Nr. 2l8 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhejsen) Donnerstag, 17. September1936
Oie Herbstmanöver des IX. Armeekorps.
•«" f”
Motorisierte Truppe auf dem Vormarsch. (Aufnahmen [2]: Pfaff, Gießen.)
Die Dorfschönen beim Kartenlesen.
Lpd. Bad Wildungen, 16. Sept. Vor Beginn der Kampfhandlungen unterstrich eine Fahrt durch das Manöoergelände die sehr großen Schwierigkeiten der Hebungen, die außerordentlich hohe Anforderungen an die Truppen, aber auch an die Führung der kämpfenden Parteien stellen werden. Ferner kommt bei der Fahrt durch die Städte und Dörfer erneut die große Freude der Bevölkerung über die wiedererstandene Wehrmacht zurnAusdruck. Die Einwohner der Städte und Dörfer sind stolz darauf, den jungen Soldaten ihren schweren Dienst in jeder Weise zu erleichtern und ihnen zugleich den Dank für treue Pflichterfüllung durch ihre Hilfsbereitschaft abstatten zu können. Rein äußerlich versuchen die Städte und Dörfer schon allein durch die Ausschmückung der Häuser einander zu übertreffen. Große Girlanden und Spruchbänder an den Ortseingängen, quer über die Straßen gespannt, begrüßen die Wehrmacht, und überall herrscht ein lebhaftes Treiben.
Die Bevölkerung ist vom Manöverfieber genau so erfaßt wie der junge Rekrut, der zum ersten Male „vor dem Feinde" steht, lieber Schwarzenborn geht es nach Remsfeld, Homberg und über Hebel und Uttershausen nach dem Paradefelde bei Großenenglis,
wo die Arbeiten für die große Feldparade in vollem Gange sind.
Dienstag nachmittag: Der „Krieg" beginnt.
In den Nachmittagsstunden des Dienstag trifft der Befehl zum Beginn b e r Hebungen ein, der „Krieg" nimmt seinen Anfang. Die 9. Division unter dem Befehl von Generalleutnant O ß - w a l d bricht ihre Rast ab und beginnt den Vormarsch in Richtung Neukirchen. In Treysa stoßen wir auf die ersten großen Trup- penverbände. Die Bevölkerung steht in dichten Reihen an den Manöverstraßen und betrachtet das sich ihr selten bietende Bild. In der Abenddämmerung kommt bei Ziegenhain die Spitze in Sicht. Eine Kavalleriepatrouille klärt auf. Nacheinander rücken in kleineren Verbänden der Kolonne nach: die Infanterie, leichte MG.-Trupps, dann die Truppen mit den schweren Maschinengewehren, dazwischen die motorisierten Truppenteile. Bald ist auch Die Nachrichtenabteilung in voller Tätigkeit. Telephonverbindungen werden hergestellt. Ein Flieger brummt in beträchtlicher Höhe über uns nach Treysa zu. Die „feindliche" Partei hat offenbar schon „Lunte" gerochen. Die Truppen, die unter den Baumkronen gegen Fliegersicht gedeckt dahinmarschieren, rücken weiter vor. Der Flieger verschwindet auf seinem Rückflug in den Wolken.
Nachtmarsch:
die feindliche Artillerie funkt dazwischen.
Plötzlich funkt die feindliche Artillerie dazwischen. Der Flieger hat den Vormarsch des
„Feindes" doch wahrgenommen. Die vormarschierenden Truppen lassen sich aber nicht beirren, und weiter geht es in die Nacht hinein.
Dieser Nachtmarsch hat es in sich, denn es vergeht eine lange Zeit, bis wieder ein Truppenverband in die Erscheinung tritt. Die Aufklärungsarbeit der Flleger scheint doch sehr erfolgreich gewesen zu sein, und der Feind hat vermutlich versucht, die gegnerischen Truppen auseinanderzureißen. Er hat das Artilleriefeuer weiter nach hinten auf das Gros der 9. Divis i o n gelegt. So würde sich auch die Stockung erklären lassen, die in dem Vormarsch eingetreten zu sein scheint. Dann aber rasselt die Artillerie der Roten Armee vorbei und weiter gehts. Die 9. Division muß noch Neukirchen erreichen, dort wird sich die Division in zwei Flügel teilen und getrennt den Vormarsch fortsetzen. In A u a werden die Truppen nach dem anstrengenden Nachtmarsch Rast machen und sich zur weiteren Verfügung des ebenfalls vorrückenden IX. Armeekorps halten.
Mttwoch früh: im Moraennebel vorwärts.
Noch liegt dichter Morgennebel über dem Land, und die Sonne hat noch nicht die Kraft, durchzudringen. Für die vorrückenden Truppen ist dieses Wetter geradezu ideal, denn der Gegner ist in der Sicht stark behindert und ein Aufklärungsflieger würde Gefahr laufen, unschädlich gemacht zu werden. Diese Wetterlage war ein großer Vorteil für die roten Truppenteile und mußte ausgenutzt werden. Den Nachteil bekamen aber die marschierenden Truppen zu spüren: die vorgesehene Rast mußte buchstäblich „wegen Nebels" abgeblasen werden.
Blau hatte natürlich diesen Vorteil auch, konnte aber seine Mannschaften schonen, da die Geländeverhältnisse nicht so schwierig waren, wie für Rot.
Die roten Truppenteile hatten in der Nacht zum Mittwoch dauernd stark ansteigendes Gelände im Knüllgebirge zu bewältigen. Infolge verstärkter Gefahr durch einen neuen Feind mußten sie gegen 2 Hhr nachts eine Schwenkung vornehmen und den Vormarsch aus zwei Flügeln fortsetzen. Der linke Flügel drehte auf Schwarzenborn, während der rechte Flügel bei Mühlbach abgedreht wurde. Rot hatte trotz anfänglicher Störungsversuche durch die blaue Partei und trotz anstrengenden Marsches — es wurden von der Infanterie in dieser Nacht etwa 40 bis 45 Kilometer zurückgelegt — den Angriff sehr weit vorgetragen und war mit dem linken Flügel über Homberg vorgestoßen. Die ersten Vortruppen trafen wir in der Frühe an der Brücke über die Efze bei Hebel. Hier hatten sich rote Maschinengewehre eingenistet und eine Brückensperre angelegt In dieser Gegend kommt es auch zu den er st en Vorpostenplänkeleien zwischen Rot und Blau. Im Walde bei Falkenberg liegen blaue Kolonnen. Von dort hört man die ersten Maschinengewehre knattern. Aufklärungspatrouillen der Roten bestätigen diese Annahme. Rot zieht hier seine Verbände zusammen.
Die Gefechte am Mittwoch.
Der rechte Flügel ist bei Holzhausen auf den Feind gestoßen, der vom Steigerberg her feine Gefechtsaktionen einleitet. Auch hier läßt Rot einige MG.s sprechen und zieht Verstärkungen heran, doch zunächst muß der S t e i g.e r b e r g bezwungen werden. Die Front steht von Ost nach West. In kleinen Gruppen geht es über den Sturzacker, Krafträder flitzen vorbei, unaufhaltsam folgen bann die motorisierten Streitkräfte. Blau muß unter st a r - fen Verlusten den Rückzug antreten. Der Steigerberg ist in den Besitz der Roten übergegangen. Jetzt wird auch die Artillerie nachgezogen Schnell ist sie in Stellung gegangen und schickt einige schwere Brocken hinüber, um zu verhüten, daß Blau sich festsetzen kann. Blau gelang es aber, sich auf der Höhenlinie Mosenberg-Kerenberg-Höhe 354 ostwärts Sipperhausen festzusetzen. Der Angriff der Roten kommt hier zum Stehen, und die Spitzengruppe ist gezwungen, auf freiem Feld sich einzugraben, da keinerlei Deckungsmöglichkeiten vorhanden sind. Der Angriff verlief bis
her ohne größere Umgruppierungen. Das war bet Stand der bisherigen Gefechtslage bis gegen 17 Hhr.
Nach der augenblicklichen Gefechtslage find nun beide Parteien gezwungen, Umgruppierungen vorzunehmen. Dies wird wohl in der Nacht zum Donnerstag erfolgen. Bis zum Eintritt der Dunkelheit wird jede Partei versuchen, ihre bisherige Stellung zu behaupten. Der Tagesanbruch wird dann einen lebhaften Kampf und wohl auch die Entscheidung bringen.
DerSolbateubuud bei den Herbstübungen der 9. Division.
Von der Infanterie-Kameradschaft Gießen be$ Soldatenbundes e. V. Gießen wird uns geschrieben:
Das erstemal seit Schluß des unglücklichen Krieges zog Anfang September unsere neue Wehrmacht mit neuzeitlicher Kampfausrüstung in die Herbstübungen der größeren Kommandoeinheiten. Da durften die seit dem 1. Januar 1921 aus dem Heere ausgeschiedenen Soldaten, die sich mit den früheren Mitgliedern des Reichstreubundes im Soldatenbund zusammengeschlossen haben, nicht fehlen, um sich überzeugen zu können, welch gewaltige Veränderungen seit der Verkündung der Wehrfreiheit durch unfern Führer und Kanzler eingetreten find.
Der Bezirksverband Gießen des Soldatenbundes hatte deshalb die Kameraden aus feinem Bezirk zur Teilnahme an dem ersten Hebungstage der 9. Division am 11. September 1936 aufgefordert, über dessen Verlauf die Zeitungen schon eingehend
berichtet haben. Eine große Anzahl von Mitgliedern des Verbandes hatte sich mit Kraftwagen und Autobussen am Treffpunkt bei Maulbach eingefunden, von wo unter eingehend unterrichteter Führung das Gefechtsfeld abgefahren wurde. Entsprechend den Satzungen des Bundes, die besagen, daß lebendige Verbindung mit der aktiven Truppe aufrechtzuerhalten sei, war die Manöoerleitung in dankenswertester Weise bestrebt, die Kameraden dauernd über die Lage auf dem laufenden zu halten. Hierdurch war es möglich, daß Geländepunkte rechtzeitig erreicht werden konnten, in deren Nähe sich wichtige Kampfhandlungen abspielten. Neben den
putzen Sie ein Klavier mit Sand?
Das würde seinem Glanz wohl schlecht bekommen. Genau so ist es mit Ihren Zähnen. Das Feinste ist gerade gut genug. Versuchen Sie mal den feinen Putzkörper der Nivea-Zahnpasta. Der erhält die Zähne blitzblank und schont den Zahnschmelz.
Schwere Artillerie in Feuerstellung auf freiem Feld. — (Scherl-Bilderdienst-M.)
■
■
'S ■ '
& W
NlMllMlWli
Vornan von Ilse Schuster.
Copyright 1936 by Aufwärts - Verlag G. m. b. H., Berlin SW 68
1. Kapitel.
Das Haus des Rechtsanwalts Dr. Brandes liegt in der Binger Straße, also in jenem Stadtteil Berlins, der sich durch Felder und Schrebergärten einen Hauch Ländlichkeit bewahrt hat. Das Haus zeigt der Straße ein nüchternes, fast abweisendes Gesicht, seine Klinker glänzen und funkeln, rechts und links von der breiten, holzgeschnitzten Haustür sind nur noch zwei niedrige, breite Fenster, vor die zu jeder Tageszeit dichte Tüllgardinen gezogen sind. Soviel Abwehr liegt in der strengen Linie der Hausfront, daß selbst der Briefträger nur die Poft in einen schmalen Spalt steckt, kurz klingelt und weitergeht. Der Milchjunge machte es mit seiner Flasche und den Brötchen am zeitigen Morgen ebenso; er schiebt beides zwischen den breit auseinanderliegenden Stäben des Zaunes hindurch. Kurz darauf geht die Haustür geräuschlos auf, und ein Mädchen im schwarzen Kleid und weißer Schürze holt alles herein.
Man weiß nicht viel in der Nachbarschaft vom Leben in diesem Haus. Man sieht den Rechtsanwalt eigentlich nur, wenn er am Nachmittag mit seinem blauen Mercedes-Kabriolett in die Garage fährt- er pflegt keinerlei Verkehr, trotzdem er eine erwachsene Tochter hat. Aber auch von ihr weiß man nur daß sie hübsch ist, Sportkleider trägt, immer sehr ernst ist und keine Freundinnen hat. Die Mütter aus der Binger Straße sehen ihr oft mit einem mitleidigen Blick nach, denn sie wissen, daß es in dem roten Klinkerhaus keine Hausfrau und Mutter gibt. Auch der Klatsch wagt sich nicht recht vor, trotzdem es kein Geheimnis ist, daß Melanie Morholt — eine Sängerin von der Staatsoper — der einzige Gast dort zu sein scheint. Das Personal im Haus besteht aus einer älteren Köchin, die zu her Tochter des Hauses „du" sagt, und die einmal erzählt bat, daß sie die Hanna aus den Tagen des Steckkissens her kenne. Das Hausmädchen ift Jung und verschwiegen, sie hat einen Bräutigam bei der
Schupo, der manchmal am Sonntag ins Klinkerhaus geht, und der sich mit Rechtsanwalt Brandes gut zu stehen scheint, denn hin und wieder blickt seine Uniform durch das Gebüsch, man hört dann auch zuweilen seine knappe Soldatenstimme zusammen mit der langsamen, fragenden des Anwalts. Ja, der Garten. Den kennt niemand. Der hat ein freundliches, lachendes Gesicht, genau wie die Gartenseite des Hauses. Er wächst fast bis auf die breite Terrasse und hinein in den hellen, sonnigen Raum, dessen hohe Fenster offen stehen und wehende gemusterte Vorhänge haben. Es ist fast, als machten Garten und Terrasse sich lustig über den starren Ernst der Straßenfront, es gibt da noch ein paar schlanke, helle Säulen, um die sich in dichten Dolden die roten Crimson Rambler ranken. Das Eßzimmer, zu dem die Sonne ungehindert Zutritt hat, und in das sich manchmal ein Vogel verirrt, hat zart geschwungene hellgrüne Möbel. Büffet und Kredenz haben elfenbeinartige Türfüllungen mit zierlichster Blumenmalerei, die Bezüge der Stühle sind aus rotem Damast, und über dem runden Tisch hängt ein holzgeschnitzter Leuchter mit Wachskerzen, der einzige Schmuck der Wände besteht aus vier zierlichen Leuchtern aus Meißner Porzellan.
Sie bekommen eben frische Kerzen aufgesteckt, denn der Hausherr hat einen Gast, mit dem er jetzt im Garten unter dem großen Sonnendach sitzt. Die Abende werden schon kühl, deshalb hat Herbert Brandes angeordnet, daß das Abendbrot im Gartenzimmer serviert wird. Das Hausmädchen Friedel ist gerade dabei, das handgemalte Service aus dem Schrank zu nehmen, als es dreimal läutet. Das ist das Fräulein.
„Ich habe wieder einmal die Schlüssel vergessen, Friedel", sagt Hanna Brandes und legt ihren Hut aus der Hand. Sie streicht sich vor dem Spiegel mit beiden flachen Händen das glatte Haar zurück, dessen Enden im Nacken zu kleinen Locken aufgewickelt find. Dabei fällt ihr Blick auf die Glasplatte unter dem Spiegel. Dort liegen ein Paar lange weißseidene Handschuhe... „Ist mein Vater im Haus?" fragte sie.
„Herr Rechtsanwalt hat Besuch. Fräulein Morholt ist da. Die Herrschaften fitzen im Garten."
„Danke."
Hanna Brandes geht langsam aus der kleinen Diele durch das Arbeitszimmer ihres Vaters ins
Gartenzimmer. Dort bleibt sie sekundenlang stehen. Ihr etwas hochmütig verschlossenes Gesicht wird noch um einen Schatten abweisender, die schmalen Lippen verziehen sich. Aber dann richtet sie sich entschlossen in den Schultern auf und geht auf die Terrasse. Ja mitten im Garten auf dem Rasen , sitzen sie. Der Vater kehrt ihr den Rücken zu, die Frau aber zeigt das Profil ihres unregelmäßigen, braungebrannten Gesichts. Der große, weiche Organdihut gibt noch eine Welle des brünetten Haares frei und hebt in farblichem Zusammenklang mit dem Kleid den etwas südländischen Typ der Sängerin. Keiner von Beiden hat das Mädchen kommen hören, und so hat sie eine kurze Minute Zeit zur Beobachtung. Der Rechtsanwalt hat sich verbeugt und scheint irgend etwas temperamentvoll zu erläutern. Hanna sieht es an der weitausholenden Handbewegung, die Frau hat ein offenes Lächeln für ihn und ihr Gesicht verrät lebhafte Anteilnahme.
Des Mädchens Augen verengen sich zu einem schmalen Spalt, das Blut schießt ihr plötzlich ins Gesicht. Jäh dreht sie sich auf nem Absatz um und geht ins Zimmer zurück. Sie hat nicht bemerkt, daß sich Melanie Morholt umgewandt hat...
Sie nimmt sich wieder den Hut von der Garderobe und verläßt das Haus. Ziellos geht sie die Straße hinunter und steht dann vor der H.-Bahn- ftation Breitenbachplatz. „Ob ich nicht doch in die Stadt fahre, was soll ich hier — sie bleibt ja doch," denkt sie erbittert. Da ist sie auch schon die Treppe herunter und löst sich eine Karte. In der Halle ist es kühl, die Hitze verirrt sich nicht so schnell unter die Erde. Ein paarmal geht sie am Zeitungskiosk auf und ab, kauft sich das Neichssportblatt, damit sie, wenn sie in eine Konditorei gehen sollte, etwas zu lesen hat. Dann fährt der Zug Richtung Alexan- derplatz ein, und den nimmt sie. Am Wittenbergplatz steigt sie aus und sucht nach einer Konditorei, später könnte man ja ins Kino gehen, der Abend ist noch lang. Dann läuft sie aber doch an der Kaffeestube vorbei, die vielen Menschen stören sie auf einmal. Sie geht die Straße entlang, besieht sich ohne jedes Interesse die Schaufenster. „Sie sieht gut aus," denkt sie wieder. „Vater hat ja immer eine Vorliebe für kultivierte Menschen gehabt —." „Aber um die Morholt geistern Gerüchte — Abenteuerliches —, und solchen Menschen geht er doch mit derselben Vorliebe aus dem Wege," grübelt
sie weiter. Augsburger Straße. Was soll man da nun, eine Geschäftsstraße zweiter Klasse, kleine billige Läden — —
Hanna bleibt stehen und sieht sich um. Dann fällt ihr Blick in spiegelblankes Glas, und dahinter gibt es aeUrlei ländliche Produkte. Unter großen Glasstürzen liegen derbe Wurst, Käse. Dazwischen auf der sauberen Marmorplatte ein angeschnittenes Schwarzbrot. Da bekommt Hanna Brandes auf einmal Hunger. Hunger auf so ein Stück derbe Landwurst auf einem dicken Stück trockenen Brot —
Lächerlich eigentlich — aber warum soll sie nicht in das Lädchen hineingehen und fragen, ob man ihr eine handfeste Stulle verkaufen will, vielleicht mit einem Glas Milch dazu — da drückt sie auch schon die Klinke nieder, eine Klingel schlägt geschäftig ein paarmal an, und dann ist Hanna Brandes drinnen. Sie ist die einzige Kundin, und sie muß auch eine ganze Weile warten, bis jemand kommt. Sie sieht sich schon um — sauber alles. Von der Decke hängen lange und kurze, dicke und dünne Würste, es gibt Porzellankästen, und die Aufschriften besagen, daß man Mehl und Grieß, Reis und Sago bekommen kann, blanke, scharfe Messer liegen sauber ausgerichtet auf dem schmalen Ladentisch, ein großer Korb mit frischen Eiern und Malchfiachen stehen neben der Dezimalwaage. Da endlich geht die Tür auf, eine junge Frau fragt etwas atemlos, womit sie dienen könne. Sie hat ein frisches rotbackiges Apfelgesicht, das blonde Haar ist sauber und straff zurückgekämmt, der Kit- tel ist gestärkt und blütenweiß.
„Ich hätte gern ein Glas Milch — gleich zum Trinken — —," aber da werden die Augen der blitzsauberen Ladenfrau auf einmal so groß wie die ihrer Kundin ...
„Ist das denn möglich — Hanna —"
Hanna Brandes lehnt sich gegen den Ladentisch und sagt nur:
„Liese! Gottschalk — das Aepselchen — wirklich und wahrhaftig!"
Klingling — macht die Ladentür. Eine Frau kommt, wohl eine von den vielen Stammkundinnen, denn Liesel Gottschalk nennt sie beim Namen. Ja, ein Ei ist schlecht gewesen, hier habe sie es i» ber Tasse — das ist ja schade, hier ist ein neues — ein Achtel Schinken? Jawohl gern, ja der Käse fei sehr zu empfehlen, auch ein Achtel — aber gern. — (Fortsetzung folgt.)


