Ausgabe 
11.11.1936
 
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Aus der Provinzialhauptstadt.

Oer »Märtesmann .

Der Herbst remert. Die Stürme haben die letzten Blätter von den Bäumen gerissen. Kahl und schmuck­los steht der Wald. Regen tropft auf die leeren Felder. Die (Ernte Ist geborgen, Scheunen und Kel- Ler sind gefüllt. Der Landmann atmet auf und überschaut das reiche Arbeitsjahr.

Nun stehen wir am Martinstag. Für viele Leute war das manchmal und ist es vielleicht auch heute noch ein harter Tag, denn auf dem Lande ist der Martinstag der Zahltag für Ackerzins und andere Verpflichtungen. DerZehnte" wird ja nicht mehr erhoben, aber wenn Land gekauft -wor­den ist, müssen die Ziele an diesem Martinstage bezahlt werden. Das fällt oft schwer.

Den Kindern aber bringt dieser Tag das erste süße Gebäck, das sie eine noch schönere Zeit ahnen läßt: das ist derMärtesmann", den die Eltern beim Besuch in der Stadt kaufen.

In meinem Heimatdorf gab es auch schon vor vierzig Jahren tüchtige Handwerksmeister. Da wohnte am Ende des Dorfes ein Bäckermeister, dem kam wohl zuerst der Gedanke: warum sollen denn die Leute ihr Geld für den Martinsmann in die Stadt tragen? Wir müssen solche Männer eigentlich selber backen können. Gesagt, getan! SeineMärtesmänner" gerieten vortrefflich. Freilich waren sie nicht aus Lebkuchenteig, sondern aus mürbem Butterteig. Aber sie hatten den Vorzug, daß auch die Erwachsenen Lust bekamen, wieder einmal einenMartinsmann" zu verzehren. So gab es denn am Martinstag in fast allen Häusern zum Nachmittagskaffee die bekanntenMärtes­männer".

Im Kriege und in den nachfolgenden Notjahren verschwand derMartinsmann" bei den dörflichen Bäckern. Heute müssen die Eltern wieder zur Stadt, um ihn den Kindern einzukaufen. Und wer kleine Kinder hat, der wirb es nicht vergessen. So ist der Martinsmann" ein willkommener Bote und wird freudig begrüßt. H.

Dornotizen

Tageskalender für Mittwoch.

NS.-Lehrerbund, Gießen-Land, 15.30 Uhr Ta­gung der FachschaftVolksschule" im Burghof (Ebel) Gießen. Konzertverein Gießen, 20 bis 22 Uhr 1. Orchesterkonzert im Stadttheater (Mitt­woch-Miete). Gloria-Palast, Seltersweg:Ein Hochzeitstraum". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: Wo die Lerche singt". Oberhessischer Kunstver- ein, Turmhaus am Brand: 17 bis 18 Uhr Ausstel­lung von Oelgemälden, Aquarellen und Tempera. Bekenntnisgemeinde Gießen, 8.15 Uhr Bibel- und Bekenntnisabend, es spricht Pfarrassistent Weckerling überWeltweite Kirche". Gesangver­einHeiterkeit", 20.15 Uhr Probe im Studenten­heim.

Sladtlhealer Gießen.

Heute abend findet das Erste Orchesterkonzert mit dem verstärkten Städtischem Orchester unter der Leitung des Professors Dr. Ternesvary statt. Als Solistin tburbe Karin Schenk aus Berlin ver­pflichtet. Mitwirkung: Der Bauerfche Gesangverein. Das Programm setzt sich aus folgenben Werken zu­sammen: Reger: eine Lustspiel-Ouvertüre, Werk 120; Haydn: Ariadne auf Naxos, Solokantate; Brahms: Rhapsodie für Altstimme, Männerchor und Or­chester; Beethoven: 6. Symphonie (Pastorale), Werk 68. Das Konzert findet als erstes Konzert des Kon­zertvereins Gießen statt. Es beginnt um 20 Uhr, Ende gegen 22 Uhr, Mittwoch-Miete. 8. Vorstellung.

Hitler-Jugend Bann 116 Gießen

Von der Reichsjugendführung sind mit sofortiger Wirkung schwarze Stiefelhosen eingesührt wor­den. Die Umstellung soll bis zum 1. Januar 1937 durchgeführt sein. Wo sich ein Umfärben getragener brauner Stiefelhosen nicht mehr lohnt, können u. E. sehr gut die neuen Hosen als Weihnachtsgeschenk usw. vorgesehen werden, lieber die Umstellung der braunen kurzen Sommerhosen ergehen noch nähere Anordnungen, also diese noch nicht voreilig um­färben!

Bär.: TheatervorstellungDon Carlos".

Wir besuchen die Vorstellung am Mittwoch, 18. Nov., zum Preis von 50 Pfennigen. Eine ge­schlossene Vorstellung für die HI. kommt nicht mehr in Frage. Die Führer der Geff. und Sonderein­heiten müssen aber bis späte st ens Montag,

16. Nov., die Zahl der Besucher an die Kultur­stelle melden, da nur diese Voranmeldungen be­rücksichtigt werben können.

Bär.: Dichterabend des Goethebundes mit Ed. Er. Dminger.

Am Mittwoch, 25. Nov., liest in der Neuen Aula der Universität der bekannte Dichter. Zu diesem Abend, der für Gießen sicher ein großes (Erlebnis werden wird, stehen uns eine beschränkte Anzahl von Karten zur Verfügung. Meldungen bis Mitt­woch, 18. Nov., an die Kulturstelle.

Deutsche Arbeitsfront.

Abteilung für Berufserziehung und Betrieb»- führung.

Die Deutsche Arbeitsfront, Abteilung für Berufs­erziehung und Betriebsführung, eröffnet folgende Lehrgänge: ä

11. Nov.: Werkstoffkunde Metallkunde; Dauer: 15 Doppelstunden.

12. Nov.: Kurzschrift für Anfänger; Dauer: 20 Doppelstunden.

15. Nov.: Lehrgang zur Vorbereitung auf die Elektromeister-Laufbahn; Dauer: 4 Semester.

Außerdem beginnen in allernächster Zeit folgende Lehrgänge: ,

Für Kaufleute: Richtiges Deutsch. Kauf­männisches Rechnen. Buchführung für Anfänger und Fortgeschrittene. Abschlußtechnik. Buchhaltung des Kleinhandel- und Gewerbebetriebes. Englisch für Anfänger. Kurzschrift für Fortgeschrittene. Maschinenschreiben für Anfänger. Maschinen­schreiben für Fortgeschrittene. Textilwarenkunde.

Für Metallwerker: Allgemeines Rechnen für Metallwerker. Einführung in das technische Zeichnen, Fachzeichnen für Anfänger. Lehrgang für Elektrizitätswerker. Elektroinstallateure.

Für Handwerker: Lehrgang für Fleischer. Lehrgang für Maler und Weißbinder: Schrift­schreiben, Holz- und Marmorschreiben. Lehrgang für Herrenschneider und Lehrgang für Schneide­rinnen.

Anfragen und Anmeldungen, insbesondere für die bereits in ihrem Beginn festgeleaten Lehrgänge, sind sofort an die DAF., Abteilung für Berufserziehung und Betriebsführung in der Kreiswaltung Wet­terau, Gießen, Schanzenstraße 18, Zimmer 5, zu richten. Diese Stelle gibt auch Auskunft über be­ginnende Lehrgänge in Friedberg, Alsfeld, Lauter­bach und Schotten.

Schulung aller Kämpfer durch die RBG. 10 Verkehr und öffentliche Betriebe".

Die alten Kämpfer der Bewegung fallen mehr als seither in den mittleren und oberen Verwal­tungsdienststellen des Reiches, der Länder und der Gemeinden Verwendung finden.

Der Leiter der RBG 10 .Verkehr und öffentliche Betriebe", Pg. Körner, Berlin, hat daher an­geordnet, daß im Rahmen einer Sonderaktion die alten Kämpfer fachlich und fachlich geschult werden, da ihnen ja während der Kampfzeit durch ihre Einsatzbereitschaft oft die Möglichkeit dazu fehlte..

Die Gaubetriebsgemeinschaft 10 bittet daher die alten Kämpfer, sich unverzüglich mit den Kreisbe- triebsgemeinlchaften zwecks Durchführung dieser Aktion in Verbindung zu setzen, damit ihnen eine fachgemäße Ausbildung zuteil werden kann. Für den Kreis Wetterau ist die Meldestelle Kreiswal­tung der DAF., RBG. 10, Gießen, Schanzenstr. 18.

ViLjeutM Rrbeitefrdnt;

- n.S.=GemclnfchaftKraft durch freute

Abteilung Deutsches volksbildungswerk.

Am Donnerstag, 12. November, 20.15 Uhr findet in Verbindung mit der Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde in der Aula der Universität, Ludwigstraße, ein Lichtbilderoortrag von Prof. Dr. Kl ute, Gießen, statt über:Berge im Som­mer und 2Binte r". Verbilligte Eintrittskarten zum Preise von 0,30 Mark für Mitglieder der Deutschen Arbeitsfront sind auf der Kreisdienststelle Kraft durch Freude", Schanzenstraße 18, zu haben.

Abteilung Feierabend.

4. Sondervorstellung im Stadttheater. Als nächste Vorstellung bringen wir am 21. N o - oember. 20 Uhr, die heitere KomödieGustav Kilian". Preise 0,70, 0,90 Mark. Vorbestellungen

müssen umgehend hier eingereicht werden. Termin für die Einreichung aller Dorbestell-Listen der grö­ßeren Betriebe bei der Kreisdienststelle Samstag, 14. November 1936.

Abteilung Reisen, Wandern, Urlaub.

Die erste Winterurlaubsfahrt führt vom 2 6. Dezember 1936 bis 3. Januar 1937 nach Oberbayern. Der Teilnehmerpreis beträgt 38 Mark, für Skikursusteilnehmer 43 Mark. Anmeldefchluh ist der 10. Dezember 1936. Die Anfahrt erfolgt in Frankfurt a. M. am 25. Dezem­ber gegen 22 Uhr. Rückkehr erfolgt am 3. Januar gegen 16 Uhr.

Langemarck-Sedenkfeier der Gießener Studentenschaft.

Wie schon am Montag kurz mitgeteilt, hält die Deutsche Studentenschaft am Sonntag, 15. Novem­ber, auf Anordnung des Reichskultusministers Rust eine Gedenkfeier an die Helden von Lange- marck ab. Die Gießener Studentenschaft veranstal­tet aus diesem Grunde am kommenden Sonntag auf dem Landgraf-Philipp-Platz vor dem Gefalle- nen-Denkmal eine größere Gedächtnisfeier, an der außer den Dozenten und Studenten Abordnungen folgender Gliederungen der Partei und folgender Organisationen teilnehmen: SA., SS., NSKK., HI., RAD., DLV., RLB., NSKOV., Abordnungen des alten Heeres, Reichstreubund und NSDStB. Der Musikzug der SA.-Standarte 116 wird den mu­sikalischen Teil dieser Feier bestreiten. Um 10.30 Uhr haben sich alle Abordnungen auf ihren Plätzen ein­gefunden. Im Mittelpunkt der Gedenkfeier steht die Uebertragung derLangemarck-Kantate" aus der Deutschlandhalle in Berlin und die Gedächtnis­

rede, die der Gauleiter des Traditionsgaues Mün­chen, Adolf Wagner, halten wird. Die örtliche Totenehrung und das Gelöbnis der Gießener Stu­dentenschaft wird der Hochschulgruppenführer des NSDStB.-Gießen Pg. Frank vornehmen. Die Gießener Bevölkerung ist zu dieser Gedenkfeier ein­geladen. Wie wir hören, findet bei sehr ungunfn« gern Wetter die Feier in der Aula der Universität statt.

3m Dienste des Aibeitsfnedens.

NSG. Die Inanspruchnahme der Rechtsberatungs­stellen der Deutschen Arbeitsfront im Gan Hessen- Nassau ist im vergangenen Monat wieder erheblich gestiegen, ein Zeichen, daß die Rechtsberatungs­stellen der DAF. immer mehr das Vertrauen aller Schaffenden finden. 14 587 Besucher sprachen vor; 12 438 Auskünfte genügten, um eine gütliche Rege­lung zu erreichen.

Die Rechtsberater hatten außerdem 2085 Streit­fälle zu bearbeiten. Es war hierbei in erster Linie ihr Bestreben, ausgleichend zu wirken. So wurden 1404 Güteverhandlungen angesetzt, von denen 1082 Fälle mit einem außergerichtlichen Vergleich endeten.

In 306 Streitsachen wurde Klage beim Arbeits­gericht erhoben. Hierbei handelte es sich in vielen Fällen nur um eine vorsorgliche Klageeinreichung zur Wahrung der Frist. So ergingen auch nur 136 Urteile. 129 gerichtliche Vergleiche kamen zustande. Ferner waren 110 Klagerücknahmen zu verzeich­nen. Der gesamte Streitwert bezifferte sich auf 66 333,59 Mark.

In der Sozialversicherungsabteilung fanden 1271 Volksgenossen in ihren Verficherungsangelegen- heiten, wie Ansprüche auf Gewährung von Jnoa-

Lehrgang her Schwimniwarte in Gießen.

Unter Leitung des Fachamtssportrvartes Rum- m e l fand am Samstag und Sonntag in Gießen ein Lehrgang für Schwimniwarte statt. Der Gie­ßener Schwimmverein, der die Organisation über­nommen hatte, hatte dazu Einladungen an alle Schwimmsport treibenden Vereine der umliegenden Kreise ergehen lassen. Eine große Zahl von den Vereinen war der Einladung gefolgt und hatte selbst aus den weiter entfernten Kreisen Vertreter geschickt, so daß die Voraussetzungen für einen erfolg­reichen Verlauf des Lehrganges gegeben waren. Erfreulich war die Beteiligung der hallenbadlosen Vereine aus der weiteren Umgebung Gießens.

Dieser Lehrgang hatte nach den Borberd- tungskursen für das Olympia in den vergan­genen Jahren ein ganz anderes Ziel. Rach den letzten Beränbarungen zwischen dem Reichs- sportführer und dem Reichsjugendführer follte bereits mit der fachlichen Ausbildung von Rie­genführern und Uebungslätern begonnen werden, die später den freiwilligen Sportbetrieb des Jungvolks zu leiten imstande find. Der Lehrgang war also bewußt auf eine schwim­merische Grundschulung ängefteUf.

Arn Samstagabend würbe gleich mit der prakti­schen Arbeit im Hallenbad begonnen. Nach einfüh­renden Worten des Kreisführers Lang und des Fachamtssportwartes Rummel wurden die Kurs­teilnehmer vor die Aufgabe gestellt, eine Gruppe von Jugendschwimmern im Uebungsbetrieb zu lei­ten. Es zeigte sich, daß besonders in den schwimm­sportlichen Zentren, insbesondere in Hanau und Gießen, Riegenführer vorhanden sind, die ihre Auf­gabe mit Geschick und guter Sachkenntnis meistern können. Es galt zunächst eine Riege von jugend­lichen Nichtschwimmern mit dem Wasser vertraut zu machen und in die Anfangsgründe der Schwimm­kunst einzuführen; dann wurden die verschiedenen Stilarten: Brustschwimmen, Kraul und Rücken­schwimmen, zum Schluß dann noch Startsprung und Wende von den Lehrgangsteilnehmern erläutert.

Anschließend führte Herr Rummel im Hotel Schütz noch einige Filme vor, die den Stil unserer Meisterschwimmer und Olympiateilnehmer deutlich machten. Besondere Beachtung verdiente ein Film, der das Kunstschwimmen behandelte. Dieser Film zeigte Unterwasseraufnahmen, wie sie in dem neuen Berliner Olympiabad gemacht werden kön­nen. Da dieser Film eben erst fertig^stellt wurde, erlebte er also in Gießen seine Urauffüh­rung. Was von dem Münchener Verein für volks­tümliches Schwimmen vorgeführt wurde, war ein­zigartig und wird manchem Teilnehmer gezeigt

haben, wie vielseitig und lohnend die Aufgaben sind, die es auf dem Gebiete des volkstümlichen Schwimmens gibt.

Am Sonntagvormittag führte Kamerad Rummel im Volksbad zunächst eingehend die vorberei­tende Körperschule vor. Dann erläuterte er den modernen Schwimmunterricht, der mit Was- sergewöhnungs- und Tauchübungen anfängt. Sehr wichtig sind frühzeitige A t e m - Übungen, denn von dem richtigen Atmen hängt der Erfolg ab. Weiter gibt es Auftriebs- und Gleit- übungen. Sehr genau wurden bann bie einzelnen Schwimmarten behanbelt. Am Schlüsse des Vormit­tags bürfte jeber Teilnehmer so viel gelernt haben, baß besonbers bei unseren hallenbablosen Vereinen ein Aufschwung im fommenben Sommer zu er­hoffen ist.

Am Nachmittag trafen sich alle Teilnehmer zu kurzer Besprechung im Hotel Schütz. Kamerab Rummel kam yier noch einmal auf bie letzten Ab­machungen zwischen bem Reichssportführer unb bem Reichsjugenbführer zu sprechen. Die sportliche Aus- bilbung bes Jungvolks wirb in Zukunft in freiwil­ligen Gruppen vor sich gehen, die von den Riegen­führern des Reichsbundes betreut werden. Damit sind den Reichsbundvereinen neue Rechte unb Pflich­ten erwachsen. Es ist bamit zu rechnen, daß gerabe im Schwimmen bie größte Zahl ber Jungoolkange- hörigen sich betätigen wirb.

Da auch in Erwähnung gezogen ist, die sport­liche Ausbildung in den Schulen mit dem Er­lernen des Schwimmens zu beginnen, ist dne starke Förderung der Bestrebungen des Schwimmsports wünschenswert.

Es würbe bann ben Lehrgangsteilnehmern eine nochmalige Schulung innerhalb des Gaues in Aussicht gestellt, ber im Sommer ein kurzer Kursus an ber Reichsakabemie folgen soll. Die so erfolg­reich verlaufene Tagung würbe von Kreisführer Lang mit Worten bes Dankes an Kamerab Rummel unb im Gebenken an ben Führer ge­schlossen.

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Wege im Nebel.

Vornan von Käthe Mehner.

(Copyright by Aufwärts-Verlag, Berlin SW 68.)

5. Fortsetzung. (Nachbruck verboten.)

Weiter unb weiter las sich Ralf Rammelt in die Akten hinein, blätterte in den vorläufigen Begut­achtungen, verglich bas Für unb Wiber von Kläger unb Beklagten.

Auf Augenblicke kam ihn fast ber Wunsch an, die allzu schwierige unb undankbar scheinende Sache abzulehnen. Aber das war ja unmöglich, der Präsi­dent durfte nicht enttäuscht werden.' Zudem mußte man wohl zuerst einmal die Oertlichkeit selbst in Augenschein nehmen, um sich ein wirkliches Urteil bilden zu können. Er kannte ja die Gegend. Wer weiß, vielleicht würde eben gerade diese Aufgabe sich lohnen! Sein Ehrgeiz flackerte auf. Aufs neue wandte er sich ber Arbeit zu.

III.

Erschrocken fuhr Janna aus leichtem Halbschlum­mer auf.

Der Zug hielt. Menschen brängten sich burch ben Gang.

Wenn bas schon Oberhof wäre? Schnell wischte sie die beschlagenen Scheiben ab, um hinauszusehen, achtete es kaum, daß bie Hanbschuhe beschmutzt würben. Aber ber Nebel dehinberte jebe Sicht. Sie konnte nichts erkennen.

Sie rief nach bem Schaffner.

Der gab kurzen Bescheid:Oberhof, nächste Sta­tion!"

Oberhof, nächste Station!" Janna wieberholte es leise vor sich hin. Oberhof! Ob biefer Name ein­mal für sie eine Bebeutung haben würbe, bie Be- beutung, bie sie sich von ihm erhoffte? Ob Gerharb kam? Ihr nach Oberhof schreiben würbe? Ihre Phantasie malte ihr verlockenbe Silber vor. Wie, wenn er schon ba wäre? Sie in Oberhof erwartete?

Kaum ertönte wieber bas eintönige Klopfen der Räder über bie Schienenstöße, ba ftanb Janna auch schon mit ihrem Hanbkosfer im Gang. An­gestrengt blickte sie burch bie breiten Fenster. Aber unburchbringstch war bas Dunkel, nur hin unb

wieber ein fernes Licht, eine Station bann, unb noch eine. Enblos schien es. Der Wagen schlug unb penbelte.

Da plötzlich--ein Fauchen unb Zischen! Hel­

ler Wiberhall, langanhaltenbes Pfeifen ber Lo­komotive! Der Zug fuhr burch ben Tunnel. Schnell flogen bie Nischen mit den Notlampen vorbei.

Langsam ging Janna zur Tür. Hinter ihr blieb ber Gang fast leer.

Dann hielt ber Zug.

Suchend sah sich Janna braußen um.

Aber ba kam auch schon ein junger Mensch in der Livree eines Hoteldieners auf sie zu:

Fräulein Heller? Bitte?"

Janna nickte.Ja, das bin ich!"

Eifrig nahm der Diener das Gepäck in Empfang, deutete dann auf einen Wagen, dessen Schlag be­reits weit geöffnet stand.

Sie stieg ein.

Das Innere des Wagens war leer, die Einsam­keit fiel ihr plötzlich schwer auf die Seele. Sie kämpfte mit den Tränen, barg Das Gesicht in den Händen und lehnte den Kopf in bie Polster. War es nicht boch töricht gewesen, unaussprechlich töricht, hier in biefe Einsamkeit zu reifen, ganz allein, allen bitteren Gebauten unb Grübeleien ausgelie­fert? Unb war es vor allem nicht Torheit, zu glauben, baß Gerharb nach Oberhof kommen würbe?

Aber schon hielt ber Wagen. Nur wenige Minuten hatte bie Fahrt gebauert.

Einsam lag das HotelThüringer Hof" am Ende des Ortes, dicht an den Wald gelehnt.

Müde, resigniert nahm Janna den Anblick in sich auf. Folgte bann bem Diener bie breite Treppe hinauf. Vor ihr öffnete ber Portier bas große Ein­gangsportal.

Ein Herr im schwarzen Anzug kam auf sie zu. Der Empfangschef.

Fräulein Heller, nicht wahr? Sie finb uns ja bereits gemeldet. Hoffentlich fühlen Sie sich in unferm Haufe recht wohl, gnädiges Fräulein!"

Der Empfangschef legte bas Frembenbuch vor sie hin, reichte ihr ben Hatter.

Janna schrieb sich ein.

Fast wiber ihren Willen überflogen dabei ihre Augen die Seite der letzten (Eintragungen. Ader der Name, den sie suchte, war nicht darunter.

Wie hätte es auch sein sollen, schalt sie sich selber. Ach, er kam ja nicht, kam ja nicht...

Fröstelnd schlug sie den Mantel um sich, erwi» derte mit leiser Stimme den von Verbeugungen begleiteten Gruß bes Geschäftsführers unb folgte bem Pagen in ihr Zimmer.

Früh schon am andern Morgen stand Janna am Fenster und schaute hinaus in die herbstliche Land­schaft.

Ueberall aus ben grünen Schluchten zogen bie Nebel. Die ersten Strahlen ber Sonne fielen hell burch bie Stämme, übergossen mit ihrem Golb bie Wipfel ber hohen, uralten Tannen.

Doch auf Janna machte all biefe Pracht heute kaum Einbruck. Wohl sah sie bie hellen Sonnen­strahlen, aber sie brangen nicht in ihr Herz. All bas Schone, bas sie vor sich sah, ließ ihr bie eigene Verlassenheit nur noch stärker zum Bewußtsein kommen.

Warum, ach, warum war sie nur hierher gereift? Immer wieber mußte sie sich biefe Frage stellen. Dort im Walb, ba auf ber langen Straße, bie sich ben Berg hinunterzog,--nirgenbs ein Mensch,

nirgenbs eine menschliche Seele! Unb hier im Hotel? Mit fremben, gleichgültigen Menschen zu­sammen sein zu müssen, war in ihrer Verfassung vielleicht noch weniger erträglich als selbst bie Einsamkeit! Nein, bies hier war etwas für glück­liche Seelen, nicht aber für solche, bie eine Last zu tragen hatten, von Zweifeln gepeinigt waren wie sie ...

Unwillkürlich Mitten ihre Augen burchs Zimmer. Wie kalt bas alles aussah, wie nüchtern! Nein, sie hielt es ja hier nicht aus!

Nehmen Sie bas Frühstück im Frühstücksraum?" Mübe nickte Janna auf die Frage des Mäbchens, nahm einen Schal um, begab sich bann nach unten.

Doch schon nach einer knappen Viertelstunbe verließ Janna auch bas Frühstückszimmer. Ihre überreizten Sinne nahmen irgenbwie an allem An- stoß. Die verstohlenen Blicke, mit benen man sie musterte, peinigten sie. Alles schien ungemütlich, abstoßenb in feiner Frembheit!

Einen Augenblick ftanb sie unschlüssig.

Ob sie es einmal mit einem kurzen Spaziergang versuchte. Vielleicht mochte das den Nerven doch

gut tun nach ber halbburchwachten, zerquälten Nacht!

Langsam, ganz langsam schlug sie den schmalen Pfad ein, der schräg in ben Walb führte. Ein kleiner See schimmerte bort zwischen ben Tannen unb zog sie seltsam an. Bis bicht heran ging sie, ftanb bann still an bem niebrigen Ufer. Im Wi­derschein des Wassers sah sie ihre schlanke Figur. Ein leichter Winb spielte mit ihrem blonben Haar, bas in natürlichen Wellen ben schmalen Kopf um­gab.

Gebankenschwer blickte Janna auf ben Spiegel bes Wassers. War bort unten Ruhe zu finben, Ruhe vor Zweifeln unb Angst?

Aber mit einem Ruck riß sie sich aus den schwer­mütigen Gedanken los. Nein, es war unrecht, sol­chen Empfindungen nachzugeben! Feige war es, vor dem Leben und seinen Kämpfen davonzulaufen! Und feige wollte sie nicht sein, feige nicht, und war es auch noch so schwer, durchzuhalten!

In plötzlichem Schauder trat sie von dem Teich zurück, schlug unbewußt eine schnellere Gangart ein.

Der Waldweg lief hier noch eine Weile parallel mit der Verkeyrsstraße. Durch die Stämme der Tannen konnte man ihren Windungen noch weit­hin folgen. Eben bog bort ein Auto um bie Bie- S, bie vom Walb ab ins Tal führte. Matt j bas Hupen herüber.

Janna sah sich nur flüchtia um. Der eine, nach bem sie ausschaute, kam ja Doch nicht mehr! Unb sie, sie hatte kein Recht mehr, es zu erhoffen...

Sie ahnte nicht, baß eben biefes Auto soeben einen fremben Gast vom Bahnhof heraufbrachte, baß biefer Gast fein anberer war als Gerharb Branb! Unb baß ein Blick feiner scharfen Augen bereits genügt hatte, ihn ben wunderbaren Zu­fall erkennen zu lassen, ber ihm in biefem Augen­blick fein Glück über ben Weg führte.

Hatten Sie! Schnell!"

Lautlos bremste ber Wagen. Im gleichen Augen­blick war Gerharb auch schon mit einem Satz her­ausgesprungen, warf ben Reisemantel auf ben Sitz hinter sich.

Schaffen Sie mein Gepäck einstweilen zuM .Thüringer Hof." Noch im Laufen schrie er es zurück.

Kopfschüttelnb sah der Chauffeur ihm nach.

(Fortsetzung folgtl)