Ausgabe 
14.1.1936
 
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M zwischen Mn und Prag.

Dr. Schuschnigg begibt sich wieder einmal auf Reisen. Diesmal führt ihn sein Weg nicht nach Süden, sondern nach Norden. Dor dem Jndustri- ellen-Klub in Prag wird er, einer Aufforderung dessen Präsidenten entsprechend, einen Vortrag halten. (Man hört, daß die Einladung an den österreichischen Bundeskanzler bereits ergangen war, bevor Dr. Benesch und die Prager Regierung etwas davon erfuhren.) Vielleicht hat die Reise von Dr. Schuschnigg nach Prag deshalb größere Beachtung gefunden, weil es seit vielen Jahren das erstemal wieder ist, daß sich ein österreichischer Kanzler in die Hauptstadt der Tschechoslowakei begibt. Zuletzi weilte Dr. Seipel in Prag, von dem bekanntlich das Wort stammt:Jede Lösung mit, nichts gegen Deutschland". Dr. Seipel, der ein sehr konservativ denkender Mann war, hatte damals nicht sehr danach gefragt, welche Regierungsform in Deutsch­land bestand und welche Männer in Berlin regier­ten. Das Deutschtum stand ihm bei aller Wahrung christlich-katholischer Interessen über dem Parteien­streit. Heute möchte man das Wort Dr. Seipels dahin verändern:Jede Lösung nur nicht mit Deutschland".

Vielleicht hat man sich zu sehr daran gewöhnt, die Politik der österreichischen Regierung nach ihrer Abhängigkeit von Italien und Frankreich zu beur­teilen. Die Haltung des österreichischen Vertreters im Völkerbund während der Abstimmung über die Anwendung von Sanktionen gegen Italien schien die allgemeine Annahme zu bestätigen, daß das kleine österreichische Staatsschiff nur im Schlepptau der großen italienischen Fregatte fahren kann. Eine solche Auffassung verallgemeinert und vereinfacht das Wesen und die Ziele der österreichischen Po­litik doch wohl zu sehr. Ein Staat mag noch so klein sein, immer wieder wird er bestrebt sein, sich die arößtmöglichste Unabhängigkeit zu ver­schaffen und zu sichern. Und bei diesem Bemühen wird er seine Freunde dort suchen, wo er sie gerade findet. Er wird auch nicht davor zurückschrecken, einen alten Freund, der iym eine Wegstrecke lang geholfen hat, abzuschütteln. Er wird ständig la­vieren und alle Klippen und Untiefen der Politik zu umschiffen versuchen. Denn darüber darf keine Täuschung bestehen, daß heute die österreichische Staatsführung, gerade weil sie von der Volks­meinung vollkommen losgelöst ist, in ihrer Außenpolitik ungehemmter vorgehen kann, als eine fest im Volk verankerte Regierung. Einer solchen Regierung fällt es verhältnismäßig leichter, das Steuer herumzuwerfen und einen Kurs anzu­streben, den sie bisher zu vermeiden gesucht hatte. Für die Regierung einer kleinen Macht ist es aber auch notwendig, ihre Politik jederzeit der Einstel­lung der Großmächte untereinander sorgfältig an­zupassen. Es kann also kaum Wunder nehmen, daß Dr. Schuschnigg in dem Augenblick ein besseres Einvernehmen und eine engere Zusammenarbeit mit der führenden Macht der Kleinen Entente an­zustreben versucht, in dem Italien nicht nur in einem schweren Krieg in Abessinien, sondern auch in einen drohenden Konflikt mit England ver- wickelt ist. Diese Tatsache ist es, die dem Besuch von Dr. Schuschnigg in Prag, der unter normalen Ver­hältnissen gewiß keine besondere Aufmerksamkeit verdiente, sein Gepräge gibt. Und im übrigen kommt dieser Besuch auch durchaus nicht wie der Blitz aus heiterem Himmel.

Man wird sich erinnern, daß die christlich-soziale WienerReichspost" Ende Oktober vergangenen Jahres einen längeren Aufsatz veröffentlichte, in dem darauf hingewiesen wurde, wie notwendig für Oesterreich eine wohlwollende Haltung Englands sei. Dieser Aufsatz war nicht nur von dem Bedürfnis diktiert, anläßlich neuer Kreditver­handlungen in London um gut Wetter zu bitten, sondern auch um die Bedenken zu zerstreuen, die die sanktionsfeindliche Haltung Oesterreichs in Genf erweckt hatte. Uneinge­standen oder nicht, hielt man es wohl für notwen­dig, sich etwas von dem italienischen Freund zu distanzieren und dort Anschluß zu suchen, wo es über die sanktionsgläubige Haltung keinen Zweifel gab. Plötzlich tauchten denn auch in der Wiener Presse Aufsätze auf, in denen die bei Ausbruch des abessinischen Konfliktes zu Grabe getragenen Do­naupaktpläne zu neuem Leben erweckt wur­den. Dabei tat man sein möglichstes, auch Un­garn erneut in die Diskussionen über die Orga­nisierung des Donauraumes hereinzuziehen. So liegt zum Beispiel eine Nummer derReichspost" vom 4. Januar dieses Jahres vor uns, in der auf ein Buch hingewiesen wird, das der christlich-soziale ungarische Abgeordnete Bela Turi geschrieben hat und in dem unter anderm erklärt wird, eine noch größere Sicherheit für die Unabhängigkeit Oesterreichs werde vorhanden sein, wenn Oesterreich und Ungarn mit der Tschechoslowakei zu einem mitteleuropäischen Zusammengehen sich finden wür­den. DieReichspost" sieht diesen ungarischen Vor­schlag, wenn sie ihn auch alsWunschtraum" be­zeichnet, als bahnbrechende Idee an und schreibt dazu:Es ist ein Verdienst um die Zukunft, da ein Magyare vor die Mächtigen der Kleinen Entent hintritt und für die einzig mögliche, die friedliche ljche Zusammenarbeit plädiert."

Daß aber die Donaupläne mehr sind als nur eine augenblickliche Derlegenheitslösung, beweist wei­ter ein Aussatz, der bereits im August vergangenen Jahres in der amtlichenWiener Zeitung", als deren Herausgeber und Eigentümer die Bundes­verwaltung (!) zeichnet, erschienen ist und in dem des langen und breiten das politische Kräftespiel im Donau-Raum behandelt wird. Der Aufsatz gipfelte in der Forderung, durch einen Donaupakt die Kräfte im Donauraum aus­zubalancieren und durch diesen Donaupakt die Po­litik Oesterreichs in ein aktives Instrument des Universalismus zum Schutze gegen jede Vorherr­schaft, sei sie pangermanisch, panflawisch, panro­manisch oder panbolschewikisch, umzuwandeln. Es kann also gar kein Zweifel sein, daß die österreichi­sche Regierung eine neue politische Kom­bination anstrebt, die ihr erneut die Unabhän­gigkeit der Entschließung erleichtert und sie in die Lage versetzt, den Stürmen des abessinischen Konfliktes auszuweichen. Ob das Liebäugeln mit Prag mehr sein wird als nur ein kleiner Flirt und ob es zu einer Bindung führen wird, mag Dr. Schuschnigg in Prag beantworten.

Mas will Schuschnigg in vrag?

Prag, 13. Jan. (DNB.) Der der Tschechischen Agrarpartei, der Partei des Ministerpräsidenten und Außenministers Dr. Hodza, nahestehende Vecer" behauptet, der österreichische Bundes­kanzler Dr. Schuschnigg werde bei semem Aufenthalt in Prag nicht nur vom Staatspräsi­denten und vom Ministerpräsidenten empfangen werden, sondern auch Kardinal Kasper be­isuchen, was bei derartigen Anlässen nicht gerade «üblich sei. Oesterreich wünsche seine Selbstän­

digkeit und suche Hilfe dafür in Prag. Prag olle die Brücke für Oe st erreich zum Völ­kerbund sein, der gegen Oesterreichs Haltung in den Sanktionsfragen etwas verstimmt sei. Es be- tehe kein Zweifel darüber, daß Schuschnigg in ;Zrag auch über die Rückkehr der Habsbur­ger sprechen wird.Es ist bekannt, daß der Va­tikan die österreichische Unabhängig­keit wünscht und daß er auch der Habs­burger Restaurabion geneigt ist. In Ungarn erwartet man das Ergebnis der Reise Schuschniggs mit Spannung. Auch dieser Staat hat Grund, einen Weg zu suchen, um sich mit dem Völ­kerbund besser zu stellen. Der österreichische Bundes­kanzler wird voraussichtlich Ungarns Wünsche in Prag verdolmetschen." Im Interesse der Tschecho­slowakei dürfe nicht die Frage aufgeworfen werden, ob Oesterreich schwarz, rot, weiß oder gelb sei, Die Tschechoslowakei habe viele gemeinsame Interessen und Sorgen mit Oesterreich.

Aufschub oder Abbruch -er Flottenkonferenz?

London, 14.Jan. (DNB. Funkspruch.) Die auf Dienstag festgesetzte Sitzung der Londoner Flotten­konferenz ist auf Ersuchen der japanischen Abord­nung erneut verschoben worden. Die japa­nische Abordnung erklärt, daß sie weitere An­weisungen von Tokio über einige Punkte benötige. Die Morgenblätter sind der Ansicht, daß

London, 14. Jan. (DNB. Funkspruch.)Daily Telegraph" berichtet über Einzelheiten der englisch­französischen Beistandsabmachungen im Mittelmeer. Die Besprechungen zwischen den englischen und französischen Stäben hätten lediglich zu sehr spärlichenArbeitsabmachungen" ge­führt, auf die sich England verlassen könne, wenn es im Mittelmeer angegriffen würde. Anscheinend seien keinerlei Vereinbarungen für eine Zusammenarbeit auf irgendeine wanderen Gebiet getroffen worden. England würde das Recht erhalten, französische Flottenstützpunkte, Docks und Werkstätten zu benutzen.

In Frankreich habe man ernste Zweifel geäußert, ob nicht sogar diese Maßnahmen zu Unruhen der französischen Arbeiter in den betrof­fenen Häfen führen könnten. Eine automatische Hilfe­leistung der französischen Flotte komme nicht in Frage, da das Kabinett nicht um die Zustimmung des Parlaments zu der erforderlichen allgemeinen Mo­bilmachungsverordnung nachsuchen wolle. Aus dem­selben Grunde würde auch die französische Armee nichts weiteres tun, als sich in v o l l - ständigen Verteidigungszustand ver­setzen. Dies könne durch eine Regierungsverordnung bewirkt werden, durch die die beiden letzten Re­krutenjahrgänge zu den Waffen zurückgerufen wür­den.

Die zur Besetzung aller französischen Grenzen erforderlichen Divisionen würden in voller Kriegs­stärke sein. Die französische Armee würde jedoch nicht in der Lage sein, irgendwelche Operationen über die Landesgrenzen hinaus ohne einen allge­meinen Mobilmachungsbefehl durchzuführen. Für die Zusammenarbeit in der Luft hätten die Stäbe nicht mehr vereinbaren können, als die S i g n a l d i e n ft e der französischen Luftflotte dem britischen Luftfahrtministerium zur Verfügung zu stellen, um die Engländer so früh wie möglich davon

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.) Paris, Januar 1936.

Wie die Verfassung es vorschreibt, tritt das französische Parlament am zweiten Diens­tag des neuen Jahres, also am 14. Januar, zu seinem ordentlichen Sitzungsabschnitt zusammen. Die außerordentlichen Umstände dieser Tagung bestehen darin, daß der Senat um ein Drittel er­neuert in den Luxemburgpalast zurückkehrt und daß die Kammer wenige Wochen vor ihrer Auflösung steht, da mit dem 31. Mai ihre Legislaturperiode abgelaufen ist. Die Drittel­erneuerung des Senats hat dessen politisches Ge­sicht nicht geändert und das respektable Durch­schnittsalter seiner Mitglieder nicht gesenkt. Der Se­nat wird seiner geschichtlichen Aufgabe treu bleiben, beharrendes Gegengewicht der nervösen Ausschläge einer politisch sehr viel aktiveren Kammer zu sein. Er ist mit dem Dämmerlicht zufrieden, das vom politischen Tag durch die Glaskuppel auf feine be­schauliche Arbeit fällt, und überläßt es neidlos der Kommer, im Jupiterlicht der politischen Oeffentlich- keit seine parlamentarischen Kämpfe auszutragen.

Wenn die Abgeordneten der Kammer am Diens­tag wieder in ihr seltsames Heim ohne Fenster, in das Palais Bourbon zurückkehren, lassen sie sozu­sagen ihr Köfferchen im Vorzimmer in Bereitschaft. Sie rüsten sich, zu der neuen Befragung des Volkes in ihre Wahlkreise zurückzukehren. Trifft das Wort, daß man reisende Leute nicht aufhalten soll, auch für französische Abgeordnete zu? Ein leidenschafts­loser Beobachter müßte den Eindruck gewinnen, daß der jetzigen Kammer vor Ablauf ihrer Geltungs­dauer nicht mehr viel zu tun übrig bliebe, als durch eine geschickte Liquidation eine glücklichere Wieder­kehr vorzubereiten. Große Aufgaben von innen­ober außenpolitischer Bedeutung zu erfüllen, ist ihr nicht beschieden.

In der Außenpolitik ist seit der Vorweihnachts­tagung, die der Regierung nach hartem Kampf eine knappe Mehrheit für die von ihr eingenom­mene Haltung brachte, keine entscheidende Wen­dung eingetreten, die eine neue große Aussprache rechtfertigen würde. Die Regierung hat von sich aus keine Ursache, aus ihrer neuerlich betonten Zurück­haltung hervorzutreten. Nach Rom hin zeigt sie ein höflich abwartendes Gesicht, London gegenüber wird die in der großen Lavalrede zugegebene tech­nische Verknotung der militärpolitischen Zusammen­arbeit in aller Stille, wenn auch von der Oeffent- lichkeit nicht unbemerkt, fortgesetzt. Eine unbe­kannte Größe bleibt hingegen die zu erwartende Ratifizierung des f r a n z ö s i s ch - s o w - jetrussischen Paktes und des neuen Wirt­schaftsabkommens zwischen Paris und Moskau. Die aus der Angst vor einem erstarkenden Deutsch­land geschlossene Ehe zwischen dem hochkapitalisti­schen Frankreich und dem weltrevolutionären Sow­jetrußland beginnt unter dem Eindruck der zu­nehmenden innerfranzösischen Tätigkeit der Kom­munisten und vor der Gefahr eines Abrutschens

die Lage trotz des neuen Versuchs, eine sofortige Krise abzuwenden, nach wie vor sehr schwie- r i g sei. In der gestrigen Besprechung zwischen der englischen und der japanischen Abordnung sei keines­wegs die Bereitschaft der Japaner zutage getreten, ihre ursprüngliche Forderung nach einer gemein­samen oberen Grenze der Rüstungen der Flotten­mächte herabzuschrauben.Morning Post" meldet, das Ersuchen Japans nach einem weiteren Auf­schub sei auf eine Warnung Englands zu­rückzuführen, daß Japan die Verantwor­tung für einen Zusammenbruch der Konferenz tragen müßte.

Japanische Blätter melden bereits den Abbruch der Konferenz.

Tokio, 14. Jan. (DNB. Funkspr.) Sonder­ausgaben der Zeitungen verkünden bereits den Abbruch der Flottenkonferenz" nach dem Aus­scheiden Japans. In Marinekreisen erklärt man, daß die Konferenz unüberbrückbare Ge­gensätze zwischen Japan und England sowie den Vereinigten Staaten ergeben habe und deshalb eine klare Lösung erforderlich gewesen sei. Man solle die Lage nicht beschönigen. Die Fünf-Mächte- Konserenz sei nun beendet und Japan sei nicht unmittelbar daran interessiert, was die andern vier Mächte nun tun werden. Die gesamte japanische Presse begrüßt es, daß eine offene Spaltung da- durch vermieden wurde, daß die japanischen Forde­rungen überhaupt nicht mehr erörtert I wurden.

zu unterrichten, wenn feindliche Flugzeuge in Rich­tung England über Frankreich fliegen sollten.

Untersuchung an Ort und Stelle

London, 14. Jan. (DNB. Funkspruch.)Daily Telegraph" teilt mit, Außenminister Eden werde seine Ministerkollegen um den Auftrag bitten, alle Bemühungen zur Anwendung der kollektiven Sicher­heit zu verdoppeln, Damit dieses System allen Be­anspruchungen der Zukunft Widerstand leisten könne. Mussolini habe wissen lassen, daß er eine Unter­suchung des Völkerbundes über die Me­thoden der italienischen Kriegsführung nicht ad­le h n e n würde, vorausgesetzt, daß sie mit einer un­parteiischen Untersuchung der politischen und mili­tärischen Methode Abessiniens verbunden würde.

Die Entsendung eines Ausschusses nach Abessi­nien wäre eine ähnliche Maßnahme wie die seiner­zeitige Entsendung einer Dölkerbundskommission im chinesisch-japanischen Konflickt.Morning Post" er­klärt, daß die Gerüchte neuer Friedensmöglichkeiten in London als verfrüht betrachtet werden. Die erste Bedingung für die Entsendung einer Völker­bundskommission nach Abessinien wäre eine Ein­st e l l u n g der Feindseligkeiten. Man fürchte jedoch, daß keine der beiden Par­teien hierzu bereit fein werden.

Die Belgrader Reise König Carols.

Belgrad, 13. Jan. (DNB.) Am Sonntag tra­fen auf Schloß Dedinje bei Belgrad König Earol und der rumänische Thronfolger Michael ein. Sie begaben sich sogleich nach Petrotschitsch a u f eine Jagd, die dort von der jugoslawischen Kö­niginmutter Maria veranstaltet wurde. An der IJcigd nahmen außer den rumänischen Gästen die Königinmutter Maria, Prinzregent Paul und Mi­nisterpräsident Stojadinowitsch teil. König Carol und der Thronfolger reiften um Mitternacht wieder nach Bukarest zurück.

der Parlamentsmehrheit nach links immer stär­kere Bedenken in manchen politischen Rechts­kreisen auszulösen. Es wäre jedoch verfehlt, er­warten zu wollen, daß diese Bedenken sich vor der Hand zu einem grundsätzlichen Wandel der fran­zösischen Rußland-Politik verdichten könnten. Der Gedankenkomplex der kollektiven Sicher­heit, von dem die breite französische Oeffentlich- keit als von einem Allheilmittel gegen eine Aende- rung des gegenwärtigen europäischen Zustandes bis zu einem Grade besessen ist, daß man selbst vor einer Verletzung der Locarnoverpflichtungen nicht zurückscheut, läßt im Ernstfälle eine praktische Opposition gegen die moskaufeindliche Politik nicht hochkommen.

Auf innerpolitischem Gebiet sind die großen Tagesstreitfragen ebenfalls vor Weihnachten bereits ausgeräumt. Der Haushalt ist verabschiedet, das Gesetz über die Kampfverbände angenommen und vor der Verkündung stehend. Bleibt als einziger Konfliktsstoff das grundsätzliche Be st re­den der Linken, die Regierung Laval um jeden Preis zu stürzen, selbst wenn kein zwingender äußerer Anlaß vorliegt. Die Be­harrlichkeit, mit der die Linke, einen großen Teil der Radikalsozialisten einbegriffen, gegen das Kabi­nett Laval anrennt, ist um so bemerkenswerter, als sich kein politischer Gewinn aus einem Kabinettssturz oder Kabinettsrücktritt kurz vor Kammerschluß für die Sache der Linken erkennen läßt. Es fei denn, daß innerhalb der Volksfront­kreise der Moskauer Einfluß bereits derartig wirkt, daß man in innerpolitischen Wirren um jeden Preis schon eine Schwächung der Staats- nufnrifät und eine Stärkung der eigenen Stellung erblickt. Die beruflichen Ministerstürzer und Krisen- prnf(er sind denn auch bereits in der Linkspresse eifrig am Werk, die Möglichkeiten einer Krise, jg deren Notwendigkeit aufzuzeigen, ohne aller­dings ein ernsthaftes Echo im politischen und parla­mentarischen Paris zu finden.

Der Wunsch, eine allgemeinpolitische Aussprache herbeizuführen, wird gewissen Linkskreisen inner­halb der Radikalsozialisten zugeschrieben, die sich der Hoffnung hingeben, bann auch Die letzten Negie­rungsanhänger der Partei gegen Laval stimmen zu sehen. Das könnte vielleicht den freiwilligen Rücktritt einesteils der radikalfozialistischenMinister zur Folge haben, die aber zu ersetzen Laval nicht schwer werden dürfte, weil er so kurz vor den Wahlen auf keine über­wältigende Mehrheit Wert zu legen braucht. Daß in letzter Stunde noch aus der jetzigen O p - v o s i t i o n eine Regierung gebildet werden könnte, ist völlig unwahrscheinlich, weil ihr prak­tisch eine Kabinettsmannschaft fehlt. D al ab i er, ber Führer des linken Flügels ber Radikalsozia- listen und bisher einziger Kandidat für die NachfolgfchaftHerriotsimParteivor- f i tz, wünscht auf jeden Fall bis nach den Wahlen in ber Oppvsivn zu bleiben. Auf die Haltung der Radikalsozialisten aber kommt es entscheidend

Italia farä da se.

Von unserem römischen E.-Korrespondenien.

Rom, im Januar.

In den Kämpfen um die italienische Einigung um die Mitte des vorigen Jahrhunderts soll das Wort zuerst aufgekommen fein: Italia farä da se. Italien handelt selbst, es läßt sich von niemand dreinreden, es wird von sich aus ent­scheiden. Nach dem Ausbruch des Weltkrieges, als Italien von beiden Seiten heiß umworben wurde, holte man die Losung wieder hervor, aber klar und entschieden befolgt wurde sie eigentlich erst jetzt, wenn auch zwangsläufig: Italien steht ganz allein.

Wer hätte das, fo fragten die Zeitungen am Dreikönigstag, wer hätte das heute vor einem Jahre, als Mussolini und Laval jenes ver- leißungsvolle Abkommen schlossen, gedacht? Wer ich träumen lassen, daß schon nach einem halben Jahre die Front von Stresa zerfallen könne? Welche Phantasie konnte auf das tolle Bild einer franzö­sisch-englischen Front gegen Italien verfallen? Da glaubte die Welt, die großen Drei hätten sich ge- unden auf der Richtlinie: für Oesterreich, gegen Deutschland! und jetzt? Alles gegen Italien und zwar zum Schutze eines Barbarenstaates! Schluß­folgerung: Schamlos, unbegreiflich, verrückt.

Aber nach jedem solchen Ausbruch begreiflicher Verbitterung beißt man die Zähne zusammen: Jetzt erst recht! Italia farä da se. B i s zum Ende! Sind wir etwa durch unsere Auflehnung gegen den Völkerbund schwächer geworden? Im Gegenteil, es geht uns ganz ähnlich wie Deutschland nach seinem Austritt. Aus sich allein gestellt, lernt man erst feine verborgenen Kräfte richtig erkennen.

Und Mussolini läßt sich' nicht dreinreden, verbeißt sich immer hartnäckiger in fein Ziel. Zum erstenmal macht sich Rom von dem übermächtigen Einfluß Englands frei, ja, es wirft ein Auge nach der Achillesferse des flottengewaltigen Gegners und nimmt mit Genugtuung feinen Platz als ebenbürti­ger Partner an der Flottenkonferenz ein. Italien, jenes Vorkriegsnichts, jene quantite nögli- geable, an einem Tische mit Großbritannien und den Vereinigten Staaten, Frankreich und Japan! Hat es damit nicht schon theoretisch die Mittelmeer­falle gesprengt? Mag England auch praktisch noch eine Weile den Schlüssel in der Hand behalten, die Zeit arbeitet für Rom!

Eine Ueberlegung, in der man den Grund für die auf den ersten Blick erstaunliche Tatsache, daß Italien trotz allem den Völkerbund nicht verläßt, erblicken kann. Genf ist nach römischer Auffassung ein Machtinstrument in den Händen Englands und Frankreichs geworden, das durch den geheimen Wi­derstand der lateinischen Schwester vielleicht eher ge­schwächt werden kann, als durch den Rücktritt Ita­liens. Gewiß möchte andererseits Frankreich die Genfer Waffe nicht preisgeben, aber Rom hat jetzt andere Sorgen als diedeutsche Gefahr". Die Er­oberung Abessiniens, die Ausbeutung der gewonne­nen Gebiete schafft für zwei Menschenalter Arbeit. Harrar liegt augenblicklich näher als der Brenner. So wird Italien, um die französische Zermürbungs­arbeit in Genf nicht zu stören, im Völkerbund bleiben,so lange es seine Kräfte zulassen."

Italien treibt niemals Politik auf lange Sicht, Mussolini schon gleich gar nicht. Er ist der Mann des Augenblicks, der die günstige Gelegenheit am Schopfe faßt, wo und wie sie sich immer biete. Venedig wie Rom ist bekanntlich ein Geschenk der deutschen Waffen, das eine fiel Italien trotz der Niederlage von 1866, das andere trotz der Nicht­teilnahme am Kriege von 1870 in den Schoß. Wer weiß, wie sich die Dinge noch gestalten werden, in Aegypten, in Ostasien, im nahen Orient, in Genf! Nur nicht vorzeitig nachgeben.

Immer, feit hundert Jahren, hat Italien durch die kriegerischen Ereignisse gewonnen, niemals ver­loren. Man denke, um nur die jüngsten Errungen­schaften zu nennen, an Valona und die anderen Stützpunkte in der Adria, an die Zwölfinselgruppe dicht an der Küste Asiens! Wie viele Menschen wissen überhaupt, daß der Dodekanes, der in Wirk­lichkeit aus 43 Inseln besteht und wie eine strate­gisch ungemein wichtige Kette von Sperrforts vor Kleinasien liegt, nun endgültig zu Italien gehört? Welche Bedeutung der Beteiligung Italiens an der Bahn DschibutiAddis Abeba, wie sie voriges Jahr vereinbart wurde, zukommt, das ahnt man nun all­mählich, aber wer denkt noch daran, daß damals Mussolini auch das Sprungbrett zum Tschadsee er­hielt, das Hochland von Tibesti? Von dort ist es nun nach Kamerun ober Nigeria nicht weiter als von Mailand nach Rom! Wenn das eine Eisen in Abessinien versagen sollte, so holt Italien dieses zweite aus dem Feuer.

Schwerlich also läßt sich eine solche Politik mit Sanktionen ersticken. Man wird sich daran gewöh­nen müssen, in der internationalen Politik Italien nicht mehr als den Schützling dieser oder jener Großmacht, als Teil der einen oder anderen Mächte­gruppe zu betrachten, sondern als selbstän­diges Kraftfeld: Italia farä da se.

an. Gewisse Optimisten unter den Radikalsozialisten hegen immer noch die Hoffnung, daß Herr io t sich am 19. Januar doch wieder bereitfinden werde, den Parteivorsitz zu übernehmen. Da Herriots Ehr­geiz sich aber nicht auf das Ministerpräfidium, son­dern auf das Außenministerium richtet, erscheint seine Rückkehr an die Spitze der Partei unwahrscheinlich.

Mit leichter Erregung erwarten die Wahlmacher und Wahlmathematiker die Festsetzung des Tages für die Neuwahlen durch die'Regie­rung. Man sollte meinen, daß einige Wochen früher oder später nicht von grundsätzlicher Bedeutung seien. Die Parteien denken darüber anders, und die Opposition wittert auf jeden Fall parlamentarische Schwierigkeiten, die sich ausbeuten lassen könnten. Die Regierung sieht dem nächsten Dienstag mit Ruhe entgegen. Sie scheint ihre eigene Stellung gefestigter und die politische Lage freundlicher an­zusehen als die scheidenden Kammerabgeordneten. Die soeben angeordnete Senkung des Dis­kontsatzes der Bank von Frankreich soll diesen Eindruck nach außen hin bekräftigen. Finanzpolitisch ist für diese Senkung die Möglichkeit gegeben, nach­dem die Goldbewegung der Bank von Frankreich wieder normal geworden ist. Jnnerpolitisch erscheint der Regierung diese Senkung zweckmäßig, um vor neuer Störung des französischen Wirtschaftslebens durch eine überflüssige Krise zu warnen.

Das Urteil im Mordprozeß pieracki.

Warschau, 13. Jan. (DNB.) Im Prozeß gegen die zwöls Mitglieder der geheimen ukrainischen nationalistischen Terrororganisation O U N. ist das Urteil verkündet worden. Die An­klage lautete auf Zugehörigkeit zu einer staatsfeind­lichen Organisation, auf Mitwirkung an der Vor­bereitung des Mordanschlages im Juni 1934 auf de»

Die englisch-französischen Veisiandsabmachungen.

parlamentarischer Epilog in Frankreich.

Von unserem Noe.-Äerichierstaiier.