M.8b Zweites Blatt
Ebener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Samstag, ll. April 1936
Kultur und Politik.
Äon Arthur Zmarzly.
Die Bemühungen Deutschlands, mit Frankreich zu einem den Frieden Europas sichernden Einvernehmen zu gelangen, haben in den geistigen Kreisen beider Länder zu der Fragestellung geführt, ob d e r verstärkte Austausch kultureller Güter mit dazu beitragen könnte, die beiden Völker auch politisch einander näherzubringen. Man hat früher gesagt, es gebe kein Land, in dem mit mehr Aufmerksamkeit die Entwicklung des Geistes- lebens anderer Völker verfolgt werde als Deutsch- land. Diese Feststellung trifft nur auf einige ge- schichtliche Zeitabschnitte zu; im allgemeinen hat auch das deutsche Volk immer nur das fremdländische Kulturgut ausgenommen, das es verarbeiten konnte, und dos in seinem Wesen aufging. Daraus formte es sich das Bild der anderen, ohne danach zu fragen, ob Sie anderen mit diesem Bild einverstanden, und ob die wesentlichen Merkmale und Farben der anderen Dolkskultur darin enthalten waren. Es käme schließlich auch einer Selbstentäußerung gleich, wollte man von einem Volke mehr verlangen. In der Aufnahme und Verarbeitung der Kulturwerte eines anderen Volkes gibt es eine Grenze, und weil diese Grenze meistens nicht beachtet wird, ist man enttäuscht, erfahren zu müssen, wie wenig die Kulturarbeit zwischen zwei Völkern, die seit Iahrhun- derten in engem aeistigen Verkehr standen, wie das deutsche und das französische, die politische Entfremdung beeinflußt.
In der falschen Einschätzung der Kultur liegt die Gefahr verborgen, die Macht politischer Ideen zu unterschätzen, die so stark fern kann, daß sie den geistigen Verkehr zwischen zwei Völkern unterbindet, in der Meinung, er könnte zur Schwächung des eignen Selbstbewußt-' seins führen. Politik und Kultur sind Pole im Völ- kerleben; die Verbindung zwischen ihnen ist nicht zu jeder Zeit gleich gut, und die Ausstrahlungen ihrer Kraftfelder schwanken in ihrem Stärkeverhaltnis zueinander. In der fast $ur Formel erstarrten Auf- fassung, daß im 17. und 18. Jahrhundert das Vor- bild der höfischen Kultur Frankreichs Nachahmung in der absolutistischen Politik im deutschen Raum gefunden hat, steckt, was die äußere Form anbetrifft, sicher ein wahrer Kern. Ebenso hat die Französische Revolution von 1789 auf die politische Haltung des deutschen Bürgertums unverkennbare Wirkungen ausgeübt. Seit Jahrhunderten hat die Nachbarschaft der beiden Völker unter dem Zeichen des Wettstreits gestanden, in dessen Mittelpunkt das griechische oder römische Ideal stand, und es läßt sich nicht be- zweifeln, daß dieses besondere Verhältnis, das die Deutschen zu keinem anderen Volke besitzen, in der politischen Geschichte nicht nur eine Parallele, sondern auch seine Ursache findet. Das unstreitig glänzende Vorbild hat einst verhindert, daß ein deutsches Nationalideal sich an der eigenen mythologischen oder erforschten Vorgeschichte bildete. An Versuchen dazu hat es zu keiner Zeit gefehlt, aber sie mußten scheitern, weil die Verbindung zur Antike durch Frankreichs Beispiel lebendiger war. Erst das beginnende 19. Jahrhundert sah das deutsche Geistesleben in Opposition zum französischen Anspruch, Erbe des Imperium Romanum zu sein, aber mit der Hinwendung zur griechischen Antike, zur Klein- staaterei Hellas, richtete sich noch einmal ein ideologisches Hindernis gegen die Idee und die Politik der Reichseinigung auf.
Die Kulturkraft des deutschen Volkes hat nicht die äußeren Wirkungen auf andere Völker erzielen können, wie die des französischen Volkes, das als geschlossene Nation soviel älter und darum auch sicherer und politisch selbstbewußter seiner Forderung nach Anerkennung seiner kulturellen Aeuherungen als Ideen der Menschheit vertreten konnte als die Deutschen. Niemals erhob sich ein Sturm gegen die „civilisation“ wie gegen den Ausspruch „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen", denn über die „civilisation“ gab es, ohne daß jemals eine Begriffsbestimmung versucht worden wäre, keinen Streit, im Gegensatz zum „deutschen Wesen", das — als Einheit begriffen — heute noch um Anerkennung
Neue Filme zu Ostern.
Gloria-Palast: „Um das Menschenrecht".
Hans Z ö b e r l e i n hat mit diesem Film aus der Freikorpszeit innerlich folgerichtig den Anschluß an sein weit verbreitetes Kriegsbuch „Der Glaube an Deutschland" und an den von ihm geschaffenen Film „Stoßtrupp 1917" hergestellt, der vor längerer Zeit bei uns in Gießen gezeigt wurde. Auch dieser neue Fllm ist ganz und gar seine eigenste Schöpfung: er schrieb Manuskript und Drehbuch, hatte Regie und Gesamtleitung. Hier wird das Bild einer Zeit beschworen, die noch gar nicht sehr weit hinter uns liegt, und welche die meisten von uns als traurige Gegenwart auf das bitterste miterlebt haben. Die Handlung beginnt mit Kriegsende und mit dem Rückmarsch der deutschen Truppen aus Feindesland in bte Heimat. Aus der endlosen, feldgrauen Kolonne heben sich nach und nach die Gestalten von ein paar bayerischen Frontsoldaten heraus, die heil durchgekommen sind und nun daheim daran gehen, jeder auf seine Weise und in seinem Kreise, ihr altes Leben weiterzuführen oder ein neues Leben aufzubauen. Aber daheim geraten sie in den Hexenkessel einer von Tag zu Tag heilloser aus den Fugen gehenden Zeit. Es beginnen die Monate und Jahre, die wir alle mit Grauen durcherlebt haben. Sie finden sich alle, wie sie von der Front kommen, daheim nicht mehr zurecht. In Deutschland herrscht Hunger und Arbeitslosigkeit, Verzweiflung und Aufruhr. Parteien und Gruppen bilden sich, das Leben drängt sich auf Straßen und Plätzen und in Versammlungslokalen zusammen. Die Revolution greift wie ein fressendes Feuer um sich, die bolschewistische Propaganda zieht mit roten Fahnen durch die Stadt und treibt verhetzte und verbitterte Arbeiter unter ihrer internationalen Parole in einen Bürgerkrieg der Verzweiflung. Die alten Frontsoldaten, anfangs tatenlos und unentschlossen zwischen den Fronten stehend, werden zur Entscheidung gezwungen, und in den schnell gebildeten Freikorps finden sich die zusammen, die in den aktivistischen Verbänden einen Weg ins Freie, zu einer neuen Ordnung und Weltanschauung suchen. Nun stehen sich die beiden Fronten, rot und weiß, in erbitterten Kämpfen auf freiem Felde, in Straßen und Häuserblocks auf Tod und Leben gegenüber. Hier gewinnt der Film eine unheimliche und erschütternde Eindringlichkeit; noch einmal tut sich in diesen «aüstisch
nngen muß. Nicht die größere Leistung gab der französischen Kultur ihr Uebergewicht, nicht zuletzt in Deutschland, sondern ihre größere E i n h e i t, die auch im politischen Bereich sich fortpflanzte und noch immer eine für deutsche Begriffe unverständliche Anziehungskraft auf andere Völker ausübt.
In der Architektur, bildenden Kunst und Literatur besitzt Frankreich eine Tradition, die trotz aller Prophezeiungen vom Niedergang und Ermüdung immer wieder neue Formen entwickelte und eine parallele Entwicklung mit der Geschichte und Politik nahm. Das Selbstbewußtsein der französischen Kultur wäre nicht so fest gegründet, wenn sich die Franzosen nicht durch Temperament und Zähigkeit über alle äußeren Niederlagen und inneren Krisen hinweg die nationale Einheit ihres Landes bewahrt hätten. In dieser nationalen und kulturellen Einheit, die sich im tiefsten Grunde gegenseitig bedingen, lag die große Wirkungskraft der französischen Kultur auf das deutsche Volk und viele andere Völker. Die Ausstrahlungen der Gegensätze im deutschen Geistesleben, die besonders in der Philosophie und in der Musik klar hervortreten, haben merkwürdigerweise starken Einfluß.auf die französische Kultur ausgeübt.
Vor allem waren es H e g e l s ch e Gedanken, die den um die Mitte des vorigen Jahrhunderts in Frankreich neu begonnenen Sozial- und Geisteswissenschaften die methodische Grundlage gaben. Weit fruchtbarer als im eigenen Lande, das sie aus der unbefriedigenden politischen Außenwelt einer sinnlos zerstückelten Nation reifen ließ, ist sie in Frankreich, und von dort aus auch im geistigen Leben anderer Völker, zur Basis wissenschaftlichen Denkens gemacht worden. In ihrer unanschaulichen, die Wirklichkeit nur in Gedanken erfassenden Methode, die darum eine um so schärfere Begriffsbildung ermöglicht, spielt sie n o ch h e u t e in der französischen Politik eine große Rolle und weist der wissenschaftlichen Erfassung der europäischen Wirklichkeit die Richtung. Auch die deutsche Musik hat, schon auf dem Rückgang seit Beethoven begriffen, noch einmal in Richard Wagner eine absonderliche Größe erreicht, die — hart umstritten — siegreich in die französischen Konzertsäle einbrach, aber das Geistesleben unseres großen westlichen Nachbarlandes nicht in dem Umfange aufwühlte wie die deutsche Philosophie.
Zwischen der Kultur zweier Völker und ihrer Politik besteht ein bestimmtes Verhältnis, das starken
Veränderungen unterworfen ist. Seit dem Machtantritt des Nationalsozialismus hat der kulturelle Austausch zweifellos nachgelassen. Diese Erscheinung läßt sich weder mit der Absicht deutscher Behörden noch mit Devisenschwierigkeiten erklären. Die Schaffung einer Nation vollzieht sich im Innern unter einer geistigen Spannung, die sicherlich die Fähigkeit eines Volkes schwächt, fremdes Kulturgut aufzunehmen und zu verarbeiten. Die Selbstbefin- n u n g nimmt alle Kräfte in Anspruch und schwächt das ewige Verlangen des deutschen Geistes, Fremdes aufzunehmen und zu seinem Eigenen zu machen. Dieser Zustand wird oft im Auslande als rätselhaft und beunruhigend bezeichnet. Vielleicht ist er natürlicher, als ihn manche auch in Deutschland selbst beurteilen, die immer noch bezweifeln, daß das deutsche Geistesleben zu einer Einheit sich verschmelzen läßt. Darüber entscheiden Charakter und Wille des deutschen Volkes. Wenn wir aber selbst nicht mehr die alten Maßstäbe an fremdes Kulturgut anlegen können, dann müssen wir es über uns ergehen lassen, daß auch die anderen nicht immer imstande sind, innerhalb kurzer Zeit unsere neue gei- jtige Entwicklung zu verstehen.
Die Nest-Locarnomächie beschließen Fortsetzung der Verhandlungen. England sott erneut mit der deutschen Negierung Fühlung nehmen, um einige punkte des deutschen Friedensplans zu klären.
Genf. 11. April. (DJtB.) Hebet die Besprechungen der Locarno-lNächle wurde am Freitagabend nach 23 Uhr folgende gemeinsame Verlautbarung ausgegeben:
„Die Vertreter Belgiens, Frankreichs, Englands und Italiens find am 10. April 1936 in Genf zu einem Meinungsaustausch zusammengetreten. Sie «ahmen Kenntnis von der Absicht, die die deutsche Regierung in Punkt 3, 4, 5, 6 und 7 ihres Memorandums vom 31. März 1936 zum Ausdruck gebracht hat. Sie stellten fest, daß die deutsche Regierung zur Wiederherstellung des für die Verhandlungen über neue Verträge unerläßlichen Vertrauens keinen Beitrag geliefert hat, der sofortige allgemeine Verhandlungen und die Anwendung von Artikel 7 der sogenannten Londoner Vorschläge vom 19. März ermöglicht hätte. Sie sind jedoch der Auffassung, daß es erwünscht ist, alle Schlichtungs- gelegenheiten völlig auszuschöpfen; zu diesem Zweck ist die Aufklärung einer Anzahl von Punkten des deutschen Memorandums in erster Linie notwendig, insbesondere derjenigen, die im französischen Memorandum erwähnt sind. Die Vertreter Englands werden zu diesem Zweck mit der deutschen Regierung in Fühlung treten, Insbesondere werden sie sich erkundigen, welche Bedeutung die deutsche Regierung den von ihr vorgeschlagenen zweiseitigen Verträgen gibt und wie diese Verträge sich im Rahmen der kollektiven Sicherheit oder des gegenseitigen Beistandes, wie er in der völkerbundssahung vorgesehen ist, eln- fügen würden.
Die Vertreter Frankreichs machten alle Vorbehalte für den Fall des Eintritts irgendwelcher materiellen Veränderungen in der Lage der Rhe^lnzone während der in Frage stehenden Erörterungen. Für den Fall irgendwelcher derartiger Veränderungen beschlossen die Vertreter der vier Regierungen, sich sofort zu versammeln. Sie nahmen Kenntnis von der Tat- '
suche, daß die Fühlungnahme zwischen den Generalstäben, wie sie im Abschnitt 3 der Londoner Vorschläge vorgesehen ist, a m 15. April beginnen soll. Sie beschlossen, dem Völkerbund den französischen Friedensplan für eine eingehende Prüfung v o r z u l e g e n. Die Zustimmung der deutschen Regierung soll eingeholt werden für eine gleiche Vorlegung des deutschen Memorandums an den Völkerbundsrat, vorbehaltlich der Bemerkungen in Absatz 3 oben. Sie werden auf jeden Fall wieder in Genf während der nächsten Tagung des Völkerbunds- rates zufammentrelen. Der Vertreter I l a l i e n s hat feine Stellungnahme namens seiner Regierung Vorbehalten."
Eine Anfrage Italiens.
Wird seine Mitarbeit an einem neuen Locarno gewünscht?
Genf, 11. April. (DNB.) Der italienische Vertreter hat bei Beginn der Locarno-Besprechungen
London, 11. April. (DNB. Funkspruch.) Die Ergebnisse der Genfer Besprechungen werden in der gesamten englischen Presse in großer Ausmachung und ohne Ausnahme mit Befriedigung verzeichnet. Besonders gilt dies für das Ergebnis der Besprechungen der vier Locarnomächte, bei denen allgemein hervorgehoben wird, daß es Englands Vertretern gelun- sen sei, ein weiteres Aussöhnungsverfahren durchzusetzen, im Gegensatz zu anders gearteten französischen Vorschlägen. Allgemein begrüßt wird ferner, daß die Verhandlungen voraussichtlich er st Mitte Mai wieder ausgenommen werden sollen.
Der „Daily Telegraph" schreibt, das englische Argument, wonach eine Prüfung der deutschen Vorschläge das Ergebnis haben könnte, daß Frankreich Garantien für ein sicheres Europa ebenso
am Karfreitag im Auftrage seiner Regierung folgende Erklärung abgegeben:
„Als Unterzeichner des Locarno- Paktes und in feiner Eigenschaft a l s Garant hat sich Italien in langen Jahren stets zu seiner Unterschrift bekannt. Nachdem eine Krise in der Rheinlandfrage eingetreten war, hat Italien an den Konferenzen in Paris und London teilgenom- men, wobei es die Zurückhaltung bewahrt hat, die ihm durch die besonderen Bedingungen, in denen es sich augenblicklich befindet, auferlegt wird. Italien sieht sich nun gezwungen, darauf hinzuweisen, daß bei allen kürzlich ergangenen offiziellen Verlautbarungen der britischen Regierung Italien offensichtlich ignoriert worden ist.
Meine Regierung hat mich daher beauftragt, an jede der hier vertretenen Mächte die Frage zu richten, ob die Anwesenheit Italiens er- wünscht erscheint und ob seine Mitarbeit an dem Werk des europäischen Wiederaufbaues auf b.e r Grunblage eines neuen Locarno erwünscht ist. Sollte dies nicht d e r F a l l fein, so hat Italien keinerlei Grund, irgendwelche Gefahren und Verantwortlichkeiten zu übernehmen, und es müßte sich vorbehalten, sein weiteres Verhalten entsprechend einzurichten."
wie im Westen auchimOstenund S ü d o st e n erhalten könne, setzte sich durch. Frankreich habe erklärt, wenn Großbritannien weitere Sank- tionen gegen Italien verlange, müsse es auch bereit sein, Sanktionen mit der gleichen Schärfe gegen Deutschland anzuwenden. Hierbei werde Frankreich von einer Reihe von kleineren Staaten unterstützt. Auf dieses Argument habe Großbritannien geantwortet, daß die Versöhnungsversuche mit Deutschland noch nicht f e h l g e s ch l a g e n seien. Die Auffassung Englands habe sich in diesem Meinungsaustausch in fast allen Punkten durchgesetzt.
Die britische Regierung habe durch ihre Zu- ffimmung zu den Generalftabsbesprechungen Belgien und Frankreich Zusicherungen gegeben, daß jede von England eingegangene Verpflich-
Befriedigung in England.
gesehenen und erfaßten Bildern bas ganze Chaos einer entfesselten Zeit auf. In ben Szenen der Barrikadenkämpfe mit Sturm, Flucht und Verfolgung, in den Bildern von Plünderung, Aufruhr, Bruderkampf und Geiselmord ist noch einmal alles Grauen und Elend einer kurzen Räteherrschaft in Deutschland heraufbeschworen. Aus den blutigen Unruhen und Wirren dieser Zeit findet der Frontsoldat und Freikorpskämpfer, der im Mittelpunkt der Handlung steht, den Weg zu sich selbst, zu neuer Zukunft und neuem Glauben an Deutschland, und in der Ueberwindung der volks- und landfremden Internationale den Weg auch zum neuen, wahren Sozialismus und zu einer Volksgemeinschaft, wie sie in unseren Tagen unter starker und klarer Staatsführung Wirklichkeit geworden ist. In der ungeschminkten Erlebnisnähe und Realität dieser Bilder, die nur von Zeit zu Zeit von der visionären Erscheinung des namenlosen Frontsoldaten Überblendet werden, liegt die große Eindringlichkeit und die nachschwingende Wirkung dieses von Hans Zöber lein gestalteten Films. Der Eindruck wird durch die Darstellung noch unterstrichen. Aus der großen und manchmal fast verwirrenden Figurenfülle heben sich einige scharf und konturenreich umrissene Gestalten heraus; Hans Schlenck, Frontsoldat, Arbeitsloser, Student, Freikorpskämpfer und Wegbereiter einer neuen deutschen Zukunft; Kurt Holm, Ludwig Schmid-W ild y (sehr gut als der alte Kraft), Werner Scharf (Anführer der Roten), Trude H a e f e l i n und Lydia Alexandra. — (Arya-Film G. m. b. H.)
Lichtspielhaus: „August der Starke".
Der Film „August der Starke", der vor einiger Zeit in Dresden seine Uraufführung erlebte, ist ein Werk deutsch - polnischer Gemeinschaftsarbeit. Der Untertitel „Der galante König" bezeichnet zwar im Ganzen recht treffend Blickpunkt und Auffassung der Hersteller; Dr. Johannes E ck a r d t und Dr. Carl H a e n s e l haben das Drehbuch geschrieben. Aber es ist zuzugeben, daß man sich doch nicht ausschließlich auf ein billiges Photographiealbum aus dem galanten Sachsen beschränkt, sondern sich bemüht hat, die jedenfalls imposante Erscheinung des Königs im größeren Zusammenhang europäischer Geschichte um 1700 zu sehen und darzustellen. Immerhin überwiegt der Eindruck einer anekdotisch und impressionistisch behandelten Szenenfolge, wozu die Erscheinung Augusts des Starken vielfältige und dankbare Gelegenheiten bot: er erscheint als rStnstcher JmpexatoL, tis ettt anderer Äsgsftüs <ntf
einem feiner prunkvollen und unerhört kostspieligen Dresdener Hoffeste; man erlebt die Episoden mit der Königsmark und der Gräfin Cosel; man sieht ihn das berühmte Hufeisen gerade biegen und mit eigener Kraft eine steckengebliebene schwere Reisekutsche samt weiblichem Inhalt wieder flottmachen; sogar das Bravourstück in der spanischen Stierkampfarena wird wenigstens nebenbei erzählt. Aber es wird andererseits auch das polnische Abenteuer als ein wesentliches Motiv breit ausgestaltet; es werden die wirtschaftlichen und sozialen Schattenseiten dieser Hofhaltung gestreift; es wird endlich vor allem ein großer Gegenspieler und Gegentypus in der Gestalt Karls XII. von Schweden eingeführt und mit dem Dresdener Imperator konfrontiert. In solchen Zügen liegt ohne Zweifel die Stärke der Spielführung von Paul Wegener, der mit außerordentlichen Mitteln an Personal und Ausstattung arbeiten konnte. Man würde es begrüßt haben, wenn das reiche, in seinen köstlichsten Werken bis in unsere Gegenwart hineinstrahlende Vermächtnis des sächsischen Barock, der große, glanzvolle Rahmen dieser Hofhaltung und Staatsführung ein wenig minder flüchtig und andeutungsweise als Einführung behandelt worden wäre. Auch waren natürlich gewisse epische Längen einer im Grunde unfilmischen Fabel nur mit Mühe zu überbrücken, wenn auch etwa die Darstellung des alternden und altgewordenen Königs einer gewissen, psychologisch begründeten Anziehungskraft nicht entbehrt. In der Titelrolle sieht man Michael Bohnen, der, obwohl er durchaus nichts zu singen hat, eine lebensvolle und überzeugende Gestalt schafft mit barocker Repräsentation und fürstlicher Haltung, ein galanter, ein impulsiver König mit stellenweise entwaffnenden Temperamentsausbrüchen, aber auch mit ganz menschlichen Zügen. Lil Dagover als Gräfin Königsmark: elegant, gewandt, diplomatisch und gescheit. Eine der charakteristischsten Gestalten gibt Günther H a d a n k als Karl XII., eine scharf belichtete Kontrastfigur von puritanischer Strenge, soldatischer Härte und brennendem Ehrgeiz. Marie-Luise Claudius als Gräfin Hoym, nachmals Gräfin Cosel: ebenso reizende wie glaubhafte Erscheinung. Sehr lebendig auch Ernst Legal als Hofnarr; von den vielen übrigen: Maria Krahn (Eberhardine), Dieter Horn (Brühl), Mederow (Pöppelmann), Maja Balzerkewitsch (Jablonska) und Tamara I Wiszniewfka (Sofia). — (Hammer-Tonfilm.)
Blühender Kirschbaum.
Stundenlang rast schon der Zug durch Städte, Dörfer, grüne Weiten. Jetzt fegt er, aus einem ötefigen, grauen Vormittag in den sonnigen Mit- $.m ®a9en9$ng steht eine junge Frau, leucht und einfach gekleidet. Sie hat einen kleinen, Zapplige Jungen im Arm. Sie ist bemüht, die Kinderaugen in die vorbeifliegen^e Landschaft zu lenken. Vielleicht kommen die beiden Menschen aus ber Großstadt. Ich sehe, wie sich das Frauengesicht beim Anblick der weiten vorüberschwebenden Landschaft löst, und dann ist mir's, als ob die Frau überhaupt nicht in die Landschaft hineinsieht. Ihre Augen fliegen nur so drüberhin. In Wirklichkeit denkt die Frau etwas durch, ist vielleicht mit einer Erinnerung beschäftigt, mit ihrer Jugend vielleicht, die hier, in dieser Weite, herumlief und herum- tanzte. O diese selige, grüne, durchblühte Weite, von rotdachngen kleinen Dörfern wie von Inseln unterbrochen wird. Und nun scheint die Frau nicht mehr aufzusehen. Sie ist wohl von einer Erinnerung gepackt worden. Ihr Gesicht kehrt in das Holz- schnitthafte von vorhin zurück.
Doch jetzt, jetzt beugt sie sich ganz nahe an das Kinderohr, erzählt etwas hinein, deutet auf einen Punkt in der Landschaft. Das Kind wird sofort ruhig. Sie lächelt, lächelt so froh, so rein, daß ihr 9anzes Gesicht wie von einem Hellen Sonnenstrahl erleuchtet ist. Und nun ruft die Frau plötzlich: „Da, da ist er!" — — Der kleine Junge klatscht staunend in die Hände. Ich erhebe mich und sehe gerade noch, wie ein großer blühender Kirschbaum am Wagenfenster vorübertanzt, gleich einem weißen Kreisel aus Sonne und Licht. Dieser Kirschbaum war es, der die beiden Menschen wie ein Blick aus einer anderen Welt berührt hatte. Die Frau hat ihn wieder erkannt, und der Baum hat sie wohl auch wieder erkannt. Gewiß. Er hatte sogar ihr Herz berührt. Sie lächelt ja auf einmal so froh. Es war freilich ein jüngeres Herz, das der Kirsch, bäum vor langen, langen Jahren einst umfangen hatte. Aber was macht das. Ein Baum, der wie eine Festfackel in ihrer Jugend stand, hatte sie und ihr Kind gegrüßt. Und sie hatte ihn wieder gegrüßt wie einen Schellenbaum, ber durch ihrs Kindheit getragen wurde.
Und nun setzen sich die beiden wieder auf ihren Platz, sitzen da wie verwandelt. Mir ist'?, als ob ich in ihren Augen weißleuchtend immer noch das Bild des, blühenden. Krrjchbaumes stehen sehe.
MM JengtiidtH


