Mittwoch, n.maryl956
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Nr. 60 Zweites Blatt
Aus der Wett des Ulms.
dieWelt" wurden den Volksgenossen nahegebracht
— aber gleichzeitig damit lernte der Kinobesucher. und der Volksgenosse auf dem flaches Lande den
Kulturfilm und Filmkultur.
Nationalsozialistische Aufbauarbeit.
NSG. Sie Bedeutung des künstlerischen und kulturellen Filmschaffens ist dank der Initiative verdeutschen Staatssührung in den letzten Jahren immer augenfälliger geworden. Der Entwicklung sind keinerlei Schranken gesetzt, wenn sie sich nur in jenen Bahnen bewegt die der Geisteshaltung des deutschen Menschen Rechnung tragen. Nicht umsonst ist der Begriff der ,F i l m k u l t u r" geprägt worden als der Ausdruck der innerlichen Sauberkeit und der künstlerischen Qualität eines jeden Filmwerkes, das als Kulturgut gewertet werden will. Das Filmwesen in seiner Struktur ist durch die Eingliederung in die Reichskulturkammer selbst zum Teil der deutschen Kultur geworden und hat Aufgaben erhalten, die im Sinne des allgemeinen Kulturaufbaues'im Innern und des Kulturaustausches mit anderen Nationen liegen.
Einen nicht unbedeutenden Anteil an dem Filmschaffen als feftumrissene kulturpolitische Gestaltungsform besitzt der Kulturfilm, der in den Jahren vor der Machtergreifung stets das Schmerzenskind im Filmwesen war, weil sein ureigenster Zweck immer wieder verkannt wurde. Als Lückenbüßer, der nur wegen der von ihm erwarteten Steuerminderung im Beiprogramm der Lichtspieltheater eingesetzt wurde, mußte er ein dürftiges Dasein fristen. Er wurde als notwendiges liebel gewertet und dementsprechend behandelt. Hieran hatte nicht zuletzt der Theaterbesitzer schuld, der zwar den Kulturfilm innerhalb des Programms zeigte, im übrigen aber wenig dazu beitrug, ihm die Bedeutung zu verschaffen, die er in einem Kulturstaat wie Deutschland
tung herbeigeführt werden. Wieder war es die Filmorganisation der Partei, die guten Kulturfilmen den Weg bahnte und sich selbst für eine möglichst weitgehende Verbreitung dieser Filme einsetzte.
Aus kulturellem Willen geborene Filme wie „Hände am Wer V, „D a s Grabmal des unbekannten Soldaten" und „W a s i st
Wert des Kulturfilms erkennen. Die Industrie stellte sich mit Schöpfungen ähnlicher Art an die Seite, und so konnte die Höherentwicklung des Niveaus erreicht werden. Die geringe Wertung mußte der Anerkennung weichen, und schon heute glaubt sich
hier und dort Kulturfilme im Beiprogramm austauchen, die kalt lassen, so ist dock gut die Hälfte aller jetzt geschaffenen Filme dieser Gattung ansprechend, und man spürt den Willen, den kulturellen Charakter in jeder Einstellung bemerkbar wer- den zu lassen. Selbst Filme, die im eigentlichsten Sinne der Werbung zu dienen haben, wie z. B. „Metall des Himmels" und verschiedene Städtefilme, zeugen von der kulturell bedingten Schöpfung gewissenhafter Gestalter. Schon in der Kampfzeit nahm sich die Parteifilmorganisation des wertvollen Kulturfilms an. Besonders aber in den Jahren des nationalsozialistischen Aufbaues konnte durch die Förderung der zuständigen Stellen eine stetig wachsende Entwicklung dieser Filmgat-
Enthüllte Ulmgeheimnisse
Eine Llfa-Lehrschau in Neubabelsberg.
Wenn technische Erfindungen nach der ersten Kindheits- und Prüfungszeit ihren Platz unter den mannigfachen Erscheinungen menschlicher Lebensformen endgültig sich erobert haben, beginnen sie im Bewußtsein des Volkes immer greifbarere Gestalt zu gewinnen, und die Schuljugend pflegt sich fachmännischer und leidenschaftlicher darüber zu unterhalten als über französische Vokabeln. Wie ein Super-Sechskreiser aufgebaut ist, warum diese oder jene Radioröhre weicher klingt als eine andere und welcher Unterschied zwischen einem dynamischen Lautsprecher und einem Freischwinger ist, das weiß heute jeder Tertianer, und wenn zur Zeit des Schulschlusses Irgendwo ein herrlich leuchtender Mercedes-Benz vorübersaust, so gibt es die klügsten Sachverständigenurteile, die man sich denken kann.
Es ist selbstverständlich, daß der romantische Zauber, der von der bewegten Leinwand ausgeht, nicht weniger Phantasie und Wissensdurst bei jung und alt entfesselt. Die Geheimnisse derTon- k a m e r a begegnen heute, da der Film, mit großen, entscheidenden Kulturaufgaben betraut, in eine Front gerückt ist mit Bühne, Presse und Rundfunk, bei Künstlern, Technikern und Laien gleich brennender Anteilnahme. Die Atmosphäre des Ateliers mit seiner liebevoll und sorgsam aufgebauten Welt des schönen Scheins, der eine seltsam packende, künstlerisch gesteigerte Wiederholung der Wirklichkeit bedeutet, die Arbeit des Schauspielers im grellen Licht der Jupiterlampen, die schwere Aufgabe des Spielleiters, der Herz und Hirn des jeweils entstehenden Werkes ist, die unbegrenzte Beweglichkeit der Kamera, der interessante Werdegang des photographierten Tons von der akustischen Schwingung zur elektrischen und zur Lichtwelle und wieder zurück, das Problem der Synchronisierung von Ton und Bild, dessen endgültige Lösung den Tonfilm, der schon in der Kindheit des Films Wunschtraum der Menschen war, überhaupt erst Wirklichkeit werden ließ — das und vieles andere sind Dinge, für die der fachmännisch Interessierte wie das Publikum, das im Lichtspieltheater die Schönheit des fertigen Werkes genießt, in höchstem Maße empfänglich sind.
Diesem ewig menschlichen Triebe zum Wissen, zum Schauen, zur Erkenntnis ungekannter Zusammenhänge kommt ein wichtiges und dankenswertes Unternehmen der Ufa entgegen, das in diesen Tagen fertiggestellt und der Öffentlichkeit übergeben wurde: die Ufa-Lehrschau, draußen auf dem Ateliergelände in Neubabelsberg bei Berlin.
Es ist gewiß bei dem Versuch, zum ersten Male in der an Rückschlägen und steilen Aufstiegen reichen Geschichte des Films eine derartige Ausstellung zusammenzufügen, noch nicht alles restlos geglückt, Erfahrungen müssen erst gesammelt werden, um diese oder jene Abteilung anders, für die Allgemeinheit fesselnder zu gestalten ober um den Anschauungsunterricht hier und da noch zu er«
der Kinobesucher um ein Erlebnis betrogen, wenn er die Vorführung eines Kulturfilms versäumt.
Neben der Pflege des wertvollen Beiprogrammfilms bedarf es aber auch des Einsatzes für den abendfüllenden Kulturfilm. In Matinäes, Nachtvorstellungen und vor allem Jugendvorstellungen wird dieses Filmgenre gezeigt, und wieder sind es die Gaufilmstellen der Partei, die durch Vorführungen von Kultur- und staatspolitischen Filmen in der Stadt und auf dem flachen Lande, dem wertvollen Film den ihm gebührenden Platz gesichert haben.
So muß der Kulturfilm als edelster Ausdruck der Filmkultur weiterhin zur vollen Entfaltung geführt werden.
verdient hätte.
Auch der Verleiher ist nicht von der Schuld freizufprechen, sich um die Höherentwicklung des Niveaus dieser Filmart zu wenig gekümmert zu haben. Für ihn kam es darauf an, einen billigen Beiprogrammfilm zu haben, und es war ihm gleichgültig, ob dieser Film wirklich kulturell, belehrend und aufklärend war, wenn er nur die Länge besaß, die die Steuerermäßigung garantierte. So kam es, daß der Inhalt der Kulturfilme sich häufig nur aus aneinandergereihten, postkartenähnlichen Filmaufnahmen oder aus billigen Aufnahmen aus dem Tierleben zusammensetzte. Man suchte eine Entschuldigung in dem Argument, es gäbe zu wenig gute Kulturfilme, tat aber nichts, zu einer Aufwärtsbewegung dieser so wichtigen Filmgattuna beizutragen. Die geringe Meinung, die der Kinobesucher vom Kulturfilm besaß, und die sich häufig in den Worten: „Es läuft ja zunächst der Kulturfilm, da brauchen wir uns nicht zu beeilen!" ausdrückte, war zumindest zu verstehen.
Es gab jedoch auch damals schon Kulturfilmhersteller und Künstler, die sich für die q u a l i t a t i v e Entwicklung einsetzten und Filme schufen, deren künstlerischer und kultureller Wert über jeden Zweifel erhaben waren. Im allgemeinen war die Bezeichnung „Kulturfilm" nicht berechtigt, denn viele jener Filme, die diese Art verkörpern sollten, enthielten alles andere, nur keine Kultur!
Das ist grundlegend anders geworden. Wenn auch hier und dort Kulturfilme im Beiprogramm auf- ...... ich gut die Hälfte efer Gattung an
weitern. Wesentlich aber bleibt der große Gedanke, der der Veranstaltung zugrunde liegt: den Filmschaffenden und dem filmbegeisterten deutschen Volke eine Gesamtschau aus dem Zauberreiche Film zu schenken, Kenntnisse zu vermitteln, Anregungen zu fördern und reifen zu lassen und so dem Ganzen zu dienen.
Die Gliederung in drei Abteilungen, die die film- künstlerische Arbeit, den technischen Gesamtapparat, die wirtschaftlichen Grundlagen und Belange des Films umspannen, erleichtert die Uebersicht und läßt das Bemühen erkennen, in der Tat kein Einzelgebiet unberührt zu lassen. Der künstlerische Aufbau der Räume, die Tafeln, Modelle, Tonfilmapparaturen, all das ermöglicht einen klaren Einblick in die Entstehung des F i l m w e r k e s vom Manuskript bis zum vorfüh - rungsbereiten Film st reifen, in die Arbeit des Filmdichters, des Spielleiters, der Darsteller, des Kameramannes, des Architekten, des Komponisten, des Tonmeisters und all der andern Beteiligten, deren jeder seine besondere Verantwortung in seinem Wirkensbereich trägt, und in die mannigfachen Verflechtungen der internationalen Filmwirtschaft, in die Fragen des Verleihs, der devisenwirtschaftlich bedeutsamen Lizenzen, des Theaterbetriebes und dergleichen mehr.
Der Weg, der hier beschritten wurde, führt nicht nur zu einer allgemein begrüßten und seit langem bereits schmerzlich vermißten Aufklärung weiter Kreise über alle Provinzen des gewaltigen Kultur- reiches Film, sondern vor allem — und hierin gipfelt jede Forderung, die wir an eine derart umfassende Schau stellen können — zu einer wichtigen Kenntnis der Bedeutung des deutschen Films in der Gesamtproduktion der Welt. Umfassen doch die ausfuhrfähigen deutschen Filme ungefähr 15 v. H. der auf den Weltmarkt gelangenden Erzeugnisse.
Die~ Liebe zur Welt des Films kann durch solchen lebendigen Anschauungsunterricht nur noch fester gegründet und vertieft werden. Wir haben unsere feststehenden alljährlichen Ausstellungen: die Grüne Woche, die Autoausstellung, die Funkausstellung und viele andere. Sie bringen der Bevölkerung Berlins ober anderer Ausstellungsstädte und den Gästen des In- und Auslandes wichtige Bezirke unseres Lebens und unserer Arbeit nahe, erfüllen uns mit Stolz und Freude und mit neuem Schaffenswillen. Wäre es nicht an der Zeit, das große Kulturinstrument „Film", eine der gewaltigsten geistigen Waffen und einen bedeutsamen Wirtschaftsbezirk des neuen Deutschlands, in diese ständig wiederkehrenden Ausstellungen einzureihen, als Spiegel dessen, was erreicht wurde und Wegweiser zu weiteren Zielen?
Darum: beschreiten wir den Weg von Neu- babelsberg zum Kaiserdamm. Er ist nicht allzuweit.
Max Ingolf.
Aus denMdheitstagen desFilms
Jubiläumsausstellung in London
Dieser Tage hat im Londoner Polytechnikum eine Filmvorführung stattgefunden, die im wesentlichen eine Wiederholung jenes bedeutsamen Ereignisses war, das vor genau vierzig Johren am gleichen Orte die Entwicklung des Lichtspielwesens entscheidend mitbegründete. Am 20. Febr. 1896 führte der Franzose Öouis ßumiere, einer der Pioniere des Films, englischen Sachverständigen sein für damalige Verhältnisse aufsehenerregendes Programm einer Reihe von „l ebenden Bildern" vor, und jetzt wohnte der greife Erfinder als Ehrengast der Veranstaltung bei, mit der die alten Eindrücke und Erinnerungen noch einmal heraufbeschworen worden sind. Es war auch der gleiche Projektionsapparat, mit dem die Filme vorgeführt wurden. Lumiöres Repertoire bestand, als er die Londoner zum ersten Male mit feiner Neuerung bekannt machte, aus insgesamt 24 Filmen, von denen die Hälfte, nachdem sie schon in ^ranE« reich an einigen Orten gelaufen war, den Engländer! gezeigt wurde. Jeder Film hatte nun eine Länge von ungefähr zwölf Meter und lief in einer Zeit von einer halben Minute ab.
Die Vorführung des Programms wurde jetzt im Polytechnikum dadurch künstlich etwas verlängert, daß jeder Film durch einen Sprecher mit einigen Sätzen eingeleitet und erklärt wurde, und dennoch dauerte die ganze Vorstellung kaum eine halbe Stunde. Darunter befanden sich Stücke mit den Titeln „Unter dem H u t", in dem sich M. T r e w e y, ein Mitarbeiter ßumieres, in feinen darstellerischen Künsten zeigte, „Rettungsboot beim Verlassen des Hafen s", Pick - n i ck", in dem ßouis ßumieres Bruder Auguste mit Frau und Kind zu sehen war, „Kavallerie- a n g r i f f", sowie „Ankunft eines Zuges auf einer ßanbftation", der besonders Aufsehen erregt haben soll, und noch manche andere. In der Aufzählung darf der Film „Ausfahrt derFeuerwehr vonSouthWark" nicht vergessen werden, der vielleicht das erste Beispiel eines aktuellen Films ist.
Trewey hatte damals auch versucht, von einer feierlichen Veranstaltung des ßord-Mayors von ßondon einen Film zu drehen, aber der berüchtigte Nebel der englischen Hauptstadt machte ihm einen Strich durch die Rechnung, und auf der ßeinwand waren schließlich nur einige Helme und Degen zu sehen. Aber was schadete das? Der Streifen gab immerhin noch einen prächtigen Film unter dem Titel „ßondon im Nebel" her.
Die Veranstaltungen im Polytechnikum 1896 verliefen jedoch ziemlich sang- und klanglos. Keine Vertreter des öffentlichen ßebens waren anwesend, und außerhalb des Kreises von Sachverständigen hörte man kaum ein Wort über die Vorführung. In der Presse erschienen nur einige belanglose Zeilen, die von den Nachrichten über die viel wichtiger erscheinenden Fußballereignisse vollkommen erdrückt wurden.
Ei« Ulm, der fünf Tage lang läuff.
Im nächsten Monat wird in der amerikanischen Bundeshauptstadt Washington die Jahresversammlung des „Bundes zur Erhaltung des amerikanischen Wildnislebens" tagen. Der Bund hat sich vor allem die Eichaltung der Naturschönheiten im früher „wilden" Westen der Staaten zur Aufgabe gestellt. Bei dieser Zusammenkunft wird ein Film öorgeführt werden, der fünf Tage, und zwar täglich zwölf Stunden lang laufen und damit den längsten Filmstreifen darstellen wird, den die Welt gesehen hat. Der Film zeigt in buntem Wechsel alle ßebensformen der Wildnis, von der Flora über das gesamte Tierreich bis zum ßeben des Menschen, der der Wildnis fein tägliches Brot abtrotzt. Z.
Der Schauspieler Friedrich Kayßler.
XSon Or. Johannes Günther.
Friedrich Kayßler nimmt im Film eine ganz besondere Stellung ein. Denn er kommt nicht vom Film her. Er kommt von der Bühne der Poesie her, von der Bühne der Geklärtheit und des ße= bensernftes. Und jemand, der den hastigen, lauten Betrieb des Films, den Geschäftsbetrieb der Filmerei bis zum Ueberdruß erfahren hat, der dürfte sagen: Friedrich Kayßler hat mit dem Film nichts zu tun.
Selbstverständlich schied sich Kayßler auch stets von allem Flimmerbetrieb im üblen Sinne. Für das Künstlerische des Films aber hat Kayßler ein nniges Verständnis und eine rege Anteilnahme, die ihm schnell die Brücke schlägt von seinem Theater zum Film.
Im Jahre 1929 nahm Kayßler in die dritte Folge seiner „Schauspieler-Notizen" Besinnung „zur Mystik des Films" auf. Erstens sah er den tiefen Wert des Films darin, daß der vom lauten und grellen Alltag überreizte Mensch märchenhaft, traumhaft zur Stille kommen kann durch das lautlose, unmerkliche, überwirkliche Dahinziehen der Filmbilder. Und zweitens darin, daß die Darstellung der filmischen Photographie Zartheiten des bewegten menschlichen Antlitzes offenbaren kann, die von der Bühne herab, überschminkt, entfernt, verkleinert, ungünstig beleuchtet, nicht zur Wirkung kommen können.
Die erste der beiden Wertungen bezieht sich natürlich nur auf den stummen Film. Kayßler bedauert es auch zunächst, daß der Tonfilm aufkam. „Die Möglichkeiten des stummen Films find ja noch gar nicht alle ausgenützt, noch gar nicht ausgeschöpft", sagte er damals zürnend und traurig zu mir. Die Entwicklung hat ihm nicht unrecht gegeben. Schon heute, nach erst so wenigen Jahren, kommt man darauf, daß gesprochene Worte mit ihrer ganzen Jnhgltsbreite in keinem gerechten Verhältnis stehen zu dem sonstigen Tausenderlei, zu der eiligen Folge, in der ja die Geschehnisse uberrotrb lich gekürzt oder schmal gemacht sind. Man geht dazu über, nur Notwendigkeiten sagen zu lassen, alles andere aber (wie es ja auch dem ßeben entspricht) schweigend, höchstens mit Ausnützung der Geräusche, zu gestalten. Diese Entwicklung muß zu Friedrich Kayßlers Kargheit und Strenge passen. Den alten Bauern, in dem Film „Das Mädchen vom Moorho f", der kaum zu einem Wort zu bewegen war, mußte
Kayßler ja noch fast als Karikatur spielen, aber doch stand man ganz unter dem Eindruck seiner kindlich-liebenswürdigen Würde. Aber aus einer ähnlichen Vergangenheit des nordischen Menschentums werden, auch gerade im Tonfilm, noch tiefe Wirkungen Kayßlers aufsteigen.
Die zweite der beiden Wert-Möglichkeiten im Film, die Darstellung des tiefen ßebens auf einem Gesicht, ist ja noch gewachsen mit dem Uebergehen des Stummfilmes in den Tonfilm und mit der Entwicklung der Filmgestaltung in den letzten Jahren. Und Kayßler selbst vertritt praktisch seinen Grundsatz. „Die Seele ist es, die da spielt!", war und ist seiner Darstellung Kern und Stern; und dieses ßeitroort bewahrheitet sich heute im Film. Der Film lehrt uns in Gesichtern studieren!
Kayßlers hartgesetzte, männlichrauhe Stimme die sich aber doch zu lyrischen Feinheiten aufschwm- gen kann, ist im Film sehr verwendungsreich.
Und immer roieber wird Kayßler in den Film hineingezogen werden und mit entscheidenden Rollen betraut werden, weil er — rein persönliche Hoheit die menschliche Unerbittlichkeit, die männliche Güte und Aufrichtigkeit vertreten kann. Wir denken, dankbar und noch in der Erinnerung ergriffen, an die hohen soldatischen Persönlichkeiten, die er dargestellt hat, (etwa den General im „Höheren Beseh l"), und, jüngst, an seinen Gemeindevorsteher und Prädikanten im Film „Friesennot" und an den Richter in „M arzurk a".
Dsr,,S1erbendeSchwan"imAlm
Nach Aufnahmen der Tänzerin Pawlowa.
Ein ungewöhnlicher Film ist kürzlich in ßondon vor einem kleinen Kreis von Zuschauern zum ersten Mal über die ßeinwand gegangen: der Tanz der Pawlowa als „S terbenber Schwa n". Die Herstellung biejes Filmes ist bas Ergebnis einer jahrelangen Sammeltätigkeit aller Aufnahmen ber verstorbenen russischen Tänzerin, ba biefes Tanzspiel, bas wie kein anberes ihren Namen unb ihre Kunst berühmt gemacht hat, niemals als Ganzes gefilmt worben ist. Man wußte nur, baß einige ihrer Freunbe mit eigener Kamerab Aufnahmen von ber Künstlerin währenb bes Tanzes gemacht hatten, unb biefe galt es nun ausfinbig zu machen unb so zusammenzuschneiden, baß sich schließlich eine. Gesamtdarstellung der Tanzvorführungen daraus ergab.
Edward Nakhimoff hatte sich diese schwierige Aufgabe gestellt, die von ihm nach dem Bericht der
Augenzeugen jener denkwürdigen ersten Aufführung restlos gelöst worden ist. Wenn die Suche nach den Aufnahmen, die über die ganze Welt verstreut waren, schon große Schwierigkeiten bot, so war es noch mühevoller, die notwendige Vollständigkeit zu erzielen und Filmstreifen von allen Phasen des Tanzes zu finden. Ein großer Teil der zusammengetragenen Bruchstücke war über zwanzig Jahre alt, und es schien zunächst zweifelhaft, ob sich diese wertvollen Streifen mit den übrigen gen Stücken vereinen ließen. Man wollte nicht ein Fragment bes Tanzes, fonbern eine Gesamtbarstellung, unb man wollte lieber auf bie Durchführung bes Planes verzichten als ben Zuschauern einen nur mangelhaften Einbruck von ber Tanzkunst ber Pawlowa zu vermitteln.
Eine weitere Schwierigkeit bestaub in ber Zusammenstellung ber Einzelstreifen im Hinblick auf bie richtige Folge ber Tanzbewegungen. Hier haben verschiebene Tänzer unb Tänzerinnen, bie einst mit ber Pawlowa zusammengearbeitet haben, wertvolle Dienste geleistet. Ein englischer Tanzpartner ber Pawlowa, ber mit ihr viele ihrer Tanzstücke einstubiert unb auf ihren Reifen mit ihr getanzt hat, Audrey H i t ch e n s , würbe zu Rate gezogen, unb er übernahm es auch, bie einleitenben Worte zu biesem Versuch einer Verlebenbigung bes berühmtesten Tanzspieles ber Pawlowa zu sprechen. Der Film enthält auch eine kurze Szene, in ber bie Pawlowa sich mit ben Mitspielern unterhält.
Diesem Toniilmstreifen kommt ein befonberer Wert zu, weil durch ihn auch bie Stimme ber Tänzerin ber Nachwelt bewahrt würbe. Den wertvoll- ften Beitrag zu biesem ungewöhnlichen Film lieferten inbes bie amerikanischen Filmschauspieler Douglas Fairbanks unb Mary Pickforb, bei benen bie Tänzerin im Jahre 1928 zu Besuch weilte. Den Filmkünstlern gelang es, bie Pawlowa mit einer kleinen Heimkamera in vielen Phasen ihres Tanzes aufzunehmen, unb biefe Filmstreifen finb so vorzüglich gebreht, baß man banach auch Zeitlupenaufnahmen anfertigen konnte. Nun erst zeigte sich bie unvergleichliche Kunst ber Pawlowa unb bie Schönheit unb Anmut ihrer Tanzbewegungen. Die Zuschauer, bie ber Uraufführung bes Films beiwohnen bürsten, versicherten, baß biefe Bilbstreifen zu ben schönsten Szenen gehörten, bie jemals auf bie ßeinroanb gebannt worben finb.
Der Sammler ber Filmstreifen aber hatte bei feinem Unternehmen auch noch einen weiteren Erfolg. Neben einer Gesamtaufnahme bes „Sterben» ben Schwans" besitzt er vollständige Filmstreifen
von anderen Tanzszenen der Künstlerin wie der „N acht", des „Fliegenden Drachen s", des „Don Q u i ch o t e", der „Aufforderung zum Tanz" und einer Reihe anderer Schöpfungen, mit denen die Pawlowa einst auf ihren Triumphfahrten von Kontinent zu Kontinent die Zuschauer begeisterte. Man hat dem Film übrigens den Namen „Der un st erbliche Schwan" gegeben, um so zum Ausdruck zu bringen, daß diese berühmteste Tanzschöpfung der Pawlowa der Nachwelt erhalten geblieben ist. fb.
Auslandserfolge deutscher Ulme.
Es gibt kaum eine volkstümlichere Art, bie Kultur unb bas Volkstum bes eigenen ßanbes bem Auslanb beutlich zu machen als ben neuzeitlichen Film. Der Forberung des Reichsministers Dr. Goebbels entsprechens baß der deutsche Film unverkennbar deutsches Wesen wiederspiegeln müsse, ist die deutsche Filmwelt daran gegangen. Filme zu schaffen, in denen das deutsche Volkstum zum Besucher spricht. Wenn auch noch vielerlei Anstrengungen für künstlerische Höchstleistung notwendig find von feiten des Manuskriptschreibers, Bildherstellers und Darstellers, so zeigt sich doch erfreulicherweise die starke Rückwirkung nationalsozialistischer Gedankengänge auf das gesamte Filmschaffen. Bebeutsam ist nun, daß über Deutschlands Grenzen hinaus dieser nationale und volkstumgebundene Film besonderen Anklang findet. Ein bekannter englischer Filmkritiker stellte jüngst die Forderung auf, der englische Film müsse in besserer Art englisch und national fein; er weist dabei auf das nationalsozialistische Deutschland hin, das in letzter Zeit viele Beispiele volkstumgebundenen Filmschaffens geliefert habe. Auch die ßänber wie Holland, Ungarn, Schweben unb Japan zeigen Vorliebe für neuere deutsche Filme. In USA. steht unter den ausländischen Filmen im Jahre 1935 Deutschland an e r ft e r Stelle. Von 225 aus bem Ausland eingeführten Filmen entfallen 66 auf Deutschland, 43 auf England, 24 auf Frankreich, 18 auf Rußland, 11 auf Ungarn, 10 auf Spanien, 5 auf Italien und 4 auf Mexiko. Es zeigt sich, daß einsichtige Kreise des Auslandes das richtige Gefühl haben, aus einem fremden Film das Wesen und den Charakter des Ursprungslandes zu erkennen und daß somit auch der Film — wie der Sport — seine Weltbedeutung als Mittel der friedlichen Verständigung der Völker untereinander erfüllen kann.


