nr.155 Dritter Blatt
Glehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Zreitag, 12. Zuni 1936
Aus der Provinzialhauptstadt.
Oer Selb.
Diele werden verwundert den Kopf schütteln, weil sie noch nie von einem Selb gehört haben. Und dennoch hat jeder von uns schon vor einem Selb gestanden und ihm Schokolade oder Zigaretten oder eine Fahrkarte oder eine Briefmarke entnommen oder vom Selb aus sich mit jemandem „fernmündlich" unterhalten! Und schon — nicht wahr? — weiß jedermann, was ein Selb ist: ein Automat.
Niemand braucht sich zu schämen, wenn er noch nichts von einem Selb gehört hat; denn dieses deutsche Wort Selb ist erst vor kurzem zur Welt gekommen. Man hat es sich ausgedacht, als man bei der „Reichsgemeinschaft der technisch-wissenschaftlichen Arbeit dabei war, die vielen technischen und wissenschaftlichen Fremdwörter, die unsere herrliche Muttersprache noch immer verhunzen, durch gute deutsche Wörter zu ersetzen. Da man kein gutes deutsches Wort für Automat finden konnte, machte man sich daran, es zu erfinden.
Es gehörte für die Väter dieses Neugeborenen ein gewisser Mut dazu, ein Wort zu erfinden. Aber warum sollen immer nur Dichter sprachschöpferisch sein? Warum nicht auch nüchterne Techniker und Wissenschaftler? Und man muß gestehen, daß die Väter des neuen Wortes ihre Sache sehr gut gemacht haben. Denn es ist ein einfaches, kurzes, verständliches und wohlklingendes Wort.
Den Zögernden sei gesagt, daß das Wort Selb von vielen Sachkennern geprüft wurde. Das Deutsche Sprachpflegeamt, der Deutsche Sprachverein, Sprachgelehrte und auch „richtig" Dichter wurden um ihr Urteil gefragt; sie alle billigten das Wort Selb.
Warum begnügte man sich nicht mit dem zwar zusammengesetzten, aber doch schon vorhandenen Wort Selbstgeber? Weil auch „Rad" noch besser ist als Fahrrad oder Zweirad, und trotzdem verstanden wird. Und weil man auch nicht von einem Selbstgeber aus fernsprechen kann, sondern diesen Automaten dann wieder anders, z. B. Münzfernsprecher, nennen muß. Selb aber paßt immer!
Wird es nicht wieder einige geben, die die Nase Über das „komische" Wort Selb rümpfen werden? Ganz sicherlich! Es sind die, die auch seinerzeit über das komische „Rad" (statt Velociped!), über den komischen „Fernruf" (statt Telephon!) und über das komische „empfindsam" (statt sentimental!) die Sttrn kraus gezogen haben. Wie denn? Das Wort empfindsam soll komisch sein? Das ist doch ein altes, gutes deutsches Wort! Nun: Wie alt mag es sein? Man kann sein Geburtsjahr genau angeben: 1768. Denn in diesem Jahre hat Lessing sich dieses Wort — ausgedacht. Vor ihm gab es das Wort empfindsam noch nicht. Um es einzuführen, gab Lessing ihm diesen Spruch mit auf den Weg: „Was die Leser fürs erste bei dem Worte noch nicht denken, mögen sie sich nach und nach zu denken gewöhnen!"
Wie wird es mit dem Selb werden? Wird man sich nach und nach an den Selb gewöhnen? Was gilt die Wette? Ein halbes Jahr Selb — und niemand spöttelt mehr! Dr. By.
Vornotizen.
Tageskalender für Freitag.
NS.-Lehrerbund, Abt. Höhere Schule, Deutsch- kundliche Fachschaft, 16 Uhr, Vorttag „lieber Heimatkunstdichtung mit besonderer Berücksichtigung von Hermann Stehr" in der Oberrealschule. — Gloria-Palast, Seltersweg: „Hinter den Kulissen". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Maskerade". — Modellbauausstellung, 15 bis 17 Uhr, in der Neuen Pestalozzischule.
Sckaufenster-Oekoi-at onskurke der Deutschen Arbeitsfront und der Dirtschafts- gruppe Einzelhandel.
Die Visitenkarte eines Geschäftes ist das Schaufenster. Das Publikum schließt von der Auslage auf das ganze Geschäft und dessen Leistungsfähigkeit, und je geschmackvoller ein Schaufenster dekoriert ist, desto mehr Käufer werden angezogen und von der Leistungsfähigkeit des Geschäftes schon von außen überzeugt. Die Warenhäuser hatten den Wert einer guten Schaufensterdekoration längst er-
13.unM4.3uni:
Sammeltag der karitativen Verbände.
Aufruf des Gauleiters zum Vot-Kreuz-Tag.
Zum Sammeltag 1936 des Roten Kreuzes erläßt Reichsstatthalter Gauleiter Sprenger folgenden Aufruf:
„3n diesen Tagen wird sich das Deutsche Rote kreuz wieder mit einer Werbung um Mit- Hilfe und der Ville um Spenden zum Vesten seiner Einrichtungen an die Oeffentlichkeit wenden. Wie in so Vielem so hat auch das Rote kreuz unter der Schirmherrschaft des Reichskanzlers und Führers Adolf Hitler einen neuen Aufschwung genommen. Zu einheitlicher praktischer Arbeit haben sich die Rlänner- und Frauenvereine, die Sanitätskolonnen, die Schwestern und die weiblichen Hilfskräfte des Roten Kreuzes im Geiste nationalsozialistischer Lebensauffassung zusammengeschlossen. Reue Aufgaben sind dem Deutschen Roten Kreuz insbesondere durch die Wiedererlangung der Wehrhoheit Deutschlands gestellt, zu deren Erfüllung die vielseitig und segensreiche Friedensarbeit seiner Gliederungen Grundlage und Ausbildungsmöglichkeit bietet.
Möchten sich alle Volksgenossen dieser großen vaterländischen und gemeinnützigen Aufgaben bewußt sein und durch reichliche Spenden oder persönliche Mitarbeit in den Rotkreuzgliederungen dem Roten Kreuz die Erfüllung seiner Arbeit erleichtern."
heil Hitler! Sprenger.
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Vahnhossmission — Dienst am Volke.
Am 13. und 14. Juni werden auch am Gießener Bahnhof die Sammlerinnen für die Bahnhoss- mission mit ihren Büchsen stehen. Jeder, der öfters den Bahnhof betritt, kennt die Bahnhofsmission. Die Helferin mit der weißen Armbinde — mit rosa Kreuz evangelisch, mit gelbem Balken katholisch — tut dort Tag für Tag und Abend für Abend ihren
Dienst. Unentgeltlich bietet sie ihre Hilfe den Jugendlichen, den Alten, den Blinden und Gebrechlichen. Alleinreisende Kinder werden von ihr befördert, und wer sonst in Not und Verlegenheit ist, findet geduldiges Anhören, ein freundliches Wort und nach Möglichkeit Rat und Hilfe. Ihre Aufgabe ist eine Mission. Den im Strom des Lebens aus der Bahn Geworfenen will die Bahnhofsmission wieder zurechthelfen, sie den Stellen zusühren, die dann durchgreifende Hilfe leisten können. Damit dient die Bahnhofsmission unserm Volk beim Neuaufbau. In Anerkennung dieser Dienste wird ihr behördliche Unterstützung zuteil, ist ihr diese Sammlung genehmigt.
Die haus- und Strahensammlung für die Innere Mission.
Die Haus- und Straßen-Sarnrnlung für die Innere Mission findet am morgigen Samstag und am Sonntag statt. Es erübrigt sich, auf die Bedeutung der Inneren Mission hinzuweisen. In evangelischen Kreisen ist sie hinlänglich bekannt. — Notwendig ist jedoch, immer wieder auf die Tatsache aufmerksam zu machen, daß die Innere Mission ohne die finanzielle Hilfe der Glaubensgenossen nicht bestehen kann.
Oie Sammlungen sind genehmigt.
DNB. Für den 13. und 14. Juni sind, wie von Berlin gemeldet wird, vom Herrn Reichs- und Preußischen Minister des Innern Haus- und Straßensammlungen dem Deutschen Roten Kreuz, der Inneren Mission und dem Caritasverband genehmigt worden.
Militärkonzert zugunsten des Voten Kreuzes.
Am Sonntag findet am Hindenburgwall in der Zeit von 11 bis 12 Uhr ein Platzkonzert statt. Es wird ausgeführt von der Bataillonsmusik des neueingezogenen MG.-Bataillons.
kannt, ehe der Einzelhandel sich dieses wirkungsvollen Werbemittels bediente.
Dem kleineren Geschäftsmann steht allerdings nicht immer das Geld zur Verfügung, einen ständigen Dekorateur zu beschäftigen. Da das Verkaufspersonal oder der Einzelhändler selbst in vielen Fällen auch nicht in der Lage ist, ein Schaufenster mit geringen Mitteln sinnvoll zu dekorieren, hat die Deutsche Arbeitsfront, Abteilung für Arbeitsführung und Berufserziehung, ganz hervorragende Fachkräfte für Schaufensterdekoration verpflichtet, um den interessierten Kreisen die Möglichkeit ■ zu geben, sich in der Dekorationskunst und den dazu gehörigen Kenntnissen in Lackschrift, Plakatmalen und Farbenlehre innerhalb eines dreiwöchigen Lehrganges auszubilden.
Dieser Dekorationslehrgang beginnt heute im Haus der DAF., Schanzenstraße 18, Saal, und findet wie folgt statt:
Dekorationsabendlehrgang täglich von 20—23 Uhr, Dekorationstageslehrgang täglich von 8—13 Uhr, beide Lehrgänge für die Dauer von drei Wochen. Eigenes Dekorationsmaterial aller Geschäftszweige erlaubt die Aufstellung von 15 Schaufensterkojen, in denen die Teilnehmer praktisch arbeiten. Es können nicht nur die Dekorationen unter Verwendung wertvollen Materials aus allen Branchen erlernt werden, sondern es wird auch gezeigt, wie man mit einfachsten Mitteln ein geschmackvolles, zugkräftiges Schaufenster gestaltet. Alle Betriebsführer und Arbeitskameraden aus dem Einzelhandel werden zur Teilnahme aufgefordert.
Anmeldung und Auskunft: Abteilung für Arbeitsführung und Berufserziehung der Deutschen Arbeitsfront, Geschäftsstelle Gießen, Schanzenstr. 18, Zimmer 5, Telephon 3275.______________________
polizeibenchi.
Der Einbruchsdiebstahl in Klein-Linden.
Am 10. Juni gegen 19 Uhr wurde — wir berichteten bereits gestern darüber — der Kriminalpolizeistelle Gießen telephonisch mitgeteilt, daß bei dem Landwirt Ludwig Jung XVI. in Klein-Linden ein Einbruchsdiebstahl verübt worden sei. Die sofort an- gestellten Ermittlungen ergaben folgendes: Jung verließ gegen 16 Uhr mit seiner Ehefrau sein Besitztum. Beim Abschließen des Hoftores sah er auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig einen Mann mit einem Rucksack, der ihm etwas verdächtig vorkam. Bei Rückkehr von der Feldarbeit gewahrte Jung, daß eine Zimmerfensterscheibe zertrümmert war. Beim Eintritt in die Wohnung stellte er fest, daß der Kassenschrank unverschlossen und fast sämtliche Behältnisse in der Wohnung durchwühlt waren. Der Tatverdacht fiel sofort bei Jung auf die am Nachmittag von ihm gesehene fremde Person. Die nach dieser Richtung hin angestellten Nachforschungen bestätigten auch die Annahme, da weitere Zeugen ermittelt werden konnten, denen der Täter auffiel und die eine einigermaßen genaue Beschreibung der tatverdächtigen Person abgeben konnten. Auf Grund dessen wurde sofort die Verfolgung des mutmaßlichen Täters in Richtung Wetzlar ausgenommen, da er in Richtung des Allendorfer Waldes gesehen wurde. Kurz vor dem Einfahren des Zuges Gießen—Wetzlar auf der Station Dutenhofen bemerkte der den Täter verfolgende Kriminalbeamte von der dem Bahnsteig gegenübergelegenen, bereits herabgelassenen Bahnschranke auf dem Bahnsteig eine Person, die auf den beschriebenen vermutlichen Täter paßte. Da ein Passieren des lleberganges nicht mehr möglich war, sprang der Beamte über die
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Schranke auf den einfahrenden Zug, den er auf der anderen Seite sofort verließ und den Verdächtigten gerade noch vor dem Besteigen eines Abteils fassen konnte. Der Festgenommene hat auch alsbald nach erfolgter Durchsuchung die Tat eingestanden. Unter- roegs bei Sicherstellung von Kleidungsstücken, die er bei einer Sandgrube im Gebüsch abgelegt hatte, unternahm der Täter einen erfolglosen Fluchtversuch. Bei dem Festgenommenen handelt es sich um den 33jährigen Oswald Lotter aus Leskau, der vor einiger Zeit nach Verübung eines Einbruchdiebstahls in Groß-Karben festgenommen, aber aus dem Polizeigewahrsam entwichen ist. Lotter kommt noch für eine Reihe weiterer Diebstähle in Frage. Er wird dem Amtsgericht zugeführt.
In einer hier am (Bleiberger Weg liegenden Geflügelfarm wurden in der Nacht vom 10. auf 11. d. M. eine größere Anzahl Hühner anscheinend von einem Iltis oder Marder totgebissen. Der hierdurch verursachte Schaden beträgt etwa 200 Reichsmark,
»Oer deutsche Seidenraupenbau."
Die Ortsgruppe Gießen des Deutschen Biologischen Verbandes veranstaltet am kommenden Sonntagvormittag im Gloria-Palast in Gemeinschaft mit der Oberhessischen Gesellschaft für Natur - und Heilkunde einen Vortrag über Seidenbau. Redner der Veranstaltung ist der zoologische Mitarbeiter der Versuchs- und Forschungsanstalt für Seidenbau i n Celle, Dr. Kretschmar. In Verbindung mit dem Vortrag, der die biologischen Grundlagen, die Arbeitsweisen und die Ziele der deutschen Seidenraupenzucht erläutern wird, gelangt auch ein Film zur Vorführung.
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Wiederholt ist in den letzten Jahren über Seidenbau in der Presse berichtet worden. Bekanntlich wird dem Seidenbau, das heißt also der Zucht von Seidenspinnraupen zur Gewinnung des von ihnen erzeugten hochwertigen Seidenfadens, seit dem Umbruch wieder eine erhöhte Bedeutung beigemessen: der Reichsnährstand ist mit der Durchführung eines umfangreichen Seidenbau-Aufbauprogramms beauftragt worden, das durch die „Reichsfach - gruppe Seidenbauer e. V." (im Reichsverband Deutscher Kleintierzüchter e. V., angegliedert an den Reichsnährstand) in Celle zur Ausführung gelangt. Im Rahmen dieser Aufbauarbeit werden in erster Linie die Gemeinden und sonstigen Körperschaften des öffentlichen Rechts aufgefordert, die Maulbeerpflanzungen als Grundlage des Seidenbaues zu schaffen. Die Nutzung des Laubes als Seidenraupenfutter überlassen die Gemeinden Züchtern, die sich in den Monaten Juni bis Mitte September durch die Seidenraupenzucht eine zusätzliche Einnahme erarbeiten wollen. Auf der Grundlage von 1000 gut entwickelter Maulbeersträucher können 150 bis 200 Mark während einer Zuchtzeit bei Durchführung von Staffelzuchten erzielt werden. Um den vielen Volksgenossen, die sich diese Einnahmemöglichkeit verschaffen wollen, Kenntnisse im Seidenbau zu vermitteln, hat die „Reichsfachgruppe Seidenbauer" e. V." in allen Teilen Deutschlands Schulungsstätten eingerichtet und verteilt auf Anfrage an Interessenten kostenlos Merkblätter, die die ersten Anleitungen vermitteln. Ein neuer Erwerbszweig ist im Entstehen, eine wichtige neue Stellung in der Front der Erzeugungsschlacht wird bezogen. (Auf die heutige Anzeige sei besonders aufmerksam gemacht.)
Wer will noch auf Wanderschaft?
Nach der Zusammenkunft der Wandergesellen auf dem Reichshandwerkertag in Frankfurt a. M. ist vielfach die Meinung entstanden, daß damit auch das Gesellenwandern für 1936 seinen Abschluß gefunden habe. Das ist seit diesem Jahre nicht mehr der Fall. Das Gesellenwandern geht ununterbrochen weiter. Wie in anderen Teilen Deutschlands, so wurde in diesen Tagen auch in dem benachbarten Gau Baden eine weitere Gruppe junger Gesellen verabschiedet, um nach zwei Monaten
Gute Möbel bei Koos
Giessen
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Roman von Marlise Kölling.
Urheberrechtsschutz: Verlag Oskar Meister, Werdau.
38 Fortsetzung Nachdruck verboten!
„Hallo, Herr Kommissar", brüllte der Pilot zurück, „wir sind hier. Kommen Sie!"
Schlottmann ruderte näher, Josua schaute mit aufgerissenen Augen auf die große Flugmaschine, die dort wie ein müder Riesenvogel auf dem mondhellen Bodden wasserte. Der Kommissar war bald an Bord und Josua brachte sogleich den Kahn und sich aus der Nähe des Polizeislugzeuges.
Mit ein paar Worten unterrichtete der Kommissar den Piloten und seinen Begleiter, Kriminalassistenten Bürg, von den Ereignissen.
„Wir fliegen jetzt der dänischen Küste zu", bestimmte er, „die Kollegen drüben von der dänischen Zollüberwachungsstelle sind schon benachrichtigt falls wir die Burschen nicht mehr innerhalb unseres Hoheitsgebietes fassen. Aber ich denke, wir schaffen's noch. Los, Brander!"
In dem Augenblick, als Brander starten wollte, hörten sie einen Schrei dicht neben sich.
„Hilfe, Hilfe!" erklang es in höchster Todesnot. Dann ein kurzes Gurgeln und Plantschen.
Entsetzt lauschten die Polizeibeamten.
„Da ist jemand im Wasser, da ertrinkt einer! — Dort — sehen Sie — dort treibt doch eine Gestalt —"
In aller Eile warf Kriminalassistent Burg em Rettungsseil mit einem an Bord befindlichen Rettungsring in weitem Schwung ins Wasser.
„He, zufassen"! schrie der Kriminalkommisiar durch die zum Schalltrichter geformten Hande. Zugleich ließ der Pilot eine Leuchtrakete auffteigen, um dem Menschen dort im Wasser den Weg zu Zeigen.
„Wenn's nicht geht, bann eben hinemspringen , dachte Schlottmann und warf schon Mantel und Ueberrotf ab. Aber jetzt hatte die Person lm Wasser den Ring erreicht, Schlottmann und Burg zogen das Seil näher und näher; nun unterschied man schon ein blasses Gesicht, triefende Haare.
„Eine Frau", meinte Bürg und zog kräftiger.
„Das scheint mir auch so", gab Schlottmann halb wütend, halb bewundernd zurück und griff fest mit zu. Da schwebte Benediktes Körper dicht am Rand des Wasserflugzeuges, noch ein Ruck — sie war an Bord.
„In Dreideubelsnamen, was soll denn das bedeuten, Fräulein Zedlitz?" fragte Schlottmann, während der Kriminalassistent und der Pilot höchlichst erstaunt auf den Kriminalkommissar starrten. Wie konnte der denn einen beinahe ertrunkenen Menschen derart anfahren — noch dazu eine Frau?!
Aber Kriminalkommissar Schlottmann wußte ganz genau, was er tat. Er wußte auch, was kommen würde. Denn Benedikts, triefend, zähneklappernd, sagte mit einem entschlossenen Ausdruck:
„Ich hab' Ihnen gesagt, Herr Kommissar, ich muß mit, wenn es um Jens geht. Und da bin ich!"
Jawohl, da sind Sie", brummte Schlottmann sauersüß; er konnte sich nicht helfen, diese Benedikts Zedlitz nötigte ihm in ihrer Entschlossenheit Hochachtung ab „Aber wenn Sie Ihrem Jens helfen wollen, sollten Sie sich lieber keine Lungenentzündung holen. Haben wir denn Nicht etwas trockenes Zeug an Bord, Herrschaften?"
Haben wir, Herr Kommissar", dem jungen Kriminalassistenten stand der Verstand still, er begriff diese ganze Geschichte nicht. Aber daß man diesem triefenden jungen Mädel erst einmal zu trockenen Sachen verhelfen mußte, das war ja nun klar. Er schleppte eine Reservepilotenkleidung aus der Kabine heran.
„Nun machen Sie mal schnell, Fräulein Zedlitz , befahl Schlottmann, „jede Minute ist kostbar!
In fliegender Eile zog Benedikts sich um; ber Trainingsanzug unter dem Oelmantel hatte Gott sei Dank für die kurze Zeit einigermaßen dicht gehalten, ihre Unterkleider waren kaum durchfeuchtet. Bald hatte sie die Reservepilotenkleider angelegt.
Endlich erhob sich das Wasserflugzeug unb glitt, von aller Trdenschwere befreit, durch die mondhelle Nacht davon, gen Norden.
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In seiner Kammer hockte Hans-Hermann immer noch in dumpfer Verzweiflung. Die Minuten erschienen ihm wie Ewigkeiten. E.» blasses Dammern erfüllte den Raum. Es mochte 2 Uhr sein. Er fröstelte.
Wie lange würde er noch hier unten verweilen müssen? Was war wohl inzwischen aus Jens Petersen geworden? Lebte er noch oder war er infolge des teuflischen Betäubungsgiftes vielleicht schon gestorben? Die Blicke der beiden Verbrecher hatten nichts Gutes bedeutet.
Und was hatte man mit ihm selbst vor? Würde man ihn wirklich befreien, um ihn dann seinen Auftrag erfüllen zu lassen? Vielleicht war alles nur eine Finte, und man überlegte nur, auf welche beste Art man auch ihn vom Leben zum Tode befördern sollte?--Und er saß hier, gebunden, wehrlos
allem ausaeliefert.
Er konnte dies Warten nicht mehr ertragen. Wenn die beiden, Steffens und der andere, wieder- famen, wollte er ihnen nicht wehrlos ausgeliefert sein.
Sein gehetzter Blick schweifte umher — gab es denn nichts, seine Bande zu lösen? Da atmete er zitternd auf. Etwas hatte Steffens übersehen. Das konnte ihm zur Rettung werden. Dort in der Ecke der Kammer standen Werkzeuge, Geräte, darunter eine Säge. Sie schaute gerade mit einigen scharfen Zähnen unter ein paar Säcken und Putztüchern hervor.
Hans-Hermann ließ sich, so gut seine gefesselten Füße es vermochten, auf die Erde gleiten. Angstvoll lauschte er — hatte er doch ein polterndes Geräusch nicht verhindern können. Aber niemand war zu hören. Vorsichtig rollte er sich nun auf dem Boden bis zu der Ecke, in der die Säge stand. Mit den Zähnen biß er in die Säcke und Lappen und zerrte sie beiseite. Er spürte den bitteren, dumpfen Geschmack des Tuches auf seinen Lippen.
Nun war dis Schneide der Säge frei. Er hob feine Hände, scheuerte mit den Handstricken langsam an dem Stahl auf und ab. Da stäubten die ersten feinen Fasern des Hanfseils ab, die Zähne der Säge gruben sich tiefer, schnitten hinein in die Fesseln, ein Zug, ein Zerren — Hans-Hermann hatte seine Hände frei.
Er bewegte die steifgewordenen Gelenke ein paarmal hin und her. Dann ergriff er die Säge und zerschnitt rasch die Fesseln an seinen Füßen. Gottlob, nun war er frei!
Was nun? Erst einmal wollte er die Säge wieder an ihren Platz stellen. Dabei verschob sich ein Brett unten an der Wand. Ein Loch wurde sichtbar, groß genug, um einen schlanken Menschen hin
durchzulassen. Vor Freude stand er starr: die Geräte sollten wohl dieses Schlupfloch verdecken.
Hans-Hermann legte sich auf den Bauch und spähte vorsichtig hindurch. Er sah in eine zweite kleine Kammer, von der eine Treppe offenbar in irgendeinen Vorratsraum der großen Jacht führte. Geschickt kroch er hindurch. Nun befand er sich in einem kleinen Verschlag. Eine Treppe führte tatsächlich hinunter in den Laderaum. Eine andere aber auf einen Außengang der Jacht und unmittelbar hinaus ins Freie.
Hans-Hermann schwindelte es. War er wirklich der Freiheit so nahe? Wenn er nun absprang — er war ein sehr guter Schwimmer, vielleicht würde irgendwo in der Nähe ein Boot ihn aufnehmen, oder winkte irgendwie eine Rettung. Und wenn auch nicht, alles schien ihm in diesem Augenblick besser, als weiter in der Gewalt dieser Verbrecher zu bleiben. — Sogar an Peggy dachte er einen Augenblick nur mit kaltem Bedauern. Sie war für ihn doch nur etwas gewesen, was seine Sinne gelockt und feinen Schmerz um Benedikte betäubt hatte.
Schon wollte er fein gefährliches Unternehmen mit dem Mute der Verzweiflung wagen. Da fiel ihm Jens Petersen ein. Nein, er konnte nicht fliehen und den armen Kerl in der Gewalt dieser verbrecherischen Burschen lassen. Was also war zu tun?
Er überlegte fieberhaft.
Da plötzlich drang ein Geräusch an fein Ohr. Er duckte sich, lauschte, spähte hinaus. Und was er sah, ließ sein Blut vor Grauen erstarren:
Steffens, der eine Bootsmann, und Pierre schleppten einen Menschen den Außengang entlang. Es war Jens Petersen, und er wehrte sich nur schwach. Wie er jetzt an Hans-Hermanns Versteck vorübergeschleift wurde, sah der, daß es lediglich eine halb mechanische Bewegung Petersens gewesen war. Denn der Lehrer war keineswegs wieder völlig bei Besinnung. Sein Blick hatte etwas Leeres und Fernes. Er schien es mehr instinktiv zu fühlen, als mit dem wachen Verstände zu begreifen, was man da mit ihm vorhatte.
Jetzt hörte Hans-Hermann Steffens sprechen:
„Los doch, fort mit ihm, wir haben keine Zeit mehr zu verlieren. In ein paar Minuten sind wir an Ort und Stelle. Der Bursche muß fort sein, ehe wir Zedlitz heraufholen."
(Fortsetzung folgt!)


