tung eingehalten werde. England habe aber damit weder das Recht aufgegeben, selbst zu beurteilen, was für eine Politik verfolgt werden solle, noch seine lleber- zeugung, daß der Frieden in Europa besser gesichert sein würde, wenn man Deutschland in den Kreis der Rationen zurückbringe. Man müsse auf dieser Absicht um so mehr bestehen, als in der französischen presse eine merkwürdige Sprache geführt werde. Frankreich verlange für die Erfüllung seiner Völkerbundsverpflichtungen von Groß- britannien, dah es jeder Aktion gegen Deutschland zuzustimmen habe. Die französische Vertragstreue gegenüber dem Völkerbund könne nicht auf diesem Wege zu einem Tauschhandel gemacht werden. Innerhalb des Völkerbundes unterstütze Frankreich nicht die Politik Großbritanniens, sondern eine Politik, für die jedes Vülkerbundsmit- glied verpflichtet fei. Der sicherste Weg zur Zerstörung des Völkerbundes fei der Weg, dah Beschlüffe feiner Mitglieder gegen Entschädigung auch anders lauten können.
„Times" weist darauf hin, daß jeder Gedanke an einen gemeinsamen Marsch nach Berlin aufgegeben worden sei. Die französische Abordnung habe Sanktionen verlangt, ohne hierfür aber Unterstützung zu finden. Während der gesamten Besprechungen hätten sich die belgischen Vertreter an der Seite Großbritanniens befunden. Der Beschluß, die Verhandlungen fortzusetzen, werde als Sieg der englischen Auffassung betrachtet. Die öffentliche Meinung könne sehr zufrieden sein, daß ein Zusammenbruch vermieden worden wäre.
Der „Daily Herald" schreibt, Eden werde in den nächsten Wochen versuchen, von Deutschland Zusicherungen bezüglich der Sicherheit in Mittel - und Osteuropa zu erhalten, die Frankreich zufriedenstellen sollen. Die sich aus den Verhandlungen ergebenden Vorschläge würden nach den französischen Wahlen anläßlich der Mai-Tagung des Völkerbundes unterbreitet werden. Man wünsche von Deutschland eine Zusicherung zu erhalten, daß nach deutscher Ansicht nun keinerlei Ungleichheit mehr bestehe und daß die geplanten Nichtangriffspakte der Völkerbundssatzung unterstellt sein müßten. Falls Deutschland mitarbeite, sei nun wieder die Tür für eine Regelung der aesamten europäischen Fragen offen. F l o n d i n habe im übrigen seine kompromißlose Haltung aufgegeben und sei nun bereit, die Dinge zu erörtern, falls Eden einen Web finde, die französischen Sicherheitswünsche zu befriedigen.
Ein Kompromiß.
Paris zum Ergebnis der Genfer Besprechungen.
Paris, 11. April. (DNB. Funkspruch.) Der Genfer Berichterstatter des „Petit Parisien" erklärt, die französischen Unterhändler hätten gewünscht, daß bereits jetzt das „völlige Versagen" (!) Deutschlands festgestellt worden wäre und man infolgedessen zu einer ständigen militärischen Verständigung der restlichen Locai^nomächte schreiten müsse. Die drei anderen Locarnomächte hätten sich dagegen begnügt, die von Flandin an Eden gerichteten Forderungen zur Kenntnis zu nehmen. Wenn es den französischen Vertretern auch nicht gelungen sei, dem französischen Standpunkt ganz Geltung zu verschaffen, so hätten sie ihn doch mutig und entschieden verteidigt. Bei den Verhandlungen habe niemand völlig gewinnen oder völlig verlieren können.
„Petit Journal" schreibt, Frankreich habe in Genf aehofft, die Feststellung zu erreichen, daß die in London begonnene Ausgleichsbemühung infolge der deutschen Haltung nicht zum Ziele führen könne. Demgegenüber habe sich d i e britische Auffassung durchgesetzt. Die Verhandlungen würden unter englischer Leitung fortgesetzt. In britischen Kreisen lasse man sogar durchblicken,
daß das Foreign Office für die Zusammenkunft der Restlocarnomächte im Mai die A n w e s e n - heit eines deutschen Beobachters zu erreichen sich bemühen werde. — „Journöe Industrielle" berichtet, der französische Sieg sei nicht ge- rade hervorragend, aber man müsse s i ch m i t d e m mageren Ergebnis z u f riedengeben , denn die Angelegenheit hätte für Frankreich noch schlechter ausyehen können. Die französischen Vertreter hätten viel guten Willen beweisen müssen, um noch größere Meinungsverschiedenheiten mit der britischen Regierung zu vermeiden und trotz allem die Fühluna aufrechtzuerhalten. — „Figaro" meldet aus Genf, Die Reftlocarnomächte hätten sich dahingehend geeinigt, nichts zu beschließen. Frankreich habe trotz aller Bemühungen seiner Vertreter hinsichtlich der Wiederherstellung des internationalen Gesetzes keine Genugtuung erhalten. Bezüglich der Befestigungsarbeitenim Rheinland nehme man den französischen Vorbehalt zur Kenntnis, fordere aber nicht von Deutschland, daß es sich des Baues militärischer Befestigungswerke enthalte. Man steuere also mit Riesenschritten a u f die Verhandlung mit Deutschland zu. Frankreich werde hierbei von England und Belgien gestoßen.
„Effektvolle Utopien."
Die polnische Presse zum Flandirr-Plan.
Warschau, 11. April (DNB. Funkspruch.) Das Regierungsblatt „Expreß Poranny" bemerkt, daß es sich bei dem französischen Plan um einen „für
die Neuwahlen bestimmten Säulenanschlag" handele. Dem französischen Wähler solle bewiesen werden, dah die Regierung auf einen ewigen Frieden bedacht sei. Gleichzei^ wolle die französische Regierung den deutschen Vorschlägen etwas gegenüberstellen, um eine günstigere Grundlage für die bevorstehenden Verhandlungen mit der Reichsregierung zu schaffen. Deshalb hätten die routinierten Beamten des Quai d'Orsay einige verstaubte Vorschläge über Paneuropa, über die Schaffung einer Völkerbundsarmee, über die allgemeine A b rüst u n g, über die Zollunion und ähnliche effektvolle Utopien hervorgezogen.
In den verflossenen zwölf Jahren habe Frankreich die Welt mit mehr als einem dieser wirklichkeitsfremden Vorschläge bedacht. Jetzt habe man die verschiedenen Teile alter Projekte zu einem neuen Stück zusammengetragen und so seien die 25 Punkte eines Friedensplanes entstanden. Was man noch vor wenigen Jahren ernst genommen habe, könne heute niemand mehr begeistern. Denn die Welt sei skeptischer geworden und glaube nicht mehr an das Märchen der allgemeinen Glückseligkeit. Es sei verwunderlich, daß die Beamten des Quai d'Orsay aus den Erfahrungen der letzten Jahre nichts gelernt hätten. Soweit sich der Plan auf den Osten Europas beziehe, müsse festgestellt werden, daß Polen gar nicht befragt worden sei; Polen könne nur solche Regionalpakte abschließen, die weder seine Bündnisverträge noch seine guten Beziehungen mit den Nachbarn beinträchtigten.
Votschaster von Soesch einem Herzschlag erlegen.
Tiefes Bedauern in London.
London, 10. April (DNB.) Der deutsche Botschafter in London, Leopold von Hoesch, ist am Karfreitag, 10 Uhr, plötzlich an einem Herzschlag verschieden.
Die Nachricht von dem plötzlichen und völlig unerwarteten Tode des Botschafters hat hier tiefstes Bedauern ausgelöst. König Eduard, der sich zur Zeit auf Schloß Windsor befindet, war einer
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der ersten, die von dem Hinscheiden des deutschen Botschafters unterrichtet wurden. Er drückte fo^Ieid) sein tiefstes Bedauern aus und übermittelte persönlich dem deutschen Botschaftsrat Fürst Bismarck auf telephonischem Wege sein Beileid. Reuter meldet, daß die vielen Freunde, die Botschafter von Hoesch in London besessen habe, durch die Todesnachricht tief erschüttert seien. Der Präsident des Staatsrates, Ramsay Macdonald, erklärte u. a., Botschafter von Hoesch sei einer der hervorragendsten Vertreter der alten Diplomatenschule gewesen. Das Diplomattsche Korps in London erleide durch seinen Tod einen großen Verlust. Lordkanzler Lord Hailsham äußerte sich u. a., daß man den deutschen Botschafter sehr vermissen werde. Er habe das englische Volk gut gekannt und verstanden. Der frühere enblische Außenminister Sir Samuel Hoare gab feiner tiefen Betrübnis Ausdruck und sagte: Ich bedauere es, daß wir in
London einen Freund verloren haben und daß Deutschland einen so fähigen Vertreter verloren hat! Der frühere Luftminister Lord Lon - donderry erklärte: Sein Tod ist mehr als ein persönlicher Verlust für feine Freunde. Er ist ein Verlust für die Oeffentlichkeit. Sowohl Deutschland wie England sind schmerzlich betroffen. Botschafter von Hoesch hat viel dazu beiaetraaen, eine bessere Grundlage der Verständigung zwischen den beiden Nationen zu schaffen.
Ministerpräsident Baldwin und die übrigen englischen Minister, die sich bereits für die Oster- feiertage auf das Land begeben haben, wurden von dem Hinscheiden des deutschen Botschafters unterrichtet. Auf der deutschen Botschaft wurde die deutsche Flagge auf Halbmast gesetzt.
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Leopold von Hoesch wurde 1881 in Dresden als Sohn des sächsischen Papierindustriellen Hugo Hoesch geboren, der später vom Äöntcj von Sachsen geadelt worden war. Hugo Hoesch stammte aus Düren (Rheinland), aus einer alten rheinischen Jndustriel- leniamilie, die seit vielen Generationen Eisenverar- beitung und Papiererzeugung betreibt. Hugos Vater war der hauptsächlichste Begründer des Eisen- und Stahlwerks Hoesch in Dortmund. Leopold von Hoesch trat nach Erledigung seiner juristischen Studien 1907 als Attache in Peking in den diplomatischen Dienst des Reiches; in den folgenden Jahren war er nacheinander in Paris und Madrid tätig, kam 1912 als dritter Sekretär nach London, wo er bis zum Kriegsausbruch tätig war. 1915 wurde er in Sofia verwendet; 1916 kam er nacy Konstantinopel, 1917 ins Auswärtige Amt und 1918 als Legationsrat nach Chriftiania, später nach Madrid. Im Januar 1921 wurde er nach Paris versetzt und dort bald Botschaftsrat. Als im Januar 1923 der inzwischen verstorbene Botschafter Dr. Mayer infolge des Einmarsches der Franzosen ins Ruhrgebiet zurückgerufen wurde, blieb von Hoesch als Geschäftsträger in einer äußerst schwierigen Stellung zurück. Er bewährte sich dabei derart, daß er Ende Januar 1924, nach Einstellung des passiven Widerstandes, zum Botschafter ernannt wurde.
Nachdem der bisherige Botschafter in London, Frhr. von Neurath, zum Außenminister er
nannt worden war, wurde am 23. September 1932 von Hoesch Botschafter in London.
Dr. Leopold von Hoesch hat ein Alter von 54 Jahren erreicht. Das Deutsche Reich verliert in ihm einen seiner befähigtsten Diplomaten, der bei allen großen außenpolitischen Entscheidungen der Nachkriegszeit an hervorragender Stelle beteiligt war.
Das B- ileiö des Führers
Berlin, 10. April. (DNB.) Der Führer und Reichskanzler hat den Schwestern des verstorbenendeutschenBotschaftersin London, Dr. von Hoesch, telegraphisch fein aufrichtiges Beileid übermittelt.
Derfrüheremexjkanischepmsidmt Calles verhastetund ausaewies en.
Mexiko, 10. April. (DNB ) Extrablätter melden, daß der frühere mexikanische Staatspräsident Calles mit mehreren seiner Anhänger verhaf - t e t und nach den Vereinigten Staaten abgeschoben worden sei. Unter Bedeckung von sieben mexikanischen Offizieren traf Calles mit drei (einer ehemaligen Kabinettsmitglieder, Morenos, Leon und Ortega, im Flugzeug in Browns- ville (Texas) ein.
Calles war vom Garnifonschef General Navaro, der mit Truppen und acht Polizeibeamten erschienen war, auf seinem Landsitz Santa Barbara verhaftet worden. Auf die Frage von Calles', warum er verhaftet werde, antwortete Navaro, die Bedingungen des Landes erforderten dies. Die Verhaftung hängt mit Gerüchten über angebliche u m - stürzlerische Tätigkeit von Calles' und feiner Anhänger zusammen. Außerdem wird ihm die geistige Urheberschaft des E i s e n b a h n a n s ch l a g e s, der als politische Tat bewertet wird, vorgeworfen.
Das Blatt „Ultimos Noticias" veröffentlicht eine Unterredung mit Calles, in der dieser erklärt, er habe sich seit seiner Rückkehr im Dezember vorigen Jahres nicht in die Politik eingemischt und in Cardenas, dem gegenwärtigen Staatspräsidenten, stets einen aufrichtigen, ehrlichen Menschen gesehen. Er glaube, wie die ganze Welt, an die Notwendigkeit einer gerechteren Verteilung der Reichtümer, um die Ausbeutung der Armen durch die Reichen zu vermeiden und um die Massen in sozialer, wirtschaftlicher und moralischer Hinsicht zu heben. Seine einzigen Beanstandungen des jetzigen Systems seien die Methoden, mit welchen man das Volk schädige. Calles wies dis Beschuldigung, er sei für den Bahnanschlag verantwortlich, entschieden zurück. Er sei immun gegen jede Verleumdung, die ihn nicht verletzen könne.
DleWehrverbände in Oesterreich Die Ostmärkischen Sturmscharen nur noch katholische Kulturorganisation.
Wien, 10. April. (DNB.) Bundeskanzler Dr. S ch u s ch n i g b gibt als Führer der Ostmärkischen Sturmscharen in einem Aufruf an diese Organisation bekannt, daß die Bewegung entmilitarisiert werde, jedoch als katholische Kulturorganisation bestehen bleibe. An Stelle des bisherigen militärischen Reichsführerstelloer- treters Majors Kimmel wurde der Staatssekretär für Unterricht, Dr. Hans P e r n t e r , zum Stellvertreter des Bundeskanzlers in der Kulturorganisation ernannt.
Man sieht in dem Schritt des Bundeskanzlers eine Aufforderung an den Heimatfchutz, das gleiche zu tun; die Freiwillige Miliz — Oester- reichifcher Heimatschutz Darf mit dem Heimatschutz als jolchem nicht verwechselt werden. Die Freiwillige Miliz — Oesterreichischer Heimatschutz ist ein staatliches Korps unter der Leitung des Bundesheeres. Daneben bestehen noch immer die
Schieussner mit Garantieschein rum
Die Flucht der Störche.
(Sine Ostergeschichte von Mars Stahl.
Dort, wo der dunkle Fluß eine Biegung machte, um den Felsen auszuweichen, lag das Kastell. Es beherrschte Land, Strom und Berge mit den ungefügen Quadern seines Baues, der unmittelbar dem naturgewachsenen Stein aufgesetzt war, so daß Feld und Mauer aus einem Guß schienen.
Die Wasser der Erde hatten Den Fels schwarz geschliffen. Die Wasser Des Himmels Die Findlings- fteine des Mauergefüges glatt geschabt. Beide Wasser arbeiteten nun schon seit fast tausend Jahren an dem Bauwerk, ohne es aus dem Weg räumen zu können. Es hatte keine Bedeutung mehr für das Leben der Völker, Mongoleneinfall und Hussitenkriege waren einst an ihm abgeprallt, aber jetzt hatte es seine Wichtigkeit verloren, es trotzte zwar noch grimmig ins Tal hinab, aber es war wie der Groll eines alten Mannes, über dessen Heftigkeit ein junges Geschlecht nachsichtig hinweggeht.
Die Fähre ging im Schutz des Felsens, der die reißende Strömung etwas abdämmte, von Ufer zu Ufer, denn das Dorf, das sich ehemals im Schatten Der Burg angesiedelt hatte, lag auf beiden Seiten Des Flusses. Die Menschen, Die es bewohnten, waren fremb im slawischen Land. Sie sprachen ihr Deutsch mit einem weichen, fingenDen Tonfall und großer Zungenfertigkeit, das kam von dem ständigen Umgang mit Leuten einer anderen Sprache. Es war ein schöner Menschenschlag, groß, schlank und biegsam, die Haut von der Sonne brauner gebrannt als damals vor Hunderten von Jahren, als sie weiß und helläugig eingewandert waren.
In diesem Jahr war das Eis auf dem Strom schnell geborsten und trieb in runden Schollen fort, von denen jede einen weißen, erhöhten Rand hatte, so daß sie das Ansehen von kleinen Kratern besaßen, wie sie auf Mondkarten verzeichnet stehen. Das Schilf am Ufer war noch dürr und raschelte gespenstisch, wenn Bläßhühner und Wildenten durch das geheimnisvolle Dschungel brachen. Aber die Weiden hatten ihre silbrigen Speere schon mit goldenen Kätzchen bestickt, deren Duft sich zart und süß mit dem strengen Geruch von Wasser und aufbrechender Erde mischte; und die Haselsträucher auf dem Burgberg hatten Millionen brauner Fransen in den Frühlingswind gehängt, der den gelben Staub in Wolken davonjagte.
Eine Gesellschaft von ernst und gewichtig aussehenden Herren war an einem Nachmittag im Auto Die Kehren des Burgbergs hinaufgefahren und hatte das Kastell besichtigt. Die Tochter des Kastellans war mit einem Bund Schlüssel ihnen voraus gegangen und hatte Tür nm Tür aufgeschlossen. Man
hatte alles angeschaut: Die riesigen Säle, deren Decken von der Wucht geschnitzter Eichensäulen getragen wurde, die Treppen, deren Geländer Jo breit waren, daß man getrost wie auf einem zweiten Weg darauf hätte schreiten können, ohne schwindlig zu werden, die langen Gänge, in denen Bilder von böhmischen und deutschen Herrenge- schlecktern in Helm und Panzer, Samtwämsern und Halskrausen feierlich auf die Gruppe herabsahen.
Auch die Ställe hatte man angeschaut, die gewaltigen Speicher, Die bei Belagerungen Proviant für Jahre geborgen hatten, und Den verwilderten Burggarten, in Dem Die ersten Amseln fangen unD ganze Felder von Primeln und Leberblümchen schimmerten. Das Mädchen sprach kein Wart. Sie öffnete stumm die Türen und stand stumm daneben, wenn die Herren miteinander sprachen.
„Das gibt die vorzüglichste Brauerei, die man sich denken kann", sagte Der Herr, Der Den Wagen gesteuert hatte. „Man hat Lagerräume für Malz und Hopfen genug, Platz genug für Die Fabrikation. Es brauchen nur Die Maschinen her.
„Nun", antwortete ein anderer, „ein wenig umbauen wird man ja wohl müssen, dort wo das Storchnest ist, wird der große Schornstein hinkommen."
Zum erstenmal stieß das Mädchen einen Laut aus, es war ein erschrockener Rus. Die Herren sahen sie verwundert an. Sie faßte sich und sagte: „Das Storchennest steht einige hundert Jahre auf dem Fleck, es ist schon in den alten Urkunden der Bibliothek verzeichnet."
Die Herren lächelten. Das wäre natürlich jammerschade, aber wegen einiger Störche könne man nicht den ganzen Plan aufgeben. Sie sagten dann noch Schönes über Wirtschaft, Volksvermögen und dergleichen. Das Mädchen schwieg und führte die Herren nach wie vor herum.
Auch als sie von Der Umgestaltung Des Bura- gartens reDeten, sagte sie nichts. Das Unkraut müsse natürlich fort, meinten Die Herren, und stocherten mit ihren Stöcken zwischen Primeln und Leberblümchen herum, dafür käme hier schöner, gelber Kies hin und Tische sollten darauf stehen, und an allen Bäumen würden Preiskurante hängen, niemand sollte hier übervorteilt werden, man wolle ein reelles Geschäft.
Die Herren nickten beifällig mit dem Kops, bann fliegen sie wieder in das Auto. Das Mädchen drehte das Schlüsselbund in den Händen hin und her und fragte leise, wann das alles eingerichtet werden solle. „Sofort", sagte der Herr am Steuer, „gleich nach Ostern." Er sah das Mädchen an, es war ein hübsches Mädchen, so sauber, mit weißer Schürze und hellem, glattem Haar, das viel heller war, als das braune Gesicht.
„Beunruhigen Sie sich nicht, liebes Fräulein", sagte der Herr, „es wirb Ihrem Vater nichts geschehen, Sie werden nach wie vor hier wohnen, es muß ja alles peinlich genau verwaltet werden. Noch viel mehr, wenn Fremde, zum Beispiel deutsche Gäste kommen, und alles gezeigt haben wollen, die schwärmen ja immer so für das Romantische." Die Herren nickten beifällig und freundlich, und als das Auto den halben Berg hinab war, fiel dem Herrn am Steuer beim Anblick der goldenen Weidenkätzchen nochmals das Haar des Mädchens ein, und er sagte: „Ein sentimentales Mädchen — wie sie sich wegen der Störche aufgeregt hatte."
„Ja, es sind schon komische Leute", sagten die anbern und schüttelten die Köpfe.
Das Mädchen sah zu dem leeren Storchnest empor, das zerzaust und winterlich dalag. Dann ging sie zu dem Vater hinein, der krank im Lehnstuhl saß. Er hörte, den Kopf in Die Hand gestützt, den Bericht der Tochter an. Er dachte Daran, daß schon sein Urgroßvater, sein Großvater und Vater hier auf der Burg gewohnt hatten, aber da waren sie noch Bibliothekare gewesen. „Wir und die Burg kommen immer mehr herunter", sagte er endlich, „du solltest fortgehen, Lena."
Das Mädchen sah in seiner stillen Weise vor sich nieder. „Vielleicht tue ich es", sagte es und dann: „Wenn sie wenigstens die Störche in Ruhe ließen!"
Am Ostersamstag schwirrte es von weißen Flügeln in der Lust. Das Storchenpaar kam von seiner Weltreise zurück. Es hatte den Nil verlassen und Den Weg über Das Mittelmeer genommen und war in ungeheuren Tagereisen Der Heimat immer näher gekommen. Beide Tiere sahen noch mager und etwas struppig aus von den großen Strapazen und Dem Kampf mit Der Winterkälte, Die sie auf ihrem Weg nach Norden immer wieder zurückgescheucht hatte. Sie waren sehr müde und sehnten sich nach ihrem Nest auf dem Dache des Vorratshauses.
„Was tust du?" fragte der Vater, der Lena aus der Tür eilen sah. Sie gab keine Antwort. Sie zerrte die lange Feuerleiter über den Hof, richtete sie mit Anstrengung an der Wand des Vorratshauses auf und stieg eilig nach oben. Dann ergriff sie die Sprossen der Dachleiter, die vom First yerabhing und kletterte bis zum Storchnest enwor.
Die weißen, großen Vögel, die sich in Kreisen über dem Dach bewegten, sahen ihr verwundert zu. Sie hoben sich etwas höher in die Lust, um der menschlichen Nähe auszuweichen und spähten mit langen Hälsen in die Tiefe.
Lena band die weiße Schürze ab und schwenkte sie über dem Kopf in Abwehr gegen die Störche. Die Tiere entwichen erschrocken in höhere Luftregio-
nen. Lenas Gesicht war sehr bleich. Sie konnte von hier oben das weite, wunderbare Land sehen, die blauen Berge, die den Fluß begleiteten, die Ruinen, die die Hügelkuppen krönten, den silbernen Strom, der die Grundfesten der Burg umschäumte, und die bunten Teppiche des Burggartens und die efeu- umranhen Fenster des Kastellanhauses.
Auch die Störche schienen sich nicht von diesem Bild ihrer Heimat losreißen zu können. Sie flogen in immer größeren Kreisen zögernd um ihr Heimat- nest, dem sie viele tausend Kilometer entgegengereist waren.
Dann entfernten sie sich langsam und verstört. Schließlich waren sie nur noch zwei weiße Pünktchen am Horizont.
Lena ließ die Arme sinken. Dann stieg sie langsam die Leiter wieder hinab. Der Vater stand vor der Tür, als sie wiederkam. „Sie sollten nicht erst nisten", sagte sie, „man hätte ihnen dann nur die Eier ober die Jungen aus dem Nest geworfen."
Dann schüttelte sie ihre Traurigkeit entschlossen ab. „Zuerst die Störche, Dann ich", sagte sie möglichst heiter, „morgen gehe ich mir auch ein neues Nest suchen."
Der Vater seufzte. „Sei nicht traurig, Vater", fogte Das Mädchen, „wie unsere Urgroßväter vor Hunderten von Jahren eingewandert sind, kann die Enkelin wohl auch wieder auswandern."
Unten im Dorf flammten zahllose Kerzen in den Fenstern auf. Die große Oster-Illumination hatte begonnen, man schoß mit Böllern über Den Fluß.
Zeitschriften.
— Husten und Schnupfen dürfen beim Kinde, besonders im Säuglingsalter, nie als banale Erkrankung angesehen werden, denn der Nasen- und Rachenkatarrh ist eine Der häufigsten Erkrankungen im Kindesalter, und die Nasen- und Rachenschleimhaut ist für viele Infektionskrankheiten, wie z. B. auch für Masern, Scharlach u. a. die Eingangspforte. Welche Vorbeugungsmittel anzuwenden sind, und was überhaupt alles bei Auftreten dieser Krankheit zu tun ist, darüber schreibt Professor Dr. Rott in seinem Artikel „Das Kind hat Schnupfen und Husten" im Aprilhest der bekannten Elternzeitschrift „Mutter und Kind" (Verlag Staude, Berlin W 30.) Auch sonst bringt dieses Heft Interessantes und Neues: „Dfterroaffer", „Die Schule fängt an", „Das Schulbutterbrot", „In der Schwangerschaft reift die Frau zur Mutter", „Mutterschaft und Gymnasttk", „Ostereier einmal anders" usw. Jeder Mutter ist diese vielseitige Monatsschrift zu empfehlen. Der Bezugspreis beträgt vierteljährlich einjchl. Porto 1,30 Mark.


