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Nr. 43 Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen) vonnerrtag, 2V. Zebruar 1956
Aus aller Welt.
Zwei britische Flugzeuge abgestürzt.
Die britischen Luftstreitkräfte haben in der Nacht zum Mittwoch zwei schwere Verluste erlitten. In den frühen Morgenstunden stürzte in der Grafschaft Sussex ein Nachtbombenflugzeug ab und ging in Flammen auf. Von den vier Insassen wurden drei getötet, während der Flugzeugführer, ein Unteroffizier, schwere Verletzungen erlitt. Die Maschine wurde fast vollständig ein Opfer der Flammen.
Das zweite Flugzeugunglück trug sich in der Nacht im Aermelkanal zu, wo ebenfalls ein britisches Flugzeug aus noch unbekannten Gründen niederging und versank. Drei Mitglieder der Mannschaft werden als vermiß gemeldet; sie dürften wahrscheinlich ertrunken sein. Dem vierten Flieger gelang es, schwimmend die Küste zu erreichen. Von Le Havre aus sind Schiffe in See gegangen, um nach den vermißten Fliegern zu suchen. Der gerettete Fliegeroffizier erzählte, daß sämtliche vier Insassen des Flugzeuges gleichzeitig versucht hätten, das Ufer schwimmend zu erreichen, nachdem sie über 20 Minuten an Bord des Flugzeuges geblieben seien. Die drei anderen Mitglieder der' Besatzung seien jedoch durch die starke Drift auf das Meer hinausgespült worden und dort ertrunken. Ein Franzose habe versucht, in einem leichten Sportboot die Flieger zu retten, sei aber dabei um ein Haar selbst verunglückt. Er habe von dem Kanu aus zwei Leute im Wasser gesehen und einem der beiden einen Rettungsgürtel zugeworfen, der ihn gerettet habe. Da kein zweiter Rettungsgürtel vorhanden gewesen sei, sei der Franzose an Land zurückgekehrt, um einen zweiten zu holen. Bei seiner Rückkehr sei jedoch keine Spur mehr von dem zweiten Schwimmer zu sehen gewesen. Das Kanu selbst sei zu klein gewesen, um mehr als einen Mann auszunehmen.
Fünf Tote beim Absturz eines australischen Bombers.
Sechzig Kilometer von Sydney entfernt ist ein australisches Bombenflugzeug abgestürzt. Bei dem Unglück sind fünf Personen ums Leben gekommen.
Strenger Winter in Ostpreußen.
In Ostpreußen herrscht st r e n g e r Frost. In Königsberg wurden 18 Grad unter Null gemessen. Im ganzen Gebiet ist viel Schnee gefallen. Der scharfe Nordostwind hat auf den Straßen große Schneewehen gebildet. Auf der Elbinger Höhe haben die Schneewehen eine Höhe von mehreren Meter erreicht, so daß nur noch die Baumkronen aus dem Schnee herausragen. Das Frische Haff ist völlig zugefroren. Fußgänger und Schlitten überqueren die Eisfläche.
Schneesiurm in Dänemark.
lieber einem großen Teil Dänemarks tobte ein heftiger S ch n e e st u r m. In Nordseeland war der Verkehr fast völlig lahmgelegt, Mehrere Eisenbahnzüge blieben im Schnee stecken. Große Verkehrsschwierigkeiten verursachte der Schneesturm auch auf der Insel Bornholm, deren östlicher Teil fast gänzlich von der Umwelt abgeschnitten wurde. Ein Eisbrecher soll nach den zwischen den Inseln Falster und Seeland gelegenen Storström auslaufen, wo Eismassen den Verkehr zwischen beiden Inseln erschweren.
Schwedischer Kriegsschiffbesuch im Kieler Hafen.
Der schwedische Fluazeugkreuzer „Gotland", unter dem Kommando des Kapitäns z. S. K. G. Rud - berg, traf nach einer Fahrt durch den Nordostseekanal im Kieler Hafen ein. Das schwedische Kriegsschiff wird kurze Zeit im Kieler Hafen liegen bleiben. Für diese Zeit ist ein Besuchsaustausch zwischen der Kriegsmarine, der Luftwaffe, dem Oberpräsidenten und dem Kieler Oberbürgermeister mit dem Kommandanten vorgesehen. Eine Reihe von Veranstaltungen, darunter ein Empfang durch die Stadt Kiel im Rathaus, werden den Aufenthalt in der Kriegsmarinestadt Kiel abwechslungsreich gestalten.
Sowjetrussischer Eisbrecher verschollen.
Seit vier Tagen ist im Kaspischen Meer der sowjetrussische Eisbrecher „Schaumjan" verschollen. Er war von Machatsch-Kala an der Westküste nach der an der Ostküste gelegenen Stadt Alexandrowsk ausgelaufen. Kurz nach der Ausfahrt sandte das Schiff plötzlich 808-Rufe. Seitdem hat man nichts mehr von ihm gehört.
Zwei englische Fischdampfer unlergegangen.
Der englische Fischdampfer „Merrivale ist mit 13 Mann Besatzung in der Nähe der Orkney-Inseln untergegangen. Es wird angenommen, daß das Fahrzeug im dichten Nebel auf einen Felsen gelaufen ist. Ein weiterer Fischdampfer mit sieben Mann Besatzung ist bei den Shetland-Inseln gescheitert. Man befürchtet, daß auch in diesem Falle niemand mit dem Leben davon gekommen ist.
Sühne für einen Totschlag.
Das Schwurgericht München II verurteilte den Johann Bergmann aus Eichenried wegen Totschlags zu '4 Jahren Gefängnis und '5 Jahren Ehrverlust. Außerdem wurde Haftfortdauer angeordnet. Das Gericht hat Bergmann auf Grund des Indizienbeweises als den Mann angesehen, der in der Nacht zum 27. August 1934 einen Münchener Radfahrer, mit dem er in Streit geraten war, auf der Landstraße erstochen hat. Obwohl § 51 bei der
Urteilsbemessung nicht in Frage kam, wurden dem Angeklagten wegen seiner Angetrunkenheit und weil er gereizt- war, mildernde Umstände zugebilligt. Erschwerend wurde berücksichtigt, daß Bergmann schon einmal einen Menschen getötet hat, ferner die Roheit seiner Tat und auch sein beharrliches Leugnen. Der Staatsanwalt hatte wegen Totschlags 6 Jahre Zuchthaus beantragt.
Hinrichtung eines Mörders.
In Insterburg (Ostpr.) ist der 1899 geborene Martin Ennulat h i n g e r i ch t e t worden. Ennu- lat ist wegen Mordes zum Tode verurteilt worden, weil er die Bäuerin Helene Poetschaft in Dickschen hinterrücks erschossen hatte, um sich der Strafverfolgung wegen zweier bei ihr begangenen Getreidediebstähle zll entziehen.
Acht Monate Gefängnis für einen Messerhelden.
In Ludwigshafen war es zwischen dem 41jähri- gen Emil Hoffmann, der mit seiner Geliebten, einer jungen geschiedenen Frau, und anderen Bekannten ein Cafe besuchen wollte, zu einem Zusammenstoß mit dem früheren Ehemann der jungen Frau gekommen. Dieser hatte dabei einen Messerstich, zwei Finger breit vom Herzen, erhalten. Einem glücklichen Zufall war es zu verdanken, daß der Stich nicht tödlich wirkte. Den Stich soll Hoffmann geführt haben. Vo dem Schöffengericht bestritt dieser die Tat, wurde aber als überführt er
achtet und zu acht Monaten Gefängnis verurteilt.
Fünf Todesopfer bei einem Grohfeuer in USA.
In Columbus im Staate Ohio (USA.) ist die alte Versammlungshalle der in Amerika weitverbreiteten Vereinigung „Orden der Kolumbus-Ritter" durch ein Großfeuer vollkommen eingeäschert worden. Fünf Feuerwehrleute sind durch einstürzende Wände getötet, zwölf Feuerwehrleute schwer verletzt worden.
Aerzletagung in Wiesbaden.
Die vom Reichsärzteführer gegründete „Reichs- arbeitsgemeinschaft für eine neue deutsche Heilkunde" hält vom 21. bis 23. März in Wiesbaden ihre erste Reichstaguna ab. Das Programm umfaßt etwa 30 wissenschaftliche Vorträae; unter anderem wird auch der Reicks- ärzteführer Dr. Wagner sprechen. Auch findet eine gemeinsame Tagung mit der „Deutschen Gesellschaft für innere Medizin" statt.
Tonkünstlerversammlung in Weimar.
Die diesjährige 67. Tonkünsllerversammlung des Allgemeinen Deutschen Musikoereins findet im Juni in Weimar statt. Sie wird verbunden sein mit einer Gedenkfeier für Franz Liszt, den Gründer des Vereins. An den Aufführungen neuer deutscher Werke werden sich auch die Stäktte Jena und Eisenach beteiligen.
Eine200-Kilomeier-Giun-engeschwin-igkeit im öffentlichen Verkehr -er Reichsbahn.
NeuerGchnelligkeitsrekord eines diesel-elektrischen Triebwagens zwischen Berlin undHamburS
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Berlin, 19. Febr. (DNB.) Auf einer Versuchsfahrt, die die Reichsbahn mit einem dreiteiligen diesel-elektrischen Schnelltriebwagen auf der Strecke Berlin — Hamburg am 17. Februar 1936 unternommen hat, wurde zum ersten Male mit einem für den öffentlichen Verkehr bestimmten Schienenfahrzeug d i e Geschwindigkeit von 200 Kilometer- Stunden erreicht. Derartige Geschwindigkeiten auf der Schiene sind bislang nur von reinen Versuchsfahrzeugen gefahren worden, und zwar zu Anfang des Jahrhunderts auf der Zossener Versuchsstrecke mit elektrischen Triebwagen und im Jahre 1932 auf der Hamburger Strecke mit dem Triebwagen des Diplom-Ingenieurs Krukenberg.
Bei dem Versuch am Dienstag handelt es sich | um einen dreiteiligen Schnelltriebwagen, wie er auf
der Jahrhundertausstellung der Reichsbahn in Nürnberg zu sehen war. Als Kraftanlage werden zwei Maybach-Diesel-Motoren von 6 0 0 PS Leistung verwendet, die eine Weiterentwicklung der im „Fliegenden Hamburger" eingebauten Motoren darstellen. Die elektrische Ausrüstung ist von den Firmen AEG. und Siemens in Gemeinschaftsarbeit und der Wagenteil von den Linke-Hofmann-Werken, Breslau, geliefert worden. Auf der Rückfahrt von Hamburg gelang es, zwischen Ludwigslust und Wittenberge eine Geschwindigkeit von 2 0 0 Kilometer-Stunden zu erreichen, nachdem vorher schon auf der Hin- und Rückfahrt verschiedentlich Geschwindigkeiten über 190 Kilometer gefahren waren. Neben der außergewöhnlichen Geschwindigkeit war besonders der ruhige und stoß-
freie Lauf des Fahrzeuges bemerkenswert, so daß alle Fahrtteilnehmer das Gefühl der unbedingten Sicherheit hatten.
Wenn auch mit diesem Wagen im späteren regelmäßigen Betrieb — er wird wahrscheinlich im Laufe des Sommers auf der Strecke Berlin— Breslau eingesetzt werden — diese Geschwindigkeiten nicht gefahren werden können, da die Streckenverhältnisse es nicht zulassen, so ist doch dieser neue Erfolg deutscher Schnelltriebwagen wieder ein Beweis dafür, daß die deutsche Industrie und mit ihr die Deutsche Reichsbahn in der Entwicklung des technischen Fortschrittes auf der Welt führend ist.
(Scherl-Bilderdienst-M.)
England und Kipling.
Von Paul Fechter.
Als Rudyard Kipling starb, wurde er in den meisten Nachrufen der deutschen Zeitungen vor allem der Dichter des englischen Imperialismus genannt, der Verkünder von Englands Herrlichkeit und Prophet der englischen Weltherrschaft. Es läßt sich nicht leugnen, daß Kipling einer der stärksten Vertreter dieses Imperialismus gewesen ist, der die „English Flag“ sang und die berühmten Verse von den Seven Seas, in denen die Städte des Empire von Bombay bis Auckland sich mit den Leuchtfeuern von Englands Küste vereinigen, um die Größe und Macht des Landes zu preisen. Kipling war Auslandsengländer von Geburt, war in Bombay geboren als Sohn eines sehr kultivierten englischen Vaters, der große Sammlungen besaß, und einer Mutter, die die Tochter eines Methodistenpredigers war und dem Sohn schon als Bluterbe die puritanische Tradition mitgab. Er hat seine Kindheit in Indien verbracht, war als Knabe nach England gekommen und hatte so England als zweite Heimat empfangen, lieber dieser Heimat war, wenn er draußen weilte, immer der Glanz der Ferne, seine eigentliche Ursprungserde aber blieb zum mindesten unausgesprochen das heiße Indien, dessen Natur und Wildnis keiner so besungen hat wie er. Kipling war von Blut und Schicksal her zur Romantik des Nationalen bestimmt, weil er Engländer, aber nicht in England geboren war; darüber hinaus aber trat er als Schreibender in die große Tradition des englischen Nationalismus, der immer ein expansiver Weltnationalimus war Nunb schon vom 16. Jahrhundert an immer stärker aufwachsend die Grundfarbe der englischen Dichtung bestimmte. Der Freiburger Anglist Friedrich Brie hat einmal in einem aufschlußreichen Buch über die imperiall- stischen Strömungen in der englischen Literatur gezeigt, wie seit den Tagen der Reformation ein ununterbrochener, immer stärker anschwellender Strom die großen nationalistisch-imperialistischen Ideen durch die Dichtung Englands getragen hat. Von Milton bis Cowper, von S m o l l e t bis zu Kingsley und feinem berühmten Roman „West- ward'Ho“ lebt schon der gleiche Imperialismus, der Kiplings Dichtung durchzieht; er umfaßt Tennyson und S w i n b u r n e so gut wie S t even - s o n und Conan Doyle, um bei Kipling, zum Teil vom Blut her, zum Teil später unter dem Einguß des Krieges jene übersteigerten Formen des Jingoismus* anzunehmen, die sich freilich ähnlich
* Ueberspannter Imperialismus.
auch schon bei Swinburne und anderen finden. Kipling war ein fanatischer englischer Imperialist; darüber hinaus aber war er ein ganz großer Dichter, der einzige, der an Format neben und oft über Hamsun stand und dichterisch zuweilen erheblich reicher war als der Norweger. Deutschland und die Deutschen hat Kipling gehaßt, schon lange vor dem Krieg; er hat uns lange vor 1914 Hunnen genannt— vielleicht weil er wie George Meredith die steigende Kraft des Reiches fühlte und darin eine Gefahr für England und fein Weltreich witterte. Im Krieg verlor er jede Haltung, und auch nach dem Krieg hat er, zuletzt noch ein Jahr vor feinem Tode, gerade auf diesem Gebiete unangenehm von sich reden gemacht. Einmal aber hat er diese alte, eingeborene Abneigung doch vergessen, als er im letzten Kapitel seines „Neuen Dschungelbuches" den alten deutschen Forstmeister Müller hinstellte, den König der Wälder und des Dschungels, dem die sämtlichen englischen Forstmeister unterstellt sind, der alle Schreiberei haßt, Goethe und Heine rezitiert und ein alter Heide ist, der noch von Göttern und Mächten weih. Da hat er einmal allen Deutschenhaß vergessen und nur feine Freude an dem Prachtexemplar von Mann empfunden — ein Gefühl, aus dem der größte Teil seiner ganzen Dichtung erwachsen ist, wenn er diese Freude am Männlichen auch zumeist an seinen englischen Landsleute, vor allem an englischen Soldaten- und Matrosengestalten dargestellt hat.
Auf dieser Männlichkeit wuchs der Ruhm des Dichters Kipling, auf feinen indischen Soldatengeschichten, den „Plain Tales from the Hills“ den „Soldiers Three“, denen viele andere im Lauf seines langen Lebens folgten. Kipling war einer der männlichsten Dichter, die die Welt besessen hat. Er schrieb die wunderbaren Geschichten von dem irischen Soldaten Mulvaney und seinen beiden Gefährten, die von der Sonne Indiens ausgedörrt, vom Whisky gehärtet, nur noch Männer und sonst nichts sind und die herrlichsten Abenteuer bestehen. Er schrieb den großen männlichen Roman vom Knaben Kim und feiner wunderbaren Wanderung mit dem alten Lama durch das indische Land, vor der man erlebt, wie sehr die östliche Welt trotz all seiner Liebe und Begeisterung für England Kiplings Heimat gewesen ist. Er stellte die Gestalt des englischen Kolonialsoldaten, des Offiziers wie des Mannes in einer harten Unmittelbarkeit hin, wie sie vor ihm niemand zu geben vermocht, zeigte mit harter, männlicher zu geben vermochte, zeigte mit harter, männlicher licher Erziehung bei jungen Menschen in seinen wunderbaren Knabengeschichten von Stakly & Co. und von den Captains Courageous, den mutigen
Neufundlandfischern, unter die ein reicher, verwöhnter Bengel von seinem Luxusdampfer herunterfällt, und die in sechs Monaten aus ihm einen kräftigen, brauchbaren Menschen machen. Aber dieser Verkünder von Englands Macht und Größe wußte um erheblich mehr als nur um bloßen Imperialismus und Nationalismus. Er besaß eine Kraft des Mitlebens der letzten Geheimnisse der Welt, wie sie die größten Romantiker seiner Heimat nicht stärker gehabt haben. Die Haut, die ihn gegen die dunkle Tiefe der Welt schützte, war sehr dünn und riß zuweilen, also daß er sich beispielsweise wochenlang am Schreibtisch selbst gegenübersaß, sein eigener, nur ihm sichtbarer Doppelgänger. Neben seine harten männlichen Geschichten stellte er die kleine Erzählung vom Wunschhaus, eine der herrlichsten, dichterischsten Novellen der ganzen europäischen Literatur. Er schrieb „Die schönste Geschichte der Welt" von dem jungen törichten Menschen, in dem eine lebendige Erinnerung an ein früheres Leben als römischer Galeerensklave als Vision geblieben ist, und ließ in dieser Geschichte seine ganze, sonst so harte Wirklichkeit ins Wanken geraten. Er schrieb die entzückende Geschichte vom Puck of the Puckshill, in der er mit einem reizend graziösen Sommernachtstraum-Einfall das ganze Altengland der Frühzeit heraufbeschwor, — und die tiefnachdenkliche Erzählung von dem Schiff, das zu sich kommt. Mit Recht aber wurde sein berühmtestes Buch das Dschungelbuch mit seiner Fortsetzung, dem Neuen Dschungelbuch, in dem einmal feine ganze unmittelbare, harte Naturverbundenheit, feine ganze Kraft des Erfassens seiner indischen Heimatwelt und ihres Bodens Bild und Sinnbild wurde um die Abenteuer Mowglis, der mit den Wölfen aufwuchs. Es gibt wenige Dichtungen, in denen die indische Natur, gespiegelt in einer englischen Seele, ein so phantastisch großes Bild ihrer geheimen Kräfte und ihrer wunderbaren Gespanntheit gefunden hat. Hier hat K i p - fing den heimlichen Dualismus, der ihn vielleicht unbewußt sogar zu den Ueberfteigerungen seines Imperialismus trieb, weil er die eine, die englische Seite seiner Seele vor der andern, der ihm zuletzt doch näheren indischen, gewissermaßen rechtfertigen wollte — hier hat er diesen Dualismus einmal überwunden zu einer Dichtung, dis mit Recht Weltruhm erworben hat.
Der deutsche Verleger Kiplings, Paul List in Leipzig, hat in ausgezeichneten Übersetzungen das gesamte Werk in Einzelbänden, und in zehn hübsch ausgestatteten Bänden die „Ausgewählten Werke" herausgebracht.
Frauen im Oiamantenüberfluß.
Sind Frauen, die täglich in Diamanten wühlen können, nicht zu beneiden? Nun, das Prüfen, Wiegen und Ordnen von Diamanten, das in Johannisburg in den Räumen der englischen Diamantentrusts von Frauen übernommen wird, ist ein Beruf wie andere auch. Diese Arbeit hat ihre Licht- und Schattenseiten, wenn die Frauen auch stets von Diamanten umgeben sind. Die Steine sehen in dem Zustand, in dem sie in die Hände der Prüferinnen gelangen, wie Glasstücke und nicht wie strahlende Diamanten aus. Die Diamantenprüferin nimmt einen Diamanten zur Hand, wiegt ihn auf einer Präzisionswaage oder unterzieht ihn mit dem Mikroskop einer genauen Betrachtung. Die Steine werden in drei verschiedene Gruppen geordnet. Da sind zunächst die schwarzen zersprungenen Steine, die als „Bort" bezeichnet werden und für Schneidewerkzeuge verwendet werden. Aus dieser Masse werden dann mit der Zange die besseren Steine herausgesucht, die Splitter von größeren Steinen, die in der Schmuckindustrie vielfach für Fassungen usw. benutzt werden. Eine Gruppe für sich, und zwar die wertvollste, bilden die eigentlichen Diamanten, die großen Steine, deren Wert durch sorgfältiges Wiegen und genaue Betrachtung ihrer Struktur festgestellt wird. Die ungeschnittenen Steine haben noch nicht den Glanz, der sofort das Auge auf sich zieht, aber für den geschulten Blick besitzen sie eine besondere Färbung, die genau beachtet werden muß. Darum ist es notwendig, daß die Diamantenprüferin über einen feinen Farbensinn verfügt; denn ein Stein, der dem Laien gelb und daher weniger kostbar erscheint, ist es manchmal für den Kenner durchaus nicht. „Es ist eine anstrengende, aber interessante Beschäftigung", so berichtete eine der Frauen, die dieses verantwortungsvolle Amt versehen. „Es strengt die Augen sehr an, aber die Spannung ist groß, denn man weiß niemals, ob man nicht plötzlich auf einen Diamanten stoßen wird, der viele Tausende wert ist. Er mag vielleicht eine etwas ungewöhnliche Form haben oder verrät durch einen grünlichen, rötlichen oder bräunlichen Schimmer, daß in ihm ein ungewöhnlicher Farbenreiz flimmert. Gewöhnlich ist die Arbeit eintönig, aber dazwischen kommen die großen und aufregenden Zeiten, wenn aus den Diamantgruben Vertrauensleute der Gefell» fchast eine reiche Ausbeute bringen. Dann liegen viele Taufende von Steinen um mich herum, die rasch gewogen und geordnet werden müssen, damit sie dann mit der Post nach Amsterdam geschafft werden können, wo sich das große Zentrum der Diamantschleiferei befindet."


