Ausgabe 
13.6.1936
 
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habe durch eine Einverleibung nichts zu gewinnen. Außerdem sei die gesamte deutsche Bevöl­kerung und eine kleine Minderheit der Unionisten a e g e n die Einverleibung. Das dritte Mitglied des Ausschusses, Dr. Hollaway, spricht sich zugunsten eines engeren Zusammenschlusses mit der Union aus, sieht sich aber gleichfalls nicht in der Lage, die Umwandlung Südwestafrikas In eine fünfte Provinz der Union zu empfehlen.

Das Deutsche 2Rofe Kreuz.

Wieder geht, wie in jedem Jahr, die Sammel­büchse herum, um von den gebefreudigen Volks« genossen ein Scherflein zu Gunsten des Roten Kreuzes aufzunehmen. War einst das Rote Kreuz im wesentlichen eine Organisation, die i n Kriegs­zeiten zur vollen Entfaltung gelangte, so hat es sich in der Nachkriegszeit zu einer allgemeinen Wohlfahrtseinrichtung entwickelt, die aus dem öffentlichen Leben nicht mehr fortzudenken ist. Gerade im nationalsozialistischen Deutschland hat das Rote Kreuz, das unter der Schirmherrschaft des Führers steht, die besondere Unterstützung der Reichsregierung und der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei erfahren, da es, wie der Stellvertreter des Führers einmal er­klärte, ein notwendiger Bestandteil des nationalsozialistischen Staates ist. Gerade der Dienst jedes Mitgliedes des Roten Kreuzes am deutschen Volke und am deutschen Vaterland stellt den Aus­druck der innigsten Verbundenheit des Roten Kreu­zes mit den nationalsozialistischen Zielen dar. Denn in diesem Dienst spiegelt sich das wider, was zum Idealzustand der Volksgemeinschaft gehört.

Es ist wohl hier und da einmal die Behauptung oufgetaucht, daß der Nationalsozialismus dem Roten Kreuz gegenüber ein gewisses Mißtrauen an den Tag legen müsse. Gegen dieses Mißtrauen hat sich Staatsminister Wagner auf einer Kundgebung des Bayerischen Landesvereins des Deutschen Roten Kreuzes mit aller Macht zur Wehr gesetzt und klar zum Ausdruck gebracht, daß der nationalsozialisti­sche Staat seine schützende Hand über dem Roten Kreuz halte und daß nicht der mindeste Grund vor­liege, diese Einrichtung etwa als einen Hort der Reaktion zu bezeichnen.

Wer jemals Gelegenheit gehabt hat, einen Blick in den sozialen Apparat des Roten Kreuzes hinein­zuwerfen, das nicht weniger als 307 Krankenhäuser, Säuglings- und Kleinkinderheime, Erholungsheime für Kinder und Erwachsene, Altersheime und Sie­chenheime unterhält, den erfüllt größte Hochachtung. Darüber hinaus gibt es eine unerhört große Zahl von Kindergärten und Jugendheimen, Gemeinde- Krankenvflegestationen, Beratungsstellen für Müt­ter, Küchen und Speisungen, Rettungswachen, Un­fallmeldestellen und vieles andere, was vom Roten Kreuz betreut wird. Dieser weitverzweigte Appa­rat ist natürlich auf die finanzielle Unterstützung eines jeden Volksgenossen angewiesen, wie ja um­gekehrt das Rote Kreuz wieder jedem einzelnen von uns dient. So werden nun durch die neue Samm­lung wieder größere Beträge mobil gemacht, mit deren Hilfe es gelingen soll, die einzigartige Einrich­tung des Roten Kreuzes zu pflegen und auszu­bauen, damit sie auch weiterhin ihre Aufgaben im nationalsozialistischen Staat erfüllen kann.

Einer trage des anderen Last.

Der Reichskirchenausschutz

zum Sammeltag der Inneren Mission.

Berlin, 12. Juni. (DNB.) Der Reichskirchen- ausschuß richtet zum Sammeltag der Inneren Mis­sion am 13. und 14. Juni folgenden Aufruf a n d i e Gemeinden der Deutschen Evange­lischen Kirche:

Johann Heinrich W i ch e r n, der Vater der Inneren Mission, hatte einst der Kirche ihren Weg im Volke mit dem Worte gewiesen: Du, evangelische Kirche, hast nicht nur das Recht, sondern die Pflicht 3U dem Bekenntnis: der Glaube ist mein wie die Liebe! Dieses Wort ist uns Vermächtnis und Mah­nung. Darum, um des Glaubens und der Liebe willen, entsendet die evangelische Kirche auch heute die Innere Mission zum Dienst an Ge­sunden und Kranken unseres Volkes, an allem, was Not leidet und Hilfe braucht an Leib und Seele. Heute, wo wir Deutschen es mehr denn je wissen, daß im Volke einer an den anderen gewiesen ist, ist die Christenheit mehr denn je zur Erneue­rung christlicher Tat berufen nach dem Wort: Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. Mit neuem Glau­ben muß neue Liebe wachsen. Darum rufen wir es hinein in die ganze Deutsche Evangelische Kirche: Bekennt euch in neuem Glauben zu neuer Liebe! Bekennt euch in Dienst und Opfer­bereitschaft als Glieder zum Ganzen! Nehmt den Auftrag der Inneren Mission auf euer Gewissen und yeot ihr am 13. und 14. Juni eure Gaben aus freudigem Herzen! Zeigt es vor aller Welt, daß Wicherne Ruf von uns gehört wird: DerGlaube ist mein wie die Lieb e."

Deutsche Lustfahrt-Forschung.

Eröffnungssitzung der Lttienthal-Gcscllschaft.

2erlin, I2.Juni. (MS.) Im Haus der Flie- Ser hielten Präsidium und Senat der neugebildeten ktlienthal-Gesellschaft für Luft- fahrt.Forschung ihre erste Sitzung ab. Der Lilienthal-Ge ellschaft gehören alle führenden Per­sönlichkeiten sowie die Organisationen und Institute an die sich mit der Frage der Luftfahrt wissen­schaftlich oder praktisch beschäftigen.

Der Präsident der Lilienthal-Gesellschast, Geh. Prof. Dr. Karl Bosch, umriß das neue Au gaben- aebiet der Gesellschaft. Die neue Organisation er- fasse auch viele Kräfte, die sich mit verwandten Auf- gaben auf anderen Gebieten der Technik be- schäftigen und ihren erfinderischen Geist der Luft- fahrt zur Verfügung stellen. Das Anwachsen der zu leistenden Teilarbeit habe den Wunsch wach- gerufen, alle diese Aufgaben einer Organisations- form zu übertraaen, die den allgemeinen Ersah- rungsaustausch, die Weckuna erfinderischer Initia« tive und den Ausbau wissenschaftlicher Beziehungen und die Betreuung des Nachwuchses der Luftfahrt- forschung verbessern solle.

Der Staatssekretär für Luftfahrt, General der Flieger Milch, sagte, der Name der Gesellschaft sei ein Gedenken daran, daß d e r Deutsche Lilien- thal wirklich der erste Flieger in der Welt gewesen sei, eine Tatsache, die oft, vor allem im Auslande, vergessen worden sei. Forschung, Ent­wicklung, Erprobung und Schaffung einer leistungs­fähigen Industrie seien die vier Glieder unserer Gesämtluftfahrttechnik, die auf das engste mitein- ander zusammenhinyen. Zahlenmäßig würden wir anderen Völkern niemals gewachsen sein, dafür

aber müßten wir qualitativ und m der Forschung am weitesten vorauseilen, ohne den Zusammenhang mit der Gegenwart zu verlieren. Der Reichsluft­fahrtminister habe den Ausbau von vier gro­ßen Forschungszentren an Stelle der zer- splitterten kleinen alten Forschungsstellen ange­ordnet, und zwar sollen diese in Berlin Adlershof, Göttingen, Braunschweig und Stuttgart errichtet werden, ferner den Ausbau von drei großen Luftfahrtlehrzentren in Berlin-Johannis­chal, Braunschweig und Stuttgart. Daneben sind noch wenig Lehrstühle an anderen Hochschulen be­lassen. Eine deutsche Akademie der Luft­fahrtforschung solle in Verbindung mit der Lilienthal-Gesellschaft rein wissenschaftliche und ins­besondere technische Aufgabe lösen.

Oer Völkerbundsrat zum 26. Juni einberufen.

Senf, 12. Juni. (DNB.) Der Präsident des Völterbundsrates hat den Völkerbundsrat auf den 26. Juni zur Fortsetzung seiner 92. Ta« g u n g einberufen. Auf der Tagesordnung stehen folgende Fragen: Der Streit Swischen Abessinien und Italien; der in Locarno am 16. Oktober 1925 abgeschlossene Garantieoertray zwischen Deutschland, Belgien, Frankreich, Großbritannien und Italien, die Niederlassung der aus dem Irak Ausgewander­ten Assyrer; der Bericht über die letzte Tagung des Ausschusses für Sklaverei.

Oie Sowjetunion gibt sich eine neue Verfassung, linier der Maske der Demokratie feste Verankerung der kommunistischen Diktatur

Moskau, 12. Juni. (DNB.) Amtlich wird d e r Entwurf der neuenSowjetverfassung bekanntgegeben, der nach einem Vortrag Stalins von dem Zentralvollzugsausschuß angenommen wurde. Der Verfassungsentwurf besteht aus 12 Ka­piteln und 146 Paragraphen. Der erste Teil be­handelt den Staatshaushalt und die Grund­lagen des staatlichen Lebens. Im Kapiteldie höch­sten Organe der Staatsgewalt" wird vorgesehen, daß an Stelle der bisherigen Körperschaften, die die höchste gesetzgebende und vollziehende Gewalt ausübten, und zwar des Rätekongresses und des Zentraloollzugsausschusses, der Ober st e R a t der Sowjetunion tritt, der nach der neuen Verfassung die einzige gesetzgebende Ge­walt des Landes bildet, während sein Präsi- dium zugleich die Höch st e Gewalt besitzen soll. Der Oberste Rat wird aus die Dauer von vier Jahren gewählt, und zwar auf derGrundlage des allgemeinen, direkten und geheimen Wahl­rechts". Jeder Bürger der Sowjetunion vom 18. Le­bensjahre ab soll das aktive und passive Wahlrecht besitzen. Diese demokratische Maske, mit der sich die bolschewistische Partei bekleidet, um im Sinne einer Verstärkung der Volksfrontbewegungen im Aus­lands propagandistisch zu werben, wird aber wie­der in dem Artikel vernichtet, in dem es heißt, daß das Recht der Aufstellung von Kandi­daten außer der Kommunist ischen Partei nur noch die Gewerkschaften, die Jugend- verbände, Genossenschaften und kultu­rellen, d. h. ebenfalls kommunistischen Organisa­tionen besitzen.

Wenn also Stalin sich in diesem Entwurf auch zu einem gewissen Teil die westlichen Wahlmetho- oen zu eigen gemacht hat, so ist anderseits Vor­sorge getroffen, daß der kommunistische

Geist unverfälscht a u f r e ch t e r h a l t e n bleibt unb bie Macht der Kommunisten nicht etwa Einbuße erleidet. Als Spiegelfechterei muß es an« muten, wenn man in dem neuen Verfassungsent­wurf liest, daß die sog.bürge r I ich? n 5 re i heiten" dem Sowjetbürger gewährleistet werden. Für Tarnung seiner Regierungsmethoden kann Stalin sich unbedenklich die Im Westen üblichen Schlagworte zu eigen machen, da der ganze Un^r- bau feines Staates durch die ausschließliche Be­herrschung des Apparates im kommunistischen Sinne gesichert erscheint. Das gleiche ist hinsichtlich der an­geblichenDuldung jeder Religion zu sagen. Dieser Satz erscheint besonders heuchlerisch, zumal in dem gleichen Artikel auch die Freiheit der antireligiösen Propaganda aus­drücklich festgestellt wird.

Hinsichtlich der staatlichen Verwaltung zeigt Der neue Entwurf der Verfassung wieder die Tendenz einer Verstärkung der zentralen Gewalt, da verschiedentlich in den Beziehungen der Moskauer Zentrale zu den Bundesrepubliken deren Befugnisse verschiedentlich auf Kosten der Re­publiken weitgehend erweitert werden. So wird nicht nur das Iustizwesen und zum Teil auch das Bankwesen endgültig zentral geregelt, son­dern es wird nunmehr auch verfassungsmäßig fest- gelegt, daß der gesamte Zuständigkeitsbereich des Kommissariats für Schwerindustrie und somit die industrielle Grundlage der Kriegswirtschaft (Kohle, Eisen, Naphtha usw.) der Zuständigkeit der Bundesrepubliken ent­zogen bleibt und allein Moskau unter» ftetjt. Im Vergleich damit kommt dem Aufrücken Georgiens, Armeniens, Aserbeidschans, Kasakstans und Kirgisiens in die Reihe der sogenannten Bun­desrepubliken mehr äußerliche Bedeutung zu.

Ukrainische Reisebilder.

Von unserem E.S.-Lerichierstaiier.

IV.

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.) Moskau, Ende Mai 1936.

Zusowka-Slalino.

Stalino, heute das Gebietszentrum des Donez-Jndustrtebeckens, zählte 1917: 47 000, 1928: 100 000, 1936: 300 000 Einwohner, also mehr als Bremen, etwas weniger als Stutt­gart. Stalino besitzt ... zwei Hotels. Die beiden Hotels" sind klein und stammen noch aus der Zeit, wo Stalino nach dem englischen Großindustriellen Hughes, der dort das große metallurgische Werk begründet hat,I u s o w k a" hieß. Außerdem sind dieHotels" unsäglich schmutzig. Don der langen Fahrt todmüde, bringe ich den Rest der Nacht, in meine Reisedecke gehüllt, auf dem Fußboden eines Zimmers im HotelMetalluryija" zu, das zur Zeit Jusowkas" wohl für ein anfpruchloseres Ehepaar gedacht war. In Stalino stehen sieben Betten darin. Gepeinigt von Wanken, ist man froh, dem Hotel am Morgen den Rücken $u kehren.

Stalino ist ein Musterbeispiel für einen bestimm­ten, neuen Typus der Sowjetgroßstädte. Einige Hochhäuser für den Regierungs- und Derwaltungs- apparat, einige asphaltierte Hauptstraßen, die übri­gen mit Kopfpflaster versehen oder gar völlig grundlosen Landwegen ähnlich. Ein großes Kino, ein neues Krankenhaus außerhalb der Stadt, aus mehreren Gebäuden bestehend, wo unser Ford schon auf dem Zufahrtsweg im Dreck stecken bleibt, Schu­len, die so schnell errichtet wurden, daß sie bereits nach zwei bis drei Jahren wieder baufällig werden, während immer noch in zwei Schichten unterrichtet werden muß, da der Raum für alle nicht ausreicht. Ein neues Hotel (es wird nach dem letzten Wort der Technik ausgerüstet") ist im Bau, die neuge­gründete Technische Berg-Hochschule mit den Ge­meinschaftswohnungen der Studenten ist mit ihren großen, ^kastenartigen Blocks ein besonderer Stolz

Neben diesen Hochhäusern stehen aber die zahl­losen dürftigen Arbeiterhäuschen und rund um die zwölf Kohlengruben herum, die in unmittelbarer Nähe der Stadt liegen, drängen sich die winzigen Erdhütten der Berg­arbeiter. In den neuerbautenObscktscheshitijen" derStudenten wohnen die Familien (dieStuden­ten" sind fast durchweg verheiratet) in bedrücken­der Enge, im neuen Krankenhaus reicht der Platz nicht aus für die Kranken, die Stadt hat größten­teils noch keine Kanalisation, kein Gas. Vor einem neueröffneten Hutladen, dessen Auslagen das Damenpublikum jeder west- oder mitteleuro­päischen Kleinstadt keines Blickes würdigen würde, steht ein weit über hundert Meter langerOtsche- red" (Schlange) von geduldigen Sowjetbürgerinnen, obwohl die vielbegehrten Hütchen so teuer sind, daß die meisten nur einen bewundernden Blick auf solche Kostbarkeiten werfen können.

Auch das große metallurgische Werk des Herrn Hughes trägt heute den Namen Stalin. Es ist eines der ältesten und solidesten Eisen- und Z^lwerke Rußlands. Aeußerlich mag sich das Aw des Riesenwerkes (heute arbeiten 30 000 Men- lajen dort) feit den Zeiten des Herrn Hughes nur wenig verändert haben, so groß auch Die Ver­änderungen sind, die das Schicksal der Men« ete.m Wert betroffen haben.

nennen ihre Methode, wonach xu k 1?en Fähigkeiten so viel wie möglich Aalunb I "ach der Einschätzung seiner entlohnt wird,Sozialismus" * Daß der

VJi^Ubk1 Wonat verdient (=4,5 £ X2Industriearbeiter nach der neuesten jowjetrussijchen Indexziffer 180 Rubel

(= 18 Kilogramm Fleisch), der Fabrikdirektor, der General, der Ingenieur viele Tausende von Rubel, das stört diesenSozialismus" nichr. Ein raffi­niertes System der Propaganda sorgt dafür, daß in der Welt immer noch Millionen Menschen an diesenSozialismus" glauben. Die bestorganisierte, brutalste und skrupelloseste D o l i z e t der Welt, die GPU., sorgt dafür, daß sich im eigenen Lande niemand gegen diesenSozialismus", auch nicht mit einem bloßen Wörtchen, auflehnt.

Nach den Angaben der Sowjetstatistik betrug der durchschnittliche Monatslohn des Kohlenbergarbei­ters im Donbaß 1913: 34,42 Rubel, 1928: 64,76 Rubel, 1936 (nach Höchstschätzungen): 250 Rubel. Dieselbe Sowjetstatistik folgert daraus, daß sich das Einkommen des Arbeiters seit 1913 verachtfacht und seit 1928 vervierfacht hat, indem sie kühn Gold­rubel, NEP.-Rubel und Papierrubel g l e i ch s e tz t. 1913 konnte mit 34 Rubel zum Beispiel gekauft werden: 70 Kilogramm Fleisch bester Sorte oder 750 Kilogramm Schwarzbrot ober 34 Kilogramm Butter;

1928 kaufte man für 64 Rubel: 50 Kilogramm Fleisch oder 700 Kilogramm Brot ober 21 Kilogramm Butter;

1936 kauft man für 250 Rubel: 25 Kilogramm Fleisch oder 250 Kilogramm Brot oder 8 Kilo- gramm Butter.

Der Arbeiter im Donbaß konnte sich also mit seinem Monatslohn von diesen Erzeugnissen vor dem Kriege rund dreimal mehr, 1928 noch zwei- einhalbmal mehr kaufen als heute. Dabei ist die weit größere Verteuerung sämtlicher Jndustrieprodukte außer acht gelassen. Außerdem ist die Indexziffer von 250 Rubeln Monatslohn im Frühjahr 1936 sicherlich xu hoch gegriffen. Bei Be- rticksichtiaung sämtlicher für die Lebenshaltung der Arbeiterschaft zum Beispiel des Donbaß maßgeb­licher Faktoren kommt man zu dem Ergebnis, daß der Lebensstandard des Arbeiters heute ungefähr um drei Viertel im Vergleich zur Vorkriegs­zeit, um zwei Drittel im Vergleich zu 1928 gesunken ist.

Auf solche Argumente pflegen die «tigeren Bol- schewiki zu antworten: Wir haben den Lebensstan- darb unserer Arbeiterschaft so niedrig gehalten, weil wir die Profite aus unserer Wirtschaft zum Aufbau unserer Industrie verwenden mußten. Kein kapitalistischer Staat hätte dies in der­selben Frist erreicht.

Auch darauf geben die Zahlen (der Sowjetstati­stik selbst!) eine klare Antwort. Daß fast die gesamte Leichtindustrie noch lange nicht die Produktion der Vorkriegszeit er­reicht hat, soll beiseite gelassen werden. Die Landwirtschaft lieferte 1935 zum erstenmal 9 v. H. mehr (Betreibe als 1913 für eine Bevölke- rung, die auf dem Raume der heutigen Sow­jetunion um 23 v. H. gewachsen ist. (Deutschland beispielsweise erzeugte 1935 28 v H mehr (Betreibe als 1913.) Betrachten wir lediglich die Kohlenförderung des D o n b a ß. Sie hat zweifellos eine beträchtliche Steigerung erfahren Slber mußte der Weg dazu über die Hungers« n ° t e unb das stete Abfinken des Lebens« standards des Arbeiters führen? Die Zah- len sprechen eine andere Sprache. Die Kohlenförde« rung des Donbaß betrug danach in den Jahren

Millionen Tonnen

* (Planziffer),

19UU: 11,0

1910: 16,9

1913: 25,3

1922: 8,0

1925: 19,0

1930: 36,0

1933: 50,0

1936: zirka 70,0

Aus diesen Zahlen ergibt sich ganz klar, daß (ganz abgesehen von der rapiden Zunahme der Mrung von 1910-1919) in den dreizehn Jahren von 1900 bis 1913 die Produktion um 120 oft gestiegen ist. In den 23 Jahren (von 1913 bfo 1936) ist eine Zunahme von 300 p. H. zu nen vorausgesetzt, daß die Planziffern für 1936 er- reicht werben), die die Ziffern der Vorkriegszeit, für den kleineren Zeitraum, gewiß nicht in Schat­ten stellen kann. Denn was die seinem emgeführte Mechanisierung der Gruben, was Preßlufthammer und Schrämm-Maschine für den Bergbau bedeuten, ist an der stürmischen Entwicklung der Kohlenin- dustrie in Deutschland, Belgien oder Amerika ju sehen Mit anderen Worten, während bie jährliche Zunahme der Kohlenproduktion des Donbaß von 1905 dis 1914 10,7 o. H. ausmacht, ist von 1920 bis 1935, trotz des Aufwandes allergrößter Mittel, trotz weitgehender Mechanisierung der Gruben, nur eine durchschnittliche Jahreszunahme von 9,3 v. H.

zu verzeichnen.

So stellen auch dieWunder" dessozialistischen Donbaß" und seiner märchenhaft steigenden Pro- duktion bei Licht besehen eine Entwicklung bar, bie, unter einem anderen Wirtschaftssystem, ohne bas Opfer d"r verhungerten Millionen, sicherlich nur viel rascher erfolgt wäre.

Dr. Schacht in Belgrad.

Neue Lebensformen auch in der Weltwirtschaft.

Belgrad, 12. Juni. (DNB.) In Anwesenheit des Reichsbankpräsidenten Dr. S ch a ch t wurde zwi­schen der deutschen Derrechnungskasse unb der jugo- Ken Nationalbank ein Protokoll über Fragen rrechnungsverkehrs unb die weitere Erleich­terung des gegenseitigen Reiseverkehrs unterzeichnet. Dr. Schacht hatte mit dem Gouverneur der National­bank, Dr. Radosavljevitsch, eine längere Un­terredung. Mittags wurde Dr. Schacht vom Prinzregenten Paul inAudienz emp­fangen. An bie Aubienz schloß sich ein Frühstück, dem unter anderen der Ministerpräsident und Außen­minister und der deutsche Gesandte beiwohnten.

Gouverneur Radosavljevitsch gab Freitag abend zu Ehren des Reichsbankpräsidenten ein Essen, an dem u. a. der Handelsminister, der Finanzminister, der deutsche Gesandte, der Landesgruppenleiter der NSDAP., sowie Persönlichkeiten des Wirtschafts­lebens teilnahmen. Dr. Radosavljevitsch gab seiner Freude über den Besuch Dr. Schachts Ausdruck. Die jugoslawische Volkswirtschaft, die überwiegend agra­rischen Charakter habe und die deutsche Volkswirt­schaft mit ihrem überwiegend industriellen Charakter ergänzten sich in natürlicher Weis-e. Diese Wirtschaftsverbundenheit entwickele sich in immer stärkerem Maße.

Reichsbankpräsident Dr. Schacht führte in seiner Erwiderung u. a. aus:Es ist die schaffende Arbeit fleißiger Völker, die im Vorder­gründe aller Wirtschaftsbeziehungen stehen muß. Der Geld- und Kapitalverkehr hat sich nach den nationalwirtschaftlichen Bedürfnissen der Völker zu richten und nicht umgekehrt. Das ist das durchaus Neue, das wir in Deutschland a l s national­sozialistische Wirtschaftspolitik be­zeichnen. Diese Erkenntnis schließt die Achtung nicht nur für die eigenen, sondern auch für die Lebens­notwendigkeiten der anderen Völker in sich unb baut hieraus die neue Wirtschafts« und Kapital­politik auf. Kraftvoll ringen die jugendlich fühlen­den Völker nach neuen Lebensformen auch in der Weltwirtschaft. Der Verrechnungs- verkehr im internationalen Zahlungswesen und die Ausgleichsgeschäfte mannigfacher Art, bie wir ein- geführt haben, müssen zur Zeit noch als unvollkommen und lästig e empfunden werden. Sie sind ein Notbehelf, aber sie sind Begleiterschei­nungen einer wirtschaftlichen Umstellung, bie aus der Not von Völkern geboren ist, die aus eige­ner Kraft ihr Schicksal gestalten wollen.

Rückzug der Kantontruppen.

Schanghai, 12. Juni. (Ostasienbienst des DNB.) Der Oberbefehlshaber der Kwangsitruppen, L i t s ch u n g j e n , yat an bie Stidwesttruppen, bie sich in Hunan unb an der Kwangsigrenze befinden, den Rückzugsbefehl erteilt, um Zusammen­stöße mit den vorrtickenden Regierungstruppen zu vermeiden. Gerüchte, die von schweren, Gefechten in Stidhunan wissen wollen, werden für unzutref­fend erklärt. In Tschantscha sollen 36 Bombenflug­zeuge unb 17 Aufklärungsmaschinen der Nankinger Regierung eingetroffen fein und eine rege Tätig­keit entfalten. Die Tätigkeit der über ganz Hunan verbreiteten Liebenzeller Mission ist durch bie militärischen Vorgänge nicht gestört.

Oie Streikwelle in Polen.

Warschau, 13. Juni. (DNB. Funkspruch.) In Gbingen bauert bcr Streik der Bauarbeiter fort. Da sich hetzerische Elemente unter ben Hafenarbei­tern zeigen, sind bie Eingänge zum Hafengebiet durch Polizei besetzt worden.Dziennik Narobowy" weist barauf hin, baß bei ber in ben letzten Mo­naten zu beobachtenden verstärkten kommu­ni st ischen Agitation, bie zu Unruhen in Krakau, Lemberg, Chrzanow und Gdingen führte, ein erheblicher Teil der verhafteten kommunistischen Agitatoren Juden gewesen seien, die sozusagen fliegende Brigaden" für ihre Wühlarbeit bilden. Man könne die Wahrheit nicht bestreiten, daß die betriebsamsten kommunistischen Agitatoren in Polen vorwiegend Juden seien. In Warschau versuchten etwa 20 Jugendliche am Freitag einen Demonstrationszug zu bilden, der jedoch von der Polizei mühelos verhindert wurde.

Selbst-Beteiligung der Kraftfahrer an der Versicherung.

Berlin, 12, Juni, (DNB,) Nach längeren Ber- Handlungen i>' ?r die Prämienfrage in Der Kraft­fahrzeugversicherung in Anbetracht ber hohen Un­fall- und Schadensziffern haben sich die Versiche­rungsgesellschaften bereit erklärt, bei Einführung ber Selbstbeteiligung in ber Kraftfahrzeugversiche- rung von ber beabsichtigten Prämien- erhöhuna 21 b ft a n b z u nehmen. Der Ver­sicherungsnehmer hat künftig an jedem Schaden einen bestimmten Betrag selbst zu tragen, dessen Höhe bei der Haftpflichtversicherung mit Rücksicht auf bie soziale Lage ber Kraftwagen­besitzer auf die halbe Jahre s gründPrä­mie, bie für das Fahrzeug zu entrichten ist, be­grenzt wirb. Bei der Kasko«Dollversiche - r u n g betragt bie Selbstbeteiligung einheitlich 100. 300 ober 500 RM., bei ber Kasko«Teilver- sicherung (Brand unb Entwendung) ist eine solche nicht vorgesehen. Die in einer Entschädi« Sung enthaltene Beteiligung des Derfichenmgsneh-