Generalversammlung des Gleibergvereins.
Als einstmals vor Jahrzehnten jene rührigen Männer, die die Gleibergruine aus dem Trümmer- Ield des 1646 zerstörten Merenberger Baues bereiten urch sie der Oefsentlichkeit zugänglich machten, >em neu erstandenen Gleibergverein (Statuten gaben, ba verankerten sie, daß die Jahreshauptversammlung im schönen Monat Mai auf der Burg stattzufinden habe. Das ist nun längst zur Gepfloaenheit geworden. Am Samstag grüßte vom hohe« Bergfried im Sonnenschein das Banner, verkündend, baß der Betreuer der Heimatburg, der Gleibergverein, oben tagt, um Rechenschaft abzulegen, wie er bas Erbe der Väter verwaltet, und zu beraten, was zu Wohl und Gedeih der Feste noch geschehe.
Dor Beginn der Versammlung nahm manches Mitglied Gelegenheit, die baulichen Veränderungen, Instandsetzungen und den aus Feuersicherheitsgründen notwendig gewordenen Neubau der Scheune zu besichtigen. Bei diesem Rundgang zeigte sich mit Eindringlichkeit die Größe immer wiederkehrender und neuer Arbeiten, von denen der Glei- bergbesucher oft nichts ahnt, geschweige denn einmal darüber nachdenkt, wer verantwortungsvoll hier schaltet und waltet und dabei noch nach Kräften den Wünschen des Publikums Rechnung trägt. Es wäre sehr begrüßenswert, wenn immer neue Mitglieder mit dem geringen Jahresbeitrag von 3 RM. dem Gleibergverein beitreten würden, damit die herrliche und interessante heimatliche Stätte wie bisher, auch fernerhin bestens erhalten werden kann.
Die Versammlung ging im geschmückten Kaisersaal vonstatten. Der Vorsitzende
Direktor Menken-Kinzenbach
eröffnete sie mit dem Gruß an den Führer, hieß olle Anwesenden herzlich willkommen, insonderheit Assessor Müller (Wetzlar) in Vertretung des verhinderten Landrats, Baurat Hildebrand (Dillenburg) und Rektor i. R. Müller (Gießen), den Vertreter der Heimatvereinigung Schiffenberg. Nach einer Minute stillen Gedenkens der im Laufe des Jahres verstorbenen Vereinsmitglieder, berichtete der Vorsitzende in aufschlußreicher Weise über die Tätigkeit Des Vereins. Das Hauptproblem, nämlich Erhöhung der Feuersicherheit der Unterburg, sei zum größten Teil gelöst worden durch vollstänbige Entrümpelung der großen Speicher von brennbaren Materialien, insonderheit aber durch den Bau einer Scheune an der verdeckten Hinterburg zur Aufnahme der Heu-, Stroh- und Holzvorräte des Burgwirtes, die bislang in Oberräumen des Albertusbaues lagerten. Redner dankte Oberbauinspektor Mohr (Gießen) als dem „Baumeister auf Burg Gleiberg" für die auch bei diesem Bau gehabte Mühe. Als notwendig erwies sich die Anschafung von dre.i großen Oefen, von Herren zwei im Kaisersaal und der andere in der Bauernstube ausgestellt sind. Dadurch ist zukünftig in gemütlicher Aufenthalt auch in kalter Jahreszeit oll und ganz gewährleistet.
Die Benutzung des Schulungslagers ist eine gute gewesen. SS, Nationalsozialistischer Studentenbund, Juristen, Arbeitsfront, Luftschutz und andere Gruppen hatten das Lager mit 2488 llebernachlungen belegt (Im Vorjahre 1090). So war die Burg auch im verflossenen Jahre ein Mittelpunkt weltanschaulicher Schulung für viele junge und alle Volksgenossen. Sie alle, wie auch öfters anwesende führende Männer der Partei und des Staates, haben den besten Eindruck vorn Gleiberg in den Alltag mitgenommen und zugleich die alle Erkenntnis, daß der Gleibergverein, der einstmals die Burg vom Staat zu treuen Händen empfangen hat, sie auch in den Dienst des neuen Staates stellt, indem allen aufbaufreudigen Gruppen ihre Tore geöffnet sind.
Die Gaudienststelle der NSG. „Kraft durch Freude" will in dankenswerter Weise die Burg für Wanderer und Urlauber in den Kreis ihrer Beschickungsorte einreihen. Da zumeist die 25 Betten des Lagers nicht ausreichen und dann mit viel Umstand der Auf- und Abbau weiterer Betten im Luxemburger Zimmer geschehen muß, sind Pläne aur Herrichtung der über dem Lager befindlichen Räume ausgearbeitet worden, mit deren Verwirklichung gleichzeitig die dort vorhandene Baufälligkeit behoben werden könnte. Die Pläne liegen
gegenwärtig bei dem Oberpräsidium vor. Ein Ausbau, ganz gleich welcher Art, kann nur mit staat- lichen Geldmitteln geschehen.
Nach Bekanntgabe von Absichten der Nassauischen Brandversicherung (Feuer- und Luftschutz, sirene auf dem Berg und sonstige Feuerschutzmatz- nahmen) dankte Direktor Menten den Mitglie- dern für die dem Verein gehaltene Treue und wies auf das 100jährige Bestehen des ©lei- bergvereins hin, das im nächsten Jahre in würdiger Form begangen werden soll. Um evtl, in der Oefsentlichkeit entstehenden Irrtümern vor- aubeugen, teilte er mit, daß das im Jahre 1929 gefeierte Jubiläum dem vor 50 Jahren (1879) geschehenen Befitzüberganges der Burg an den Verein gegolten habe.
Lehrer praß-Krofdorf
als Schrift- und Kassenführer gab anschließend den Kassenbericht und erläuterte ihn eingehend in allen Teilen. Die Einnahmen setzten sich wie folgt zusammen: Beiträge der Mitglieder 1124 Mk., Geld- Zuwendungen öffenlicher Körperschaften 1400 Mk., Abgabe des Burgwirtes bis 1. April 730,35 Mk. Lagerbenutzungsgebühren 374 Mk., Spenden, Sammlungen 114,71 Mk., Einnahme vom Gleiberg- fest 163,80 Mk., sonstige Einnahmen 25,20 Mk., zusammen 3932,18 Mk. Demgegenüber stehen an Gesamtausgaben 3355,16 Mk., somit vermindert sich die Bauschuld um 577,02 Mk. Trotz der neuerstandenen Kosten durch den Bau der Notscheune und
Am Sonntag hielt die Gruppe 1 des Sängerkreises Gießen im Gau 12 des Deutschen Sängerbundes in Klein-Linden ihr Wertungs- Sagen ab. Es roar das 7. Wertungssingen dieser rt, das der Sängerkreis Gießen seit Einführung des Wertungssingens veranstaltete. Die Vorbereitungen hatte neben der Sängerkreisleitung Gießen Vereinführer Mülln von dem Gesangverein „Arion" Klein-Linden übernommen, der mit feiner Sängerschar für einen guten Verlauf des Wertungssingens Sorge trug.
Schon am frühen Sonntagvormittag hielten die Männergesangvereine der Umgegend ihren Einzug in das mit den Fahnen des Dritten Reiches reich geschmückte Dorf, von den Einwohnern und den Sangesbrüdern herzlich begrüßt. Im Saale des Gasthauses „Zur deutschen Eiche" begann kurz vor 9 Uhr
das Wertungssingen
der dreizehn Männergesandvereine. Vereinsführer Mülln vom „Ariom Klein-Linden begrüßte die Sangesfreunde mit herzlichen Worten und dankte allen für ihr Erscheinen. Ortsgruppenleiter Dr. Cröhmann überbrachte die Grüße der Gemeinde Klein-Linden und wünschte der Veranstaltung einen guten Verlauf. Sodann traten die folgenden Vereine zum Wertungssingen an: Gesangverein „Arion" (Chorleiter Konrad Nicolai, Großen - Buseck), „Sängerlust" Oppenrod (Ernst Nicolai), „Einheit" Allendorf a. d. Lahn (Robert Häufe r, Watzenborn-Steinberg), Gesangsabteilung der Lokomotivführer Gießen (Konrad Nicola i), „Heiterkeit" Annerod (Philipp Groß, Wieseck), Groß- cher Männerchor Gießen (Philipp Groß), „Konkordia - Harmonie" Rödgen (Konrad Nicolai), „Heiterkeit" Gießen (Wilhelm Schöttler), „Poly- hymnia-Liederkranz" Beuern (Heinrich S ch o m - b e r), „Harmonie" Reiskirchen (Konrad Nicolai), „Eintracht - Harmonie" Klein - Linden, „Heiterkeit- Sängerkranz" Graßen-Buseck (Konrad Nicolai) und „Bauerscher Gesangverein" Gießen (Prof. Dr. Temesvary). Das Wertungssingen nahm etwa drei Stunden Zeit in Anspruch: jeder Verein brachte zwei selbstgewählte Lieder zum Vortrag.
Nach dem Singen stellten sich die Vereine mit ihren Fahnen zum Zug durch das Dorf auf. Eröffnet wurde der Zug durch die schmucken Rad- ahrer und Radfahrerinnen der Radfahrervereinigung Klein-Linden. Unter den Klängen der Musikkapelle Krengel (Gießen) und eines Pfeifer- und Trommlerkorps bewegte sich der Zug durch die Ortsstraßen nach dem Platz vor der Kirche zur
vaterländischen Kundgebung.
Nach dem Vortrag des Deutschen Sängergrußes
der Anschaffung der Oefen, sowie der Erledigung anderer mit Kosten verbundenen Anschaffungen, konnte die vom Lagerausbau herrührende Schuldsumme auf 3500 Mk. gesenkt werden, zu der die Aufwertungsschuld von 1300 Mark aus der Vorkriegszeit hinzuzurechnen ist.
Es bedeutet dies eine ganz große Leistung, wenn man bedenkt, daß der Umbau der sehr baufälligen Räume im Albertusflügel etwa 12 000 Mk. kostet und daß der Verein — bis jetzt ohne einen Pfennig Zuschuß dazu — aus eigenen Mitteln diesen Teil der Unterburg nicht nur vor dem Verfall bewahren, sondern ihn auch produktiven Zwecken dienstbar machen konnte.
Der Voranschlag 1936 sieht 3100 Mk. in Ein- und Ausgabe vor. Mit der Bitte, dem Verein immer neue Mitglieder zuzuführen, schloß der Bericht des Kassenführers.
Im weiteren Verlause der Versammlung wurde das diesjährige Sommerfest besprochen. Es wird mit Rücksicht auf das große Turnfest in Wieseck vom 5. auf den 12. Juli verlegt, und es soll in dem bereits traditionell gewordenen Rahmen eines Volksfestes begangen werden.
Nach verschiedenen Anregungen aus der Mitte der Versammlung schloß der Vorsitzende mit drei- fachem Sieg-Heil den offiziellen Teil. Ein verlese- nes Gedicht eines Krofdorfer Gleibergfreundes, das im Lob des alten Gleibergs zum Besuch auf ihn wirbt, fand starken Beifall. Und damit war die Ueberleitung zum gemütlichen Beisammensein in der Bauernstube gegeben.
der 500 Sänger unter Stabführung von Professor Dr. Temesvary erschallten die Klänge des wuchtigen Chores „Es ziehen die Standarten hinaus zum alten Tor" (Gedicht von H. Annacker, komponiert von Hermann Grabner).
Kreiswalter Müller begrüßte dann die Teilnehmer und Gäste und überbrachte die Glückwünsche des Gaues 12 Hessen-Darmstadt. Er führte u. a. aus, daß das deutsche Lied, das aus dem Volke komme, von den Vereinen wieder ins Volk hineingetragen werden müsse. Die Kundgebung solle von dem Ernst, mit dem die Sänger ihrem Vaterland mit dem Lied dienen, Zeugnis ablegen. Mit der Pflege des deutschen Liedes als eines der wertvollsten Volksgüter diene die deutsche Sängerschaft der deutschen Kunst und dem deutschen Volke. Sie stelle ihre Arbeit ganz in den Dienst des Nationalsozialismus und damit Deutschlands, getreu dem Wort „Nichts für uns, alles für Deutschland."
Anl^ließend erklang von den Sängern der alte Mahnruf „Wach auf, du deutsches Land, du hast genug geschlafen". Der alte Ruf, ein Lied aus dem Jahre 1569, ein Originalsatz von Johann Walther, für Männerchor von Friedrich Noack gesetzt, fand mächtigen Widerklang.
Sodann ergriff Ortsgruppenleiter Dr. C r ö ß - mann das Wort und führte u. a. aus, daß es heute am Platze sei, noch einmal zurückzudenken an die trostlose Zeit unseres Vaterlandes in der Vergangenheit. Nur unserem Führer hätten wir es zu verdanken, wenn wir heute in Ruhe und Frieden eine derartige Veranstaltung durchführen könnten. Wäre Adolf Hitler nicht gekommen, dann wären wir heute nicht in der Lage, die deutschen Lieder zu singen. Aus dem Gefühl der Dankbarkeit heraus müßten wir alle zusammenstehen in Treue zu Führer und Volk. In das auf den Führer ausgebrachte „Sieg-Heil" stimmte die Menge begeistert ein und sang anschließend die beiden nationalen Lieder.
Am Nachmittag fand in der Wirtschaft „Zur Burg" für Dirigenten, Vorsitzenden und einige Sänger die
Besprechung der Vormittagsarbeit statt. Der »Wertungsrichter Dr. Werner gab seiner Freude Ausdruck, feststellen zu können, daß das Wertungssingen ein Singen gewesen sei, wie es vom Deutschen Sängerbund in seinem Kulturprogramm gewünscht werde. Wenn man auch im Hessischen Sängerbund früher schon bemüht gewesen sei, diesem Ziel näherzukommen, so solle man für die Zukunft immer noch mehr nach dem Vollkommenen streben. Er zeigte die Richtlinien auf, nach denen weiterzuarbeiten sei, und stellte in drei Punkten das Wesentliche zusammen:
Die ländlichen Reitervereine unterstehen dem Reichsnährstand
DRB. Um in der Oefsentlichkeit entstandenen Mißverständnissen entgegenzutreten, gibt der Reichs- und Preußische Minister für Ernährung und Landwirtschaft folgendes bekannt:
Die ländlichen Reitervereine dienen neben der Förderung der Reiterei und dem Fahrwefen in erster Linie der ländlichen Pferdezucht und unterstehen daher ausschließlich dem Reichsnährstand, Die reiterliche Ausbildung und die Fahrausbildung innerhalb der ländlichen Reitervereine erfolgen nach denjenigen Richtlinien, die der Reichsbauernführer im Einvernehmen mit den für diese Fragen vom Führer und Reichskanzler beauftragten Generalinspekteur SA.-Obergruppenführer Cifjmann erläßt.
1. Wertungssingen und Gesangvereinsarbeit sollen den Geist der Gemeinschaft fördern, sollen auf das eine Ziel hinarbeiten: friedlich zusammen-, nicht gegeneinander zu stehen.
2. Was wir singen, soll auf hoher Warte stehen. Es dürfen nur Lieder gesungen werden, die wirklich nur bestes deutsches Liedgut sind. Es gilt, altes wertvollstes Liedgut aus der Vergangenheit hervorzuholen, aber man muß auch dem neuen Lied, das wertvoll erscheint, Eingang verschaffen.
3. Wertungssingen sollen die Leistungsfähigkeit der einzelnen Vereine Herausstellen. Es müssen Proben aus der Arbeit des verflossenen Jahres gezeigt werden, um zu sehen, ob Fortschritte gegen früher zu verzeichnen seien.
Verbesserungen seien noch anzustreben bei der Feinarbeit am Lied in Klangkultur, Reinheit der Harmonie und Aussprache. Erwünscht sei es auch, durch Mitwirkung von, Kinderchören, Frauenstimmen (Gemischter Chor) und Instrumentalmusik den Chor zu erweitern. Hauptziel alles Singens sei es, den Gesang so in den Dien st des deutschen Volkes zu st el- len, daß er mithelfe, den deutschen Menschen zu erziehen.
Kreiswalter Müller dankte zum Schluß Dr. Werner für seine Anregungen und bat, diese in die Tat umzusetzen. Mit dem Gelöbnis der Treue zum Führer schloß er seine Ausführungen.
Am Nachmittag und am Abend fand Volksfest statt. In den Lokalen des Dorfes pflegten die Sangesbrüder Volksgemeinschaft und blieben noch lange beim Gesang schöner Lieder in froher Eintracht beisammen.
Unwetter in der Büdinger Gegend.
* Büdingen, 11. Mai. In unserer Gegend gingen gestern schwere ©emittier mit H a - gelschlatz und w o l k e n b r u ch a r t i g e m Regen nieder, so daß in einigen Orten in Gehöften Kühe im Wasser standen, Schweine in höhergelegene Räume in Sicherheit gebracht werden mußten und auch die Straßen unter Wasser standen. Auch in den Gärten und auf den Feldern ist vielfach durch Fortschwemmen der Saaten und des Ackerbodens erheblicher Schaden entstanden. Die kleinen Wasserläufe führten große Wasserrnen- gen mit sich.
Rundsunkprogramm.
Mittwoch, 13. Mai:
6 Uhr: Gymnastik. 6.30: Frühkonzert. 8.10: Gymnast. 8.30: Musik am Morgen. 10: Schulfunk. 11: Hausfrau hör zu! 11.30: Gaunachrichten. 11.45: Sozialdienst. 12: Mittagskonzert I. 13.15: Mittags- konzert II. 14.10: Dem Opernfreund. 15: Volk und Wirtschaft. Die Zukunft der Werksparkassen. 15.30: Wesen und Wirken der Deutschen Musik-Bühne. Von Friedrich Ammermann. 15.45: Bücherfunk. H6: Unterhaltungskonzert. 18: Musik, die ihr alle ersehnt. (Unser singendes, klingendes Frankfurt.) 19.45: r- zeugungsschlacht. 20.15: Stunde der jungen Nation. „Der Soldatenkönig". Don E. Moeller. 20.45: Nun spitzt mal das Ohr! 22.30: Nachtmusik und Tanz. 24 bis 2: Sinfoniekonzert.
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Sprechstunden der Redaktion.
11.30 bis 1230 Ahr. 16 bis 17 Ahr. Samstagnachmittag geschlossen.
Kreis-Wertuligssmgen des Sängerkreises Gießen
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Roman von Marlise Kölling.
Urheberrechtsschutz: Verlag Oskar Meister, Werdau.
13 Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Benedikte sah in ein festgefügtes, braungebranntes Gesicht mit sehr hellen Augen, blonden Augenbrauen und blonden Haaren über der durchgearbeiteten Stirn. Sie starrte ihn an. Ein heißes Rot der Ueberraschung floß über ihre Wangen.
„Herr Petersen!" sagte sie unwillkürlich.
Jens Petersen stand da, als könnte er kein Glied rühren. Träumte er? War dies Wirklichkeit? Stand jenes Mädchen vor ihm, nach dem er sich gesehnt, an das er gedacht, das er nicht vergessen konnte, so sehr er es auch gewollt hatte?
Ja, sie war es. Das war ihr schönes Gesicht, nur daß es heute nicht mehr so blaß und ermüdet wirkte. Eine zarte Röte lag auf den schmalen Wangen. Die Augen leuchteten, der ganze Mensch schien ihm verändert. In diesem Trainingsanzug stand sie wie ein schlanker Junge vor ihm.
„Sie sind es", sagte er langsam, als fürchtete er, durch ein lautes Wort den Zauber dieses Augenblicks zu zerstören. „Sie sind es? Ach, wie ich mich freue!"
„Ich freue mich auch, Herr Petersen."
Angesichts der Verlegenheit Jens Petersens hatte Benedikte auf einmal ihre Sicherheit wieder. „Sie sind auf Osterferien hier?"
„Auf Osterferien?"
Jens Petersen begriff im Augenblick gar nicht. Dann lachte er fröhlich auf.
„O nein, ich bin ja hier zu Hause."
„Hier zu Hause?" fragte Benedikte stockend.
„Freilich, ich bin ja der Schulmeister hier auf der Insel. Dort ist mein Haus." Er wies mit der Hand hinüber.
Benediktes Herz schlug auf einmal ganz schnell und glückselig. „Dann sind mir ja Nachbarn", meinte sie.
„Nachbarn?"
Er starrte sie an. Dann schlug er sich vor den Kopf:
„Sind Sie etwa —"
„Die Nichte von Hubert Zedlitz, jetzt Besitzerin
von »Endlich allein'. Darf ich mich Ihnen vorstellen, Herr Petersen: Benedikte Zedlitz — auf gute Nachbarschaft!"
Sie streckte ihm die Hand entgegen. Da ergriff er diese mit seinen beiden Händen:
„Auf gute Nachbarschaft, Benedikte Zedlitz!" sagte er. Es klang so eigen und feierlich, wie er ihren Namen aussprach, und es war ihr plötzlich wie selbstverständlich, daß er nicht Fräulein Zedlitz sagte.
Benedikte Zedlitz — wie schön ihr Name war, wenn Jens Petersen ihn aussprach.
Benedikte vergaß ganz, ihre Finger aus dem warmen Händedruck Jens Petersens zu lösen. Es war eine so traumhafte Stunde. Um sie herum nichts als Frühling und Stille und das gleichmäßige Rauschen des kristallenen Meeres, lieber ihnen der hohe Himmel, das Singen der Lerchen und in ihnen etwas wie fromme Erwartung und seliges Lauschen.
Lange, lange standen sie so, schauten sich an. Sie sprachen nicht. Aber daß diese Stunde zwischen ihnen etwas geschaffen, was nicht vergehen konnte, das glaubte sie in diesem Augenblick beseligend tief zu fühlen.
Erst der helle Klang der Glocke von der fernen Kirche weckte sie aus ihrer Versunkenheit. Errötend machte Benedikte ihre Finger frei.
„Hören Sie die Osterglocken?" fragte Jens.
„Das ist die Frühmette. Um neun Uhr ist Kirchgang. Da kommen unsere Fischer und Fischersfrauen alle in ihrer alten Tracht. Hätten Sie nicht Lust, den Kirchgang zu sehen?"
Benedickte nickte:
„Ich werde kommen."
Jens Petersen kämpfte mit sich. Dann fragte er leise:
„Darf ich Sie begleiten?"
„Ja!"
Wie einfach und klar und gerade sie ist, dachte er bei sich. Sie ziert sich nicht, sie redet nicht viel darum herum, obwohl sie sicherlich spürt, was in mir vor- geht. Sie sagt einfach Ja.
„Ich danke Ihnen, ich werde um halb neun Uhr vor dem Schulhaus stehen. Wir haben etwa zwanzig Minuten Weg."
„Ich werde pünktlich sein. Aus Wiedersehen, Herr Petersen."
„Aus Wiedersehen, Fräulein Zedlitz."
Sie wandte sich um und ging den Weg zurück, sehr schnell, wie getragen von ihren heiß drängenden Gedanken.
Als sie am Gartenzaun angelangt war, schaute sie sich noch einmal um. Jens Petersen stand da und sah ihr nach. Seine hohe Gestalt war bell von der Sonne beschienen. Auf seiner Stirn lag das Frühlingslicht.
Wie Benedikte in den Garten trat, saß Josua bereits auf einer dicken Strohmatte vor der Tür und putzte wild auf den Schuhen Hans-Hermanns herum. Sein Gesicht war sorgenvoll und bekümmert:
„Sein Josua sehr traurig, daß er haben verschlafen", sagte er, „Josua gern Frühstückstisch fertig machen, wenn er haben gewußt, wann du aufstehen, Herrin."
„Laß nur, Josua, dich trifft keine Schuld. Ich bin heute schon vor Tau und Tag aus den Federn, aber wenn es jetzt Frühstück gäbe —"
„Sein alles fertig", sagte Josua eilig, „Kaffee und Tee, und haben Hühner in Stall gelegt vier frische Eier. Sollen Josua sie dir machen, weich wie Pflaumen oder gesetzt?"
„Weich wie Flaum, Josua", lachte Benedikte, „aber nur eins. Ist Fräulein Giesecke schon auf und mein Vetter?"
„Junger Herr noch fest schlafen", berichtete Josua, „aber Fräulein Giesecke sein unten in Wohnzimmer."
Benedikte trat ein. In dem Lehnstuhl am Fenster saß Fräulein Giesecke, zu Ehren des Feiertags in einem rührend altmodischen schwarzen Seidenkleid, ein kleines Spitzenhäubchen auf dem schneeweißen Scheitel.
„Guten Morgen, Fräulein Giesecke. Ein schönes gesegnetes Osterfest!"
„Guten Morgen, Fräulein Zedlitz. Alles Gute wünsche ich Ihnen."
Fräulein Giesecke wollte sich erheben, aber Bene- bitte war schon bei ihr, reichte ihr herzlich die Hand und sagte: „Also, wenn Sie mir soviel Gutes wünschen, dann das eine: Bitte, sagen Sie nicht Fräulein Zedlitz zu mir, sagen Sie Benedikte."
„Aber Fräulein Zedlitz, bas kann ich boch nicht." „Natürlich können Sie das, Fräulein Giesecke. Ich glaube, obwohl wir uns erst gestern kennengelernt
haben, wir wissen boch schon, baß wir sehr gut mit- einanber auskommen werden."
Die alte Frau strich leise über Benebiktes Hänbe:
„Ich danke Ihnen. Ich habe große Sorge gehabt wegen des Testamentes Ihres Onkels. Ich habe ihm immer und immer gesagt, als er mir davon erzählte: Tun Sie das Ihrer Nichte boch nicht an, Herr Zedlitz, verlangen Sie boch nicht, baß man so eine alte Hausglucke wie mich für immer hier aufnimmt. Ich habe zwar wenig, aber jemanden zur Last fallen, bas wäre für mich unerträglich. Aber was meinen Sie, was Ihr Onkel gesagt hat? — »Ich kenne Sie nun schon so lange, wie ich benken kann, Gieseckechen!' hat er gesagt. »Wer hat mir bie Schularbeiten gewacht, wenn ich lieber mit ben Buben herumgerauft habe, als mich auf ben Hoseyboben zu setzen? Meine Jugendfreundin Röschen Giesecke. Wer hat bei meinem Vater um schönes Wetter für mich gebeten, wenn ich als Student die Nächte um die Ohren geschlagen habe? Röschen Giesecke! Wer hat mich oft genug vor den schlimmsten Dummheiten bewahrt? Röschen Giesecke! Wenn meine Nichte so ist, wie ich von ihr denke, dann kommt sie mit Ihnen aus. Und wenn sie das nicht kann, bann soll sie —'* Fräulein Giesecke stockte.
„Der Teufel frikassieren", fiel Benedikte luftig ein. „Ulkig, Fräulein Giesecke, ich habe Onkel Hubert doch nur als Kind ein paarmal gesehen: aber ich besinne wich ganz genau, wie eine meiner Tanten mit ihrer ganzen Blaublütigkeit — wissen Sie, bas war eine ber Zeblitz mit „von" aus ber vornehmen Linie — mal irgenb etwas sagte von Abelsvorrechten. Unb da ist Onkel Hubert auch so bazwischengefahren. Ich höre noch seine Stimme: »Der Deubel soll mich frikassieren, wenn ich zwischen Mensch unb Mensch einen Unterschied mache, ber nicht in menschlichem Verbienst be- grünbet ist!'."
„Wollen Sie es also wirklich mit mir wagen?" fragte bas alte Fräulein mit zitternber Stimme. Und dann sagte sie leise:
„Ich habe geglaubt, ich würbe halb wieber in mein Stift zurück müssen. Wissen Sie, Fräulein Bene- bifte, es war ja schön unb gut im Stift, aber ich hatte nichts zu tun. Nichts zu tun haben, ist aber für mich wie schon halb gestorben fein "
Da umarmte Benedikte die immer noch zierliche Altfrauengestalt Fräulein Gieseckes.
(Fortsetzung folgt!)


