Ausgabe 
15.4.1936
 
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Nr. 88 vierter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Mittwoch, IS.April 1936

Die Börse als Helfer der Wirtschaft.

Der Nationalsozialistische Gau­di e n st Hessen-Nassau schreibt:

Die Börse ist aus den Bedürfnissen der Wirtschaft heraus entstanden, sie soll An­gebot und Nachfrage einander so nahe wie möglich bringen und dadurch den Besitzwechsel von Wert­papieren erleichtern. Sie ist also nicht Selbstzweck, sondern hat der Wirtschaft zu dienen. Die Preise der Wertpapiere werden an der Börse auf Grund von außen kommenden Voraussetzungen regi­striert. Die Höhe der Kurse liegt nicht etwa im Er­messen der Kursmakler, sie wird vielmehr zwangs­läufig bestimmt von den vorhandenen Kauf- und Verkaufaufträgen. Gewiß ist in vielen Fällen ein gewisser Spielraum vorhanden, der aber gewöhnlich recht klein ist, was schon daraus ersehen werden kann, daß zur Ermöglichung der Notierung die Kurse oft bis auf den achten und zehnten Teil eines Prozents untergeteilt werden müssen.

Im übrigen ist es Pflicht der Börsenorgane, dar­über zu wachen, daß die Börse ihrer Aufgabe gerecht wird, ein wahrheitsgetreues Spiegel­bild der Gesamtwirtschaft zu gebep. Seit 1934 stehen die Börsen unter Reichsaufsicht, die durch einen Reichskommissar an jeder Börse aus­geübt wird. Außerdem haben der Börsenvorstand als Unterorgan der Handelskammer und die Makler­kammer gewisse Ueberwachungsaufgaben, die in den für jede Börse erlassenen und vom Reichswirt­schaftsministerium zu genehmigenden Börsen- und Maklerordnungen im einzelnen niedergelegt sind. Während früher der Börsenvorstand auch für die Kursfeststellung verantwortlich war, ist diese durch gesetzliche Regelung im März 1934 der ausschließ­lichen Zuständigkeit der Maklerkammer über­tragen worden.

Man ist damals von dem Gedanken ausgegangen, daß der Börsenvorstand von der umfangreichen technischen Kleinarbeit entlastet werden sollte, um seine Tätigkeit auf die Mitarbeit und Förderung der großen wirtschaftspolitischen Probleme der Regie­rung, soweit sie ihren Niederschlag an der Börse finden, konzentrieren zu können. Zu diesem Zweck wurde auch in den Börsenordnungen bei ihrer Neu­fassung im Jahre 1934 die Zuständigkeitsfrage in § 7 wie folgt umrissen:

Der Börsenvorstand hat dafür Sorge zu tragen, daß an der Börse die Interessen der deut­schen Volkswirtschaft und der am Börsen­verkehr interessierten Kreise, insbesondere der Sparer und kleinen Aktionäre, beob­achtet werden, und hat die hierfür geeigneten Maß­nahmen zu treffen; soweit es sich um die Entwick­lung der Kurse handelt, hat er im Rahmen dieses Aufgabengebietes in besonderen Fällen an die Mak­lerkammer ein entsprechendes Ersuchen zu richten."

Es ist demnach die Aufgabe des Börsenvorstandes, Kursentwicklungen zu verhindern, die den genann­ten Interessen zuwiderlaufen. Das festzustellen, ist bei der Mannigfaltigkeit der an der Börse zur Aus­wirkung kommenden Faktoren nicht immer einfach. Die Vereinheitlichung der Börsenaufsicht in der Hand des Reiches und die klare nationalsozialistische Forderung, daß Einzelinteressen unter allen Um­ständen den Gesamtinteressen unterzuordnen sind, haben aber die Lenkung der Börsenentwicklung we­sentlich erleichtert. Diese Lenkung bietet aus den eingangs dargelegten Gründen innerhalb der Börse selbst die geringsten Schwierigkeiten. Sie kann sich dort im allgemeinen auf die Sorgfalt beschränken, daß von allen an der Kursfeststellung beteiligten Personen Disziplin gewahrt wird.

Dies gilt insbesondere auch für die sogenannte Kulisse, die seit langem Zielpunkt heftiger An­feindungen ist. Man wirft ihr hemmungsloses Ge­winnstreben vor und spricht ihr, da sie doch nur un­berechtigte Zwischengewinne erziele, die Existenz­berechtigung ab. Eine solche Stellungnahme ist zwar

auf Grund der früher gemachten Erfahrungen durch­aus verständlich, schießt aber über das Ziel hinaus, soweit die Einrichtung als solche gemeint wird. Der kurzfristige Effektenhandel der Kulisse ist in einem modernen Markt kaum zu entbehren. Wenn dieses Zwischenglied an der Börse fallen würde, so würden im allgemeinen die Kursausschläge nach bei­den Seiten viel stärker jein, da ein Ausgleich erst dann zustande kommen könnte, wenn dem einen Kunden, der sein Geld in Wertpapieren anlegen möchte, ein anderer Kunde gegenüberstände, der zu­fällig die gleichen Wertpapiere aus irgendwelchen Gründen zu verkaufen wünschte. Die Börse hat aber nur dann wirtschaftlich einen Sinn, wenn der Wert- papierbesitzer seine Effekten jederzeit anbringen kann und umgekehrt. Gerade in der letzten Zeit hat es sich erwiesen, daß diejenige Börse am b e st e n funktioniert, die über eine kräftige Kulisse verfügt.

Trotz der ausgleichenden Tätigkeit der Kulisse kann es mitunter zu einer einseitigenMarkt- läge kommen, so daß stärkere Kursausschläge un­vermeidbar werden. In diesen Fällen muß der Aus­gleich durch die Emissionshäuser erfolgen, die mit der Einführung eines Wertpapiers auch die Verpflichtung einer gewissen Kurspflege übernom­men haben. Je stabiler der Kurs eines Wertpapiers durch dauernde Marktregulierung und Kurspflege ge­halten wird, um so größere Beliebtheit erfreut es sich gewöhnlich in Anlegerkreisen.

Weitaus wichtiger als die Pflege der Markt­technik an der Börse ist es, daß die A u f k l ä - rungundBeratungdes auftraggeben­den Publikums durch die Banken in verant­wortungsbewußter Weise erfolgt und daß von den Verwaltungen der Aktiengesellschaften die geschäft­liche Entwicklung und Ertragsverhältnisse der Oef- fentlichkeit gegenüber möglichst in regelmäßigen Ab­ständen so klargelegt werden, daß eine einigermaßen zuverlässige Urteilsbildung über den Wert des Wertpapiers möglich ist. Auf diese Weise können in erster Linie unerwünschte Kursausschläge vermieden und einer ungesunden Speku­lation der Boden entzogen werden. Es muß leider immer wieder festgestellt werden, daß die Publizität mancher Unternehmungen über das Maß berechtigter Zurückhaltung hinaus unzu­reichend ist. Der Frankfurter Borsenvorstand hat in seinen Veröffentlichungen der letzten Zeit wieder­holt auf diesen Mißstand aufmerksam gemacht. Weiterhin sei auch noch auf die Proklamation des Berliner Börsenvorstands Mitte des vergangenen Jahres verwiesen, worin das Publikum vor den Folgen allzu bedenkenlosen Aktienkaufes gewarnt und daran erinnert werden mußte, daß die Bewer­tung der Aktien letzten Endes immer von ihrer Rentabilität abhängig sei. Durch diesen Appell an die Öffentlichkeit wurde damals die in Gang befindliche Aufwärtsbewegung der Kurse mit einem Schlag abgestoppt.

Aus alledem geht hervor, daß der reibungslose Verlauf des Börsengeschäfts in erster Linie eine Frage der Erziehung und erst in zweiter Linie eine Frage der Kontrolle ist. Es gibt keine wirt­schaftliche Betätigung, der man mit Hilfe einer noch so ausgeklügelten gesetzlichen Umbauung diejenige ideale Gestalt verleihen könnte, die den Forderungen von Anständigkeit und gemeinem Wohl entspricht, wenn nicht die Qualität der Menschen, die in der Wirtschaft stehen, die Gewähr dafür bietet. Aus der Tatsache heraus, daß die Grundgesetze für den Bör­senverkehr im großen und ganzen bestehen bleiben und die Reform im Verwaltungswege durchgeführt worden ist, geht hervor, daß von maßgebender Stelle nach dem Umbruch nicht die Einrichtung der Börse als solche, sondern die Art und Weise, in der d i e in ihr wirtschaftenden Menschen ihre Aufgabe erfüllen zu können glaubten, als volkswirtschaftlich schädlich und damit abänderungs­bedürftig erkannt worden waren. Die Maßnahmen beschränkten sich daher zunächst darauf, alle Ele­mente zu beseitigen und unschädlich zu machen, die in erster Linie füröie Auswüchse der Nach­kriegszeit verantwortlich waren. So­dann konnte die Börse in den Rahmen des großen

wirtschaftlichen Wiederaufbauprogramms der Retchs- regierung eingefügt werden.

Der glänzende Erfolg der Zinssenkungs­aktion, die unter der nicht immer voll aner­kannten Mitwirkung der Börse durchgeführt wurde, ist noch in guter Erinnerung. Das nächste große Problem, nämlich die Konsolidierung der kurzfristigen Verpflichtungen des Reiches aus Arbeitsbeschaffung und Aufrüstung ist bereits in Angriff genommen worden und findet nun die Börse bei seiner weiteren Lösung zur tätigen Mitarbeit bereit.

In diesem Zusammenhang muß noch erwähnt werden, daß die Reichsregierung durch die gesetz­

liche Einführung der offenen Markt­politik der Reichsbank die Renten­märkte zum Zweck der Erleichterung von Zins­senkung und Konsolidierung bewußt fördert und bett Aktienmärkten durch das Kapitalstockgesetz gewisse Fesseln auferlegt. Dieses Gesetz sowohl als auch die in dem vergangenen Jahr durchgeführte Jndustriebelastung zugunsten des zu­sätzlichen Exports unterbinden jede Möglich­keit einer Störung der genannten Ziele durch kon­kurrierende Aktienbewegungen und geben die Ge­währ, daß das sich neu bildende Sparkapital aus, schließlich diesen Zielen nutzbar gemacht wird.

Die KdF.-Flotte in Lissabon.

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Auf der Fahrt nach Madeira trafen die vier Schiffe der KdF.-Flotte im Hafen von Lissabon ein, wo sie herzlich begrüßt wurden. Sie erlebten es, daß es heute tatsächlich dem Arbeiter möglich ist, mit eigenen Schiffen die Meere zu befahren. Das Bild zeigt dieKraft-durch-Freude"-Fahrer bei der Fahrt in den Hafen von Lissabon. (Scherl-Bilderdienst-M.)

Alte und neue, ernste und heitere Stücke...

Theaterbericht aus der Reichshauptstadt.

An dieser Stelle wurde zuletzt über zwei Ber­liner Uraufführungen berichtet (BurtesW a r - b e ck" und WiedsW anderkönigi n"). Da­neben bewegt sich der Fluß der Berliner Theater­ereignisse ständig weiter, aber es sind nicht immer Schiffe mit schöner Fracht, die er heranträgt. Wenn bas Theater in ber Saarland st raße etwa Gerhart HauptmannsM i ch a e l Kra- m e r" herausbringt, ber einst als eine eble Did)- hing gegolten ljai, so zeigt sich heute, baß über dieses realistische Drama mit seinen deklamato­rischen Partien die Akten geschlossen sein dürften, denn sie wohnen, das realistische Familienstück und die dichterische Betrachtung, beide in gesonderten Bezirken, deren Grenzen man nicht straflos ver­wischen darf. Daher bleibt, obwohl ein Künstler, wie Paul Wegener für den Michael Kramer aufgeboten wurde, eine peinliche Erinnerung an den Abend zurück. Das Gleiche gilt für Hermann

Bürte s BühnenstückDer letzte Zeuge", das an ber gleichen Stelle herauskam: hier bemüht sich ein Dichter, ein hanbfeftes Kriminalbrama zu schreiben, mit bem Erfolg, daß sich ber Dichter und ber bebenkenlose Theaterschriftsteller bauernb stören unb seltsame Disharmonien bewirken.

Wenn bas Deutsche Theater Gogols hundert Jahre alte KomödieDie Heirat" aus­gräbt, so kann dieser Versuch, russische Genreszenen aus bem Biebermeier lebenbig zu machen, nur gelingen, weil ein Schauspieler wie Bruno Hüb­ner bie Leitung hat, weil ihm Kräfte wie Franz P f a u b 1 e r (ein schwerfälliger Heiratskanbidat), Angela S a l l o k e r (bas, bräutliche Täubchen), Hans Brausewetter, Wilfrieb Seyferth, Paul Dahlke zur Verfügung stehen. Aber Schil- lersKabale unb Liebe" wird mit Ernst Karchow als Präsidenten, Paul Klinger als Ferdinand, Angela S a l l o k e r als Luise, Bruno

Großmamas Walfisch.

Von Hans Leip

Es war nicht unsere Großmama. Aber sie wohnte in ber Nähe unb hatte ein Buch mit Tieren. Q, es waren prächtige Abbilbungen von Löwen, Schlan­gen unb Giraffen. Aber bas Schönste waren bie Walfische. Der Mann tiefer Großmama war Kapi­tän gewesen unb hatte einst selber Walfische ge­fangen. Er war nicht mehr am Leben, sondern war auf ben weiten Meeren verschollen. Sein Bilb hing an ber Wanb. Er sah freunblich aus unb gar nicht wie ein wilber Abenteurer unb Walfischharpunie­rer, unb sein Kranzbart umgab sein weiches Kinn wie eine lichte Wolke bie Hinterseite eines rosigen Engels. Aber Großmama sagte, er sei ein Rauh- bein gewesen. Unb einmal habe er folgenbes mit den Walfischen erlebt.

Sie seien mit bem dicken Walfischfängerschiff unter Segeln einmal in die Nähe eines Eisberges geraten ober vielmehr, biefer Eisberg habe sich mit unheimlicher Geschwinbigkeit auf sie zu bewegt, so daß ein Zusammenstoß schon unvermeiblich schien. Alle an Borb waren ganz ratlos ob biefes Natur- munbers, benn niemanb vermochte in ber See bie leiseste Strömung zu erkennen ober festzustellen, bie zur Erklärung für bie Bewegung bes Eisberges hätte dienen können. Der kleine Schiffsjunge Klaus, ber feine erste Reise machte, nahm bie Mütze ab unb betete ein lautes Vaterunser, er war noch sehr klein unb bachte, nun müßten sie alle umkommen bei bem Anprall.

Der Eisberg rauschte näher unb näher, ba half kein Wenben unb kein Segelbrassen, es war bie ge­naue Richtung auf bas Schiff, unb nun fingen bie Segel an zu labbern unb schlaff zu werben, ber weiße Koloß schnitt ihnen allen Winb ab, nun ge­horchte auch bas Steuerruber nicht mehr, ba bas Schiff keine Fahrt mehr machte. Selbst ber gute Kapitän war bleich, bleich wie ber weiße her- angischtenbe Berg.

Doch auf einmal, als sei plötzlich ein geheimer Befehl ergangen, änderte bas heranjagende Unglück seinen Kurs, und keinen Steinwurf vom Bugsprit bes kleinen guten Fahrzeuges entfernt gischtete bas ansehnliche Stück Eisgebirge vorüber.

, Nun aber, ba die Rückseite sichtbar wurde, ergab sich auch zu aller Aufatmen und Erstaunen die Er­klärung des Wunders. Ein ungeheurer Walfisch war mit seinem Kopfe in eine Spalte des Eis­berges gerannt -und hatte sich -dort festgeklemmt. Und da er nicht rückwärts konnte, schob er mit

aller Macht vorwärts und bewegte so das ihn an Mächtigkeit noch um einiges überragende Hindernis.

Die Harpuniermannschaft des Schiffes hatte natürlich nichts Eiligeres zu tun, als die Boote klar zu machen, hineinzuspringen und die Ver­folgung der willkommenen Beute aufzunehmen. Sie mußten mit allen Kräften über zwei Stunden rudern, um endlich das aufgeregte, aber allmählich sich ermattende Tier einzuholen. Da sie nun wegen des gefährlichen, rasend schlagenden Schwanzes nicht zu einem guten Schuß herankommen konnten, begab sich der Kapitän kühnlich auf den Eisberg, was durchaus viel schwerer ist, als man sich im allgemeinen vorstellt, kletterte bis an bie Spalte, darin sich bas Tier verfangen und warf ihm die Harpune von oben in den Rücken. Der Ruck unb Schmerz spornten ben armen Wal zu solch ver­zweifelter Anstrengung an, baß er sich rücklings jäh aus ber verklemmten Lage löste unb ins freie Wasser davonschoß. Der Kapitän, dem die an ber Harpune befestigte Leine um die Brust geschlungen war, mochte wollen oder nicht, er wurde nach kurzer Zeit hinterhergerissen und flog in weitem Bogen in die See. Nur dem Umstande, daß er ein vortrefflicher Schwimmer war und sein Wurf so sicher gezielt gewesen war, rettete ihm das Leben. Der Walfisch tauchte, wie es die Walfische zu tun pflegen, wenn sie verwundet sind, aber glücklicherweise nicht tiefer, als bie Leine lang war, und schon nach kurzer Zeit kam er wieder nach oben, um Lust zu schöpfen, unb es war bas letzte­mal, daß er es tat. Bald lag er regungslos da. Der Kapitän wurde wohlbehalten geborgen, und ber Walfisch, der größte, ben er je gefangen, ergab so viele Tonnen Speck, Tran und Fischbein, und allein die fette weiße Zunge war zwanzig Fuß lang, zwölf Fuß breit unb an bie tausend Pfund schwer die gute Großmama rechnete immer noch nach Fuß, wenn sie von Walfischen erzählte unb ber Kapitän oerbiente an bem Fang so gut, so daß er, als er nach vielen Wochen wieder daheim war, seinen landfeinen blauen Anzug anzog, einen Zylinderhut aufs Haupt schwang und bei einem hübschen jungen Mädchen vorsprach, das Angelika hieß, und sie fragte, ob sie seine Frau werden wollte; denn damals war er noch gar nicht ver­heiratet.

Meine kleine Schwester fiel jedesmal, so oft bie liebe Großmama auch bie Geschichte erzählte, immer wieder darauf herein, und fragte verwundert: Angelika? Ich dachte, er hätte dich geheiratet, Groß­mama!

Dann klappte die alte gute Dame das Buch leise zu, wischte- sich eine Iräne aus den milden Augen unb sagte mit einem spitzbübischen Lächeln wo­

bei sie wohl daran dachte, wie sie damals gelächelt hatte: Jawohl, mein Müschen, das hübsche junge Mädchen namens Angelika, das war ich.

Abendgang zur alten Kastanie.

Von Hoberf Braun

Wenn ich das Haustor zugedrückt und versperrt habe, finde ich mich in ber nach junger Erbe duf- tenben Luft ber Walbwind weht mir bie un­teren Spitzen bes Ueberrocfes auf unb durchbläst mich kalt. Ich wandere bie leere Dorfstraße hinab

Die Laternen spielen ein stummes, eigenartiges Spiel mit meinem Schatten. Zuerst, in ber Nähe der gelblichen Lichtquelle, ist er kurz unb dunkel und an der Straßenmauer aufgebogen. Dann er­reicht er schnell wachsend meine Größe, während er sich aber auszieht und lächerlich verlängert, Über­fächern ihn andere dünne Schatten, die sämtlich die Züge meines Umrisses tragen unb schließlich finde ich ihn hinter mir. von der Laterne, der ich mich nähere, kurzerhand zurückgeschickt, bis er nach einigen Schritten wieder unter meinen Füßen her­vorkriecht unb ein neues Dasein beginnt. Ich kann dieses immer veränderliche Spiel verfolgen, solange ich will, und es dauert auch meist bis zur der Stelle, da ich bei bem krummen hochdachigen Wein­bauernhaus angelangt bin, dessen ebenerdige Fen­ster erleuchtet sind. Eine Weingesellschaft sitzt da bringen an langen grünen Tischen unb von ben Scheiben, an benen die Tropfen bes Zimmerdun­stes herablaufen, zeichnen sich die Gestalten der Zechenden ab. Zitherspiel und schwanke Lieder drin­gen heraus.

Ein Schutzmann kommt auf seinem Patrouillen­gang die Straße herauf. Ich ziehe weiter, die eng gewundene Dorfstraße hinab, zwischen den schla­fenden Giebelhäusern hin, höre das hallende Po­chen meiner Schritte, begrüße noch ein einzeln er­leuchtetes Fenster. Wenn andere Schritte hinter mir hörbar werden und mich überholen, so stam­men sie meist von den zwei oder drei jungen Män­nern, die allabendlich ihre Bräute besuchen und um diese Stunde heimkehren. Ich halte erst wieder, wenn ich bei der großen Kastanie angelangt bin, dem ältesten Baum des Ortes.

Sie steht weit ausgreifend da, wie aus vielen Bäumen zusammengewachsen, und breitet ihr un­geheures Astgewölbe über die Bank zu ihren Fü­ßen, bie Schleife bes mondglänzenden Baches und über die Straße. Hier gehe ich nie achtlos vorüber. Besonders wenn der volle Mond so hoch, fast im Zenith des trübblau verwölkten Himmels steht und außerdem in weitem Abstand der Riesenkreis eines

dünnen Schleierwolkenkranzes sich um ihn versam­melt hat. Dann suche ich solange einen Platz, bis ich das ferne Gestirn genau hinter das reichlichste Geäst visiert habe. Wie hoch erscheint nun ber Raum dieses Baumes, aus besten schräg rissiger Rinde mit dem Ansatz von riesigen Warzen die Seitenbäume des Hauptstammes brechen, jeder wie ein Fürst ZU seinem eigenen Gebiet gerichtet: in wilder Schwingung wie eine Riesenschlange sich aus- bäumend, stürzend, sich wieder aufbäumenb und nach oben zu, wohin das Licht der Laterne nicht mehr reicht, ein schwarzes Gitterrankenwerk von greifenden Aeften ergebend. Wie in Stockwerken scheint er da aufgebaut; mit Treppen und Bögen und höchsten Dachwölbungen, und durch all dieses Gewirre von Stämmen und Aesten bahnt sich der Mond seinen Weg: fern und ruhig, eine verblichene Silbermünze.

Ich blicke wie aus Bergwerkstiefen zu ihm auf. 3n diesem Augenblick weiß ich. was ich zu wissen suchte, als ich so spät vom Hause noch fortging: daß es außer meiner engen täglichen Welt noch Anderes gibt, daß alles bald neraebt unb auch mein gewohnter Gang auf ber nächtlichen Straße ein­mal nicht mehr fein wirb. Das sagt mir der alte Baum immer, wenn ich unter ihm stehe und mich in den schwebenben Verlauf der fürstlich starken, mit kurzen kleinen Gerten überwucherten Seiten­arme verliere, deren Gestalten einmal im Laternen- l'cht spielen, dann wieder, wie hinter Kulissen mit den Scharen ihrer geschwungenen Zweige in magische Mondnacht greifen.

Fast jeden Abend lehrt mich die Kastanie gleich hilfreich diese Weisheit, wenn auch immer im an­dern Kleid der Jahreszeit. Einmal wenn das Sil- ber spärlichen Schnees auf ihr liegt, das eine tiefe Märzwolke über das Geäst verstreute Oder, wäh­rend der wenigen Wochen im Spätherbst, da nur auf ben Zweigen, bie der Laterne zugekehrt sind, die letzten gelben zerfransten Blätter hängen, burrfp schienen von Licht, indes ber ganze übrige W'vfel schon kahl liegt. Oder an den Früblingsabend"n, da er überschüttet ist von der Flut der ersten ge­falteten Blätter, die ungeschickt wie beoehte. weiche Tierpfötchen herabhängen. Oder: beim Sturm, im langen Sommerregen, im Nebel und Schneeflocken­treiben bes Januars. Immer ist er ein Quell neuen Mutes, bes Trostes, des Ausblickes in bie unend­liche Welt des Lebens, wovon ich etwas heimtrage, wenn ich die enggerounbene Dorfstraße bergauf gebe, zurück den alten Weg zwischen den schlafend vorgeneigten Giebelhäusern und dann der haus- armen Waldstraße zu, deren letzte, ein wenig sau­sende Gaslaternen mit meinem Schatten wieder ihr heimliches Spiel treiben. .. .