Ausgabe 
16.11.1936
 
Einzelbild herunterladen

Auftakt zur Winterarbeit der Hitlerjugend Heffen-Aassaus.

Der stellvertretende Gauleiter auf der Führertagung in Wiesbaden.

NSG. Im Paulinenschlößchen sind die HJ.-Führer zu ihrer Tagung zusammengekommen. In Vertre­tung des verhinderten Gauleiters Reichsstatthalter Sprenger sprach zu den versammelten Hitler-Jugend- Führern

der stellvertretende Gauleiter, Staatsrat deiner.

Er erinnerte daran, daß Langemarck nicht nur ein B e i s p i e l, sondern heldenhafter Opfergang war, der nicht zu sein brauchte, wenn die vergangene Generation ihre Verpflichtung erfüllt hätte, wie es hätte sein sollen. Millionen blieben aber damals unausgebildet und, als das Staatsschiff im Sturm stand und alle Mann an Bord mußten, fehlte den Jns-Feld-Rückenden die notwendige Ausbildung, ein Beispiel, das sich nicht wiederholen darf. Aus ihrem Widerstandswillen klang das Lied Deutschlands auf als das erste Lied der deutschen Revolution. Sie stießen das Tor des deutschen Widerstandswillens auf. 1919 schien es dann für alle Zeiten geschloffen. Aber Adolf Hitler öffnete es aufs neue, und durch dieses Tor ziehen wir heute in die Zukunft.

Staatsrat Reiner schloß an den Hinweis, daß heut« für die Vorbereitung der Jugend geschieht, was zu tun ist, die Aufforderung an, sich dessen würdig zu erweisen. Die Jugend müsse das Vertrauen rechtfertigen. Ein Volk ist nicht nur groß, wenn es sich durch Waffengewalt zum Sieger macht, sondern wenn es sich auf allen Gebieten über­legen zeigt. Deshalb geben wir unserer Jugend eine vorbildliche Erziehung. Die Kirchen mögtji un­besorgt sein; denn wir wissen unsere Kinder anständig zu erziehen. Der Beweis für die Anerkennung des Schöpfers ist der Segen, der auf unserer Arbeit ruht. Wir haben Ehrfurcht vor Gott, aber keine Angst vor dem Teufel. Wenn es aber Leute gibt, die glauben, daß wir zu wenig beten in ihrem Sinn, dann mögen sie das für uns tun. Wir Deutsche stehen auf dem Standpunkt, daß es zu handeln gilt nach dem Wort:Hilf dir selbst, so hilft dir Gott!". Alles andere ist Feigheit und Niedertracht.

Es gilt beweiskräftige Argumente zu zeigen, um zu überzeugen. Weltanschauung zu besitzen heißt, sich mit den Verhältnissen seines Volkes ausein­anderzusetzen und zwar unter dem Gesichtspunkte der Allgemeingültigkeit. Dabei gibt es keine Aus­legung in der Ansicht des Führers. Wir danken es dem Führer, daß er uns den freien Blick in die Welt gegeben hat. Er hat uns gezeigt, was wir so lassen können, wie es ist, und was es zu ändern gilt. Zweite Voraussetzung ist, daß jeder dort, wo er steht, seine Pflicht erfüllt. Das ist die Voraussetzung für die Weiterentwicklung unseres Volkes. Führer ist daher nur, wer seiner Gefolg­schaft nicht mehr zumutet, als sie leisten kann. Als Parole gab Staatsrat Reiner: Hart zu fein in den Grundsätzen und großzügig in den Nebensächlich­keiten. Wenn wir in diesem Sinne dem Führer nachfolgen, wird sich alles zum Besten wenden.

Gebietsführer Brandt

entwickelte das Programm der Hitler-Jugend. 1933 war die Aufgabe, alle Jugendoereine und -organi- fationen zu zerschlagen. Heute gibt es keine andere Organisation, die über die Jugend bestimmend ist. Jetzt muß die HI. Lei st ungen fordern und Anforderungen stellen. Die Möglichkeit hierfür bietet die neue Disziplinarordnung. Das Ziel ist die Schaffung einer Gemeinschaft junger Aktivisten. Im Mittelpunkt steht die Führer­frage. Der Grundsatz der jungen Führung ist keine Idee irgendeines Mannes, sondern der Wille des Führers. Wir wollen die junge Führung, nicht aber die zu junge Füh­rung. Die Schwierigkeiten liegen dabei in der Ueberlaftung der Jugend durch An­sprüche von allen Seiten. Wehrpflicht, Ar­beitsdienst und alle anderen Gliederungen stellen bei dem rasend schnellen Aufbau große Anforde­rungen an die junge Generation. Durch Schu­lung der 14 000 Führer sucht die HI. den Aus­gleich. Ein ausgiebiges Programm sucht alle plan­mäßig zu erfassen. Führerfahrten ergänzen diese Arbeit.

In der Dienstgestaltung sind einige Aenderungen vorgesehen. Die Heimabende finden nur noch 14tägig statt. Daneben treten 14tägige Dienst-

a b e n d e , die die erforderlichen Voraussetzungen für den Dienst geben sollen. Die Ordnungs­übungen werden zeitlich beschränkt, dafür aber um so straffer. Trotz aller örtlichen Schwierigkeiten müssen aber zukünftig wöchentlich in jeder Einheit Sportabende durchgeführt werden. In Winter­lagern werden 8000 Hitlerjungen erfaßt, die im Sommer saisonbedingt verhindert sind. Als Abschluß der Winterarbeit findet eine große A u s st e l l u n g der HI, statt, die das Wollen der Jugend an das Volk herantragen soll.

Fünf Sonderaktionen sind außerdem vorgesehen. Der Volksgemeinschafts­abend soll die Menschen zusammenfassen und Neues an die Stelle früherer Unterhaltung sehen. Die AktionSchönheit des Hei­mes" wird zeigen, daß die HI. versteht, auch aus bescheidenen Mitteln etwas zu gestalten. Unter der BezeichnungJungerSozialis- m u s" werden die hitlerjungen beweisen, was sie leisten können, und andererseits ihre Forde­rungen anmelden, die zur Stärkung und Stäh­

lung für die Arbeit notwendig sind. 3m Februar sehen die Vorbereitungen für Fahrten und Sommerlager ein. Am Schluß der Din- terarbeit steht die A u s st e l l u n g, die für Disziplin und Ordnung unserer Jugend wirbt.

Nach einem Appell an den gemeinsamen Einsatz der Führerschaft legte Gebietsführer Brandt ein Be­kenntnis zur Partei ab. Wir brauchen nicht zu beten und nicht zu flennen, wenn wir nur unsere Pflicht tun. Die Kolonne, die dort marschiert, ist unser Dom, unser Heim ist unsere Kanzel. Vor uns steht der Führer; deshalb sind wir voller Fanatismus und greifen nach dem Ziel des nächsten Tages. Wir wollen die Mahner sein durch unsere Taten, so rief Gebietsführer Brandt den Führer der HI. zu. Der Vorsprung der Alten Garde ist so groß, daß wir ihn nicht so leicht einholen. Desto größer muß unser Eifer sein. Während der Führer des Standortes Wies­baden am Denkmal der Gefallenen einen Kranz niederlegte und die versammelten HJ.-Führer der für Deutschland Gefallenen gedachten, fand die Führer­tagung der HI. in den Liedern unseres Volkes ihren Ausklang. bn.-

Das Vermächtnis der Helden von Langemarck.

Feierstunde der deutschen Lugend.

Berlin, 15. Nov. (DNB.) In einer weihe­vollen Feierstunde gedachte am Sonntag die Hit­ler-Jugend in der D^utschlandhalle gemeinsam mit der Wehrmacht und der national­sozialistischen Bewegung der gefallenen Helden von Langemarck, deren Opfertod sich in diesen Tagen zum 22. Male jährte. Äor der Feier legte Reichsjugendführer Baldur von Schirach gemeinsam mit dem Gauleiter Adolf Wagner (München) und dem Vorsitzenden des Langemarck- Ausschusses, General Freiherr von Grote, am Ehrenmal Unter den Linden einen Kranz nieder.

Bei der Feierstunde in der Deutschlandhalle waren u. a. zugegen Stabschef der SA. Lutze, Reichsarbeitsfuhrer H i e r l, der stellvertretende Gauleiter von Berlin Görlitz er, der Chef des Wehrmachtamtes General Keitel, General Kesselring, die Obergruppenführer v. I a g o w, Herzog von Koburg und Heißmeyer< Reichskriegsopferführer Oberlindober, die Amtsleiter der Reichsjugendführung, die Rektoren der Berliner Hochschulen sowie zahlreiche Generäle der alten Armee und der Wehrmacht und weitere hohe Vertreter der Partei und des Staates.

Beim Fahneneinmarsch wurde neben den Ban­nern der nationalsozialistischen Jugend auch die L a n g e m a r ck - Traditionsfahne des Königin-Augusta - Garde-Grenadier- Regiments in den Saal getragen. Das dichte­rische Heldendenkmal des Langemarck-Kampfes, die Langemarck-KantateDie Briefe d e r Ge­sa l l e n e n" von Wolfgang Eberhard Möller und Georg B l u m e n \ a a t, die alljährlich auf der Langemarckfeier aufgeführt wird, leitete die Feier­stunde ein. Das Landesorchester des Gaues Groß- Berlin, eine vielköpfige Singschar der HI. und der Sprecher Georg Keppler gestalteten dieses von der Jugend für das Andenken der Helden ge­schaffene Werk in meisterhafter Form.

Reichsjugendführer Baldur v. S ch i r a ch sprach über die Bedeutung der Feierstunde. Zum dritten Male findet sich die Jugend des Dritten Reiches mit den Soldaten des großen Krieges zusammen, um am Tage von Langemarck jenes Opfertodes zu ge­denken, der als leuchtendes Vorbild für alle Zeiten die deutsche Jugend verpflichte. Der Leiter des Tra­ditionsgaues München-Oberbayern, Gauleiter Adolf Wagner, schilderte aus eigenem Erleben den Kampf der jungen Freiwilligen im großen Kriege. In packenden Worten brachte er den Jungen das Erlebnis der Front nahe, das alle trennenden Schranken niederriß und ein Millionenheer zu einer einzigen ftahlharten Kameradschaft zusammenschloß. Doch der unerhörte Einsatz der Front und der Opfer­tod der Besten hätten vergeblich bleiben müssen, wenn nicht Adolf Hitler nach dem Zusammenbruch das ganze deutsche Volk ebenso wieder zu einer Frontkameradschaft im Frieden zusammengeschlossen

und ihm eine starke Wehr wiedergegeben hätte. Hinter den Gefallenen des Weltkrieges und der Bewegung stehe jetzt eine Jugend, die bereit fei, das Erbe an­zutreten, um es dereinst ebenso rein und unbefleckt an kommende Geschlechter weiterzugeben. Das heu­tige Deutschland der Ordnung und der Stärke sei

A

V

-

J'm Glockenturm des Reichssportfeldes in Berlin wird am Sonntag die Lanaemarck-Gedenkhalle feier­lich eingeweiht. Hier sieht man die Fahne des Dritten Reiches über der eingemauerten Kassette mit Erde von dem Kampffeld von Langemarck in der Gedenkhalle. (Scherl-Bilderdienst-M.)

der beste Garant für die Wiedergenesung Europas und der Welt.

Dann erneuerte Baldur v. Schirach das feier­liche Gelöbnis der deutschen Jugend, das Vermächt­nis der Toten von Langemarck hochzuhalten und jederzeit wie sie, bereit und entschlossen zu sein, Ehre und Freiheit der Nation zu verteidigen Im An­schluß an die Feierstunde wurden in der Langemarck- Gedenkhalle im Glockenturm des Reichs­sportfeldes an der von Stahl eingehüllten Erde von Langemarck Kränze niedergelegt.

Die Freiheit der deutschen Wasserstraßen.

Eine Erklärung der Neichsregieruna hebt die Internationalisierungs-Bestimmungen des Berfailler Diktats auf.

Berlin, 14. Nov. (DNB.) Die beteiligten deutschen Missionen bei den in den internatio­nalen Stromkommissionen für Rhein, Donau, Elbe und Oder vertretenen Regie­rungen haben diesen Regierungen ein Schreiben übermittelt, das folgenden Inhalt hat:

Die Freiheit der Schiffahrt auf allen Wasserstraßen und die Gleichbehandlung aller in Frieden lebenden Staaten auf diesen Wasserstraßen sind vor dem Weltkrieg fast hundert Jahre lang die Grundlagen einer frucht­baren Zusammenarbeit zwischen den An­liegern der schiffbaren Ströme gewesen. Demgegen­über ist in Versailles im Widerspruch mit dem Grundgedanken der Gleichberechtigung auch auf diesem Gebiet einseitig zum Nachteil Deutschlands ein künstliches und den prakti­schen Bedürfnissen der Schiffahrt zuwiderlaufendes System geschaffen worden, das Deutschland eine dauernde internationale Ueberwa - chung seiner Wasser st raßen aufzuzwingen suchte, indem es die deutschen Hoheitsrechte mehr oder weniger auf internationale Kommissionen unter weitgehender Mitwirkung von Nichtuser- ftaaten übertrug.

Die deutsche Regierung hat sich aufs ernsteste bemüht, diese unerträgliche Regelung durch anderweitige Vereinbarungen zu be­seitigen. Die deutschen Bevollmächtigten in den Kommissionen Haden in langwierigen Verhand­lungen versucht, spätestens zum 1. Januar 1937 einen Zustand herzustellen, der mit dem deutschen Standpunkt verträglich gewesen wäre. Ein Erfolg tft diesen Bemühungen versagt geblieben, weil die anoeren beteiligten Mächte sich nicht haben ent­schließen können, ein System aufzugeben, das in

seinen Grundlagen mit den deutschen Hoheitsrechten unvereinbar ist.

Uederdies ist am Rhein der nächst Deutschland wichtigste Uferstaat, das Königreich der Nieder­lande, den im Mai d. I. getroffenen Vereinba­rungen nicht beigetreten; es find aber gerade an die­sem Strome klare Verhältnisse notwendig. An der Elbe ist es nicht gelungen, die neue Rege­lung von der Versailler Grundlage zu lösen und insbesondere den Zustand zu beseitigen, daß vier Nichtuferstaaten ohne besondere Interessen an der Elbeschiffahrt auch heute noch den Anspruch er­heben, Garanten der Schiffahrtsfreiheit auf diesem Strome zu sein. Für den deutschen Oderstrom besteht noch heute, wenn auch ohne Beteiligung Deutschlands, eine internationale Kommission mit einem im Jahre 1920 ohne deutsche Mit­wirkung provisorisch bestellten französischen Ge­neralsekretär. An der Donau haben zehn Jahre Bemühungen des Donau-Uferstaates Deutschland um Wiedereintritt in die Donaumündungs-Komission keinerlei Erfolge gehabt. Die von der deutschen Re­gierung mit allem Nachdruck seit Ende Mai d. I. betriebene Revision der Donauakte hat trotz allen Entgegenkommens Deutschlands keiner­lei Fortschritte gemacht. Endlich glauben die anderen Mächte, in bezug aus den Kaiser- Wilhelm-Kanal an der Deutschland in Ver­sailles aufgezwungenen willkürlichen Beschränkung der deutschen Hoheitsrechte festhalten zu wollen.

Die deutsche Regierung kann es nicht verantwor­ten, die vorstehend gekennzeichnete Lage der Dinge noch länger hinzunehmen. Sie sieht sich deshalb zu der Erklärung gezwungen, daß sie die im Versailler Vertrag enthaltenen Bestimmungen über die auf deutschen Gebiet befindlichen Wasserstraßen und die auf diesen Bestimmungen beruhenden internatio­

nalen Stromakte nicht mehr als für sich verbindlich anerkennt. Sie hat dementspre­chend beschlossen, die für d e n R h e i n am 4. Mai getroffene vorläufig^ Vereinbarung (mo- dus vivendi) gemäß deren Artikel 3 Absatz 2 mit sofortiger Wirkung hiermit zu kündigen und von der Unterzeichnung der für die Elbe entworfenen Vereinbarung gleichen Charakters abzusehen. Damit entfällt eine weitere Mitarbeit Deutschland in den Versailler Stromkommis­sionen. Die Vollmachten der bisherigen deutschen Delegierten sind erloschen.

Zugleich teilt die deutsche Regierung folgende von ihr getroffene Regelung mit: Die Schiffahrt auf den auf deutschem Gebiet befindlichen Wasserstraßen steht den Schiffen aller mit dem Deut­schem Reich in Frieden lebendenStaa- ton offen. Es findet kein Unterschied in der Behandlung deutscher und fremder Schiffe statt; das gilt auch für die Frage der Schiffahrts­abgaben. Dabei setzt die deutsche Regierung voraus, daß auf den Wasserstraßen der anderen beteilig­ten Staaten Gegenseitigkeit gewährt wird. Außerdem wird die deutsche Regierung die deutschen Wasserstraßenbehörden anweisen, mit den zuständigen Behörden der anderen Anliegerstaaten gemeinsame Fragen zu erörtern und darüber gegebenenfalls Vereinbarungen zu treffen.

Das Echo im Ausland.

Die Nachrichten von der Wiederherstellung der Reichshoheit über die deutschen Wasserstraßen hat in London starke Beachtung gesunden. Reuter er­klärt, die deutschen Maßnahmen seien zu erwar­ten gewesen; Deutschland hätte allerdings ver­suchen sollen, eine Revision der Bestimmungen auf

dem Verhandlungswege zu erzielen. Der deutsche Schritt berühre englische Interessen nicht; bie deut- schen Maßnahmen brächten keine Schlechterstellung der Schiffahrtsrechte der Ausländer. DerEve» ning Standard", derStar" undEvening News sprechen von einer Zerreißung der letzten Ketten von Versailles durch Deutschland.

*

In zuständigen französischen Kreisen wird erklärt, daß die Regierung vorläufig ihre Haltung zur neueneinseitigen Kündigung" der Verträge nicht feftlegen könne. Es sei anzunehmen, daß alle von diesem Schritt betroffenen Länder miteinander in Fühlung treten würden. Eine gewissenhafte Prüfung der deutschen Note sei notwendig, um sich über die praktischen Folgen des deutschen Schrittes Klarheit zu verschaffen.Paris Soir" schrei^ u. a., die Nachricht habe sowohl in Paris als auch in London keinen guten Eindruck gemacht. Man könnte aber nicht behaupten, daß sie besonders über­rasche. DerExcelsior" schreibt, die Reichsregie­rung habe jetzt endgültig mit dem Versailler Ver­trag aufgeräumt. Die Frage sei, ob man in Berlin etwa die Absicht habe, eine Art Monopol über die Schiffahrt auf deutschen Flüssen auszuüben. Auf alle Fälle werde man früher oder später neue in­ternationale Abmachungen treffen müssen, denn die Schiffahrt auf den mitteleuropäischen Flüssen könne unmöglich derWillkür" einer einzigen Macht über­lassen bleiben. DasOeuvre" stellt fest, daß Deutschland dem Versäiller Vertrag den Gnaden- stoß versetzt habe, wodurch besonders in den deutsch-tschechoslowakischen Beziehungen eine voll­kommen neue Lage geschaffen worden fei. Das Echo de Paris" ist der Ansicht, daß eine unmittel­bare und energische Antwort unmöglich sei, nach­dem man sehr viel ernstereVerletzungen" des Ver­sailler Vertrages geduldet habe. Hinsichtlich des Kaiser-Wilhelm-Kanals habe Berlin sich vor allem das Recht vorbehalten wollen, der sow- jetrussischen Flotte im gegebenen Fall die Durchfahrt zu sperren. Auch dasJournal" lenkt die besondere Aufmerksamkeit auf den Kaiser-Wil­helm-Kanal. Dieser Kanal, der das Baltikum mit der Nordsee verbindet, durchlaufe ausschließ­lich deutsches Gebiet. Indem Deutschland den Artikel 380 des Versailler Vertrages kündige, fordere es das Recht, nach Gutdünken die Durch­fahrt durch den Kanal regeln zu formen. Der Populaire" spricht von einem neuen Faustschlag auf den Tisch. *

Der Schritt der deutschen Regierung hat in H o l - land starke Beachtung gefunden. DerTelegraaf" stellt fest, daß hiermit die letzten Beschränkungen aus dem Versailler Vertrag, die auf das gegenwärtige deutsche Reichsgebiet Bezug hätten, aus dem Wege geräumt feien. Was nun vom Versailler Vertrag noch übrig bleibe, bezöge sich in der Hauptsache auf die deutschen Kolonien und die Veränderungen der alten deutschen Reichsgrenzen.

Die Verhaftungswelle in Gowjetrußland.

Insgesamt 18 Reichsdeutsche betroffen.

Moskau, 14.Nov. (DNB.) Zu den bisher be­kannt gewordenen sechs Verhaftungen von Reichsdeutschen in Moskau ist ein 7. Fall hinzugetreten, der sich im gleichen Zeitpunkt er­eignete, aber erst nachträglich den deutschen Stellen zur Kenntnis gebracht wurde. 3n Leningrad find im ganzen, soweit bisher bekannt geworden ist, 11 Reichsdeutsche verhaftet worden. Diese Festnahmen sind sämtlich am 10. November erfolgt. Gleichzeitig taufen in Moskau Nachrichten aus verschiedenen Orten der Sowjetunion über eine Verhaftungswelle großen Umfanges ein, die Bür­ger der Sowjetunion aus den verschie­den st en Kreisen betroffen hat.

Das englisch-polnische Gespräch.

Polens Interesse

am europäischen Gleichgewicht.

Warschau, 15. Nov. (DNB.) DerKrakauer Illustrierte Kurier" stellt fest, daß die Auffassung falsch sei, daß in London so etwas wie ein englisch- französisch-polnischer Block entstanden sei. Weder London noch Warschau seien Anhänger der Idee einer Einkreisung Deutschlands, sondern hätten nur ein Ziel im Auge: die Aufrechterhaltung des euro­päischen Gleichgewichts. DerExpreß Po- ranny" schreibt, die Grundsätze der polnischen Re- vublik seien: Eigene Kraft, gute Beziehungen mit den Nachbarn, das Bündnis mit Frankreich und Rumänien. Die Interessen Polens erforderten, daß diese Grundlagen durch einen Westpakt nicht beeinträchtigt würden, der sich also weder auf das Bündnis mit Frankreich, noch auf Polens gute Beziehungen zu Deutschland nachteilig auswirken dürfe. Die Bemerkung sei falsch, daß Po­len sich dem Völkerbund wieder nähere und sich dem Block der pazifistischen Staaten anzuschließen wünscke. Polen habe ja deutlich genug festgestellt, daß es sich gar keinem Block anzuschließen beabsichtige. Die Warschauer Politik verfolge immer die gleiche Linie: gute Beziehungen zu den Nach­barstaaten im Osten und Westen, Bündnisse und internationale Zusammenarbeit.

Eine selisame Meuterei.

Jugendliche Militärmusiker eines englischen Regiments verbarrikadieren sich.

London, 16. Nov. (DNB. Funkspruch.) Eine sonderbareMeuterei" von 16 Knaben, die beim 2. Bataillon des Lestershire-Regiments als Mili» t ä r m u s i k e r dienen, spielte sich während des Wochenendes in der Kaserne von Ebrington in der nordirischen Grafschaft Londonderry ab. Die jugendlichen Musiker, die mit den Dienstvorschriften unzufrieden waren, schlossen sich in der Nacht zum Sonntag in einem Kasernenraum ein und ver­barrikadierten die Tür mit eisernen Bettstellen und anderen Möbelstücken. Als sie am Sonntagmorgen dem Appell nicht Folge leisteten, wurden sie zunächst aufgefordert, sich freiwillig zu ergeben". Da sie sich weigerten, wurde die Mili­tärfeuerwehr eingesetzt, die mit Hilfe gewal­tiger Wasserstrahlen die Fenster zerschmetterte und den Widerstand der Knaben zu brechen versuchte. Auch dieses Mittel blieb ohne Erfolg. Die Feuerwehrleute versuchten hierauf durch die Fenster in den verbarrikadierten Raum einzudringen, wur­den aber in einemerbitterten Gefecht", in dem sich die Knaben mit allen möglichen Wurfgeschossen ver­teidigten, zurückgeschlagen. Als nächste Maß­nahme wurde das ganze Gebäude von Sol­daten umzingelt. Die fugendlichenMeu-