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Nr. 218 Zweiter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen) Donnerstag, 17. September 1956

Nationalsozialistische Kommunalpolitik.

Eine ZRebe des Reichsinnenministers Or. Frick in Nürnberg.

Nürnberg, 14.Sept. (DNB.) Am Abschluß des Reichsparteitages 1936 hielt Reichsminister Frick vor nationalsozialistischen Gemeindepolitikern aus der Tagung des Hauptamtes für Kommunal­politik der NSDAP, eine Rede, in der er ihnen die großen Gesichtspunkte aufzeigte, nach denen sich die nationalsozialistische Gemeindepolitik in den kommenden Jahren ausrichten soll. Reichsminister Frick führte u. a. aus:Eingedenk der Aufgabe, die der Partei gestellt ist, sollen von hier aus bis in die kleinste Gemeinde hinein die Gedanken frucht­bar werden, deren Verwirklichung für die deutsche Selbstverwaltung Schicksalsfrage ist; denn die deut­sche Gemeinde ist engere Gemeinschaft in unserer großen deutschen Volksgemeinschaft und muß sich deshalb den tragenden Grundsätzen einordnen, die Partei unb Staat für ihr Wirken aufstellen. Weil wir Nationalsozialisten diese Zusammenhänge er­kannt haben, weil sie zutiefst in unserer ganzen An­schauung von Volk, Partei und Staat begründet sind, waren wir berufen, die harmonische Lösung der Frage in Angriff zu nehmen, um die die deut­sche Vergangenheit bisher vergeblich gerungen hat, der Frage von Freiheit und Bindung der Selbst­verwaltung der Gemeinden.

Wir haben von der ersten Stunde an das Ziel verfolgt, wieder Gemeinwesen zu schaffen, die in organischer Eingliederung in den Staat wahre und leistungsfähige Gemeinschaften im großen Rahmen unserer Volksgemeinschaft sind. Dabei mußten drei Grundthesen Erfüllung finden: 1. Die deutsche Ge­meinde muß echte Selb st Verwaltung haben, weil sie nur so die ihr im Aufbau und im Leben des Dritten Reiches gestellten Aufgaben durchführen kann. 2. Die deutsche Gemeinde kann nur natio - nalsozialistische Gemeinde sein, weil sie ihre Aufgaben aus den Händen des nationalsozia­listischen Staates entgegennimmt. 3. Die deutsche Gemeinde muß als Keimzelle des Staates in bas Staatsgefüge so eingebaut werden, daß der beste Einsatz aller Kräfte von Staat und Gemeinden für die Volksgemeinschaft wirklich gesichert ist.

Diese Grundthesen haben wir in der Deutschen Gemeindeordnung gesetzgeberisch gestaltet. An uns liegt es, die tragenden Gedanken der Deutschen Gemeindeordnung so in die Wirklichkeit zu über­setzen, wie es das Gesetz will und uns immer wie­der die Frage vorzulegen, ob wir die der Freiheit gesteckten Grenzen, ob wir die uns auferlegten Bin­dungen beachtet haben; denn die Verwirklichung der Harmonie dieser Begriffe sichert erst die fruchtbare Wirksamkeit der Gemeinden in unserem Volks- und Staatsganzen.

Wir sind uns klar, daß sich die Volksgemeinschaft, wie wir sie verstehen, aufbauen muß auf den Ur - zellen des Volkes, auf der Familie, dem Be­trieb und der Gemeinde. Wir wissen auch nur zu gut, daß diese Urzellen verkümmern müssen, wenn man ihnen die Möglichkeit freier Ent­faltung nimmt. Auch unsere Gemeinden können nur leben, wenn wir sie in einen möglichst weiten Bereich echten Eigenlebens hineinstellen, wenn wir ihnen in möglichst breitem Raum Auf­gaben übertragen und ihnen die Befugnis geben, in freier Entschließung diese Aufgaben nach ihren eigenen Kräften zu erfüllen. Wir haben die Pflicht, alles von den Gemeinden abzuwehren, was ihren Aufgabenbereich nach irgendeiner Richtung beein­trächtigen könnte; denn jede Abspaltung führt not­wendig zur Verkümmerung der Urzelle Gemeinde. Wir haben ferner die Pflicht, mit allen Mitteln die wirklich eigenverantwortliche Verwaltung der Ge­meinden zu fördern. Wahrung des Aufgabenbereichs der Gemeinde, eigenverantwortliche Selbstverwal­tung bedeuten aber auch Bindung und Pflicht für die Gemeinden selbst. Es ist nicht damit getan, die Forderung nach Einheit und Unversehrtheit der Gemeindeverwaltung immer wieder zu erheben; hinter dieser Forderung muß eine Selbstverwaltung

stehen, deren Leistungsfähigkeit jeder Anforderung genügt. Das fetzt verantwortungsfreudige und tüch­tige Bürgermeister, die nach jeder Richtung hin Vorbild sind, tätige Mitwirkung der Bürgerschaft, in größeren Gemeinden einen gut funktionierenden Verwaltungsapparat voraus. Selbstverwaltung ist kein Privileg der Untätigkeit, sondern Pflicht, im Rahmen der eigenen Kräfte dem Wohl der Ge­meinschaft aktiv zu dienen. Selbstverwaltung setzt zuletzt unbedingte Anerkennung der organischen Einordnung der Gemeinden in den Staat voraus.

Die Partei nimmt maßgebeenden Einfluß darauf, wer die in der Gemeinde zusammengeschlos­sene Gemeinschaft führen soll. Sie hat die For­mung nationalsozialistischer Gemeindepolitik weit­gehend in der Hand. Unbedingte Einstellung auf die so gewonnenen großen Richtlinien der Gemeinde­politik ist selbstverständliche Pflicht jedes Bürger­meisters. Dieser Bindung an die großen Grund­sätze nationalsozialistischer Weltanschauung steht auf der anderen Seite die den Gemeinden in der Ge­meindeordnung gewährleistete Freiheit ihrer Verwaltungsführung gegenüber. Dieser Grundsatz darf unter keinen Umständen verwischt- werden. Die Führung der in der Gemeinde zu­sammengeschlossenen Gemeinschaft und Verantwor­tung für die Geschicke der Gemeinde liegt aber nach der Deutschen Gemeindeordnung eindeutig beim

Erntenot und Bauernsorge sind allemal im Som­mer Produkte des Wetters; stehen wir früh im Jahr, ists die Sonnenglut und die Dürre, die den Bauern am Setzen von Pflanzen und am Stecken von Rüben hindert und das Gras nicht mastig werden läßt, so daß die Heuernte sparsam wird; ists um die Erntezeit, gilt die Wettersorge dem Regen, der seit Wochen tagtäglich in unaufhörlichen Schauern niedergeht und sich mit der Sonne neckt, als ob wir noch'im April steckten. Dann bleibt der Weizen auf dem Halm und kann nicht gebunden werden, und Korn und Gerste als erste Schnitt­frucht stehen gegarbt auf dem Feld, frieren unter ihrer Haube, und die Aehre wird schwarz und treibt aus. Siewächst auf dem Halm", wie der Bauer sagt.

Da geht Tag um Tag und Stunde um Stunde mehr als ein Seufzer vom Mund, ein Fluch von den Lippen und ein Blick zum Himmel, ob er denn immer noch kein Einsehen hat. Und wie der Er­trinkende sich an den Strohhalm klammert, so klam­mert man sich an alles, was noch Aussicht ver­spricht, das Unvermeidliche zu mildern und die Katastrophe zu verhindern: man fragt dieWetter­propheten", und feien es auch Menschen, für die man im Dorf das ganze Jahr kein Wort, oder Tiere, für die man nur in der Sorgenzeit einen Blick übria hat.

Langjährige Gewohnheit, die ewige Freiarbeit in der Luft, die Beobachtung der umgebenden Na­tur, das ewig veränderliche Gesicht des Himmels, das ft"fia w"chfelndp Svi->l der Wolken mit all ihren Wetterfolgen haben Schäfer und Waldarbeiter, Jäger und Fischer, Holzarbeiter und Steinbrecher, Wiesenwärter und Totengräber, Wasenmeister und Kohlenbrenner wachgemacht durch Jahre und Tage hindurch, sie sind da draußen in ihrer Einödarbeit hellhörig geworden wie der Luchs, scharfäugig wie der Falke und sinnig wie die Eule, und was sie vom Wetter sagen, stimmt allemal. Sie wissen, was die Bauernregel vom Wetter auf sich hat, und sagen auf den Kopf, welche dies Jahr gängig ist, denn Wetterregeln gibt es mehr als nötig wären, und nur unter gewissen Bedingungen trifft die eine oder

Bürgermeister. Das schließt aus, daß die ört­lichen Parteidienststellen berufen fein könnten, in die Angelegenheiten der Gemeindeverwaltrng kor­rigierend einzugreifen; denn damit wäre nicht nur der in der Gemeindeordnung festgelegte Führer- grundsatz aufgehoben, sondern jeder Einheit der Verwaltungsführung in der Gemeinde das Grab bereitet.

Den Gemeinden find so bedeutsame Funktionen in unserem Staats- und Volksleben übertragen, daß sie auch von den Auswirkungen unserer großen Reichspolitik nicht unberührt bleiben können. Wenn der Führer in stetem Ringen die Arbeitslosigkeit mehr und mehr zu Boden schlug, wenn er der Ge­fahr des Weltbolschewismus die deutsche Aufrüstung gegenüberstellt, dann wird klar, daß sich von hier aus bindende Rückwirkungen auch für die Gemein­den ergeben müssen. In einer solchen Zeit des Neu­baues der Gemeinden, in einer solchen Zeit des Neu- Reichsneubaues ist es zwangsläufig, daß die zen­trale Leitung gewisser Fragen eine ganz an­dere Bedeutung hat als in ruhigen Zeitkäufen. Es ist meine schwere Verantwortung, wenn ich nament­lich die gemeindliche Finanzpolitik so lenken muß, daß sie in Einklang bleibt mit den großen Aufgaben der Reichspolitik. Ich kann durchaus mit einem Bürgermeister empfinden, wenn er etwa glaubt, von einer rein örtlichen Betrachtung aus diese oder jene Frage anders lösen zu können; aber er darf nicht vergessen, daß eine örtliche Betrach­tung im Rahmen einer großen Gesamtschau falsch sein kann. Die Freiheit muß in der Selbstverwal­tung wohnen; die Einheit des Ganzen zu wahren, ist die hohe Pflicht von Partei und Staat.

die andere für eine Jahreszeit zu. Sie mir nichts, dir nichts zu gebrauchen, bloß, weil sie in den Mo­nat paffen, dem sie dienen sollen, ist Kindsgläubig­keit und Aberwahn, und die, die was davon ver­stehen, lachen heimlich, wenn Krethi und Plethi sie im Munde führt.

Es ist nicht nur Instinkt und Beobachtung von Himmel, Wolken, Wind und Sternen, das dem Naturbeheimateten jene letzte Reife gibt, auch er hat seine Berater und Propheten draußen, und hat sie längst befragt, bevor der erste zu ihm kommt. Da stehen die Tiere vornean, und manche sind geradezu untrüglich.

Wenn nach Sonnenuntergang die Mücken lebhaft tanzen oder die Fledermäuse sich in den Hofreiten zeigen und nicht wie sonst so zahlreich um den Orts­rand flattern und zum Feld, und wenn die Katzen niesen, daß man meint, einen Schnupfer von Pas­sion im Haus zu haben, dann gibt es allemal gut Wetter und hält auch für die nächsten Tage an. Hechelt die Katze aber, wie man sagt, mit ihren Vorderpfoten, schreit derRegenpfeifer" unentwegt sein eintönigestrief", womit man in diesem Falle den Buchfinken meint, und hilft ihm dabei die Bach­stelze, die sonst nicht viel Zeit 3um Schreien und Spektakeln hat, mit, kräht der Hahn auch zum Abend und werden die Fliegen und Flöhe zudringlicher, dann steht der Regen unmittelbar bevor. Der kluge Mann baut eben vor, und nach diesem Sprichwort pflegen auch Flöhe und Fliegen zu leben, wenn die Schlechtewetterzeit sich anmeldet, Schmalhans Kü­chenmeister wird und die Not an den Mann geht.

Macht sich der Hackspecht am Scheunentragwerk zu schaffen, und geht der Kernbeißer auf den Hof­mist fernen, sieht sich der Dompfaff im Dorfe um, von was die Spatzen leben, und streiten die Hau­benlerchen schon vor der Zeit um die Pferdeäpfel auf der Straße, werden die Grünlinge schon futter­neidisch, bevor der letzte Wegerichsamen ausgefallen ist, dann gibt es einen Winter, der hart und streng »ft, und in dem eher das Eis als der Schnee das Wort führen wird und in dem die Taulampe des Spenglers zu Ehren kommt. Tragen die Stalltiere das Maul hoch, sperren sie die Nüstern und holen

Vom Wetter, Der alljährlichen Vauernsorge.

tfnt> von den Tieren, die es prophezeien.

3. Weltkrastkonferenz in Washington.

In Washington fand soeben die 3. Weltkraftkonferenz statt, die unter der Präsidentschaft des Generaldirek­tors der Deutschen Reichsbahn, Dr. Dorpmüller, stand. 1000 Vertreter aus 50 verschiedenen Staaten nahmen daran teil. Unser Bild zeigt rechts Dr. Dorp mülle r im Gespräch mit dem ameri­kanischen Staatssekretär H u l l (links) und dem ame­rikanischen Professor Dr. William Durand (Mitte), der zum Präsidenten der nächsten Weltkraftkonferenz gewählt wurde. (Scherl-Bilderdienst-M.)

sie mehr Luft ein, als die augenblickliche Atemnot es erfordert, oder schnuppern sie gar sondierend die Horizonte ab wie Araberpferde oder Dromedare beim Wüstenritt, dann gibt es ganz bestimmt Sturm, und es wird kein kleiner fein, wenn um die selbige Stunde auch die Spinne häkelt, obwohl ihr Netz schon wochenlang fertig und fängig ist wie eine Fischerreuse.

Das alles sind Tatsachen, die man immer sieht. Das sind die sicheren Kennzeichen. Daß es aber auch tierische Wetterprognosen gibt, die auf eine Weitsicht von Monaten stimmen und gewissermaßen einer vorweggenommenen Jahresbilanz gleichkom­men, dafür haben wir folgende, einwandfrei durch Wiederholungen erhärtete Beobachtung: auch der Rohrsänger ist, genau wie die Schwalbe mit ihrem Tiefflug, ein Vogel, der sich ganz besonders aufs Wetter versteht. Aber nicht nur das. Man hat seit Jahren beobachtet, daß er das eine Mal sein Nest höher baut als das andere Mal, höher also, als es seiner arteigenen Gepflogenheit und Familiensitte zu normalen Zeiten entspricht. Und jedesmal, wenn man das bemerkte, kam ein Flutjahr, und wäre seine diesmalige Wohnhöhe auf der sonstigen Nor­mallage verblieben, dann hätte das Hochwasser das Brutgeschäft unter allen Umständen zerstört.

Wie ist das möglich, wird man sich fragen, daß Tieren ein so unheimliches Ferngefühl innewohnen kann. Und doch sehen wir ein sehr deutliches Symptom dieses Ferngefühls in dem mitFern­gefühl" auf derselben Fähigkeitsbasis liegenden, noch ungeklärten, aber seinem Resultat nach be­kannten Mysterium des Vogelzuges. Auch noch andere Wahrzeichen dieses weiträumigen Prophe­tengeistes sind uns überliefert. Ich erinnere nur daran, daß im Jahre 373 fünf Tage vor dem ge­waltigen Erbbeb-m, das die Stadt Acbaja heim- fuchte und von Grund auf zerstörte, alle Ratten, Wiefel, Mäuse, Maulwürfe und Regenwürmer aus der Erde krochen und sich schleunigst auf die Flucht begaben. Man hat die Ankündigung bevorstehender Erderschütterungen durch Tiere auf ihre, das beißt, nur den erdbewohnenden Tieren eigene größere tellurische Empfindlichkeit, also ihre größere Regi- strationsempfänglichkeit für Erderschütterunaen zu­rückgeführt. Und man scheint damit das Richtige getroffen zu haben, denn dort, wo sie sich nachher wieder niederließen und sich häuslich einrichteten.

Maultrommel und Tlnlentleüse.

Zu Justinus Kerners 150. Geburtstage am 18 September

Dieser Justinus Kerner gehört zu den Dich­tern, deren Namen wohl bekannt sind, in deren Leben und Werken das große Lesepublikum von heute aber leider so gut wie gar nicht Bescheid weiß. Ja, wenn man geduldig herumfragt dann dämmert's wohl in diesem und jenem: Dann meldet sich hier jemand, der im Kernerhaus zu Weinsberg gewesen ist, und dort glaubt jemand zu wissen, daß Kerner Umgang mit den Geistern gehabt und doch auch ein Buch überDie Seherin von Prevorst" geschrieben habe. .

Uebrigens ist es immer nur ganz Wenigen be­kannt, daß zwei der meistgesungenen Liebertexte von Justinus Kerner herrühren:Wohlauf, noch getrunken den funkelnden Wein!" undDort unten in der Mühle faß ich in süßer Ruh'..Auch das liebe alte Gedicht, das man in den Schulen aus­wendig lernte, nämlichDer reichste Fürst (Prei­send mit viel schönen Reden...") stammt von Kerner. Was nun die beiden erstgenannten Gedichte angeht, so wollen wir nicht darüber klagen, daß ihr Verfasser von den Singenden selten mitgekannt und mitgenannt wird! Nein, diese beiden Lieder sind ganz im Volke aufgegangen; em Dichter bat hier Freude und Wehmut aus der Seele des Kolkes geschöpft und wiederum in die Seele des Volkes hineingefungen. Was machte, wenn des Dichters Name vergessen wird. Ihm ward die viel höhere Ehre zuteil, daß er unsterbliche Lieder der Allge­meinheit dichten durfte, Volkslieder Diese große Bevorzugung kündete sich Kerner übrigens schon am Entstehungstage seines LiedesWohlauf noch getrunken..." an:Zu Echterdlngen (bei Stutt­gart)", so erzählt er,schrieb ich es im Wirtshause für die lange Weile auf, und als lch ,weiter ging, lang ich es auf der Straße vom Blättchen nach eigner Melodie ab. Da kam em Handwer sburfche die Straße her, der lief auf mich zu und bat mich sehr höflich, ihm das Lied doch zu geben. Da ver­gaß ich, daß es noch nicht gefeilt war und gab es vor den zehn Jahren der Festung m die Welt hin­aus."

Nun aber zu den Geistern, auf die anfangs hin- gewiefen wurde. Kerner ist mit den Nachtseiten des Lebens schon als Kind bekannt geworden. Aber er brachte ihnen ein inniges, freundliches Gemüt entgegen: Dies spricht aus seinem (im Alter ver­faßten) poetisch ungemein reizvollenBilder­buch aus meiner Knabenzeit". Er litt

als Kind an Nervenschwäche und schweren Träu­men, in der Familie seiner Mutter gab es mehrere Wahnsinnsfälle, fein Vater starb ihm früh, wirt­schaftliche Not trat ein, er mußte ein Handwerk er­lernen, er wurde Sargtischler, sattelte aber bald um und trat in die herzoglich württembergische Tuchfabrik Ludwigsburg ein: die war mit dem Waisenhause, der Strafanstalt und der Irrenanstalt

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IustinusKerner. (Scherl-Bilderdienst-M.)

verbunden. Der junge Kerner besuchte die Irren und spielte ihnen auf der Mundharmonika vor und siehe da: Die Kranken wurden durch das Spiel wundersam besänftigt; es war, als wichendie bösen Geister" von ihnen unter den Klängen der sanften kindlichen Musik. Zeitlebens ist die Mund­harmonika, dieMaultrommel", Kerners liebstes Instrument geblieben. Er hat dieser Kunst einen Essay und mehrere Gedichte gewidmet, er stand mit Franz Koch, einem seinerzeit berühmten Mqultrommel-Virtuosen" in Verbindung, und in seinenReisescha11e n", dieser schönen Samm­lung romantisch gefaßter Erzählungen, Skizzen, Anekdoten, Märchen, Schnurren und Satiren, er­zählt er an einer Stelle, wie Franz Koch in seiner Soldatenzeit als Maultrommelspielerentdeckt" wurde.

Der junge Kerner hatte sich zum akademischen Studium durchgerungen, war Mediziner geworden

und zeigte als solcher besondere Kraft, Feinfühlig­keit und Berufung für die Jrrenpflege. Schon in den ersten Jahren seiner ärztlichen Tätigkeit wurde ihm einFall" zur persönlichen Behandlung über­geben, der zu den ergreifendsten Schicksalen im großen Bilde des deutschen Lebens gehört: Der Dichter Friedrich Hölderlin. Die erste Reihe von Kerners schon genanntenReiseschatten" zeigen den unglücklichen Hölderlin oder Holder, wie er dort heißt, im Rahmen gewagter Satire. Kerner hat sich dann zeitlebens mit Geisteskranken ober nervös- abnorm Veranlagten beschäftigt. Die berühmteste literarische Fassung solcher Studien ist Kerners Werk Die Seherin von Prevorst"; es gilt einer Kaufmannsfrau namens Friederike Hauffe aus dem Dorfe Prevorst: Ihre Krankheitsgeschichte wird hier erzählt und ihre Visionen alsTatsachen" genau berichtet. Kerner war nun nicht bloß Arzt, sondern auch Dichter. Er ließ sich aus den Gebieten der exakten Medizin immer wieder in die Bezirke der Poesie entführen. Immerhin billigte sein kluger, in allem maßvoller Freund Ludwig U h - land solche geniale Unsachlichkeit wenn Kerner selbst als Menschenführer und Gewährsmann dabei blieb.In die wunderbaren Tiefen der Menschen­natur und des Weltlebens", schrieb Uhland an Kerner,wird man ohne lebendige Phantasie nie­mals einbringen. Was Dir aber von anberen zu­getragen unb frembartig eingemischt wirb, bagegen bin ich in hohem Grabe mißtrauisch unb feinbselig gestimmt."

Ebenso wie mit ben schweren nervösen Er­scheinungen gab sich Kerner auch mit bem Gebanken des Todes immer wieder ab. Aber durch ein glück­lich geartetes Gemüt wußte er Tod und Teufel immer wieder zu überwinden: Sein Humor machte aus den Schrecknissen sogar Unterhaltungen und Spielereien. Davon ist ein äußerst belustigendes Zeugnis feineK l e ck f o g r a p h i e". Kerner nahm ein weißes Stück Papier, faltete es einmal, klappte es wieder auf und rechts oder links von dieser Knifflinie machte er einen Tintenklecks. Dann klappte er die freigebliebene Hälfte des Papiers über die bekleckste und preßte tüchtig. Danach klappte er wieder auf unb besah basErgebnis". Wunbersame, grausige, traumhafte, verbrehte Ge­stalten sah er da: Teufel und Hexen und Tod und Spuk-Gestalten. Aber er ließ sich nicht bange machen, dichtete zu diesen Klecksereien die launig­sten Verse unb hat bamit unserer humoristischen Literatur sehr ergötzliche Früchte geschenkt.

Kerner war ein begnabeter Gesellschafter, ein Künstler ber Geselligkeit. Manches bavon lebt noch in seinem Briefwechsel, das Beste ist natürlich mit1

ihm selber dahingegangen. Aber das Kernerhaus in Weinsberg ist nicht bloß ein Museum, sondern es atmet noch den Geist dieses großzügigen, gütigen, heiteren Mannes, dieses geradezu sprichwörtlich gastfreundlichen Menschen, dieses treuen Schwaben!

Dr. Johannes Günther.

Kunst und Wissenschaft. *

Herbstneuerscheinungen

der Deutschen Verlags-Anstalt.

Auf dem Gebiete der schönen Literatur wird die Deutsche Verlags-An st alt, Stuttgart/Ber- lin, im Laufe der nächsten Monate folgende Werke veröffentlichen: Walter Bauer: Der Lichtstrahl. Geschichte einer Jugend. Henry Benrath (Al­bert H. Rausch): Südliche Reise. Neuausgabe. Victor Heiser: Eines Arztes Weltfahrt. Erleb­nisse und Abenteuer in 45 Ländern. Uebersetzt von Rudolf von Scholtz. Kurt Heynicke: Das Leben sagt Ja. Gedicht. Jochen Klepper: Der Vater. Der Roman des Soldatenkönigs. Lin P u t a n g: Mein Land und mein Volk. Aus dem Englischen übertragen von W. E. Süskind. Eingeleitet von Pearl S. Buck. Charles Morgan: Die Flamme (Sparkenbroke). Roman. Uebersetzt von Herberth Herlitschka. Hans Nickol: Das neue Leben ober Die Artamanen. Roman. Clara Norbström: Lillemor. Roman. Gerhart Pohl: Die Brüber Wagemann. Roman. Otto R o m b a ch : Abrian, ber Tulpenbieb. Ein Schelmenroman. Herta Sch weinfurth-Bertels: In ben Hellen Nächten. Roman. Willy Seibel: Der Tob bes Achilleus unb anbere Erzählungen nebst Briefen unb Gebichten aus bem Nachlaß mit einer bio­graphischen Einleitung. Herausgegeben von Ina Seibel. Ellen Soebing: Sibylle. Geschichten um Vater unb Tochter. Maria Waser: Sinn- bilb bes Lebens. Ernst Zahn: Wille unb Schicksal. Roman. Weiter in Vorbereitung be« finbliche Werke: Albert von Hofmann: Das bayrische Lanb unb seine Geschichte. Sir James Jeans: Durch Raum unb Zeit. Uebersetzt von Helene Weyl. M. I. K r ü ck von Poturzyn : Eine Frau ohne Furcht, Laby Esther Stanhope. Erich Marcks: Der Aufstieg bes Reiches. Deutsche Geschichte von 1807 unb 1871/78. Zwei Bänbe. Ruppert Recking: Ein Kaiserreich auf Aktien. Fritz Schumacher: Runbblicke Ein Buch non Reisen unb Erfahrungen. Walter Zechlin: Fröhliche Lebensfahrt. Diplomatische unb unbiplo- matische Erinnerungen.