enteil, nämlich daß
Geschichten aus aller Welt
6 Uhr:
allemal Erdal
bis 2.30: Aufzügen
von W. A. Mozart.
Montag. 20. April.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten! Moskau, April 1936.
Der Reisende, der das Gebiet der Sowjetunion betritt oder verläßt, erlebt jedesmal beim Grenz- übertritt ein einprägsames Schauspiel. Kommt er vom Westen her, so besteigen schwerbewaffnete Soldaten an der letzten Station vor der
Sowjetgrenze den Zug, der sich meist bis auf wenige Reisende vorher geleert hat. Kurz vor der Grenze wird für einen Augenblick gehalten. Das
Man wendet sich wieder dem Franzosen zu. Der „Herr Oberst" höchstpersönlich macht ihm noch einmal klar, daß die Briefe hier zu bleiben hätten. Der Franzose gibt diese sogar unvorsichtigerweise aus der Hand, in der Hoffnung, bei seinem Gegenüber Nachsicht zu finden. Als sich der Oberst aber kurz entschlossen umdreht und die Briefe als Beute da-
der Hand der Korporationen und Fasci, so sollen Fasci und Korporationen auch dos Parlament bilden. Diese Umbildung steht
bruch gallischer Leidenschaften. Unter fürchterlichem Geschrei stürzt der Franzose ihm nach, reißt ihm die Briefe aus der Hand und verbirgt sie in seinem
beim Spieaelschliff für Teleskope geschickte Hände leisten müssen. Ein bis zwei Fahre wird dieser Schleifprozeß mindestens in Anspruch nehmen.
Das finnische „Fräulein Uhr" in Deutschland gefilmt.
(v. z.) Helsingfors.
Auch Helsingfors will anderen Großstädten nicht nacbstehen und sich eine automatische „Fräulein Vltyr einrichten, die auf Telephonanruf die genaue Zeit angibt. Zwei Versuche finnischer Filmgesellschaften, die Aufnahmen dazu zu machen, miß- glückten, da man in Finnland anscheinend technisch noch nicht weit genug ist. Das finnische „Fräulein Uhr" wurde daher nach Deutschland geschickt, um dort die nötigen Tonfilmaufnahmen zu machen. Natürlich muß Fräulein Uhr in Finnland ihre Stundenzeiten auf Finnisch und Schwedisch in den Aufnahmeapparat sprechen.
Eine historische Reitbahn verschwindet.
(E. Bl.) London.
Die historische Londoner Reitbahn Tattersalls, die vielen Tausenden späterer Reitbahnen in allen Teilen der Welt ihren Namen gegeben hat, wird demnächst verschwinden. Die Pferde der Reitbahn werden, wie es leider schon vielfach geschehen ist, dem Motor Platz machen: in die Räume von Tattersalls wird ein Autoverleihgeschäft einziehen. Tattersalls Reitbahn in Knightsbridge in London ijt über 160 Jahre alt. Sie wurde 1773 von einem Stallmeister des letzten Herzogs von Kingston gegründet. Der Stallmeister hieß Richard Tattersall. Ursprünglich war das Unternehmen kein Pferdeverleihinstitut, sondern eine Pferdebörse, der eine Reitbahn angeschlossen war. Tattersall kam als erster auf den Gedanken, Pferde nicht nur zu verkaufen, sondern stunden- oder tageweise zu vermieten. Er stellte auch Reitlehrer an, die die angehenden Reiter unterwiesen. Bon Anfang an unterschied sich das Unternehmen nicht von den heutigen Reitschulen. Tattersalls Reitbahn fand im Laufe des porigen Jahrhunderts überall Nachahmung, und heute verbindet fast niemand mehr, der von „dem" Tattersall spricht, den Namen mit einer Person. •
Um die Handschriften der Königin Christine
(F. 2.) P ar i s.
Vor geraumer Zeit ordnete der französische Unterrichtsminister an, daß die Handschriften der schwedischen Königin Christine, die sich in der Bibliothek der Universität Montpellier befinden, „aus Gründen des internationalen Anstandes" an Schweden
Nundfunkprogramm.
Sonntag, 19. April.
6 Uhr: Hafenkonzert. 8.05: Gymnastik. 8.45: Musik am Morgen. 9: Katholische Morgenfeier. 9.45: Bekenntnis zur Zeit. 10: „Wir grüßen den Frühling". 10.30: Chorgesang. 11.30: Kantate von Johann Sebastian Bach „Lobe den Herrn, den mächtigen König der Ehren" G. A. 137. 12: Musik am Mittag. 14: Kinderfunk — Kasperl beim Friseur. Von Herbert Reymann. 14.45: „Warne hiermit jeden ..." Plauderei über Rechtsirrtümer im Volk. Don Gerd Thoma. 15: Deutsche Scholle. „Ein richtig Maß und auch ein gut Gewicht." 1. Besuch in der Bauernführerschule Marienthal. Ein Funk-
Es ist nicht mehr als folgerichtig, wenn auch die Dachorganisation in einem solchen Staat, das Abgeordnetenhaus, anders als früher aufgebaut wird: Liegt Wohl und Wehe der Nation mit der Ausbeutung aller Boden- und Geistesschätze in
Koffer.
Dieser entschlossenen Geste gegenüber ist man machtlos. Glücklicherweise hat niemand verstanden, was der Franzose in seiner Erregung hervorstieß. Man schiebt uns jetzt in den russischen Zug ab, der auf dem breiteren, sowjetrussischen Geleise bereits wartet. Wir fahren ins „Parodie s". Aber schon nach wenigen Minuten stürzt der Franzose wiederum verstört in mein Abteil. „Stellen Sie sich vor, in meinem Abteil wimmelt es von Schwaben!" Keineswegs überrascht biete ich ihm einen Platz in meinem Abteil an, kann mir aber dabei die kleine Bemerkung nicht versagen: „Cher monsieur, n’oubliez pas, que vous etes dans le pays de vos allies!“ (Mein Herr, vergessen Sie bitte nicht, daß Sie sich im Lande eines 23er« bündeten von Ihnen befinden.)
Choral; Morgenspruch: Gymnasttk. 6.30: Frühkonzert: „Deutscher Morgen". In der Pause, 7: Nachrichten. 8.10: Gymnastik. 10: Schulfunk.
bericht. 2. Die Kraft der Heimatscholle. 16: Nette Sachen aus Köln. 18: HJ.-Funk. 18.30: „Uns gehört der Sonntag!" 19: Deutsches Volk auf deutscher Erde. Volk in der Pfalz, Volk an der Saar. 20.10: Großes Operettenkonzert. 22: Nachrichten, anschließend aus dem Sendebezirk. 22.20: Sportspiegel des Sonntags. 22.45: Unterhaltungskonzert. 24: Deutschlands Jugend grüßt den Führer. 0.30 Figaros Hochzeit. Komische Oper in vier
10.45: Reichssendung. 13: Nachrichten. Anschließend: Nachrichten aus dem Sendebezirk. 13.15: Schloßkonzert II (Fortsetzung). 14: Nachrichten. 14.10: Nach Tisch gönnt euch ein wenig Rast, seid bei Frau Musika zu Gast! 15: Wirtschaftsbericht. Untere Seehäfen. Tore zur Welt. 15.15: Kinderfunk. 15.45: Unterhaltungskonzert. 17: Orchesterkonzert. 17.30: HJ.-Funk. 18: Zur Unterhaltung. 19: Das schöne deutsche Lied (IV). 19.45: Tagesspiegel des Reichssenders Frankfurt. 19.55: Wetterbericht, Sonderwetterdienst für die Landwirtschaft, Wirtschafts- Meldungen, Programmänderung. 20: Nachrichten. 20.10: Von München: Lieder der Heimat. Unsterbliche Musik. Haydn, Mozart, Schubert. 22: Nachrichten. 22.15: Nachrichten aus dem Sendebezirk. 22.30: Melodien von deutscher Art, von Kampf und Freiheit. 24 bis 2: Nachtkonzert.
Briefkasten der Redaktion.
(Rechtsgutachten sind ohne Verbindlichkeit der Schriftleitung.)
TB. 3.100. Die Einkommensteuerpflicht besteht.
An der Gowjeigrenze
Don unserem (ör. E Sch ^-Berichterstatter.
Der größte Spiegel der Welt.
(th) Philadelphia.
Nun beginnt der letzte Akt in der Herstellung jenes größten Spiegels, der jemals für ein Teleskop auf dieser Erde gegossen wurde. Fünf Meter hat der Spiegel im Durchmesser. Monate hindurch mußte er unter sorgsamster Beobachtung abgekühlt werden. Fetzt hat man ihn mit einem Spezialdampfer durch den Panama-Kanal nach Westamerika transportiert. Das kalifornische Institut für Technologie beginnt in den nächsten Tagen mit dem Schliff des Spiegels, der erst brauchbar ist, wenn er die nötigen Konvex- und Konkavlinien hat und außerdem so montiert ist, daß die einfallenoen Strahlen in einem a bestimmten Winkel gebrochen und gespiegelt en. Mächtige Maschinen sind für diesen Schliff aufgebaut worden. Man muß mit riesigen Schmirgelsteinen maschinell das nachahmen, was sonst
es nützt dem Volk. Und unter diesem größeren Gesichtswinkel betrachtet, muß eben auch eine gewisse Zügelung der geistigen Freiheit hingenom- men werden, wenigstens so lange, bis sich der neue
benützten. Auf der anderen Seite ist dem Kriegsgewinnler durch die ganze oder halbe Verstaat- lichung der Industrie oder ihre Konttolle der Nährboden völlig entzogen worden. Ebensowenig lassen sich unanständig fette Geschäfte an der Börse machen.
Wie die Mafia und die Camorra ausgerottet wurden, so ging es auch dem politischen Handel mit Wählerstimmen und Zeitungsartikeln. Niemand kann sich mehr bewegen, ohne die Zügel, wenn es sein muß, auch die Kandare des Staates zu fühlen. Das ist freilich traurig für das Schmarotzertum und geht dem süßen Schlendrian an den Kragen, aber
zeigt und darunter windet sich eine Schlange, der ihre Beute entkam.
Bon der Kunst des Naseputzens.
(ha) Madrid.
Ein spanischer Arzt hat es für erforderlich gehalten, einen kleinen Leitfaden über die Kunst des Nasenputzens herauszugeben. Er versichert, daß alles auf dieser Erde eine Kunst sei, die der eine mehr, der andere weniger gut verstehe. Beim Naseputzen handele es sich freilich auch noch darum, daß diese Beschäftigung für den Gesundheitszustand ungemein bedeutsam sei. Denn zahlreiche Fälle von vollkommener Taubheit seien auf die Unfähigkeit zurückzuführen, sich richtig zu schnäuzen. Er legt vor allem den Eltern nahe, ihren Sprößlingen schon sehr früh diese Fertigkeit beizubringen; man könne nämlich nur dann sich richtig schnäuzen, wenn man durch beide Nasenöffnunaen Luft einziehe, dann aber ein Nasenloch fest zupresse und den gesamten Luftstrom durch die andere Nasenöffnung hinausjage, nicht aber durch beide Nasenlöcher zugleich.
Der rabiate Schwiegersohn.
(pk.) Budapest.
Dieser Tage ereignete sich in einer Dorstadt Budapests ein aufregender Zwischenfall. Auf der Straße erschien eine ältere Frau und rief um Hilfe: „Mein Schwiegersohn will mich ermorden!" Vorübergehende nahmen sich der Frau an, als schon ihr Schwiegersohn herankam und erklärte, er denke gar nicht daran, seine Schwiegermutter zu töten. Er habe sie nur etwas erschreckt. Der Schwiegersohn, der arbeitslose Elektrotechniker Karl Malik benahm sich jedoch so sonderbar, daß die Umstehenden ihn festnahmen. Malik schlug wie wild um sich und erklärte, er sei ein großer Erfinder. Man solle ihn loslassen, dann werde er schon zeigen, was er eigentlich vorhabe. Die ganze Gesellschaft begab sich daraufhin auf den Hof des „Erfinders", wo in einer kleinen Holzbude ein sonderbarer Apparat stand, der aus unzähligen alten elektrischen Klingelapparaten und Drähten zusammengesetzt war. Großspurig er- klärte Malik, dies sei ein magnetischer Flugapparat, mlt dem er auf den Mond fliegen wolle. Der Appa- rat sei bald fertig und er habe nur seine Schwieger- mutter wiegen wollen, um zu wissen, auf welches Körpergewicht er sein Flugzeug einstellen müsse. Er wolle nämlich seine Schwiegermutter zuerst auf den Mond fliegen lassen. Die Leute merkten schnell, daß Malik an Zwangsvorstellunaen leidet und veranlaßten daher, daß er in Gewahrsam genommen wurde. Mit Bärenkräften wehrte sich jedoch der Mann, fo daß es zu einer großen Rauferei kam, die damit endete, daß der „Erfinder" Malik, der feine Schwiegermutter auf den Mond hatte schicken wollen, Aur Untersuchung seines Geisteszustandes in eine Anstalt gebracht wurde.
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.) k
Was kann das für ein Tier sein? J
B. Kapstadt.
Gegenwärtig weilt der bekannte Forschungsreisende Anthony Richard Hamilton in der Landschaft Kenia in Ostafrika, um nach einem Riesentier zu forschen, das in den Dschungeln lebt und der Schrecken der Eingeborenen ist. Gesehen hat es i noch kein Eingeborener, aber sein Vorhandensein 1 wird durch seine gewaltigen bärentatzenähnlichen i Fußspuren bewiesen. Die Angst der Einheimischen । vor diesem Tier ist so groß, daß es Hamilton < nicht gelang, in Kenia Träger für seine Expedition i xu finden, trotz der hohen Löhne, die ihnen versprochen wurden. Eine englische Polizeistreife, die i in den Dschungeln, in denen sich das Riesentier ver- : steckt halten soll, nach einem Raubmörder suchte, i fand diesen auch, doch nur als völlig zerfetzte Leiche, und die sehr deutlichen gewaltigen Fußspuren ließen keinen Zweifel, daß der Mörder dem Tier zum Opfer gefallen ist. Die Eingeborenen sind der Ansicht, daß das geheimnisvolle Tier auf Bäumen, durch Laub versteckt, feiner Beute auflauert und sich von oben auf fein Opfer stürzte. In zoologischen Kreisen sieht man dem Ergebnis der Expedition mit großer Spannung entgegen.
Der amerikanische Gotha.
A. Z. Washington.
Der kürzlich erschienene amerikanische Gotha, das Who is who?, hat jetzt 88 Jahre ununterbrochenen Erscheinens hinter sich. Die Zahl der Seiten ist in jedem Jahr die gleiche: 3765. Er enthält alle Namen der Personen, die „man kennen muß", und zwar nicht nur Amerikaner, sondern auch bekannte Europäer, denen allerdings nur ein kleiner Raum gewidmet wird. Unter den Amerikanern müssen selbst bedeutende Politiker hinter den Gesellschaftslöwen zurückstehen. So werden Roosevelt nur 18 Zeilen gewidmet, während auf den gegenwärtigen „Helden" der Neuyorker Gesellschaft, einen jungen Danderbilt, mehr als fünfzig ent« fallen. — In den amerikanischen „Gotha" eingetragen zu sein, ist Übrigens Voraussetzung für die Zugehörigkeit zur amerikanischen Gesellschaft, und wer einmal in einer Ausgabe nicht genannt wird, hat mit einem erheblichen Verlust seines Kredites zu rechnen.
Doppelgängerei, sehr peinlich.
(th.) Neuyork.
Das Problem des Doppelgängertums hat bekanntlich schon viele Schriftsteller und Dichter zur Nachgestaltung gereizt — aber das Leben selbst hat sich eben erst wieder im Falle des 21jährigen George Hayes in Neuyork als der unübertrefflichste Dichter erwiesen und einen vom amerikanischen Standpunkt aus ausgezeichneten „thriller" geformt.
George Hayes, ein arbeitsloser junger Kaufmann, wurde kürzlich auf einer Neuyorker Verkehrsstraße von einem ansehnlichen Polizeiaufgebot verhaftet, und als die dabei zusammengelaufene Menschenmenge erfuhr, der Verhaftete habe am hellichten Tage ein Kolonialwarengeschäft überfallen, den Verkäufer erschossen und die Ladenkasse geraubt, hätte nicht viel gefehlt und der Arrestant wäre vom Publikum als „Gangster" an Ort und Stelle gelyncht worden. Die Polizei konnte Hayes, der kaum begriff, was mit ihm geschah, jedoch in ihrem lieber» faöroagen retten und zur Wache schaffen.
Dort beteuerte Hayes mit Recht seine völlige Unschuld. Aber zehn Zeugen, die den Raubüberfall mitangesehen hatten, bestätigten übereinstimmend und mit den genauesten Angaben, der ihnen Gegen- Übergestellte sei der Täter gewesen. So wurde Hayes, nicht gerade in sanftester Weise, ins Untersuchungsgefängnis eingeliefert.
Wer aber beschreibt sein Erstaunen, als er am nächsten Tage beim gemeinschaftlichen Spaziergang im Gefängnishof einen Gefangenen erblickte, der nicht nur durch feine überraschende Ähnlichkeit sein, Hayes', ausgesprochenes „Double" war, sondern tatsächlich auch genau denselben Konfektionsanzug trug wie er selbst? Es gelang ihm, festzustellen, daß jener wegen sinnlos Trunkenheit, öffentlichen Randalierens, Widersetzlichkeit und tätlichen Angriffs auf Polizeibeamte eingeliefert worden war. Und als er eine Gelegenheit herbeiführen und feinem „Double" jenen Raubmord auf den Kopf zufagen konnte, wegen dessen er selbst festgenommen wurde, floppte der andere plötzlich zusammen und machte vor Zeugen ein umfassendes Geständnis ...
zu lassen und sich einstweilen an die Durchsuchung meines Gepäcks zu machen.
Für einen Augenblick entlädt sich durch diesen Vorschlag die gespannte Atmosphäre. Meine zahlreichen Koffer enthalten alles, was der Fremde, der sich für längere Zeit in der Sowjetunion einzurichten hat, braucht. Unendliche Mengen Seife, Zahnpasten, Schnürsenkel, Bindfäden, Papier, Bürogegenstände, Toilettenpapier nicht zu vergessen, kurz: alles Dinge, die man dort überhaupt nicht oder nur in unvorstellbar schlechter Qualität bekommt. Jedes Stück wird ausgepackt, abgetastet, geprüft. Ein Spazierstock entlockt den Suchenden sofort die Frage: „Gewärr?" Ich verneine. Der Stock wird aus der Hülle genommen und entpuppt sich als solcher. Papiere und Bücher habe ich in einer Mappe, die zuletzt dran kommt. Ich bin in einer । etwas besseren Lage als der Franzose, weil ich leinen Journalisten - Ausweis für die Sowjetunion besitze. Dennoch wird auch bei mir jedes Blättchen umgedreht, Photographien meiner Frau werden gründlich studiert, Zeitungen, Zeitungsausschnitte und ein Buch, die Rußland- Memoiren des ehemaligen englischen Außenministers Samuel Hoare werden beiseite geleat. Diese letzteren hätten hier au bleiben, erklärten die Offiziere. Ich protestiere, oa ich auf Grund meines Ausweises sämtliche Bücher und Zeitungen des Auslandes rechtmäßig mitführen dürfe. (Ein Recht, das freilich kein einziger privater Sowjetbürger hat. Die Sowjetunion dürfte überhaupt das einzigste Land der Welt fein, wo jedes ausländische Buch und jede ausländische Zeitung in privatem Besitz schlechtweg verboten ist.)
Inzwischen ist der „Natschalnik" (Vorgesetzte) an- gekommen. Zur Vorsicht kommt gleich der Chef der Grenzwache, im Range eines Obersten, mit. Bei dem Franzosen erreichen sie nichts. Er hält sein Bündel Briefe krampfhaft in der Hand, außerdem ist jede Verständigung unmöglich. Ich erkläre dem „Herrn Obersten" ebenso höflich wie deutlich, daß ich meine Bücher und Zeitungen behalten wollte. Er greift zu einer Zeituna und lieft: „Völkischer Beobachter". Kopfschütteln. Dann nimmt er das Buch Samuel Hoares, schlägt es auf und sieht das Titelbild, auf dem ... Zar Nikolai II. bärge« stellt ist. „Nelsja" (unmöglich) murmelt er jetzt. Er müsse die Sachen hierbehalten, sie könnten mir nur über die Moskauer Behörden wieder zugestellt werden. Ich gebe den Kampf auf, freilich nicht ohne die sichere Ahnung, daß ich Buch und Zeitungen nie Wiedersehen würde.
ausgeliefert würden. Kürzlich weigerte sich nun aber die Universität, die wertvollen Handschriften heraus- zugeben, zumal Schweden überhaupt nicht um Rückgabe gebeten hätte. Der Minister ist dadurch in eine peinliche Lage geraten und hat der Universität eine Entschädigung von 100 000 Franken angeboten, was die Universität wiederum abgelehnt hat.
Tatsächlich ist der Wert der Handschriften erheblich größer; er wird sicher gegen eine Million Mark betragen. Die Handschriften umfassen 22 Bände und enthalten mehrere Briefe Ludwigs XIV. an die Königin, ferner eine Abschrift des von der Königin verfaßten „Lebens Alexanders des Großen", eine Abschrift der „Sentenzen" Christines mit eigenhändigen Anmerkungen und Verbesserungen der Königin, zahlreiche Briefe von allen möglichen Kardinälen, Fürsten, Staatsmännern usw. des siebzehnten Jahrhunderts.
Wie die Handschriften nach Montpellier gekommen sind, weiß man nicht. Nach der einen Lesart hat die Königin selbst sie auf ihrer Flucht durch Frankreich einem Einwohner von Montpellier zur Aufbewahrung übergeben, nach einer anderen sind sie von napoleonischen Soldaten aus der römischen Bibliothek des Kardinals Alban gestohlen und für einen Spottpreis an die Universität von Montpellier verkauft worden. Der Kardinal soll sie von der Königin selbst, die in Rom gestorben ist, erhalten haben. Für Schweden würde der Besitz der Handschriften naturgemäß einen Gewinn von nationaler Bedeutung darstellen, doch sind von schwedischer Seite noch keine Schritte unternommen worden, in den Besitz der Handschriften zu kommen.
Das Kriegsdenkmal der Brieftauben.
K. Lille.
Hier wurde ein Denkmal zum Gedächtnis der 20 000 Brieftauben enthüllt, die im Kriege au ihrem Fluge umkamen. Bei der Verteidigung von Verdun spielten die Brieftauben eine große Rolle, da sie allein es fertig brachten, regelmäßig die Verbindung zwischen den Forts und dem Hinterland aufrechtzuerhalten und trotz Bombardements, Staub, Rauch und Nebel in verhältnismäßig kurzer Zeit Nachrichten und Befehle im Austausch zu überbringen. Eine Taube, die verwundet und völlig erschöpft ihre Botschaft überbrachte, wurde mit dem Kriegskreuz ausgezeichnet. Der Bürgermeister von Verdun war bei der Feier anwesend ferner Major Raynal, der Verteidiger des Fort Vaux. Die Glocken Verduns läuteten, sie wurden durch Rundfunk nach Lille übertragen und vor den Gedächtnisreden wurde ein Schwarm Brieftauben mit Botschaften nach Verdun abgeschickt. Das Denk- mal, von dem Bilhauer Descatoire errichtet, besteht aus einem steinernen Obelisken, auf dem die Leistungen der Brieftauben ausgezeichnet sind. Ferner sieht man eine stattliche Frauengestalt, Frankreich darstellend, von Tauben umflattert. Zu ihren Füßen lehnt ein Schild, das eine Taube im Fluge
digkeit Über kritische Zeiten Hinwegzukommen. We- sentlich ist ihm die Lehre, daß ein Volk der poli- tischen Abhängigkeit verfällt, solange es wirt- schuf tlich nicht auf eigenen Fußen steht. Auch das mächtigste Heer könnte da nichts Entscheidendes ausrichten, wie man aus dem Beispiel Deutsch- lands im Weltkrieg weiß. Folglich mußte der Be- fehl ergehen, alle nationalen Hilfs- quelle» zu erschließen, die gesamte Erzeugung in den Dienst des Staates zu stellen. Nicht jedoch nach russischem Muster, nicht durch falsch verstandenen Staatssozialismus und Heranziehung aller Arbeiter und Bauern zu Sklaven, die lediglich ihr Futter erhalten, sondern durch Staats- f entrolle der großen Industrie und Unter- ftütiung der Landwirtschaft.
Es ist bezeichnend, daß der Marxismus bei feinen Schimpfkanonaden immer der entscheidenden Frage ausweicht, die da lautet: Geht es den Arbeitern im faschistischen Staat besser als im liberalen? Wer sie verneint, der kennt das neue Italien nicht. Niemals haben die Arbeiter am Staat einen solchen Rückhalt, eine solche Sicherung gegen Ausbeutung gehabt, wie jetzt an den Einrichtungen des Fascio. Der kleinste Angestellte ist gegen plötzlichen Arbeitsverlust durch die obligatorische Abfindungssumme vor dem Aergsten geschützt. Der --------- r „ .
autoritäre Staat hat soziale Forderungen erfüllt, | unmittelbar bevor. Der Krieg in Dftafrifa hat sie die marxistische Gimpelfänger nur wie Lockpfeifen I etwas verzögert.
dergleichen.
Diesmal sind es nur zwei Reifende, die das „gelobte ßanb'1 betreten haben. Vor mir kommt e i n junger Franzose, der eine Studienreise nach Rußland machen will, an die Reihe. Der Inhalt einer Koffer wird auf den Tisch ausgebahrt, Zeitungen läßt der Franzose widerspruchslos konfiszieren, ein Album mit Photographien wird von zwei kontrollierenden GPU.-Offizieren Blatt für Blatt tubiert und dann dem Eigentümer wieder zurückgegeben. Aber es findet sich noch ein Bündel Briefe, alle in zierlichen Umschlägen geordnet, von einer kleinen, schwer lesbaren Frauenhandschrift beschrieben. Der Franzose beschwört, daß alle Briefe von seiner Braut stammen und gänzlich unpolitischen Inhalts seien. Er erbietet sich, einen zur Probe durchlesen zu lassen und hält feine Hände dabei schützend vor das Häuflein Briefe. Die GPU.- Leute verstehen natürlich kein Wort, sondern lächeln nur stumm und geben durch Handbewegun- gen deutlich zu verstehen, daß die Briefe für sie von ganz besonderem Interesse feien. .
In seiner Seelennot ruft der Franzose mich zu l oontragen will, erleben wir alle den höchsten Aus- Hilfe. Ich erkläre, worum es sich handelt. „Meine u--t- *"•**«*■*•«•
Herren Offiziere", sage ich, „es sind private Briefe, die nicht durchgesehen zu werden brauchen. Außerdem ist die Handschrift schwer zu entziffern. Sie können also dem Fremden die Briefe ruhig zurückgeben." Die „Herren Offiziere", obgleich ein wenig erweicht durch diese im heutigen Rußland seltene Anrede, die sie offensichtlich mehr befriedigt als das „Genosse Komandir" des Sowjetbürgers, erklären jedoch, daß sie unbebingt bie Briefe lesen müßten. Zugleich fügen sie hinzu, baß bie Briefe hier gelassen werben müßten, ba aus ber Grenzstation niemanb französisch sprechen könne. Man müsse bie Briefe nach Moskau schicken unb bort würben sie bem Herrn bann „nach einiger Zeit" ausgeliefert. Der gute Franzose ist burch bie{e Eröffnung ehrlich entsetzt. Niemals werbe er sich von seinen Briefen trennen, sie hier zu lassen, ei ganz ausgeschlossen. Darauf schlage ich ben „Herren Offizieren" vor, ihren Vorgesetzten rufen
men weroen, wenigstens so lange, bis sich ber neue Militär springt ab — ber Zug fährt langsam burch Haushalt so eingespielt hat, baß er burch geistige ein über bem Geleise aufgebautes Tor, auf bem Husarenritte nicht mehr gefährbet werben kann, eine aufgehenbe Sonne, Hammer unb Sichel an-
- - ' - ' ‘ • gebracht sinb. Auf ber einen Seite (bem Nachbar-
lanbe zu) trägt es bie Aufschrift: „Proletarier aller ßänber, vereinigt Euch", auf ber anberen Seite steht geschrieben: „Der Kommunis wirb alle Grenzen wegfegen," |
Einstweilen merkt jeboch ber Frembe von blefem ■ Wahlspruch nur bas Gegenteil, nämlich baß ber Grenzübertritt in bas ßanb bes Bolschewismus ber ungemütlichste ist, ben man erleben kann. Hinter bem Tor springt sofort bie Grenzwache ber „Pogranitschnaja Ochrana", ber Grenz- !PU. auf. Zwei Solbaten gehen im ßaufschritt am uge entlang unb schauen unter {eben Wagen nach blinben Passagieren aus. Ein Offizier forbert bie Pässe. Dann setzt sich ber Zug roieber nach ber sowjetrussischen Grenzstation in Bewegung.
Hier heißt es mit Sack unb Pack aus ft e i - g c n. Das Gepäck wirb in bie Zollabfertigungshalle gebracht, ber Reisenbe folgt. Die Zollabfertigung wirb yier fo ernst genommen wie in keinem anberen ßanbe. Aber man macht nicht etwa nur auf Zigarren ober Kölnisch-Wasser Jagb! Nein, man burchsucht bie Koffer ber Reisenben auf Zeitungen, verbotene ßiteratur, Waffen unb


