Nr. H5 Drittes Blatt
*
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Montag, fS.lHoi 1936
Hitler-Urlauber rasten in Gießen.
Am Somstagnachmittag weilten Urlauber der Hitler - Freiplatz - Spende für einige Stunden in Gießen. Am Bahnhof wurden die Kameraden von der Gießener SA. empfangen und zum Sammelplatz auf den Standartenhof geleitet. Hier waren Tische und Bänke aufgestellt und eine Derpflegungsstation aus der Feldküche eingerichtet. Kur^ nach chrem Eintreffen auf dem Sammelplatz mürben Tee, Würstchen und Brötchen verabreicht. Bold herrschte ein reges und buntes Treiben. In echter Kameradschaft fanden sich hier Kackeraden aller Gliederungen der Partei aus allen Gegenden Deutschlands zusammen. An den einzelnen Farben der Mützenbänder konnte man feststellen, woher sie gekommen. Da waren Württemberger, dort Schleswig-Holsteiner, drüben welche aus der Lüneburger Heide, Bayern, Danzig und ous dem Land der roten Erde. Nachdem der erste Hunger gestillt war,
rufsarbeit steht und abends noch seinen nicht leichten Dienst am Volke versieht, dem ist der wohlverdiente Erholungsurlaub gerne gegeben. Wenn ihr heute hinausgeht, weitab von euren heimatlichen Gauen, so seid euch stets bewußt, daß ihr durch eure Haltung, euer Auftreten und euren Gedankenaustausch die Uebermittler des nationalsozialistischen Geistes eurer Heimatgaue seid. Ihr seid sozusagen der Stoßtrupp der Hitlerfreispende, der Gradmesser und das Spiegelbild der Opferbereitschaft des deutschen Volkes. Weite Kreise der Bevölkerung verschließen sich leider auch heute noch der Bitte um einen Freiplatz für einen alten Kämpfer, weil sie sich unter dem alten Kämpfer den ewig revolutionären Menschen vorstellen. Jawohl, Revolutionäre werden wir nicht nur heute, sondern auch für die ganze Zukunft sein. Der revolutionäre Gedanke setzt aber keinesfalls voraus, daß brutale Gewalt
T
■■■?* v M r
*x- ■
Beim Mahle unter den Bäumen vor dem Standartengebäude. — (Ausnayme: Pyow-Psass, Gießen.)
ruhten die Gäste von den Strapazen der Eisenbahnfahrt aus, denn einige hatten eine solche von zwei Tagen hinter sich. Bei lustigem Geplauder ging die Zeit rasch dahin. Durch hochherzige Spenden einiger Gießener Firmen konnten weiterhin an die erholungsbedürftigen Kameraden der Bewegung Rauchwaren und Bier verausgabt werden. Den Spendern fei an dieser Stelle herzlicher Dank gesagt. Gegen 18 Uht wurde das Abendessen (Erbsensuppe mit Schweinefleisch) ausgegeben. Der Musikzug der SA.- Standarte 116 unter Leitung von Musikzugführer Herrmann stellte die „Tafelmusik".
Rach dem Essen richtete der Sachberater der SA. für die Hitler-Freiplatz-Spende Worte der Begrüßung an die Kameraden und führte etwa folgendes aus: Im Namen des Kreisleiters, des Kreisamtsleiters und dkD Führers der Brigade 147 begrüße ich euch auf das herzlichste. In wenigen Minuten soll es hinausgehen auf die Freiplätze, die euch von Volksgenossen zu eurer Erholung zur Verfügung gestellt worden sind. Der Verbrauch der Kräfte in der Zeit nach der Machtübernahme bis heute hat in weitem Kreise opferwilliger Volksgenossen Verständnis gefunden, und diese haben es durch ihre Opferwilligkeit möglich gemacht, daß ihr heute auf 14 Tage in Erholung gehen könnt. Dem politischen Soldaten des Führers, der tagsüber in harter Be-
anzuwenden ist, um ein Volk auf eine Linie zu bringen. Wenn wir auch früher hier und da mit Gewalt vorgehen mußten, so geschah dies nur zum Besten unseres gesamten deutschen Volkes, denn wir hatten ja all die Jahre hindurch eine große Masse von Feinden gegen uns, die uns ebenfalls mit Gewalt den Zugang zu den sog. Bürgerkreisen zu versperren suchten.
Im Anfang des Jahres 1933 wurde der Staat erobert. Es wäre aber grundfalsch, anzunehmen, daß mit der Eroberung eines Staates auch restlos das gesamte Volk für die Idee des Führers erobert worden wäre. Dieses restlose Erobern des Volkes ist unsere Aufgabe, vor der wir stehen, und diese Aufgabe muß von uns erfüllt werden Es ist bis heute schon ein gutes Stück vorwärtsgegangen, denn auch der bisher noch Abseitsstehende hat Einkehr gehalten und mußte erkennen, daß seit der Machtergreifung schon Großes geleistet worden ist. In Dankbarkeit wird eure Arbeit, nach des Tages Müh und Last, sei es als politischer Leiter, marschierende SA., NSKK., Arbeitsmann oder sonstiger Kamerad, anerkannt. Die Bescheinigung, daß diese Behauptung ihren Wirklichkeitswert hat, ist euer Einzug in die Hitler-Freiplatz-Spende-Quartiere, die ihr erhaltet durch das Volk für das Volk. Auch für die Zukunft fei unser Leitstern:
Alles für das Volk! Ich rufe euch zu, sammelt in eurem Erholungsurlaub neue Kräfte für die fernere Arbeit an Volk und Vaterland. In altgewohnter Weise grüßen wir den Kanzler des Volkes, den Führer der Partei, den Oberbefehlshaber der Wehrmacht und Marine, den Obersten SA.-Führer mit einem dreifachen Sieg-Heil!
Die Kameraden und die Bevölkerung sangen das von dem Musikzug gespielte Deutschlandlied und das Horst-Wessel-Lied begeistert mit.
Das NSKK. hatte eine große Anzahl Kraftwagen zur Verfügung gestellt, mit denen die Käme« raden nach ihren Quartieren (Vogelsberg und Wetterau) verbracht wurden.
Aus der Provinzialhauptsiadi.
Hohe Auszeichnung eines verdienten Förderers der Landwirtschaft.
Unser geschätzter Mitbürger, Oekonomierat Karl Hoffmann in Hof-Güll, der seinen Lebensabend in Gießen und Hof-Güll verbringt, wurde am gestrigen Sonntag gelegentlich der feierlichen Eröffnung der Reichsnährstands-Ausstellung in Frankfurt a. M. durch den Reichsbauernführer, Reichsminister D a r r £, in Anerkennung seiner großen Verdienste um die Aufwärts-Entwicklung der deutschen Landwirtschaft durch die Ueberreichung eines Bildes des Führers ausgezeichnet. In diesem Zusammenhänge sei daran erinnert, daß Oekonomierat Hoffmann auch Inhaber der großen Max-Eyth-Medaille ist, die er als alter Mitarbeiter von Max Eyth schon erhalten hat.
85. Geburtstag eines alten EichelSdorfer Forstmannes.
Am Samstag, 16. Mai, feierte Geheimer Forstrat i. R. Eduard T r a u t w e i n in Gießen seinen 85. Geburtstag. Zwei Jahrzehnte, von 1885 bis 1905, wirkte er als junger, tatkräftiger Forstmeister in Eichelsdorf, anschließend nochmals dieselbe Zeitspanne im Forstamt Schiffenberg bis zu seiner Ruhestandsversetzung im 74. Lebensjahre im Jahre 1925.
Eduard Trautwein ist — wie uns vom Hess. Forstamt "in Eichelsdorf geschrieben wird — aus seiner Eichelsdorfer Tätigkeit bekannt geworden durch die besondere Methode seiner Eichenwirtschaft, die Begründung von Mischbeständen der Hauptholzart Eiche mit Buche, edlen Laub- und Nadelhölzern, durch den sog. „Hieb ins Dolle" und die ebenfalls besondere Art der Pflegehiebe, von ihm „Aufmunterung" der Jungeichen genannt. Der Name Eichelsdorf ist in Verbindung mit seiner Person um die Jahrhundertwende weit über die Grenzen des Hessenlandes in die forstliche Welt getragen worden. Die von ihm begründeten Bestände sind heute etwa 40jährige, in freudigstem Zuwachs stehende Stangenhölzer und konnten im vergangenen Jahre anläßlich einer Lehrwanderung mit dem neuzeitlichen Thema „Leistungswirtschaft^ mit berechtigtem Stolz vorgezeigt werden, die Bewunderung der Teilnehmer erregend. Anläßlich der Ruhestandsversetzung Eduard Trautweins wurde ihm zu Ehren sein besonderes Leibgehege im Eichelsdorfer Bezirk, der Distrikt Tiefstruth, in dessen Innern auch die sog. „Dicke Eiche", das Wahrzeichen des Eicheltales steht, mit ministerieller Genehmigung in „Trautweinseichen" umbenannt. Zu seinem 80. Geburtstage wurde ihm die „Trautweinseiche" gepflanzt, und zu feinem jetzigen Geburtstag ließen es sich die Forstbeamten von Eichelsdorf, die ihm feit langen Jahren in Liebe und Verehrung verbunden find, nicht nehmen, ihm ein wunderbares in seinem Leibgehege gepflücktes Angebinde zu überreichen. Mit ihnen grüßen ihn die alte Heimat der Jugendzeit und das Heer der hessischen Grünröcke als ihren Aeltesten zu seinem Ehrentag und wünschen ihm einen weiteren gesegneten Lebensabend in körperlicher und geistiger Frische. Möge die ihm zu Ehren gepflanzte Eiche ein Sinnbild werden für urdeutsche Kraft und kommenden Geschlechtern kün
den den Namen dieses kernigen Mannes, und möge dereinst ein freies und glückliches Vaterland die Früchte dieses Schaffens ernten! Weidmannshell!
Furchtbare Bluttat in Wißmar
3n der letzten Nacht ereignete sich in Wißmar (kreis Wetzlar) ein furchtbares Familien- drama, dem vier Menschenleben, die ganze Familie, zum Opfer fielen. Der Einwohner Ludwig Prinz, der vor einigen Tagen durch eigenes Verschulden um seine Arbeitsstelle in Gießen gekommen war, ermordete in der letzten Nacht seine Frau und seine beiden Töchter im Alter von 10 und von 16 Jahren und beging dann Selb st mord durch Erhängen. Die furchtbare Tat wurde heute früh entdeckt, als niemand von der Familie sichtbar wurde. Die behördlichen Ermittlungen sind noch im Gange.
Vornotizen.
Tageskalender für Montag.
NSG. „Kraft durch Freude": 18 bis 19 und 19 bis 20 Uhr Tennis. — Gloria-Palast, Seltersweg: „Kurier des Zaren". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Lockenköpfchen".
LandschastsbundVolkstum undHeimat.
Ortsring Gießen.
Familien-Wanderung am Himmelfahrtstag.
8.03 Uhr Abfahrt mit Sonntagskarte nach Wetzlar. Stadtbesichtigung; anschließend Wanderung nach dem Stoppelberg — Kirschenwäldchen—Sieben» mühlental. Rückkunft um 17.55 Uhr. Gäste will- kommen.
Heimatvereinigung Staufenberg.
Am gestrigen Sonntagnachmittag tagte im Rittersaal der Burg Staufenberg die diesjährige Generalversammlung der Heimatvereinigung Staufenberg unter Leitung ihres Vereinsführers Dekan i. R. Gußmann (Gießen).
Dekan G u ß m a n n erstattete den Jahresbericht. Daraus ist zu entnehmen, daß die Vereinigung 160 Mitglieder zählt und zielbewußt ihre Kraft der Verschönerung der Burganlagen widmet. Der wohlwollenden Unterstützung der Forstbehörde Gießen (Oberforstmeister Lipp, Gießen) sowie der sachkundigen Beratung und unermüdlichen Hilfe des Gartenbauarchitekten Schwarz (Gießen) wurde gebärender Dank ausgesprochen. Um eine dauernde Verschandelung der oberen Burg Staufenberg ZU vermeiden, soll mit Genehmigung des hessischen Ministeriums eine Absperrung der oberen Burg gegen geringes Eintrittsgeld erfolgen. Die vorgetragene Rechnung des Rechners Kern (Gießen) ergab ein günstiges Resultat. Ihm wurde für seine Mühe gedankt. Dekan i. R. Gußmann stellte, da er nach Gießen verzogen ist, sein Amt der Versammlung zur Verfügung. Auf freundliches Zureden der Herren Balzer (Gießen), Dr. Mitter-
Friedr. Wilh. v. Erdmannsdorff.
3um 200. Geburtstage
des großen Architekten am 18 Mai
Im Jahre 1769, in dem Friedrich der Große die Innenausstattung seines Neuen Palais bei Potsdam in einem schon etwas überlebten Rokoko vollendete, legte ein kleiner Fürst, Leopold Friedrich Franz von Anhalt-Dessau, den Grundstein zu seinem Wörlitzer Gartenschloß, dessen Architekt Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff darin zum ersten Male die Lehre W i n ck e l m a n n s in die Tat umsetzte und somit als der Schöpfer des klassizistischen Baustils gelten darf. Selten lassen sich die Unterschiede der Weltanschauung in zwei gleichzeitigen Monumentalbauten so deutlich ablesen wie am Neuen Palais und in Wörlitz. Dort ein repräsentativer Prunkbau eines Monarchen, der sich im Alter von den Idealen seiner Jugend nicht zu lösen vermochte, in Wörlitz dagegen ein intimer, leicht bürgerlich angewehter Landsitz eines jungen Fürsten, dessen suchender Geist in der „Rückkehr zur Natur" und in der Hingabe an die Formen der klassischen Baukunst das Mittel sah, die Menschheit einem neuen „goldenen Zeitalter" entgegenzuführen.
In dem sächsischen Edelmann Erdmannsdorff, mit dem ihn Freundschaft verband, hatte der Fürst einen Baumeister nach seinem Herzen gefunden. Das Verhältnis beider war em ähnliches wie das zwischen Karl August und Goethe. Ein liebenswürdiger Weltmann und vollendeter Kavalier, war Erdmannsdorff auf Studienreisen, von einem Liebhaber des Bauwesens zum Architekten herangereift, der jeden Wunsch des Fürsten um so leichter zu erfüllen wußte, als hier einer der seltenen Glücksfälle vorlag, wo Bauherr und Baumeister eine Gesinnungseinheit bilden. Entscheidend für die Entwicklung Erdmannsdorffs und seines Herrn war neben der italienischen Reise, die in der Begegnung mit dem verehrten Winckelmann ihr Ziel fand, ein Aufenhalt in England die Bekanntschaft mit einer Gesellschaftskultur, die zu verwirklichen schien, was die Freunde als die Sehnsucht des ganzen Zeitalters in sich trugen. Im Grunde war es das bürgerliche Ideal, aber in seiner edelsten Form: Freiheit vom Zwang einer unerträglich gewordenen Konvention, Natürlichkeit der Sitten, Loslösung vom Schnörkel im weitesten Sinne. Im englischen Landschaftsgarten, der sich nicht mehr der Herrschaft von Zirkel und Schere unterwirft, im englischen Landhausstil vor allem, der von der großen Säulenordnung des P a l l a d i o ausgeht und das Stille und Einfache bevorzugt, und nicht zuletzt in dem Tugendkult der englischen Literatur erblickten die deutschen Reisenden die Erfüllung dessen, was ihnen
auf der Suche nach dem „natürlichen Menschen" als erstrebens- und nachahmenswert erschien.
Die Antike und England — mit diesem Bildungs- ideol kehrten Fürst Franz und Erdmansdorff nach Anhalt zurück, das nun auf Jahre hinaus zu einer Art „pädagogischer Provinz" wurde, einer Versuchsstation der allgemeinen Kunsterziehung mit philan- tropischem Einschlag. Denn die vergleichsweise enorme Bautätigkeit, die nach 1768, wo Erdmanns- dorff den Festsaal im Dessauer Schloß vollendete, in Anhalt einsetzt, trägt gemeinnützige Züge, weil auch die Bauten für den Hof den allgemeinen Geschmack bijben sollten und es bei der grundsätzlichen Bevorzugung der Landeskinder als Steinmetzen, Handwerker, Möbeltischler auch taten — eine Forderung des merkantilistischen Systems, das das Geld im Lande hielt und die einheimische Kunstfertigkeit verbreiten half. Allein Wörlitz, abgesehen von dem Park, an dem Erdmannsdorfs keinen Anteil hat, beschäftigte Tausende fleißiger Hände. Neben dem Schloß, das als erste Schöpfung des Klassizismus auf deutschem Boden eine hohe kunstgeschichtliche Bedeutung besitzt, sind es die überall im Park verstreuten Pavillons und Tempel, die für die vorbildliche Zusammenarbeit von Fürst und Architekt Zeugnis ablegen. Dazu kommen die Schlößchen und kleineren Zierarchitekturen der fürstlichen Landsitze Geor- gium und Luisium bei Dessau und die Bauten in der Landeshauptstadt, wie die jetzt zum Theater umgestaltete Reitbahn und die Torbauten an der Muldebrücke. Auch das unlängst abgebrannte Friedrichs-Theater geht auf einen Entwurf Erdmannsdorffs zurück.
Seine bahnbrechende Bedeutung liegt weniger in der Außenarchitektur, die mit ihren Kolossalordnungen, ihren dachoerdeckenden Attiken und ihren Fenstergiebeln noch stark im ausgehenden Barock wurzelt, als in der meisterhaften Innendekoration, die den später oft so strengen Klassizismus von seiner anmutigsten Seite zeigt. Welche Zartheit in der Verwendung seines Lieblingsmotivs, der meist in leichtem Stuck aufgetragenen, von Raffael und pompe- janischer Dekorationskunst angeregten Grotesken, welche Sicherheit des Geschmacks in der Verkleidung der stehenbleibenden Wandflächen mit verschiedenfarbigem, polierten Stuckmarmor! Alles ist bis in die Einzelheiten abgestimmt, so daß kein Mißklang stört. Ein ganz leiser Rokokohauch liegt noch zuweilen über Erdmannsdorffs Raumschöpfungen. Er ist fühlbar auch noch in den späten Königskammern des Berliner Schlosses und dem Sterbezimmer Friedrichs des Großen in Sansfouci, das Erdmannsdorff im Auftrag Friedrich Wilhelms II. neu dekorierte, doch bezieht sich das „Rokoko "nur auf die allgemeine Stimmung, nicht auf die Formen, die, wie sich von selbst versteht, durchweg streng klassizistisch sind. Aber klassizistisch nicht im Sinne römischer Triumphalkunst, sondern des leichtbeschwingten Raumzierats
der damals ausgegrabenen Vesuvstädte. Zur Gotik hat er kein Verhältnis gehabt; für die gotisierenden Neigungen des Fürsten Franz mußten andere Kräfte mobil gemacht werden.
Erdmannsdorff ist bis zu seinem Tode (1800) für feinen Herrn und Anhalt tätig gewesen. Sein Verdienst ist die Gründung einer Landeszeichenschule, die, schon im Sinne der späteren Gewerbeschulen, für die handwerkliche Erziehung des Nachwuchses sorgte, und die einer „Chalkographischen Gesellschaft" in Dessau. Sie entsprach dem Wunsche, durch Heranbildung tüchtiger Stecher die graphische Reproduktionstechnik von der fremden Einfuhr, besonders der englischen Schabkunstblätter, unabhängig zu machen, also auch auf diesem Gebiete die Kunstindustrie des kleinen Landes auf eigene Füße zu stellen. Ein Architekt mit großen, gemeinnützigen Zielen, ein Künstler, der, nach dem Vorbilde Schillers, in der „ästhetischen Erziehung des Menschengeschlechtes" den Hebel sah, das allgemeine Glück zu fördern und den stoffgebundenen Menschen auf seine Bestimmung hinzuweisen.
Ernst von Niebelschütz.
Anrufung einer Insel.
Bon Anton (Schnack
Kokos, ich habe dich auf dem rollenden Schul- alobus der Lateinschule von Hammelburg in Unterfranken gesucht, mit fiebrigem und unruhigem Finger und eine schmale, zitternde Sehnsuchtsbahn in den daraufliegenden Staub gezogen, dabei dunkelblaue Meere überquert, gelbe Länder durchwandert, Küstenstriche forschend beäugt und betastet und dich, winzige und nadelknopfgroße Insel nicht entdeckt, obwohl ich hundert fremde und schwierige Namen stolpernd herunterlas und um den Aequator viele unablässige Kreise zog.
Ich habe in den Atlanten herumgesucht, Seite nach Seite, Land nach Land, Meer nach Meer, bis ich glühend vor Ergriffenheit und mit hämmerndem Puls in den unermeßlichen Breiten des Stillen Ozeans dich entdeckte. Stiller Ozean! Ich begriff die Worte in ihrer Einfachheit kaum, lieber ben Wassern fühlte ich ein ungeheures Schweigen liegen. Hier schien mir das Meer ein unbewegter Traum zu sein, den kein Sturm befurchte und aufwühlte. Ich sah es in meiner Vorstellung als die glühende Platte dauernder Bläue.
Oh, darin die Insel! Marmoren und voll Glanz in den Steinhüften. Ich sah sie unter Vogelwolken begraben, ein Schaumland, das der Fuß des Knaben mit glühenden Schreien auf den Lippen betreten hätte.
Ich sah sie, ein Metallschild, auf dem die Sonne mit ungeheurer Glut brannte. Ich sah sie im Mond
mit elfenbeinernem Rücken wie ein Zauberschiff in der Meernacht schwimmen.
Ich sah sie, gemacht aus edlen Steinen, welche die Seeräuberschiffe und die gelben Galleonen der Weltumsegler aus den Jnselgärten bradjen, um die Brüste und Fußknöchel ihrer Frauen damit zu schmücken. Ich sah sie von Schaluppen umkreist, die in den stillen Buchten vor Anker gingen und wo über offenen Feuern finstere Matrosen das Fett aus kleinen wilden Schweinen brieten. Ich sah im großen Knabenblick Kokos als die Insel der Seligen, als die Insel der unermüdlichen Seefahrer, als die Insel der Schiffbrüchigen und der glücklichen Robin- sone. Sie schimmerte immer in meinen frühen träumen auf. Sie tröstete mich, wenn der Widersinn und die Verschrobenheit von mathematischen Figuren, von Quadraten, Winkeln und Ellipsen über mein Herz und meine Träume mit kalten Zweifeln und lähmender Leere kam.
S i e wollte ich erobern, sie wollte ich besitzen, sie sollte mir gehören. An ihr Gestade wollte ich mit einer Jacht vor Anker gehen, der Purpur von den Segeln triefen sollte, deren Bug in Silber strahlen und die mit Musik aus hundert Posaunen und Trompeten die Jnselgrotten und leuchtenden Fels- spalten erzittern und erklingen lassen sollte.
Grausame Abenteuer wollte ich auf dem Eiland erleben. Dem Meere wollte ich bis auf den mitternächtigen und fürchterlichen Grund sehen. In der Takellage des Schiffes wollte ich hängen und über Öen kristallenen Ozeanspiegel hinweg in das blaue Herz des Himmels starren.
Im Fieber meiner unverwüstlichen Phantasien rauschten die Korsaren einher, William Phips mit der erschreckenden ,Rose von Algier", der schwarze Saker-el Bar mit dem windschnellen „Seehabicht", der den grünen Halbmond drohend am Mast trug, der verrückte Kid, der die Meere mit der kühnen „Abenteuerin" beunruhigte, Bartholomäus de Por- tugees, der immer mit einem gezogenen und spitzen Schwert herumging und eine Narbe an der rechten Mundseite hatte, auch Red-Rover, der rote Freibeuter, der stets heil aus den Batteriefeuern englischer Linienschiffe auftauchte, der fluchende Kennedy, der seinen „Korsaren" wie einen Blitz in die Holzseite der gefüllten Kaufmannsschiffe bohrte.
Kokos: ein Stück glitzernder Staub im Meer, ein weißes Eiland unter dem unvergänglichen Mond, Kokos, sprach der Knabe zu sich selbst und spricht auch noch der Mann zu sich selbst, deine Klippen sind vielleicht Saphir, auf deiner Felsenspihe züngelt blauflämmig die uralte Ader aus Schwefel, Gold liegt ausgewaschen und kieselgroß am Strand, den der Morgensturm bedonnert.
Kokos: unerreichbares Traumparadies, noch immer sucht dich der fiebrige Finger auf dem rollenden Globus!


