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Nr. 87 Zweites Blatt

Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für Vveryesfen-

dienstog, H.llpril 1936

Stadt ohnegrauen Alltag".

Heisebrief aus Taormina.

Von unserem (Schm.)-Korrespondenien.

Kriegsentscheidung und Kriegsplan.

Deutsche«! Schicksal vor zwanzig Zähren.

Die Operationen des Jahres 1916 bis zum Wechsel in der Obersten Heeresleitung werden im zehnten Bande des im Auftrage des Reichskriegsminifteriums herausgegebenen amtlichen Werkes über den Weltkrieg behandelt. Beson­dere Beachtung verdienen die fesselnden Dar­legungen über die Kriegsentscheidung und den Kriegsplan.

Eine kritische Stellungnahme zur Kriegsführung des Generals von Falkenhayn wird von der Feststellung auszugehen haben, was vom Stand­punkt der Mittelmächte gegenüber dem Ring der feindlichen Koalition unterKriegsentschei­dung" zu verstehen war. Für Deutschland und Oesterreich-Ungarn durfte ein Erfolg als kriegsent­scheidend nur dann angesehen werden, wenn er einen Gegner zum Ausscheiden zwang oder mindestens als militärischen Machtfaktor völ­lig ausschaltete, ohne den die feindliche Koalition den Krieg mit Aussicht auf Erfolg nicht weiter zu führen vermochte. Es liegt auf der Hand, daß Erfolge auf dem Balkan oder gegen Italien, wie durchschlagend sie auch sein moch­ten, allein kriegsentscheidende Bedeutung nie­mals haben konnten. Es waren Abwehrsiege zur Sicherung der Gesamtlage, bestenfalls Stufen zur Vorbereitung des Entscheidungskampfes. Unter den drei Hauptgegnern der Mittelmächte war Eng­land derjenige, dessen Ausscheiden oder Wehrlos- machung den stärksten Einfluß auf den Kriegsausgang zu üben versprach. Einer Koalition, die sich der Mithilfe Englands beraubt und damit in der Hauptsache auf Frankreich und Rußland be­schränkt sah, wohnte schwerlich die Kraft inne, den Krieg zu gewinnen. Eine Koalition England-Frank­reich ohne Rußland blieb unstreitbar in sehr viel höherem Grade kriegsfähig als eine Koalition Eng­land-Rußland ohne Frankreich.

General von Falkenhayn hat bereits im Herbst 1914 zutreffend erkannt, daß England der stärkste Machtfaktor des Feindbundes, die Seele seines Widerstandes war. Die deutsche Marine leitung sah in diesem Zeitabschnitt den Entscheidungskampf zur See wegen des für Deutschland ungünstigen Stärkeverhältnisses als aussichtslos an. Für die deutsche Landkrieg­führung aber war es eine schlechthin unlösbare Aufgabe, ohne Mitwirkung der Seestreitkräfte Eng­land an den Wurzeln seiner Kraft so stark zu tref­fen, daß es als tätiges Glied aus der feindlichen Mächtekoalition ausscheiden mußte. Die Höchstlei­stung war erreicht, wenn es gelang, England durch Vernichtung seines auf dem Festlande stehen­den Heeres schwersten Schaden zuzufügen. Ein solcher Schlag konnte aber zu einem kriegsentschei­denden gesteigert werden, wenn er begleitet war von der Wehrlosmachung Frankreichs. Dann bestand begründete Aussicht, schließlich auch des dritten Hauptgegners, Rußland, Herr zu werden, sofern es überhaupt noch eines entschei­denden Waffenganges gegen ihn bedurfte.

Die Möglichkeit, den Krieg nach diesem Grund­gedanken erfolgreich zu führen, war nach dem Scheitern des Marne-Feldzuges, wenn auch. bereits erheblich eingeschränkt, so doch noch nicht gänzlich ausgeschlossen. Mit dem Uebergang zum Stellungskriege im Westen im Spät­herbst 1914 wandelten sich aber von Grund aus alle Voraussetzungen, auf denen der bisherige Kriegsplan beruht hat. Entscheidend fiel vor allem die veränderte Rolle ins Gewicht, die fortan dem Kampfe gegen Rußland im Rahmen der Gesamtkriegshandlung zugestanden werden mußte. Dem russischen Heere in hinhaltender Kriegführung mit einem Mindestmaß an Kräften Halt zu gebie­ten, kam nach den Erfahrungen, die das öster-

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.) z. Zt. Taormina (Sizilien), März 1936.

Man muß das einmal alles ganz schlicht und unkompliziert sagen. Sonst ließe sich die Schönheit der sizilianischen Landschaft, die sich gerade hier in Taormina mit überaus verschwenderischer Pracht darbietet, nicht in Worte kleiden, wer hoch oben vom griechischen Theater auf das darunter liegende Städtchen, auf die Weite des Meeres und die Küste, auf den von ewigem Schnee bedeckten Aetna und dann aufwärts blickt in den unbeschreiblich blauen Himmel, wird zunächst einmal sprachlos diesem überwältigenden Bilde gegenüberstehen. Wer in einem solchen Augenblicke viele Worte machen wollte, müßte als ein Schwätzer gelten. Und so ist es auch hier: wer es unternimmt, den Eindruck dieser Landschaft zu schildern, hat mit den Worten zu ringen, sie $u scheiden und zu wählen.

Das griechische Theater, von dem aus der schönste Ausblick auf Taormina und seine Umgebung möglich ist, stammt aus einer Zeit, in der Sizilien eine der reichsten Provinzen Griechenlands war. Das noch erhaltene Mauerwerk stellt die Reste einer römi­schen Restauration dar. Eine Ruine von höchster Romantik, zwischen deren Mauernischen ungezählte flinke Eidechsen hin- und herhuschen.

Dieser Ausblick! Terrassenförmig über einer hohen Felswand aufsteigend die Stadt Taormina, deren Ursprung sich im Dunkel der Zeiten verliert. Silikaner, Griechen, Römer, Byzantiner, Araber und Normannen haben um diesen Ort gekämpft und haben Spuren dieses Kampfes und der errun­genen Macht hinterlassen. Wer von oben hinunter- chaut auf dieses Städtchen in geradezu paradiesi- cher Lage, wird verstehen, daß seine Schönheit und seine Vorzüge den Wunsch zu seinem Besitz aufkommen ließen. Noch jetzt wird mancher, der hier hoch über der Stadt mit ihren behaglichen Gassen und den hübschen alten Häusern steht, die Empfindung haben, in dieses Bild, auf dem Taor­mina sich wie aus einem Spielbaukasten genommen dartut, hineingreifen zu sollen. Ja, man möchte eigentlich mehr tun als nur zu schauen, möchte gewissermaßen in dieses wirklich einzigartige Bild hineinsteigen, um damit zu verschmelzen.

Drüben die rauchende Pyramide des Aetna, dessen schneebedeckte Spitze in der Sonne blinkt. In diesem Licht, das die vom wolkenlosen Himmel scheinende Mittagssonne spendet, schwindet das Raumgefühl. Wären da nicht die langen Küstenstreisen, die sich durch die weiße Brandungsgischt vom tiefblauen Meer absetzen, könnte man meinen, der Aetna liege viel, viel näher, als ein Blick auf die bereitgehaltene Landkarte verrät. Und fern, ganz in der Ferne schon verschwimmend die violetten Berge Calabriens.

Wenn man yom griechischen Theater wieder hin­untersteigt, kommt man an den schönen großen Hotels vorbei, deren ausgedehnte Gärten mit schal- tenspendenden Bäumen zum Verweilen einladen. Sie sind für jedermann geöffnet, und man kann sich

reich-ungarische Heer gemacht hatte, nicht mehr in Frage. Der solchem Verfahren an sich dienliche Stellungskrieg hatte auf dem östlichen Kriegsschau­platz erst spät eingesetzt und der Verteidigung konnte auf den weitgedehnten, nur schwach ausge­bauten Fronten nachhaltige Kraft nicht in dem­selben Maße zugesprochen werden wie im Westen. Der baldige Zusammenburch des Verbündeten wäre die unausbleibliche Folge gewesen. Der Osten, auch wenn er wie bisher Nebenkriegsschauplatz bleiben sollte, heischte gebieterisch vermehrten Kräfte­einsatz. Sollten die Russen durch kraftvolle Of­fensivschläge zum Stehen gebracht und in die Ver­teidigung zurückgeworfen werden, wie es im Win-

darin ergehen, solange man eben mag. Gerade jetzt im Frühling, wo die Rosen blühen, die Levkojen und Narzissen, wo die schönste Blume der farben­frohen Mittelmeerküste, die flatterige Bougainvillia, ihre leuchtende violette Blüte prangen läßt, gerade um diese Jahreszeit muß man durch solche wahre Paradiesgärten wandern. Immer wieder zwingt dieser geradezu unwahrscheinlich blaue Himmel dazu aufzuschauen und durch die verschwenderische Fülle leuchtender Blüten vom Weiß bis zum satten Rot zwischen den üppigen Zweigen und schirmenden Blättern mächtiger Palmen, Zypressen, Zedern und Erdbeerbäumen dieses ungemein beruhigende Blau zu suchen.

Taormina das ist jener Ort, möchte man meinen, wo es keinen Pessimismus geben kann. Wo es, auch wenn die Sonne einmal nicht vom wolken­losen Himmel strahlt, keinengrauen Alltag" gibt. Denn auch dann, wenn der Schirokko, der warme Mittelmeersturm, Wolkenfetzen über die Felszacken weht und die schlanken Zypressen sich verneigen läßt, auch dann verleugnet diese Landschaft ihre Reize nicht. Man muß einmal den langen Weg gegangen sein, der sich vom Bahnhof unten am Meere zum Städtchen auf der Höhe hinaufwindet. Dann wird man von jeder Wegschleife aus immer neue Ausblicke gewinnen auf das Meer und seine gezackte Küste, auf den Aetna und in die prächtigen Gärten, die die Paläste glücklicher Menschen bergen. Oder man muß einmal auf der Höhe des griechischen Theaters ge­standen sein, wenn die Sonne versinkt und die ersten Lichter in der Terrassenstadt aufleuchten!

Dann wird man begreifen, daß dieser Ort des Friedens und der Ruhe, dieser glückliche und glück­spendende Erdenwinkel eine Atmosphäre ausströmt, die wahre Lebensfreude vermittelt. Dann wird man auch verstehen, weshalb die Menschen Siziliens, ob sie nun in brütender Hitze ihre Esels- karrsu über staubige Felswege quälen, oder ob sie im Müßiggang auf den Straßen stehen, die schon den Orient ahnen lassen, wird man verstehen, weshalb diese Menschen immer unverdrossen und unbekümmert sind. Wo der Wein in üppiger Fülle gedeiht, wo schon die Zitronen und Orangen in lustiger Buntheit von den ungezählten Bäumen grüßen, da kann kein Platz sein zu Schwermut und Kümmernis. Da kann es nur Frohsinn geben und Lebensfreude. Sie offenbaren sich in den Trachten und Gesängen dieses Volkes, spiegeln sich wider in den bunten Bildern auf den Eselskarren und äußern sich in den uns manchmal aufdringlich scheinenden Rufen temperamentvoller Menschen. Wer einmal des Abends in einer jener Weinschenken gesessen hat, wo Ümherziehende Musi­kanten zur beschwingten Tarantella aufspielen, und wer dabei erlebt hat, wie den Zuschauenden der Wirbel des Tanzes nicht schnell genug sein kann, der wird sich einen Begriff davon machen können, wie stark eine lebensfrohe Landschaft ihre Menschen formt.

ter 1914 tatsächlich an einem großen Teil der Front mit Erfolg geschehen ist, so bedeutete das ein Auf­gebot und eine Festlegung so starker Kräfte, so daß Durchbruch im Westen und seine operative Aus­wertung einfach nicht möglich war.

Den Plan des Generals von Falkenhayn, dessenungeachtet im Frühjahr 1915 mit Hilfe der 14 neugebildeten Divisionen den Entscher - dungskampf gegen die West möchte wie­der aufzunehmen, kann rückschauende Kritik in An­betracht der an der Westfront damals bestehenden Stärkeverhältnisse schwerlich billigen, selbst wenn man berücksichtigt, daß auch auf feindlicher Seite drückender Mangel an Munition bestand. Der da­

malige Feldmunitionschef, General der Artillerie a. D. Sieger, hat hierzu festgestellt:Der Feld- munitionschef erhielt von allen diesen Plänen keine Kenntnis, sonst hätte er unschwer nachweisen kön­nen, daß die Munitionslage im Frühjahr 1915 eine großangelegte Offensive im Westen un­bedingt ausschloß. In der Abwehr der fran­zösischen Frühjahrsoffensive in der Champagne waren die mühsam gesammelten Reserven f a st re st los aufgezehrt worden." Aber auch die Ansicht des Generalstabschefs, daß es für das Aus­lagen des Entscheidungskampfes im Westen genüge, wenn zuvor durch Angriffe mit beschränkten Zielen die Offensiokraft des russischen Heeres auf abseh­bare Zeit gelähmt" würde, beruhte insofern auf Täuschung, als der Größe und Dauer dieses Ent- scheidungskampfes im Westen mit zeitlicher Be­grenzung der für ihn unerläßlichen Rückensicherung im Osten nicht hinlänglich Rechnung getragen wurde.

Die Kriegsentscheidung gegen die Westmächte unter den erschwerenden Verhältnissen des Stel­lungskrieges zu erzwingen, war nur noch möglich, wenn zuvor Rußland als Machtfaktor ausgeschaltet, das heißt das russische Heer so entscheidend geschlagen wurde, daß vollständige Rückenfreiheit im Osten erreicht wurde. Der bisherige Nebenkriegsschauplatz mußte also in Aus­nutzung des Vorteils, den die Kriegführung auf der inneren Linie bot, zielbewußt und planvoll unter ganz erheblicher Steigerung des Kräfteem- fatzes für lange Zeit zum Hauptkriegsfchauplatz ge­macht werden. Wenn im Frieden bei der Aufstel­lung der deutschen Operationspläne gegen diesen Gedanken mit Recht eingewendet worden war, daß die russische Führung bei Kriegsbeginn es in der Hand habe, sich einer ihr unbequemen Waffenent­scheidung durch rechtzeitiges Ausweichen beliebig lange und beliebig weit zu entziehen, so war solches Verfahren jetzt weniger wahrscheinlich und auch schwieriger, denn das russische Heer stand auf seiner ganzen Front in enger Fühlung und Kampf­berührung mit feinen Gegnern. Es schien durchaus bereit, im Angriff die Entscheidung zu suchen. Im übrigen war es Kunst der Führung auf feiten der Mittelmächte, die Operationen so anzulegen, daß ein möglichst durchschlagendes Ergebnis auch dann tn Aussicht stand, wenn der Feind unter dem Ein­druck unglücklicher Teilkämpfe versuchen sollte, der Entscheidung auszuweichen.

General von Falkenhayn hat über den Be­darf an Kraft und Zeit, der zur Bewältigung dieser ungeheuren Aufgabe erforderlich war, durchaus zu­treffende Vorstellungen gehegt. Fraglich bleibt aber doch, ob er deshalb Recht hatte, den Gedanken grundsätzlich zu verwerfen. Denkbar war seine Verwirklichung allerdings nur bei ganz wesentlicher Schwächung des We st Heeres zugunsten des Ostheeres. Entschloß man sich hierzu unter Aufrechterhaltung der bisherigen weitgehenden Front, so lief man Gefahr, den mit Sicherheit ein­setzenden Durchbruchsversuchen der Fran­zosen und Engländer zu erliegen. Gebot war also eine erhebliche Verkürzung der Front. Sie mußte vor Abgabe stärkerer Kräfte an den Osten nach sorgfältig" ausgearbeitetem Plan so vorbereitet sein, daß man, sobald ein feindlicher Angriff einsetzte, in hinhaltender Kampfweise plan- mäßig ausweichen konnte. Da hierbei aus einleuch­tenden Gründen auf Belgien, insonderheit auf die flandrische Küste nicht verzichtet werden durfte, kam als äußerste Grenze für eine solche Rückwärtsver­legung der Front etwa die Linie NieuportLille MaubeugeMetzStraßburgOberrhein in Frage. Die ersparten Kräfte, vielleicht ein Dutzend Korps, wurden aber erst ganz allmählich nach gründlichem Ausbau der neuen Stellungen frei. Mithin konnte eine entscheidungssuchende Offensive im Osten erst nach geraumer Zeit ins Werk gesetzt werden. Bis dahin fiel der Kriegführung auch dort ledig­lich die Aufgabe zu, die operative Gleichgewichts­lage^ aufrechtzuerhalten ober wiederherzustellen.

Für dos Gelingen eines so großen Vorhabens war aber auch unerläßliche Voraussetzung, daß im Rah- men einer weitgreifenden Dienstbarrnachung

Gießener Siavttheater.

Eugen d'Albert:Tiefland".

Eugen d ' A l b e r 15 OperTiefland" hat nun schon über drei Jahrzehnte ihre Stellung auf der deutschen Opernbühne gehalten (Uraufführung 1963) und noch immer bewährt sich das Werk mit unver­brauchter Frische der Wirkung auf den Zuhörer, sowohl durch die Handlung wie auch durch die inne­wohnenden musikdramatischen Kräfte.

Der Text folgte dem Schauspiel des Spaniers A. G u i m e r a, das namentlich in den romanischen Ländern starken Erfolg gehabt hatte. Rudolf L o - thar hat die Handlung ergänzt und damit vertieft und ihr die unbedingte zwingende Notwendigkeit in der Abfolge des Geschehens gegeben. Die einzel­nen Gestalten sind stark individuell geprägt; sie gruppieren sich als Vertreter der beiden Lebens­kreise, die miteinander in Konflikt geraten; denn der Titel der OperTiefland" bezeichnet nicht nur das Milieu, in dem sich das Geschehen abspielt, sondern er wird zum Symbol für eine sittliche Sphäre, wo die Menschen durch ihr enges Beiein- aüberfein Sklaven ihrer Triebe und Begierden werden, wo der einzelne Machtvolle durch brutale Gewalt sich die anderen zu Willen zu zwingen ver­sucht. Dem tritt als Kontrast die Welt des Hoch­landes gegenüber mit der Freiheit des Einzelnen, mit der Reinheit und Ursprünglichkeit der Gesin­nung und der inneren Verbundenheit aller ganz als das unmittelbare Abbild der umgebenden freien Natur. Die Handlung wird nun zu einer Auseinandersetzung, zu einem Kampfe des Unver­fälschten, Unberührten, Naturnahen mit dem Ent­arteten, von sinnlichen Trieben und Machtüberheb­lichkeit Beherrschten.

Pedro, das Naturkind des Hochlandes, mißt alles nach den ihm von Natur aus eingegebenen, unver­fälschten, sittlichen Maßstäben und so muß er beim Eintritt in den Lebenskreis des Tieflandes unbe­dingt mit den sittlich entarteten, ja skrupellosen zweckgerichteten Machtgelüsten des Sebastiano in allerstärksten Konflikt geraten, der zur entscheiden­den Auseinandersetzung durch den Kampf sittlicher wie auch primitivster körperlicher Kräfte drängt, und in dem derreine Iorv obsiegt. Marta, die durch die rohe Gewalt des Sebastiano zur Preisgabe ihrer Frauenehre gezwungen worden war, hat sich dennoch einen letzten unauslöschlichen Kern weib­lichen Reinheitsgefühles erhalten. Sie muß sich dar­um gegen eine Verbindung mit Pedro sträuben, so­lange sie annehmen fänjt, daß dieser von dem un­sauberen Ehehandel mit all seinen widrigen Hinter­gründen weiß. Je mehr sie aber die Unschuld und damit die sittliche Größe Pedros erkennt, um so

stärker bedrückt sie ihre eigene, wenn auch nur er­zwungene Verworfenheit, und mit dem Wachsen des Ekels gegen ihr oisheriges Dasein flammt die Liebe zu ihrem Retter auf.

Die Nebenfiguren scheiden sich je nach der Kraft, mit der sie der verderblichen Verkommenheit des Tieflandes zu widerstehen und sich aus ihrer Macht loszureißen vermögen ober nicht. So erwächst der Mühlknecht Moruccio in dem Augenblick zum Hel­den, als er Mann gegen Mann, unabhängig sei­nem früheren Machthaber gegenübertreten kann. So gibt Nando der Hirt, der sich kurz zuvor in renommierender Weise mit der Kenntnis der Tief­landwelt gebrüstet hat, doch der Welt des Hoch­landes den Vorzug, als es sich um die Entscheidung für Pedro handelt. Tommaso, der Aelteste der Ge­meinde, kann sich erst in dem Augenblick von dem traditionell übernommenen Abhängigkeitsverhältnis gegenüber Sebastiano, als dem Herrn, frei machen, als er genauen Einblick in die gegebene Lage er­langt t)at, und wird dann zum Hüter der sittlichen Lebensordnung, die ihm als Hochlandkind einge­fleischt ist. Nuri, Martas Vertraute, vermag wohl in ihrem kindlichen Sinn und in ihrer geistigen Be­fangenheit primitiv menschlich zu empfinden; aber den Umkreis, in dem sie lebt, versteht sie nicht mit den niedrigen Gründen seines Handelns. Alle an­deren, die Klatschbasen und die Vertreter des Vol­kes, fühlen sich mehr ober weniger innerlich von ber Welt Sebastianos abhängig.

Die Musik Eugen b'Alberts zeigt sich ein­mal bem neubeutschen Musikbrama verbunden, dann aber bricht ein angeborener romanischer Einschlag mit leicht fließender Erfindung, Schlagfertigkeit im Ausdruck und Treffsicherheit im musikalischen Er­fassen ber Situation durch, und so fügen sich in Tiefland" sowohl Einzelzüge des italienischen Verismus als auch Milieucharakteristik in Bizetscher Art und des modernen musikdramatischen Stiles zu wirksamer Vereinung. Der jähe Stimmungs­wechsel und die hart aufeinander prallenden gegen­sätzlichen Situationen lassen eine symbolhaft die Handlung durchdringende Leitmotivtechnik in letzter Konsequenz nicht zu. Wohl aber beleuchtet der Komponist die einzelnen Gestalten und wieder­kehrende Begriffe (z. B. den Wolf) mit Erinne­rungsmotiven. Dabei erweist sich d'Alberts theatermusikalische Befähigung in vielfältiger Sin­nenfälligkeit, daß sie jeder Situation treffendste und wirksamste Einkleidung zu geben vermag. In ber Charakterisierung ber einzelnen Gestalten zeigt seine Tonsprache eine eingehenbe Natürlichkeit und Unmittelbarkeit des Farbwertes. Die Lebhaftigkeit und der füllige Reichtum der Erfindung, die Flüssig­keit in der Handhabung ber Mittel neben jeber Situationsschilderung ihr Recht und lassen jeder

Gefühlsregung eine angemessene charakteristische Note zukommen. So fängt er den Zauber der Hochlandsnatur mit so einfachen Mitteln Über­zeugend ein. Dem Texte folgend, erfaßt er die ein­zelnen Szenen in musikalischer Geschlossenheit. Seine Kraft der musikalischen Schilderung durchströmt ebenso Pedros Wolfserzählung wie Martas Beichte. Dazwischen hat er wieder Momente höchst drama­tisch gespannter Geladenheit, wie etwa beim Ent­decken des Lichtscheines. Die Treue der Charakte­ristik verstärkt sich noch durch die Verwendung spanischer Originalrnelodien, so in ber Tanzszene unb in Nuris Morgenlieb.

Diesem Werke gab bie Ausführung bis zum Ein­zelnen hin stilsichere Ausprägung, starke Lebendig­keit unb Ausgeglichenheit. Die "Spielleitung Paul W r e b e s hatte jebe einzelne Situation typisch an­gemessen burchgestaltet, so beispielsweise bie Szene ber Klatschbasen, wie auch bie Bewegtheit ber Massenauftritte als Reflex des Handlungsablaufes. Das charakteristische Milieu war bestimmend für die einzelnen Szenenbilder, namentlich bas Vor- spielbilb mit feiner einsamen Hochlanbshütte war liebevoll bis ins Einzelnste burchgebilbet (Karl Löffler). Im Verein mit bem Stimmungsgehalt der Musik tönte bie Beleuchtung den Reiz ber Sze­nen ab (Hans Weber). Das Orchester unter Paul Walter war mit Schlagfertigkeit bes Mitgehens zu jeder Zeit bereit, die lyrischen Feinheiten ebenso zu erschließen wie in machtvoller Steigerung sich zu letzten dramatischen Akzenten zu erheben; ber Solo­klarinette aber gebührt noch ein zusätzliches Lob. Schabe, baß bas Nachspiel des Vorspiels burch bie Umbaugeräusche auf ber Bühne beeinträchtigt würbe!

Ganz besonders hoch sind die Anforderungen an die Gestaltungskraft der einzelnen Darsteller, unb burchweg war jeber einzelne mit letzter Hingabe am Platze. So konnte Heinz Weiser als Pebro mit ben mannigfachen Wanblungen vom Natur­haften, Naiven zum Erwachen ber Manneswürbe, als Rächer unb Wahrer feiner Ehre mit all ben feinen Zwischenstufen ber Gekränktheit, bes Zwie­spalts in seiner Stellung zu Marta und seiner treuherzigen Vertrautheit zu Nuri voll überzeugen. Ja, angesichts der dramatischen Belebtheit ber Wolfserzählung ober gar ber Erregtheit ber letzten Szenen, bie auch seine Stimmittel helbisch auf­strahlen ließen, kann man über Ungleichheiten in ben lyrischen Stellen, bie ihm mit ihrer mezza voce sichtliche Schwierigkeiten machten, hinwegsehen. In Anbetracht seines burchaus musikalisch behanbel- ten Stimmvolumens sei ihm an btefer Stelle brin­gend geraten, durch gründliche Tonstudien diesen behebbaren Mangel zu überwinden.

Maria Perry als Marta ließ eine reiche Skala der inneren Zustands durchleben von knech­

tischer Ergebenheit, von Lebensüberdruß bis zum Erwachen des Freiheitsahnens in gleichzeitigem Auf flammen einer frei sich gebenden Liebe, die sich zuerst als Eifersucht ankündet, dann aber nach Ent­lastung des Gewissens durch die Beichte sich ganz findet. Allerdings, bis in bie letzten menschlichen liefen des gequälten Frauenherzens vermochte sie nicht vollends vorzustoßen. Sie verdunkelte das trotz allem Erlebten Naturkindhafte der Marta bis­weilen durch einen koketten Zug ins Carmenhafte. In der Höhe des Affektes entfaltete sie leidenschaft­lich durchglühte Töne.

Ein echter Spanier, in selbstbewußtem Stolz bis zum brutalen Herrentum war Gustav Bley als Sebastiano, gleichzeitig Liebhaber und Scheusal in zwiespältiger Gestalt. Jede Bewegung, jeder Schritt war aufs Schärfste mit den Erfordernissen der Partie abgestimmt. Der wuchtvollen Gestaltung entsprach sein bis zum Letzten gefügiges klang­schönes Organ, weit ausladend in der Höhe der Erregtheit; bie bebeutenbfte Leistung bieses schon so oft künstlerisch bewährten Sängers.

Nicht minber steht neben ihm Wilhelm Greif als Tommaso ba. Charakteristisch als Dorfältester in Maske, Haltung unb Gang; voll menschlicher Wärme in ber breiten unb schönen Fülle stimmlicher Kunst, ein warmherziger Helfer unb Hort für bie Bebrängten; ergreifenb in seiner Väterlichkeit bei ber Beichte Martas.

Richarb Stahl als Gast prägte ben Mühlknecht Moruccio mit verbissener Verschlossenheit, getrieben durch ein unerschrockenes Rechtsbewußtsein im Konflikt mit Sebastiano, barstellerisch unb gesang­lich mit vollströrnenbern Organ seine Aufgabe rnei- fternb. Rubolf Hille erfreute als Nanbo durch die Frische seines Stimmklanges unb war so bem Pebro bie gegebene Kontrastfigur; besonberen Aus­druck aber fand er für die Warnung vor bem Tieflanb.

Eine Nuri voll gewinnender Herzlichkeit, voll Schlichtheit unb roieberum menschlicher Innigkeit war Friebel F o r n a l l a z , mit jeber Bewegung sich als bas Naturkinb inmitten gehässiger Mit­menschen gebenb. Wie immer stellte sie ihre reiz­vollen stimmlichen Gaben unb ihr sachliches musika­lisches Erfüllen in ben Dienst ihrer Rolle. Das Klatschbafen-Trio (Helene Wacker, Luise Decker, Emmy Hagemann) zeigte sich voll sprühenber ßebenbigfeit in vollem Aufgehen in bem Milieu, ganz besonders überwiegend Helene Wacker und Emmy Haqemann durch die Ausgeprägtheit stimm­licher Kunst.

Daß einer solchen in sich durch allseitiges Be­mühen geschloßenen Aufführung ber Dank ber Hörer gewiß war, bas bestätigten bie zahlreichen Hervorrufe am Schluß des Abends. Dr. Hg.