Ausgabe 
12.6.1936
 
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Rr. 155 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Freitag. 12. Zum 1956

Frauen, die uns ins Leben holten.

Hebammen aus zwanzig Nationen tagen seit dem 5. Juni in Berlin. Es ist ihr Sieben­ter Internationaler Kongreß. Er steht unter der Schirmherrschaft des Reichsinnenministers mit Frau Conti als Präsidentin. Kein Wunder, daß bei der Fülle gleichzeitiger Veranstaltungen in der Reichs­hauptstadt jene Frauen und ihre Sorgen ein wenig in den Hintergrund geraten, denen schon als Kin­der unser leidenschaftliches Interesse in dem Maße galt, als wir groß genug waren, an der bekannten Klingel zu ziehen. Man sieht im Landwehrkasino in Berlin eine interessante Versammlung von klugen und markanten Frauengesichtern, wieviele Mutter­köpfe mit schlohweißem Haar darunter, zusamm^n- sitzen. Ihre Sorgen sind mehr die aller Völker als man es gemeinhin von irgend einem anderen Be­rufsstand sagen könnte. Alles, was mit ihrem Beruf zujammenhängt, rührt schließlich an die tiefsten Wurzeln und Probleme der großen volksbiologischen Aufgaben, die sich das neue Reich an erster Stelle gestellt hat.

Es ist deswegen nicht zu verwundern, wenn im Mittelpunkt der Erörterungen auf diesem Kongreß Fragen stehen, die nicht nur in Deutschland, son­dern in allen Ländern, die über Geburten­rückgang klagen, im Vordergrund stehen. Der Kongreß wird so zu einem internationalen Forum über den Austausch von Erfahrungen, die man über die Schwangerschaftsberatung, die Unter­stützung von Kindern, von stillenden Müttern, Säuglingsfürsorge usw. gemacht hat. Die Stellung der Hebammen selbst ist in den einzelnen Ländern, was ihre amtliche Beziehung zu diesen Problemen anlangt, sehr verschieden. Einzelne Länder haben sie weitgehend zur Sozialfürsorge gegen Bezahlung oder ehrenamtlich herangezogen. In Deutschland gibt es dafür feine einheitliche Regelung. Die Heb­ammen haben die Pflicht, bei uns, wie in fast allen anderen Ländern, ebenso wie Aerzte, den Frauen bei der Entbindung zu helfen. Sie müssen aber bei allen Komplikationen mit wenigen Aus­nahmen Aerzte heranrufen, bzw. die Ueberführung

in Entbindungsanstalten veranlassen. Die Verab­folgung von schmerzlindernden Mitteln ist ihnen allgemein untersagt.

Darüber hinaus haben die Hebammen aller Län­der ein begreifliches Interesse daran, in den wach­senden sozialen Fürsorgeapparat des Staates und der Kommunen eingespannt zu werden. Sie sehen sich selbst bei der Entbindung der wachsenden Wer­bung der von Aerzten geleiteten Entbindungs­anstalten gegenüber und fürchten die immer stärker in Erscheinung tretenden Säuglingsschwestern. Der Kongreß hat sich darum nicht zuletzt auch mit Ver­gleichen über den Ausgang von Geburten in den Entbindungsanstalten und unter dem Beistand vön Hebammen befaßt.

In den Entschließungen wird naturgemäß auf die Summe an Erfahrungen, an Können und Ge­schicklichkeit hingewiesen, die durch die Hebammen repräsentiert werden. Sie kämpfen heute beinahe schon in einzelnen Ländern um ihre Existenz als frei praktizierende Frauen schlechthin. In einzelnen Ländern geht man bereits dazu über, die Geburts­hilfe staatlich durch festangestellte Aerzte und Heb­ammenschwestern zu organisieren. Eine solche Or­ganisation kostet naturgemäß Geld. Sie ist im Grunde genommen nur verständlich in Ländern wie Frankreich, die längst vor Deutschland der Ka­tastrophe des Geburtenrückganges einen möglichst hohen Damm entgegenstellen möchten. Auf dem flachen Lande wird sich eine derartige Organisation jchwer durchführen lassen. Und wenn, dann unter großen Kosten. Gerade für das flache Land ist darum eine geschulte und tüchtige Hebamme fast unentbehrlich.

Sie könnte es aber auch in der Schwangerschaft und Säuglingsberatung werden. Es liegen Beispiele in Fülle vor, in denen bei der Beauftragung der Hebammen mit der Schwangerschaftsberatung und vor allem der Ueberwachung der Säuglinge ein Jahr lang nach der Geburt in einzelnen Kreisen erstaunliche Erfolge erzielt worden sind. Es ist ge­lungen, in einzelnen Fällen die Säuglingssterblich­

keitsziffer auf ein Drittel, bzw. die Hälfte herab­zudrücken. Die Hebammen weisen darauf hin, daß ihre örtliche Kenntnis der Familienverhältnisse der Gebärenden, seit Generationen häufig, ihre Ver­trautheit mit dem gesamten Dorf und der Klein­stadt ihnen viel sichere Anhaltspunkte böte als den Aerzten und den amlich angestellten Schwestern. Das Landvolk ist ebenso wie die Kleinstadt unzwei­felhaft eher geneigt, einer Hebamme ihr Vertrauen zu schenken, die häufig genug schon den Müttern Der jungen Generation ins Leben half, als einer Stelle mit amtlichem Charakter. Das sind Dinge, die nur zu menschlich sind und mit den Anfängen des Hebammenberufes als solchem Zusammenhän­gen. Und dieweißen Frauen" unserer Ahnen ge­nossen nicht umsonst ein hohes Ansehen.

Insgesamt bot der Kongreß ein umfassendes Bild über die Mütter- und Säuglingsbetreuung in zwan­zig Ländern mit genauen Angaben der materiellen Unterstützungen. Das Hauptinteresse des Kongresses blieb auch dem beunruhigenden Problem der über­aus hohen Sterblichkeit der uneheli­chen Kinder zugewandt. Vielleicht, daß die bei diesem Zusammensein gewonnenen Kenntnisse mit dazu beitragen, keimendes Leben zu schützen und gewordenes zu erhalten. Dann käme diesem Kon­greß eine lebenswichtige Bedeutung zu, weil er an der Schaffung des Lebens so stark unmittelbar be­teiligt ist.

Feiern sind verbunden mit dem Deutschen Jugend- fest und den Bannsportfesten, aus deren Anlaß be­kanntlich die Sportwettkämpfe des Jungvolks und der Jungmädel und die Sportwettkämpfe der HI. und des BDM. stattfinden. Zur Hauptfeier treffen sich am Sonntag, 21. Juni, abends auf der Zug- jpitze Mitglieder der Reichsführung SS. und des Stabes der Reichsjugendführung, Formationen der SS., der HI. und des BDM. Der Reichsjugend­führer Baldur von Schirach hält die Rede am Feuerstoß. Darbietungen der HJ.-Spielscharen un­ter Leitung des Kulturamtes der Reichsjugendfüh- rung und ein Höhenfeuerwerk umrahmen die Feier. Der Reichsführer SS. und die nicht an der Feier auf der Zugspitze beteiligten höheren Führer der SS. und HI. werden an den verschiedenen ört­lichen Sonnwendfeiern ihrer Formationen teilneh­men. Alle deutschen Sender übertragen diese große Sonnwendfeier der deutschen Jugend mit der Rede des Reichsjugendführers am 21. Juni.

Opfer des Ruffeneinfalls in Ostpreußen.

In den beiden Monaten August und Sep­tember 1914 wurden von den Russen in Ost­preußen 1620 Zivilpersonen getötet und 433 ver­wundet. Jeder Einwohner, der auf dem Fahr­rade angetroffen wurde, war a l s spionage- verdächtig dem Tode verfallen, lieber 10 000 Zivilpersonen, mitunter die Bewohner ganzer Ortschaften, wurden ohne Unterschied des Alters und Geschlechts als Geiseln nach Rußland ver­schleppt. Ueber 800 000 Zivilpersonen mußten Haus und Hof fluchtartig verlassen. 34 000 Ge­bäude wurden zerstört; zahlreiche Dörfer und Städte, fast alle Güter und Bauerngehöfte wurden von den Russen restlos niedergebrannt. 135 000 Pferde, 250 000 Rinder und 200 000 Schweine gin­gen verloren.

HZ. veranstaltet die Sonnwendfeiern der deutschen Jugend.

Die Hitler-Jugend veranstaltet, wie der Reichs- jugend-Presse-Dienst mitteilt, am 20. und 21. Juni im ganzen Reich die großen Sommer-Sonn­wendfeiern der deutschen Jugend. Diese

Pompeji und Leptis Magna.

Großartige Lleberreste antiker Kultur am Mittelmeer.

Von unserem ständigen (Schm)-Berichierfkatier.

OerM'esenbrückenbau über das Muldetal

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Das gewaltige Bauwerk der Reichsautobahnbrücke über das Muldetal in Sachsen schreitet rüstig vorwärts. Arn Westhang des Tales, der Siebenlehner Seite (links) liegen bereits die ersten Stahlbalkenträger der künftigen Fahrbahn bis zum Pfeiler 5. Der gewaltige Turmkran, den man rechts im Tale sieht, hat eine Höhe von 61 m. Trotzdem verschwindet er fast inmitten des großen Bauwerks. (Scherl-Bilderdlenst-M.)

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Tripolis, im Juni 1936.

Kein Jtalienfahrer wird sofern er nach Neapel kommt versäumen, die toten Städte Pompeji und Herkulanum zu Füßen des Vesuvs zu besichtigen. Auch wenn es weniger nachdrücklich im Reisefichrer empfohlen würde, wenn man auf un­bequemeren Wegen dorthin gelangen müßte als mit der Eisenbahn, und wenn Dadurch ein viel grö­ßeres Loch in die Reisekasse gerissen würde, als es geschieht auf den Besuch mindestens von Pom­peji würde wohl ohne zwingenden Grund niemand verzichten wollen. Denn wer nach Neapel kommt, weiß eben, daß er jene Stätte einer noch heute erschütternden Tragödie gesehen haben muß ...

Und nun steht man hier, nicht weiter von Tri­polis entfernt, als Pompeji von Neapel liegt, vor den Trümmern einer vergangenen Stadt, von der man zuvor bestenfalls den Namen kannte, obwohl sie offensichtlich viel größer und mächtiger, reicher und bedeutender als Pompeji oder Herkulanum war. Es sind die Reste von Leptis Magna, einer etwa 1000 Jahre vor Christi Geburt gegründeten phönizischen Siedlung, die sich im Laufe der Jahr­hunderte zu einer beherrschenden Stadt an der nordafrikanischen Mittelmeerküste entwickelt hatte. So gesehen, ist das Schicksal von Leptis eigentlich erschütternder noch als das von Pompeji und Her­kulanum: gewiß waren auch sie bis zu ihrem schreck­lichen Ende blühende und begüterte Handelsstädte, aber sie nahmen doch nicht eine auch nur annähernd so fest begründete Stellung ein wie Leptis.

Wenn man vor den mächtigen Säulenschäften und den anderen Baudenkmälern steht, die dem gierigen Wüstensande wieder abgerungen eine nur begrenzte Vorstellung vermitteln können von der versunkenen Pracht dieses Leptis Magna, dann drängt sich geradezu die Frage auf, weshalb eigent­

lich fo oft von dem im Jahre 79 n. Ehr. verschütte­ten Pompeji und so selten von dieser gewaltigen Stadt gesprochen wird. Vielleicht mag es daran lie­gen, daß die Ausgrabungsarbeiten zu Füßen des Vesuvs schon viel früher begonnen wurden und den Generationen zweier Jahrhunderte reichen Ge­sprächsstoff liefern konnten. Aber hinzu kommt, und das mag entscheidend sein: Wer sich den Ruinen von Pompeji gegenübergestellt sieht, muß, erschüt­tert von so viel vor ihm ausgebreitet liegender menschlicher Tragik, bekennen, daß die Fülle wissen­schaftlich ungemein wertvoller und aufschlußreicher Zeitdokumente ihn weniger stark beeindruckt, als eben jenes unmittelbare Nachempfinden grausamer Schickjalsstunden, die mit Naturgewalt das sorg­los und heiter gelebte Leben unzähliger Bürger dieser unglücklichen Stadt auslöschten. Gewiß schrei­tet man bewundernd durch die Gassen des toten Pompeji, freut sich der Schönheit und der Harmo­nie einfacher oder prächtiger Wohnhäuser, die in mühseliger Arbeit aus der Lavamasse wieder aus­gegraben wurden. Aber gerade dieser Gang durch

Heute beginnen wir in öen Gießener Familien- blättern mit der Veröffentlichung einer neuen Erzählung. Die Fahrt nach der Hhnfrau" nennt sich die sommerlich heitere und besinnliche Geschichte einer Reise in die deutsche Ostmark,- Paul Fechter, einer unserer angesehensten Theater- und Kunstkritiker, hat hier das heute besonders aktuelle Kapitel der Familienforschung auf ebenso liebenswürdige wie unterhaltsame Weise behandelt. Der Leser wird an dem feinen und männlichen Erzählerton Fechters seine Freude haben und wird auch nicht böse werden, wenn er merkt, daß sich aus der Stammbaumreise in den deutschen Osten wie von un­gefähr eine anmutige Liebesgeschichte entwickelt.

Finale am Starnberger See.

Ium 50. Todestage König Ludwigs II. von Bayern.

Wenn man von Possenhofen nach Leoni hinuber- fährt, sieht man unweit des Ufers, wo sich das letzte Schilf in dem graugrünen Wasser verliert, ein dunkles Kreuz aus dem Starnberger See aufragen. Dort ist vor fünfzig Jahren Ludwig II. von Bayern ertrunken.

Sein Andenken ist noch heute in Bayern leben­dig. Man hat ihn in Erinnerung, wie er im März 1864 den Thron bestieg:Er ist jo schön und geist­reich, so seelenvoll und so herrlich, daß ich fürchte, sein Leben möge verschwinden wie ein flüchtiger Göttertraum." Der diese schwärmerischen Zeilen schrieb, war damals fünfzig Jahre alt, noch immer ruhelos und gehetzt, die umstrittenste Gestalt im Musikleben der Zeit, Richard Wagner. Unmittel­bar nach feinem Regierungsantritt hatte Ludwig ihn nach München berufen; ohne seine Förderung wären die Partituren derMeistersinger" und des Tristan" als unaufsührbar liegen geblieben, wäre der Ring des Nibelungen nicht entstanden. Aber schon im Herbst des folgenden Jahres mußte er Wagner auf Drängen feiner Ratgeber entlassen. Bleich, mit verworrenen Zügen, das lange, .schlaffe $aar ganz grau schimmernd verließ er Die Stadt, von seinen einzigen Getreuen, dem Diener und dem alten Hund Pohl begleitet. Verbittert durch diese Enttäuschung und durch die Anfeindungen seiner bismarckfreundlichen Polittk, steigerte sich die Men­schenscheu des Königs zu krankhaftem Menfchenhaß. Nur noch bei Nacht macht er kurze Spaziergange im Englischen Garten. Um Mitternacht finden im Hoftheater Sondervorstellungen statt, die keinen anderen Zuschauer haben als den Komg. Wahrend er sich von der Außenwelt abschloß, zuweilen wochenlang unauffindbar blieb, erbaute er in den Bergen die Märchenschlösser seiner Traume, das romantische S ch w a n st e i n, die Lohengrinburg, das Rokokoschloß Lind er Hof, und, auf einer Insel im Chiemsee, ein neues Versailles. Em ein­ziges Mal erstrahlten die leeren Festraume des nie vollendeten Schlosses im Glanz von tausend Wachs­kerzen. In der Spiegelgalerie stand der emsarne König im blauen Hermelinmantel und unterhielt in seinem schwerfälligen Französisch mit den öpur= gestalten vom Hof des Sonnenkönigs, die aus dem Flimmern von Spiegeln, Lüstern und Parkett auf- tauchten. Von Jahr zu Jahr wuchs die Schulden­last der Kabinettskasse. Die drohende Konkurserklä­rung, die das Ansehen des Königshauses schwer ge­

schädigt hätte, zwang zu entscheidenden Schritten. Schon vor Jahren hatte ein hoher Hofbeamter der RegierungBeobachtungen über den Geisteszustand des Königs" mitgeteilt. Nun wurden Diener und Sekretäre vernommen. Ihre Aussagen betätigten erschreckend die Vermutung, daß der Mann, der die Krone trug, ein Wahnsinniger war. Am 9. Juni 1886 fand Bismarck ein Schreiben des Prinzen

(Scherl-Bilderdienst-M.)

Luitpold vor, in dem der kaiserlichen Regierung dieser Tatbestand mitgeteilt wurde:Die Verfassung hat für einen solchen Fall die Einsetzung einer Regentschaft bestimmt. Nachdem der Bruder des Königs durch erwiesene Geistesgestörtheit an der Wahrnehmung dieser Aufgabe verhindert ist, ob­liegt mir als dem zweiten Agnaten die Pflicht, zur Einsetzung der Regentschaft Einleitung zu treffen. Ich beabsichtige daher, mich sofort mit einer, von den Ministern gegengezeichneten Proklamation an das bayerische Volk zu wenden." Drei Tage darauf wurde der König unter der Obhut Dr. von Gud - d e n 5 des Direktors der Landesirrenanstalt, von Schwanstein nach Schloß Berg gebracht.

Berg: Wieviel Erinnerungen sind mit den Räumen des einfachen Landschlosses verknüpft! Bilder, die umflort, Flügel, die für immer ver­stummt waren seit jenem Tage, da der Meister in Venedig starb, erinnern an Richard Wagner. In einem Saal des Erdgeschosses hängt em Ge­

mälde, das Ludwigs Ankunft in Berg kurz nach der Thronbesteigung darstellt; da steht er: neunzehn Jahre alt, schlank, schön, ein Märchenprinz. Heute, nach zwanzig Jahren, hat man ihn in einem Lan­dauer hergebracht, dessen Türen mit Lederriemen verschnürt waren, eskortiert von Irrenärzten, Wär­tern und Gendarmen. Man hat die Fenster seiner Zimmer vergittert, Löcher in die Türen gebohrt, durch die man ihn beobachtet. Vor dem ovalen kleinen Spiegel über dem Waschtisch steht ein schwe­rer Mann, zahnlos, mit scheuen Augen und auf­gedunsenem Gesicht: ICH, der König. Nun hat ihn das gefürchtete Schicksal seines Bruders doch er­reicht, der in dem einsamen Fürstenried sein ßeben verdämmert. In den Kirchen lieft man jetzt die PfingstvigilKyrie eleison!" Herr, erbarme dich meiner! Trübe bricht der Tag an. Es ist Sonntag, der 13. Juni.

Mit überraschender Ruhe hat der König am Morgen die Verhaltungsvorschriften des Arztes ent­gegengenommen. Der Assistenzarzt warnt seinen Chef, der am Morgen mit dem König allein spa­zieren gegangen ist. Die Erfahrung lehrt, daß der­artige Geisteskranke immer Selbstmordgedanken hegen. Am Nachmittab schickt sich Gudden noch ein­mal zu einem Spaziergang mit dem König an. Um 8 Uhr will er zurück sein und in der Nacht nach München zurückfahren. Vorher sendet er ein Tele­gramm ab:Hier geht alles wunderbar gut!" Dann verlassen sie das Schloß, der sechzigjährige Arzt, mit Schirm und Zylinder, und der hünen­hafte König. Auf dem regennassen Kiesweg längs des Sees sieht man sie zwilchen den dichten Bäumen des Parks verschwinden.

Als der Assistenzarzt, der im Kavalierflügel mit dem Begleiter des Königs sitzt, die Zeitungen bei­seite legt, ist es schon 8 Uhr vorbei. Die Dunkel­heit bricht herein. Dr. Gudden ist noch nicht zu­rück. Mit einem Schlag erwacht nun das kleine Schloß zu einem aufgestörten Leben. Die Bedienten werden geweckt und suchen den Park ab. Reitende Gendarmen patrouillieren auf den Landstraßen. Der Morsetaster tickt unaufhörlich Nachrichten nach München: an den Prinzregenten, an die Minister, an die Polizeidirektion. Auf dem See erblickt man durch den Regenschleier die Silhouetten der Fischer­boote; der rötliche Schein ihrer Fackeln geistert über das Wasser. Dann sammeln sich die ßaternenträger am südlichen Ende des Parks. In einem Kahn liegen die ßeichen des Königs und des Arztes, die man im See treibend gefunden hat. Der Diener reibt mit einem Tuchfetzen die Brust des Königs. Zwei Gendarmen bemühen sich um Gudden. Ober­halb des linken Auges ist seine Stirn blutunter­

laufen, sein Hals trägt die Würgemaie des Kampfes. Am Ufer stehen die Schloßbeamten fröstelnd in dem riefelnden Regen. Nach Stunden gibt der Arzt die Wiederbelebungsversuche auf und stellt den Tod des Königs fest. Vom Kirchturm zu Aufkirchen schlägt es Mitternacht.

Dr. Walter Schwerdtfeger.

Gloria-paiast:Hinter den Kulissen."

Dies ist ein amerikanischer Fox-Film in deutscher Sprache und deutscher Bearbeitung; er unterschei­det sich von der üblichen Hollywooder Spielfilmpro­duktion bemerkenswert und recht angenehm durch zwei Umstände. Inszeniert wurde er von Richard B o l e w s l a w s k i, der früher Regisseur am Mos­kauer Künstlertheater war und neuerdings durch zwei große (seinerzeit an dieser Stelle besprochene) Romane,Polnische Ulanen" undßanzen nieder!", auch in Deutschland bekannt geworden ist. An Ein­zelheiten seiner Inszenierung, zum Beispiel an der Ausarbeitung von Episodenjzenen und Nebenge­stalten, die mit persönlichem Stil und Temperament das herkömmliche Schema durchbricht, kann man merken, was Bolewflawski in seiner früheren, durch Krieg und Revolution jäh unterbrochenen Bühnen­tätigkeit gelernt hat. Außerdem ist es ein Vergnü­gen, in diesem typischen Opern- und Gesangsfilm, wie wir deren auch bei uns oft genug gehört und gesehen haben, die Bekanntschaft von ßarorence Tibbett von der Neuyorker Metropolitan-Oper zu machen. Man hört einen Bariton von respek­tablem Umfang, guter Klangfarbe und erfreulicher technischer Durchbildung und Sicherheit. Dibbelt macht sich die Sache nicht leicht; er singt den Prolog ausBajazzo", das Torerolied ausCarmen" und die große und enorm schwierige Figaro-Arie aus demBarbier von Sevilla" diese besonders mit verblüffender Atemtechnik und übrigens mit einem komödiantischen Temperament, das eher an italie­nische Opernoerhältnisse denken läßt. Was die Hand­lung betrifft, fo entspricht sie in ihrer Mischung aus Kulissenzauber, Intrigen- und ßiebesspiel durchaus dem, was man auch bei uns in Deutschland in mu­sikalischen Filmen dieses Stils zu sehen und zu hö­ren gewohnt ist. Die übrigen Darsteller sind hier zu roenig bekannt, als daß die Aufzählung ihrer Namen interessieren könnte. Die Übertragung ist im allgemeinen recht erfreulich, doch merkt man (an gewissen Einzelheiten, der Mundstellung beim Sprechen z. B.) die Synchronisierung. Im Bei­programm findet man neben der schon bekannten Wochenschau einen hübschen Tierfilm und ein ame­rikanisches ßustspiel mit Buster Beaton.r