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fr. 291 Erstes Blatt

Samstag, 12. Dezember 1936

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Frankfurt am Main 11686 Druck und Verlag: yrühl'sche Univerfitats-Yuch- und Zteindruckerei R. Lange in Giehen. Schriftleitung und Geschäftsstelle: Schulftratze 7 Mengenabschlüsse Staffel 8

Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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Eduard VIII.

hat England an Bord eines Kriegsschiffes verlassen.

London. 12. Dez. (DNB.) Funkspruch.) An lieb eines Kriegsschiffes Hal der bisherige König $it England, Eduard VIII., in der Nacht zum L-mstag feine Heimat verlassen. Er traf j, Begleitung mehrerer Herren seines Gefolges kurz kch 2 Uhr im Hafen von Portsmouth ein, wo bs Schiff alsbald die Anker lichtete. Ueber fein r-ifeziel ist endgültiges auch jetzt noch nicht bekannt. Hur wenige Stunden vor der Abreife hakte der kiemalige König in einer Rundfunkan- \,tad)e von den Völkern des britischen Reiches

Herrscher Abschied genommen. Ls ist wohl kaum Vertrieben, wenn gesagt wird, dah in dieser Stunde uhezu die gesamte Bevölkerung Kn gl an d s vor den Lautsprechern stand, um jetzt -in König selbst zu hören, nachdem bis- tyc nur die Regierung, das Parlament und die {reffe gesprochen hatten. 3n den Theatern, in den > tchlspielhäusern und überall da, wo größere Itten- stenmengen versammelt waren, spielten sich wäh- tnb ber Uebertragung bewegte Szenen ab, vielfach brachen die Zuhörer in Tränen aus. !luf Schloß Windsor, von wo aus Eduard VIII. <me Abschiedsansprache hielt, hatte König Georg VI. on gleichen Abend zu Ehren seines Bruders ein K fen gegeben, an dem sich die Mitglieder der tmglichen Familie, darunter die Königin- kmtter Mary, beteiligten. Beim Verlassen von Dndsor bereitete die Bevölkerung dieses englischen Wdenzstädtchens dem scheidenden Monarchen einen hirzlichen Abschied.

Realitäten.

Das bedeutsamste Ereignis dieser Woche ist der Thronwechsel in England. Die Botschaft König Eduards VIII. an das Unterhaus, in der er einen Verzicht auf die Kronen des Britischen Welt­reichs mitteilt, hat eine Krisis beendet, die seit Wo­chen die angelsächsische Oeffentlichkeit diesseits und jenseits der Meere auf das höchste erregt hat. Pre­mierminister Baldwin hat im Unterhaus die Vorgeschichte der Krisis und ihre Entwicklung bis zu jenem Punkte, wo dem König das letzte Wort über die Gestaltung seines allerpersönlichsten Ge­schicks zustand, in aller Ausführlichkeit dargelegt, aber auch mit jener vollendeten Delikatesse, die ein so heikles Problem erforderte. Er hat den Abgeord­neten im Einzelnen berichtet von seiner ersten Fühlungnahme mit dem König, nachdem die Frage seiner heirat in amerikanischen Blättern in sensa­tioneller Form erörtert worden war und auch die britische Oeffentlichkeit zu erregen begonnen hatte. Er hat in freundschaftlicher Weise mit dem König die Möglichkeiten beraten, die vielleicht gegeben waren, um das menschliche Glück des Monarchen mit den verfassungsmäßigen Erfordernissen des Britischen Weltreichs zu verbinden. Ein gangbarer Weg hat sich nicht gefunden, da der König auf eine heirat mit der von ihm erwählten Frau nicht ver­zichten wollte und Regierung und Parlament es ablehnten, durch Schaffung eines neuen Gesetzes dem König den Weg zu einer morganatischen Ehe zu bahnen. Der König hat diesen Konflikt mit sei­nem Abdankungsentschluß beendet. Sein Bruder, der Herzog von Port, wird als König Georg VI. an seiner Stelle den Thron des Britischen Weltreichs besteigen. Die Kontinuität ist gewahrt, die Unan­tastbarkeit der Monarchie ist gesichert, von der Baldwin in seiner großen Unterhausrede sagte, sie sei das einzige Band des Britischen Weltreichs und der Hüter britischer Freiheit. Er hat damit auch den Ernst der Lage angedeutet, der aus einem Konflikt zwischen Krone und Parlament hätte ent­stehen müssen. Daß es zu einem solchen gar nicht erst gekommen ist, dankt das britische Volk dem instinktsicheren Takt aller Beteiligten, die das Wohl des Reiches persönlichen Wünschen und Meinungen voranstellten und auf eine schnelle Klärung hin­strebten, um eine Beunruhigung der Oeffentlichkeit zu vermeiden. Baldwin hat sich bei dieser Gelegen­heit als dergrand old man seines Landes gezeigt, der sich ritterlich vor seinen Monarchen stellte, aber in keinem Augenblick das Wohl des Empire als oberste Richtschnur allen handelns außeracht ließ. Der König hat aus einem schmerzlichen Konflikt eine Lösung gefunden, für die wir nur Achtung empfinden können. Aber nicht geringer war der Konflikt der Pflichten beim Premierminister. Der gegenseitige Re­spekt zwischen König und Regierung wie König und Volk kennzeichnete die Verhandlungen im Fort Bel­vedere und ist charakteristisch für die Noblesse, mit der König, Regierung und Volk gleichermaßen eine ebenso schwierige wie delikate Angelegenheit zu Ende brachten. In dem unscheinbaren schlichten Wort Baldwins: ,Hch glaube, wir müssen uns jetzt zu­sammenschließen" klingt der ganze Ernst dieser Stunden durch, die tiefe Erschütterung die England in diesen Wochen erlebt hat, die Sorge eines Mannes, der sehr wohl weiß, was die Persönlichkeit des Mon­archen für den Zusammenhalt des Empire bedeutet.

Das Empire hat diese Belastungsprobe bestanden

Daß mit dem Thronverücht Eduards das britische Volk einen Herrscher verliert, auf den es die größ­ten Hoffnungen zu fetzen berechtigt war, macht diese Tage für jeden Briten zu Tagen des Leides und der Trauer. Denn Eduard hatte schon als Prinz von Wales sich in besonderem Maße auch das Herz des einfachen Mannes auf der Straße zu erobern verstanden. Es war ein Zufall von symbolischer Bedeutung für feine Persönlichkeit und seine Re­gierungspläne, daß der letzte seiner Besuche als .Kerrscher den Elendsqebieten der Kohlenreviere von Wales galt. Wie Eduard ein Mann der Front­generation war, der immer, wo er Gelegenheit ba­ut hatte, der kameradschaftlichen Verständigung das Wort redete, so galt innerpolitisch der sozialen Frage seine größte Aufmerksamkeit. Und das Volk verstand und' würdigte fein ehrliches Wollen. Die vom Vater überkommene Schlichtheit des Auftretens verband er mit der echten Fairneß der Sports­manns. Seine wirtschaftlichen Interessen hatten ihn schon früh in die Welt hinaus geführt, wo er auf Reisen durch alle Teile des' Empire, durch Nord- und Südamerika, den nahen und fernen Osten der beste. Propagandist der britischen Reichs­idee geworden ist. Seinem Nachfolger auf dem Thron, dem gleich dem Vater als Seeoffizier er­zogenen Herzog von Port, steht eine ähnliche oute Kenntnis der britischen Reichsteile zur Seite. Und auch er liebt den Sport wie sein Volk und hat der besonders brennenden sozialen Frage stets seine ganze Aufmerksamkeit gewidmet. Mit seinen beiden Töchtern Elisabeth und Margaret Rose aus seiner Ehe mit Lady Bowes-Lyon aus dem altfchotti^chen Adelsgeschlecht der Strathmore ist die Thronfolge auf weite Sicht gesichert. Das britische Volk wird nach den aufregenden Ereignissen dieser letzten Tage der sicheren Hand des Premierministers Dank wissen, daß das stolze Reichsqeböude des Empire, das die Krone überhöht und symbolisck) zusammen­hält, ohne schwere Erschütterungen aus dieser Krisis hervorgegangen ist.

Wie wenig die britische Aktivität in der Inter- nationalenPolitikauch nurfürkurzeZeitvermißt wer. werden kann, zeigt die Lage, die in Zusammenhang mit der Entwicklung der Dinge in Spanien ent- standen ist. Auf Anregung der französischen Regie­rung sind England und Frankreich mit einem Vor­schlag hervorgetreten, der einer Verlängerung des Bürgerkrieges in Spanien entgegenwirken soll. Beide Regierungen haben Deutschland, Italien, Por­

te, bin ich überall E l Reisen durch das > p i r e

Köniq Georg VI. mit seiner Familie. Links: Prinzessin Elisabeth, die Thronfolgerin. (Scherl-Bilderdienst-M.)

Empire kam, von allen Schichten des Volkes mit größter Herzlichkeit ausgenommen worden. Dafür danke ich von ganzem Herzen. Ich gebe nun alle meine öffentlichen Aemter ab und lege meine Bürde nieder. Es mag einige Zeit vergehen, ehe ich in mein Heimatland zurückkehre. Aber ich werde immer das Schicksal des britischen Volkes und des Empire mit großem Interesse verfolgen. Und sollte ich mich in der Zukunft einmal als schlich- ter Bürger im Dienste Seiner Majestät befinden, so werde ich nicht versagen. ..

Und nun haben wir alle einen neuen K o - n i g. Ich wünsche ihm und Ihnen seinem Volke, aus vollem herze Glück und Wohlstand. Gott segne Sie alle! Gott erhalte den König!"

LmeVotschasiderKönmn-Mtter

London, 12. Dez. (DNB.) Königin-Mutter Mary hat folgende Botschaft an das Volk ver­öffentlicht. Die Botschaft lautet:

An das Volk dieser Nation und das Empire!

Ich bin so tief gerührt von der Liebe, die mich in dieser Zeit der Sorge umgeben hat, daß ich a u s tief ft em Herzen dafür danken muß. Die Sympathie und Zuneigung, die mich in meinem großen Schmerz vor weniger als einem Jahr um­geben hat, hat mir auch jetzt nicht gefehlt, und das gibt mir wieder Stärke und Kraft. Ich brauche nicht von dem Schmerze zu sprechen der einer Mutter das Herz erfüllt, wenn ich daran denke, daß mein lieber Sohn es für feine Pflicht gehalten hat, sein Amt nieber- 3 u 1 e ge n und daß die Regierung, die so hoff­nungsvoll und so vielversprechend begonnen hat so plötzlich endete. Ich glaube, daß Ihr ermessen könnt, was es ihn gekostet hat, sich zu dieser Ent- scheidunq durchzuringen: und ich hoffe weiter, daß die Erinnerung an die Jahre, in denen er Jo eifrig bemüht war, feinem Land und dem Empire zu dienen, stets in Euren Herzen weiterleben wird^

Ich empfehle Euch seinen.Bruder der so unerwartet und unter so traurigen Umstanden sei­nen Platz einnimmt. Ich bitte Euch, lhm em so volles Maß an Treue entgegenzubringen, wie Ihr es meinem lieben Mann und auch dem Bruder des Königs entgegengebracht habt. Mit ihm empfehle ich Euch meine' liebe Schwiegertochter die dl nigin fein wird Mögen sie sich derselben nie wankenden Zuneigung und ^/"e erfreuen, d Ih mir 26 Jahre hindurch bezeugt habt. 2ch weiß, d ß ihre Kinder Euch schon ans Herz gewachsen sind.

ist mein °?nsL Gebet daß trotz nein wegen der gegenwärtigen Unruhe die Tre

f n n f eres Landes und des Em- } mit Gottes Hilfe a u f r e ch t e r h a l t e n

zugelassen.

Immer, solange ich Prince os Wales war und 'Wer, als ich den Thron innehatte, bin 'ch überall nit) wohin ich auch auf meinen

und gestärkt werden möge. Möge er Euch seg­nen und immer führen."

König Georg VI.

AmSamstagEidesleistungdesUnterhauses

London, 11. Dez. (DNB.) Das Unterhaus wird am Samstag um 15.45 Uhr MEZ. den T r e u- eid auf den König leisten. Am Montagabend wird Baldwin eine Botschaft des Königs im Un­terhaus verlesen. Baldwin teilte im Unterhaus weiter mit, daß nach Erledigung noch notwendiger Arbeiten das Unterhaus am 18. Dezember in die Weihnachtsferien gehen werde. Der neue König, dessen Vorname Albert ist, wird den NamenKö­nig Georg VI." führen. Diese Namenswahl ist auf einen Wunsch der Königin Viktoria zu­rückzuführen, daß kein künftiger Herrscher Englands unter dem Namen ihres Gatten, des Prinzgemahls Albert regieren solle. Freitagnachmittag stattete Premierminister Baldwin dem König Georg VI. seinen ersten Besuch ab.

Le roi leveult.

Die Annahme des Abdankungsgesetzes im Oberhaus.

Das Oberhaus behandelte das Abdankungsgesetz in einer rein formalen ersten, zweiten und dritten Lesung. In fünf Minuten konnte die Gesetzesvorlage das Oberhaus passieren. Dann zogen sich Lord Onslow, Lord Stanhope und Lord Den­ham zurück und legten ihre purpurfarbenen Her­melinmäntel an. Vor vollem Hause nahmen die drei Lords dann auf der Roten Bank auf der Estrade ihren Platz ein. Die Mitglieder des Unter­hauses wurden zusammenberufen und in der übli­chen Form davon unterrichtet, daß der König be­schlossen habe, persönlich nicht anwesend zu sein. Er habe Vollmacht erteilt, einem Gesetz zuzustim­men, das dem Hause vorgelesen worden sei. Nach den notwendigen Formalitäten der Verlesung ver­kündete der Clerk die Erklärung des Kö­nigs zum Abdankungsgesetz. An der einen Seite des Tisches stand der Clerk des Parlaments, an der anderen ber Lord- kanzler. Mit der alten normannischen Formel Le roi le v e u 11 wurde hierauf dem Willen des Königs Ausdruck gegeben. Damit war um 14.52 Uhr MEZ. die Zustimmung König Eduards VIII. zu dem Gesetz gegeben, durch das der Herzog von York König wurde.

Die MWedsansprache.

I London, 11. Dez. (DNB.) Um £3 Uhr MEZ. Hilt der bisherige englische König Eduard VIII. leite Rundfunkan spräche über sämtliche Sen- Ibr des Empire und die eines großen Teiles der irDeren Staaten, so daß etwa 100 Millionen Men- Ijdtm seine Rede gehört haben dürften. Der Ansager [leitete die Ansprache mit folgenden Worten ein:

j ier ist Schloß Windsor, Seine Königliche Hoheit l$r i n z E d u a r d." Der ehemalige König sagte: l .Endlich bin ich in der Lage, einige Person- llich e Worte zu sprechen. Ich habe niemals ge- m nscht, etwas zurückzuhalten, aber bis zum jetzigen 8u gendlick ist es für mich verfassungsmäßig nicht W glich gewesen, zu reden. Vor einigen Stunden jede ich meine letzte Pflicht als König und Kaiser «HiUt und nun, da mir mein Bruder, der Herzog v o n Y o r k, auf den Thron gefolgt ist, mssen meine ersten Worte dazu dienen, um ihn meiner Ergebenheit zu versichern. Das tue ilj aus vollem Herzen. Sie alle kennen die Gründe, bi mich dahin gebracht haben, auf den Thron zu v!7zichten, aber ich möchte, daß alle verstehen, daß id bei der Fassung meines Entschlusses d a s L a n d uib das Empire nicht vergessen habe, bm ich 25 Jahre hindurch als Prinz of Wales und spiterhin als König zu dienen versucht habe.

Sie müssen mir glauben, wenn ich Ihnen ßage, dah ich es als unmöglich empfunden habe, die schwere Bürde der Verantwortung weiter zu tragen und die Pflichten als König fo zu erfüllen, wie ich es mit Hilfe und Unter­stützung der Frau, die ich liebe, gern getan hätte. Und Sie alle sollen wissen, dah die Ent­scheidung, die ich getroffen habe, meine eigene ganz allein die meine gewesen ist. Es war eine Angelegenheit, in der nur ich allein urteilen konnte. Der einzige andere Mensch, der aufs engste mit dieser Entscheidung zusammenhängt, hat bis zum letzten Augen- ; blick versucht, mich zu einer anderen Ent­scheidung zu überreden. Ich habe diese schwerste Entscheidung meines Lebens nur unter dem einzigen Gesichtspunkt getroffen, was letzten Endes für alle das Beste fein würde. Die Entscheidung ist mir dadurch weni­ger schwer geworden, da ich sicher wuhte, dah w e i n V r u d e r mit seiner langen Erfahrung in den öffentlichen Angelegenheiten dieses Lan­des und mit seinen guten Eigenschaften im­stande sein würde, meinen Platz ohne Unter­brechung oder Schaden für Leben und Gedeihen des Empire zu übernehmen. 3hm ist groher Segen dadurch widerfahren, dah ihm, wie so vielen von 3hnen, etwas vergönnt war, was mir nicht vergönnt war, ein glückliches heim mit Frau und Kindern. 3n diesen schweren Tagen bin ich von meiner Ulutler und meiner Familie getröstet worden. Die RUnister der Krone und insbesondere der Premiermlms Baldwin haben mich immer mit viel Ehr- erbidung behandelt. Niemals hat em V e r- ßassungsstreit zwischen mir und ihnen imd zwischen mir und dem Parlament bes den. Außerdem hätte ich, der ich in den ver- ; ffassungstreuen Traditionen meines Va ers aus­gewachsen bin, niemals eine solche Entwicklung