186. Jahrgang
Gietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Nr.lSr Erstes Blatt W. Jahrgang Mittwoch, 10. Juni 1956
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MM General-Anzeiger für Oberhessen
SrantfMtt am Main 11686 Druck und Verlag: vrühl'sche UnioerstlStrvuch- und Steindruckerei «.Lange in Siehen. Schriftleitung und Geschäftsstelle: Schulftrahe 7 M^ng-nabschlL^s'taMS
Schmuggel als Waffe der Politik.
Von unserem H. Tr.-Korrespondenten.
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.) Hsingking, Ende Mai 1936
. Der britische Geschäftsträger in Tokio hat im japanischen Auswärtigen Amt vorgesprochen, um im Namen seiner Regierung die Aufmerksamkeit der zuständigen japanischen Stellen auf die unhaltbaren Zustande an d e r mandschurisch-chinesischen Grenze und in den sechs nordchinesischen Häfen zu lenken, wo nach englischer Auffassung unter japanischer Leitung ein Schmuggel organisiert sei, der nicht nur die chinesischen Staatsfinanzen, sondern darüber hinaus lebenswichtige englische Interessen auf das stärkste in Mitleidenschaft zöge. Die zuständigen Japanischen Stellen haben selbstverständlich den englischen Protest mit „lieber» raschung und Erstaunen" zur Kenntnis genommen und An sehr deutlicher Form gegen diese „unverständlichen Verdächtigungen" Verwahrung eingelegt, obwohl sich mittlerweile auch Amerika dem englischen Protestschritt angeschlossen hat.
Behauptung steht also gegen Behauptung, so daß dem Chronisten nichts weiter übrigbleibt, als sine ira et studio d i e tatsächliche „Lage" zu untersuchen, um das auch für den deutschen Fernosthandel so außerordentlich wichtige Problem dem Verständnis des Laien näherzubringen.
Zunächst ein paar Zahlen: In den letzten fünfzehn Monaten sind nach Angaben der zuständigen chinesischen Zollbehörden, in denen Engländer und Amerikaner als „Berater" oder „Kontrolleure" tätig sind, nach Nordchina Waren im Gesamtwerte von 300 Millionen Pen oder mehr als 200 Millionen Mark eingeschmuggelt worden. Infolgedessen sind allein in den letzten drei Monaten die nordchinesischen Zolleinnahmen von 38 auf 25 Millionen Pen zurückgegangen, was einem Gesamtausfall in den letzten fünfzehn Monaten von 65 Millionen Pen — rund 35 Millionen Mark — entsprechen würde. Mit den Einnahmen aus seinen Zöllen bezahlt China aber in erster Linie die Zinsen seiner Auslandanleihen, und da der Riesenschmuggel in Nordchina ein ebensolches Riesenloch in den Schuldentilgungsfonds gerissen hat, braucht man sich nicht zu wundern, wenn d i e Hauptgläubiger Chinas — England und Amerika — nervös zu werden beginnen. Also haben sie nach „Schuldigen" gesucht und diesen Schuldigen in Person des Japaners gefunden, der angeblich den Schmuggel als politische Waffe benutzt, um nicht nur Nordchina, sondern darüber hinaus die Hintermänner Chinas, in erster Linie England und Amerika bzw. den Europa- Handel schlechthin zu treffen.
Wie steht es damit im einzelnen? Tatsache ist, daß der Schmuggel japanischer Waren nach Nordchina ein unvorstellbar großes Ausmaß angenommen hat, und um die Methoden zu verstehen, muß man kurz die derzeitige politische Lage beleuchten. Japans Versuch, die sogenannten „fünf nördlichen chinesischen Provinze n", die an die Mandschurei angrenzen, „autonom" zu erklären, ist gescheitert. Es konnte lediglich in einigen „Kreisen" eine kleine „Autonomie-Bewegung" starten, an deren Spitze ein gewisser Pin - Pu - Ken steht, der heute nichts weiter als ein japanischer Agent ist. Das kleine Gebiet dieses „Autonomen Separatisten" grenzt nun unmittelbar an die Mandschurei, so daß also Zollschranken hier nur auf d e m Papier stehen. Infolgedessen werden die billigen japanischen Waren — nach japanischer Auffassung „durchaus legal" — in dieses „autonome Gebiet", dessen „Herrscher" die herzlichsten Beziehungen zur Mandschurei unterhält, eingeführt, und zwar im wesentlichen zollfrei.
Nun hat aber die chinesische Zentralregierung diesen „Separatisten" nicht anerkannt und betrachtet dessen Gebiet noch immer als einen Teil des unteilbaren Chinas. Infolgedessen sind von Nanking auch irgendwelche „Grenzen" nicht anerkannt worden, so daß also die japanischen Waren nun ungehindert aus dem Pin-Pu-Ken-Gebiet nach Nordchina hineinströmen. Und zwar ebenfalls zollfrei. Das gleiche wiederholt sich in Den sechs nordchinesischen Häfen, in denen die Japaner de fakto die Herren und die Chinesen viel zu schwach sind, um irgend etwas gegen die Schmuggler unternehmen zu können. Begünstigt wird dieser Schmuggel — der fo offen betrieben wird, daß man ihn schon nicht mehr „Schmuggel nennen kann — allerdings durch die s e h r h o h e n chinesischen Zollsätze: bie ^n^sche Bevölkerung ist nun einmal verarmt und d.e billigen japanischen Waren finden reißend Absatz so daß die europäische Konkurrenz immer mehr in den Hintergrund g drängt wird. Ein kleines Beispiel aus dem Alltagsleben: Eine deutsche, patentierte Kaffeekanne wird in Tsingtau im Kleinhandel für 12 Yen, die gleiche — wahrscheinlich kopierte — Kanne im japanischen Mandschurei-Freihafen Darren für 3 Pen angeboten. Aehnlich .st es mit allen anderen Bedarfsartikeln.
Kein Wunder, wenn unter diesen Umstanden dre
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besonderen^ Wert darauf zu legen. Denn es war von jeher chinesische Taktik - ähnlich der Taktik des Sultan Abdul-Hamid am goldenen Horn die Großmächte gegeneinander auszuspielen, um s
Wachsende Spannung zwischen Kanton und der chinesischen Zentralregierung
Mobilmachung in zwei südchinesischen Provinzen.
und bevölkerungspolitischen Zuständen bald mit dieser, bald mit jener Maßnahme der Nankingregierung unzufrieden find. So ist auch das Vorgehen der Kantoner Generale zu erklären, die mit der Mobilmachung von 500 000 Mann Militär recht handgreiflich ihre Forderungen an die Adresse Nankings demonstrieren. Diese Forderung heißt: Krieg gegen Japan, um die chinesischen Nordprov.n- zen zurückzuerobern.
Der alte Gegensatz zwischen Nanking und Kanton ist damit erneut aufgebrochen. Die Anlässe, die zu dieser Zuspitzung führten, sind für den europäischen Beobachter einstweilen undurchsichtig. Immerhin ist die Sperre des Landurlaubs für die britischen und amerikanischen Kriegsschiffsbesatzungen in den südchinesischen Gewässern ein ernstes Zeichen der gespannten Lage. Auch die britischen Garnisontruppen in Hongkong sollen in Alarmbereitschaft stehen, um notfalls sofort bei den erwarteten Unruhen in Schanghai eingreifen zu können. Vielleicht gibt die Tatsache, oaß Kanton sich auf die englische Kolonie Hongkong stützen kann und des
halb vor dem japanischen Gegner wenigstens auf der Seeseite geschützt ist, die mögliche Richtung des bevorstehenden Konfliktes an. Jedenfalls bleibt das innerchinesische Zerwürfnis zwischen Kanton und Nanking eine dauernde Krisenursache, an der sich die weltpolitischen Reibereien der großen Rivalen am Pazifik immer wieder entzünden.
Es wird der ganzen Staatskunst des Marschalls Tschiangkaischek bedürfen, um diesen Krebsschaden am Körper Chinas zu beseitigen und damit den fremden Mächten jeden Vorwand zu Interventionen zu nehmen. Die Tragik der jungen chinesischen Republik liegt gerade darin, daß die nationale Erneuerungsbewegung, die 1926 von Kanton ihren Ausgang nahm und sich schließlich unter Führung Tschiangkaischeks eine straffe Volksregierung in Nanking schuf, heute gezwungen ist, ihre kantonesische Herkunft zu verleugnen und um der chinesischen Gesamtinteressen willen jene elastische Friedenspolitik gegenüber Japan und Sowjetrußland zu treiben, die den südchinesischen Machthabern mit der englischen Rückendeckung so sehr mißfällt.
Verfehlte Ausgleichszölle in USA.
Das amerikanische Schatzamt hat die Erhebung von sogenannten Ausgleichszöllen für deutsche Einfuhrwaren wie chirurgische Instrumente, Kameras, Tischporzellan, baumwollene und kunstseidene Erzeugnisse usw. verfügt und zwar mit der merkwürdigen Begründung, daß für die Ausfuhr dieser Waren die deutsche Regierung Prämien bezahle. Das ist vollständig abwegig, denn schon im Stadium der Vorverhandlungen, im Monat März, hat die deutsche Regierung die Vereinigten Staaten darauf aufmerksam gemacht, daß sie keinerlei Vergütung für die Ausfuhr nach den USA. zahle. Diese Begründung ist also unverständlich.
Die Amerikaner berufen sich auf das Zolltarifgesetz, und zwar auf § 303. Dieses Zolltarifgesetz Amerikas entstand in den Jahren 1921/22. Damals galt der Dollar als Fe ft Währung. Wir haben die Ausfuhrpreise in jenen Jahren auf Goldbasis kalkuliert und sind dabei geblieben, aber gerade um die amerikanische Ausfuhr zu heben, ist der Dollar abgewertet worden. Mit anderen Worten: Nicht wir, sondern die Vereinigten Staaten trafen eine Maßnahme, die auf Dumping hinauslief. Gerade durch diese Währungsmanipulation der Amerikaner wurde doch in Wirklichkeit eine Preisunterbietung großen Stils erzielt. Wenn die Amerikaner über Dumping schreien, dann sollten sie doch zunächst einmal vor ihrer eigenen Tür kehren, denn wir haben keinerlei Dumping-Maßnahmen getroffen. Im übrigen schlägt diese Maßnahme der Vereinigten Staaten gerade den eigenen Handel. Denn die Amerikaner hatten seit Jahren im Handelsverkehr mit Deutschland einen großen Ausfuhrüberschuß. Im Jahre 1935 schloß die Handelsbilanz
mit einem Saldo von 71,2 Millionen Mark zugunsten der USA. ab, das erste Vierteljahr 1936 brachte wieder ein Plus für die Amerikaner in Höhe von 17,1 Millionen Mark und nach der amerikanischen Statistik ist für April 1936 eine Mehrausfuhr der Amerikaner in Höhe von 2,1 Millionen Dollar nach Deutschland erzielt worden. Wir sind also ein besserer Kunde Amerikas als die Amerikaner, trotz der Devisenschwierigkeiten und trotz des harten Zwanges, Einfuhrwaren nur mit deutscher Ausfuhr bezahlen zu tonnen. Die Maß- nähme des amerikanischen Schatzamtes trifft also gerade die Handelsbeziehungen der Amerikaner mit uns und zudem ist es doch bei der Einführung der sogenannten Ausgleichszölle sehr fraglich, ob wir fernerhin bie Zinsen für d i e Dawes - und Pounganleihe entrichten können. Ueberdies hat sich gerade der Handel mit den USA. in den letzten Jahren günstig gestaltet, die Amerikaner haben drei Jahre lang keine Einwendungen gegen das Skrips- und Bondsverfahren erhoben, und an und für sich würde der deutsch-amerikanische Handel sich weiter günstig entwickeln, wenn nicht jetzt plötzlich diese Störung durch die Verfügung des amerikanischen Schatzamtes erfolgt wäre. Rein wirtschaftliche oder handelstechnische Gründe kommen für dieses Vorgehen nicht in Frage. Dabei haben die Amerikaner selbst ein dringendes Interesse daran, ihre Ausfuhr nach Deutschland zu heben. Deutschland ist nicht nur bis zum Jahre 1913 der beste Kunde für amerikanische Rohstoffe gewesen, sondern hat auch in der Nachkriegszeit jährlich gewaltige Summen dafür an die Amerikaner entrichtet, ohne daß die Amerikaner dafür in gleichem Maße deutsche Jndustriewaren aufnahmen.
Schanghai, 9. Juni. (Ostasiendiensi des DRV.) In den sübchinesischen Küstenprovinzen Kwangtung unb K w a n g s i ist bie allgemeine Mobilmachung aller Land-, See- unb Luftstreitkräfte befohlen worben. Die bisherigen Truppenstärken von 150 000 bzw. 100 000 sollen auf insgesamt 500 000 gebracht werben. Amtlich wirb der L i n f a l l von vier Divisionen der Kwangsi-Armee in bie nördlich von kwangsi gelegene Provinz Hunan bestätigt. Die Vorhut soll über Jungtschou bereits 155 Kilometer in die Provinz hunaneingebrungen unb bie Stabt häng- tschou schon erreicht haben.
Marschall Tschiangkaischek hat zur Vermei- bung von Zusammenstößen bieZurückziehung ber Regierungstruppen aus Sübosl- Hunan befohlen, um so lange wie möglich einen Weg zu frieblicher Regelung frei zu lassen. Er hat auherbem ben Sübwestführer Tschentschitang bringenb aufgeforbert, alle militärischen Vorbereitungen sofort einzustellen. Der Präsibent bes gesetzgebenden Reichsamles Sun F o hat ebenfalls ben Sübwestführer aufgeforbert, ber beoor- ftefjenben Plenarsitzung bes über bie auswärtige Politik entscheibenben Zentratoollzugsausschusses nicht burch staatsgefährtiche Linzetaktionen vorzugreifen.
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dbina hat mit einem Einheitsstaat nach europäischen Begriffen nicht die entfernteste Ähnlichkeit. Das Riesenreich der Mitte mit seinen 400 Millionen Einwohnern ist vielmehr zerspalten in verschiedene staatliche Gebilde, die von den gegensätzlichsten Einflüssen und Regierungsgewalten beherrscht werden Da ist einmal die Mandschurei, die seit der japanischen Eroberung ein selbständiges Kaiserreich geworden ist. Da sind die fünf nordchinesischen Provinzen Hopeh, Tschahar, Schantung, Schansi und Suiju, von denen die beiden ersten ganz unter japanischen Einfluß geraten sind, während die drei anderen bereits auf jede militärische und parteimäßige Verbindung mit der chinesischen Zentralgewalt verzichten mußten. Da sind die mongolischen P r o v i n,z e n , die den Befehlen der Sowjetregierung gehorchen und mit ihr durch einen Militärpakt verbunden sind. Da ist das eigentliche Rumpfchina mit der Nankinger Zentralregierung, an deren Spitze Marschall Tschiangkaischek steht, und da ist schließlich noch die Regierung von Kanton, die mit ihren Provinzen Kwantung und Kwangsi zwar formell der Oberhoheit von Nanking unterstellt ist, tatsächlich aber weitgehende autonome Freiheit genießt. Es kommt also zu den Gefahren, die China von außen her durch die Ausdehnunastendenzen fremder Staaten bedrohen, noch die innere Zerrissenheit, das Sonderleben der verschiedenen Provinzialregierungen, die je nach ihrer geographischen Lage, ihren wirtschaftlichen Interessen
im Trüben fischen zu können. Nach allem, was man hört, ist der japanische Schmuggel der Nanking-Regierung nicht einmal besonders unangenehm, denn ihr bieten sich jetzt folgende „Operationsmöglichkeiten": Den Ausfall an Zöllen kann die Nanking-Regierung verschmerzen, weil diese Zolle ja doch zumeist für den 3 i n f e n b i e n ft Verwendung finden. Dieser Zinsendienst ist jetzt gefährdet und die Leidtragenden sind England und Amerika. Beide haben also auch prompt Protest in Tokio erhoben, Tokio wäscht aber seine Hände in Unschuld; das Ergebnis ist eine weitere Verschärfung des englisch-japanischen, von jeher aus Handelsfragen sich herleitenden Gegensatzes und Nanking kann dies als weitere Entlastung seines gegen Japan gerichteten Kampfes nur begrüßen
Aber England und Amerika werden selbstverständlich nun auch dem Marschall Tschang- Kai-Schek nahelegen, irgend etwas zur Eindämmung des Schmuggels im Norden zu tun, eine Bitte, die der Marschall bereits durch Entsendung von drei Infanterie-Brigaden, die als Zollwächter auftreten sollen, entsprochen hat. Soll heißen: der Marschall benutzt jetzt den japanischen Schmuggel genau so geschickt für seine Zwecke wie er bisher die roten chinesischen Truppen für seine größeren politischen Ziele auszunutzen verstanden hat. Denn was will Marschall Tschang-Kai-Schek? Er will die Einigung Chinas und die Zurückdrängung des japanischen Einflusses im Norden. Zu diesem Zweck muß er unauffällig immer mehr Trupp en a u s ö e m Süden nach dem Norden verschieben, ohne daß die Japaner dies als „Bedrohung" auffassen oder erkennen. Die Kommunisten waren em solcher Vorwand: Die chinesischen Provinzialtruppen ließen sich befehlsgemäß von den Roten schlagen oder zurückdrängen oder manövrierten die Roten sogar planmäßig allgemein in Richtung Nordprovinzen ... schlugen die Japaner ob der „drohenden kommunistischen Gefahr" Lärm und drohten, den Kampf gegen diese Roten zu eröffnen, entsandte der Marschall die guten Südtruppen nach dort, vertrieb die Roten und richtete sich in dem so befreiten Gebiet
häuslich ein. Auf diese Weise drang er immer mehr nach Norden vor, und je näher die Regierungstruppen kommen und je stärker Nanking seinen Einfluß im Norden geltend macht, desto „wackliger" werden jene Gouverneure, die bis vor kurzem noch bereit waren, mit den Japanern zusammenzugehen und die Autonomie der Nordprovinzen zu verwirklichen.
Also ein außerordentlich geschicktes Spiel, in welchem der Marschall die Japaner mit ihren eigenen Waffen zu schlagen versucht. In der Frage der Kommunistenbekämpfung ist seine Taktik mehr als erfolgreich gewesen; immer mehr chinesische Südtruppen werden im Norden konzentriert, ohne daß die Japaner, die ja immer eine Bekämpfung der „Kommunisten" gefordert haben, etwas dagegen einwenden können — wenn Nanking jetzt gleich drei weitere Brigaden zur Bekämpfung des Schmuggels nach dem Norden dirigiert, dann bedeutet das nicht nur eine weitere Stärkung der militärischen Stellung Nankings im Norden (auf die es dem Marschall in erster Linie ankommt), sondern darüber hinaus ein Vorgehen, das den vollsten Beifall Englands, Amerikas und des gesamten „legalen Europa-Handels" finden wird. Und das bedeutet für den Marschall eine sehr erhebliche Rückstärkung und nicht gerade eine Verbesserung der japanischen Position. Vielleicht hat aus diesem Grunde das japanische Kriegsministerium — wie aus einer amtlichen Verlautbarung hervorgeht — zum gleichen Zeitpunkt eine Vermehrung der japanischen Nordchinatruppen beschlossen, die von Kennern der Verhältnisse auf 15 000 Mann geschätzt wird und die japanischerseits mit der „veränderten Lage in Nvrdchina" begründet wird, die durch einen Schmuggel geschaffen wurde, der neue Gegner in die Reihen ber anti-japanischen Front geführt hat ...
Das Interesse Englands.
London, 9. Juni. (DNB.) Die Lage in China wurde am Dienstag im Unterhaus zur Sprache gebracht. Der Unterstaatssekretär im Außenministerium, Lord Cranborne, gab zu, daß eine
Spannung zwischen den südwestlichen Provinzen Chinas und der Zentralregierung eingetreten sei, erklärte jedoch, daß kein Anlaß zur Bestürzung vorhanden sei. lieber die Frage des Schmuggels nach Nordchina feien Besprechungen zwischen England, Japan und China geführt worden. Er sei unterrichtet, daß die japanischen Garnisonen in Nordchina zur Zeit verstärkt werden.
Der Oppositionsabgevrdnete Grenfell fragte, ob die japanische Regierung eine Versicherung abgegeben fjabe, daß bie Truppenverstärkungen in Norb- china nur für bie Verteidigung der gegenwärtigen japanischen Stellungen verwendet werden. Lord Granborne erwiderte, durch das internationale Protokoll vom Jahre 1901 hätten Japan unb bie anberen Unterzeichnerstaaten bas Recht erworben, Garnisonen in Norbchina aufzustellen, unb biefes Protokoll setze bem Umfang ber Garnisonen keine Grenzen.
Japan warnt.
Shanghai, 9. Juni. (Dftafienbienft bes DNB.) Der japanische Generalkonsul in Kanton, Kawai, hatte eine Unterrebung mit bem Sübwestführer Tschentschitang. Er versicherte, baß bie japanische Regierung ftrengfte Neutralität ein- halten werbe unb warnte vor unüberlegten Schritten gegen Japan. Jrgenbwelche unglücklichen Zwischenfälle könnten ernste Rückwirkungen haben. In chinesischen Kreisen Hongkongs hegt man Zweifel an ber von Japan behaupteten antijapa- nifchen Stimmung in ben Sübwestprovinzen. Es wirb barauf hingewiesen, baß in ber Provinz Kwangsi noch heute zahlreiche Japaner als Berater tätig seien unb baß bort noch immer umfangreiche Warengeschäfte mit Japan burchgeführt würben.


