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Nr. üb Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)

Mittwoch. l8.MarzMb

Großer Zapfenstreich vor demWrer in Frankfurt.

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Der ereignisreiche 16. März, an dem der Führer in der Festhalle zu Frankfurt a. M. sprach, fand, wie wir schon ausführlich gemeldet haben, einen erhebenden Abschluß mit dem Großen Zapfenstreich der Wehrmacht vor dem Führer, der mit der Generalität auf dem Balkon des Opernhauses Platz genommen hatte. (Scherl-Bilderdienst-M.)

Aus der Provinzialhauptstadt.

Oie kranken Zähne sind schuld

Immer wieder finden sich in den medizinischen Fachzeitschriften Mitteilungen über schwere Erkran­kungen, die ihren Ursprung in einem kranken Zahn haben. So beschreibt vor kurzem der Chefarzt der inneren Abteilung des Krankenhauses Evangelis- mos in Athen zwei Fälle einer ernsten allgemeinen Vergiftung des Blutes, die lediglich ausgelöst wurde von einer Giftquelle an den Zähnen. Bei einer 32jährigen Patientin, die in einem sehr bedenk­lichen Zustand in das Krankenhaus eingeliefert wurde, trat schlagartig Besserung und dann Heilung ein, nachdem diejenigen Zähne, die nach der Rönt­genaufnahme sich als krank erwiesen, entfernt waren. Das gleiche konnte bei einer 35jährigen Patientin beobachtet werden, die mit Bluthusten, Gelenk- und Bauchschmerzen, blutigen Stühlen und schwersten anderen Allgemeinerscheinungen eingeliefert wurde. Auch hier fand man in den erkrankten Zähnen die Schuldigen. Man konnte in dem Eiter dieser An- steäungsquelle dieselben Krankheitserreger nach­weisen, die auch für die Krankheitserscheinungen an anderen Organen des Körpers verantwortlich zu machen waren. Auch in der Chemnitzer Medizinischen Gesellschaft wurden nach einem Bericht der Deut­schen Medizinischen Wochenschrift vor einigen Wochen drei Fälle mitgeteilt, in denen Kinder durch Giftstoffe, die in erkrankten Zähnen ihre Quelle hatten, schwer geschädigt wurden. Sie führten bei einem siebenjährigen Knaben zu einer Nierenentzün­dung, bei einem zwölfjährigen Knaben zu ausgedehn­ten Blutungen in die Haut und die Gelenke und bei einem fünfjährigen Mädchen zu den gleichen Erschei­nungen, verbunden mit einem heftigen Rheumatis­mus. In allen drei Fällen aber verschwanden die Krankheitserscheinungen sofort und für immer nach Entfernung der Giftquelle: der erkrankten Zähne.

So muß man sich vor allem auch bei dauernd wiederkehrenden Anginen (eitrigen Entzündungen der Mandeln), bei Gelenkerkrankungen immer an die Möglichkeit denken, daß die Urheber dieses Un­heils im Kiefer sitzen: selbst dann, wenn die Zähne

nicht schmerzen und ihnen vielleicht sogar äußerlich gar nichts anzusehen ist, daß sie erkrankt sind. In der Röntgenröhre besitzt der Zahnarzt ein Auge, mit dem er in den Kiefer hineinsehen und feststellen kann, ob vielleicht verborgen an der Zahnwurzel­spitze ein Krankheitsherd sich gebildet hat, von dem das ganze Unheil seinen Ausgang nimmt.

Auf eines muß hierbei mit allem Nachdruck hin- gewiefen werden: Aengstliche Menschen können, wenn sie diese Zusammenhänge wissen, leicht dazu verführt werden, in jedem Fall in ihren Zähnen die Quelle alles Unheils zu sehen. Nichts aber ist falscher, als kopflos und blindlings die Entfernung von Zähnen zu fordern, deren Schuld nicht ein­wandfrei erwiesen ist. So hat man bis vor kurzem in Amerika aus einer maßlosen Ueberschätzung dieser Herdansteckung ausgehend von den Zähnen, manchesunschuldige" Gebiß grundlos zerstört. Eben­sowenig allerdings darf diese vom kranken Zahn aus mögliche Schädigung anderer Organe unterschätzt werden. Allein entscheiden können hier nur Arzt und Zahnarzt in einer gemeinsamen Prüfung des Falles, wobei es dem Zahnarzt Vorbehalten bleibt, den einwandfreien Nachweis der ursächlichen An­steckungsquelle am Zahn, nicht zuletzt mit Hilfe der Röntgenaufnahme, zu führen.

Dornoiizen

Tageskalender für Mittwoch.

NSG.Kraft durch Freude": 16 Uhr im Cafe Leib Kindermärchen-BorftellungDas Märchen im Zauberwald": 20.30 Uhr im Cafe Leib Gastspiel des Oberbayrischen BauerntheqtersDas Schützenfest von Garmisch". Ab 20.30 Uhr allgemeine Körper­schule im Lyzeum. Stadttheater: 19.30 bis 22 UhrLapp im Schnakenloch" undDer zerbrochene Krug". Gloria-Palast, Seltersweq:Der Ammen- könig". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Der Herr ohne Wohnung". Oberhessischer Kunstverein (Turmhaus am Brandplatz): 16 bis 17 Uhr Aus­stellung von Gemälden von Richard Geßner, Düssel­dorf.

Skadttheaker Gießen.

Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Heute abend zum ersten MalLapp im Schnaken­loch", ein Spiel von Ed. Reinacher. Die Spiellei- tung liegt in den Händen von Wolfgang Kühne. Mitwirkende: Damen: Henckell, Schubert-Jüngling: Herren: Mosbacher, Schorn, Tank, Bolck. Hieran anschließend Heinrich v. Kleists LustspielDer zer­brochene Krug". Spielleitung: Der Intendant. Mitwirkende: Damen: Birkmann, Henckell, Karden, Schubert-Jüngling, Stirl; Herren: Frickhoeffer, Hub, Lüpke, Neuhaus, Rosenthal, Seitz. Dauer von 19.3022 Uhr. 22. Vorstellung im Mittwoch-Abon­nement.

Ein Grundbeitrag bei denZndustrie-undHandeiskammern

Der Reichsstatthalter in Hessen als Führer der Landesregierung hat mit Zustimmung des Reichs­und des Preußischen Wirtschaftsministers eine Aen- derung des Gesetzes über die Industrie- und Han­delskammern beschlossen, die er im Namen des Reichs verkündet und in der folgendes bestimmt wird:

Die Kammern können die Erhebung eines neben der gesetzlichen Umlage zu erhebenden einheitlichen Grundbeitrages bis zum Höchstbetrage von jährlich 12 RM. beschließen, der von allen wahlberechtigten Firmen zu zahlen ist.

Sie können ferner beschließen, daß sich der Grund­beitrag für Firmen, deren Gewerbebetrieb nicht über einen bestimmten Umfang hinausgeht, ermäßigt.

Das Gesetz tritt mit rückwirkender Kraft zum 1. April 1935 in Kraft.

Aus parteiamtlichenBekanntmachuugen

In der Ortsgruppe G i e ß e n - O ft findet das Einziehen der Hilfskafsen-Beiträge von den An­gehörigen der SA., SS., NSKK., Reiter-SA. und Marine-SA., die im Bereich der Ortsgruppe Gießen- Ost wohnen und nicht Parteigenossen sind, am heutigen Mittwoch, 18. März, in der Zeit von 20 bis 22 Uhr in der Ortsgruppen - Geschäftsstelle, Kaiserallee 141, statt. Wer heute abend nicht be­zahlt, wird bei der Hilfskasse in München ab­gemeldet.

Die Angehörigen der SA. im Bereich der Ortsgruppe Gießen-Süd, die ihren Bei­trag an die Hilfskasse für April, Mai und Juni noch nicht bezahlt haben, können diese Zahlung noch am heutigen Mittwoch, 18. März, in der Zeit von 20 bis 22 Uhr in der Geschäftsstelle, Frankfurter Straße Nr. 29, leisten. Wer heute nicht befahlt, wird bei der Hilfskasse abgemeldet.

Eine Kreisversammlung des NS.- Lehrerbundes, Kreis Gießen, findet am kommenden Samstag, 21. März, 16 Uhr, in der Pestalozzifchule in Gießen statt. -Es handelt sich dabei um eine Pflichtversammlung für alle Mit­glieder des NS.-Lehrerbundes, die auf Anordnung der Reichsamtsleitung abgehalten wird.

Die deutsche Arbeitsfront .. TV n.9.=6emcinf(haftKraft durch freute"

Urlaubsfahrt 7/36 Bodensee vom 9. bis 13. April.

Wer einmal am Bodensee war, den reißt das Heimweh immer wieder an ihn zurück. Es ist ganz gleich, ob man am Ufer steht oder auf einer Damp­ferfahrt den See in seinen wechselnden Farben und seiner stimmungsvollen Bewegung genießt. Sipp­lingen, Ueberlingen, Nußdorf, Oberuhldingen, Mühl­hofen, Unteruhldingen, Meersburg und Hagenau find die Orte, in denen die Urlauber gute Unter­kunft finden. Eine Dampferfahrt auf dem Boden­see sowie Besichtigung der Zeppelinwerft in Fried­richshafen werden jeden Urlauber begeistern. An­meldungen für diese herrliche Fahrt müssen um­gehend aus der KreisdienststelleKdF.", Schanzen­straße 18, abgegeben werden. Der Fahrpreis be­trägt 26,50 Mark.

Große Kinder-Märchen-Vorstellung.

Mittwoch, 18. März, 16 Uhr, findet im Cafe Leib eine große Kinder-Märchen-Vorstellung statt. Wir bringen:

Das Märchen vom Zauberwald" von Max Reitzammer, ausgeführt von den Mün­chener Laienspielen. Der Eintrittspreis beträgt nur

20 Pf., so daß jeder Volksgenosse seinen Kindern eine große Freude bereiten kann. (Karten sind nach­mittags an der Kasse noch zu haben.)

Gastspiel des Original Oberbayerischen Bauern­theaters.

Heute abend, 20.30 Uhr, findet im Cafe Leib ein Gastspiel des Original Oberbayrischen Bauern­theaters statt. Zur Aufführung gelangt:

Das Schützenfest von Garmis ch". Ein Bauernschwank in drei Akten von Max Reitzammer. Der Eintrittspreis beträgt 50 Pf. Kar­ten find in den bekannten Vorverkaufsflellen und an der Abendkasse zu haben.

Lachen ist der Hauptzweck des Stückes, den zu erreichen dem Autor glänzend gelungen ist. Daß man schöne Trachten und original-oberbayrische Schuhplattlertänze zu sehen bekommt, ist eine will­kommene Zugabe. Außerdem hat man Gelegenheit, ein Münchener Zitherduett zu hören. Alles in allem es wird ein Abend, so recht, um über die Sor­gen des Alltags hinwegzukommen, und mit gehobe­ner Stimmung geht man nach Hause.

GportamtKraft durch Freude".

heute folgender Kursus:

Allgem. Körperschule, Frauen und Männer. Von 20.30 bis 21.45 Uhr, Lyzeum, Dammstraße 26.

Betr. Schachkurse! Für die beginnenden Schachkurse (Anfänger und Fortgeschrittene) werden auf der Geschäftsstelle, Schanzenstraße 18, noch An­meldungen entgegengenommen.

Wichtig für Hausbesitzer!

1935er TNietgutscheine müssen in Hessen bis 10. April eingelöst fein!

Die Zentralabteilung der Hessischen Landesregie­rung teilt mit: Die Vorverlegung des Bücherschlusses der Hauptstaatskasse auf den 31. Mai 1936 bedingt, daß auch bezüglich der Mietunterstützungen für das Rechnungsjahr 1935 die notwendig gewordene Frist- verkürzung unbedingt eingehalten wird. Hierzu ge­hört, daß die Einlösung der Mietgutscheine für das Rj. 1935 so zeitig erfolgt, daß die Zurechnung durch die Finanzkasfen an die Hauptstaatskaffe fristgemäß geschehen kann. Es müssen demnach sämtliche Miet­gutscheine, die auf das Rj. 1935 lauten, bis spätestens 10. April 1936 bei den Finanzkassen zur Einlösung vorgelegt werden. Die Finanzkassen haben Anwei­sung erhalten, nach diesem Termin vorgelegte Gut­scheine zurückzuweisen. Um sich vor Schaden zu be­wahren, wird den Hausbesitzern dringend geraten, die festgesetzte Frist einzuhalten, da eine nachträg­liche Einlösung von Mietgutscheinen nicht möglich ist.

Gtempelabgabe für Automaten,Musikwerke und Radio­apparate im Rechnungsjahr 1936.

Die Polizeidirektion Gießen teilt zur Beachtung durch die Abgabepflichtigen nochmals folgendes mit:

Wer in Bahnhöfen, öffentlichen Wirtschaften oder an anderen öffentlichen Orten und Plätzen einen Verkaufs- oder Wiegautomaten, Kraftmesser oder einen sonstigen der Unterhaltung des Publikums dienenden Automaten oder einen dem gleichen Zweck dienenden Radioapparat, ferner wer in einem öffentlichen Wirtslokal ein Klavier ober ein sonsti­ges Musikwerk aufstellen will, hat dies zuvor bei

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der Crnteüank des deutschen Volkes

Oie Tippgräfin.

JRomon von Klothilde v Gtegmann

Urheberrechtsschutz: Auswärts-Verlag, Berlin, SW 68.

15. Fortsetzung. Nachdruck verboten!

12. Kapitel.

Das Halsband der Geronimo.

Haus Gellern lag im Dunkel. Mariellas einund- zwanzigster Geburtstag war vorüber. Die ganze Festlichkeit war an ihr oorbeigegangen wie ein Traum ein böser und schrecklicher Traum. Sie konnte nicht froh werden an ihrem Ehrentage. Immer wieder kam ihr der eine Gedanke: Heute abend mußte es geschehen! Sie durfte nicht mehr zögern. - Jede Stunde konnte das Verderben für den Geliebten bringen.

Das Fest hatte einen glänzenden Verlauf ge­nommen. Niemand ahnte, daß hinter Mariellas lachender Miene die Verzweiflung lag. Ja, dieses Feuer der Verzweiflung ließ heute ihre Augen tie­fer leuchten, ihre Wangen wärmer erstrahlen. Sie hatte hastig getrunken. Sie wollte, ja, sie mußte vergessen.

Alle Gäste fanden, daß Mariella noch niemals fo ausgelassen und glühend vor Lebenslust gewesen war wie heute. Alle schoben es auf die Freude über das schöne Fest, das Annina von Gellern ihrer Pflegetochter bereitet hatte. Nur Lore Anker­mann dachte immer wieder: Wie verändert ist doch Mariella! Niemals hat sie so laut gesprochen, so laut gelacht. Was ist mit ihr? Am liebsten hätte sie Mariella genommen und sie fortgeführt hier aus dem Kreis, zu sich und zu Renate, und sie gefragt: Was ist mit dir, Mariella? Was verbirgt sich hinter deinem lauten Lachen deiner krampf­haften Fröhlichkeit?

Aber es war unmöglich. Mariella war immer von einem Kreis von Menschen umringt, die der schönen und jungen Italienerin huldigten.

Also mußte sich Lore gedulden, bis sie Mariella allein sprechen konnte. Das würde sicherlich morgen der Fall sein. Inzwischen bemühte sie sich energisch, die etwas plumpen Schmeicheleien ihres Tischherrn,

des jungen Bankiersohns Kammacher, abzuschütteln. Schließlich aber flüchtete sie zu dem alten General Ultebeck. Der meinte schmunzelnd:

Kommen Sie nur, mein verehrtes kleines Fräu­lein. Wir Alten sind auch noch froh, wenn etwas so Liebes, Junges ein bißchen Zeit für uns hat."

Es war schon weit nach Mitternacht, als die letzten Gäste das Haus Annina von Gellerns ver­ließen. Mariella hatte Lore versprochen, sie morgen anzurufen. Bei dem Wortemorgen" war sie plötz­lich zusammengezuckt. Ein Schauer hatte sie über­laufen, als fröstelte sie. Aber als Lore sie ängst­lich fragte:Was hast du, Jella?", da hatte Ma­riella nur den Kopf zurückgeworfen und gesagt:

Nichts, nichts, Liebling, es war nur ein bißchen viel heute, und ich bin müde."

Dann hatte sie sich hastig von Lore verabschiedet.

*

Annina von Gellern hatte sich, ermüdet von den Festlichkeiten, zur Ruhe begeben. Sie pflegte jeden Abend vor dem Schlafengehen ein kleines Glas Südwein zu trinken. Mariellas Pflicht war es, ihr diesen Südwein beim Gutenachtsagen ans Bett zu bringen.

Annina lag in ihrem breiten Bett. Sie sah sehr reizvoll aus in ihrem seidenen Nachtpyjama von nilgrüner Farbe. Von den Spitzenkissen, durch die es mattblau schimmerte, hob sich ihr immer noch schöner Kopf ab.

Behaglich kuschelte sie sich in die Kissen und über­dachte den heutigen Tag. Er war wirklich sehr gut gelungen. Jeder Mensch hatte ihr Komplimente ge­macht, wie rührend sie für ihre Pflegetochter sorgte.

Niemand würde auf den Gedanken kommen, daß zwischen ihr und Mariella nicht alles so war, wie es den Anschein hatte. Jeder hielt sie für die zärt­liche Pflegemutter.

Sie war mit dem heutigen Tage sehr zufrieden. Die Huldigungen der Herrenwelt hatten ihr ebenso gegolten wie Mariella.

Aber wo blieb Mariella? Ungeduldig reckte sie ihren schlanken Arm nach der edelsteinbesetzten Uhr, die auf dem Nachttisch lag.

Mariella!" rief sie.Kommst du nicht?"

Mariella war heftig zufammengefchreckt, als Tante Annina sie rief. Sie stand mit schlaff herab-

hängenden Armen am Tisch, vor sich das Glas mit Südwein. Sie hatte es eben eingeschenkt. Neben ihr lag eine kleine weiße Tablette. Das war das Schlafmittel, das Ehrhard von Hagen ihr über­geben hatte. Sie sollte es dem Wein beimischen. Nochmals hatte er ihr versichert, daß es ganz un­gefährlich wäre. Zwei-, dreimal tastete Mariellas Hand nach der weißen Tablette, um sofort wieder zurückzufahren, als hätte sie Feuer angefaßt. Aber als die scharfe Stimme Anninas von Gellern wiederum ertönte, raffte sich endlich Mariella auf. Es mußte fein. Erhards Rettung mußte ihr mehr fein als Tante Annina, und mehr als das eigene Gewissen. Sie zerbrach die Tablette und ließ die kleinen weißen Stückchen in das Glas gleiten. Sie zerfielen augenblicklich. Nur ein schwacher, kleiner Bodensatz blieb zurück. Auch der verschwand, als Mariella vorsichtig mit einem Löffel in dem Glas rührte.

Sie atmete auf. Nein, zu sehen war nichts. Aber ob nichts zu schmecken war? Vorsichtig kostete sie. Der Geschmack des Weines war unverändert. Wie immer süß und feurig.

Endlich entschloß sich Mariella, hineinzugehen.

Wo bleibst du denn so lange?" schalt Annina ärgerlich.Kannst du nicht schneller sein? Kein bißchen Dankbarkeit, kein bißchen töchterliche Für­sorge hat man von dir."

Ungeduldig nahm sie den Wein, den Mariella ihr mit zitternder Hand reichte. Hätte Annina in diesem Augenblick ein gütiges Wort für Mariella gehabt alles wäre anders gekommen. Dann hätte Mariella vielleicht doch nicht die Kraft befef- fen, fo zu handeln, wie sie nun handelte. Aber Anninas unberechtigte Vorwürfe betäubten ihre Reue. Zwar schlug ihr Herz wie ein Hammer, aber sie ließ es zu, daß die Tante den Wein schlürfte.

Lösch das Licht aus und komm morgen früh etwa um neun Uhr zu einer Unterredung zu mir. Wir haben viel miteinander zu besprechen!" sagte Annina noch. Dann löschte Mariella, wie immer, die Nachttischlampe. Heute aber zitetrte ihre Hand' Sie floh, wie gejagt, auf ihr Zimmer.

Mit irren Augen fah sie auf das schimmernde Festkleid, das nun von ihr herabglitt. Dies alles erschien ihr wie ein böser Spuk. Es konnte doch nicht Wirklichkeit fein, daß sie, Principessa Mariella

di Bonaglia, jetzt heimlich auf Diebeswege gehen wollte. Und doch war es Wirklichkeit. Totenstille herrschte im ganzen Hause. Es mußte heute gewagt werden.

. Erhard, Liebster, für dich!, dachte sie. Sie rief sich sein geliebtes Gesicht in die Erinnerung zurück, um sich Mut zu machen.

Dann ging sie auf Zehenspitzen vorwärts. Am Schlafzimmer Anninas lauschte sie. Es war alles still. Vor einer halben Stunde hatte sie das Licht im Zimmer der Tante gelöscht. Annina schien schon fest zu schlafen. Erwachte sie, so konnte man ihr, ahne Verdacht zu erregen, sagen, daß man aus ihrem Zimmer ein beängstigendes Geräusch gehört habe und gekommen sei, um nach dem Rechten zu sehen. Doch die Tante lag noch ebenso, wie sie sie vor kurzem verlassen hatte.

Mit bebenden Händen trat Mariella dicht an das Bett heran. Vorhin, als sie im Mondschein von ihrem Zimmerchen aus dem Gang über den teppich- belegten Korridor in das Schlafgemach der Tante angetreten, hatte sie etwas wie'eine Vision. Der silberne Strahl des Gestirns schien in schimmern­den, verschnörkelten Buchstaben:Diebin Ma- riella di Bonaglia wird zur Diebin", vor ihre Fuß- topfen zu kritzeln. Haarscharf und deutlich sah ihre überreizte Phantasie die Worte vor sich.

Doch nun mußte sie sich von diesen Wahngebil- den befreien. Der Selbsterhaltungstrieb gebot ihr, schärfste Aufmerksamkeit zu wahren. Das Schlaf­pulver mußte ausgezeichnet wirken. Annina atmete ruhig und gleichmäßig und rührte sich auch nicht, als Mariella ihr, zitternd vor Gewissensbissen, das kostbare Platinkettchen mit dem Goldschlüssel ab- streifte, das sie immer um den Hals trug.

Vorsichtig ließ sie jetzt die Festschlafende in die Kissen zurückgleiten. Dann schlich sie zu dem Ge- heimschränkchen in der Ecke, dessen Mechanismus neben der Tante nur ihr allein bekannt war. Sie öffnete es, und zwar mar ihm nicht durch Schloß und Riegel, sondern durch allerhand selt­same Vorrichtungen beizukommen. Doch wieder packte sie würgend die Angst. Denn plötzlich hörte sie Anninas Stimme. Schreckgebannt blieb sie stehen. War Frau non Gellern erwacht? Nein, nein, sie schien im Traum zu sprechen.

(Fortsetzung folgt!)