Nr. 10 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Montag, 13. Januar 1936
Aus der Provinzialhauptstadt.
Petrus und die Erzeugungsschlacht.
(ZdR.) Wenn heute von der Notwendigkeit der Erzeugungsschlacht in der Landwirtschaft gesprochen wird, hört man von nichtbäuerlicher Seite oft den Einwand: „Der Erzeuger erhält ausreichende Preise, ein Verdienst ist ihm gesichert. Theoretisch besteht die Möglichkeit, das deutsche Volk auf eigenem Boden zu ernähren. Weshalb erzeugt es also nicht schon aus eigenem Antrieb so viel, wie verbraucht wird? Die Industrie, das Handwerk u. a. produzieren unter den gegebenen Voraussetzungen doch ohne weiteres die entsprechenden Bedarfsgüter?" Gewiß, eine erhebliche Ertragssteigerung ist auf allen Gebieten der Landwirtschaft möglich und wird in kommenden Jahren auch erreicht werden. Eins wird aber meist vergessen, nämlich, daß die Natur, von der die Industrie weitgehend unabhängig ist, oftmals die schon aus eigenem Antrieb erfolgten Bestrebungen des Bauern nach vermehrten Leistungen durchkreuzt, daß also d i e Kraft versagt, die bei weitem die wichtigste im bäuerlichen Betriebe ist.
Die größte Rolle spielt bekanntlich das Wetter. Ein starker Regenguß vor der Ernte vermindert den Ertrag häufig ganz erheblich, Hagel zerschlägt Pflanzen und Früchte, Frost vernichtet junge Saaten und Blüten, und Hitze brennt ganze Gebiete aus. Denken wir nur an die jüngste Vergangenheit. Die schlechte Obsternte des letzten Jahres war eine Folge der Spätfröste im Frühling. Die Dürreperiode 1934 brachte einen gewaltigen Ausfall an Futterpflanzen; hunderttausende von Rindern und Schweinen mußten vorzeitig geschlachtet werden. Auch im letzten Jahre herrschte in verschiedenen Gebieten wieder eine starke Trockenheit und erheblicher Futtermangel. Die Viehbestände konnten nicht aufgefüllt werden. Schweinefleisch und Butter verknapppten, nicht weil der Bauer, sondern weil das Wetter versagte.
Damit aber noch nicht genug. Ist das Wetter für die Pflanzen günstig, fördert es oft auch die Ausbreitung der Schädlinge, also all der Lebewesen, die die wachsenden Pflanzen und die geernteten Vorräte ebenfalls zu ihrer Ernährung gebrauchen, wie Rotten und Mäuse, Insekten und Larven. Pilze und Bakterien. Auf nicht weniger als 2 Milliarden RM. wird der Wert der Pflanzen und Vorräte geschätzt, die die Schädlinge in normalen Jahren von der Landwirtschaft als Tribut fordern. Oft bemerkt der Verbraucher diesen Verlust des Bauern kaum, da die Mindererträge durch erhöhte Einfuhr ausgeglichen werden. Muß die Einfuhr aber beschränkt werden oder ist sie ganz unterbunden, so entsteht ein empfindlicher Mangel, der zu großen Ernährungsschwierigkeiten führen kann. Aebnlich sieht es in der Tierzucht aus. Krankheiten und Seuchen vernichten hier ebenfalls ungeheure Werte. Werden doch die Verluste durch Tuberkulose allein auf 160 Millionen und die durch seuchenhaftes Verkalben sogar auf 200 Millionen Reichsmark geschätzt. Niemals ist der Bauer vor diesen Schäden sicher. Gewiß, er kann Vorbeu- gunasmaßnahmen treffen, und ein ganz besonders wichtiges Teilziel der Erzeugungsschlacht ist die planvolle und energische Verminderung der Scha- dens-Gefabren, aber die Zahl der Schadens-Möglichkeiten ist Legion.
So wie die Natur also auf der einen Seite für die Landwirtschaft arbeitet, so wirkt sie auf der anderen gegen sie. Der Bauer hat das Bestreben — schon im eigensten Interesse — mehr zu erzeugen. Feindliche Kräfte aber, gegen die er nahezu machtlos ist, haben oftmals ihren Einfluß auf den Ertrag seiner Mühe. K. S.
Dornoii en
Tageskalender für Montag.
NSG. „Kraft durch Freude": 20.15 Uhr in der Volkshalle großer heiterer Abend der 3 lustigen Gesellen. — 21 bis 22 Uhr Reiten, Reitschule Schömbs. — Gloria-Palast, Seltersweg: „Der Kraft-Mayr". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Es geschah in einer Nacht ..." — Kreisgruppe Gießen der Wirtschaftsgruppe Einzelhandel: 20.30 Uhr im Saal des Hotel „Hindenburg" Versammlung. — Bund der Saarvereine, Ortsgruppe Gießen: 20.30 Uhr im
Die erste Erzählung im neuen Zahrgang der Familienblätter, mit deren Abdruck wir in unserer heutigen Hummer beginnen, heißt „Der Laufen" von Emil Strauß; das ist eine Geschichte von Liebe und Tod, ein kleines Meisterwerk deutscher Prosa in unserer Zeit, eine der reifsten Gestaltungen des Dichters, der am Zl.Zanuar 70Zahre alt wird
Cafä Ebel Jahresgedenkfeier der Saarabstimmung. — Ski-Klub Gießen: 20.15 Uhr im Kunstwissenschaftlichen Institut Ski-Filmvorführung. — Oberhessischer Kunstverein (Turmhaus am Brandplatz): 11 bis 18 Uhr Ausstellung des Künstlerbundes „Isar". — Evangelische Stadtmission: 10.15 bis 20.30 Uhr biblische Vorträge.
„Eine Frau ohne Bedeutung" im Skadthealer Gießen.
Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Am vergangenen Freitag kam unter der Spielleitung des Intendanten das Gesellschaftsstück „Eine Frau ohne Bedeutung" von Oscar Wilde in der Neubearbeitung von Karl Lerbs mit außergewöhnlich starkem Erfolg zur Erstaufführung. Es mehren sich im Theaterbüro die Anfragen nach den Aufführungsterminen. Aus spielplantechnischen Gründen kann dieses Konversations- und Unterhaltungsstück nicht im Rahmen der NS.-Kulturgemeinde Ring Deutsche Bühne und auch nicht außer Abonnement an einem der kommenden Sonntage zur Aufführung gelangen. Die Intendanz teilt daher
Meldepflicht -er entlassenen Soldaten und Ersatzreservisten I.
Ausruf des Gauleiters zum Reichsberufswetttamvf.
Der Reichsberufswettkampf 1936 wird aber Tausenden deutscher Jungens und Mädels wieder-
DNB. Vielfach haben die Wehrpflichtigen des Beurlaubten st an des die seit Einführung der Wehrpflicht vorgeschriebenen Meldungen bei den Wehrersatzdienststellen und Crsatzbehörden unterlassen. Diese Meldungen müssen umgehend nachgeholt werden, da künftig Wehrpflichtige des Beurlaubtenstandes, die über die Meldepflichten schon belehrt worden sind und sie trotzdem nicht erfüllen, bestraft werden.
Hierzu gehören in erster Linie die aus der Wehrmacht entlassenen Soldaten, die gemusterten Dienstpflichtigen der Jahrgänge 1914 und 1915 (in Ostpreußen auch 1910) und angenommene Freiwillige.
Soldaten, die nach einjähriger aktiver Dienstpflicht oder nach einer achtwöchigen Ausbildung bei Ergänzungseinheiten entlassen werden, unterliegen der Wehruberwachung des für ihren Wohnsitz zuständigen Wehrmeldeamts, in der entmilitarisierten
Zone der zuständigen unteren Ersatzbehörde (Zweigstelle). Sie haben dort nach ihrer Entlassung sich anzumelden und weiterhin jeden Wohnungs- oder Wohnsitzwechsel zu melden.
Gemusterte Dienstpflichtige des Jahrgangs 1914 (in Ostpreußen auch 1910), die einen Musterungsausweis und Ersatzreserve-l-Schein erhalten haben und noch nicht zur Erfüllung ihrer aktiven Dienstpflicht ausgehoben sind,
die gemusterten Dienstpflichtigen des Jahrgangs 1915, die einen Musterungsausweis,
ferner Freiwillige, die einen Annahmeschein erhalten haben,
unterliegen gleichfalls der Wehrüberwachung des für ihren Wohnsitz zuständigen Wehrmeldeamts, in der entmilitarisierten Zone der unteren Ersatzbehörde (Zweigstelle). Sie haben dort jeden Wohnungs- und Wohnsitzwechsel zu melden.
Radfahrer, achtet auf eure Rückstrahler!
Jeder Radfahrer weiß, daß sein Fahrrad nicht nur mit Glocke und Laterne, sondern auch mit einem Rückstrahler versehen sein muß, der so konstruiert ist, daß er nach bestimmten optischen Mindestanforderungen das auf ihn fallende Scheinwerferlicht eines Kraftfahrzeuges in einer bestimmten Entfernung und in einem bestimmten Winkel zurückwirft. Diese Vorschrift, die in der Reichsstraßenverkehrsordnung verankert ist, hat keineswegs aber den Zweck, dem Radfahrer eine überflüssige Belastung zuzumuten, sondern stellt eine Maßnahme dar, die im Interesse von Leib, Leben und Eigentum des Radfahrers erlassen worden ist, denn ein guter Rückstrahler wird ja immer und unter allen Umständen ein schnellfahrendes Fahrzeug, das hinter dem Fahrrad herkommt, rechtzeitig warnen, indem es im Scheinwerfer rot aufleuchtet. Voraussetzung hierfür ist aber natürlich, daß der betreffende Rückstrahler tatsächlich über die erforderliche Leuchteigenschaft verfügt und daß er sauber gehalten ist.
Rückstrahler werden mit verschiedenen Prüfzeichen auf den Markt gebracht, und zwar entsprechend einer frühern Regelung zum Teil noch mit sogenannten Länderprüfzeichen, d. h. mit einer Abkürzung der betreffenden früher bestandenen Landesprüfstelle und einer Nummer oder aber mit dem Zeichen PTR und einer Nummer, als Hinweis darauf, daß ein Muster dieses Rückstrahlers der Physikalisch - Technischen Reichsanstalt in Berlin - Char- lottenburg den jetzt gültigen Vorschriften entsprechend zur Prüfung mit Erfolg vorgelegt worden ist. Jeder überzeuge sich also beim Kauf eines Rückstrahlers oder beim Kauf eines Fahrrades, an dem
sich ein Rückstrahler befindet, davon, daß dieser auch einen der vorgesehenen Stempel trägt.
Ein Rückstrahler kann natürlich nur dann wirken, wenn er gerade am Fahrrad angebracht ist, wenn also tatsächlich der Schein des hinterher fahrenden Kraftfahrzeuges in vollem Umfange und in größter Fläche den Rückstrahler trifft. Insbesondere ist auf eine richtige und ausreichende Befestigung des Rückstrahlers am Rahmen oder Schutzblech zu achten. Unzweckmäßige oder behelfsmäßige Befestigungen mit Draht oder Bindfaden und dergleichen sind zu vermeiden, da hierdurch der Rückstrahler in den meisten Fällen nicht die richtige Lage erhält und infolgedessen nicht oder nicht vollständig das Licht zurückwerfen kann.
Weiter ist vor allem darauf zu achten, daß der Radfahrer selbst den Rückstrahler stets sauber hält, denn wenn auch die Rückstrahlfähigkeit eines guten Rückstrahlers so stark ist, daß er auch dann noch wirkt, wenn ein Teil der Fläche verschmutzt ist, so wird natürlich der volle Schutz des Rückstrahlers vor Verkehrsgefahren sich nur dann auswirken können, wenn er tatsächlich staub- und kotfrei gehalten ist. In diesem Fall lohnt infolgedessen die kleine Mühe, von Zeit zu Zeit den Rückstrahler mit einem Tuch abzuwischen und ihn so von seiner Schmutzkruste zu befreien.
Der Radfahrer darf ja, wie gesagt, nicht vergessen, daß er alles dieses in seinem ureigensten Interesse tut. Ist ihm erst durch eigene Unvorsichtigkeit und Unachtsamkeit ein Unfall zugestoßen, kann der Schaden größer sein und in keinem Verhältnis mehr zu der geringen Mühe stehen, die die richtige Anbringung und Sauberhaltung eines guten Rückstrahlers mit sich bringt.
bereits heute die Termine der beiden kommenden und leider auch letzten Aufführungen mit: Dienstag, 14. Januar, als 14. Vorstellung im Dienstag- Abonnement, Dauer von 20 bis 22.30 Uhr, und Mittwoch, 22. Januar, als 15. Vorstellung im Mittwoch-Abonnement, von 19.30 bis 22 Uhr.
Aus paeteiamtlichenBekanntmachungen
um Gelegenheit geben, ihre Kenntnisse und Fertigkeiten unter Beweis zu stellen.
Jeder junge Deutsche macht es sich zur Ehrenpflicht, teitzunehmen. 3m Gau Hessen-Rassau sind die Anmeldungen zur Teilnahme unendlich groß. Versäume keiner, seine Anmeldung in den Tagen bis zum 15. Januar 1936 abzugeben!
Ich wünsche und hoffe, daß aus unserem Gau recht viele tatkräftige Jungens und Mädels als Sieget in den einzelnen Berufszweigen hervorgehen!
Gez.: Sprenger.
Amt für Dolkswohlfahrt. OrtSqrupvÄ Giehen-Mitte.
Belr.: Pfundsammlung.
Am Mittwoch, 15. Januar, werden die Spenden (Pfundsammlung) durch die NS.-Frauenschaft ein- gesammelt. Die Hausfrauen werden gebeten, den Inhalt der Päckchen auf der Umhüllung kenntlich zu machen und die Mitgliedskarten zur Quittungs- einzeichnung bereitzuhalten. Die Pfundsammlung erstreckt sich während der Dauer des WHW. wieder auf alle Volksgenossen.
Sportamt „Kraft durch Freude".
Am Montag finden folgende Sportkurse statt:
Fröhliche Gymnastik und Spiele (nur f ü r Frauen). Von 19.45 bis 21 Uhr: Großen- Buseck, Neue Schule.
Reiten. Von 21 bis 22 Uhr: Reitschule Schömbs.
Es sind noch Plätze für verschiedene Reitkurse frei. Anmeldungen nimmt die Geschätsstelle, Schanzen- straße 18, entgegen.
Ein geborener Gießener an führender Stelle des Deutschtums in Amerika.
Die in Baltimore (Nordamerika) in deutscher Sprache erscheinende Zeitung „Täglicher Baltimore Correspondent" veröffentlicht in ihrer Ausgabe vom Samstag, 30. November 1935, einen umfangreichen Bildbericht unter der lieber« schrift „Weitblickende Männer im Baltimorer Ge- jchäftsleben; sie verkörpern Baltimores Geschichte, ihr Wirken wird kommende Generationen begeistern." In diesem Bericht wird auch ein geborener Gießener namens Karl Reinhardt genannt, der vor etwa 40 -Jahren von Gießen nach Amerika auswanderte und es dort durch rastlosen Fleiß zu Ansehen und Wohlstand gebracht hat. Ueber Karl Reinhardt wird in dem genannten Baltimorer Blatte folgendes berichtet:
„Eine erfolgreiche .Laufbahn hat Herr Charles W. Reinhardt, im deutschen Sängerwesen und auch sonst in Vereinskreisen und auch im Arnerikanerturn beliebt und hoch angesehen in seinem Adoptivvaterlande, zu verzeichnen. Die deutschen Sänger haben ihn verschiedentlich mit Aemtern geehrt, denen er in vorzüglicher Weise Vorstand; oft sah er sich gezwungen, weitere ihm angebotene Ehrenämter abzulehnen, da er
Die Fachschaft „Volksschule" des NSLB. Kreis Gießen veranstaltet am kommenden Mittwoch, 15. Januar, in der Schule zu Großen-Linden, um 8.45 Uhr beginnend, eine Tagung der Flurnamen- Sammler des Kreises der Fachschaftsleiter und der Mitglieder des Bezirks Gießen-Land. Den Teilnehmern an der den ganzen Tag über währenden Tagung ist Urlaub erteilt.
Der Bezirk Großen-Buseckdes NSLB. hält am Mittwoch, 15. Januar, um 15 Uhr, in der neuen Schule zu Großen-Buseck eine Tagung der Fachschaft „Volksschule" und Bezirkskonferenz mit einem Vortrag von Lehrer Falls-Gießen ab.
Das Glas
in Kultur und Wirtschaft.
Don Werner Lenz.
Goethes Wort, daß in der deutschen Glashütte „eine der wichtigsten und wunderbarsten Werktätigkeiten des menschlichen Kunstgeschickes" zu Hause sei, mag Geleitwort der bevorstehenden „19. Glastechnischen Tagung vom 14. bis 16. Januar in Berlin" fein. Um so wichtiger darf dies Ereignis wissenschaftlich-wirtschaftlicher Gemeinschaftsarbeit genommen werden, weil es ein bedeutungsvoller Vorakt des diesjährigen Internationalen Glaskongresses in London ist. Hat doch dort die „Deutsche Glastechnische Gesellschaft" (Sitz Frankfurt am Main) die Vertretung einer Heimatindustrie übernommen, die für die deutsche Nationalwirtschaft überaus richtungbestimmend ist.
Der unbefangene Laie pflegt in dem Jndustrie- erzeugnis „Glas" im allgemeinen nicht viel mehr zu sehen als eine Reihe von Gegenständen, die teils der täglichen Benutzung dienen, teils die Häuslichkeit schmücken und — leider ab und zu in Scherben gehen. Fensterscheiben, Trinkglas, Brille — das sind Angelegenheiten des Alltages, gewiß; aber was sie wert sind, das merkt man doch erst so recht, wenn sie durch irgendeinen Zufall beschädigt und nicht gebrauchsfertig sind. Dann erst fragt man sich, was der Mensch wohl ohne diesen treuen Helfer „Glas" ehedem entbehrt haben mag! Und bei solchem Nachsinnen wird uns auch die Vielfältigkeit der Gestaltung klar, die sich seit den Urtagen dieser Kunstfertigkeit bis zu unserer heutigen technischen Vervollkommnung heraufentwickelte.
Uralt ist der Name „Glas". Das althochdeutsche „glas" und altnordische „gier" bezeichnet „Bernstein". Das war der natürliche „Glasfluß", der im Tauschhandel mit dem Orient das dort geschmolzene künstliche Glas zu uns zog. Wissen wir doch, daß ägyptische Glasperlen bereits 1500 Jahre vor Christi Geburt nach Bayern eingetauscht wurden. Auch die selbständige Glasherstellung kam einige Jahrhunderte vor unserer christlichen Zeitrechnung nach Europa und wurde zuerst in Italien unter den Cäsaren gepflegt. Mit dem Verfall des Weströmischen Reiches wanderte die Kunst der Glaserzeugung nach Byzanz — wir haben sehr schöne Glasflüsse an Kronen und Spangen aus der Goten- ^eit — und wurde dann eine der wirtschaftlichen
Machtquellen Venedigs. Dorcher kamen auch unsere mittelalterlichen Lehrmeister der K u n st g l a s - bläserei, die unsere deutschen Handwerker aber mit eigenem, echt deutschem Geiste erfüllten. Sie erreichten bald das Können der Venetianer; und wenn heute die böhmische Glasbläserei mit Recht hochgerühmt wird, so dürfen wir mit Stolz bekennen, daß ehedem ja Böhmen deutsches Kronland war und deutsche Kultur dort aufbautätig wirkte. Die Glasbläser Deutschböhmens sind die Brüder der deutschen Glasschmelzer und Schleifer Mitteldeutschlands, das wegen seines Reichtumes an Roh- unb Hilfsstoffen, besonders im benachbarten Thüringen, Bayern, Sachsen und Schlesien Mittelpunkt dieses Gewerbes geworden war. Zumal der Holzbestand der dichten Wälder sicherte die bei der Glaserzeugung so wichtige Feuerung. Als die Kohle — Braun- und Steinkohle — in den verbesserten Oefen verwendet wurde, traten das Rheinland und die Lausitz neben andern Gegenden Deutschlands als Erzeugungsstätten hinzu.
Durch deutschen Fleiß und durch deutsche Geschicklichkeit wurde der Segen des Bodens — die Rohstoffquelle — zu einem großen Gewinn für d i e deutsche Wirtschaft. Bis ins 18. Jahrhundert bezog Frankreich mangels eigener Erzeugung wertvolles Fensterglas nur aus unserem Vaterlande. Heute ist die deutsche Heimatindustrie führend auf allen Gebieten der Glaserzeugung; und daraus erklärt es sich auch, daß wir trotz der Weltwirtschaftskrise unfern Riesenanteil an dem Welthandel an Glas behaupten konnten. Beschicken wir doch den Weltmarkt mit einem Drittel deutscher Ware! Und dabei sind noch nicht einmal die optischen Gläser, photographischen Glasplatten und Glühlampen eingerechnet! Der Ausfuhrüberschuß bringt dem Reiche rund 100 Millionen Mark im Jahre ein.
Dazu kommt, daß die Glasindustrie in ganz großem Maße Arbeitgeber für feine Zureicheindustrien ist. Wenn man so schlichthin „Glashütte" sagt, so muß man sich er ft einmal vorstellen, was für ein Apparat notwendig ist, um dies Großgewerbe arbeitsfähig zu machen. Vom Gemengehaus zur eigentlichen Hütte mit ihren Oefen und Verarbeitungsmaschinen erfordert diese Industrie umfassende Armaturen und Gründungen, die wieder anderen Industrien zugute kommen. Der Bedarf an feuerfesten Keramiken setzt allein eine wichtige Ge- schwisterindustrie in Nahrung. Es werden „Häfen" in Gebrauch genommen, die bis zu 2000 Kilogramm Glasmasse aufnehmen. Und die „Wannenöfen"
stehen ihnen an Dimension natürlich nicht nach. Ist noch für Röhren und für Beleuchtungskörper die „Mundbläserei" im Schwange — ebenso wie bei der Kunstglasbläserei — so benötigt die moderne Mengenherstellung von Flach- und von Hohlglas maschinellen Betrieb. Wir haben in Deutschland ungefähr 40 Maschinen in Benutzung, deren bestleistende binnen 24 Stunden 50000 bis 100000 Flaschen Herstellen können, je nach Form und Halsweite.
Eine allgemeine Uebersicht über die Vielseitigkeit der deutschen Glaserzeugung zu geben, ist an diesem Orte nicht möglich. Die Fensterscheibe ist ja allein schon ein Typus von außerordentlicher Wandlungsfähigkeit, mag man nun an das bescheidene Wohnungsfenster oder an die Riesenschaufensterscheibe am Laden des modernen Geschäftes denken. Gegenstücke dazu sind die Glaswände im Aquarium und zoologischen Garten. Glasziegel und Glasbausteine, Drahtglas und Ornamentglas sind leibhaftige Zeugen einer Verwendungsfähigkeit im Baugewerbe, die noch vor einigen Jahrzehnten nicht geahnt wurde. Kathedralglas dient im besonderen dem Bedürfnis der kirchlichen und weltlichen Festräume; denn es eignet sich vorzüglich zur G l a s b e m a - l u n g.
Sehr anregend für die Gloserzeugung ist der Anstieg der Automobilindustrie. Dort und bei Arbeitsbrillen tritt das nicht splitternde Glas segensreich in die Erscheinung, während gefärbte Schutzgläser gegen Blendung und Ultrastrahlenwirkung bei Sport und Arbeit oft unerläßlich sind. Selbst der Arzt bedarf des Schutzglases bei seiner Röntgenbedienung. Ein besonderes Kapitel wäre das Glus für wifsenschaftlicheZwecke vom unempfindlichen Hartglase bis zum Jenaer G l a se , das heute bereits die Hausfrau zu schätzen weiß. Zu den Spezialgläsern gehören auch die Thermometerröhren und Reagenzgläser im Laboratorium.
Welches Ansehen die deutsche optische Glasindustrie auch im Auslande hat, bezeuge folgende Tatsache: Die vier großen Planetarien der Vereinigten Staaten — in Neuyork, Philadelphia, Chikago und Los Angeles — sind mit deutschen I n - ftrumenten ausgerüstet; ebenso sind das Spiegelteleskop und der Astrograph in der vatikanischen Sternwarte zu Rom deutschen Ursprungs. So darf das deutsche Glas mit Recht als ein Kulturerzeugnis gelten, daran das Ausland das Beste unserer völkischen Art zu erkennen vermag: die deutsche Mu st erarbeit als Zeugnis kultu
reller Unermüdlichkeit! Für uns Deutsche selbst aber ist das „zerbrechliche" Glas eine der festen Grundlagen unserer Nationalwirtschaft.
Das Aufgebot.
Der alte Käpten Hinrichsen hatte einmal einen Leichtmatrosen angeheuert. Die Fahrt ging nach Kalkutta, wo die „Gute Hoffnung" Tee und Jute an Bord nehmen sollte.
Anfangs ging alles gut. Aber nach ein paar Tagen, als das Schiff schon Kurs auf die Straße von Gibraltar nahm, begann Käpten Hinrichsen an Teufelsspuk zu glauben. Denn immer, wenn er nach dem Mittagessen an den Kajütenschrank ging, um sich eine Flasche Rotspon zu gönnen, fand er eine bereits geleerte Flasche darin.
Das war der Grund dafür, daß der Kapitän eines Tages die Brücke zu ungewohnter Stunde verließ und sich hinter dem Schrank in seiner Kajüte versteckte. Er hatte Glück. Denn auf einmal ging die Tür auf, und der neue Leichtmatrose trat ein, öffnete den Schrank, holte eine Flasche heraus, entkorkte sie und sprach: „Es werden hiermit aufgeboten zum ersten, zum zweiten und zum dritten Male die Jungfrau Barbara Rötlich aus Burgund und der Leichtmatrose Fritz Weinsauf aus Hamburg. Wenn kein Einspruch geschieht, kann die Trauung sogleich vollzogen werden."
Nach diesem seltsamen Spruch setzte der Matrose die Flasche an den Mund und trank sie mit gewaltigem Zug leer.
Käpten Hinrichsen ließ den Matrosen gehen. Dann ging er an Deck und ließ ihn zu sich rufen. Die Matrose trat herzu und betrachtete mißtrauisch das Tauende in der Faust des Kapitäns. Aber Käpten Hinrichsen hielt zunächst eine kurze Ansprache. „Es werden hiermit aufgeboten", sagte er, „zum ersten, zum zweiten und dritten Male die Jungfrau Barbara Schmerzhaft aus Hanf und der Matrose Fritz Weinsauf aus Hamburg. Wenn kein Einspruch geschieht, kann die Trauung sogleich vollzogen werden." Damit hob Kapitän Hinrichsen das Tauende — aber da rief der Matrose plötzlich: „Halt! Ich erhebe Einspruch!"
Der Kapitän ließ verblüfft den Arm sinken. Und da er Spaß verstand, wurde die Trauung durch diesen Einspruch wirklich aufgehoben. Fritz Weinsauf aber mußte ein heiliges Versprechen oblegen, sich in Zukunft nur mit der Jungfrau Maria Milde aus Trinkwasser trauen zu lassen ... foe.


