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Nr. 254 Zweite; Blatt
(Siegeltet Anzeiger (General-Anzeiger für Kberheßen)
Abschluß der Kahrt des Alten Kührerkorpö durch den Gau Hessen-Nassau.
Der Stellvertreter des Führers spricht zur Belegschaft der Opelwerke. — Festlicher Ausklang
(Eigener Bericht des Gießener Anzeigers.)
Wiesbaden, 10. Okt. Das Wetter war den Gästen unseres Gaues Hessen-Nassau am vierten Tage ihres Treffens ebenso günstig, wie während der Tage vorher. Als sich die alten Kämpfer der Partei aus den verschiedenen Hotels an die Omnibusse begaben, lag in den breiten repräsentablen Straßen Wiesbadens heller Sonnenschein. So war es nicht weiter verwunderlich, daß nach dem schönen Abend im Kurhaus und nach der überaus gastlichen Ausnahme durch die Bevölkerung der Stadt überall beste Stimmung herrschte und man mit freudiger Erwartung der Stadtrundfahrt entgeaensah. Die Erwartungen wurden auch nicht enttäuscht, und die Gäste gewannen einen vollkommenen Eindruck von dieser wohl schönsten und modernsten Stadt des deutschen Westens. Biel bewundert wurde die neu- geschaffene Brunnenanlage am Kurhaus. Auch das Opelbad auf dem Neroberg wurde besichtigt. Gegen 10 Uhr wurde dann — wieder durch ein Skalier vieler winkender Schulkinder — Wiesbaden in der Richtung nach Rüsselsheim verlassen.
Vesuch bei Opel.
Dor dem Werke, dessen hoher Turm und himmelstürmende Schornsteine schon von weitem grüßten, hatten die örtlichen Gliederungen der Partei in starken Abordnungen Ausstellung genommen; von vielen Masten flatterten Fahnen Des Dritten Reiches und jene des Werkes selbst. Dem Stellvertreter des Führers (der nach seinem Eintreffen die Frvn-tsn abschritt) und seinen Begleitern, dem Reichsorganisationsleiter und dem Gauleiter, wurde herzliche Begrüßung zuteil. Geheimrat von Opel hieß die Gäste seinerseits willkommen.
In einem großen, neuen und festlich ausgeschmück- ten Arbeitssaal sand die eigentliche Begrüßung statt, nachdem der Stellvertreter des Führers die im Betrieb der Opelwerke stehenden über 100 alten Kämpfer kameradschaftlich begrüßt und ihre Front abgeschritten hatte. Der Betriebsführer Dr. R. A. Fleischer hielt dann die Begrüßungsansprache, in der er die Bedeutung der durch Die nationalsozialistische Staatsführung bestimmten Wandlungen im Wirtschaftsleben unseres Vaterlandes hervorhob und in längeren Ausführungen über die besondere Entwicklung der Opelwerke sprach, die heute allein in Rüsselsheim über 18 000 deutsche Volksgenossen beschäftigten. Er bat abschließend den Stellvertreter des Führers und den Reichsorganisationsleiter Dr. Ley um die lieber® mittlung herzlichster Grüße der Arbeiterschaft dieses Werkes an den Führer Adolf Hitler.
Die Weihe der Lehrlingswerkstatt
Im Anschluß an diese Begrüßung wurde die zum Teil neu geschaffene, bzw. erheblich ausgebaute Lehrlingswerk st ätte der Opelwerke ihrer Bestimmung übergeben. Nach einer Anspache des Leiters der Werkstätte weihte der Reichsorganisationsleiter Dr. Ley diese Werkstätte ein. Er erinnerte an vergangene Zeiten, da die Berufserziehung und ihre Bedeutung völlig oder gar böswillig verkannt wurde, er kennzeichnete das neue deutsche Berufsethos des einer hohen Leistung fähigen Facharbeiters, er richtete an die vielen anwesenden Lehrlinge Worte der herzlichen Ermahnung im Glauben an das deutsche Volk und im Vertrauen auf eigene Kraft stetig zu immer größerer Vervollkom- menheit zu streben und sich mit aller Kraft für das neue Deutschland und seinen Führer einzusetzen. Mit ernsten, in die Zukunft weisenden Worten
Übergab der Reichsorganisationsleiter Dr. Ley die moderne vorbildliche Werkstatt ihrer Bestimmung.
Die Jungens, denen die Helle Freude über den außerordentlichen Besuch und die Weihe ihrer Werkstatt aus den Augen leuchtete, folgten mit gespannter Aufmerksamkeit den Worten Dr. Leys, und die 14- und 15jährigen waren stolz darüber, inmitten von Gästen stehen zu dürfen, die aus ganz Deutschland gekommen waren und sich um unser Vaterland so verdient gemacht hatten
Die Werkstätte selbst wurde von allen den Gästen eingehend besichtigt und übereinstimmend deren vorbildliche Einrichtung anerkannt.
vetriebsaypell in den Ope werken.
NSG. In dem geräumigen Betriebsbahn- h o f der Opel AG. ist die Belegschaft der Früh -und Normalschicht versammelt. Fahnentücher des neuen Reiches und ein großes Führerbild schmücken die weite Halle, in der sich die Arbeiter so dicht drängen, daß bis unter das hohe Dach jeder freie Platz auf dem Gestänge besetzt ist. Unter lebhaften Begrüßungsrufen betreten der Stellvertreter des Führers Rudolf H e ß, der Reichsorganisationsleiter Dr. Ley, Gauleiter und Reichs- siatthalter Sprenger und Gauobmann der DAF. Parteigenosse Becker den Arbeitsraum.
Stürmisch begrüßt tritt dann der Stellvertreter des Führers Parteigenosse Rudolf Heß vor die versammelten Arbeiter. Er stellt heraus, daß er bei der Besichtigung des Werkes einen Betrieb höchster Gemeinschaft der Schaffenden gesehen hat. Hier kann man beobachten, wie eine Arbeitsgruppe von der anderen abhängt, und wie es hier ist, so ist es im ganzen Staate. Die Voraussetzung für unsere
Arbeit ist euer Vertrauen. Das Vertrauen, das ihr uns gegeben habt, wurde von uns nicht enttäuscht. Es ist das Schönste bei uns, daß wir den Volksgenossen frei in die Augen sehen können und daß uns ein freier Blick trifft. Was in diesen dreieinhalb Jahren geschaffen wurde, grenzt an ein Wunder. Parteigenosse Heß zeigt, wie der Vierjahresplan, an dessen Erfüllung bei seiner Verkündung die meisten nicht geglaubt haben, Arbeit gebracht hat und wie neue Werke entstanden sind. Er hebt dann die Opfer derjenigen Alten Kämpfer hervor, die früher in diesem Betriebe wie überall für das neue Deutschland gerungen haben und die heute das Bewußtsein haben dürfen, daß sie Sieger wurden mit dem Führer. „Wir wollen zu unserem einzigen Führer stehen!", so schloß der Stellvertreter des Führers. Sein Sieg-Heil, in das die Versammelten tausendstimmig einstimmten, galt den Schaffenden Deutschlands. Betriebswalter Kuhn dankte den Männern vom Alten Führerkorps der Bewegung für ihr Kommen und besonders dem Führer-Stellvertreter für die Worte, die er an die Betriebsversammlung gerichtet hatte. Dann schallten die Lieder der Deutschen durch den Raum. Von allen Seiten drängten die Männer der Arbeit herbei und streckten ihre Hände dem Stellvertreter des Führers entgegen, der sie gar nicht alle fassen und drücken konnte. Ein Beweis der Liebe des Volkes zu seinen Führern, wie er in einem anderen Lande wohl undenkbar ist.
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Am nächsten Ziel nach Rüsselsheim hielt das Führerkorps kurze Einkehr und die meisten der Gäste, die den Flughafen noch nicht kannten, sahen mit Staunen und Bewunderung die große Halle und die übrigen Anlagen, die für die beiden Luftschiffe geschaffen worden waren. Gründliche Auf-
Die Begrüßung der Gäste durch den Betriebsführer der Opelwerke.
Huf in Oer Nacht.
Don Werner Schumann.
Wir lagen, erzählte einer, damals in einem polnischen Panjehaus. Es war alt, brüchig, himmelblau getüncht, und das Dach faß auf ihm wie eine tief herabgezagene Kapuze. Es hatte gezittert und gebebt unterm Schritt an die Front marschierender Kompanien, unterm dumpfen Bullern m Stellung nebenher Artillerie. Nun war es plötzlich ganz still um uns geworden. Nur die Geschütze brummten aus der Ferne. In der schwarz herabsinkenden Nacht dünkten wir uns allein auf der endlosen Ebene Welt. Der Krieg war ins Weite entrückt, wir nahmen ihn kaum noch wahr. Mächtiger erschien uns in der Nachtstunde das Geräusch eifrig schreibender Bleistifte. Ich sehe noch heute die braunen, verwitterten Bartgesichter vor mir, tue roten, rauhen Männerstirnen im Kerzenlicht, rote ste rmld und zugleich schwer über die ungelenken Buchstaben ge- ' DieTltene Stunde hatte etwas Traumhaftes ja Feierliches, und mir war es, als dehnte sie sich, über die ganze Nacht und wollte kein ®nbe.^men. Ueberroältigt von ihrem Frieden, waren mgeKameraden darüber eingeschlafen. Ihre tiefen Atemzüge erfüllten das Haus.
Plötzlich fühlte ich mich angerufen. Eme Stimme rief in befehelendem Ton von draußen. „Hafer ^Jch nahm es deutlich wahr und schieb doch ruhig weiter an meinem Bericht, ungehalten
Störung zu dieser Stunde. Warum warteten sie nicht, bis es hell wurde? Aber natürlich s 1)fe schon seinen guten Grund, im Kriege vollzieht sich oft das Wichtigste im Schutz der Dunkelheit^ Und so gab ich denn ohne langes Besinnen, wie 9' wohnt war, den Befehl weiter: „Alles draußen an» ^kLw°hr"H°5°'L°chtm°lst°r", knurrten einige, die noch über ihren Briefen saßem Dre anderen, mit einem Rippenstoß geweckt, krochen übermüdet ü! die Stiefel. Nur einer stand merkwurd.gerweste nicht auf er blieb sitzen am selbstgezimmerten Tisch, und seine dicke Faust schob beharrlich weiter über den tarierten Briefbogen. Es war der Gefrelte Karl H., er hatte daheim eine Frau, drei kleine Kinder und ein gutes Stück das die Frau
allein bestellte. Sein Rock stand oben offen, die zerkaute Pfeife hing ihm aus dem Mundwinkel. ,,Na, Karl", rede ick) ihn an, denn wir waren nute Freunds. „toUIft wohl nicht mit anpacken draußen?"
Da erst legte er den Bleistumpf aus der Hand und sah mich an mit seinen grauen, treuen Augen: „Du, ist es denn wahr, daß da jemand soll gerufen haben? 5)ab nichts gehört. Aber das ist wohl, weil man so ganz zuhause ist, da sind die Kinder manchmal lauter als der Krieg." Er lachte und schüttelte den Kopf. „Schafft ihr's nicht allein? Kann ich das Dings da zuende malen?"
„Ja, schreib du nur", sagte ich und streifte, während ich den andern nachspringe vors Haus und in die Nacht, noch mit den Augen feinen tief geneigten, schweren, bartumwucherten Bauernkopf, wie er dem Auf und Ab der Buchstaben leise folgte.
An der Hoftür waren meine Leute schon angetreten. Sie empfingen mich sogleich mit der verwunderten Frage, wo denn die Fouraae sei? Der Hafer? Kein Mensch, kein Gespann sei ja weit und breit!
Ich stutzte und erschrak. Ich strengte meine Augen an, meine Sinne, rief mehrmals nach dem Kerl, der uns den Hafer verheißen hatte, schickte meine Leute in die Ställe und in weitem Bogen ums Haus. Sie kamen nach wenigen Augenblicken unverrichteter Dinge zurück und feixten fi* eins: „Ist ja der reine Spuk", sagte einer breit und verdrossen.
Mir war nicht wohl in diesen Augenblicken, hatte ich sie doch ohne allen Zweifel gehört, klar und deutlich durch die Nacht vernommen, die Stimme von draußen: „Hafer fassen! Hafer fassen!" Nein, beim Himmel, ich hatte nicht geträumt, sondern völlig wach und hellen Kopfes meinen Tagesbericht niedergeschrieben — bis es mich angerufen.
Während ich unschlüssig daftand und überlegte, ob wir nicht besser wieder ins Haus zurückgingen, stieg hinter den Hügeln eine Leuchtkugel hoch, dann wieder eine, noch eine, und im Schein des weiß aufflammenden Lichts sahen wir die Silhouette eines Wagens mit zwei ruhig dahintrottenden Pferden davor, die sich aus etwa 500 Meter Entfernung auf uns zubewegten.
„Halloooh!" rief ich laut. Doch niemand antwortete, außer den unablässig aufbrummenden Geschützen. So stand für uns fest, daß unmöglich dieser Gespannführer gerufen haben konnte, der da langsam durch die geisterhaft durchblitzte Nacht feinen Wagen auf unsere Gruppe lenkte.
Ohne daß mehr Worte fielen, aus einem allgemeinen, dunklen Gefühl heraus, zogen wir ihm entgegen. Wir warfen uns nieder, sobald der weitgreifende Lichtkegel uns erfaßte, zogen wieder weiter und sahen bie Silhouette des Gespanns von Minute zu Minute wachsen, bis endlich das Knarren der Deichsel vernehmbar wurde und der leichte
Schlag der Lederleine, wenn der Kutscher sie auf den Pferderücken fallen ließ.
Da sauste — wir hörten es atemlos — in unserem Rücken dumpf und brausend etwas heran und explodierte mit mächtigem Getöse. Als wir uns zögernd, als ahnten wir das Furchtbare, umwandten, war noch durch das Nachtdunkel die Säule aus Erde, Lehm, Steinen und Holzsplittern zu erkennen, die an der Stelle gen Himmel stieg, wo unser himmelblau getünchtes, kleines Panjehaus gestanden hatte.
Einer sagte gelassen: „Volltreffer". Alle dachten, ohne es auszusprechen: unser lieber Gefreiter, der durchaus seinen Brief zuende schreiben wollte und damit bis ans Ende seines Lebens kam... Welche Hand hatte ihn auf den Sitz niedergedrückt, wo wir doch alle hinausgegangen waren?
„Hast du uns gerufen, he?!" schrien sie den Gespannführer an, der uns den Hafer brachte. Nein, versicherte der, wie käme er auch dazu, und schüttelte staunend den Kopf.
„Und doch muß es einer gewesen sein", kam da noch eine Stimme, die das Unergründliche erforschen wollte, und sie bebte ein wenig von verzweifelter Dankbarkeit, „vielleicht — ja, vielleicht war es der liebe Gott selbst...?"
Zeitschriften.
— Sir Arthur Willert macht im neuesten Heft der „I 11 u ft r i r t e n Zeitung (Leipzig" (Verlag I I. Weber, Leipzig) mit dem Foreign Office, der „Herzkammer des Britischen Weltreichs", bekannt. Auf Grund seiner reichen Kenntnisse und Erfahrungen kann er interessante Einzelheiten über die Männer berichten, die im britischen Außenamt „Politik machen". Ebenfalls von großer Aktualität ist der Beitrag von Prof. Dr. Thalheim über „Währungswirrwarr und Weltwirtschaft". Es werden hier von einem Sachverständigen klar und verständlich die Triebkräfte, die zur Frankenabwertung führten und die sich daraus ergebenden weltwirtschaftlichen Auswirkungen erörtert. Am Kampf gegen den Bolschewismus beteiligt sich das Heft, indem es den aufschlußreichen, interessant bebilderten Artikel „Kolo- nial-Bolschewismus" veröffentlicht. Ein mehrseitiger Bildbeitrag behandelt das Heer der Vereinigten Staaten von Amerika, das infolge der besonderen Struktur und Geschichte des Landes ein anderes Gesicht als die europäischen Armeen zeigt. — Ferner sind zwei Bildseiten aus Anlaß des 40. Todestages dem Andenken des großen Tonkünstlers Anton Bruckner gewidmet.
Montag, 12. Oktober Mb
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Das Alte Führerkorps in den Opelwerken (Aufnahme (2) Dr. P. Wolff und Tritschler.)
schlüsse von berufenen Herren der Zeppelin - Reederei gaben den Besuchern einen Einblick in den Betrieb des Zeppelin-Hafens und in feine hohe Bedeutung für den Weltverkehr .
Zurück nach Frankfurt.
Noch einmal erlebte das alte Führerkorps der NSDAP, die Liebe und Verehrung, die den Alten Kämpfern der Partei fo oft entgegenschlug: beim Einzug in Frankfurt am Main!
Schon in den äußersten Straßen der Stadt standen viele Volksgenossen. In der Innenstadt war kaum noch durchzukommen.
Auf dem Römerberg fand dann die Abschied sfeier statt, bei der der Reichsorganisationsleiter Dr. Ley das Erlebnis der vier Tage dieses Treffens zusammenfaßte und in begeisterten Worten über alle die Liebe und Verehrung sprach, die unser herrliches deutsches Volk in diesem Gau dem alten Führerkorps entgegenbrachte.
Reichsstatthalter und (Bauleiter Sprenger sagte anschließend dem Reichsorganisationsleiter Dr. Ley für die Einrichtung dieser Fahrten und insbesondere für die Verlegung der vierten Fahrt in den Gau Hessen-Nassau, herzlichen Dank und gab dem Wunsche Ausdruck, daß der Gau Hessen- Nassau bald wieder einmal das Ziel einer solchen Fahrt werden möge.Mit einem Gedenken des Führers fand die Abschluß-Kundgebung ihr Ende.
Fahrt durch Alt-Frankfurt.
Einen noch einmal für alle die Kameraden des alten Führerkorps begeisternden Abschluß bildete die Fahrt zum Palmengarten, wo alle, die sich zu diesen denkwürdigen Tagen eingefunden hatten, noch einmal eine Huldigung erfuhren, wie sie kaum erwartet werden konnte. In kurzen Abständen brannten an den Straßen viele rote bengalische Feuer. Jungvolkpimpfe, BDM., SA. und SS. standen dichtes Spalier und darüber hinaus schien es, als fei die ganze Stadt auf den Beinen. Im Palmengarten blieben die Kameraden des Führerkorps einige Stunden beisammen, bis allmählich die vorgeschrit-
Aufregende Zahnbehandlung.
„Wir gaben ihm einen Liter einer Mischung aus Chloroform und Aether", sagte der Zahnarzt ruhig. „Aber er kam zu sich, ehe ich fertig war, und darum mußten wir ihm noch ein bißchen mehr geben. Schließlich kam der Zahn aber doch großartig heraus." Sidney Kemp, der Zahnarzt des Londoner Zoo, beschreibt die größte Aufgabe, die er je unternommen. Und einem ausgewachsenen Bären einen Zahn zu ziehen, ist keine Kleinigkeit. „Er war der Liebling der Marineschule in Whale Island", erzählt Herr Kemp, „und er litt schrecklich an Zahnschmerzen. Die Autoritäten dort gingen den Zoo um Hilfe an, und ich wurde hingeschickt. Der Bär wog ungefähr fünf Zentner, und da er sehr schlechter Laune war, sah die Sache nicht besonders ermutigend aus. Aber wir lockten ihn mit braunem Brot und Sirup in einen geschlossenen Kasten und fingen an, das Chloroform hineinzupumpen. Als wir ihm einen Liter verabreicht hatten, packte ein Trupp von sechs Matrosen seinen Kopf und hielt ihn aus dem Kasten heraus. Ich begann meine Arbeit, während mein Assistent mit einem großen Schraubstock seine Kinnbacken offen hielt. Aber bevor ich zu Ende war, nahmen die Dinge eine unvorhergesehene Wendung. Schnell! schrie plötzlich mein Assistent, er kommt zu sich, und sehr viel länger kann ich seine Kinnbacken nicht offenhalten. Und da stand ich, mit meinen beiden Händen im Inneren eines Bärenrachens und mit der Wahrscheinlichkeit, sie im nächsten Augenblick los zu sein. In der Verzweiflung lotsten wir das Tier in den Kasten zurück und gaben ihm noch ein Betäubungsmittel. Und dann gelang es mir, die Operation zu beenden. Aber es waren keine sehr angenehmen Augenblicke."
Kemp ist seit zwölf Jahren Zahnarzt im Zoo und hat in der Zeit viele sonderbare Patienten gehabt. Wirklich die einzigen Tiere, mit denen er niemals zu tun gehabt hat, waren Elefanten. „Ich glaube nicht, daß Elefanten Zahnschmerzen haben können", sagt er. „Ihre Zähne sind große feste Blöcke, man konnte sie als Türbrecher benutzen. Der einzige Pa- tient, der mich je gebissen hat, war ein Mungo. Aber einmal wurde ich von einem Känguruh angegriffen und in den Magen geboxt. Zehn Minuten lang konnte ich keine Luft mehr bekommen. Im allgemeinen haben Tiere sehr gute Zähne, lene, die am meisten leiden, sind die, die dem Menschen am ähnlichsten sind, besonders die Schimpansen. Mit wenigen Ausnahmen kann man keine besseren Patienten haben. Sie sind viel besser als menschliche.


