Ausgabe 
17.7.1936
 
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Ur.wS Zweites Blatt

Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Zreitag, ll.Zuli 1936

10 Milliarden Reichsmark sollen in Bewegung gebracht werden.

Von unserem -pp.-Berichterstatter.

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!)

Paris, 15. Juli 1936.

Sparen und Mißtrauen, diese typischen Eigenschaften des Franzosen bestimmen auch weit­gehend seine Grundhaltung zu den wirtschaftlichen Fragen. Das Sparen ist die Leidenschaft der Franzosen, sie leben und arbeiten, um zu sparen, sie eröffnen einen Laden, nehmen eine neue Beschäfti­gung an, um mehr als bisher sparen zu können. Sie verzichten gern auf die Genüsse des Großstadt­lebens, sie gehen abends früh ins Bett, sie fahren in der O-Bahn und im Omnibus zweiter statt erster .Klasse, sie verzichten auf die Möglichkeit, bei besetzter .zweiter Klasse in der ersten schneller ans Ziel zu kommen, alles dies nur, um zu sparen.

Der Franzose spart jedoch nicht, um mit dem >Geld arbeiten zu können, seinen Betrieb auszu- lbauen, oder einen eigenen aufzumachen, auch nicht, ium in der sozialen Leiter eine Stufe weiter zu lkommen, oder seinen Kindern einen entsprechenden Schritt zu ermöglichen, sondern nur, um recht bald sorgenlos irgendwo vomGeldelebenzu können, «twas Wein und Weizen anzubauen, zu fischen, zu jjagen und auszuruhen. Er muß deswegen das Geld jicher anlegen. Wie ist das aber möglich? Diese Frage bedrückt ihn sehr, weil er von Natur lpus so mißtrauisch ist und somit bei jeder Anlage- möglichkeit zunächst die Schattenseiten sieht. Wieso sollte z. B. der Franzose Staatspapiere kaufen, da Doch deren Kurs seit Jahren zurückgehen und somit Erhebliche Verluste beim Verkauf entstehen? Zu den Sparkassen und Banken hat er kein richtiges Ver- itrauen, weil zu leicht eine Pleite möglich ist und weil er nicht gern andere wissen läßt, wieviel er - gespart hat. Am ehesten legt der Franzose sein Geld noch in einem Stück Land an, oder in Geld und Banknoten.

Bezeichnend für diese Mentalität des französischen Sparers ist eine sicher den Tatsachen entsprechende Anekdote über Briand. Als Briand zu verdienen nnfing, steckte er den Ueberschuß einer Woche oder ines Monats in Form von Banknoten oder Gold- ttücken in einem Briefumschlag und verstaute diesen in seinem Schreibtisch. Wenn ein erheblicher Be­irag vorhanden sein mußte, kramte er alles zusam­men, freute sich über die Geldfülle und fuhr hinaus nach C o ch e r e l, wo er sich so im Laufe der ficchre ein Stück Land nach dem anderen erwarb. Erst in den letzten Jahren seines Lebens konnte er inch dazu entschließen, gelegentlich Gelder einem Kreditinstitut anzuvertrauen, doch der Erwerb von Papieren stand außerhalb jeder Erörterung. Briand fielt eben Gold und Banknoten und schließlich iinen Landbesitz für die sicherste Form der Geld­anlage und im Interesse dieser Sicheicheit verzich- *te er sogar auf Zinsen.

So wie Briand dachten vor dem Kriege und icnfen und handeln heute viele Franzosen. Das iroße Problem der französischen Finanz- und Kre- litpolitik ist, diese von den Durchschnittsfranzosen cehamsterten Goldbarren und Bank- oten in Bewegung zu bringen Es handelt | ich dabei um erhebliche Beträge, um etwas mehr Ils 60 Milliarden Franken, also 10 Milliar­den Reichsmark, von denen knapp die Hälfte ns Ausland gebracht wurde, während gut die i»älfte in Form von Goldbarren, Goldmünzen oder M0- und 1000-Francs-Scheinen von den Klein- nirgern und Arbeitern irgendwo zu Hause versteckt ft, oft sogar in der primitiven Form des Strump­fs, oder auch im Garten vergraben. Diese gespar- ?n und gehamsterten Beträge sind natürlich für ?nc Volkswirtschaft nicht vorhanden. Privatfirmen ind vor allem der Staat, die eine Anleihe aufneh- men wollen, können keine Beträge erhalten. Dies ioat sich vor allem für den Staat nachteilig aus­

gewirkt, der sich in den letzten Jahren erhebliche Be­träge zur Deckung des Defizits beschaffen mußte. An sich wird in Frankreich so viel gespart, daß ent­sprechende Anleihen hätten untergebracht werden können, aber der Sparer streikt, und so mußte der Staat höchst gefährliche und krumme Wege gehen, um seinen Geldbedarf zu decken. Der französische Staat mußte sich z. B. in London drei Milliarden leihen und bei der Notenbank sogar 14 Milliarden, was leicht zu verhängnisvollen infla­tionistischen Auswirkungen führen kann

Diese und andere Schwierigkeiten wären nickt ge­geben, wenn der französische Sparer das Ersparte dem Staat und der Wirtschaft zur Verfügung stel­len würde. Erhebliche günstige Auswirkungen wür­den die Folge sein. Der Zinssatz würde zurückgehen, die Umsätze würden steigen, die Wirtschaft würde angekurbelt werden usw. Somit haben alle fran­zösische Regierungen der letzten Jahre es als ihre entscheidende Aufgabe angesehen, die gehorteten 60 Milliarden Franken in Bewegung zu bringen. Die verschiedensten Vorschläge wurden unterbreitet, so auch der, daß die Banknoten abgestempelt werden sollen und die nichtabgestempelten ihre Gültigkeit verlieren. Die Vertreter dieses Vorschlages gingen von der Annahme aus, daß viele nicht mehr wissen würden, wo sie ihre Banknoten versteckt haben, daß andere die Noten nicht zur Abstempelung ab-

Jn Berlin finden in diesen Tagen als Auftakt zu den Olympischen Spielen Internationale Tanzwettspiele statt, an denen 14 Völker beteiligt sind. Der gewählte Zeitpunkt drückt schon Absicht und Sinn der Veranstaltung aus. Die Tanz­wettspiele sollen außerhalb der Sportwettbewerbe stehen und doch in Zusammenhang mit ihnen. Glanz und Größe des kommenden Olympiafestes hebt sie ebenso hoch über alle früheren Veranstaltungen ähnlichen Namens wie Umfang und Bedeutsamkeit des Programms. Denn wenn wir früher von inter­nationalen Tanzwettbewerben und ähnlichem hör­ten, so handelte es sich ausschließlich um Konkurren­zen des Kunst- und Gesellschaftstanzes, ja, zumeist gerade um die Tanzart oder -abart, die für eben jenes Jahr neueste Mode war und diese Mode allen zivilisierten" Völkern uniformierend vorschrieb. Ein Blick auf das Programm der diesjährigen Inter­nationalen Tanzwettspiele zeigt, daß sie damit nicht das mindeste zu tun haben. Was hier gewollt wird, ist vielmehr gerade die Entfaltung der nationalen, rassischen, kulturellen, musikalischen, ursprünglich rhythmischen und künstlerischen Eigenart der ein­zelnen Völker, wie sie sich im Tanz ausdrückt. Es ist allo selbstverständlich, daß in erster Linie der Volkstanz berücksichtigt ist und vom Kunsttanz vor allem die Form, die sich aus den Quellen des Volkstanzes nährt, ihn bewußt stilisiert und durch das Mittlertum einzelner tanzschöpferisch stark be­gabter Persönlichkeiten zum Kunsttanz hinüberleitet.

Ursprünglich ist jeder Tanz Volkstanz und außer der Sprache vielleicht der st ä r k st e Ausdruck der Volkspersönlichkeit. Manche der na­tionalen Volkstänze haben sich am Ausgang des 18. oder zu Beginn des 19. Jahrhundert, als auch in den höheren Gesellschaftsschichten lebhafte Rund­tänze Mode wurden, die Ballsäle der Welt erobert, wie zum Beispiel dieE c o s s a i s e", ursprünglich ein schottischer, oder die Polka, ein tschechischer Nationaltanz, der nachweislich im Jahre' 1835 in Prag zum erstenmal öffentlich getanzt wurde und

geben würden, weil sonst herauskäme, daß sie den Besitz von Banknoten in ihrer Steuererklä­rung nicht angegeben haben. So wurde ein gro­ßer Gewinn von mehreren Milliarden errechnet.

Der neue sozialistische Finanzminister Vincent A u r i o l, der vor den gleichen Problemen steht, ist bei seinem Vorschlag von der Mentalität des fran­zösischen Sparers ausgegangen. Er hat sich gesagt, daß der französische Sparer vor allem die Gewißheit haben will, au jeder Zeit den Nennbetrag zurück­erhalten zu können, und es begrüßt, wenn außer­dem noch Zinsen gezahlt werden. Dies ist bei lang­fristigen Anleihen nicht der Fall, denn bei ihnen muß zurzeit noch mit einem Kursrückgang gerechnet werden. Dies ist zwar bei Sparkassen und Banken möglich, doch ein wenig verständliches Mißtrauen besteht nun einmal gegen diese Institute. So hat der Finanzminister den Vorschlag gemacht, und der Vorschlag ist angenommen worden, daß eine f u r 3= f r i ft i g e kleingestückelte Anleihe aufge­legt werden soll. Dies besagt, daß jeder französische Sparer die bisher gehamsterte 1000-Francs-Note in ein Anleihestück umtauschen kann, das er nach Fäl­ligkeit in einem Monat oder in drei Monaten zum Nennbetrag plus Zinsen ausbezahlt bekommt. Das ist der neue Weg, der beschritten werden soll und der plausibel erscheint. Viele rechnen denn auch mit einem Erfolg. Ein großer Anleiheerfolg würde übrigens die Stellung der Regierung für lange Zeit stärken, ein Mißerfolg jedoch ihr baldiges Ende er­warten lassen.

Ob und wie Frankreichs Sparer auf den neuartigen Appell des Finanzministers Vincent A u r i 0 l ant­worten, das wird von entscheidender Bedeutung für die wirtschaftliche und politische Zukunft des Lan­des fein.

sogleich Stürme der Begeisterung erregte. Bei ihrem Siegeszug haben diese Volkstänze jedoch viel von ihrer nationalen Eigenart verloren, und es fällt uns heute schwer, in ihnen das Gesicht des Volkes wiederzuerkennen, bei dem sie zuerst getanzt wurden.

Kennzeichnender dünken uns jene Tänze, die bis heute Nationaltänze geblieben sind. Selten wird bei­spielsweise je ein Nichtpole einen echten Kra­kowiak der nach der Stadt Krakau seinen Namen trägt stilgerecht tanzen können, mit seinem charakteristischen abwechselnden Aufstellen von Hacken und Fußspitzen, seinem Zusammenschla­gen der Hacken, des Einander-Umkreisens von Tän­zer und Tänzerin, seiner schwierigen Synkopierung! Auch die Mazurka, nach der polnischen Land­schaft Masowien, mit ihrem scharf rhythmischen Dreivierteltakt und der häufigen Akzentverschiebung vom ersten auf den dritten ober zweiten Taktteil, dem leidenschaftlichen Aufstampfen und Hackenzu- sammenschlagen der Tänzer erscheint uns als un­wiederholbarer Wesensausdruck des tanzbegabten Slawenvolkes.

Der Tanz hingegen, der das Wort Polen in sei­nem Namen enthält, dieP 0 l 0 n a i f e", gehört zu den feierlichen Gehtänzen, die das ganze Mittel- alter hindurch in der höfischen Gesellschaft allein ge­tanzt werden durften, aber auch er ist mit der Ge­schichte des Landes untrennbar verbunden, denn es war ursprünglich ein Huldigungs- und Begrü­ßungstanz des polnischen Adels, der 1574 in Kra­kau für Heinrich von Anjou getanzt wurde. August der Starke gab dem figurenreichen und phantasie- vollen Tanz bestimmte Formen, die wieder ver­loren gingen, als er im 19. Jahrhundert europäischer Gesellschaftstanz wurde.

Eine völlig andere Welt enthüllen die italie­nischen Volkstänze. Schon die fremdartigen Instrumente des Südens, Gitarre, Tamburin, Kastagnetten, Mortello geben dem Tanz einen an­deren Wesenszug. Don den zahlreichen italienischen Nationaltänzen, deren fast jede Landschaft ihren

Friedlicher Wettstreit der Volker im Tanz.

3u den Internationalen Tanzwettspielen in Berlin.

Ole Frauemnsel.

Von Ellen Fechner

Es scheint fast, als gäbe es keine Männer auf Mrin, dieser kleinen, etwas kargen und doch so iiÄDoUen Insel, einer der vielen, die in die blaue

reizvollen Insel, einer der vielen, die

Weite der Adria hineingestreut sind, wie von der >and eines launischen Riesen, deren dunkle Kon­toren sich in der Morgen- und Abenddämmerung in langen, nebelhaften Ketten aus dem Meere heben mb der balmatinischen Landschaft ihren eigen» atigen, einzigartigen Zauber verleihen.

Es scheint wirklich, als gäbe es nur Frauen in Aarin! Schon wenn man in Sibenik das Trabaccole l?fteigt, eine Art großes, schweres Segelschiff, das ton einem Rohölmotor getrieben wird, um dte kurze Fahrt nach dem kleinen, felsigen Eiland an- gutreten, fällt es auf, baß außer dem Kapitän und finem Matrosen eigentlich nur Frauen an Bord

^Das ist ein Kichern und Flüstern, ein Auf und ; Vb von dunklen Kopftüchern, blitzenden Gold­fi igranohrringen, weiten, wippenden schwarzen Meten und klappernden Stricknadeln, denn die [arauen von Zlarin haben keine Zett müßig zu hin, müssen sie doch außer ihren Hausfrauen- und 1 :utterpflid)ten den größten Teil des Jahres yin- dirch auch Männerarbeit tun. «

'3n Zlarin gibt es tatsächlich keine Manner, ab- Mehen non den alten, müden, verbrauchten, die höchstens nach für den Fischfang daheim taugen.

I ie andern, die jungen, ziehen IN den ersten mar- It°n Tagen, die das Jahr bringt, aufs Meer hm- I ms, um Jagd zu machen auf den seltenen rofen- \ r.tten Schatz, den dje Tiefe der Adria birgt, auf - Mußer den Fischern von Zlarin weiß niemand irshr die geheimnisvollen Plätze, an denen ste vor- trmmt, und so ziehen sie denn alliahrkch hinaus, ttlf ihren kleinen gebrechlichen Fahrzeugen denen irnn die Seetüchtigkeit auf den ersten Blick nicht c ohne weiteres zutrauen wurde, und die ihnen dich während der Sommermonate einzige Zuflucht irib Behausung sinb. w

Mm Tage ihrer Ausfahrt versammelt sich die Mze Bevölkerung wie zu einem Fest, und ange- fiqnts des Kruzifixes segnet der Priester die Boote.

-Sind sie bann fort, wird es M m den schmalen vmkligen Gassen des kleinen alten Dorfes. Die t:iqe vergehn, einer nach dem andern, ausgefultt im der Arbeit auf dem Felde und im Haufe.

Ls scheint, als kämen die Frauen Zlarms.nut km Wäschewaschen nie zu Ende. Von früh bis pt sieht man sie an dem großen Spulstein am

Hafen hocken, der ihnen die Waschküche ersetzt, und eifrig schrubben, dabei steht das Mundwerk keinen Augenblick still.

lieber ihnen wölbt sich der südliche Himmel in tiefem Blau, mit den Farben der Adria wetteifernd, und der Widerschein der dalmatinischen Sonne leuchtet aus der Heiterkeit ihrer lachenden Gesichter.

Der Abend findet sie auf den Steinstufen und Bänken ihrer Häuser sitzend. Die jungen Mädchen gehen langsam zu zweien und zu dreien Arm in Arm am Kai oder auf der Mole auf und ab. Die weiten Röcke, deren seltsamer Faltenwurf ein wenig an den Cul de Paris erinnert, den unsere Mütter einst trugen, lassen die Taille noch schlanker und zierlicher erscheinen, als sie ohnehin ist: die kleinen Füße, die in selbstgestrickten weißen Strümpfen und schwarzen Spangenschuhen stecken, treten leicht und sicher zugleich auf; und die Augen schweifen sehnsüchtig über die dunkle Inselkette am Horizont, hinter der die Boote verschwunden sind, auf denen auch der Liebste mitfuhr.

Wo mag er sein in diesem Augenblick? Wird das Meer ihn zurückgeben? Wird er wiederkvmmen im Herbst, in den letzten warmen Tagen, wenn die Boote heimkehren? Mannigfach sind die Gefahren, die den Korallenfischer bedrohen, und manch einen von ihnen behielt das Meer.

Die alte Kirche des Dorfes weiß um all die heim­lichen Seufzer, um all die inbrünstig gestammelten Gebete, die aus geängstigten, gepreßten Herzen auf- fteigen, um den Gatten, den Sohn, den Geliebten! Und das Bild Marias, der Schmerzensreichen, lächelt tröstend auf die Betenden herab. Pazienza! scheint es zu flüstern, Geduld! Geduld!

Geduld haben und warten! Das ist das Los der Frauen von Zlarin. Und vielleicht ist es im Grunde das Los ihrer Schwestern auf der ganzen Welt, denn diese immer bereite, wartende Geduld der echten Frau ist es, die dem Mann, der draußen kämpft und schafft, die Kraft dazu gibt, ihm von neuem das Gefühl von Sicherheit und Heimat schenkt.

Sie wissen es nicht einmal, daß sie es schwer haben, die Frauen Zlarins! Sie lassen ihre Männer ziehen ohne zu klagen; es ist seit Generationen so gewesen, also muß es so fein, sie kennen es nicht anders.

Die Zeit scheint still zu stehen auf ihrer kleinen Insel, obgleich der Zeiger auf der Uhr des alten Rathausturms unerbittlich die Sekunden, die Minu­ten, die Stunden mißt, halten sie zäh fest an den Gebräuchen ihrer Vorfahren, ihrer Kleidung, ihren Sitten, ihrer Art zu denken, und damit bewahren sie sich die Kraft und die Unschuld, die sie so stark macht

Bretzner und sein Beit.

Von Max Zungnickel.

Vorgestern kam ich, gegen Abend, übermüdet in eine Kleinstadt. Ich ging zu einem Organisten, der mir bekannt war, und bat um ein Nachtlager. Er wies mir in seiner Kammer unterm Dach ein Bett an, ein breites, schwerfälliges Bett mit einem Him­mel darüber. Ein Bett für einen pensionierten Schmerbauch. Der Organist stand unschlüssig dabei und schien einen Gedanken zu haben, den er mir gern mitteilen wollte. Ich bemerkte seine Scheu, mir den Gedanken anzuvertrauen. Jetzt zog ich meine Jacke herunter, und als er das sah, faßte er Mut Und sagte:Wissen Sie, wem das Bett ge­hört?"

Ich sah ihn verständnislos an. Er hatte ein son­derbares Licht in den Augen. Ich hätte mich gar nicht gewundert, wenn er gesagt hätte: das ist das Bett des Scharfrichters Bertram, der sechzehn Köpfe fjerunterrafierte. Aber er belehrte mich:Das Bett gehört einem Verwandten von mir: Christoph Friedrich Bretzner, Verfasser des .Räuschchen'."

Ich kannte diesen Mann nicht. Und nun erzählte er:Weiß Gott, ich kann in diesem Bett nicht schlafen. Mir iffs immer, als ob mich jemand herausschmisse. Das Bett ist das schönste Gespen­sterbett?"

Der Mond glimmerte durch das Fenster. Ich war hundemüde und haute mich hin. Der Organist setzte sich auf die Bettkante, und nun suchte er langsam in seinen Gedanken herum:Christoph Friedrich Bretzner, mein berühmter Verwandter, ließ im Jahre 1782 eine Erklärung drucken, die etwa so lautete: Ein gewisser Mensch namens Mozart aus Wien hat sich erdreistet, mein Drama ,Belmonte und Konstanze' zu einem Operntext zu mißbrauchen. Ich protestiere hiermit feierlich gegen diesen Ein­griff in meine Rechte und behalte mir weiteres vor." Der Organist ging. Ich sah das Mondlicht noch auf feinem Rücken und schlief ein. Plötzlich erwachte über mir eine Melodie, eine Melodie wie aus den Träumen der Nachtigall herausgezogen, eine berauschende, splitternde Melodie, goldfaden- haft. Die Klänge der Melodie wickelten sich um das protzige Bett und umspannen es spinnwebhaft. Und mit einem Male hob sich bas Bett. Oben, an der Dachluke, saß in gepuderter Perücke ein zarter, samtener Mensch und blies auf einer Flöte. Er sah wie Mozart aus. Und die Quellen der Melodie saßen in der Flöte. Ich wurde überschüttet von kristallenen Noten, von goldenen, silbernen, blumigen und seidenen Noten. Ich wurde verschneit von No-

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Täglich Auszug der Wache mit Musik in Berlin.

Zu Ehren der Olympiagäste zieht jetzt in Berlin täglich die Wache mit Musik auf, und zwar ab­wechselnd Abteilungen des Heeres, der Kriegsmarine und der Luftwaffe. Am Donnerstag zog die Wache von der Ausbildungsabteilung der 1. Zerstörer- Division in Berlin auf. (Scherl-Bilderdienst-M.)

besonderen besitzt, ist am berühmtesten die Taran­tella geworden, die in Apulien getanzt wird, langsam beginnend und dann immer schneller und schneller werdend, im Dreiachtel- oder Sechsachtel- Takt. Um ihre Entstehung rankt sich die Sage. Ein bösartiges Insekt versetzt durch einen Stich die Menschen in eine Art Raserei, in der sie sich nicht anders als durch Tanzen retten können.Don der Tarantel gestochen" sagen wir noch heute.

Weniger bekannt ist bei uns derK 0 l 0", der serbische Nationaltanz, von dem serbischen Wort KoloRad", dessen Name aber jetzt auch als Sam­melname für südslawische Tänze überhaupt ge­braucht wird, bei dem die Tänzer langsam mit an- gefaßten Händen im Kreise schreiten, während in der Mitte ein einzelner Tänzer, ein Paar ober beren mehrere bestimmte Figuren und Touren tanzen.

Daß wir Deutschen hinter keinem Volk der

Am Montag, 20.3uli, beginnen wir in den Tamilien- blättern mit der Veröffentlichung einer neuen großen Erzählung:Der Diamant des Radschah" von Robert Louis Stevenson. Rach der beschaulich-hei­teren Liebesgeschichte von der Fahrt nach der Ahnfrau bringen wir nun ein Werk voller Phantasie und Aben­teuerlichkeit, voller Handlung und Spannung. Die vier Begebenheiten, die sich um den berühmten und kostbaren Diamanten entfpinnen, gehören zu den Schilderungen, die Stevenson zu einem der gelesensten Schriststeller in England und Amerika gemacht haben

ten, ganz verschneit. Der Betthimmel stürzte, von der Schwere der Noten schwach geworden, auf meinen Schädel. Erschrocken wachte ich auf. Die Morgenhelle kam unwirklich.

Oh, Bretzner, was habe ich in deinem Bett für einen Traum gehabt!

Gloria-Palast:Buchhalter Schnabel".

Passender wäre der UntertitelEin junger Herr aus Oxford". Der ist nämlich die Hauptperson und unentbehrlich für den luftspielmäßigen, wenn auch nicht ganz neuen Einfall: ein junger Mann erbt eines Tages das Geschäft seines Onkels, führt sich dort aber nicht als Chef, sondern als unbekannter kleiner Angestellter ein, um den Betrieb von Grund auf kennen zu lernen. Er lernt ihn kennen samt allem Personal: der unangenehmste ist ein streber­hafter Direktor, der dem tüchtigen, aber schrulligen Buchhalter Schnabel nach Kräften das Leben sauer macht. Diesen Schnabel, der dem Film zu Unrecht den Namen gab, spielt Hans Moser: komisch, wie stets in den verrücktesten Situationen, aber tatsäch­lich in seinem entfesselten Redestrom nur noch an­nähernd verständlich. Dr. Rolf W a n k a spielt den sympathischen jungen Chef aus Oxford, der uner­kannt wie Harun al Raschid durch seinen Betrieb wandelt und am Ende die netteste der Büroange­stellten heiratet. Sie heißt mit ihrem bürgerlichen Namen Gusti Huber (wir lernten sie kürzlich im Savoy-Hotel" neben Albers kennen) und hat es in der Tat um ihn verdient. Ferner wirken mit: Gülstorfs, leider recht übertrieben im Spiel, Despermann, Lizzi H 0 l z s ch u h, Rudolf Carl und Hugo Thimig, der betagte Senior der be­rühmten Schauspieler-Familie. Das Ganze, unter der Spielleitung von Hübler -Kahla, eine harmlos-sommerliche Unterhaltung. (Pansilm, Wien.) Dazu die Wochenschau mit Aufnahmen von Schmeling und vom Deutschen Derby; zwei Kultur­filme; ein Vorspann zu dem FilmUnter falschem Verdacht". r

Zeitschristen.

Die ZeitschriftM utter und Kind" (Ver­lag Staude, Berlin W 30) bringt im Juni- und Juli­heft u. a. die folgenden, für die jungen Mütter be­sonders interessanten Beiträge:Vom Gehorsam", Ein kleiner Beitrag zur Kinderpsychologie",Fe­rien im Erholungsheim?",Ferien für Kinder durch die NSV.",Strampelsäckchen für den äuße­ren Säugling",Das Wochenbett ist eine Zeit der Ruhe und Erholung",lieber die eigene Fußpflege der Hausfrau" ufw.