theater: 20 bis 23 Uhr „Der Apotheker" und „Susannes Geheimnis". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Arzt aus Leidenschaft". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Im Trommelfeuer der Westfront". — 15 Uhr auf dem Universitäts-Sportplatz: Vorschlußrundenspiel um die deutsche Hochschulmeisterschaft im Handball Universität Gießen gegen Universität Halle. — Oberhessischer Kunstverein (Turmhaus am Brandplatz): 17 bis 18 Uhr Ausstellung von Werken von Fritz Heidingsfeld (Danzig) und P. A. Böck- stiegel (Dresden).
Sladtthealer Gießen.
Heute von 20 bis 23 Uhr Erstaufführung der Oper „Der Apotheker" von Joseph Haydn. Musikalische Leitung: Paul Walter. Spielleitung: Paul Wrede. Mitwirkende: Damen: Fornallaz, Hagemann: Herren: Greif, Hille. — Hierauf „Susannes Geheimnis", Oper in 1 Akt von Ermano Wolf-Ferrari. Musikalische Leitung: Paul Walter. Spielleitung Paul Wrede. Mitwirkende: Damen: Wacker; Herren: Bley, Lindt. 29. Vorstellung im Freitag-Abonnement.
Abschieds-Sonntag im Stadttheater.
Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Da das städtische Orchester ab 15. Mai wieder seinen Verpflichtungen als Kurorchester in Bad Homburg nachkommen muß und von diesem Tage an nicht mehr bei uns weilt, hat die Intendanz als fünfte und letzte Morgenveranstaltung dieser Spielzeit ein Abschiedskonzert des Orchesters angesetzt, um allen seinen Freunden und Gönnern ein Lebewohl zu sagen und auf frohes Wiedersehen zu hoffen. Der Programmteil steht unter der Leitung des 1. Kapellmeisters Paul Walter und bringt ausgesuchte Sachen aus den Meisterwerken von Johann Strauß. Als Solisten wirken bei diesem
Konzert mit die Damen Fornallaz, Perry, sowie Herr Weiser. Die Veranstaltung dauert von 11.30 bis 12.30 Uhr. — Um 19 Uhr findet dann die letzte Operettenoorstellung dieser Spielzeit statt, und zwar kommt die Operette „Schwarze Husaren" von W. W. Poetze (nach einem Lustspiel von Leo Lenz) zur Aufführung. Musikalische Leitung hat Kapellmeister Ernst Bräuer; die Spielleitung hat Intendant Schultze-Griesheim. Ende der Vorstellung 21.30 Uhr.
Generalversammlung des Gleibergvereins.
Am morgigen Samstag, 9. Mai, 16 Uhr, hält der Gleibergoerein seine Generalversammlung auf der Burg Gleiberg ab. U. a. soll über das Gleiberg- fest 1936 und über die 100-Jahrfeier im nächsten Jahre beraten werden. (Siehe Anzeige vom vorigen Samstag.)
Verunreinigung des Lahnwaffers ist strafbar.
Die Polizeidirektion hat schon mehrfach darauf hingewiesen, daß vorsätzliche und fahrlässige Verunreinigung des Lahnwassers strafbar ist. Das Werfen von Unkraut, Kadavern und Gegenständen, sowie das Gießen von verunreinigenden Flüssigkeiten aller Art in die Lahn stellt also'eine strafbare Verunreinigung des Flußwassers dar. Die Beamten haben in der Folge auf die Verunreinigung des Lahnwassers ein besonderes Augenmerk zu richten und vorkommendenfalls unnachsichtlich Anzeige nach § 366'° RStGB., Artikel 33 des Feldstrafgesetzes, Artikel 120 des Polizeistrafgesetzbuches, zu erstatten.
Nr. 107 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Zirkusschau in Gießener Straßen.
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Aus der Provinzialhauptstadt.
Vier Frauen und ein Vogel.
Auf einer Dorfstraße im Oberhessischen hüpfte eine Dohle umher und stocherte mit spitzem Schnabel in den Pflasterritzen. Dohlen sind an sich keine Seltenheit, und so hätten denn auch die vier Frauen, die in einem Auto die Dorfstraße entlang-1 kamen, nicht weiter Notiz von dem Vogel genommen, wenn er sich normal benommen hätte. Das । heißt, die Lenkerin erwartete, als sie bis ungefähr zwanzig Meter an die Dohle herangesteuert war, daß das schwarze Tier auffliegen und die Straße freigeben würde. Es geschah indes nichts dergleichen. Die Dohle blieb sitzen und stocherte weiter. |
Die Frau am Steuer machte ihre Begleiterinnen auf jene zoologische Merkwürdigkeit auf der Dorfstraße aufmerksam, während sie langsam der Dohle auf den Leib rückte. Nach wie vor blieb das Tier mitten auf der Fahrbahn, und erst als das Auto dicht vor ihm bremste, hüpfte es gelangweilt ein bißchen zur Seite. Nun rief die eine der Frauen „Schfchsch ..und die andere warf ein Stückchen Apelfinenschale dem seltsamen Vogel vor die Füße. Das „Schfchsch ..." ignorierte die Dohle völlig und die Schale betrachtete sie nur nachdenklich mit schief gehaltenem Kopf. Wegfliegen tat sie nicht. Die vier Frauen waren sich darüber einig, daß dies nur eine zahme Dohle sein könne und öffneten den Wagenschlag.
Frauen sind mitleidig und hilfsbereit. Auch die vier Autoinsassinnen waren auf der Stelle entschlossen, der zahmen Dohle etwas Gutes anzutun. In der Annahme, daß der Vogel gewiß sehr hungrig sei, zogen sie ihre Frühstücksbrote heraus, um sie zu verfüttern. Die Dohle war gar nicht hungrig, aber hübsch belegte Brote hatte sie nicht alle Tage. Deshalb nahm sie dankbar die ihr zugeworfenen Bröckchen auf.
Nun sind die Frauen aber nicht nur weichherzig, sondern auch von Natur aus leicht neugierig. Die vier wollten sich also das bemerkenswerte Geflügel hier genauer ansehen und lockten es zu sich heran. Mit sanften Rusen forderten sie die Dohle auf, in den Wagen zu Hüpfen. Die Dohle jedoch wurde in diesem Augenblick mißtrauisch. Vielleicht hatte sie irgendwann einmal von ruchlosen Entführungen gehört. Jedenfalls lieh sie den sanften Rufen keinerlei Ohr.
Sie hatte jedoch nicht mit der weiblichen Schlauheit gerechnet, die nunmehr leckere Brötchen in immer kürzeren Bögen auszuwerfen begann. Die Dohle schluckte und schluckte, und unversehens befand sie sich auf dem Trittbrett. Mit einem letzten Leckerbissen wurde sie dann auch noch in das Innere des Wagens gelotst.
Die Frauen hatten also ihren Willen durchgesetzt und konnten das Tier genau betrachten, das jetzt aus nächster Nähe gesehen bedeutend größer erschien als draußen auf der Dorfstraße. Und als der Vogel, durch die ungewohnte Umgebung nervös gemacht, schreiend umherzuflattern begann, bekamen die vier Frauen nachträglich Angst vor der eigenen Courage. Sie zogen die Beine an und riefen dem Vogel zu, er solle schleunigst das Auto wieder verlassen. Doch die Dohle hüpfte nur noch aufgeregter umher, und ein aus spitzen Frauen- und Vogelschreien gemischter Lärm erfüllte das sonst so friedliche Wageninnere.
Die vier Frauen, anderweits sehr selbständige Persönlichkeiten, wünschten in diesem Augenblick alle heimlich ein männliches Wesen herbei, das diesem schrecklichen Vogel ruhig die Stirn bieten könne. Mit ängstlichen Gebärden versuchten sie derweil, die Dohle aus dem Auto zu schubsen. Die Verwirrung steigerte sich dadurch noch beträchtlich, und die Frauen sahen sich in der unangenehmen Lage des Zauberlehrlings von Goethe — die Geister, die sie gerufen, wurden sie nun nicht wieder los.
Doch schließlich erblickte der verstörte Vogel zwischen Beinen und Hebeln die Straße und stürzte sich in diese Richtung. Während sie sich schwor. Automobile in Zukunft streng zu meiden, stolperte die Dohle das Trittbrett herunter. Sie ließ vier erschöpft zurücksinkende Frauen zurück... M.
Dornotizen.
Tageskalender für Freitag.
NSG. „Kraft durch Freude": 20.30 bis 21.30 Uhr und 21.30 bis 22.15 Uhr Schwimmen im Volksbad; 20 bis 21 Uhr Reiten, Reitschule Schömbs. — Stadt-
Der Zirkus Althoff, der für drei Tage in unserer Stadt ein Gastspiel gab und inzwischen Oswalds- garten wieder geräumt hat, schuf gestern um die Mittagsstunde in den Straßen unserer Stadt ein nicht alltägliches Bild. In einem schönen Umzug führte der Zirkus eine Fülle schöner Tiere durch die Straßen. Man sah prächtige Pferde, sah Menschen aus anderen Zonen auf Kamelen reiten, drei schöne
große Elefanten zogen gemächlichen Schrittes mit und die beiden kleinen Elefanten erregten berechtigtes Aufsehen. Lama und Zebra, winzige Ponys und noch manches andere fesselten für kurze Zeit die Aufmerksamkeit aller Spaziergänger. Der Helle Sonnenschein machte alles doppelt farbenfreudig. (Aufnahmen [4]: Neuner, Gießener Anzeiger.)
Freitag, 8.Mai 1936
Oienstjubiläum in der Reichsjustizverwaltung. Glückwunsch des Führers.
Der Pressedezernent beim Amtsgericht Gieße» teilt uns mit:
Der Justizinspektor bei dem Arbeitsgericht Gieße» Anton Roth blickt am 11. Mai 1936 auf ein» 45jährige Dienstzeit zurück. Aus diesem Anlaß hat ihm der Führer und Reichskanzler seine besten Wünsche ausgesprochen und damit seinen Dank und seine Anerkennung für die dem Reich geleisteten treuen Dienste verbunden. Inspektor Roth gehört seit dem genannten Tage dem Amtsgericht Gießen, und zwar seit dem Jahre 1928 als Geschäftsleitender Justizinspektor des Arbeitsgerichts an. Er stand während des Krieges bis Kriegsende im Militär- dienst, darunter l3/< Jahre lang im Felde. Auch auf dem Gebiete der Kurzschrift hat sich Inspektor Roth besondere Verdienste um die Allgemeinheit erworben. Aus parteiamtlichenBekanntmachungen
Der NS. Lehrerbund des Kreises Gießen weist darauf hin, daß sich Teilnehmer an der Reichstagung in Bayreuth noch bis zum 15. Mai auf der Geschäftsstelle des Kreises, Plockstraße 9, melden können. Spätere Meldungen können nicht mehr berücksichtigt werden.
Jungvolk im Zungbann 116.
Fähnlein 3 „Theoderi ch": Samstag, 9. Mai, um 8.30 Uhr, am Ludwigsplatz.
Fähnlein 4 „T e j a": Samstag, 9. Mai, Jungzug I: 8 Uhr Schwarzlach; Jungzug II: 8.30 Uhr Gericht; Jungzug III: 8 Uhr Gericht.
Fähnlein 5 „W i d u k i n d": Samstag, 9. Mai, Antreten um 8 Uhr am Oswaldsgarten; Dienstende gegen 16 Uhr
Fähnlein 8 „Bo elcke": Samstag, 9. Mai, 8 Uhr, bei Braun in Wieseck.
Fähnlein 10 „Graf Spee": Samstag, 9. Mai, 8.30 Uhr, in Großen-Buseck.
Fähnlein 20 „Heinrich von Plauen": Samstag, 9. Mai, 7.30 Uhr, in Reiskirchen.
Oie Bekämpfung des Kartoffelkäfers.
Das Kreisamt Gießen bringt eine im August 1925 bereits erlassene Polizeioerordnung zur Bekämpfung des Kartoffelkäfers erneut in Erinnerung, und es weist darauf hin, daß die Beaufsichtigung der Felder und Gärten zum Zwecke der Bekämpfung des Kartoffelkäfers, sowie die Durchführung der übrigen Bekämpfungsmaßnahmen dem Reichsnährstand übertragen wurde und daß den Anordnungen der mit der Aufsicht betrauten Personen Folge zu leisten ist.
Nach der vorgenannten Polizeiverordnung unterliegen die landwirtschaftlich genutzten Felder und Gärten des Kreises Gießen der Beaufsichtigung zum Zwecke einer rasch durchgreifenden Bekämpfung des Kartoffelkäfers. Den mit der Aufsicht betrauten Personen, sowie erforderlichenfalls deren Helfern, die sich durch eine Bescheinigung ausweisen, ist jederzeit das Betreten der Grundstücke zwecks Untersuchung und Vornahme der zur Bekämpfung erforderlichen Maßnahmen zu gestatten. Den zur Schädlingsbekämpfung getroffenen Anordnungen ist unbedingt Folge zu leisten. Zuwiderhandlungen gegen die gesetzlichen Bestimmungen sind unter Strafe gestellt.
Verbot des Leseholzsammelns in der Sehzeit des Wildes.
Das Kreisamt Gießen hat mit Zustimmung der maßgebenden Stellen für den Kreis Gießen folgende Anordnung getroffen:
Die Leseholznutzung in allen Waldungen darf in den Monaten Mai und Juni nicht ausgeübt werden. Zuwiderhandlungen gegen dieses Verbot werden mit Geldstrafe bis zu 150 Mark oder mit Haft bestraft. Diese Polizeiverordnung ist mit sofortiger Wirkung in Kraft getreten.
SchleussnerEst? mit Garantieschein
10. Fortsetzung.
Nachdruck verboten!
Jetzt aber sollte man so eine Art Bauer werden. Trotzdem: er hatte sofort Ja gesagt, um Benediktes willen. Außerdem war die Aussicht auf die Gelderbschaft Onkel Huberts nach Ablauf der fünf Jahre auch nicht zu verachten. Mit dieser Summe ließ sich schon allerhand anfangen. Und vor allem: im täglichen Beisammensein mußte ja Benediktes Herz endlich auch einmal wach werden.
Das alles hatte ihm seinen Entschluß leicht gemacht. Aber jetzt überkam es ihn wie ein Ahnen, als wäre das alles doch nicht so einfach.
Nervös schritt er auf und ab, ging die Treppe hinunter und stellte sich ein Weilchen neben den Steuermann.
„Gleich sind wir da", sagte der, „sehen Sie, dort kommt die Ecke, von da aus können Sie schon die ganze Insel übersehen."
„Benedikte", rief Hans-Hermann nach oben. Die Gerufene erschien mit fragendem Gesicht:
„Gleich da, Benedikte! Die Eröffnung des Paradieses mit anschließender Inspektion beginnt. Hast du Herzklopfen?" ,
Im Abendsonnenschein lag die Insel da. Ihre Wiesen, im ersten zagen Frühlingsgrün, schimmerten wie sanfter Smaragd. Der Himmel war kristallklar. Aus den geduckten Fischerkaten mit ihrem verwitterten Strohdach stieg geruhiger Rauch in die Luft. Möoen schwangen sich in großen Flugbogen über das Schiff hinweg. , . e
Benedikte stand andächtig, ihre Augen tranken jede Linie der Insel. Das also sollte ihre Heimat werden! Flach, wie vom Meere herangespult, hob sich das Land aus dem Wasser, um sich nach Norden hin zu hohen Dünen und bewaldeten Hangen zu erheben. Jenseits lag das Meer gewaltig, unübersehbar. p _ ... ..
Immer mehr Häuser tauchten auf. Zwischen die Moosdächer mischten sich die roten Dächer der kleinen Sommerhäuschen, ein Kirchlein streckte seinen Turm fröhlich in die Abendlust. Nun unterschied
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Vornan von Markise Kölling.
Urheberrechtsschutz: Verlag Oskar Meister, Werdau.
man schon die Menschen am Ufer, die braunen Netze, für den Frühjahrsfang zum Nachsehen und Nachflicken ausgespannt, dort einige hellhaarige Kinder mit Wollschal und Mütze und hier ein paar Fischer mit ihren Pfeifen ruhig am Ufer stehend.
Der Dampfer machte eine knappe Wendung, und da winkte schon der Landungssteg. Ein grelles Tuten, ein lautes „Mit halber Kraft voraus!" durch das Sprachrohr herunter zum Maschinenraum, — langsam glitt das Schiff in die Bucht der Insel.
Benedikte spähte hinaus.
Inmitten der hellhaarigen Menschen mit den scharfen blauen Seeaugen erblickte sie eine groteske Gestalt, einen dunklen Wollkopf unter einer Schiffermütze, ein grinsendes dunkles Gesicht.
„Du, das ist Josua", flüsterte sie dem Vetter zu. „Sieh mal, und die neben ihm, die kleine verhutzelte Frau mit dem gutmütigen Gesicht, sicher ist das Fräulein Giesecke. Du, ich glaube, die halbe Insel ist zu unserm Willkommen erschienen!"
Und so war es auch. Benedikte hatte es richtig erkannt.
Die Nachricht von der Ankunft der neuen Besitzer des kleinen Gütchens „Endlich allein" hatte sich wie ein Lauffeuer über die ganze Insel verbreitet. Man war vom Herbst bis zum Frühling mit Neuigkeiten nicht verwöhnt. Die Insel lag in dieser ganzen Zeit wie in einer Art Winterschlaf. Außerdem war das Haus „Endlich allein" für die Dörfler feit jeder ein Gegenstand des Interesses und der Neugierde gewesen. Schon die Tatsache, daß der alte Hubert Zedlitz mit einem Schwarzen hier angereist gekommen war, mußte weiß Gott ungewöhnlich erscheinen. Und obwohl Josua zu den meisten der Einwohner ein sehr nettes Verhältnis gefunden hatte und sich besonders bei den Kindern großer Beliebtheit erfreute, war er allen doch immer wie ein Beweis der Sonderbarkeit dieser Welt.
„Uns' Smarter" nannten ihn alle hier in ihrem behaglichen Platt.
Freilich, es gab ein paar Söhne von Fischerfamilien, die auf Handelsschiffen fuhren oder bei der Marine gedient hatten. Denen war Josua durchaus nichts Ungewöhnliches. Aber das nahm man ihnen beinahe übel. Als Hein Klüter einmal im Wirtshaus „Zur Ostsee" gelegentlich erklärte: „Ich weiß gar nicht, was ihr mit Josua für ein Wesen macht, in Afrika wachsen die Schwarzen wie Brom
beeren — an jedem Strauch tausend!", wurde er ärgerlich zurechtgewiesen. Das wußten sie schließlich alle, daß Afrika von Schwarzen bevölkert war. Ätzer das Merkwürdige war doch eben, ein Schwarzer hier unter ihnen. Diese Besonderheit wollten sie sich durch keinerlei Spott verringern lassen. Und so mußte man jetzt auch sehen, wie „uns' Swarter" die neue Herrschaft bewillkommnete. —
Benedikte und Hans-Hermann wollten an Land.
Aber das war nicht so einfach. Denn aus dem Vorderdeck wurden ein paar Zuchtschafe ausgeladen. Blökend und steifbeinig standen die Tiere da, allen Menschen im Wege, und waren durchaus nicht zu bewegen, das Laufbrett zu betreten. Endlich gelang es, sie unter Hallo, Lachen und Drohungen vorwärts zu treiben. Und nun konnte man an Land.
Josua stand aufgeregt, von einem Bein auf das andere tretend, da. Er hatte sich offenbar eine wunderschöne Begrüßungsrede einftubiert.
Fräulein Giesecke hatte vor Aufregung rote Flecke auf ihrem guten Altfrauengesicht. Aber Benedikte ließ es weder zur Begrüßungsrede, noch zur Verlegenheit kommen.
„Sind Sie Fräulein Giesecke", fragte sie und streckte der alten Dame herzlich die Hand entgegen, „ich bin Benedikte Zedlitz. Vielen Dank, daß Sie uns abgeholt haben. Und das ist sicherlich Josua. Guten Tag, Josua! Wie geht es Ihnen? Das ist mein Vetter Hans-Hermann."
Josua war völlig verwirrt. Daß ein Mensch „Sie" zu ihm sagte, war ihm in seinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen. Mit dem Instinkt des Naturmenschen, der ihm niemals abhanden gekommen war, solange er nun auch schon in Europa lebte, fühlte er: Mit der jungen Herrin konnte man fein auskommen. Sie schien ein guter Mensch zu sein, gerecht und freundlich. Die war so, wie auch Hubert Zedlitz eigentlich innerlich gewesen war, obgleich er sich manchmal nach außen hin sehr böse und streng geben konnte.
„Du haben Gepäck, Frollein Zedlitz?" fragte er. „Josua werden alles besorgen, auch Gepäck von Master Zedlitz."
Hans-Hermann stand etwas unglücklich dabei. Diese Begrüßung von Josua vor der versammelten Dorfbevölkerung war ihm doch recht unbehaglich. Wie die Leute ihn und Benedikte alle anstarrten, als wären sie Wundertiere! *
Aber, Gott sei Dank, nun war es vorbei! Josua war hinten im Schiff bei dem Ausladen des Gepäcks beschäftigt. Fräulein Giesecke führte ihn und Benedikte zu einem kleinen Jagdwagen, dem ein etwas dürres Pferd vorgespannt war:
„Das ist unser Wagen", sagte sie. „Wollen Sie bitte einfteigen?"
Hans-Hermann blickte mit einer gewissen Mißbilligung auf dies Gefährt. Aeltestes Modell! Na, und das Pferd sah auch aus wie eine Kreuzung zwischen Maulesel und Besen. Wenn er an den schnittigen Jagdwagen dachte, mit dem er auf dem Gute seines Freundes Kersfow abgeholt worden war--Aber solche Vergleiche durfte man nicht
ziehen. Dann wurde einem ziemlich jämmerlich zumute.
Benedikte hingegen schien begeistert.
„Wie heißt du denn?" klopfte sie das Pferd auf den Rücken.
„Ebenezer", erklärte Josua stolz, der jetzt mit dem ersten Koffer herangekeucht kam.
„Mein Gott, was für ein Name", warf Hans- Hermann spöttisch ein.
Da wurden Josuas Augen groß und ernst:
„Du sein nicht zufrieden mit diese Namen, Herr? Master Zedlitz ihn hat gegeben. Ebenezer war Freund von Master Zedlitz in große Krieg gegen Engländer unten in Afrika. Ebenezer haben mit Josua zusammen Master Zedlitz herausgetragen aus große Schlacht, wie er war soo krank."
Josua verdrehte seine Augen gräßlich und stöhnte, als müßte er die ganze Schlachtszene mimisch vorspielen.
„Sie müssen nicht über ihn lachen", flüsterte Fräulein Giesecke Hans-Hermann zu, „er verdient das wirklich nicht. Er ist ein unendlich treuer Bursche. Es verhält sich tatsächlich so, wie er erzählt bat. Herr Zedlitz ist doch damals unten gewesen, als der große Krieg ausbrach und die vorgeschobenen beut- scheu Stationen sich nur mit Mühe gegen die Uebermacht der Feinde halten konnten. Herr Zedlitz war damals gerade zu Besuch auf einem dieser vorgeschobenen Forts und hat mit der Besatzung zusammen gegen die Engländer gekämpft. Er hak sein Leben Josua zu verdanken, jener Ebenezer ist damals an den Folgen der Verwundung in englischer Kriegsgefangenschaft gestorben."
(Fortsetzung folgt!)


