Kommt in die
-XV
mterlager!
Oer Bund Deutscher Mädel (BDM) zur Krage der aus jüdischen Haushaltungen entlassenen Hausangestellten.
Durch das Gesetz vom 15. September 1935 ist festgelegt, daß ab 1. Januar 1936 kein deutsches Mädel mehr in jüdischen Haushaltungen beschäftigt werden darf, soweit es unter 45 Jahre ist.
Damit sind eine größere Anzahl von Mädeln aus ihren bisherigen Dienststellungen herausgeholt worden. Für uns als Nationalsozialisten ist selbstverständlich, daß unsere erste Sorge diesen Mädchen gilt. Daß die Lösung dieser Frage nicht einfach ist, ist uns ganz klar. Weniger aus dem Grunde, daß wir keine neuen Arbeitsmöglichkeiten für diese Mädels hätten, als aus der Tatsache, mit welcher Einstellung jedes dieser Mädel das Gesetz an sich sieht.
Wir wissen, daß das Gesetz für die, die davon betroffen werden, im Augenblick eine Schärfe hat, die von vielen nicht verstanden, sondern nur als persönliche Härte empfunden wird. Wir wissen, daß die Aufgabe der Stellung im Augenblick für jedes Mädel ein Opfer bedeutet. Wir wissen aber auch, daß die nationalsozialistische Idee nicht nur Opfer materieller Art gefordert hat und fordert, sondern daß Hunderte von Menschen sogar ihr Leben dafür
gegeben haben. Wenn jedes einzelne Mädel sich das einmal klarmacht, daß auch sie als deutsche Volksgenossin ihrem Volke gegenüber Pflichten zu erfüllen hat, dann wird es sich loslösen von der Auffassung, daß es auf das persönliche Wohlergehen ankommt.
Der größte Teil der entlassenen Mädchen ist bereits durch die Arbeitsämter in neue Stellungen, in den weiblichen Arbeitsdienst und in die Landhilfe vermittelt worden.
An alle übrigen ergeht von uns durch die Arbeitsämter und durch die Deutsche Arbeitsfront die Aufforderung: Kommt in unsere Winterlager. Dort findet ihr Erholung bei Sport und Spiel und froher Gemeinschaft junger Kameradinnen aus allen Berufen. Hier könnt ihr Kraft für eure neue Arbeit sammeln. Unsere Winterlager liegen in den schönsten Gegenden unseres Gaues.
Wir freuen uns, wenn ihr zu uns kommt und wissen, daß ihr euch bei uns wohlfühlen werdet.
Else Riese, Führerin des Obergaues 13.
Geldspenden für das WHW.
Gesamtsumme der bisher eingegangenen Spenden 33 467,61 RM.
Weitere Geldspenden gingen ein:
4.Jan.: Michel, Bierverleger, Gießen 50,80 RM.; Spar- und Darlehnskasse Alten-Buseck 3; Kriegerverein Ober-Hörgern 5 RM.
6. Jan.: Luise Reuning 10 RM.; Bauoberinspektor Lotz 15 RM.
7. Jan.: Dr. E. Vogt Wwe. 5 RM.; Professor Dr. Messer 20 RM.
8. Jan.: Gießener Schwimmverein 10 RM.; Gesangverein Lauter 4,50; Reichsoffiziersbund Gießen 10; Freiherr von Lemmers 11 RM.
9. Jan.: Vereinigung ehemaliger 224er, Gießen 5 RM.; Elfer-Stammtisch Merlau, Gießen 23 RM.
10. Jan.: Robert Strube, Gießen 30 RM.; Niederhausen, Gießen 15; Altersvereinigung 1873—1922 10; Verwaltungssekretär Ritter 20; Dreschgemeinschaft Eberstadt 10 RM.
11. Jan.: Pferdeversicherungsverein Ober-Hörgern 5 RM.; Landwirtschaftlicher Konsumverein ? ? ? 200 RM.
Lohnspenden von Arbeitnehmern.
4. Jan.: Frischdienst Gießen 22,40 RM.; Verbrauchergenossenschaft Gießen 60,62; Provinzialkasse Gießen 295,90; Stempel-Kreuter, Gießen 26,16; Häute- und Fettoerwertung, Gießen 17,50 RM.
6. Jan.: Reserve-Standarte 116 5 RM.; Lupus- Heilstätte, Gießen 20,57; v. Münchowsche Druckerei, Gießen 21,49; Gailsche Tonwerke 47,05; I. Parnaß 5; Adolf Geisse 16,45 RM.
7. Jan.: Karzentra 53,86 RM.; I. B. Noll 32,70; Winterhoff 9,92; Stadtkasse Gießen 556,60; „Kraft durch Freude", Gießen 10,34; Bekrusa, Gießen 14,40; P. I. Möbs, Gießen 46,70; Artur Pietsch Auerhahn 9,77- Industrie- und Handelskammer, Gießen 15,30; Theod. Köhler 9,43; Orth. Universitäts-Klinik 27,02; Arbeiter und Angestellten der Gemeinde Heuchelheim 8,08 RM.
8. Jan.: Wilhelm Frey, Lang-Göns 8,65 RM.; Gebr. Grieb 23,77; Buderus'sche Eisenwerke, Lollar 63,20; Gießener Anzeiger 100,60; Alice-Schulverein 32,30; Veterinär-Klinik Gießen 56,85 RM.
9. Jan.: I. B. Häuser 48,10 RM.; Dürr & Co. 40; Emil Pistor Nachf. 6",84; Franz Bette, Gießen 12,35; A. u. W. Denninghoff 38,48 RM.
10. Jan.: Bänninger G. m. b. H. 282,67 RM.; Finanzkasse Hungen 11,30; Hessische Landesuniversität 1633,03; Textilhaus Graf 31,90; W. Möser, Gießen 15,70 RM.
11. Jan.: Arbeitsamt Gießen 11,10 RM.; Vogt & Co., Gießen 34,28; Cafe Amend 29,40; Jürgens van den Bergh 9,55; Eierteigwarenfabrik 19,95 RM.
Gesamtsumme 37 772,19 RM.
verein, am Donnerstag, 16. d. M., um 20.15 Uhr, in der Aula des Gymnasiums, empfohlen. Eintritt frei.
Amt für Volkswohlfahrt. Ortsgruppe Gießen-Mitte.
Vetr.: Pfundsammlung.
Am Mittwoch, 15. Januar, werden die Spenden (Pfundsammlung) durch die NS.-Frauenschaft eingesammelt. Die Hausfrauen werden gebeten, den Inhalt der Päckchen auf der Umhüllung kenntlich zu machen und die Mitgliedskarten zur Ouittungs- rinzeichnung bereitzuhalten. Die Pfundsammlung erstreckt sich während des WHW. wieder auf alle Volksgenossen.
Gegen den Mißbrauch nationalsozialistischer Kampflieder Nach Zustimmung des Kreisausschusses des Kreises Gießen und mit Genehmigung des Reichsstatthalters in Hessen — Landesregierung, Abt. la — ist vom Kreisamt Gießen unter dem 14. Januar 1936 für den Kreis Gießen nachstehende Polizeiver- ordnung erlassen worden:
Der Mißbrauch der Kampflieder der national» sozialistischen Bewegung durch Umdichtung des Textes, durch Benutzung ihrer Melodie für einen fremden Text oder in ähnlicher Weife ist verboten.
Die Nichtbefolgung des § 1 wird gemäß § 9 Absatz 2 des Gesetzes zum Schutze der nationalen Snmbole vom 19. Mai 1933 — Reichsgesetzblatt I Seite 285 — mit Geldstrafe bis zu 150 Mark oder mit Haft bis zu zwei Wochen bestraft.
Diese Polizeioerordnung tritt sofort in Kraft.
Verbotener Verkehr mit Gefangenen und Schuhbäff'inqen.
Das Kreisamt Gießen hat nach Zustimmung des Kreisausschusses und mit Genehmigung des Reichsstatthalters in Hessen — Landesregierung, Abt. la — am 14. Januar 1936 folgende Polizeiverordnung für den Kreis Gießen erlassen:
Wer unbefugt mit Gefangenen oder Schutzhäftlingen in Verkehr tritt oder sich mit ihnen durch Worte, Zeichen oder auf andere Weise zu verständigen sucht, wird mit Geldstrafe bis zu 30 Mark bestraft.
Diese Polizeiverordnung tritt am Tage nach ihrer Veröffentlichung in Kraft.
Das Hissen der HI.-Kahnen in den Schulen.
Die Landesregierung — Abteilung II — hat folgendes bekanntgegeben:
An die Direktionen der höheren Schulen, gewerblichen Unterrichtsanftalten, sowie die Kreis- und Stadtschulämter.
In Aenderung bzw. Ergänzung meines Ausschreibens vom 30. Sept. 1935 zu Nr. II/IV 26283 gebe ich bekannt:
Die Berechtigung zum Hissen der HI. - Fahne haben nur die Schulen, deren Jugend zu mindestens 90 Prozent der HI., dem Jungvolk, oder dem BDM. angehören.
Die seitherige Regelung war eine Vereinbarung zwischen der Führung des Gebiets 13 der HI. und der Landesregierung, Abteilung II. Durch Verfügung der Reichsjugendführung ist allgemein der erhöhte Prozentsatz festgelegt worden.
Neben der National- und HJ.-Flagge ist auch das Hissen der Jungvolkfahne gestattet, doch darf diese nicht allein gezeigt werden.
GeländesportarbeitSgemeinschasten an den böheren Schu<en.
Die Landesregierung — Abteilung II — hat den Direktionen der höheren Knabenschulen nachstehenden Erlaß des Herrn Reichs- und Preußischen Ministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung zur Kenntnis und Beachtung zugehen lassen:
Gegen die Bildung von Geländesportarbeitsgemeinschaften (GAG.) an den höheren Schulen für solche Schüler, die den allgemeinen Doraussetzun-
Nicht müde werden, Annelies!
Roman von Bernhard Lonzer.
Urheberrechtsschutz: Aufwärts-Verlag, Berlin.
25. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
„Ach, das wäre doch das Wenigste!" warf Mia ein. „Wenn man telephonieren würde. Es paßt doch heute gerade so schön — und die Herrschaften werden doch'sicher'nichts dagegen haben. Ach ja, Günther, bitte, es ist ja Telephon im Haufe."
„Soll ich, Annelies?" wiederholte Günter feine Frage.
„Mir ist es recht!" gab sie mit einem Blick in die blitzende Weite zurück.
Sie ging langsam bis zur äußersten Spitze des Landungssteges vor, während Günter sich mit dem Gärtner ins Haus zurückbegab. Es schien fast, als wollte sie eine möglichst große Entfernung zwischen sich uni) Mia legen, um einem Gespräch aus dem Wege zu gehen.
Langsam betrat auch Mia den Steg. Annelies hörte die Schritte hinter sich, aber sie verharrte in ihrer reglosen Haltung. Sie fühlte jeden dieser näherkommenden Schritte in dem leisen Schwanken der Bretter. Dann hörten diese Bewegungen plötzlich auf. Der Hauch eines fremden Atems lieh ihre Nackenhaare spielen.
„Sie find sehr leichtsinnig!" hörte sie jetzt Mias seltsam gedämpfte Stimme hinter sich.
„Was Sie nicht alles an mir entdecken!" erwiderte sie in die flimmernde Luft hinein. „Mir ist diese Eigenschaft jedenfalls neu."
„Oder — Sie machen sich nicht mehr viel aus dem Leben ..."
Annelies verzichtete auf eine Antwort. Der Atem hinter ihr ging stärker, die heißen, wellenförmigen Bewegungen über ihren Nacken hin bereiteten ihr körperliches Unbehagen.
„Können Sie schwimmen?" erklang es jetzt wieder hinter ihr.
Sie schwieg noch immer. Da flackerte dicht an ihrem Ohr ein leises Lachen auf.
„Warum antworten Sie nicht? Können Sie denn schwimmen?"
Unwillig wollte Annelies sich umwenden, aber sie vermochte es nicht; der Frauenkörper hinter ihr stgnd schwer und fest auf den Brettern und ließ ihren Bewegungen keinen Raum. Sie durfte die Vorsicht nicht außer acht lassen. Ihre Empörung mühsam meisternd, zwängte sie sich mit Anstrengung herum, aber ihr gelang nur eine knappe halbe Wendung. Ihr linker Oberarm lag fest gegen Mias Brust gedrückt, sie spürte deren Atembewegungen wie einen Angriff bis tief ins Blut hinein. Mit bebenden
gen für den Erwerb des SA.-Sportabzeichens entsprechen, bestehen keine Bedenken, sofern ein geeigneter Lehrer, der Lehrscheininhaber oder prüfungsberechtigt ist, die Leitung der GAG. übernimmt und die Ausbildung außerhalb des lehrplanmäßigen Unterrichts stattfindet. Eine Befreiung der betreffenden Schüler von dem Turnunterricht kommt nicht in Betracht. Ebenso ist nicht beabsichtigt, die Zulassung zur Reifeprüfung von dem Erwerb des SA.Sportabzeichens abhängig zu machen.
Kreisausschußsitzunq in Gießen.
Am kommenden Mittwoch, 22. Januar, 8.30 Uhr beginnend, wird der Kreisausfchuß des Kreises Gießen im Sitzungssaale des Kreisamts zu Gießen eine öffentliche Sitzung mit nachstehender Tagesordnung abgehalten:
Hilfsbedürftigkeitssache des Fritz S ch w e d e s ; hier: Klage der Gemeinde Wieseck gegen den Entscheid des Kreisamts Gießen vom 2. Juli 1935.
Klage des Otto I o x in Ettingshausen gegen den
Lippen sah sie Mia halb über die Schulter hinweg ins Gesicht. Was sie in den Augen der Gegnerin las ober lesen zu müssen glaubte, ließ ihr einen Schauer über den Körper rinnen.
Mia lächelte. Ein unheimlich hartes Lächeln war es, das förmlich um ihre Lippen kroch und dort festfror.
„Haben Sie Angst?"
Annelies atmete schwer.
„Vor allen Dingen möchte ich wissen, wann Sie mit diesem unglaublichen Unsinn aufzuhören gedenken."
„Haben Sie Angst?" wiederholte Mia.
„Wovor?"
„Sie könnten stürzest!"
„Es scheint so ..."
„Ja, es scheint so! Wenn das Unglück es will — Sie wären nicht das erste Opfer, das dieser See fordert. Es muß wohl etwas Wahres an dem Gerede sein, daß er eine geradezu magische Gewalt auf den Menschen ausübt. Auf manche Menschen — wie Sie zum Beispiel ... Finden Sie nicht, daß er lockt und zieht? Sie sind ja ganz blaß ..."
Annelies setzte zu einer plötzlichen, gewaltsamen Wendung an, aber sie besann sich gerade noch zur rechten Zeit — es wäre ihr Unglück gewesen.
„Ich habe es bisher noch nicht gewußt", erwiderte sie mit zitternden Lippen. „Sie sind ein Ungeheuer."
Mia behielt ihr Lächeln bei.
„Das ist ein wenig liebenswürdiges Wort, aber die Umstände mögen es entschuldigen. Außerdem sind Sie im Irrtum. Oder glauben Sie wirklich, daß ich beabsichtige. Ihnen ein unfreiwilliges Bad zu bereiten? Aber wir haben nicht viel Zeit. — Wollen Sie mir eine Frage beantworten?"
„Ich finde, Sie haben bereits genug gefragt!"
„Ich kann Ihnen leider nicht beistimmen. Ich habe noch mehr zu fragen.
„Es gibt geeignetere Orte für eine Unterhaltung als diesen hier!"
„Das wage ich nicht zu entscheiden. Wir sind damals in meinem Hotelzimmer nicht zu einer Verständigung gelangt, vielleicht kommen wir hier bam- Bitte, überlegen Sie mal — aber ganz schnell! Nicht wahr? Denken Sie nun endlich auf Günter zu verzichten?"
Annelies strömte das Blut jäh vom Herzen in den Kopf. Sie konnte sich nicht rühren, aber feder Muskel ihres schlanken Körpers war bis zum Zerreißen gespannt.
„Ich denke nicht daran!" stieß sie hervor. „Niemals! Niemals zu Ihren Gunsten!"
„Ach — das soll man eigentlich nicht sagen. Wenn Sie jetzt zum Beispiel stürzen? Sie sind so merkwürdig aufgeregt, und da ..."
,Hch würde nicht allein stürzen."
Wieder ließ Mia ein flackerndes Lachen hören.
„Ich schwimme wie ein Fisch!"
Da wurden hinter ihnen Stimmen laut. Günter kam mit dem Gärtner zurück. Ein kurzer, schwerer
Beschluß des Kreisamts Gießen vom 10. Oktober 1935 wegen Ablehnung des Führerscheines.
Klage des Karl Huhn in Gießen gegen den Beschluß des Kreisamts Gießen vom 5. Dezember 1935 wegen Ablehnung des Führerscheines.
Drei Zigeuner in Gießen verhaftet.
Im Zuge der umfassenden Ermittlungen gegen die im Lande umherziehenden Zigeuner nach der Aufdeckung der Deoisenschiebungen durch Zigeunerfamilien nahm sich die Gießener Gendarmerie in Gemeinschaft mit der hiesigen Kriminalpolizei am gestrigen Dienstag eine Zigeunerbande vor, die in zwei Wohnwagen in Heuchelheim weilte. Die ganze Gesellschaft wurde nach Gießen in den Hof des Kreisamts gebracht und hier in allen Teilen gründlich durchsucht. Dabei wurde natürlich auch in den Wohnwagen sehr eingehend Umschau gehalten. Es ergab sich, daß diese Zigeunergesellschaft keine Divisen mit sich führte, dagegen wurde festaestellt, daß zwei Zigeuner sich gegen das Zigeunergesetz vergan-
Mornent des Schweigens zwischen den beiden Frauen, dann fühlte Annelies plötzlich, wie ihr Körper wieder Raum gewann. Mia trat langsam etwas zurück.
„Aber Sie haben wirklich recht, Fräulein Fahrenkamp. Für Unterhaltungen ist der Ort wirklich nicht geeignet. Entschuldigen Sie, ich bin manchmal noch recht kindisch — nicht?"
Annelies gab keine Antwort. Die ungeheure Spannung in ihrem Körper hatte jäh nachgelassen. Sie fühlte eine plötzliche, grenzenlose Schwäche, die Knie zitterten ihr — kaum trugen sie die Füße.
„Mein Gott", sagte Mia. „Ich habe Sie wohl tatsächlich erschreckt? Das wollte ich natürlich nicht!"
Sie streckte ihr die Hand entgegen.
„Kommen Sie, ich helfe Ihnen."
Annelies schien die Hand zu übersehen. Schwankend und taumelnd setzte sie sich in Bewegung.
„Was tut ihr denn da draußen?!" rief Günter vom Ufer her. *
„Es war eine Dummheit von uns", sagte Mia, die zuerst herankam. „Ich bin ja schwindelfrei, aber Fräulein Fahrenkamp verträgt es anscheinend nicht. Sie sieht ja zum Erbarmen aus. Und ich bin noch schuld daran."
Günter trat auf den Steg und ging Annelies entgegen, um ihr herunterzuhelfen.
„So ein Leichtsinn!" schalt er besorgt. „Das hätte dumm ausgehen können!"
Sie nahm seine Hand und lächelte.
„Ja, das hätte dumm ausgehen können. Aber anscheinend bin ich der Welt doch noch etwas nütze."
Günter horchte auf den sonderbaren Klang ihrer Stimme, aber er verstand ihn nicht.
„Es wird gut fein, wenn wir machen, daß wir weiterkommen!" sagte Mia. „Eine Tasse Kaffe oder ein Glas Wein wird Sie schon wieder auf die Beine bringen, Fräulein Fahrenkamp. Und für die Zukunft wollen wir es uns eine Lehre fein lassen."
Dann wandte sie sich an den Gärtner:
„Ich bin mir in der Hauptsache klar. Das Weitere regele ich mit den Erben direkt."
Wenige Augenblicke darauf glitt der Wagen davon, hinaus in den strahlenden Tag. Annelies spürte die seltsam pochende Schwäche noch immer in den Gliedern. Sie lehnte sich tief ins weiche Polster des Wagens zurück. Ihr graute vor dieser Frau. Sie erlebte im Geiste noch einmal die Augenblicke dort auf dem Landungssteg und fühlte, wie das Entsetzen sie wieder schüttelte. Man konnte Mia Rech- berg nicht zutrauen, daß sie zur Verbrecherin am Leben der Rivalin werden könnte — nein, das nicht; aber das Grauen vor diesem Geschöpf blieb. Und einer solchen Frau sollte Günther verfallen und ausgeliefert sein?
Sie kehrten in einem in der Nähe gelegenen Restaurant ein. Es war noch zu früh zum Mittagessen, aber Günter machte Annelies den Vorschlag, einen Bissen zu sich zu nehmen. Sie lehnte ab. Aber der Wein tat ihr offensichtlich gut.
gen und einer gegen das Schußwafsengesetz verstoßen hatte. Diese drei Zigeuner wurden feftge- nommen und dem Amtsgericht zugesührt, wo sie durch richterliche Entscheidung in Untersuchungshaft genommen wurden. Die übrige Gesellschaft wurde mit Sack und Pack abgeschoben.
Festnahme der geflohenen vier Zigeuner.
Aus Frankfurt a. M. wird noch gemeldet:
Durch die umfangreichen Fahndunaen der Frankfurter Polizei und die Mitarbeit der durch den Rundfunk verständigten Bevölkerung gelang es im Laufe des Sonntagnachmittags, die in Frankfurt geflüchteten vier Zigeuner festzunehmen. Sie waren jedoch nicht mehr im Besitze der mitgenommenen Devisen, denn es steht fest, daß sie mit Paketen die Wohnwagen verlassen haben. Man vermutet nun, daß sie die Pakete entweder irgendwo vergraben oder bei Komplicen untergebracht haben.
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Der im Gießener Anzeiger vom 11. Januar angekündigte Vortrag von Privatdozent Dr. Richter über die Ausgrabungen auf der Glauburg findet — wie in Berichtigung jener Anzeige ausdrücklich fest- gestellt *fei — am 16. Januar in der Aula des Gymnasiums statt.
Obst- und «nartenbanvprem
Im vollbesetzten Saale des Hotels Hopfeld hielt am Sonntag der Verein seine erste diesjährige Tagung ab. Nach Erledigung einiger interner Angelegenheiten wies der Vorsitzende auf die günstige Gelegenheit hin, die sich gegenwärtig zur Bekämpfung der Wühlmäuse in den Gärten mittels Gift und Fallen, wie auch durch Umarbeiten von Kompost- und Erdhaufen, sowie der Beseitigung alter Hecken biete. Ferner wurde auf die wirtschaftlichen Vorteile hingewiesen, welche die Ausnützung aller sonnig gelegenen Hauswände und Mauern mit Spalierobst viettzt. Pfirsich und Wein zur Selbstversorgung gibt es noch viel zu wenig.
Redner des Tages war Gartenbaudirektor Lange aus Frankfurt a. M. In überaus klarer und anschaulicher Weise legte er die mancherlei Be- bingungen dar, unter denen Obstbäume nicht nur regelmäßige Ernten brächten, sondern auch zu einer notwendigen Mehrleistung veranlaßt werden könnten. Wir haben es, so sagte der Redner u. a., durch vermehrte Anpflanzung schwachwachsender Zwergbäume in der Hand, unsere Gärten besser als seit» her auszunutzen und durch bessere Pflege, Bodenbearbeitung und Düngung die Ernte nach Menge und Güte zu steigern. Unter den gegenwärtigen wirtschaftlichen Umständen muß jeder, der Bäume besitzt ober solche pflanzen kann, an der Aufgabe tätigen Anteil nehmen, den Obstbedarf unseres Volkes aus eigener Scholle zu decken. Das nächste Ziel ist, jeden Obstbaum dahin zu bringen, daß er jährlich 20 Pfund mehr Früchte trage. Dieses Ziel ist erreichbar, und wenn es erreicht sein wird, werden wir von der Versorgung aus dem Ausland unabhängig fein. Wir haben sogar, so teilte der Redner mit, trotz der geringen Obsternte ohne Auslandsware noch so günstige Vorräte, daß ein erheblicher Mangel nicht zu befürchten ist. Auf den Baumschnitt eingehend, dessen Bedeutung in der Regel verkannt und überschätzt werde, wurde gesagt, er sei kein Mittel, um unfruchtbare Bäume fruchtbar zu machen. Wichtiger sei die Wohl der Sorten und vor allem auch der verschiedenen Unterlagen. A"ch die in Ihrer Bedeutung erst seit kurzem voll gew r- bigte Rolle bet Bestäubungsverhältnisse würbe ein» ge'henb erörtert, wie auch noch vieles andere, das in nächster Zeit in einem Artikel der „Scholle" behandelt werden soll.
Der mit reichem Beifall belohnte Vortrag löste zum Schluß noch eine überaus lebhafte Aussprache aus, die erkennen ließ, daß das allgemeine Interesse am Obstbau in erfreulicher Weise zunimmt.________
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„Ja, und nun möchte ich gern eure Ansicht hören!" sagte Mia. „Könnt ihr mir raten, das Grundstück zu kaufen? Aber bitte ganz offen sprechen."
Annelies enthielt sich einer Antwort. Günter spielte mit dem Stiel seines Glases.
„Wenn du sonst nicht irgendwelche Bedenken hast, kann ich dir nur raten, zuzugreifen. Es ist ein ganz prachtvolles Grundstück."
Mias Augen hingen mit zwingender Frage an seinem Gesicht. Dann ließ sie plötzlich die dunklen Wimpern sinken.
„Wenn ich überhaupt hierbleibe, werde ich es kaufen!" sagte sie, als spräche sie in ihr Glas hinein.
Als sie am späten Nachmittag wieder nach Hause fuhren, gelang es ihr, Günter kurz vor dem Eingang des Gartenrestaurants einen Augenblick allein zu sprechen. Sie trat dicht vor ihn hin und sah ihn mit einem schwermütigen Augenaufschlag an.
„Du hast mir etwas versprochen, Günter. Weißt du es noch?"
Er verneinte. Er erinnerte sich tatsächlich nicht.
„Doch, Günter: die Bootsfahrt!" half sie seinem Gedächtnis nach.
„Ach ja! Aber ich weiß wirklich nicht ..."
Sie hielt seinen abirrenden Blick fest.
„Günther", bat sie mit drängender Stimme, „ich weiß nicht, wie lange ich noch hier sein werde — willst du mir diese Stunde noch schenken?"
Er sah ihr stumm in die fast angstvoll flehenden Augen. Dann straffte sich seine Gestalt.
„Gut! Ich werde kommen!" sagte er heiser.
„Wann? Heute abend?"
„Morgen — wenn es dunkel wird."
14. Kapitel.
Die alte Kathrin trat mit schwerfälligen Schritten ans Küchenfenster und sah in die merkwürdig fahle Dämmerung hinaus.
„Der Himmel gefällt mir gar nicht! Es gibt heute noch ein Wetter!"
Annelies folgte ihr langsam. Sie sah prüfend zum Himmel hinauf. Dann glitt ihr Blick verloren über den Garten hin. Plötzlich stutzte sie. War das nicht Günter, der da eben mit raschen Schritten unter den Bäumen verschwand? Ging er nach dem Turmzimmer? Er hatte sie heute ein paarmal mit einem solchen Ausdruck in den Augen angesehen, daß sie laut hätte aufschreien mögen. Vielleicht suchte er jetzt wieder einmal die Einsamkeit.
Eine knappe Viertelstunde darauf ging sie wieder ins Wohnzimmer hinüber.
„Wo ist denn Günther?" fragte sie mit ruhiger Miene.
„Er wollte noch ein bißchen an die Luft!" gab die Tante Auskunft. —
Günther hatte die Schritte verlangsamt, als die Stufen von der Mauer herabgestiegen war und nun nach dem Flußufer hinüberging. Von weitem schon sah er Mia in dem unsicheren Dämmerlicht neben dem Bootshaus stehen. Ihr Kleid wehte im aufkommenden Winde. Fortsetzung folgt


