Ausgabe 
17.10.1936
 
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Samstag, \l. Oktober 1936

186. Jahrgang

Ur. 244 Erstes Blatt

Sietzener Anzeiger

Die Wiederherstellung -er belgischen Neutralität

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rede" König Leopolds gebeten. Erft wenn diese Erläuterungen in London ein gegangen seien, werde England in der Lage sein, der belgischen Regie­rung fein Ansicht zu der neuen belgischen Stellung­nahme hinsichtlich de^ westeuropäischen Sicherheit

mitzuteilen.

Times" stellt fest, daß ein Urteil über die tieferen Wirkungen der neuen belgischen Politik solange zu­rückgestellt werden müsse, bis die genauen Ab­sichten der belgischen Regierung bekannt seien. Die Lage erfordere kühle Üeberlegung. Gewalti­ges Aufbrausen sei weniger am Platze denn je. DieMorning Post" meint, daß die Erklärung noch zu allgemein gehalten sei, um eine genaue Üeberlegung zu gestatten.Daily Telegraph" erklärt, daß der belgische Wunsch, zur Neutralität zurückzukehren, mehr bedeute, als etwa nur ein neues Element der Unruhe, das in die euro­päische Lage gebracht würde. Die belgische Haltung, zwar verständlich aus der geographischen und poli-

reich eine militärische und politische Verständigung mit der Sowjetunion eingegangen sei, be­deute das belgisch-französische Bündnis für Belgien ein starkes Risiko. Die Sozialisten in der Re­gierung van Zeeland seien sich darüber klar, daß das Zusammengehen mit den Kommunisten die innere Kraft Belgiens schwäche und die Selbstän­digkeit der belgischen Außenpolitik durch den Ein­fluß der abenteuerlichen und dauernd mit einem großen Kriege drohenden Moskauer Politik schmä­lere. Belgien habe schon bei den Besuchen des Mi­nisters Beck in Brüssel und des Ministers van Zeeland in Warschau großes Verständnis für die polnische Politik gezeigt, die gegen

weist darauf hin, daß dieses Durchzugsrecht im Falle einer kollektiven Aktion gegen den Angreifer überhaupt nicht sehr bestimmt umrissen sei.

Ein großer Teil der Pariser Blätter bequemt sich nun doch zu dem Eingeständnis, daß der Haupt­anlaß des Abrückens Belgiens von Frankreichs Polittk der Sowjetpakt und die zunehmende kommunistische Gefahr in Frankreich waren. So schreibt dieLiberte", die Verseuchung Frank­reichs durch den Bolschewismus habe Italien, das neue Spanien, Rumänien und die Länder Mittel­europas Frankreich entfremdet. Jetzt springe auch Belgien ab und morgen werde viel­leicht England folgen. Müsse man denn erst am Boden liegen, damit die Franzosen ihren Wahnsinn und ihr Unglück begriffen? Wolle man sich noch länger unter das Joch des Staatsfeindes Nr. 1 beugen? Sehr pessimistisch sieht dasJournal des Debets, den Besprechungen entgegen, durch die die französische Regierung wenigstens etwas von der belgischen Freundschaft retten möchte. Man werde sich wiederan Formeln klammern, hinter denen man friedlich schlummern könne. Eine Besserung der diplomatischen Lage Frankreichs sei nur möglich, wenn man innen- und außenpolitisch nicht mehr als Verbündeter des Kom­munismus auftrete.

oder des Ueberfliegens des belgischen bietes nicht im französischen Sinne ge­klärt worden. Offenbar werde das belgische Volk jetzt Frankreich und England derartige Versicherun­gen überhaupt nicht geben, und wenn später, so auch nicht aus freien Stücken. Das Blatt

Brüssel, 16. Okt. (DNB.) Die Kommentare der belgischen Presse zu der Rede König Leopolds lassen erkennen, daß die Grundtendenz seiner Er­klärungen von der übergroßen Mehrheit der öffent­lichen Meinung gebilligt wird.20. Siecle" schreibt: Die maßgebenden französischen Kreise hät­ten sich trotz der Warnungen der belgischen Mi­nister und der Vertreter Belgiens im Ausland durch d i e Ereignisse überraschen lassen. Das stifte eine Verwirrung in den Köpfen. Die Kommentare der französischen Presse ließen Kalt­blütigkeit vermissen. Frankreich werde allerdings infolge der entschieden unabhängigen Haltung Bel­giens gezwungen sein, seine internatio­nale Politik zu revidieren. Wenn die Franzosen sich jeder Feindseligkeit gegenüber Bel­gien enthalten wollten, dann werde die Freund­schaft zwischen beiden Ländern noch für lange Jahre blühen. Andernfalls würde sie das traurige Schicksal der französisch-polnischen Beziehungen erfahren.Libre Belgique" schreibt von derunwürdigen Sprache der Pariser Presse" und wendet sich gegen die Behauptung, daß die Rede des Königs einer einseitigen und unzuläs­sigen Annullierung aller internatio­nalen Abmachungen gleichkomme, die Bel­gien seit 20 Jahren unterschrieben habe. Nichts sei falscher als das. Belgien bleibe seinen Ver­pflichtungen treu, namentlich denen des Völker­bundspaktes. Wenn es über neue Abmachungen verhandele, werde es aber prüfen, ob es neue Ver­pflichtungen übernehmen könne.

Eden bittet um Erläuterungen.

London, 16. Okt. (DNB.) Außenminister Eden hat den belgischen Botschafter Cartier de Marchienne um weitere Erläute-

Überlegungen der pariser presse.

Eowjetpakt und rote Gefahr in Frankreich die Beweggründe für den belgischen Schritt.

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Paris, 17. Okt (DNB. Funkspruch.) Die Pa­riser Samstagmorgenpresse verstärkt den be­ruhigenden Ton, den sie teilweise schon am Freitag bei der Behandlung des Kurswechsels in Belgien angeschlagen hatte. Als Grund für die ruhigere Beurteilung der Lage wird eine Unter­redung herangezogen, die der französische Bot­schafter in Brüssel La Roche am Freitag mit dem belgischen Außenminister Spaak hatte. DasEcho de Paris" spricht von einer Abrundung der allzu scharfen Ecken der ersten belgischen Ankündigung. Die belgische Regierung habe der französischen Regierung mitteilen lasten, daß sie ihre derzeitigen Verbindlichkeiten einhalten wolle; erst für den zweiten W e st p a k t wünsche Belgien die Bestätigung seiner Vorrechte als garantierte Nation ohne eigene Garantenpflichten. Außerdem werde sich die Brüsseler Regierung in Gens für eine Auflockerung des Artikels 16 der Völkerbunds­satzungen einsetzen sowie unverzüglich Vorbe­halte gegen den Absatz dieses Artikels machen, der im Falle eines kollektiven Vorgehens der Staaten gegen einen Angreifer das Durchzugsrecht bejaht. Französischerseits, so bemerktEcho de Pa­ris", könne man sich zu dieser Entwicklung der belgischen Haltung nur beglückwünschen, auch wenn sie sich mehr auf die Form als auf den Inhalt beziehe. Immerhin habe die Rede König Leopolds die Strömung gestärkt, die Belgien feit langem von Frankreich abspenstig machen wolle.

Nach demOeuvre" sei in der Unterredung Spaak-La Roche die für Frankreich hauptsächliche Frage des Rechts des Truppendurchzugs

tischen Lage heraus, verringert sichtbar die Aussichten auf einen Westpakt, der für Westeuropa neue Sicherheit bringen sollte. England müsse nunmehr daran gehen, sich so stark wie m ö g l i ch zu machen, um jeder Drohung in irgend­einem Teil des Empires zu begegnen.

Verständnis in Polen.

Gegen Verpflichtungen in einem kollektiven Sicherheitssystem.

Warschau, 16. Okt. (DNB.) In der belgischen Neutralitätserklärung sieht der Krakauer Illu­strierte Kurier einen Ausdruck der belgischen Be­fürchtungen, in einen europäischen Krieg

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tärpaft Frankreichs mit der Sowjet­union und das Echo, das diese Verkoppelung westeuropäischer Interessen mit dem Problem des weltrevolutionären Bolschewismus in Gestalt der stärksten Militärmacht Sowjetrußland begreiflicher­weise in Deutschland gefunden hat, haben in Bel­gien die Besorgnis geweckt, auf Grund der bestehen­den Abmachungen eines Tages in einen belgische Belange an sich nicht berührenden Konflikt hinein­gezogen zu werden. Die spanischen Wirren haben die Gefahren eines solchen Konflikts auch für Belgien überaus deutlich gemacht. Denn wenn auch die von Moskau ausgegebene Parole, durch die Bil­dung von Volksfronten die parlamentarischen Demokratien mit ihren eigenen Waffen zu vernich­ten, in Belgien ebensowenig wie in England Anklang gefunden hat, so haben doch auch belgische Gewerkschaftsführer der Verlockung nicht wider­stehen können, sich für die roten Genossen in Ma­drid in einer Weise hilfreich zu betätigen, die mit einer vom Staat befolgten Nichteinmischungspolitik nicht zu vereinbaren ist. Dies und nicht minder die auf Anweisung Moskaus sich zu einer Gefahr für die öffentliche Ordnung auswachsende kommunistische Hetzardeit haben sogar dazu geführt, daß die unter wallonischer Führung stehende und der Natur der Sache nach zentralistisch eingestellte jungkatholische Rexbewegung sich mit dem föderalistischen Flämischen Nationalverband" in einer Kampfgemeinschaft gegen den Kommunismus zu­sammenfand, wobei Degrelle die föröeratioe Gestal­tung Belgiens in das Programm der Rexbewegung aufnahm. Analog ist auch die Trennung der in der inneren Politik Belgiens von jeher maßgebenden katholischen Partei in zwei selbständige Parteien, für Flandern die Katholieke Vlaamiscne Volkspartij mit dem Senator Verlust und für die Wallonei die Parti catholique social mit Giovanni Hoyvis an der Spitze, ein Beweis dafür, daß man auch im katholischen Lager die Gefahr des Marxis­mus erkannt hat, der man nur durch Auflockerung der im parlamentarischen Getriebe erstarrten For­men beikommen kann. Das Vorbild der Rexbewe­gung hat auch hier Schule gemacht.

Wenn also das Moment der Unruhe, das mit der Einführung des Bolschewismus als Mitglied des Völkerbundes und Bundespartner Frankreichs in die europäische Politik hineingetragen wurde, auch Belgien, das ebenso wie Holland und die Schweiz mit der völkerrechtlichen Anerkennung der Sowjet­union äußerst zurückhaltend gewesen war, nicht gleichgültig lassen konnte, so wurde es doch ganz persönlich berührt durch die Konsequenzen, die Deutschland aus dem Bruch des Locarnoabkommens

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Besinnung aus sich selbst

Kaum jemals hat in unserer an Spannungen und Erregungen wahrlich nicht armen Gegenwart ein Ereignis auf Regierungen und öffentliche . Meinung Europas so sehr als Sensation gewirkt wie die Erklärung König Leopolds von Belgien, daß sein Land, um aus dem Zwist der Großmächte herauszubleiben, zur strengen Neutralität zurückkehren werde, die es durch eigene Kraft schützen wolle. Der Anlaß zu der Er­klärung des Königs der Belgier war die neue J Wehrvorlage, die eine Erhöhung der Dienstzeit für \ die aktiven Truppen vorsieht. Der König begründete ; die geplante Heeresverstärkung mit der geographi- : schen Lage Belgiens, die unter dem Einfluß der ' technischen Fortschritte in der Kriegführung ein so kleines Land wie Belgien zwinge, seine Verteidigung ' gegen irgendeinen Angriff in die eigene Hand zu ; nehmen, wozu die belgische Heeresversassung bisher nicht ausgereicht habe. Der König betonte Belgiens Verpflichtung, stark genug zu sein, um jedem Nach­barn den Durchmarsch durch belgisches Land zu ; verwehren, erklärte aber in gleichem Atemzuge, daß , Belgien darüber hinaus keine Verpflichtungen an­erkennen könne. Mit Entschiedenheit lehnte der Monarch jede einseitige Bündnispolitik, die Belgien niemals schützen könne, da bei den heutigen Kriegs- Methoden jede Hilfe 3U spät kommen werde, ab. Der König hat diese Auffassung schon seit langem vertreten. So hat er im Oktober 1934 vor den Frontkämpfern erklärt, daß es Pflicht sei, der Grenzbevölkerung die Schrecken eines Einmarsches zu ersparen, eine Pflicht, die besonders ernst ge­nommen werden müsse, wenn man an die Beweg­lichkeit motorisierter Heere denke oder an die Mög­lichkeit für Flugzeuge, in weniger als einer Stunde nach Beginn der Feindseligkeiten gleichzeitig die vier größten Städte des Landes anzugreifen. Für einen Staat wie Belgien, dessen Umfang nicht großer sei als der Aktionsradius der heutigen Kampf­maschinen, falle daher der Schutz der Grenzgebiete mit dem des ganzen Landes tatfächlick zusammen. Und damals vor fast genau zwei Jahren folgerte der König aus dieser wehrpolitischen Lage des Landes die Notwendigkeit, einen starken Wehr- apparat aufzubauen, der den Interessen desLandes entspreche.Ein solcher Plan", so schloß damals der König seine Ansprache an die Frontkämpfer, nimmt unter einem von jeder Bevor­mundung befreiten internationalen Statut und im Rahmen der geltenden Vertrage die Tradition wieder auf, der wir durch vierund­achtzig Jahre der Unabhängigkeit einen ununter­brochenen Frieden zu verdanken hatten."

Diese Ausführungen des Königs aus dem Jahre 1934 zeigen, daß der Entschluß Belgiens, zu einer Neutralität zurückzukehren, die nur eins kennt: die nationalen Interessen des belgischen Staates, das Ergebnis sehr reiflicher Verlegungen gewesen ist. Aber auch diesem Entschluß ist ein lebhafter Mei­nungskampf vorangegangen, der wie die meisten Probleme der belgischen Politik, in der eigenartigen bevölkerungspolitischen Struktur des Landes seine Ursache hatte. Obwohl die Wallonen zwar der Grundfläche nach die größere Halste des Landes besiedeln, aber nur drei Achtel der Gesamtbevolke- runq ausmachen, war doch der französische Firnis, mit dem die drei vorwiegend flämischen Groß­städte Brüssel, Antwerpen und Gent überzogen waren, stark genug, um den Wallonen einen über­ragenden politischen, kulturellen und dank der in­dustriellen Lagerung auch wirtschaftlichen Vorrang zu sichern. Eine flämische Bewegung hat mde sen trotz der wachsenden Bedeutung des Nattonalttaten- problems, bis in die jüngste Vergangenheit hmem in Belgien kaum eine Rolle gesp-elt Wie einst 1830 die gemeinsame Abwehr gegen die Politik desKo- nias Wilhelms I. der Niederlande im belgischen Raum ein Zusammengehörigkeitsgefühl Aller unge­achtet der völkischen Zugehörige-,, allerdings unter­stützt durch den Allen gemeinsamen katholischen Glauben, geschaffen hatte, so fuhr e auch der Welt­krieg die beiden Staatsvölker anfangs wieder eng zusammen. Aber die starke Anlehnung an Frank­reich, die sich aus der gemeinsamen strategischen und politischen Einstellung der beiden Lander ergab, hat namentlich unter den fla Mi sch en Front kämpsern eine sehr heftige Reaktion erzeugt, die sich in der immer entschiedener erhobenen For- derung nach Rückkehr zu einer wahren Neuümlitat Luft machte. Die einseitig gegen Deutschland ge richtete belgische Befestigung wie die Mllltarabma- chungen mit Frankreich mären

Angriffe der Flamen im Brüsseler Parlament. D.e Flamen behaupteten, Belgien sp.ele> nur 1» eines militärischen Vorwerks Fs.?Eelchs und for derten die Kündigung des franzosisch-belglschen litäroertrags Im letzten Wahlkampf tm Mai dieses Jahres haZen diese Punkte im Vor ergründ gestan­den. Das Ueberqewicht, das die Flamen nach den Wahlen in beiden Häusern des Parlaments besitzen mag zu einem guten Teil von ihrem entschiedenen treten für die Wiederherstellung völliger Un° - hüngigkeit Belgiens herrühren. Leon T -_g J

Bemann "sit'zwk/ als Füh/er der Junqkatholiken gegen die Parielburokratle der Katholischen Partei im mnerpolitlichen Kampf für die Stärkung der Staatsgewalt g-g-n pa^amenta- rische Mißwirtschaft groß geworden, aber auch er tritt mit Energie für die Unabhängigkeit und Selb­ständigkeit Belgiens gegenüber Großmachteichlussen ein. Das ist also die innerpolitische Plattform, von der aus der König im Einverständnis mit der Re­gierung van Zeeland den Kurs vollständiger Neu­tralität ansteuern konnte. , . .

Selbstverständlich haben auch die letzten außen- politischen Ereignisse lhre Wirkung auf die of ent- liche Meinung Belgiens nicht verfehlt. Der Mlll

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durch den französischen Militärpakt mit Sowjetruß­land zog. Mit Locarno war der belgischen Sicherheit die wichtigste Stütze entzogen, denn die militärischen Abmachungen mit Frankreich aus dem Jahre 1920 drohten nach Abschluß des französisch-russischen Mi­litärpakts aus einer Garantie der belgischen Sicher­heit zu einer schweren Belastung zu werden. König Leopold hat mit seiner Erklärung vorn 14. Oktober aus dieser von Grund auf veränderten außenpoliti­schen Lage entschlossen die Folgerung gezogen. In­dern Belgien sich von einem bisherigen Bundes­genossen distanziert, dessen Volksfrontexperiment unter dem Einfluß Moskaus mit Frankreich auch Belgien in gefährliche Abenteuer hineinzureißen droht, sucht man in Brüssel nach einer neuen Platt­form, die eine nach allen Seiten hin unabhängige Politik erlaubt. Dabei wird auch der Wunsch maß­gebend gewesen sein, noch vor Beginn der Verhand­lungen über einen neuen Westpakt Belgiens Auf­fassung eindeutig klarzulegen. Sie läuft darauf hin­aus, künftighin keinerlei Verpflichtungen zu über­nehmen, die nicht von ausschließlich belgischem In­teresse diktiert sind und dieses Interesse in einer ab­soluten Neutralität nach allen Seiten zu sehen, die es Belgien erlaubt, aus den Streitigkeiten seiner Nach­barn herauszubleiben.

Es kann nicht wundernehmen, daß die Ankündi­gung dieses radikalen Kurswechsels des ältesten und am treuesten befundenen Bundesgenossen i n Paris trotz der warnenden Vorzeichen einige Be­stürzung hervorgerufen hat. Denn die Folgen für Frankreich, wenn, woran kaum gezweifelt werden kann, in Brüssel auf den Entschluß die Tat folgt, können nicht gut überschätzt werden. Einmal würde sich rein strategisch für Frankreich die Notwendigkeit ergeben, die gegenwärtig nur bis Meziöres lau­fende Maginottinie auch längs der französisch-bel­gischen Grenze bis zum Meere hin auszubauen, denn da der belgische Ministerrat anscheinend be­reits beschlossen hat, in Zukunft auch an der fran­zösischen Grenze belgische Truppengarnisonen ein­zurichten, muß man in Paris auch für den Bestand der zwischen den Generalstäben Frankreich und Bel­giens getroffenen Abmachungen fürchten, die es den Franzosen bislang erlaubten, in dem belgischen Be­festigungssystem eine Fortsetzung ihres eigenen zu sehen. Weiter würden aber auch die militärischen Abmachungen zwischen Frankreich und England in Frage gestellt, wenigstens soweit sie Versamm- lungsplätze für ein englisches Landungskorps und Flugzeugstützpunkte auf belgischem Boden vorsehen. So würde sich die Erklärung des Königs der Bel­gier nicht nur gegen die militärpolitische Ab­hängigkeit von Frankreich wenden, sondern in ge-

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wisser Weise auch Baldwins vielbesprochenen Satz von dem England, das seine Grenze am Rhein verteidigen werde, auf das Maß zurückfüh- ren, das sich mit einer selbständigen Politik Bel­giens vereinigen läßt.

In diesem Zusammenhang ist eine Erinnerung an die Geburtsstunde des belgischen Staates nicht uninteressant. Als im Sommer 1830 der belgische Aufstand gegen den König Wilhelm der Nieder­lande die Verträge von 1815 zerriß, die den Be­stand der Niederlande unter die Garantie der vier Großmächte England, Oesterreich, Preußen und Rußland gestellt hatte, und nun König Wilhelm zur Wiederherstellung des Vertragszustands die be­waffnete Intervention der Großmächte verlangte, beschränkten sich diese einzig und allein auf die Forderung, das Verteidigungssystem gegen Frankreich zu erhalten, das soeben erst als Barriere an der Westgrenze der damaligen Niederlande nach Plänen des Herzogs von Welling­ton gegen einen französischen Einbruch mit einem Aufwand von 150 Millionen Franken errichtet worden war. Und gerade der englische Außen­minister Lord Palmerston war es, der trotz des von ihm und den Whigs vertretenen Grund­satzes der Nichteinmischung in den belgischen Un­abhängigkeitskampf auf dasbelgische Bollwerk gegen Frankreich" nicht verzichten wollte. Geschleift wurden von dem ganz nach Südwesten gerichteten Festungsgürtel Wellingtons die Plätze, die die Franzosen im Kriegsfälle eher erreichen konnten als die Engländer und Preußen, und erst nach 1859 unternahm Belgien ohne den Einspruch Preußens, Englands und Oesterreichs den Ausbau des nach beiden Seiten gerichteten Festungsdreiecks Namur Antwerpen Lüttich.

Diese Reminiszenz zeigt, wie sehr die strategische Beurteilung Belgiens von der jeweiligen Konstella­tion der Großmächte abhing, wie sehr es Belgien aber auch daran gelegen sein muß, seine im Wider­streit mit den Interessen der rivalisierenden Groß­mächte erkämpfte Unabhängigkeit erneut nach allen Seiten hin zu befestigen, um weder einBollwerk gegen Frankreich" wie nach den Befreiungskriegen, noch einfranzösisches Bollwerk" wie in den Gene- ralstabsbesprechungen der Entente und wie nach dem Versailler Frieden im Zeichen des belgisch- französischen Militärvertrags zu sein, sondern ein selbständiges Belgien, das den Schutz feiner Neu­tralität ohne einseitige Bindungen der eigenen Kraft anoertraut, wie es König Leopold III. soeben proklamiert hat. Frankreich täte sicherlich gut daran, sich mit einer Lage abzuftnden, die cs selbst herauf- beschworen hals, als es ohne Rücksicht auf die deut-

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I sich zu zweiseitigen Verträgen mit hineingezogen zu werden. Seitdem Frank- Nachbarstaaten entschlossen habe.

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