Nr. 88 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Mittwoch, <5.April Mb
Aus der Provinzralhaupistadt.
Der erste Schulgang.
Einer meiner Jungen fragte mich einst, als ich mit ihm zum erstenmal zur Schule ging, ob denn alle Leute in die Schule gehen müßten. Ich bejahte. Darauf fragte er: „Ist der Lehrer auch einmal in die Schule gekommen?" „Natürlich", sagte ich, „der war gerade so ein Bub, wie ihr es seid. Er hat gerade so ansangen müssen wie ihr auch. Er hat eine Schiefertafel und ein Lesebuch gehabt." Diese Antwort schien dem Jungen etwas Trost zu geben, und er trabte zuversichtlich neben mir her.
Bei einer späteren Gelegenheit erzählte ich dem mir bekannten Lehrer von der Frage, die mir mein Junge gestellt hatte. Im Verlaufe dieser Unterhaltung erfuhr ich dann noch gar viele ergötzliche Einzelheiten über die Vorstellungswelt der kleinen Abcschützen. Nur eine kleine Probe möchte ich hier anführen. Sie ist so reizend und so bezeichnend für die kindliche Denkungsart, daß sie sicher manchen Eltern Freude machen wird. —
Am ersten Schultage, nachdem alle Kinder auf ihre Plätze gesetzt worden waren, hatte ihnen der Lehrer einige Bilder gezeigt, hatte von dem Schulsaal gesprochen und ihnen einzelne Geräte vorgeführt, auch die große Schultafel, die auf einem Gestell stand. In dem Rahmen waren Löcher, damit die Tafel hoch oder niedrig gestellt werden konnte. Auch das zeigte der Lehrer den Kindern, einmal hoch, dann ganz niedrig, so niedrig, daß die Tafel fast die Erde berührte. Da erhob sich einer der kleinen Schulanfänger, betrachtete die niedrig gestellte Tafel und den langen Lehrer daneben und sagte: „Gelt, da hast du drauf geschrieben, als du noch so ein ganz kleiner Kerl warst?" (Nebenbei: Dieser Schüler war später der beste in der Klasse, wie mir der Lehrer versicherte.)
Die kindliche Anschauungswelt konnte den Lehrer noch nicht von der großen Schultafel trennen, sie gehörte mit zu dem Lehrer. Dem Kinde war noch nicht zum Bewußtsein gekommen, daß auch der Lehrer einmal auf eine kleine Schiefertafel geschrieben hatte. Es war der Meinung, daß der Lehrer schon als kleines Kind „als Lehrer" auf die Welt gekommen sei und dementsprechend auch eine große Wandtafel erhalten hätte. Jedenfalls hatte der kleine Bub nachgedacht: Eine niedrig gestellte Tafel und ein langer Lehrer, die passen doch nicht zusammen, also muß er die niedrige Tafel benutzt haben, als er noch klein war! —
Immer wieder fällt mir diese Probe von unfreiwilligem Schulhumor ein, wenn die Zeitungen bekanntgeben, daß an dem und dem Tag die kleinen Sechsjährigen zum erstenmal in der Schule anzutreten haben. Fast für alle Kinder ist das ein Freudentag. Schon monatelang wurde davon gesprochen. Ranzen und Griffelkasten sind in Ordnung, die Schwämme angenäht, Griffel und Bleistift -gespitzt. Hundertmal ist vorher schon geprobt worden, ob der Ranzen „auch sitzt".
Nun marschieren die kleinen Buben und Mädchen, geführt van treuer Mutterhand, hin zu dem großen Haus. Sa ein bißchen Herzklopfen haben sie ja alle. Aber Tränen sieht man heute ganz selten. Gott sei Dank, im Laufe der letzten Jahrzehnte haben die Eltern eingesehen, welcher Unsinn es ist, den Kindern Angst vor der Schule zu machen. „Wart nur, wenn du in die Schule kommst!" oder „Der Lehrer wird dir das schon abgewöhnen!" Aehnliche Drohungen konnten die Kinder immer wieder hören, und so entstand in ihrem Köpfchen ein ganz falsches Bild von der Schule und dem Lehrer. Es war kein Wunder, daß viele Kinder weinten und die Hand der Mutter nicht loslassen wollten. Erst als sie sahen, daß der Lehrer oder die Lehrerin gar nicht so schlimm waren, wie sie sich vorgestellt hatten, beruhigten sie sich. All die Aufregung vorher aber und viele, viele Tränen hatten die Eltern auf dem Gewissen.
Heute erzählen die andern Kameraden, wie schön es in der Schule ist. Das Stillesitzen mit gefalteten Händen ist ja auch längst nicht mehr am Platze. Mit glänzenden Augen kommen die Kinder zur Schule, mit munteren Reden und lebendigen Sinnen. So will sie der Lehrer haben. Keine vor Angst sich duckenden Kinder, die nur an den Stock denken. Nein, die Kinder sollen aus sich herausgehen, sie sollen es machen wie der kleine Bub, der da meinte, der Lehrer hätte „als kleiner Kerl auf die große Tafel geschrieben".
Und so sehen die kleinen Anfänger auch heute schon, wenn sie am ersten Tag in den Schulhof wandern, wie da die andern Kinder tollen und sich freuen. Sie sehen am nächsten Margen schon, wie hier vor dem Unterricht der Körper in der Morgengymnastik gestählt und gestärkt wird, sie hören den Tagesspruch und singen auch das gemeinsame Lied mit. Sie werden bald heimisch in den Schulräumen.
Auch das Elternherz wird sich bald beruhigen, wenn das Kind wieder nach Hause kommt und erzählt, wie schön es in der Schule war. Lernt es dort doch bald gute Kameradschaft und Freundschaft pflegen, lernt es dort doch auch, sich einordnen in eine große Gemeinschaft. Und das ist ja eine der großen Erziehungsaufgaben, die sich unsere Schule gestellt hat: die Kinder fühlen zu lassen, daß sie nicht allein auf der Welt sind, daß sie sich einfügen müssen in eine Gemeinschaft, die nicht das Wohl einzelner, sondern aller will.
Deshalb sollen die Eltern ihre Sorgen über Bord werfen und sich freuen, daß ihr Liebling nun auch teilnimmt an dieser Gemeinschaft. A. M.
Dornotizen.
Tageskalender für Mittwoch.
NSG. „Kraft durch Freude": 20.30 bis 21.45 Uhr allgemeine Körperschule im Lyzeum. Landschaftsbund Volkstum und Heimat, Dolksbildungswerk,
Gottesdienste für Schulanfänger.
Die vor einigen Jahren getroffene Einrichtung von besonderen Gottesdiensten für die Kinder, die in die Schule ausgenommen werden, ihre Eltern und ihre Lehrer hat sich gut bewährt. In diesem Jahre finden am morgigen Donnerstag, 16. April, um 9 Uhr, Schulanfänger-Gottesdienste statt, und zwar in der Stadtkirche für die Mädchen, in der Johanneskirche für die Knaben.
Zwei Strafgefangene entwichen
Die Kriminalpolizei Gießen teilt mit:
In der Nacht vom 13. zum 14. April sind aus der Zellenstrafanstalt Butzbach zwei (Befangene entwichen. Es handelt sich um den Strafgefangenen Fritz Sichert, geboren am 13. März 1903 zu Guntersblum. Der Entwichene ist von mittlerer Gestalt, 1,70 Meter groß, hat graue Augen und blonde Haare. Am rechten Zeigefinger hat er eine Narbe. Der zweite Strafgefangene, Adam G i o d r o w s k i, am 20. Dezember 1892 zu Kiel geboren, ist 1,71 Meter groß, ebenfalls von mittlerer Gestalt, blondem Haar, blauen Augen und gesunder Gesichtsfarbe. Sichert hat bis zum Jahre 1942 und Giodrowski bis zum Jahre 1939 Strafe zu verbüßen. Beide Strafgefangene trugen, als sie entflohen, lediglich Unterkleidung und Hausfchlappen, ferner hatten sie je
Heist dem Erholungswerk des deutschen Volkes!
Die nationalsozialistische Volkswohlfahrt hat für die Zeit vom 19. bis 25. April 1936 eine großzügige Werbewoche für biß Adolf-Hitler- Freiplatz-Spende und Kinderlandverschickung angesetzt.
Hierzu erläßt Gauleiter und Reichsstatchalter Sprenger folgenden
Aufruf:
Unser herrlicher Gau Hessen-Nassau, der schon so off seine Opferbereitschaff bewiesen hat und der im vergangenen Jahre, dank der Mitarbeit der gesam
ten Bevölkerung, das Erholungswerk des deutschen Volkes mustergültig durchgesührf hat, will auch in diesem Jahr unter Beweis stellen, daß er mit allen Kräften im Dienst der Aufbauarbeit für die Nation sich einsehf. Das Erholungswerk des deutschen Volkes, das von der NS.-Volkswohlfahrf durchgeführt wird, ist eine gewaltige Aufgabe, an der alle mitzuhelfen haben. Mer seine Mitarbeit zusagf, bekennt sich zu der Arbeit des Führers.
Eine Nation, die für die Gesunderhaltung des Volkes größte Sorge trägt, sichert sich ihre Zukunft.
(Gez.): Sprenger, Gauleifer.
Ortsgruppe Gießen-Mitte: 20.15 Uhr in der Aula des Gymnasiums Naturschutzabend. — Stadttheater: 19.30 bis 2^15 Uhr „Der tolle Christian". — Gloria- Palast, Seltersweg: „Der Favorit der Kaiserin". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Die unmögliche Frau".
SfadffHeater Gießen.
Heute von 19.30 bis 22.15 Uhr als 26. Vorstellung im Mittwoch-Abonnement „Der tolle Christian", ein Drama aus dem Dreißigjährigen Krieg von Th. Haerten. Spielleitung: der Intendant. Oberhessische Gesellschaft für Natur- und Heilkunde.
Die Naturwissenschaftliche Abteilung der Oberhessischen Gesellschaft für Natur uyd Heilkunde veranstaltet am morgigen Donnerstag, 16. April, 20 Uhr, im Botanischen Institut am Brandplatz einen Vortrag. Professor E. K ü st e r wird über das Thema „Probleme und Ergebnisse der experimentellen Zellforschung" sprechen. Auf die heutige Anzeige sei besonders hingewiesen.
Der Schulbeginn in der Stadt.
Wir veröffentlichten in unserer gestrigen Ausgabe eine Notiz über den Schulbeginn, in der nach einer Bekanntmachung des Kreisschulamtes Gießen darauf hingewiesen war, daß der Unterricht an den Volksschulen nach Ostern am 15. April beginnt. Wie wir heute auf besondere Nachfrage beim Kreisschulamt hörten, trifft dieses Datum des Schulbeginns nur für bie Land- orte bes Kreises Gießen zu, während der Unterricht an den Volksschulen in der Stadt erst am morgigen Donnerstag, 16. April, in vollem Umfange ausgenommen wird Ebenfalls am morgigen Donnerstag findet die Aufnahme der Abcschützen statt.
eine Schlafdecke mit sich genommen. Sachdienliche Mitteilungen sind an die nächste Polizeibehörde zu geben.
Ein Gießener Preisträger beim Wettbewerb deutscher Polizeiöeamten.
Die Polizeidirektion Gießen teilt uns mit: Don dem Herrn Reichs- und Preußischen Minister des Innern war für alle deutschen Polizeibeamten ein Wettbewerb mit dem Thema: „Der Polizeibeamte als Nationalsozialist im Leben und Handeln" gestellt worden. In diesem Wettbewerb ging als einer der Preisträger der Gruppe 3 der Polizeiversorgungsanwärter Ludwig Pitzer hervor. In einer Ansprache übermittelte der augenblicklich mit der Vertretung der Polizeidirektion Gießen beauftragte Polizeiverwaltungsoberinspektor Beate die vom Herrn Minister Dr. Frick Herrn Pitzer verliehene Ehrenurkunde und sprach ihm hierbei lobende Anerkennung aus.
Reichskamps der Jungarbeiter und Lehrlinge in Königsberg.
Die 31 Besten unseres Gaues nehmen fett.
NSG. Die Auslese der t ü ch t i g st e n Jungarbeiter und Lehrlinge für den End kämpf des 3. Reichsberufswettkampfes ist nunmehr erfolgt. Aus unserem (Bau sind 31 Gaubeste — 24 Jungen und 7 Mädel — auf Grund ihrer hervorragenden Leistungen in den Dorwettkämpfen und beim Gauwettkampf zum Reichsberufswettkampf einberufen worden. Sie gehören den Berufen der Wettkampfgruppen: Nahrung und Genuß, Leder, Steine und Erde, Handel, Verkehr und öffentliche Betriebe, Chemie, Eisen und Metall, Druck, Hausgehilfen, Gesundheit und Nährstand an.
M i t dieser Teilnehmerzahl steht Hessen-Nassau mit an der Spitze aller (Baue. Auch gegenüber dem Vorjahre, in dem sich insgesamt nur 16 aus unserem Gau bis zum Endentscheid durchkämvsten, bedeutet dies ein weiterer Erfolg auf dem Weg der Heranbildung eines auserlesenen Facharbeiternachwuchses.
Sämtliche Reichskampfteilnehmer fahren voraussichtlich am 21. April unter der Führung der Gau- Jugendwalter der DAF. nach Berlin. Ein Sonderzug bringt dann die insgesamt 670 Teilnehmer am Reichskampf aus allen (Bauen nach Swinemünde, von wo die Weiterfahrt nach Königsebrg mit dem Seebäderdienst erfolgen wird. Der Schlußkampf dauert bis zum 30. April. Es werden 220 Reichssieger ermittelt, von denen die 40 beruflichen und charakterlich Besten am 1. Mai dem Führer vorgestellt werden.
7ISV. sucht Freiplätze.
NSG. Die Gauamtsleitung der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt hat ihre Sommerarbeit eröffnet, und ihre erste Sorge gilt nun der Kinderlandverschickung und Werbung für die Adolf-Hitler-Freiplatzspende. Kinder, die Erholung nötig haben, sollen hinaus aufs Land, um sich dort an Leib und Seele zu kräftigen. Politische Leiter, die im anstrengenden Dienst für die Bewegung ihre Gesundheit eingesetzt haben, sollen eine wohlverdiente Stätte finden, wo sie sich von der Last der Arbeit erholen können.
Wiederum wendet sich die Gauamtsleitung der NSV. an das tatkräftige Verständnis aller Volksgenossen, die in der Lage sind, einen Freiplatz zur Verfügung zu stellen. Wenn das große Werk des Führers gelingen soll, so ist die Einsatzbereitschaft jedes einzelnen notwendig. Gerade in dem Opferwillen, die Kinderlandverschickung und die Adolf- Hitler-Spende nach Kräften zu fördern, beweist sich die sozialistische Gesinnung, die für die Zukunft unteres Volkes bedeutungsvoll ist.
Die öeutfdie Arbeitsfront
Sonntagsfafjrf nach Köln am 19. April.
Die Fahrt muß wegen der geringen Teilnehmerzahl leider ausfallen. Bei genügender Teilnahme können wir aber die Fahrt mit Omnibussen durchführen. Der Fahrpreis beträgt dann aber 8,10 Reichsmark. Um- oder Anmeldungen müssen umgehend erfolgen.
Sonnlagsfahrt nach Heidelberg am 19. April.
Wir haben uns an dieser Fahrt des Kreises Wetzlar beteiligt und nehmen auch Anmeldungen entgegen. Die Fahrt geht ab Gießen. Die Fahrt kostet 4— RM., mit Mittagessen 4,90 RM.
Gportamt „Krast durch Freude".
heule folgender Kursus:
Allgemeine Körperschule, Frauen und Männer. Von 20.30 bis 21.45 Uhr, Lyzeum, Dammstraße 26.
Veuanmeldungen
zu folgenden Kursen nimmt die Geschäftsstelle, Schanzenstraße 18, entgegen: Reiten, Fechten, Kindergymnastik, Schach, 'Rollschuhlaufen.
Für die Kurse: Allgemeine Körperschule, Fröhliche Gnmnastik und Schwimmen ist keine vorherige Anmeldung erforderlich. Die Anmeldung kann im Kursus erfolgen.
Deutsche Zägerschast.
Fagdgau Oberhessen.
An Stelle des nach Darmstadt versetzten Oberforstmeisters D e u st e r habe ich den Graf zu Solms- Laubachschen Forstmeister Willi O st h e i m in Laubach zum Kreisjägermeister für den Kreis Schotten ernannt.
Der Gaujägermeister: Nicolaus.
** Jubiläum bei der Reichsbank. Am heutigen Tage kann der Hauptzählmeister der hiesigen Reichsbankstelle, Karl Burger, auf eine 40jährige Tätigkeit im Dienste des Staates zurückblicken. Anläßlich dieses Jubiläums hat ihm der Führer und Reichskanzler seinen Dank und An
Oie Tippgräfin.
Vornan von Klothilde v Stegmann
Urheberrechtsschutz: Auswärts-Verlag, Berlin, SW 68.
37 Fortsetzung Nachdruck verboten!
Wenn nun wenigstens Mariellas Vater gesund gewesen wäre, dann hätte dieser ja sofort eingreifen können. So aber lag der Aermste immer noch bewußtlos im Fieber und ahnte nicht, was seiner Tochter alles angetan worden war. Aber es war keine Zeit mehr zu verlieren. Was mochte inzwischen aus Mariella geworden sein? Wie sollte er das erfahren? An men' sollte er sich wenden? Annina war doch, wie die amerikanischen Zeitungen meldeten, gar nicht mehr in Deutschland. Sicherlich war ihr Haushalt aufgelöst. Wo sollte er nun Mariella suchen? Da kam Heßling ein Gedanke:
In Nairobi, nur ein paar Flugmeilen von Tanga entfernt, lebte der deutsche Konsul, der die Interessen seiner Landsleute im ehemaligen Deutsch- Ostafrika vertrat. Vielleicht hatte der Zeitungen, aus denen sich Näheres ersehen ließ ...
In gefährlichem Tempo sauste Walter in seinem Sportflugzeug los. Und noch am Abend des gleichen Tages wußte er, was sich während seiner Abwesenheit mit der unglücklichen Mariella ereignet hatte. Er wußte von der Gerichtsverhandlung und von dem vernichtenden Urteil.
Es war ihm, als müßte ihm das Herz brechen bei dem Gedanken an Mariellas Leiden. Aber er durfte jetzt nicht schwach werden. Es mußte irgend etwas geschehen!
Aber was? fragte er sich auf dem Rückflug zum Uelle. Von hier aus konnte er nicht einschreiten, um so weniger, als Mariella die unverdiente Gefängnisstrafe ja schon hinter sich hatte. Ob sie wirklich diesem Schuft, diesem Erhard von Hagen, noch nachtrauerte? Es konnte ja nicht sein. Sie mußte doch endlich erkennen, für wen sie sich wie eine Heldin geopfert hatte.
Aber das war jetzt alles nebensächlich. Die Hauptsache war, daß Mariellas Vater wieder gesund Vmrve und selbst sein Kind schützen konnte. So
schnell er konnte, flog er zu der Pflanzung von Ronald Errel zurück. Der beherbergte noch immer seine Gäste: Pepito Arlesi, Jlaro und den kranken Prinzen.
Pepito Arlesi war schon wieder ziemlich hergestellt. Er hätte schon abreisen können. Doch war selbstverständlich daran nicht zu denken. Auch er hätte den Prinzen Bonaglia niemals allein gelassen, nachdem er ihn endlich wiedergefunden.
Mit Bonaglia ging es immer noch nicht gut. Jlaro hatte die größte Angst um ihren geliebten Pflegevater. Wie bleich er heute wieder aussah!
„Nur ein Wunder kann ihn noch retten!" hatte der Arzt gesagt, bevor er gegangen war. In töchterlicher Hingabe wich die junge Jlaro nicht einen Augenblick von seinem Lager. Vier Tage und vier Nächte war sie nicht aus den Kleidern gekommen. Denn nur in ihrer Anwesenheit war der Todkranke ruhig.
In heftigen Fieberphantasien lag er heute wieder und verwechselte in angstvollen Rufen immer wieder Mariella mit Jlaro.
„Sie müssen sich Ruhe gönnen, Kind! Lassen Sie mich doch auf eine einzige Stunde Sie ablösen."
Mit bewegten Worten bat Pepito das wunderschöne,' kindliche Mädchen immer wieder, sich niederzulegen. Er hatte vor einigen Tagen die ersten Gehversuche unternehmen dürfen, die zur vollen Zufriedenheit aller Beteiligten ausgefallen waren. Wenn der schwere Kummer um den Prinzen nicht gewesen wäre, der wie eine bedrückende Last auf allen Bewohnern der Pflanzung lag — Pepito hätte sich wie im siebenten Himmel, gefühlt.
Jlaro in ihrer Engelsgeduld horte sich die Geschichte von Pepitos merkwürdiger Verlobung immer wieder an, wenn sie einen Augenblick das Krankenlager des Pflegevaters einmal verließ und mit Peter plauderte.
„Hat es der Himmel nicht wundervoll mit mir gemeint?" fragte Pepito Arlesi immer wieder. „Ein entzückendes, herrliches Geschöpf will sich mir anvertrauen, nur weil ihm meine Briefe gefallen — ein Mädel, mit feiner Heimat ebenso verwachsen wie ich, wenn ich auch auf italienischem Boden lebe?"
„Das muß wohl die Liebe sein", sagte Jlaro nachdenklich. „Es muß etwas sehr Schones fein,
diese Liebe. Ich mochte sie wohl auch kennen. Ach, warum ist sie noch nicht zu mir gekommen?"
Pepito mußte sich Mühe geben, um nicht laut aufzulachen. So kläglich klang das aus dem Munde der Siebzehnjährigen! Gerade so, als ob sie den Anschluß bereits verpaßt hatte.
„Nun, kleine Jlaro, warten Sie nur die Zeit ab. — Kommt Zeit, kommt Rat! Und auch der Freiers- mann. Aber die Liebe bringt auch Enttäuschungen mit sich. Auch meine kleine unbekannte Lore wird, fürchte ich, enttäuscht sein. Sie selbst ist blond und blauäugig und scheint mich für einen waschechten Italiener mit dunklen Glutaugen und pechschwarzem Haar zu halten. Sie hat offenbar noch nicht recht begriffen, daß ich ebensogut deutsch bin wie sie, trotzdem ich in Italien lebe. Sie hat mir nun so begeistert zurückgeschrieben, daß ich sicherlich den Helden ihrer Kindheitsträume ähnlich sehe, daß ich nicht den Mut fand, ihr diesen Glauben zu zerstören! Im Gegenteil, ich habe ihr mitgeteilt, daß ich ganz anders aussähe als das Bild, das ich ihr mitgefchickt habe. Wieso Haare und Augen so hell daraus ausgefallen seien, wäre sogar dem Photographen ein Rätsel geblieben."
Er lachte fröhlich über den kleinen Streich, den er seiner unbekannten Liebsten drüben gespielt. Und Jlaro lachte mit. Ach, sie war ja so gern fröhlich. Aber feit der geliebte Pflegevater so krank war, hatte sie das Lachen beinah verlernt.
Jetzt schrak sie auf. Drinnen aus dem Krankenzimmer klang die angstvolle Fieberstimme des Prinzen Bonaglia:
„Mariella mein Liebstes auf Erden!" keuchte er. „Weg, weg von ihr, Annina! Rühre sie nicht an! Hilf, Himmel! Sieht denn niemand die Schlange, die sich da am Boden ringelt? — Fort, fort, Mariella, daß sie dich nicht beißt! — Fort ...?"
Angstvoll sprang Jlaro auf und lief zu dem Kranken hinein.
Pepito Arlesi konnte mit seinem lahmen Bein nicht so schnell nach. Auch fürchtete er, den Kranken zu stören. Sein übermüdetes Gesicht wurde sehr ernst und traurig. Wann würde es endlich mit Bonaglia besser werden?
Inzwischen beugte sich Jlaro sanft über das Bett des Fiebernden. Schwere Schweißtropfen standen auf feiner Stirn. Aber als Jlaro ihre kühle Hand auf Giovannis Stirn legte, wurde er ruhiger. Wie
der saß sie Stunde um Stunde da. Der Tag wich der Nacht, und die Nacht ging bereits in erste Morgendämmerung über, als sie es wagen konnte, ihre Hand von der Stirn des Schlafenden zu lösen, ohne daß er erwachte.
Nun war es auch mit ihrer Kraft zu Ende. Sie sank in den Sessel zurück, in dem sie ungezählte Stunden ruhelos gesessen, und sanfter Schlummer ließ sie alle Qualen vergessen.
Sie hatte einen wundersamen Traum. An der Seite Giovannis sah sie sich dahinschreiten, neben einem Mädchen, wie sie ein schöneres niemals gesehen zu haben glaubte. Die Fremde hatte ihren Arm liebreich um Jlarvs Hüften geschlungen und sagte zärtlich.
„Liebes Schwesterlein! Eigentlich bin ich ein wenig eifersüchtig auf dich, weil ich Vater mit dir teilen muß. Aber ich habe dich so lieb, daß ich dir Vaters Liebe doch gönne."
„Jlaro! Liebling!"
Das Mädchen wagte nicht, die Augen zu öffnen. Ach, der Vater phantasierte wohl immer noch, meinte wohl Mariella, wenn er nach Jlaro rief. Denn in seinen Fieberträumen hatte er kosende Schmeichelworte immer nur für seine rechte Tochter gesunden, nicht aber für die, die der Urwald ihm gegeben.
„Jlaro, Liebling!" Rein und stark klang es. Sie fuhr auf. O Glück! Sie sah beim ersten Blick: der Zustand Giovannis hatte sich gebessert. Seine Augen blickten klarer. Ein mattes Lächeln lag um seinen Mund, als er ihre Hände zärtlich ergriff und mit schwacher Stimme flüsterte:
„Verzeih, daß ich dich nicht schlafen ließ, piccola mia. Doch du weintest so herzbrechend und riefst so kläglich nach mir, daß ich dich aufwecken mußte. Doch dein Traum verriet mir auch noch anderes, mein Kind. Deine grundlose Furcht, mich an dem Tage verloren zu haben, an dem ich meine Tochter wieder in die Arme schließe. Du bist ein ganz törichtes kleines Mädchen. Warum soll denn ein Vater nicht zwei Töchter gleich zärtlich lieben können, bambina?"
Heiß küßte Jlaro die Hand Giovannis. Wieder schlummerte er unter ihrer Berührung ein, und wieder ließ er ihrs Hand nicht los.
(Fortsetzung folgt!)


