Nr. 113 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Zreitag, 15. fflai 1936
Aus Oer Provinzialhaupistadt
Rotschwänzchen bauen.
Mit einem Balkon hinter der Küche lehnt sich das Erdgeschoß in den Hof hinaus, um den Bäumen des Gartens, die ihre Zweige weit herüberbiegen, näher zu sein. Don hier aus sieht man die Amseln zwischen den Beeten nach Regenwürmern picken, hört man das leise Summen der Bienen um die Blüten, riecht man den herben Atem der feuchten Erde und des jungen Laubes mit dankbarer Freude, vom Ueberfluß der Natur ein wenig mitbeschenkt zu werden.
Der Balkon wird von eisernen Längsträgern gehalten, die auf zwei Querträgern wie auf ausgestreckten Armen ruhen. Der eine der beiden Querträger, die aus der Hauswand kommen, bildet mit dem etwas schräg verlaufenden Hofmäuerchen einen spitzen Winkel. In dieser Ecke begann ein Rotschwänzchenpaar den Nestbau.
Eines Tages lagen auf der Treppe, die unter dem Balkon hinab zum Keller führt, einige Hümpel- chen Wolle und Werg, die in den Mülleimer geworfen wurden. Am nächsten Tage waren wieder dicke Flocken auf den Stufen, und nun sah ich handhoch über mir auf der Tragschiene ein geräumiges Nest aus kleinen Zweigstückchen, Würzelchen und Moos geflochten, wie eine Nußschale auf einem Finger sitzen. Es war noch in Rohgefüge, und ich zog mich, da ich die Vögelchen in der Nähe vermutete, rasch hinter das Glasfenster der Kellertür zurück, um von hier aus beobachten zu können. Bald kam auch schon ein Rotschwänzchen in den Garten geflattert. Mit kleinen Flugsprüngen sich im niedrigen Gezweig des Zwergobstes näherpirschend, gelangte es geschwind in den Hof, blieb, einen Augenblick umherspähend, sitzen und schoß dann flugs schräg hoch ins Nest mit einem Schnabel voll weicher Polsterstoffe für die Innenausstattung. Es war ein Weibchen des Hausrotschwänzchens, aschgrau bis auf den Schwanz. Fortfliegend begegnete es dem Männchen, an der tiefschwarzen Brust erkenntlich, dem ebenfalls zu beiden Seiten des Schnabels ein buschiger Bart aus Federn und Haaren herunterhing. Auch noch am nächsten Tage konnte ich die emsigen Vögel beschäftigt sehen, wie sie die Mulde des Nestes zu einer weichen, kuscheligen Wiege für die Brut zurechtbosselten.
Aber tags darauf fuhr mir ein Schreck durch die Glieder, als der Hof mit Wäscheseilen übergittert war und nicht nur mit kleinen weißen Wimpeln beflaggt, sondern auch mit großen tiefhängenden Bettlaken und Bezügen kreuz und quer versperrt und verschachtelt wurde. Was würden die Rotschwänzchen von dieser Abriegelung ihres Flugweges decken? Mußten sie nicht Hinterhältiges und Gefahrvolles wittern und würden sie nicht ihr kleines, mit so viel Fleiß gebautes Haus lieber preisgeben, als in eine Ungewißheit hineinflattern, die ihnen zum Verhängnis werden konnte?
Doch die kleinen Vögelchen stellten derartige Erwägungen nicht an. Sie hatten nur eines im Sinne: so rasch als möglich eine behagliche Kinderstube zu schaffen. Dieser Trieb erfüllte sie restlos, und darum ließen sie sich weder von der Wäsche, noch von den plaudernden Frauen, die einzelne Stücke auf- und andere abhingen, in ihrem Anflug stören. Sie waren durch die neue Lage in keiner Weise kopfscheu geworden, und sie wußten sich auch sofort zu helfen. Sie schlüpften, wenn sie an der Hofgrenze angekommen waren, eiligst unter der wehenden Wäsche hin, hatten aber bald begriffen, daß es noch einfacher war, darüber hinwegzufliegen.
Auch an den Geräuschen der Kellertür beim Qeff- nen und Schließen, sowie am Vorbeigehen der Hausbewohner zum Garten nahmen die Vögel nicht den geringsten Anstoß. Wenn jetzt eines der beiden Rotschwänzchen auf den fünf schneeweißen matt glänzenden Eiern brütet, verfolgt das über den Nestrand hinausragende Köpfchen mit neugierigen, aber zutraulichen Blicken jede Tätigkeit in seiner Nähe. Die Vögelchen fühlen sich als rechtmäßige Besitzer ihres kleinen Eigentums.
Und zum Dank für das ihnen gewährte Obdach pfeift und schnarrt das Rotschwänzchenmännchen in jeder Früh- und Abenddämmerung sein bescheidenes, aber treuherziges Liedchen.__________P. B.
Dankopser
Die Reserve- Standarte 116 Gießen bietet allen Volksgenossen Gelegenheit, dem Führer ihren Dank abzustatten:
Sturmbann I/R 116 Lauterbach
Sturm 1/R. 116, Lauterbach: Schlitz, SA.-Heim, und
Lauterbach, Bürgermeisterei, werktags von 18 bis 21 Uhr, Sonntags von 8 bis 18 Uhr.
Sturm 2/R. 116, Alsfeld: Alsfeld, Gasthaus „Vaterland", werktags von 18 bis 21 Uhr, Sonntags von 8 bis 18 Uhr.
Sturm 3/R. 116, Romrod: Romrod, Geschäftszimmer des Sturmes im Schloß, werktags von 18 bis 21 Uhr, Sonntags von 8 bis 18 Uhr.
Sturm 4/R. 116, Herbstein: Bermutshain im Sturm-
Geschäftszimmer, werktags von 18 bis 21 Uhr, Sonntags von 8 bis 18 Uhr.
Sturmbann II/K 116 (Sieben
Sturm 11/R. 116, Gießen: Gießen, Gasthaus „Aquarium", Walltorstraße, werktags von 18 bis 21 Uhr, Sonntags von 8 bis 18 Uhr.
Sturm 12/R. 116, Gießen: Gießen, Cafe Ebel, Burggraben, werktags von 18 bis 21 Uhr, Sonntags von 8 bis 18 Uhr.
Sturm 1/L. 116, Gießen: Gießen, „Frankfurter
Hof", Marktlaubenstraße, werktags von 18 bis 21
Uhr, Sonntags von 8 bis 18 Uhr
der Ration.
Sturm 13/R. 116, Lang-Göns: Lang-Göns, Gasthaus „Zum Schwanen", werktags von 18 bis 21 Uhr,. Sonntags von 8 bis 18 Uhr.
Sturm 14/R. 116, Reiskirchen: Gasthaus Gundrum, Reiskirchen, und Bürgermeisterei Beuern, werktags von 18 bis 21 Uhr, Sonntags von 8 bis 18 Uhr.
Sturm 15/R. 116, Londorf: Truppführer Bott, Londorf a. d. Lda., Adolf-Hitler-Straße 1, werktags von 18 bis 21 Uhr, Sonntags von 8 bis 18 Uhr.
Sturmbann III/H 116 Laubach.
Sturm 21/R. 116, Gedern: Bürgermeisterei Gedern, werktags von 18 bis 21 Uhr, Sonntags von 8 bis 18 Uhr.
Sturm 22/R. 116, Schotten: Kreisleitung Schotten, Dienstzimmer des Sturmes, werktags von 18 bis 21 Uhr, Sonntags von 8 bis 18 Uhr.
Sturm 23/R. 116, Laubach: Bürgermeisterei Hungen, Dienstzimmer des Sturmes, und Laubach, Dienstzimmer des Sturmbannes, werktags von 18 bis 21 Uhr, Sonntags von 8 bis 18 Uhr.
Sturm 24/R. 116, Grünberg: Rathaus in Grünberg, Dienstzimmer des Sturmes, werktags von 18 bis 21 Uhr, Sonntags von 8 bis 18 Uhr.
Sturm 25/R. 116, Lich: Rathaus in Lich, Dienstzimmer des Sturmes, werktags von 18 bis 21 Uhr, Sonntags von 8 bis 18 Uhr.
kartengruß Mdemll.„Hmi>enbmg"an den GA.
* -4
I
\ 2
r
r
AL l
r
' '4 MAY I I ‘
I PM ■ 1936 J*.
Die Post brachte uns am heutigen Freitag früh den vorstehend im Bild wiedergegebenen Kartengruß eines in Amerika wohnenden alten Gießeners. Die Postkarte hat den Weg mit dem „LZ. Hindenburg" von Amerika nach Frankfurt a. M. zurückgelegt und
war gestern früh bei der ersten Landung des Hindenburg" in Frankfurt dabei. Den Kartengruß unseres Gießener Landsmannes erwidert die alte Heimat mit aller Herzlichkeit.
^ornot-zen.
Tageskalender für Freitag.
NSG. „Kraft durch Freude": 20.30 bis 21.45 Uhr allgemeine Körperschule im Lyzeum; 20.30 bis 21.30 und 21.30 bis 22.15 Uhr Schwimmen im Volksbad; 20 bis 21 Uhr Reiten, Reitschule Schömbs. — Stadttheater: 20 bis 22.30 Uhr „In Luv und Lee die Liebe". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Die Liebe des Maharadscha". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Der Student von Prag". — Oberhesst- scher Kunstverein (Turmhaus am Brandplatz): 17
bis 18 Uhr Ausstellung von Werken von Fritz Heidingsfeld (Danzig) und P. A. Böckstiegel (Dresden).
Stadttheater Gießen.
Heute von 20 bis 22.30 Uhr das Matrosenstück „In Luv und Lee die Liebe", Lustspiel von Friedrich Lindemann. Spielleitung: Kurt Lüpke. 30. Vorstellung im Freitag-Abonnement.
Tag des Lustsports.
Der Reichsluftsportführer tritt am 23. und 24. Mai mit seiner gesamten Organisation an die
Volksgemeinschaft heran, um für den Luftsportgedanken zu werben. Diese Werbung ist mit dem Vertrieb von besonders geschmackvollen Werbeabzeichen in Häusern und auf den Straßen verbunden.
Gprechchöre
in den Werkscharen untersagt.
NSG. Nach einer Anordnung der Reichswerkscharführung ist mit sofortiger Wirkung für alle Werkscharen das Vortragen von Sprechchören verboten.
Kündigung einhalten!
NSG. In der letzten Zeit mehren sich die Fälle, daß Hausgehilfen ohne Grund ihre derzeitige Stelle ohne Einhaltung der Kündigung verlassen. Die Deutsche Arbeitsfront kann dies keinesfalls gutheißen, trotzdem der Hausfrau als der wirtschaftlich Stärkeren keine Möglichkeit gegeben ist, sich vor einem derartigen plötzlichen Verlassen der Stelle durch die Hausgehilfin zu schützen.
Die Deutsche Arbeitsfront, Gaufachgruppe Hausgehilfin, wird in Zukunft bei unberechtigtem Verlassen einer Stelle die Arbeitsvermittlungsstellen bitten, die Vermittlung der betreffenden Hausgehilfin so lange auszusetzen, bis eine ordnungsmäßige Kündigung ausgesprochen bzw. die Kündigungsfrist eingehalten ist.
Universitäts-Personalien.
Von der Pressestelle der Universität Gießen wird uns mitgeteilt:
Professor Dr. H. S t i n tz i n g wurde beauftragt, unter vorläufiger Beibehaltung seines Lehrauftrags in Gießen die Leitung des Röntgeninstituts der Technischen Hochschule in Darmstadt und die damit zusammenhängenden Vorlesungen an der Technischen Hochschule Darmstadt zu übernehmen.
Durch Verfügung des Herrn Reichs- und preußischen Ministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung wurden mit der Führung der Dekanate der Universität Gießen beauftragt:
in der Juristischen Fakultät: Professor Dr. Die tz, in der Medizinischen Fakultät: Professor Dr. D u k e n,
in der Veterinärmedizinischen Fakultät: Professor Dr. Bolz,
in der Philosophischen Fakultät, II. Abteilung: Professor Dr. G e r t h s e n.
Das Ehrenmal der Adelphen an die Universität übergeben.
Von der Pressestelle der Universität Gießen wird uns mitgeteilt:
Anläßlich einer Zusammenkunft ehemaliger Adelphen fand am Sonntag, 10. Mai, auf dem Adelphen- Hause eine schlichte Feier statt. Dabei waren der Rektor der Universität, Professor Dr. Pfähler und der Prorektor Professor Dr. Hummel anwesend. Im Namen der früheren Korporation übergab Professor Kissinger aus Darmstadt die Ehrentafel, welche den im Weltkrieg gefallenen Verbindungsbrüdern geweiht ist, in die Hände der Universität, erinnernd an die Heldentaten akademischer Jugend im großen Ringen um Deutschlands Bestand. Der Rektor übernahm die Ehrentafel und begrüßte den Entschluß, dieses Erinnerungsmal der Stätte zu übergeben, die die Ehrentafeln aller studentischen Korporationen vereinigen soll. Er stellte fest, daß die ehemalige Adelphia als erste Korporation ihre Tafel der alma mater in feierlicher Form übergebe. Mit dem Gesang des Liedes vom guten Kameraden schloß die würdige Feier.
Amerikanische Austauschstudenten besuchen Gießen.
Die bekannte Vereinigung Carl Schurz, die es als ihre Aufgabe ansieht, die freundschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten zu pflegen, blickt in diesen Tagen auf ihr zehnjähriges Bestehen zurück. Die
schleussner
mit, Garantieschein
IMiMAMtzeiNl
Roman von Marlise Köllinq.
Urheberrechtsschutz: Verlag Oskar Meister, Werdau.
16. Fortsetzung Nachdruck verboten!
Da erschrak sie. Hans-Hermann ergriff ihre Hände. Leidenschaftlich brach es aus ihm heraus:
„Das sagst du mir, Bena? Weißt du nicht, warum ich hier nicht zufrieden und glücklich sein kann? Bena", er sah sie flehend an, „warum bist du so viel mit diesem Schulmeister zusammen? Die Leute hier sprechen schon darüber, Bena."
Benedikte machte eine unwillige Bewegung: „Seit wann kümmerst du dich um Klatsch, Hans-Her- mann?" . r , . n ,,
„Der Klatsch ist nicht einfach aus der Luft gegriffen, Bena!"
Benedikte richtete sich auf:
„Was behauptest du gesehen zu haben, Hans-Her- mann? Zwischen mir und Jens Petersen ist nichts, was wir vor anderen Menschen verbergen müßten.
Hans-Hermann lachte bitter auf:
„Freilich, ich habe nicht gesehen, daß ihr euch geküßt hättet —"
„Hans-Hermann!"
Benediktes zornige Stimme unterbrach ihn ungesäumt. Wie konnte der Vetter so taktlos sein von Dingen zu sprechen, an die sie nicht im entferntesten Winkel ihres Herzens denken wollte?
Aber Hans-Hermann, außer sich vor Schmerz und Eifersucht, ließ sich nicht unterbrechen.
„Und wenn du ihm auch noch nicht die.kleinste Zärtlichkeit gestattet hättest, denkst du ich fei blind? Ich sehe und fühle es, Benedikte, wie du aufleuchtest, wenn dieser Petersen dir entgegenkommt. Wie du nur auf den Feierabend wartest, um mit ihm sprechen zu können. Oh, es braucht kein Wort von Liebe zwischen Menschen zu fallen, und doch wissen sie genau, sie gehören zueinander. Und ich Narr, ich habe geglaubt, du würdest einmal mein eigen roer= den. Denn nur weil ich das geglaubt habe, bin ich mitgekommen in diese Einöde. Du hast mich hierhergezogen — und nun —" ..
Er wandte sich ab. Heber sein hübsches Jungengesicht zuckte es.
„Hans-Hermann!" Benedikte legte die Hand auf seine Schulter. Sie wollte ihm irgend etwas sagen, ein gutes, ein tröstendes Wort. All ihr Zorn über seine Taktlosigkeit war im Augenblick verschwunden. Er litt — um ihretwillen litt er.
Aber das war es nicht allein, was sie schmerzte. Daß er nicht zu dem starken Erleben der Landschaft hier kommen, daß er den Segen der Arbeit hier an dem ewigen Boden nicht spüren konnte, daß er alles von einem Menschen aus sah — und wäre es auch ein geliebter Mensch —, sie konnte das nicht verstehen.
, Hans-Hermann!", versuchte sie noch einmal sanft.
Er aber machte sich mit einer heftigen Bewegung frei: „Ach, laß mich", kam es erstickt — und dann lief er aus dem Garten, schmetterte die kleine grüne Tür hinter sich zu und rannte in großen Schritten über die Wiese, dem Walde zu.
In müder Trauer blieb Benedikte zuruck. Was sollte aus ihrem Zusammenleben werden, wenn derartige Ausbrüche sich wiederholten, wenn sich Hans- Hermann nicht in das Unabänderliche, unter dessen Gesetz auch sie stand, fügen könnte — —
Diese Auseinandersetzung war der Auftakt zu ein paar unerquicklichen Tagen. Es schien plötzlich mit der wundervollen Harmonie auf Oevenshöe für Benedikte vorüber zu sein. Und dazu sagte sich ganz überraschend die Mutter an.
Eines Tages war ein Brief gekommen, in dem Frau Agathe schrieb, daß sie es vor Sehnsucht nach Benedikte nicht aushalten könnte. Ueberdies wäre ihr Bridgekreis im Augenblick aufgeflogen, ein paar Damen wären krank, ein paar andere verreist.
„... Frau von Schlettow ist nach Meran zu ihrer Tochter gefahren, Frieda Wigger nach Köln um dann anschließend mit ihren Kindern eine Autofahrt durch Holland zu machen. Man schämt sich geradezu, daß man jahraus, jahrein in seinen vier Wänden hockt und nicht verreisen kann ..."
So schrieb Frau Agathe. Im Anschluß daran hatte sie sich als Logierbesuch bei Benedikte angemeldet.
Diese lächelte etwas bitter. Die Sehnsucht der Mutter schien durch die Reisen ihrer Bridgefreundinnen stark beeinflußt zu sein, ja, es war wohl weniger Sehnsucht, als das Gefühl des Zurückstehen- müssens. Daß Mutter es auch nicht lernen konnte, den Wert der Menschen nach anderen Gesichtspunkten als denen des Geldes zu beurteilen! Wie würde sie sich nur hier auf Oevenshöe in dieser Einsamkeit zurechtfinden? Was an ihr nur lag, würde
Benedikte tun, um der Mutter schöne Tage zu bereiten.
Fräulein Giesecke, sonst die Ausgeglichenheit und Harmonie in Person, wurde durch den bevorstehenden Besuch Frau Agathes schwer beunruhigt. Benedikte hatte in ihrem Zimmer das Bild der Eltern stehen. Sie hatte es Fräulein Giesecke an einem der ersten Tage gezeigt. Fräulein Giesecke hatte es lange angesehen und dann von Benediktes Vater gemeint:
„Das muß ein feinsinniger Mensch gewesen sein. Er sieht so gut aus — vielleicht etwas zu gut für das Leben, so, als ob er sich gegenüber Härten nicht wehren könnte."
Benedikte waren die Augen feucht geworden. Ja, das war die Tragödie zwischen ihrem Vater und ihrer Mutter gewesen: der Vater hatte sich gegen die herrische Art der Mutter nicht durchsetzen können.
lieber Frau Agathe schien Fräulein Giesecke nichts sagen zu wollen als:
„Ihre Frau Mutter muß einmal sehr schön gewesen sein."
Dann hatte sie das Bild still wieder beiseite gestellt. Aber Benedikte hatte gewußt, Fräulein Giesecke hatte in den Zügen der Mutter alles gelesen, was auch Benediktes Kindheit und Jugend neben der Mutter so schwer gemacht.
Und nun sollte die Mutter kommen. Fräulein Giesecke hatte mit Hilfe Josuas das ganze Haus von oben bis unten geputzt. Auch die kleine Stine von Fischer Gruh nebenan hatte heiß und aufgeregt mitgeholfen. Benediktes schüchterner Einwand, es wäre doch alles blitzblank, war von Fräulein Giesecke nicht anerkannt worden.
„Das sagen Sie, Kind. Aber wer weiß, ob Ihre Frau Mutter nicht noch eigener ist, als Sie es schon sind. Sie wird jeden Winkel im Hause begutachten wollen. Wir haben es schon einmal erlebt."
Nun aber war wirklich alles fertig. Die Küche blitzte. Die weiß gescheuerten Dielen, mit frischem Seesand bestreut, glänzten nur so. Vom Boden bis zum Keller war nicht ein Eckchen, in dem Josua und die kleine Stine nicht wild geschrubbt und geputzt hatten.
Fräulein Giesecke stand mit erhitztem Gesicht vor dem großen Herd in der Küche und sah zum letztenmal nach dem Napfkuchen. Diesmal hatte selbst sie Josuas Kochkünsten mißtraut.
Zuweilen lauschte sie angespannt hinaus. Und jetzt erklang das Signal des Dampfers drüben von dem ersten Anlegehafen fern herüber. In einer Stunde
etwa mußte das Schiff am Bollwerk von Oevenshöe festmachen.
Benedikte war mit Josua beschäftigt, ein Laubgewinde über der Haustür zu befestigen. Buschginster, die ersten Frühlingsblumen, von der Südwiese hinter dem Hause geholt, Tannenreisig, oben vom Bergwald, hatten sie zu einer grünen Kette zusammengefügt. Nun stand sie auf der Leiter und schlug den letzten Nagel ein. Die Girlande duftete herb und frisch.
„So, Josua, nun ist alles in Ordnung."
Benedikte stieg vorsichtig hinab, übergab dem Schwarzen ihr Handwerkszeug.
„Ich gehe jetzt, mich sertigzumachen. Sei also rechtzeitig am Landungssteg mit dem Gepäckkarren."
Josua nickte eifrig. Sein gutmütiges Gesicht war etwas besorgt. Auch ihn hatte der zu erwartende Besuch außer Fassung gebracht. Mit der Herrin Benedikte wußte man, woran man war, aber wie mochte es mit ihrer Mutter werden?
Ja, wie wird es werden? — dachte Benedikte, während sie sich in ihrem Zimmer oben wusch und umzog. Hoffentlich würde es der Mutter diesmal gefallen. Sie lief über den Korridor, sah in das Gastzimmer hinein. Besser, als sich's dem Blick bot, konnte sie es nicht geben. Das Zimmer war klein mit einem schrägen Mansardendach. Doch sehr freundlich wirkte es, mit seinen bunten Bauernmöbeln, den blauweiß gestreiften Gardinen an dem kleinen Fenster. Wenn es auch keine eingebauten Schränke aufwies und jegliche Eleganz vermissen ließ, die Mutter sonst auf Reisen gewöhnt war — dieser Blick hier heraus auf Vorland und Meer machte nach Benediktes Ansicht alles vollauf wett.
Auf dem Tisch stand ein Strauß von jungen Gräsern und Himmelsschlüsseln in einer blauen Ion» vase. Die weißen Dielen glänzten, die bunten Flickendecken auf dem Boden leuchteten in der Frühlings- fonne.
Benedikte schaute hinaus. Jetzt bog drüben der Dampfer um das Vorland der Südspitze herum. Bald würde die Mutter da sein. Hoffentlich würde sie sich einleben und lange bleiben. Das Land hier erschloß feine Schönheit ja nur dem, der Geduld und innere Bereitschaft dafür hatte.
Jetzt, da sie mit einer gewissen Unruhe der Ankunft der Mutter entgegensah, fühlte sie erst ganz, wie völlig ihr eigenes Leben in die Stille dieses Eilandes eingegangen war.
(Fortsetzung folgt!)


