an der Stelle der Ostküste Südafrikas fest, von wo aus das tropische Afrika für weiße Siedler am leichtesten bei schrittweiser Akklimatisation hätte besetzt werden können. Dabei mußten die Gold- und Diamantenfunde in einem Gebiet, das die Buren als Acker- und W e i d e r a u m für sich abgesteckt hatten, die Feind- sckaft der Engländer aufs äußerste verschärfen. Die Ausbeutung der Goldminen mit Hilfe britischen Kapitals und Unternehmungsgeistes wurde freilich durch allerhand Quertreibereien und Schikanen Ohm Krügers erschwert, bis England, aufs äußerste gereizt, den „B u r e n k r i e a" entfesselte, wodurch es im Grunde auf ähnliche Weise zugunsten der. Japaner die Vorherrschaft im Fernen Osten verspielte, wie vorher bei den napoleonischen Kriegen die Vorherrschaft in der Neuen Welt zugunsten des Nankee- tums.
England gewann durch den Sieg über die Buren freien Zugang zu den Goldschätzen Südafrikas. Jetzt konnte sich Johannesburg, das in diesem Jahre sein 50. Bestehen feiert, in amerikanischem Tempo zur modernen Großstadt entfalten. Heute wohnen etwa eine halbe von den rund zwei Millionen Weißen ganz Südafrikas in Johannesburg und den Trabantensiedlungen, die im Bereich der Goldminen entstanden sind. Das nachhaltige A n - ft e i a e n des Goldpreises f)at nicht nur dem Wirtschaftsleben in und um Johannesburg, sondern in ganz Südafrika einen mächtigen Auftrieb gegeben. Dieser Aufschwung trifft zusammen mit der durch die Mittelmeerkrise gesteigerten Bedeutung des Seeweaes um das Kap Horn für die britische Schiffahrt und Reichsverteidigung.
Diesem Bedeutungswandel entspricht das vom Mutterlande eifrigst aeförderte Vorhaben, in Johannesburg anläßlick seines Jubiläums zum ersten- mal eine britische Reichsausstellung außerhalb Englands zu veranstalten; sie soll vom 15. September d. I. an bis zum 15. Januar 1937 offen sein. Das Mutterland, alle Dominien und Kolonien, sowie viele fremde Länder werden vertreten sein. In nie gebotener Vollständigkeit wird man Zeugnisse und Darstellungen der technischen Errungenschaften aller Teile des britischen Imperiums in den verschiedenen Pavillons zusammen schauen können, und es wird ebensowenig an großartigen Veranstaltungen für die Kurzweil der Besucher fehlen, zum Beispiel einem 10 000 Zuschauer fassenden Freilufttheater, einem Eispalast, Musik- und Tanzhallen usw.
Der besonnene Afrikaner läßt sich durch den Glanz einer goldenen Konjunktur und eines goldenen Jubiläums kaum blenden. Wenn sich in Südafrika eine verhältnismäßig dichte Besiedlung durch europäische Einwanderer aus eigener Kraft entwickeln konnte, so ist das vorwiegend auf die Pioniereigenschaften des Burenelenkentes zurückzuführen. Diese Tatsache konnte durch den Sieg der Engländer nicht aus der Welt geschafft werden. Was Wunder, daß in der aus der Versöhnung zwischen Siegern und Besiegten heroorgegangenen südafrikanischen Union die burische Forderung einer strengen Rassenscheiduna immer stärker zur Geltung kam. Heute ist man oabei, mit dem letzten Ueber- reft formaldemokratischer britischer Kolonialpolitik, dem „gleichen" Negerwahlrecht in der Kap-Provinz, aufzuräumen. Ob freilich die beiden vom Bundesparlament angenommenen neuen Gesetze, „Representation of Natives Bill“ und „Native Land and Trust Bill“ uneingeschränkt in Kraft treten werden, hängt von etwaigen Einsprüchen des General-Gouverneurs und der britischen Krone ab, wie sie eine lebhafte öffentliche Propaganda in Südafrika wie in England heraufzubeschwören sucht. Im großen und ganzen aber dürften sich die Dinge nach wie vor im Sinne fortschreitender Rassenabsonderung entwickeln. Man sucht die Eingeborenen mit ihrer wahrscheinlichen Ausschaltung aus der unmittelbaren Zusammensetzung der eigentlichen Parlamente dadurch zu versöhnen, daß man ihnen eine Ausdehnung der ihnen oorbeha l t enen Siedlungsgebiete von 8,8 auf 15 Millionen Hektar und die Schaffung einer aus Wahlen heroorgehen- den eigenen beratenden Körperschaft in Aussicht stellt. Dagegen soll das Recht des
Grundbefitzerwerbs durch Schwarze außerhalb dieser Reservationen überall aufgehoben werden. , r ,r, _
Man macht auf britisch-imperialistischer Seite gegen diese Ausscheidung geltend, daß das Wahlrecht der Schwarzen in der ehemaligen Kap-Kolo- nie niemals mißbraucht worden wäre. Das würde aber nur beweisen, daß der Schwarze sich in Südafrika bisher nicht getraute, aus seiner zahlenmäßigen Ueberlegenheit herausfordernde politische Folgerungen zu ziehen. Bei der unausgesetzten Beeinflussung der Negergemüter durch sozial- revolutionäre, panäthiopische, panislamische, japanisch-imperialistische und andere Aufwiegler ist jedoch die Achtung vor der Ueberlegenheit der weißen Rasse rasch im Schwinden begriffen. Das ist der Grund, weshalb sich die geborenen weißen Afrikaner, die „Afrikanter", immer geschlossener zu der Auffassung bekennen, die für die Buren von jeher selbstverständlich war: daß der weiße Mann in Afrika seine Ueberlegenheit um so eher behaupten kann, je entschlossener er sich gegenüber der steigenden Flut zum Bewußtsein eigener Rassenwerte erwachter Farbiger auf sich selbst zurückzieht.
Nun beträgt freilich d i e Zahl derWeißen in Südafrika nur ein Fünftel derjenigen der Schwarzen, während zwischen Südafrika und der
Sahara ungefähr 80 Millionen Eingeborene kaum 150 000 Weißen gegenüberstehen. Gerade die Goldminen am Rand konnten sich eines Tages als eine lockende Beute für Eroberer erweisen „Was sur einen Naboths-Weinberg", äußerte neulid) ©en - ral Smuts in einer Rede, wurden wir für ö Welt bedeuten, wenn wir " der Stunde der ©e fahr keine Freunde hätten." Als die Vorvater des Volkes der Vereinigten Staaten sich vom Mutterlande losgerissen hatten, konnten sie sich> für ihre Sicherheit auf die trennende Wirkung der Welt meere verlassen, zwischen denen ihr.Ausbreitungsgebiet lag. Das waren damals für eine "?chhaltlge Kräfteausstrahlung aus anderen Erdteilen noch Wasserwüsten. Südafrika wie andere Teile Afrikas, die überhaupt noch Aussicht haben dauernd „weißen Mannes Land" zu bedeuten, können nicht m unbedingter Unabhängigkeit von den Mutterländern ihr Heil suchen, wohl aber in einer solchen 'öerid)= tiqung einer verkehrten überlieferten Kolonialpolitik, die die für Weiße geeigneten Siedlungsraume gegen festlandeuropäische Kraftüberschüsse an Menschen und Kapital zu sperren und die „Volker ohne Raum" von den Vorteilen der Ausnutzung natürlicher Hilfsquellen in kolonialen Gebieten auszu- schließen trachtet.
Entdeckungen und Ersahrungen in Aordchina.
Von unserem H.Tr.-Äm'chterstatier.
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!)
II.
Tienlsin-Vunimel.
Tientsin, Anfang Mai 1936.
„Master!... Master!... Motor-Car... Motor- Car!... Won Dollar!... mit hochgerecktem Daumen umringen mich 27 chinesische Chauffeure auf dem Hauptbahnhof Tientsin, 17 versuchen mir das Gepäck zu entreißen und 7 versuchen mich mit allen Kniffen ihrer unverständlichen Überredungskunst zu den nichtkonzessionierten „Motor-Cars" ihrer unsichtbaren Auftraggeber zu locken, die irgendwo versteckt in irgendeiner Seitengasse stehen und die angeblich zu konkurrenzlos billigen Preisen bis ans Ende der Welt zu fahren bereit sind.
Wum!... Bum!... Bu-bu-bum!--ein paar
Kanonenschüsse. — Waas? Es schießt? Sollte etwa? ... ratatatattatat... Maschinengewehrfeuer! — Ich werfe dem ersten besten Kuli mit dem dicksten Daumen den Handkoffer zu: „Da! nimm! Und jetzt Marsch-Marsch ins P-Hotel!" — Mit ein paar Püffen wird Bahn in die Schar der Chauffeur-Konkurrenten gebrochen, rein in den Wagen, der Motor springt an... Wum! — wieder ein Kanonenschuß... fernes Maschinengewehrfeuer ... ratatatatatat...: Dicke Luft,
Heber den „Weißen Fluß" rast der Wagen in die „Französische Konzession", vor irgendeinem Hotel ein starkes Polizeiaufgebot: baumlange chinesische Polizisten in französischen Uniformen mit dem charakteristischen Käppi auf dem Kopf. „Was ist denn nun hier schon wieder los?" Der Chauffeur dreht sich um, fletscht grinsend die Zähne und macht mit der Hand die Bewegung des Pistolenschießens. Gleich darauf hält der Wagen vor dem wohlbekannten „Stamm-Hotel". Herzliche Begrüßung durch den ebenso wohlbekannten „Mänädscher".
„Tag! Tag! Jawohl! Wieder mal im Lande... warum schießt es denn bei Ihnen? Warum die Polizeiabsperrung in der Französischen Konzession?"
„Ach! nichts weiter! Heute mittag ist dort der chinesische zweite Bürgermeister in feinem H o - tel ermordet worden!"
„So! So! Ermordet! War wohl ein Japaner- freund?"
„Gewiß. Deswegen! Irgendein chinesischer Nationalist hat die Sache sehr geschickt gemacht: Im Auto vor dem Hotel vorgefahren, ohne Anmeldung rauf, angeklopft, den Mann mit fünf Schüssen über den Haufen geknallt, Treppe im Marsch wieder runter, rein ins Auto und ab in die Chinesenstadt ... da soll ihn mal einer finden! Ach ja!... sind schon bewegte Zeiten!... Darf ich Ihnen Ihr Zimmer vom vorigen Male geben?
„Ich bitte sogar darum..."
Das, was in Deutschland die Begriffe „Bremerhaven", „Weser" und „Bremen" sind, sind in Nordchina die Namen „Taku", „Weißer Fluß" (chinesisch Peiho) und „Tientsin". Mit anderen Worten: Taku — aus dem Boxerkrieg wohlbekannt und durch die Beschießung der Taku-Forts durch den „Iltis" berühmt geworden — ist der eigentliche Hafen von Tientsi n, das man von hier aus mit der Bahn in zwei Stunden erreicht. Hier legen die großen Überseedampfer an, deren Waren dann mit Schleppern oder kleinen Dampfern auf dem Peiho nach Tientsin weiterbefördert werden, weil die „großen Kästen" über die „Barre von Taku" — Sandablagerungen der Peiho-Mündung — nicht Hinwegkommen. Dieses Taku ist übrigens von den sogenannten „Nordchinesischen Autonomisten", die sich von der Nanking-Zentralregierung losgesagt haben und die mit den Japanern auf das engste „Zusammenarbeiten", besetzt worden, so daß also de fakto heute Japan die Aufsicht über die Mündung dieser wichtigen Wasserstraße ausübt und damit nicht nur Tientsin, sondern auch Peking kontrolliert. Denn Taku und Tientsin waren von jeher die eigentlichen Sprungbretter für Peking ... das hat bereits der Boxerkrieg von 1900 bewiesen, als die Truppen der verbündeten Mächte auf dem gleichen Wege marschierten, den heute Japan allein eingeschlagen hat. Das Hauptquartier der Japaner befindet sich bereits seit Jahr und Tag in Tientsin, und zwar in der „Japanischen Konzession", wo jene weitgesteckten Pläne geschmiedet werden, die das Gesicht der Fernöstlichen Welt von Grund auf verändern sollen.
Das Wesen einer „Konzessiv n" läßt sich ebenfalls wieder am besten an einem deutschen Beispiel erläutern: Nehmen wir einmal an, wir hätten irgendeinen Krieg restlos verloren. Darauf kommen Chinesen, Engländer, Japaner, Russen, Franzosen und andere nach Hamburg und beschlagnahmen dort alles bebaute und bewohnte Gelände rechts und links der Alster, wo es am schönsten ist und richten sich dort häuslich ein. Das heißt: „ziehen" dort eine eigene Stadtverwaltung auf, in der die deutschen Behörden in keiner Weise etwas zu sagen haben, Stadtviertel mit eigener Bürgermeisterei, eigener Polizei, eigener Post und anderen Einrichtungen, die nun eben einmal zu einer „autonomen Stadt in der Stadt" gehören. Diese „Autonome Stadt" hat dann noch eine eigene militärische Schutztruppe, sie erhebt Steuern und Abgaben — kurzum, ist eine fremde Stadt auf deutschem Boden, und zwar dort, wo er am teuersten und am besten ist ... das ist eine „Konzession". Soll heißen, eine Konzession, die die machtlosen Chinesen nach dem Boxerkrieg den Engländern,
Franzosen, Deutschen, Italienern, Russen, Japa- nern und Oesterreichern machen mußten. Alle diese sieben Staaten haben sich damals aus der über eine Million Einwohner zählenden Stadt Tientsin das ihnen am geeignetsten erscheinende „Stuck heraus- geschnitten und es im Laufe der letzten dreißig Jahre zu einer mnbevien Stadt ausgestaltet, die in jeder Hinsicht den Charakter des jeweiligen „Okkupationslandes" trägt. Diese fremden Konzessionen ziehen sich unmittelbar am Peiho hm und schöpfen dessen „wirtschaftlichen Rahm' ab, man* rend dahinter, sozusagen im „©angemertet die Chinesen wohnen „dürfen", was im Zeichen des erwachenden chinesischen Nationalismus erklärlicherweise die „Beliebtheit" der „Fremden" ms Un- gemessene steigert.
Auch wir Deutschen haben in Tientsin eine solche „Konzession", aber leider — oder soll man sagen: Gott sei Dank — führt sie heute die amt- liche Vorsilbe „E x" und heißt mit ihrem vollstan- digen Namen „Ex-German-Concession". Genau so ist es der ö st e r r e i ch i s ch e n Konzession ergangen. Beiden Ländern wurde seinerzeit auf Betreiben Englands die Konzession von den Chinesen fortgenommen und alle deutsch-österreichischen Sonderrechte aufgehoben. Das haben sich die Engländer wohl damals genau so wenig überlegt, wie die Sache mit dem „Selbstbestimmungsrecht der Völker", denn schon jetzt stellen japanische Zeitungen hier und da Betrachtungen darüber an, daß es eines Staates unwürdig sei, solche fremden Konzessionen auf seinem Grund und Boden weiterhin zu dulden. Infolgedessen ist in Tientsin die große Frage heute die: was wird aus der englischen, der französischen und der italienischen Konzession, wenn Japan tatsächlich sein großes Nordchina- Programm verwirklichen sollte? Daß dann auch die Stunde der Konzessionen dieser Mächte in Tientsin (und auch in anderen chinesischen Städten) geschlagen haben dürfte, darf man wohl als sicher annehmen — — sehr schmerzlich für die davon Betroffenen.
Machen wir gleich mal einen Bummel durch die Ex-German-Concession, die in jeder Hinsicht ein unverfälschtes Stück Deutschland ist. — Stellen sie sich also zunächst mal den Pei-Ho wie einen normalen deutschen Fluß, etwa die Elbe bei Magdeburg vor. Am Kai liegen die großen Handelsfirmen, hier legen die Dampfer, Schlepper und Leich- ter an und dort, wo in Magdeburg — parallel zur Elbe — der wohlbekannte „Breite Weg" läuft, zieht sich in Tientsin — ebenfalls parallel zum Pei-Ho — eine unendlich lange, breite asphaltierte Straße hin, die, in der französischen Konzession beginnend, durch die englische Konzession laufend in der Ex-German-Concession endet und die — obwohl ein Ganzes — in jedem der drei Stadtviertel einen anderen Namen führt. „Kaiser-Wilhelm- ' Straße" hieß diese Verlängerung „Viktoria-Road" einst, heute ist sie in „Woodrow--Wilson-Street" umgetauft worden ... der ganze lange „Boulevard" rechts und links von pompösen Hotels, Bankpalästen, Geschäftshäusern und anderen Monumentalbauten eingerahmt, ein „Prospekt" der sich in nichts von irgendeiner Luxus-Geschäftsstraße in irgendeiner City des fernen Westens , unterscheidet. Ein kleiner Unterschied besteht allerdings doch, und das sind die Polizisten: alles baumlange Schantung-Boys, die in der französischen Konzession die wohlbekannten „Käppis", in der englischen Tropenhelme und in der Ex-German natürlich keine Pickelhauben oder Tschakos, son- die Schirmmütze, die übliche Kopfbedeckung der chinesischen Standpolizisten tragen.
Mittelpunkt dieser deutschen Konzession ist das pompöse Gebäude des „Deutschen Klub", das eigenartig an die Kaiserpfalz in Posen erinnert und der, wie in allen anderen deutschen Kolonien, den
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Höhe des Jahres.
Sonnwend Betrachtung von Wilhelm von Scholz.
Schon als Junge habe ich mir darüber Gedanken gemacht, wie seltsam es doch ist, daß der Sommer beginnt, wenn die Tage anfangen, kürzer zu werden, und der Winter, wenn endlich die Sonne ihren tiefsten Stand erreicht hat und es von Tag zu Tage mit dem Licht und der Helligkeit bergauf geht. Mir erschien das unlogisch. Eigentlich, so sagte ich mir, müßte doch der längste Tag gerade mitten im Sommer und der kürzeste mitten im Winter liegen! Freilich gaben Hundstagshitze hier, Schlittfahrten und Eisbahn dort dem Kalender, der vom 21. Juni an den Sommer und vom 21. Dezember an den Winter angesetzt, durchaus Reckt.
Allmählich reifte die Erkenntnis in mir, daß die sichtbare Auswirkungen eines erreichten Höhepunktes offenbar noch nicht mit ihm zugleich da fein kann sondern ihre Zeit braucht, sich zu entwickeln: daß also die wirklich eintretende Höhezeit eigentlich den unmerklich bereits begonnenen Abstieg überdeckt.
In der Welt des Schrifttums, der Kunst, der Wissenschaft taucht ein neuer Name auf — ich meine nicht so sehr ein einzelnes Sensationswerk als vielmehr einen Namen, der, bisher wenig oder gar nicht bekannt, von einem gewissen Zeitpunkt an öfter als der eines achtunggebietenden Mannes genannt wird. Da bin ich als junger Mensch genau so erstaunt gewesen, wie als Kind über den Sommeranfang nach dem längsten Tage, daß solch ein neuer Name, wenn er zu mir drang, meist einem Manne zugehörte, der Höhe oder wenigstens Mitte des Lebens und wahrscheinlich auch des Schaffens schon überschritten hatte und ein älterer Mann war. Natürlich: er konnte ja erst mit feiner besonderen Schöpfung in die Weite bringen, nachdem er in der Stille ein ordentliches Stück Arbeit geleistet und ein großes oder doch' irgendwie bedeutsames Werk hingestellt hatte.
„Ruhm und Ehren sind die Zeichen", sagt der Apberist, daß wir anfangen, alt zu werden!"
„So weit im Leben ist zu nah am Tod" lautet ein Vers in Hebbels „Sommerbild", einem seiner schönsten Gedichte: von der wundervoll aufgegangenen, in der höchsten Vollendung des Blühens leuchtenden Rose. Es ist die Tragik des erreichten Höhepunktes, daß der Weg von ihm nur wieder abwärts führen kann, das Ziel zugleich Ende eines bestimmten Strebens bedeutet. Im Sinnbild zwar umgekehrt, ist sachlich doch etwas ganz Achnüches
in dem drolligen Eulenspiegelstück ausgesprochen: daß der närrische und vielleicht gar nicht so närrische niederdeutsche Schalk sich beim Bergaufgehen freut, weil bann ein bequemes Bergabgehen folgt; beim bequemen Bergabgehen traurig ist, weil die Mühe des neuen Steigenmüssens schon wieder nahe gerückt ist. Und es soll sogar Leute geben, die sich nicht nur im Sommer vor dem nächsten Winter fürchten, sondern schon im Winter vorher nur an den nächsten Winter und gar nicht an den vorher erst noch kommenden Sommer denken.
Das sind wahrlich keine Lebenskünstler, denen es sich empfiehlt, nachzutun. Aber doch erlebt man selten einen Höhepunkt im Dasein ohne einen kleinen Schuß Wehmut und Wermut darin, baß er mit dem Erreichten auch schon überschritten ist.
Man soll sich bas nicht verheimlichen! Und den- noch soll man sich freuen unb glücklich f»in, baß wir nun einmal — unb der Tüchtigste, tungs- fähigste am allermeisten! — vom innersten Innern heraus gezwungen ist zu blühen. Frucht zu tragen unb dann rasch zu welken. Wir müssen uns entwickeln, entfalten, obwohl auch uns bann das Welken droht.
Aber es gibt im Menschenleben glücklicherweise nicht nur einen einzelnen Höhepunkt, wie ihn die Pflanze im Blühen und Fruchttragen hat. Die Lebensalter, die der Mensch durchläuft, sollen jedes auf eine besondere, gerade diesem Lebensalter eigentümliche Höhe führen; und ist sie erreicht, darf der Mensch wieder von vorn beginnen und muß eine neue Höhe erklimmen. Oft halten Hindernisse, über die er klagt unb schilt, ihn länger vor bem Ziel fest, als ihm lieb ist, und haben zuletzt nur sein Leben voller, reicher gemacht.
Die Jugendkraft und -leidenschaft erreicht ihren Höhepunkt für sich, die männliche ruhigere Ueberlegenheit und der nicht mehr stürmische doch entschlossenere und unbeirrtere, festere Willen einen anderen; und zur Weisheit des Alters ist noch einmal das Ersteigen vieler Stufen möglich. Im Leben jedes, auch des einfachsten Menschen, ist es so.
Sichtbar zu machen ist es freilich bei dem bedeutenden Menschen, dessen Leistung der Allgemeinheit gehört, am leichtesten. Wir denken, wenn wir ein sinnvoll gelebtes Leben als Beispiel aufstellen wollen, gern an Goethe. Es ist klar, daß ein Leben, bas sich in gültigen Werken ausgebrüdt hat, auch uns anberen zur Einsicht offen steht, während mir bei den Leben, die still und ungesehen ihre Entwicklung durchlaufen, nur zufällig einmal davon erfahren, ob sie Höhezeiten gehabt 'haben ober erhebungslos hingegangen finb. Bei Goethe ist es für jebes Auge zu sehen, daß der Jüngling schon zu einer Höhe aufstieg, wie sie nicht jeder Dichter
selbst in späteren Jahren erreicht, unb als sie überschritten war, der noch tmrenbe Stürm-r unb Dränger wieder zu einem Höhepunkte gelangte, wie er selten Sterblichen beschieden ist. Hatte er "einen Gipfel verlassen müssen, stand der nächste schon vor seinem inneren Auge, und Goethe eilte reifend ihm entgegen. Immer noch einmal erreichte er in der Gipfelkette seines Lebens einen Punkt, von dem es für ihn kein Höherhinauf gab, geschweige denn für andere. Aber er erkannte fern wieder einen Gipfel.
Das kann uns allen Ansporn sein, in jedem Jahrzehnt unseres Lebens das Tüchtigste und Beste zu leisten, bas jedem Jahrzehnt an Möglichkeiten gegeben ist. Wenn wir das einmal erkannt haben, daß es im Leben nicht mit einer Höhezeit vorüber sein muß, dann ist auch bas Erreichen eines Gipfels nicht mehr mit Wehmut gezeichnet; bann sinkt man ohne Kummer, neue Höhen im Blick, erst wieder ins Tal hinab.
Längst habe ich mich im Laufe des Jahres daran gewöhnt, wenn mit dem 21. Juni der längste Tag gekommen ist und die Tage sich wieder zu kürzen beginnen, mir zu sagen, nun, was schadet es? Der schönste Teil des Jahres mit feiner Wärme und den Sommerfreuden kommt ja erst! Und Ende Dezember, wenn die Kälte unb das schlechte Wetter anheben wollen, dann tröste ich mich: ach, die Tage werden schon wieder länger, da ist es mit bem Winter nicht mehr so schlimm. Ich glaube, daß bas keine sehr tiefsinnige aber eine gut brauchbare Philosophie ist. Beginnen mir also mit froher Hoffnung den Sommer, der jetzt anfängt! Man merkt es ja noch lange kaum, baß bie Tage abnehmen!
ßin stereoskopischer Film.
Ein stereoskopischer Film ist kürzlich in London einem geladenen Publikum vorgeführt worden und wird demnächst im Programm des Empire-Theaters erscheinen. So neu und aufsehenerregend die Anwendung des Stereoskops für den Film auch sein mag, so ist die Sache selbst doch im Grundsatz keineswegs neu. Sie beruht auf dem altbekannten unb irütjer für Scherzbilder oft angewandten Verfahren, die beiden Bildteile in zwei verschiedene Farben auf weißes Papier zu drucken und durch eine Brille mit Gläsern entgegengesetzter Farbe zu betrachten. Wenn ein Svda-Syphvn dem Publikum ins Gesicht spritzt ober ein Fußball aus sie zuftiegt, so ist bie Wirkung außerordentlich und wird mit Kreischen und Lachen beantwortet. Während des ersten Films dieser Art, der je gezeigt wurde, ergriffen öie Zuschauer die Flucht vor einem Zug, der gerade auf sie zuzukommen schien. Die Wirkung des "neuen Films ist genau dieselbe. Er heißt „Aüdioscopiks",
wurde von Peter Smith für bie Metro-Goldwyn- Mayer hergestellt unb endete mit einer haarsträubenden Autofahrt. Der angewandte Kunstgriff ist der, daß verschiedene Aufnahmen von zwei Punkten in ganz kurzen Abständen gemacht werden, die die Szene so barstellen, als mürbe sie von jedem einzelnen Auge gesehen. Die gewonnenen Bilder werden übereinanoergedruckt, je in Rot unb Grün. Man nennt das „Anaglyph". Schaut man nun durch eine Brille mit grünen unb roten Gläsern, so kommen bie zwei Bi Iber heraus, unb zwar in Schwarz-Weiß. Der Nachteil ist, baß nach zehn bis fünfzehn Minuten eine Überanstrengung der Augen eintritt, durch welche die stereoskopische Wirkung verloren geht.
Oie ältesten Schiffe.
Da bie ältesten erhaltenen Funde von Schiffen sehr spärlich sind und aus verhältnismäßig junger Zeit stammen, sind wir auf bie bildlichen lieber- lieferungen angewiesen, wie sie die Malereien in den ägyptischen Tempeln, die Skulpturen in den Palästen der assyrischen Könige oder auch die nordischen Felszeichnungen zeigen. In der ägyptischen Kunst sehen mir bereits auf Wandbildern der vierten Dynastie, etwa 2500 v. Ehr., eine reiche Auswahl von Booten, die aus Papyrus gebunden sind, und in Assyrien steht am Anfang ein vollendet geformtes silbernes Bootsmodell aus Ur. In all bie- fen Bildern, auch in den nordischen Felsenbildern, tritt uns schon eine hohe Stufe der technischen Verwendung entgegen, so daß eine längere Entwicklung Dorausgegangen sein muß. Es läßt sich, wie Dr. H. A. B e r n a tz i k in der Monatsschrift „Atlantik ausführt, feststellen, daß sd)on in der Stein- 3eit seetüchtige Schiffe vorhanden waren, bie die Besiedlung ferner Inseln ermöglichten. In der Bronzezeit gab es schöne Boote, bie von einer zahlreichen Mannschaft gepaddelt wurden und doppelten Vordersteven hatten. Im Aegäischen Meer finbet man zur früheren Bronzezeit Ruderschiffe mit hohem Bug, andere wieder mit hohem Heck unb Achterkajüte. Die Schiffe der Völker Mesopotamiens dienten schon im fünften Jahrhundert v. Chr. dem Verkehr. Die Phönizier waren Jahrhunderte hindurch die berühmtesten Schiffbauer, und sie waren auch die Lehrmeister der Griechen. Außerordentliche Leistungen waren die Schiffe der Römer, die 4000 Tonnen Ladefähigkeit und bis zu 4000 Ruderer hatten. Aus ihnen sind die Kriegsruderschiffe des Mittelalters, bie Galeeren, hervorgegangen. Dis Schiffe der Wikinger waren vorzüglich geklinkerte Kielboote, vorn und hinten spitz, mit einem Steuerniber und zum Segeln unb Rudern eingerichtet.


