Ausgabe 
12.1.1936
 
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Kr.lv Zweites Natt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Montag, 13. Zanuar (936

In der Herzkammer des Saarkampfes.

Erlebnisse in -erGaarkamvfzentrale des deutschen Aundfunks". Zum Jahrestag der Gaarabstimmung am 13.3onuor.

Dr. Adolf Baskin, ehemaligem Leiter der Saarkampfzentrale des deutschen Rundfunks jetzt Intendanten des Reichssenders Saarbrücken.

Schluß.

Unsere Gaar­den Weg frei zur Verständigung"

Hinter diesem kategorischen Imperativ verbarg sich die Grundtendenz der gesamten propagandistischen Arbeit. Er war der immer wiederkehrende Titel unserer Standard-Sendung, die an der Saar jeden Mittwochabend als Gemeinschaftsemp­fang gehört wurde.Unsere Saar", denn es gab für niemanden einen Zweifel darüber, daß jeder fremde Anspruch auf dieses Volk und dieses Land nur mit Gewalt konstruiert werden konnte.Den Weg frei zur Verständigung" die Saarfrage stand a l s einziges territoriales Hindernis zwischen Frankreich und Deutschland.

Diese einzige Standard-Sendung im ganzen Saar­kumpf mußte jede Woche aus den Ereignissen und Tatbeständen gestaltet und so gestaltet werden, daß sie jeden auch Nichtsaarländer interessierte. Ein dra­maturgisches Problem erster Ordnung. Von der Moritat bis zum erschütternden dichterisch geformten Kurzhörspiel wurden alle bekannten und erfindbaren Sendeformen innerhalb dieser 30-Minuten-Reichs- sendung abgewandelt. Die besten Schriftsteller und Mundartdichter der Saar konnten herangezogen wer­den und nicht selten zwangen uns die Ereignisse, diese Spezialsendung wenige Stunden vor der Auf­führung niederzuschreiben, durchzuprobieren und zur Aufführung zu bringen.

Zuschriften aus allen Ländern Europas, aus allen Erdteilen bewiesen, wie sich dieser kategorische Impe­rativ in die ganze Welt hineinfraß und mancher Aufsatz ausländischer deutsch-feindlicher Zeitschriften und Zeitungen machte auf dieGefahr", die darin steckte, aufmerksam.Goebbels erobert die Welt" jammerte leitartikelnd Georg Bernhard im Pariser Emigranten-Tageblatt, als die Schlacht geschlagen war, und er sagte, er habe es ja immer schon kom­men sehen und dasGift dieser Propaganda" mache langsam aus jedem Lautsprecher auch außerhalb des Saargebietes in allen anderen Ländern einen In­fektionsherd der Nazi-Seuche.

Der erste Großkampftag des deutschen Rundfunks.

Am 6. Mai 1934 konnte auf einer Kundgebung vor über 200 000 Saardeutschen der überwältigende Zusammenschluß aller Deutschen an der Saar in der Deutschen Front gemeldet werden knapp zwei Monate nach ihrer Gründung umschloß sie fast 90 v. H. der gesamten Bevölkerung. Der deutsche Rundfunk war zum ersten Male an diesem Tage mit einem einheitlichen Programm auf die Saar abgestimmt vom Morgenruf aus Hamburg bis zur Ursendung des HörspielsJakob Johan­nes", der als Freiheitsheld der Saar der Vergessen­heit entrissen wurde. Der erschütterndste Moment aber traf alle Herzen, als ein Kind nach der großen Zweibrücker Rede vor den Minister Dr. Goebbels trat und ihm eine Schale saardeutscher Erde über­reichte,für die unsere Väter gestritten". Eine helle Kinderstimme stand da plötzlich im Raum die­ser gewaltigen Kundgebung, und die Erschütterung

dieses Erlebnisses war spürbar bis in die fernsten Winkel Deutschlands, wo nur ein Lautsprecher den Klang dieser Stimme auffing.

Präsident Knox klagt den Rundfunk an in einer Denkschrift an den Völkerbund. Er hat nämlich einen Brief gefunden, in welchem ein Führer der Deut­schen Front einem Kameraden mitteilte, er erhalte von mir demnächst auf versprochenem Wege 1500 Mark. Beweis nach Ansichten des Herrn Knox für die amtlichen deutschen Beziehungen zu saar­ländischen Parteistellern. In Wahrheit: das Ho­norar des Rundfunks für eine Reihe offiziell verpflichteter Hütten- und Bergwerks k a p e l l e n, die zu Konzerten für den Rundfunk herangezogen worden waren. Knox klagte mit seinem bösen Geist Heimburger ferner über dieLügen- und Hetz­meldungen" der deutschen Sender, nicht etwa des Straßburger Senders. Brief an Heimburger: der deutsche Rundfunk habe es nicht nötig, mit solchen Mitteln zu arbeiten. Sollte einmal ein Irrtum vor­gekommen sein, so würden wir ihn sofort und gerne berichtigen. Wir bäten um Aufklärung und wie es mit dem Sraßburger Sender wäre, der ja die Lügen am laufenden Band über sämtliche Büros aus Saarbrücken bezöge... Keine Antwort? Die separatistisch-marxistische' Volksstimme druckt sogar mehrfachLügen- und Hetzmeldungen deutscher Sender' wörtlich ab, die nachweisbar^ nie über einen deutschen Sender gingen. Alle Mittel müssen herhalten, das Ausland gegen den deutschen Rundfunk aufzubringen. Sogar dieTi­mes" fällt auf einen Separatisten herein, den sie als Führer derkatholischen Aktion" durch den deut­schen Rundfunk für angegriffen und maßlos belei­digt erklärt. DieserFührer" stellte sich als ehemali­ger Spion und Schwerverbrecher heraus, der noch dazu ein Protestant war. Brief an dieTimes" wird höflich, aber leider nur brieflich beantwortet.

Die letzte Offensive raste wie ein Kolportage- Roman durch Rundfunk und Presse. Saftige, herr­liche Sachen. Zuerst ein Mann vor dem Mikrophon, der dem Geheimagenten der französischen Berg­werksdirektion, dem ehemaligen deutschen Offizier Rossenbeck, den Geheimschrank auf abenteuerliche Art öffnete und den Inhalt der Deutschen Front schenkte. Die Herkunft der Gelder für die separa­tistischen Zeitungen und Gruppen und Parteien liegt sonnenklar vor allen Augen. Das gab prächtige Sendungen und Moritaten. Daraufhin Fahnenflucht maßgebender Redakteure der berüchtigten separati­stischen katholischenS a a r p o st" (Saarpest") und Enthüllungen, daß uns das Wasser im Munde zu­sammenlief und den anderen die Zähne immer län­ger wurden. Derkatholische separatistische" Dolks- bund flog auf im Gespött des Tages.

Inzwischen kauften ein paar getarnte Zwischen­händler der Deutschen Front in Paris eine ganz komplette separatistische Intelligenz-Zeitung das Westland". Es enthüllte sich in seiner letzten Nummer selber dem staunenden Publikum. Der Rundfunk erbeutete abermals eine köstliche Moritat.

Und dann das Finale: beherzte saardeutsche Männer räumten gewisse Geheimschränke der Gru­bendirektion Camphausen aus und fanden Tausende von Beweisen für den marxistischen Verrat deut­scher Arbeiter. Verräter wurden entlarvt, die als rote biedermännische Gewerkschaftssekretäre ihre

eigenen Arbeiter und Kameraden der französischen Bergwerksdirektion gegen gute Franken und Pöstchen natürlich verrieten. Tausende von Tra­gödien arbeitsloser und obdachloser Familien fan­den ihre Aufklärung. Diese Dokumente der Schande und des Verrats wurden in Kaiserslautern öffent­lich ausgestellt, und der Rundfunk lud auf Geheiß Bürckels alle roten Funktionäre und die Verführ­ten gegen freies Geleit dazu ein. Und sie kamen in

Ein rührendes Beispiel für den deutschen Charak­ter an der Saar ein Beispiel aber auch von der Wichtigkeit einer schlagkräftigen Rundfunkpropagan­da: Vor der eigentlichen (Saarabftimmung fand die Vorabstimmung derjenigen statt, die am 13. Januar aus irgendwelchen Gründen nicht zur Urne gehen konnten. Kranke, Arbeiter und Be­amte lebenswichtiger Betriebe, Eisenbahner usw. Die Vorabstimmung wenige Tage vor dem 13. Ja­nuar setzt ein. Die ersten Ergebnisse sind nieder­schmetternd, weil fast von überall riesige Stimm- oerluste wegen Verletzung der Ab- stimmungsbedingungen gemeldet werden. Da grüßt einer mitHeil Hitler" ungültige Stimme. Irgendeine unvorsichtige Bemerkung, die Stimme ist für Deutschland verloren. Rund 20 v. H. Verluste treten bei der Dorabstimmung auf. In einer Urne allein von 34 abgegebenen Stimmen 16 ungültige. Alarmnachrichten von der Saar. In einer der Nachrichten heißt es: Von 56 abgegebenen Stimmen wurden wegen Übertretung der Bestim­mung 21 Stimmen für ungültig erklärt. Eine alte Mutter von 82 Jahren warf mit zitternden Händen ihren Stimmzettel in die Urne und sagte:Ich bin deutsch geboren i ch will auch deutsch st e r b e n". Die Sttmme wurde von dem Vorsitzen­den des Wahllokals für ungültig erklärt--.

Es folgen weitere Beispiele: 15 Minuten später geht die Meldung über die deutschen Sender und ruft eindringlich!Geht schweigend ins Wahllokal! Tut schweigend Eure Pflicht als Deutsche! Geht schweigend aus dem Wahllokal heraus. Jedes Wort kann die deutsche Sache in Gefahr bringen. Denkt daran! Die Stimme dieser alten Mutter darf nicht verloren gehen", Anweisung an die Sender: diese Meldung geht 4 Tage lang alle zwei Stunden über alle Sender! Der Erfolg: die ungültigen Stimmen bei der Hauptabstimmung sind so gering, daß sie nichts, aber auch gar nichts zu bedeu- t e n haben.

Sieg des Schweigens.

Die verloren' Stimme jenes alten Mütterchens hat Deutschland Zehntausende von Stimmen ge­rettet, die aus Unachtsamkeit verloren gegangen wären. So tief aber haben die Sender diese Schweigparole in das Bewußtsein der Menschen an der Saar getrieben, daß in manchen Wahllokalen merkwürdige Situationen entstanden. Ein freund­licher holländischer Wahlleiter wundert sich dar­über, daß die meisten Wähler seinen Gruß nicht erwidern. Er wundert sich und schließlich ärgert er

hellen Scharen und sie gingen wutentbrannt nach Hause, und die allermeisten taten dann ihre deutsche Pflicht. Und einer davon wurde durch eine herz­erfrischende, polterige Rundfunkansprache ja sehr allgemein bekannt der Rohrbacher Han­nes.

So gerieten die beiden großen Gegenspieler Marxismus und katholisch getarnter Separatismus in ihre vernichtende Niederlage.

sich sogar über solchesaardeutsche Unhöflichkeit". Man klärt ihn auf und dann lächelt er und dann ist er noch viel freundlicher.Ein treues, wunder­bares Volk" das sagt der Holländer.

Dor den Wahllokalen standen entsprechende War­nungstafeln mit den Schlagsätzen der genannten Rundfunkparolen nicht selten noch humorvoll ergänzt mit der volkstümlichen Quintessenz:Maul halten",Un nix wie hemm"!

Wenn man heute diese Geschichte erzählt, dann ahnt man erst die Bedeutung, die die Worte des alten Mütterchens für den Endsieg am 13. Januar hatten. Der Rundfunk aber verwandelte das stille, erschütternde Bekenntnis dieser Frau in ein ge­flügeltes Wort von historischer Bedeutung, in ein Warnungssignal für alle, die das raffinierte ellen­lange Kapitel der Wahlvorfchriften nie gelesen hätten, und als die Gegner am 13. Januar auf gefälschten Flugblättern ausstreuten:Jeder an­ständige Deutsche betritt das Wahllokal mit einem trotzigen und mutigen .Heil Hitler* nur Feig­linge schweigen!" hatte der Rundfunk bereits 24 Stunden vorher auf die Möglichkeit dieses Schach­zuges aufmerksam gemacht und niemand fiel auf den Schwindel herein. Ergebnis: Von über einer Million abgegebenen Stimmen find nur etwas über 2000 Stimmen ungültig: weniger als 0,4 v. H. Solche entscheidende Wirkung kann das schlichte Wort einer alten Frau haben! Ihre verlorene Stimme hat in des Wortes tiefster Be­deutung tausendfältige Frucht, Frucht für Deutsch­land getragen. Der deutsche Rundfunk warf die Saat dieses Wortes in die Herzen der Wähler und brachte damit die schönste Ernte in die deutsche Scheuer.

Der 13. Januar 1935.

Der Tag des deutschen Charakters an der Saar. Ein Großkampftag des deutschen Rundfunks, der wohl selten so viele Hörer Deutschlands und Euro­pas fesselte, wie an diesem 13. Januar. Repor­tagen, Berichte, Enthüllungen über Putschab­sichten der Gegner, Interviews mit Uebersee- Deutschen, mit ausländischen Beobachtern und Jour­nalisten, Stimmungsbilder unterbrachen in kurzen Abständen das bunte Musikprogramm dieses Tages bis gegen 2 Uhr nachts. Es wäre müßig, darüber zu schreiben so etwas muß man selbst miterlebt haben. Das Ohr der Welt hing in Saar­brücken selber. Dieses Erlebnis wurde gekrönt, als durch einen kleinen Anstoß plötzlich die Begeisterung der deutschen Menschen sich auslöste in einemSo-

Gießener Sta-ttheater.

Gastspiel Henny Porten:Maria Garland"

Die wenigsten von den zahllosen Besuchern, die Henny Porten in ihren Filmen kennen und lie­ben, werden sie je auf der Bühne gesehen haben. Im Programmheft plaudert sie ein wenig von ihrem ersten Auftreten im Dresdener Alber-Thea­ter: das war in SardousMadame sans gene", und wir wissen nicht, wie lange es schon her ist dieses erste Lampenfieber. Das Stück, mit dem sie bei uns zu Gast war, hat Zdenko von Kraft, wie wir hören, eigens für sie geschrieben, und wenn wir an ihre letzte Filmrolle denken, an die Witwe Bock inKrach im Hinterhaus", dann ist es allerdings schwierig, eine Verbindung zwischen Film und Theater herzustellen und beide Rollen, beide Gestalten, jene Bock und diese Garland, in der Einheit einer künstlerischen Persönlichkeit nebeneinander zu sehen.

Wenn wir dagegen an eine von Henny Por - t e n 5 früheren Filmrollen denken, an die Königin Luise nämlich, dann ist es ganz leicht, dann rückt diese Maria so zwanglos und selbstverständlich neben jene Luise, daß man beim Betrachten des Schau­spiels fortwährend an den Film denken muß, und es find nicht nur die gleiche Zeit, die gleiche Landschaft, die gleiche geschichtliche Konstellation, welche die Beziehung Herstellen, sondern der gleiche Frauentyp, der gleiche preußisch-weibliche Charakter, den sie so gut und so von innen her er­faßt und verkörpert, der Anmut und Würde, Herb­heit und Wärme, Klugheit und Zartheit auf eine bezaubernde und hinreißende Weise in sich ver­einigt. *

Das Stück ist, wenn man so sagen darf, ein rich­tiges Gastspiel- und Rundreise-Stück Gebühr als Fridericus war mit einem ähnlichen bei uns zu Gast ein Stück ohne große Ansprüche, von bescheidenen Ausmaßen, aber außerordentlich theaterwirksam, gemischt aus Heroischem und Idyllischem, mit etwas Liebe, mit komischen Epi­soden, mit Rührung und auch, sobald es ernst wird, nicht ohne handfeste Spannung. Dabei übersichtlich und einheitlich im Schauplatz: nicht viele Personen, aber fast lauter gute Rollen, bis in die Chargen hinein. *

1806 auf einem Gutshof an der Bernfteinküste in Ostpreußen. Das Fräulein Maria Garland tft bei Bernd und Elise von gagerau zu Gast. Mit beiden ist sie befreundet. Für Bernd bedeutet Marias Besuch bald mehr als eine harmlos-erfreuliche Un­terbrechung im täglichen Einerlei des abgeschiedenen Hofes: er beginnt mit dem Feuer zu spielen, em zärtliches Idyll scheint sich anzuspinnen, da bran­den auf einmal die Wellen des Krieges von Kö­nigsberg her m die sommerliche Stille und Abge­

schiedenheit des Gutshauses, und aus dem Spiel wird plötzlich gefährlicher Ernst.

Ein junger Deutscher, der im aufwallenden Zorn einen zudringlich gewordenen französischen Ser­geanten niedergeschlagen hat und verfolgt wird, rettet sich fliehend auf den Hof und bittet um Hilfe. Frau von Fagerau bringt ihn mit ihrem Wagen heimlich nach Pillau, damit er von dort nach Ruß­land fluchten kann. Mittlerweile erscheinen daheim die verfolgenden Franzosen auf dem Hof, wo Maria und der ahnungslose Bernd allein zurück­geblieben sind, und noch ehe sich die zwischen beiden angesponnenen Fäden verhängnisvoller verstricken können, gibt sich Maria geistesgegenwärtig-ent­schlossen für die abwesende Freundin aus, bis diese den Flüchtigen in Sicherheit gebracht hat, und bricht nach Elises Rückkehr mit stillem Verzicht ihren Besuch bei den Fageraus ab. Bei der Täuschung und Ueberlistung der feindlichen Verbündeten spielt (zur Ergötzung des Zuschauers) eine Rose die gleiche Rolle des Blumenorakels wie zuvor beim Geplänkel zwischen Maria und Bernd die nur für ein paar heimliche Stunden blühendeKönigin der Nacht". Aber die leise Verfänglichkeit solcher Anspielung geht schnell in die ernsthaftere Span­nung der Haupthandlung über und löst sich wieder­um ein wenig wehmütig in Marias schnellem Ab­schied und schlichtem Verzicht.

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So läuft dieses Stück ab in drei schlanken Akten, und so ist diese Maria, die inmitten steht. Wenn sie, vom Beifall umrauscht, zum ersten Male her­eintritt, dann ist es nicht nur das weiße Empire- Gewand, wenn man wiederum jene Luise von Preußen vor sich zu sehen meint, eine Gestalt, die damals im Film so viele bezaubert und bis zu Tränen gerührt hat. Wir lasen dieser Tage in einer Kölner Besprechung, man brauche nicht Henny Porten zu sein, um mit einer Rolle wie dieser Erfolg zu gaben; das ist sicher richtig, aber wahr­scheinlich könnten auch nur wenige Schauspielerin­nen in Deutschland die Garland so spielen, wie die Porten sie spielt. Sie braucht hier eigentlich gar nicht zu spielen, sie braucht nur dazusein, sie selbst, so wie wir sie kennen in mancher Gestalt: so nobel und aufrecht, so grab und ungebrochen im Charak­ter, so voller Wärme, Herzlichkeit und wir sagten es schon einmal voll weiblicher Anmut. Daß sie überdies die Haltung einer vollkommenen Dame be­sitzt, auch diplomatische Geschicklichkeit und verbind­liche Ueberlegenheit, in gewagter Situation Ver­handlungen zu führen, macht den Gesamteindruck noch anziehender, als er ohnehin schon ist.

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Die Gießener freuten sich obendrein des Wieder­sehens mit Herrn Bäuerle, der früher bei uns wirkte und hier, aufrecht und männlich, mit feinen Uebergängcn den Bernd spielte. Ein kleines, ge­schliffenes Kabinettstück bot Herr Esset als Oberst

Durappin, elegant, scharmant, vollendeter Kavalier. Gertrud de L a l s k y in fraulicher Gehaltenheit und Klarheit als Elise; Josef D i s ch n e r als ge­mütlich-humorvoller ostpreußischer Inspektor; Lutz Götz (Damborn) und Ernst Pittschau (Lefort) rundeten das unter der sicheren, gut gegliederten Regieführung von C. H. Klubertanz stehende kleine Ensemble harmonisch ab.

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Das ausverkaufte Haus feierte Henny Porten mit stürmischen Sympathiekundgebungen. hth.

Gießener Konzertverein.

Viertes Konzert: Kammer-Musik.

Angesichts der Tatsache, daß bisher nur selten die Möglichkeit von Kammermusikaufführungen mit Bläsern in Gießen bestanden hat, ist es um so mehr zu begrüßen, daß sich eine Gruppe des Stadt­theaterorchesters zusammengeschlossen hat, um dje Kammermusik, besonders auch im größeren En­semble, zu pslegen. Gewiß haben einzelne führende Orchester schon immer Kammermusikvereinigungen gehabt, aber meistens traten sie nur für den Fall einer Aufführung zusammen, ohne die ständige Konsequenz der dauernden Kammermusikausübung zu befolgen. Hier für Gießen ist von vornherein angesichts der gestrigen Aufführung der Wunsch berechtigt, daß die Kammermusikaufführungen des Stadttheaterorchesters als organische Einrichtung sich auch für die Zukunft erhalten und bewähren mögen.

Wenn gelegentlich der Konzertaufführungen auf die besonderen Leistungen der einzelnen Jnstrumen- talvertreter hingewiesen wurde, so konnte das doch nur immer im größeren Rahmen geschehen. Die persönlichen musikalischen und instrumentalen Qua­litäten des einzelnen lassen sich im ausübenden Kammermusikensemble um so eingehender würdigen. Die Besetzung zeigte sich in aller Stimmen von aus­fallender Gleichmäßigkeit. Ein jeder füllt seinen Platz und die ihm zufallende Aufgabe mit, Gründ­lichkeit und Können voll aus. Aber nicht nur die Einzelleistung ist bestimmend und entscheidend für die Auswirkung der Kammermusik, sondern all die Kräfte müssen in ihrem musikalischen Willen sich aufeinander einstimmen und in der Gesamtheit des vielfachen Bemühens sich zum geschlossenen musi­kalischen Ganzen fügen; sowohl mit Rücksicht auf den thematisch-organischen Charakter des Werkes wie auch auf feine Klanglichkeit. Eine unverbrauchte Frische durchwehte die Darstellung von Schu­berts Oktett. Beseelt und voll erfüllt im musi­kalischen Mitgehen wurde das Werk in Tempera­mentgebundenheit unmittelbar lebendig. Das für Schubert durchaus zu wünschende spontane Musi­zieren hätte stellenweise aber eine noch stärkere Vertiefung erfahren können, um den mannigfachen dynamischen Abstufungen Schuberts, zumal beim

Horn, bis zum letzten nachzukommen, und es wäre für die nächste Zeit der Zusammenarbeit auf eine noch größere Klangdifferenzierung hinzuzielen.

Ließ schon der erste Satz des Oktetts die Freude am Klanglichen erleben, die sich auch in der thema­tischen Durchführung kennzeichnete, so hätte etwas mehr klangliche Zurückhaltung vor der Wiederkehr der Themen dem Ganzen genutzt. In der Coda trat das Horn (Albert Ries) mit Schönheit und Weich­heit des Tones hervor. Träger des Gesanglichen war im Andante die Klarinette (Heinrich Grau), der, wie schon so oft auch diesmal feinem Instru­ment das Letzte an Gelöstheit und Ausdrucksfähig­keit mit Erfolg abzugewinnen vermochte. Das Scherzo wurde impulsiv erfaßt; die Achtelnote des Punktierungsmotives hätte allgemein etwas deut­licher in Erscheinung treten können. Die Dariatio- nenreihe gab sowohl der teilweise konzertierend ge­führten ersten Violine (Franz K e r z i s n i k) wie auch den andern thematisch reich bedachten Strei­chern (zweite Violine Paul Köhler, Viola: Georg Scheuermann) die Gelegenheit zum vollen Ein­satz ihres Könnens. Das Cello (Ernst Schneider) brillierte mit technischer Ausgeglichenheit und saube­rer Phrasierung in der vierten Variation, während in der darauf folgenden Veränderung Klarinette und Fagott (Fritz Wilhelmi) in gespanntem melodischen Bogen sich bewiesen. Daß das Ensemble großer dynamischer Expansion durchaus fähig ist, davon überzeugte die Andante-molto=(£inleitung des Finales mit dem eruptiv sich entladenden Krefcendo im Cello und Kontrabaß (Georg Thomas). Rei­cher Beifall dankte immer wieder als Anerkennung für ein ernstes Bemühen und verdientes Gelingen.

Es ist ein günstiges Zeichen für den Mufizierwillen der Vereinigung, daß sie an den Anfang des Kon­zertes ein Werk eines zeitgenössischen Musikers ge­stellt hatte. Sigfrid Walther MüllersKammer- musik in A-dur Opus 1 verdiente das Be­mühen. Mochte manchem der Konzertbesucher der erste und zweite Satz nicht völlig zu eigen gewor­den sein, so zeigten fid) doch immerhin beachtliche Einsätze für einen werdenden Stil, der um eigene Wege sich bemüht. Müller bevorzugt hier stark leere Klänge, ist aber durchaus originell in der Prägung des Thematischen, und strebt einer organischen Poly­phone zu, weiß aber auch nach traditionellen B"- griffen schön zu schreiben wie in der Koda. Ebenso war auch das Scherzo von rhythmischem Drängen erfüllt; was aber S. W. Müller wirklich kann und als Musiker besonders zu sagen hat, dafür sprach das Thema mit den Variationen. In der Viel­seitigkeit der Durchleuchtung und Verarbeitung des graziösen Themas, das melodisch sofort für sich ge­winnen konnte, sei besonders das Fugato in seiner durchsichtigen Klarheit und der Ausklang des Gan­zen heroorgehoben. Daß dieses Werk solche Ein» drücke hinterließ, ist den Ausführenden (^ranz Kerzisnik, Georg Scheuermann, Ernst Schneider und Heinrich Grau) zu danken

Dr. H.