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Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Hr.4I Drittes Blatt

Dienstag. (8. Zebruar 1936

Aus der Provinzialhauptstadt.

Der Aufschub.

Beinahe hätte es ein Unglück gegeben. Wie oft genug die unerfreulichsten Dinge aus Nichtigkeiten entstehen und Schaden verursachen, daß man sich wundern muß.

Frau X. trifft auf der Straße Frau 2). Ein klei­ner Schwatz wird gemacht, und wie es so kommt tzehnt sich die Unterhaltung aus. Aber bald hat auch der Teufel sein Spiel, denn Frau $). kann es sich nicht versagen, mit harmloser Stimme nach dem Unwohlsein des Herrn X. zu fragen.

Damit hat es nichts auf sich, ganz gewiß nicht. Nur daß Herr X. mal etwas über die Polizeistunde ausgeblieben ist und sich dabei auf rätselvolle Weise das Nasenbein zerschunden hat. Frau X. lächelte nur nein, es ist nichts von Bedeutung, aber sie hat es auf einmal sehr eilig. Auf dem Nachhauseweg kocht sie voller Empörung. Was geht Frau P. auch schließlich ein zerschundenes Nasenbein an?

Herr X. bekommt saftige Vorwürfe zu hören. Was tut ein Mann kn solcher Lage? Er ergrimmt natürlich seinerseits. Dabei kommt ihm eine Idee. Soll man nicht die Urheberin des Aergers zur Re­chenschaft ziehen? Herr X. schreibt einen Brief. An Herrn Y. natürlich.

Der Brief ist keine Freundschaftsbeteuerung. Im Gegenteil, er strotzt voller Aeußerungen, von denen eine einzige schon hinreichend ist, um im Sinne des Gesetzes den Tatbestand der Beleidigung zu rechtfertigen. Herr P. möge sich bitte feiner Frau annehmen, die eine üble Hetzerin sei und so wei­ter. Punktum!

Doch das Schicksal hat eine Tücke bereit. Es ist keine Marke im Haus. Herr X., der sich eben den Zorn vom Leibe geschrieben, wird abermals wü­tend. Zum Donnerwetter, noch nicht mal eine Brief­marke. Schöne Wirtschaft! Aber da es später Abend ist, läßt sich keine Marke herbeihexen. Weshalb der Brief bis morgen liegen bleibt.

Der Morgen kommt und mit ihm Herrn X.s Ernüchterung. Beim Frühstück lieft er den liegen­gebliebenen Brief. Er versteht sich selber nicht. Wie kann ein vernünftiger Mensch einen solchen Brief toreiben? In den Papierkorb damit! Herr X. pfeift sich eins und kann sogar wieder lachen. Als er nachmittags Herrn P. auf der Straße sieht, grüßt er ihn besonders liebenswürdig, wobei er die Empfindung hat, daß er beinahe ein großer Esel gewesen wäre.

Laufen wir nicht alle einmal Gefahr, uns als Esel zu erweisen? Nicht immer hindert uns daran eine nicht vorhandene Briefmarke. Aber wir sollten uns auf jeden Fall die Weisheit eines lateinischen Sprichwortes zunutze machen. Und dieses Sprich­wort besagt, daß das größte Heilmittel gegen den Zorn der Aufschub ist. Womit die Lateiner wahr­haftig eine goldene Lebensregel geprägt haben. Sch.

Vornotizen.

Tageskalender für Dienstag.

NSG.Kraft durch Freude": 20.30 bis 21.45 Uhr fröhliche Gymnastik (nur für Frauen) im Lyzeum; 20 bis 21 Uhr und 21 bis 22 Uhr (nur für Frauen) Schwimmen im Volksbad; 21 bis 22 Uhr Reiten, Reitschule Schömbs. NSDStB. und Gießener Studentenschaft: 20.15 Uhr Kundgebung in der bleuen Aula; es spricht der Stabsleiter des Reichs- liudentenbundführers Pg. Diplom-Ingenieur W a l - d)er. Stadttheater: 20 bis 22.30 UhrKrach im Hinterhaus". Gloria-Palast, Seltersweg:Der schüchterne Casanova". Lichtspielhaus, Bahnhof­straße:Friesennot". Oberhessischer Kunstverein lTurmhaus am Brandplatz): 16 bis 17 Uhr: Aus­stellung von Gemälden von Josef Steib, Berlin.

Zum ersten Zitatekrach im Hinterhaus" im Stadttheater am Dienstag, dem 18. Februar wird uns geschrieben: Diese KomödieKrach im Hinter­haus" von M. Böttcher, die heute abend von 20 bis 22.30 Uhr im Stadttheater ihre Erstaufführung erleben wird, gewinnt einer wenig heiteren Umge­bung die heitersten Seiten ab. Die Spielleitung liegt in den Händen von Heinrich Hub. Mitwirkende: Domen: Birkmann, Decker, Henckell, Karden, Schu­bert-Jüngling, Stirl; Herren: Frickhoeffer, Geiger, Kühne, Lüpke, Mosbacher, Nieren, Schorn, Seitz, Tank, Volck. Die Vorstellung gilt zugleich als 19. Vorstellung im Dienstag-Abonnement.

Horst-Weffel-Gedenkfe er der oberhessischen SA.

Am kommenden Sonntag, 23. Februar, 16 Uhr, wird in der Volkshalle zu Gießen von der S2L- Vrigade 147 eine Feierstunde anläßlich der Wieder­kehr des Todestages von horst Wessel veranstaltet. Näheres über diese Gedenkfeier unserer oberhessischen SA. wird noch bekanntgegeben werden.

Achtung Lungreiter!

Für den Bereich des Wehrmeldeamtes Gießen inden am 2 3. Februar (Sonntag) folgende Prüfungen zur Erlangung des Reiterscheines durch den Beauftragten des Reichsinfpekteurs für Reit- und Fahrausbildung statt:

In Londorf um 9 Uhr auf dem Reitplatz des SA.-Reiterfturmes 4/147.

In Gießen um 11.30 Uhr im Univerfitäts- reitinftitut.

In Hungen um 14 Uhr auf dem Reitplatz des SA.-Reiterfturmes 5/147.

Die Prüfung kann jeder junge Mann ablegen, der zu den Jahrgängen 1911 bis 1918 gehört. Wer den Reiterfchein besitzt, hat folgenden Vorteil:

1. B e i freiwilligem Eintritt in das Reichsheer: Einstellung in den selbstgewählten

eidigung ist es notwendig, daß Blockwal ter, Zellenwalter, Betriebswalter, Be­tri e b s b l o ck - und Zellenwalter, sowie die Dertrauensräte der Betriebe an dieser Besprechung erscheinen.

SportamtKrast durch Freude".

heule folgende Kurse:

Fröhliche Gymnastik und Spiele (Frauen): Von 20.30 bis 21.45 Uhr, Lyzeum, Dammstraße 26.

Schwimmen: Von 20 bis 21 Uhr, Frauen und Männer, Volksbad. Von 21 bis 22 Uhr, nur für Frauen, Volksbad.

Reiten: Don 21 bis 22 Uhr, Universitäts-Reit­institut, Brandplatz.

In der nächsten Woche beginnen neue Reitkurse. Anmeldungen hierzu können noch auf der Geschäfts­stelle, Schanzenstraße 18, Telefon 2919, abgegeben werden. Die Kosten betragen für den 6ftünöigen Kursus für Mitglieder der DAF. 6 RM., für Nicht­mitglieder 9 Reichsmark.

LandschastsbundVolkstum und Heimat.

Ortsring Gießen.

Unsere Mitglieder werden zu folgenden Veran­staltungen bei freiem Eintritt eingeladen:

Mittwoch, 19. d. M., 20,15 Uhr, im Zoolo-

Pfarrer Münchmeyer, M. d.R.

einer der ältesten Kampsredner der NSDAP.

spricht am Freitag, 28. Febr., 20.30 Llhr, in der Volkshalle zu Gießen.

Sämtliche Gliederungen und angeschlossenen Verbände der NSDAP, nehmen an dieser Kundgebung teil.

Die Eintrittskarten müssen umgehend von den Gliederungen, soweit dies nicht schon geschehen ist, bei der Kreisleitung (Lonystraße 18) abgeholt werden.

Eintritt im Vorverkauf 20 ps. Vorverkaufsstellen Kreisleitung Gießen, Geschäfts­stellen der Gießener Ortsgruppen, die zuständigen Vlockleiter der NSDAP.

Kreisleitung Gießen der NSDAP.

Truppenteil im Rahmen der allgemeinen gesetzlichen und militärischen Bestimmungen.

2. Bei der pflichtmäßigen Aushebung: Bevorzugte Einstellung als. Reiter oder Fahrer. Mitbringen von Pferden ist erwünscht, aber nicht erforderlich.

Es wird kurz verlangt:

1. Das Vorhandensein eines losgelassenen, ge­schmeidigen mit den Bewegungen des Pferdes mitgehenden und gestreckten Sitzes.

2. Kenntnis der Kreuzleine 22.

3. Handgriffe bei Wendungen und Paraden.

4. Verkehrsregeln.

5. Verpaffen landesüblicher Kummt- und Sielen- gefchirre.

6. Fütterungslehre (Tagesrationen, Tränkzeiten).

7. Sattelung und Zäümung.

8. Putz und Wartung des Pferdes.

9. Einrichtung behelfsmäßiger Stallung in der Ortsunterkunft.

10. Pferdeschonung und Pferdepflege auf dem Marsch.

Der Beauftragte des Reichsinspekteurs für Reit- und Fahrausbildung.

Wehner, Standartenführer.

Deutsche Arbeitsfront.

Ortsgruppenwaltung Gießen-Ost.

An alle DAF. - Walter und K d F. - W a r t e!

Am Mittwoch, 19. Februar, 20.30 Uhr, findet eine dringende Besprechung sämtlicher DAF.- Walter in derWirtschaft Kimpel", Sicher Straße 57, statt.

In Anbetracht der Umstellung der vier Gießener Ortsgruppen und der demnächst stattfindenden Ber­

gischen Institut, Bahnhofstraße 84: Lichtbildervor­trag von Aquariumsvorsteher G. Lederer (Tier­garten Frankfurt a.M.):Eine zoologische Sammelreife nach dem Roten Mee r." (Veranstaltet vom Deutschen Biologenverband.)

Donnerstag, 20. d. M., 20.15 Uhr, im Kunst­wissenschaftlichen Institut: Lichtbildervortrag von Stadtbaurat Graoert:Entwicklungs­linien des deutschen, besonders des hessischen Städtebaue s." (Veranstaltet vom Oberhessischen Geschichtsverein.)

Die Bedeutung der Geschlechtskrankheiten.

Im Rahmen der VorträgeWissenschaft im Dienst am deutschen Volk" sprach am gestrigen Montag­abend im Kunstwissenschaftlichen Institut Prof. Dr. Schultze überDie Bedeutung und Ge­fahren der Geschlechtskrankheiten für Volk und Staat."

Der Vortragende erklärte zuerst die verschiedenen Arten unu Auswirkungen dieser Krankheit und machte dies seinen Zuhörern durch einige Aufnah­men besonders anschaulich. Man sah so recht an diesen Bildern, welch' eine furchtbare Seuche die Geschlechtskrankheit im Leben eines Volkes darstellt. Gerade die Syphilis sei besonders gefahrvoll, da die Menschen, die von ihr befallen feien, oft mo­natelang nichts davon merkten. In den Jahren kurz vor dem Kriege fei Deutschland das Land gewesen, in dem diese Krankheit besonders florierte; erklärlicherweise sei auch immer in unruhigen Zei­ten und besonders nach Kriegen das Anwachsen der Zahl der Geschlechtskranken zu vermerken gewesen. Im Jahre 1919 sei wohl schon ein Gesetz zur Ein­dämmung dieser Seuche herausgebracht worden,

aber erst durch die neuen Gesetze von 1927 habe man einen Erfolg feftftellen können.

Prof. Dr. Schultze wies dann darauf hin, daß Thüringen das erste Land gewesen sei, das ener­gisch den Kampf gegen die Geschlechtskrankheit auf­genommen habe. Hier sei man nicht mehr von einer falschen Gefühlsduselei befangen gewesen, sondern man habe das ganze Problem an der Wurzel an­gepackt, und heute könne man schon nach zwei Jahren wirkliche Erfolge verzeichnen.

Es ist unmöglich, an dieser Stelle alles das zu bringen, was Prof. Schultze in vielen sehr lehr­reichen und praktischen Darstellungen brachte, die so recht den moralischen und wirtschaftlichen Schaden für unser Volk kennzeichneten.

Durch die Gesetze der nationalsozialistischen Re­gierung sei auch auf dem Gebiete der Eindämmung dieser Seuchen schon viel erreicht worden, und somit sei die Gewähr gegeben, daß eines Tages für uns Deutsche die Gefahren der Geschlechtskrankheiten überwunden sein werden. Durch straffere Gesund­heitsführung und durch die Behandlungspflicht, fer­ner die Erfassung und Asylierung der Gewohnheits­verbrecher, die mit Rücksicht auf Sippe, Volk und Staat durchgeführt wird und selbstverständlich diese höher einschätzt, als die persönliche Freiheit eines einzelnen, habe man bald gute Erfolge zu ver­zeichnen.

Der Vortragende schloß feine Ausführungen mit einem Worte Adolf Hitlers:Es gibt keine Freiheit z u fündigen auf Kosten der Nachkommenschaf t".

Gießener Wochenmarkkpreife.

* Gießen, 18. Febr. Auf dem heutigen Wochen­markt föfteten: Molkereibutter, das Pfund 1,55 Mk., Landbutter 1,42, Markenbutter 1,60 Mk., Matte 20 bis 25 Pf., Käse, das Stück 4 bis 10, Eier, deutsche, Klasse A 10%, Wirsing, das Pfund 15 bis 20, Weiß­kraut 12 bis 15, Rotkraut 15 bis 20, Gelbe Rüben 9 bis 12, Rote Rüben 10 bis 12, Spinat 20 bis 25, Unterkohlrabi 8, Grünkohl 15, Rosenkohl 20 bis 40, Feldsalat 80 Pf. bis 1,20 Mk., Tomaten 45, Zwie­beln 10 bis 18, Meerrettich 30 bis 80, Schwarz­wurzeln 25 bis 35, Kartoffeln 4 Pf., der Zentner 3,50 bis 3,70 Mk., Aepfel, das Pfund 16 bis 35 Pf., Birnen 15, Nüsse 45, Tauben, das Stück 50 bis 60, Blumenkohl 25 bis 45, Salat 30 bis 35, Endivien 20 bis 25, Lauch 5 bis 10, Rettich 5 bis 15, Sellerie 5 bis 40 Pf.

*

** Silberne Hochzeit. Am morgigen Mitt­woch, 19. Februar, können die Eheleute Ernst Krause, Mühlstraße 20 wohnhaft, das Fest der silbernen Hochzeit begehen.

** Müssen Fahrräder mit Anhän­gern oder Dreiräder Radfahrwege benutzen. Radfahrer müssen nach der Ausfüh­rungsanweisung zur Reichs-Straßenverkehrs-Ord­nung Radfahrwege benutzen, wo solche vorhanden sind; steht den Radfahrern ein Radfahrweg zur Verfügung, so dürfen sie den übrigen Straßenteil nicht benutzen. Müssen nun alle Radfahrer den Radfahrweg benutzen? Fahrräder mit Anhängern und Dreiräder können eine starke Behinderung der übrigen Radfahrer darstellen; denn meist sind die Radfahrwege eben gerade nur für den üblichen Radfahrverkehr angelegt. Fahrräder mit Anhän­gern und Dreiräder haben deshalb die allgemeine Fahrbahn zu benutzen, wenn ein Radfahrweg so schmal ist, daß der Verkehr auf ihm durch sie wegen ihrer Breite und verhältnismäßigen Schwerfällig­keit behindert werden würde, und nur wenn eine solche Behinderung ausgeschlossen ist, sind auch die Fahrräder mit Anhängern und die Dreiräder auf den Radfahrweg zu verweisen.

** Leistungsprüfungen der Bühnen­angehörigen. Ab Freitag, 21. Februar, findet in Frankfurt a. M. auf Anordnung der Reichs­theaterkammer die Prüfung aller in Frankfurt am

ausgiebig ^tjnd zahnpflegend, nachhaltig erfrischend

WOMMnnten.

Kornau von H. von Hellennann.

Copyright 1936 by Aufwärts-Verlag G. m. b. H., Berlin SW 68.

24. Fortsetzung. Nachdruck verboten!

Aha, da bist du ja. Gut unterhalten? Dein Gatte verzehrt sich in Sehnsucht nach dir! Was, Sie wollen schon gehen, Wegerdt? So jung und schön kommen wir nicht mehr zusammen. Ach so, wegen dem Kiekindiewelt da Mädchen mit dem Rosenmündchen, gib mir einen Kuß", mit der freien Hand das junge erglühende Ding an sich ziehend, das indes durch eine scheue Seitwärtswendung von dem Zärtlichkeitsbeweis nur am Ohr gestreift wurde.

Stalling lachte gutmütig und ließ sie los.Brau­chen keine Angst zu haben vor mir altem Onkel, kleines Fräulein, ich tu Ihnen nichts! Gehen Sie hübsch ins Körbchen und schlafen Sie gut! Und kommen Sie bald wieder, so hübsche junge Gesicht­chen sehen Onkel und Tante gern!"

Wegerdts unwillige Miene war nicht unbemerkt geblieben. _ .

Den Geschwistern schloß sich Drau an. Sem Ab­schied von Elfriede war kurz, kaum daß sie sich vnscchen, ihre Hände sich berührten. Etwas Tren­nendes hatte sich zwischen sie geschoben. Trennte sie uücht auch ein Abgrund von seiner Welt?

Elfriede Stalling sah dem Scheidenden einen Augenblick nach. All die Unrast und Trauer, der Widerwille gegen ihre jetzige Lebensgestaltung, die "ie letzthin bis zum Kranksein bedrängten, kristalli­sierten sich in diesem Moment zum ersten Mal klar und bewußt in den Wunsch: Fortgehen und nie unederkommen müssen!

25. Kapitel.

Monsieur Svante Sellden, Hotel Bellevue, Dres­den, Allemagne."

Fräulein Meroius faßte den zartlila Brief mit pitzen Fingern an, beguckte ihn vorn und hinten und legte ihn dann naserümpfend zu den diversen inberen, auf deren Umschlag ebenfallsPrivat land.

Wie tonnte man mir so starkes Parfüm be­

nützen ekelhaft. Lila Papier war schon auf­fallend aenug.Gewiß so ein Dämchen mit ge­malten Lippen und Augenbrauen", dachte sie. Und ärgerte sich über des Langen schlechten Geschmack. Vielleicht eine Art Reaktion nach den Jahren in der Wildnis.

Es war nicht der erste lila Brief, der auf Sell- dens Schreibtisch flog, auch nicht der einzige in Damenhandschrift. Gar nicht zu glauben, wieviel Weiblichkeit sich seit des Schweden Vorträgen für die Mongolei interessierte und ihr Leben unvoll­kommen fand ohne fein Autogramm! Freundlich- dringende Angebote, ihn alsAssistentin und forsche Kameradin" auf seinen weiteren Expeditionen zu begleiten, lagen ebenfalls die Menge vor. Manche, wohl die besonders hübschen, legten ihr Bild der Bitte bei. Ob ihr mehr oder minder verhüllter Wunsch nach persönlicher Bekanntschaft erfüllt wurde, wußte Fräulein Mervius nicht. Leider. Denn manches Nichtwissen beunruhigt, ohne daß man eigentlich wüßte, warum.

Seufzend schlitzte Grete die Papierhülle der schwedischen Zeitschrift auf, in welcher in großer Aufmachung die Berichte des Forschers gebracht wurden, und überflog die rot angestrichenen Sei­ten wobei ihr Auge an einem der letzten Sätze haften blieb:

Sobald unser berühmter Landsmann seine Vor­tragsreife durch Deutschland beendet hat, wird er sich nach Paris begeben, wo neue Ehrungen seiner harren. Bereits im Winter werden dann alle Vor­bereitungen für die neue Expedition getroffen."

Grete Mervius klappte das Heft zu, legte es zu den Zeitungen und Broschüren, die jede Post brachte, und betrachtete den gelbblauen Einband. Ja, na­türlich, sobald Selldens Vorträge erledigt waren, reifte er weiter und sie konnte wieder abschwir­ren. Der Mohr hatte seine Arbeit getan.

Wieder ein tiefer Seufzer. Aber der Druck auf der Brust wollte nicht weichen, auch nicht, als Sell- bön ins Zimmer trat und sie sich erhob, um ihren Chef zu begrüßen. _

Wie geht es, Fröken Greta?" So nannte er sie schon lange.

Es regnet", entgegnete sie melancholisch und nahm ihren Platz in der Fensternische wieder ein.

Und das mögen Sie nicht, nein? Prüfend be­trachtete der Schwede das überschattete Gesicht.

Aber für die Erde ist es gut, denken Sie, wie ausgedorrt die war! Nun kann sie endlich trinken und freut sich."

Sein Blick schweifte über den gesenkten Mädchen­kopf zum Fenster hinaus.

Aber er sah nicht die wassertriefenden Gestalten der Apostel auf dem Dach der wundervollen alten Schloßkirche, die gegenüber ihre spitzen Türme in den grauverhangenen Himmel reckte. Windge­peitschte Ebene sah er, über die der Sturm die stür­zenden Regenmassen trieb, ein wildes Lied dazu singend. Weltfernes Land, das in feinem Schoß noch unermeßliche Geheimnisse aus jener Zeit barg, da die Erde noch jung. Land voll beredten Schweigens und grenzenloser Grasebenen, Land der hohen Berge, der riesigen alten Wälder und reißender Flüsse. Sonnenglitzerner Sand in selt­samen Hügelgebilden, durch die der alte We-li mit seiner Kamelkarawane zog. Gespenstisch hob sich ihre Silhouette gegen den dämmerumwobenen Ho­rizont ab. Durch die große Stille klang fein das Läuten der Glöckchen am Hals der dahintrabenden Tiere mit ihrem weitausgreifenden Schritt. Heiter waren die Menschen dort, gesund und genügsam. Wie anders hier! Kalte, klare Nächte sah er, an denen der sternenbesäte Himmel zum Greifen nahe schien und das Herz sich weitete in staunendem Bewußtsein der alles durchdringenden Lebensall­macht ....

Ich habe Heimweh," dachte der Mann.Wären die Vorträge nicht nötig des Geldes wegen, noch heute reifte ich ab."

Die ragende Steinmauer da drüben, das Zim­mer beengten ihn plötzlich, waren eine Gruft, die das Atmen benahm. Wo waren Licht und Luft, wo Freiheit und der ewig neue Reiz des Unerforsch­ten?

Tiefaufatmend wandte er sich ab, setzte sich an den großen Schreibtisch und begann seine Privat- korrespondeuz durchzusehen. Als erster kam der lila Parfümbrief dran, wie Grete, ohne hinzu­schauen, feststellte. Da sie zuckte so zusammen, daß die emsig geführte Feder einen großen Klecks machte: Sellden lachte. Lachte, daß man feine weißen Zähne blitzen sah auch wenn man nicht hinguckte.

Nein, das ist gut, das müssen Sie hören, Frö­ken Greta?Mein süßer Kleiner!"

Wie unglaublich geschmacklos, einer Dame Der­artiges vorzulesen. Fräulein Mervius saß da, als habe sie ein Lineal verschluckt.Sv nennt mich meine Schwester immer--"

Schwester?!" Es war ihr ungewollt herausge- rutscht.

Ja. Meine älteste Schwester ist in Paris mit einem Bildhauer verheiratet. Sagte ich Ihnen das noch nicht? Sie schreibt: ,Kürze deine deutschen Vorträge ab und komm umgehend hierher, ich habe eine Frau für dich gefunden! Sie ist ebenso klein wie du, reich, Engländerin und total verrückt also würdet ihr glänzend zusammen passen. Ist schon achtmal um die Welt gereift und spricht fünf Spra« chen, auch Chinesisch. Wenigstens klingt es so. Wußte sogar, wo Gobi liegt. Ich dachte, es wäre eine Südseeinsel, aber sie behauptet, es sei eine Wüste voller Eier von ausgestorbenen Riesenhühnern." Solchen Unsinn schreibt sie immer, die Mallan."

Die Mißbilligung in dem Mädchengesicht kam ins Wanken. Ein zages Lächeln erschien um den streng zusammengezogenen Mund, ein Funkeln in den blauen Augen und dann lief hinter dem Man­nesgelächter ein fröhliches Echo her. Das lachte und kicherte und flog in alle Winkel und Ecken, bis das ganze Zimmer in Heiterkeit getaucht war. Und Svante Sellden, der sich eben noch voller Un­geduld aus diesem Zimmer hinweggesehnt, sah das blonde Mädchen an, als sähe er sie zum ersten Mal.

Ein schwedisches Lied fiel ihm ein:Du ter mit hvita Länder och läppars röda glans--" Was

für einen roten Mund das Mädel hatte, und wie golden ihr Haar glänzte--Er verspürte auf

einmal große Lust, diese blonde Flechtenkrone, den weißen Nacken zu streicheln, so ganz sacht mit der Hand darüber zu gleiten. Wie frei und schön sie den Kopf trug, wie Freia, die segenspendende Göt­tin der Jugend, sah sie aus in dem hellblauen Kleid---

Ein lockender Gedanke kam ihm. Er warf den Brief auf den Tisch.

Wissen Sie was, Fröken Greta, ich habe heute gar keine Lust zu arbeiten, und so sollen Sie bitte auch keine haben! Dafür wir gehen in das Natur­historische Museum, das ich immer besuchen wollte, und Sie gehen mit, denn da lernen Sie viel von meine Mongolei." (Fortsetzung folgt.)