Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Montag. T6 Marz 1956
M.64 Zweites Blatt
Der Tag der Wehrsreihei«.
25on Hauptmann |(S| von Borstell, Äeichskriegsministerium.
Dielleicht ist es heute noch zu früh, die Bedeutung der historischen Führertat vom 16 März 1935 — deren logischen Abschluß mir am 7 März erlebten — voll zu erfassen. Dies gilt nicht nur vom Standpunkt unseres Deutschtums seiner materiellen und ideellen Belange, sondern vor allem für den objektiven Betrachter der großen internationalen Zusammenhänge. Kein Zweifel die Welt innerhalb und außerhalb unserer Reichsgrenzen wird erst in Jahren das recht verstehen und würdigen können, was heute noch als nackte Tatsache hier Jubel. Dankbarkeit, Begeisterung, — dort aber Befremden, Ablehnung, Besorgnis oder gar Furcht hervorrusend, mehr mit dem Gefühl als mit der Vernunft gewertet wird. Immerhin läßt sich auch heute schon einiges mit Bestimmtheit sagen, freilich vom deutschen Standpunkt aus, wie man einwenden kann.
Bleiben wir also beim Tatsächlichen, so erinnern wir uns nicht nur der Stimmung sondern auch der Ereignisse, die vor einem Jahre aus Grund des Entschlusses der deutschen Reichsregierung in der Welt ausgelöst wurden. Auf der einen Seite: Ein großes Volk, anderthalb Jahrzehnte hindurch entrechtet und gefesselt, jubelt seinem Führer zu, der ihm die wehrpolitische Freiheit wieder- aibt. Ringsherum um die deutschen Grenzen: Verblüffung, Haß, Wut, Drohungen. Gewiß, damit mußte man rechnen, und es ist selbstverständlich, daß weite Kreise des Auslandes mit ihren unfreundlichen Gefühlen nicht zurückhielten. Im großen und ganzen aber zeigte sich merkwürdigerweise, daß die Weltpresse zunächst verhältnismäßig zurückhaltend blieb. Man hatte den Eindruck, als brächte die Welt angesichts dessen, was man Deutschland seit Versailles geboten hatte, nicht mehr den Mut für eine echt wirkende „sittliche Entrüstung" über die „Vertragsbrecher" aus. In großen ausländischen Blättern las man damals sogar verständnisvolle, zu mindesten aber gelassene Worte, die durchblicken ließen, daß man es Deutschland eigentlich nicht übel nehmen könne, wenn es nun aus eigener Kraft von der versprochenen Theorie zur vorenthaltenen Praxis der Gleichberechtigung schritt. Damals schien es, als habe ein gesundes Gefühl, eine Art Weltwiffen sich durchsetzen können. Doch dauerte es nicht lange, bis die Ansätze gesunden Empfindens von Volk zu Volk von den berufenen Mächten der politischen Drahtzieher in ihre Schranken zurückgewiesen und ersetzt wurden durch die „amtlich vorgeschriebene öffentliche Meinung". Diese äußerte sich dann, wie wir wissen, im „Protest" von Stresa und in der „moralischen Verurteilung" Deutschlands laut Genfer Entschließung vom 17. April 1935.
Sieht man sich die Gegenwart an, so kann man leider nicht überall feststellen, daß das Verständnis für die Lebensnotwendigkeiten eines großen, inmitten des europäischen Raumes ungeschützt liegenden Volkes und Staates in den Hirnen derer, die für die Weltmeinung verantwortlich zeichnen, erheblich gewachsen ist. Es hieße Versteck spielen, wollte man ableugnen oder vergessen, daß» zu den Hauptursachen dieser verständnislosen, oft feindseligen Einstellung der Umwelt gegen das Dritte Reich eben jener historische „Tag der Wehrfreiheit" vom Vorjahre und alle sich daraus ergebenden wehrpolitischen Folgerungen gehören.
Ist es wirklich notwendig, immer wieder auszu- svrechen, daß jener Entschluß des Führers, der Deutschland die Wehrhoheit und dem deutschen Volk die Wehrpflicht wiedergab, kein willkürlicher Akt, sondern der folgerichtige Abschluß einer gesetzmäßigen Entwicklung war? Muß wirklich daran erinnert werden, daß es sich bei dem Gesundungsprozeß des deutschen Volkes um einen naturbedingten Ablauf handelt, dessen treibende Kräfte einmal aus dem Volke selbst und seiner Geschichte erwuchsen und andererseits zwangsläufig ausgelöft werden mußten durch den zuneh-
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menden Druck eines widersinnigen gewaltsamen Friedensdiktats?
Nicht mit Voreingenommenheit und Vorurteilen verschwommener Gefühle wird Geschichte gemacht, darf man die Geschichte betrachten. In dem Zustand vollends, in dem sich die Welt — und vornehmlich Europa — heute befindet, bedarf es in der Tat der ruhigen, wägenden Vernunft: allerdings ist es vom liebel, wenn diese Vernunft sich aus eine einseitige, kurzsichtige und egoistische Betrachtungsweise der Dinge beschränkt und dadurch den Blick für die großen Zusammenhänge verliert.
Von dieser Vernunft erwarten wir vielmehr, daß sie die U r sa ch e n erkennt, die — wie oben angedeutet — zum 16. März 1935 und zum 7. März dieses Jahres führten; ebenso allerdings hoffen wir, daß sie die Auswirkungen des „Tages der Wehrfreiheit" ohne Voreingenommenheit sieht. Und so wird auch an dieser Stelle nochmals wiederholt,
Sie ist endlich eine Forderung der Sicher-, h e i t, jenes Begriffes, der feit Jahrzehnten als politisches Schlagwort in der Welt geistert, der zur „moralischen" Rechtfertigung gigantischer Rüstungen der Mächtigen benutzt und im gleichen Atemzuge gegen ein wehrloses Volk ausgespielt wurde. Diese Sicherheit — wiederum muf) an die Logik der Vernunft appelliert werden — sollte sie nicht in erster Linie einem Staat zu garantieren sein, dessen verhängnisvolle geographische Lage und dessen wehrpolitische Entmachtung nicht nur für diesen Staat selbst, sondern schließlich für ganz Europa zwangsläufig eine ewige Gefahrenquelle bleiben mußte?
Nachdem es sich gezeigt hat, daß die Umwelt all diesen schwerwiegenden Gesichtspunkten gegenüber taub blieb, beschritt Deutschland den Weg der Notwehr und der Selbsthilfe. Dies und nichts anderes ist der Sinn des 16. März 1935, der sich nun jährt.
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daß die neue deutsche Wehrmacht, die allgemeine Wehrpflicht — kurzum die wiedergewonnene Wehrhoheit des Reiches — in allererster Linie eine innerdeutsche Angelegenheit ist, die unserem Volk, seiner Erziehung, seiner geistigen, körperlichen und seelischen Gesundung dient und dienen muß. Mit voller Berechtigung sagte daher der Reichskriegsminister in seiner Rede anläßlich des letzten Heldengedenktages: „Das Deutschland Adolf Hitlers ist heute schon stark, stärker als es je ein Deutschland der Vergangenheit war, — vielleicht nicht stärker durch die Zahl der Bataillone, der Geschütze und der Flugzeuge, aber unendlich stärker in der Einheit und Kraft feines Glaubens und Wollens."
Die Wiederherstellung der Wehrhoheit ist zweitens eine Frage des Rechts, mit dem man allzulange Mißbrauch zu treiben für nützlich fand.
und damit auch die Ursache jener letzten Tat des Führers, die dem g e j a m t e n Reich die Wehrhoheit wieder gab. All dies ist tausendmal ausgesprochen, ist einfach und klar verständlich für alle, die es verstehen wollen. Die Spekulation allerdings, die Gerüchtbildung und öffentliche Stimmungsmache auf „höheren Befehl", die Schauermär von der „deutschen Gefahr" — das alles ist vom liebel Es dient zu nichts anderem als zur Verzögerung einer Erkenntnis, die sich einmal durchsetzen wird: Die Welt wird Deutschland eines Tages dankbar sein, daß es sich aus der ihm aufgezwungenen Ohnmacht aufgerafft hat. Denn dieses Deutschland wird dereinst ein Kraftfeld fein, bei dem ängstlich ihre Zuflucht suchen werden jene beneidenswert Sorglosen, die heute in dem „harmlosen Bolschewismus" ihren Bundesgenossen gegen den „gefährlichen Nationalsozialismus" sehen.
Mhrwille- Lebenswille.
NSK. Zum Bauern und Arbeiter gehört notwendig der Soldat. In ihrer Gemeinsamkeit sind diese drei Grundstände einer Nation erst Ausdruck des Lebenswillens, der in einem Volke wach ist.
Als am 9. November 1918 das deutsche Volk tn dem großen Ringen gegen eine ganze Welt zusammenbrach, da war das Entscheidende an diesem Zu- ammenbrud) die gleichzeitige Auflösung und systematische Zerstörung des Wehrwillens im deutschen Volk. Es gab auch in der damaligen Zeit Männer, die mit untrüglicher Klarheit erkannten, daß dieser restlose Verzicht auf Wehrhaftigkeit zugleich Ausdruck des mangelnden Lebenswillens der Nation überhaupt war und damit unerhörte Ge- ahren für Arbeiterschaft und Bauerntum in sich trug: Es gab Männer, die wußten, daß mit der völligen Beseitigung des Soldatentums als Ausdruck der Kraft, die in dem deutschen Volk vorhanden war, dieses Volk gänzlich Spielball seiner Gegner werden mußte und ihm auch jede Bedingung des „Friedens" aufgezwungen werden konnte. Aber ihre Erkentnis reichte nicht dazu aus, dem Lauf des Schicksals Einhalt zu tun. Die „Größen" des 9. November 1918 schickten das Frontheer nach Hause, und das Ergebnis war das Diktat von Versailles.
Aus den Freikorps, die in den Wirren nach dem Zusammenbruch entstanden, wuchs das kleine 100 000-Mann-Heer der Reichswehr, aber es war nicht Ausdruck des Lebenswillens der ganzen Nation, sondern stand im Gegensatz zur herrschenden politischen Anschauung. Was nützte diese Armee von Berufssoldaten, wenn der damalige Staat und die ihn tragenden Parteien alles taten, um den Wehrwillen in den breiten Schichten des Volkes zu zerstören? Der Arbeit fehlte der Schutz, der schaffende Mensch wurde das Opfer der sich daraus ergebenden Tributpolitik. Die Zerstörung des Wehrwillens und die Not des Volkes wuchsen im gleichen Maßstab.
Soldat ist man nicht während eines Jahres Dienstzeit; Soldat ist man zeit seines Lebens. Der Lebenswille und der Wehrwille des deutschen Volkes kristallisierte sich in dieser Zeit des Niedergangs in der nationalsozialistischen Bewegung. Hier wurden die inneren Voraussetzungen für den historischen 16. März 1935 geschaffen. Als diese Bewegung Volk wurde, war es nur noch ein Schritt zur Wiederwehrhaftmachung der Nation.
Als am 16. März 1935 Adolf Hitler die Wiederherstellung der Wehrhoheit des deutschen Volkes und die allgemeine Wehrpflicht proklamierte, da war das ein entscheidender Baustein in der gewaltigen Aufbauleistung des Nationalsozialismus. Die Arbeit hatte wieder ihren Schutz. Deutschland war wieder eingetreten in die Reihe der Großmächte. Der Jubel, der damals Deutschland durchbraufte und jeden einzelnen Volksgenossen erfaßte, zeigte, daß das deutsche Volk d i e Bedeutung dieser Stunde erkannt hatte.
Ein Jahr ist seit diesem Tage vergangen. Das deutsche Volk ist aufgerufen worden, der Politik des Führers um Ehre, Freiheit und Gleichberechtigung der Nation durch ein Wahlbekenntnis feine Zustimmung zu geben. Der Soldat gehört notwendig zum Arbeiter und Bauern, das Schwert zum Schutz des Brotes. Millionen erhielten durch Adolf Hitler wieder Arbeit und Brot. Am 29. März bekennt f i ch ein Volk zum Wehrwillen, der Ausdruck feines Lebenswillens ist.
Helden des Luftkrieges.
Don Peter Supf.
Eine Staffel bombenbeladener Seeflugzeuge greift am 19. März 1916 Dover an. Eines davon, mit Kapitänleutnant von Ts chirfchky, dem neuen Kommandeur, an Bord, führt „Krifchan", wie C h r i ft i a n f e n (heute Kommandeur der Fliegerschulen) von allen genannt wird. Durch das Höllenfeuer der englischen Abwehrgeschütze bricht sich die Staffel Bahn und wirft ihre Bomben auf Hafenanlagen und ankernde Schiffe. Auf dem Rückflug hat Krifchan den heißesten Kampf feines Lebens. Ein englischer Landeinsitzer nähert sich ihm, von der Sonne überblendet, von hinten her bis auf zwanzig Meter. Eine Mafchinengewehrgarbe prasselt in den schweren Bombenschlepper. Das herausspritzende heiße Kühlwasser schlägt Christiansen ins Gesicht. Der Motor streikt. Er muß aufs Wasser herunter, auf dem glücklicherweise eine dichte Dunstschicht lagert, die ihn den Augen des verfolgenden Engländers entzieht. Die Schwimmer find zerschossen, der Doppeldecker neigt sich zur Seite. Im Oberschenkel Krischans schmerzt ein Steckschuß. Der Kühler wird mit Isolierband geflickt und mit Salz- wasser nachgefüllt, und Krifchan müht sich, den „verdreckten" Motor wieder in (Sana zu bringen. Da nahen feindliche Zerstörer und überschütten die verzweifelt arbeitenden Flieger mit Granaten. Endlich — es ist höchste Zeit — springt der Motor an. Wie eine fette Ente rutscht und hüpft der lahmgeschossene Vogel aus dem Bereich der Aufschläge. Der Hinflug dauerte zwei, die Heimkehr sieben Stunden. Aber am nächsten Tage ist Krischan wieder mit sechs Maschinen über Dover.
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Einer der großen Bomben-Geschwaderführer des K'ieges, ein Willensmensch von ungewöhnlichem Ausmaß, ist Leonhardy. Seme fliegerische Schulzeit in Johannisthal hatte nach nur zehntägiger Dauer durch schweren Absturz am 2. Febr. 1914 ein jähes Ende gefunden. Daß er diesen Sturz überlebte, hat er nur seinem zähen Lebenswillen zu verdanken. Noch im Oktober 1914 — Leonhardy war inzwischen zum Hauptmann befördert worden — konnte er zunächst nur in der Heimat Verwendung finden. Da läßt er sich wenigstens als Flug- zeugbeobachter ausbilden und erreicht es endlich, daß men ihn zur Fliegerabteilung 59 ins Feld schickt. Der kränkliche, mühsam an Krücken humpelnde Offizier muß bei jedem Start und bei jeder Landung in das Flugzeug hinein- und aus dem
Flugzeug herausgehoben werden. Aber einmal in der Luft, gibt es für ihn keine Gefahr, kein Hindernis, er scheut den Tod nicht. Der erfolgreiche Beobachter wird Kommandeur des Bombengeschwaders 6. Im Februar 1918 vernichtet er mit feinem Geschwader den Flughafen Malzevilles, wobei zehn Flugzeughallen und dreizehn Nieuport-Karnpfein- fitzer verbrennen und drei weitere, die gerade starten wollen, zerstört werden. Die großen Bornben- und Benzinlager von Malzeville geraten gleichfalls in Brand. Im November 1918 erhält Leonhardy den Pour le m£ritp
Gegen Ende Oes Jahres 1910 gerat Hauptmann Köhl — er gehörte zu einem Bombengeschwader — über den Wolken mit zwei feindlichen Nieuport- Jagdflugzeugen in einen Kampf, bei dem er durch einen Schuß in den Oberschenkel verwundet wird und fein Flugzeug, mit dem er in steilem Gleitflug herabschießt, sich im Trichterfeld hinter den deutschen Gräben überschlägt. Ein Vierteljahr lang liegt er im Lazarett, dann meldet er sich im Frühjahr 1917, an zwei Stöcken hinkend, bei -her Staffel 19 des neuaufgeftellten Nachtbombengeschwaders. Er wird Geschwaderkommandeur und sprengt in der Nacht vom 19. auf den 20. Mai 1918 das französische Munitionslager bei Blargies in die Luft. „Eine weiße Stichflamme, die sich rasend schnell ausdehnt. Man konnte die Dörfer sehen, die Städte und Straßen, in wenigen Minuten lagen die riesigen Schuppen völlig vernichtet." Damals hatte Köhl 857 erfolgreiche Feindflüge hinter sich- #
Der 2. September 1918, der erste Tag der großen englischen Offensive an der alten Cambrai- und Mrrasfront, ist Bruno Loerzers größter Ehrentag. „Wir flogen", sagt Loerzer, „mit etwa dreißig Maschinen in straffer geschlossener Ordnung dem Kampfgebiet zu. Bald sichteten wir ein feindliches Geschwader von etwa 20 Maschinen. Als mein Geschwader heran war, gab ich das Zeichen zum Angriff, und sofort entspann sich ein rasender Kurvenkampf. Ein Wirbel von mehr als fünfzig Maschinen, die in schärfsten Kurven stürzten, fliegen und kreisten das aufpeitschende Dröhnen von mehr als fünfzig starken Motoren hämmerndes, rasendes Maschinengewehrfeuer, dazu ein scharfer böiger Wind. Durch die wohlgeschulte Kampfdisziplin des aanzen Geschwader? gelang es uns, schon bei diesem ersten Flug zwölf feindliche Maschinen glatt auf den Rasen zu legen. Ein zweiter und dritter Angriff reißt bas feindliche Geschwader auscin-
ander, vierzehn Maschinen stürzen brennend oder abmontiert zur Erde."
Wie es damals — 1918 — um Deutschland stand, hat Oberst Thomsen mit erschütternder Klarheit dargelegt: „Ueber den Ozean rollt Schiff auf Schiff heran, gefüllt mit Kriegsbedarf, mit Rohstoffen und Fertigfabrikaten. In Deutschland selbst werden vor allem die Rohstoffe, die unsere Kriegsindustrie verlangt und verbraucht, immer knapper. Auch unser Luftkrieg bekommt es zu spüren. Immer mehr schmilzt die Quote zusammen, die den deutschen Luft- ftreitfräften für ihren Bedarf überwiesen werden kann. Die Front schreit nach Flugzeugen. Immer größer wird die Spanne zwischen den Forderungen und der Erfüllungsmöglichkeit. Kupfer und Messing, die Vorräte werden immer knapper. Gummi! Schon längst können nur noch dürftige Bestände an Bereifung gehalten werden. Mit Holzfcheiben muß der Betrieb an Stelle der gummibereiften Räder versucht und durchgeführt werden. Benzin! Bis zum Beginn des vierten Kriegsjahres ist es gelungen, die an der Front kämpfenden Fliegerabteilungen mit bestem Material zu versorgen, aber nun greift die Heimat der Not auch hier hinüber. Geringwertige Betriebsstoffe führen zu verringerten Leistungen. Die Unfälle mehren sich. Schon muß zu unterschiedlicher Frontversorgung gegriffen werden. Die Front kennt die Gründe und versteht sie. Und die tapferen Männer steigen ohne Zaudern auch in die minderwertigen Flugzeuge mit der gleichen Entschlossenheit, mit dem gleichen Kampfesmut und Kampfeswillen, der ihnen Jahre hindurch höchsten Ruhm gebracht hat. Feindliche Flugzeuge, die in unsere Hand fallen, werden mit Bewunderung und Neid betrachtet, denn an ihnen ist alles in fast verschwenderischer Menge aus hochwertigem Material gestaltet. Welch ein Abstand zu unserem eigenen Material! Und doch ist die Höhe des Mangels bei uns noch nicht erreicht. Die Betriebsstoffe für die Flieger müssen rationiert werden. So tarnen Tage, an denen die Fliegerkommandeure voll Bitterkeit mitansehen müssen, wie ungestraft feindliche Fliegerschwärme sich der Front nähern dürfen, ohne daß die bereitliegenden Staffeln zu sofortigem Angriff auisteigen können."
Von den 17 000 deutschen Fliegern des Weltkrieges, Führern und Beobachtern, Offizieren und Soldaten, find 13100 nicht mehr oder nur verwundet ober verstümmelt in die Heimat zurückgekehrt..
(Entnommen dem „Buch der bcutfrhen Fluggeschichte" von Peter S n p s, erschienen im Verlag Hermann Klemm AG., Berlin- Grunewald.)
Ein deutscher Kartograph.
Wenn wir unseren dankbaren Erinnerungen aus der Schulzeit die Lobpreisung der Gelehrten und aller der Menschen hinzufügen, denen die Geographie mehr ist als totes Wissen, so wird uns deutlich, welche Verdienste sich der Mann erworben hat, der den Grund zu einem zuverlässigen Handatlas legte und damit dem deutschen Namen auf seine Art zu größtem Ansehen verhalf. Dieser Mann war der Herzogliche Legationsrat Adolf Stiel er, der dem Verlag Justus Perthes in Gotha um dis Jahreswende 1814/15 den Gedanken nahebrachte, einen Handatlas herauszugeben, von dem er sagte: „Meine Idee ist, etwas dem Plane nach zwar Beschränktes, aber in der Ausführung Ausgezeichnetes zu liefern, — bequemes Format, möglichste Genauigkeit, Deutlichkeit und Vollständigkeit, dabey doch zweckmäßige Auswahl, Gleichförmigkeit der Projektion und des Maßstabes, schönes Papier, guter Druck, sorgfältige Illumination, wohlfeiler Preis. Um alles dies zu erreichen und zu vereinigen, soll mehr als gewöhnlicher Fleiß darauf verwandt werden; die Karten müssen sich auf den ersten Blick auch dem verwöhnten Auge empfehlen." Dieser Plan Adolf Stielers, der übrigens nicht ein Fachgelehrter, sondern ein wissenschaftlicher Dilettant im edelsten Sinne des Wortes war, ist das Programm des Verlages Perthes geblieben und hat den guten Ruf der deutschen Kartographie mitbegründet.
Nur wer den Herstellungsgang eines solchen Handatlas genauer verfolgt hat, weiß, welche Fülle von wissenschaftlicher Arbeit, handwerklich-techni- schem Können und organisatorischer Leistung hier vereinigt ist. Die Herstellung der Jahrhundertausgabe des Stielerschen Handatlasses brauchte 16 Jahre. Mit der Zeichnung waren während dieser Zeit ständig durchschnittlich sechs Personen be- schäftigt, ihre gesamte Arbeitszeit betrug über 230 000 Stunden. Zehn Kupferstecher arbeiteten an dem Stich über 380 000 Stunden. Die Zeichnung eines einzigen Blattes beansprucht durchschnittlich fünfzehn Monate. Der „Stichler", wie man diesen Atlas allgemein nennt, geht seit vielen Jahrzehnten in alle Länder und (Erbteile. Seit einigen Jahren erscheinen auch die ersten Lieferungen einer internationalen Ausgabe, in der die Beschriftung jedes Landes in der eigenen Landessprache gehalten ist. So hat das Werk des Legationsrats otieler, der vor hundert Jahren gestorben ist, wesentlich dazu beigetragen, den Ruf von der Zuverlässigkeit beiit- scher Wertarbeit erneut zu bestätigen, und im» Zähligen Menschen dazu verholfen, sich auf unserer Erde so gut wie nur irgend möglich auszukennen.


